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Wir haben alle etwas zu erzählen: Greta wird zur Currywurst-Wettkampfesserin ausgebildet, Toms großes Herz hält das ganze Viertel zusammen, die Schüler proben den Schokoriegel-Aufstand, in Papas Feldflasche lebt ein magisches Wesen, das beste Brot in Tübingen hat ein Geheimnis und die Zeit ist reif für die Rückkehr der alten Krautrocker. Jedes Leben ist tragisch und komisch und lebenswert. Audible-Bestseller-Autor Oliver Wunderlich hat 22 seiner Lieblingsgeschichten, vom alltäglichen Abenteuer Mensch zu sein, in ein Buch gepackt. "Wir, die Anderen" ist gut gelaunt, berührend, manchmal zum Weinen und manchmal zum Lachen, aber immer voller Herzenswärme. Es ist perfekt geeignet, wenn die Lesezeit nicht für eine lange Geschichte reicht oder man ohne große Worte einem Anderen seine Verbundenheit schenken möchte. Kurze Geschichten, großes Gefühlskino im Kopf.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2022
CuRRRywurstolympiade
Kirschbonbonsammlung
Klopp, Klopp und Klopp
Chef der Cowboys
Die Feldflasche
Cha Cha Cha
Der Snickers-Krieg
Vier Jahreszeiten
Holbox
Der Heilige der Parksünder
Krüppelschnecke
Der Krieg der Buchstaben
Regentropfenerleuchtung
Der Saurierpulli
Bäckergeheimnis
Der Fluch von Bohlsen
Die Musikersekte
Lesbenmusik
Im Dunklen pfeifen
Die Königin der wilden Kerle
Das Schatzhaus
Ghostwriter
Wie ein Nachwort
Wir, die Anderen
22 Menschen und ihre Geschichten
Von Oliver Wunderlich
Buchbeschreibung:
Hilft es, im Dunkeln zu pfeifen? Macht Punkmusik lesbisch? Warum hat mich Mama auf dem Sterbebett gebissen? Wie täuscht man Ferien in der Karibik vor? Audible-Bestseller-Autor Oliver Wunderlich hat seine besten Geschichten gesammelt und erzählt vom bewegenden Abenteuer ein Mensch zu sein.
„Wir, die Anderen“ ist als Buch, Taschenbuch, im Großdruck, als Hörbuch und eBook erhältlich.
Über den Autor:
Oliver Wunderlich, Jahrgang 1964, ist in München geboren und aufgewachsen. Seit mehr als zehn Jahren spricht er seine Texte in ein Mikrofon. Seine Podcasts sind regelmäßig Bestseller auf Audible und alleine für „Anders und Wunderlich“ hat er schon über 600 Kurzgeschichten geschrieben. In „Wir, die Anderen“ erscheinen 22 seiner Lieblingsgeschichten als Buch, Hörbuch und eBook.
© 2022 Oliver Wunderlich
Verlagslabel: Anders & Wunderlich
ISBN Softcover: 978-3-347-70827-3
ISBN Hardcover: 978-3-347-70828-0
ISBN E-Book: 978-3-347-70829-7
ISBN Großschrift: 978-3-347-70830-3
ISBN Hörbuch: 978-3-98762-363-9
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
CuRRRywurstolympiade
Alles, was uns von einem Leben in Luxus trennte, war eine gute Idee. Meinte Vater. Bis dahin arbeitete er in einer Druckerei. Vorübergehend, bis unvermeidlich der Reichtum über uns hereinbrechen würde. Nur bis zur guten Idee.
In Aydin, einem jungen Mann aus Anatolien, hatte er einen Gleichgesinnten gefunden. Beide arbeiteten in der Nachtschicht. Die Bezahlung war besser und es gab-an vier von fünf Nächten, wenn das Magazin gerade nicht erschien, wenig zu tun. In ihren zahllosen Rauchpausen tauschten sie Ideen aus.
„Man müsste nur …“
„Hat eigentlich schon …“
„In Everswinkel gibt es keine Currywurstbude. Man müsste nur so einen Wagen kaufen, mit Ofen und Fritteuse und Kühlschrank, dann könnte man einen Riesenreibach machen“, meinte mein Vater eines Nachts.
„Currywurst schmeckt langweilig.“ Aydin war nicht besonders beeindruckt. „Scharf“, erklärte er, das gäbe es nur in der Türkei. Da gäbe es dieses Gewürz, „Pul Biber“ hieße das, das sei richtig und wahrhaftig scharf.
„Nein, keine Ahnung“, sagte er. „Kann man nicht übersetzen.“
Da war sie, die lange gesuchte Geschäftsidee!
Am Wochenende präsentierten sie ihr Konzept meiner Mutter. Doch die hatte nicht genug Fantasie, um an den plötzlichen Wohlstand zu glauben, meinte Vater. Vielleicht waren de Vokabeln „kündigen“ und „Erspartes investieren“ zu abschreckend für sie.
„Ich halte das für eine ausgesprochene Schnapsidee“, sagte sie.
Am Ende gab sie dann doch grünes Licht. Papa und Aydin hatten für uns alle Begeisterung genug.
Drei Monate später durften sie ihren selbstlackierten Imbisswagen an der Bergstraße aufstellen. „Wolle und Aydin“ stand da klein und über die ganze Länge: „Die schärfste CURRRYWURST westlich von Bombay!“ Ihr Eifer hatte für ein „R“ mehr als benötigt gereicht, was Mutter aber erst aufgefallen war, nachdem der Lack getrocknet war.
„Das ist sogar gut! So heißt keine andere Currybude der Welt!“, meinte Vater, der sich für das Marketing verantwortlich fühlte und überzeugt war, dass die Currywurst aus Indien stammte und nicht aus Berlin.
Erstaunlicherweise liefen die Geschäfte prächtig. Wir wurden zu einer Currywurstfamilie. Unser Leben drehte sich um Wurst, Ketchup, Curry, Pommes und Pul Biber, bei unseren Kunden als „Scharf“ bekannt. Alle hatten Mitspracherecht, wenn es darum ging, ob man zur Ergänzung Brause-Ufos oder Gummischlangen ins Programm aufnehmen sollte.
Meine Mutter war im Dauereinsatz und vergaß, wegen meiner Hausaufgaben herumzunörgeln. Auch, dass sie froh gewesen wäre, wenn sie so lange zur Schule hätte gehen dürfen wie ich, musste ich mir nicht mehr anhören. Manchmal wurden meine Schwester und ich zur Arbeit eingeteilt. Wir seufzten altersgemäß, aber insgeheim liebten wir es, im Wagen zu stehen, Würste zu braten, Pommes zu frittieren, Bierchen oder Cola auszuschenken und die Kasse zum Klingeln zu bringen. Vor der CuRRRybude waren wir nur Kinder gewesen, jetzt waren wir Mitarbeiter.
Ein wichtiger Kundenkreis waren die Schüler der nahe gelegenen Gesamtschule, was man an den Pausenbroten erkennen konnte, die bei uns im Müll landeten. Da mochten Mama oder Papa liebevoll ein Salamibrot in Butterbrotpapier gepackt haben, eine Portion Pommes für fünfzig Pfennig bei uns war immer leckerer.
Darum war die Meldung der Lokalzeitung, dass in der Kreisstadt nebenan ein McDonalds eröffnen würde, ein Schock für Aydin und Papa. Denn noch cooler als Pommes von der CuRRRybude waren Cheeseburger, Schokoshake und Apfeltaschen aus Amerika – so gut kannten sie ihre Kundschaft.
Am Abend dieser Hiobsbotschaft herrschte in unserer kleinen Küche Weltuntergangsstimmung. Auf dem Tisch quoll der Aschenbecher über von hektisch gerauchten HBs, der Kühlschrank war geplündert und das Bier getrunken. Aydin und Papa jammerten und schimpften auf die ungerechte Welt, in der die Großen die Kleinen gnadenlos vernichteten.
Ich las den Artikel. Der Autor vertrat zwei Meinungen. Zum einen war es der Untergang des Abendlandes, wenn ein amerikanischer Konzern die europäische Esskultur vernichtete. Hamburger und Pommes waren ungesund und machten dick und führten dazu, dass man Ronald Reagan wählte und zu viel in den Fernseher glotzte. Aber man war auch geschmeichelt. Schließlich war damit unser Landkreis zu einem der Orte geworden, die Andy Warhol besuchen konnte. Denn der hatte gesagt, er reise grundsätzlich nicht in Städte ohne McDonalds.
„Weil die auch Presse kriegen und wir nicht! Das ist so ungerecht!“, sagte Papa und wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Glatze. „Warum berichten die nicht einmal von richtigen Ureinwohnern von Everswinkel, die es auch zu etwas gebracht haben?“, fragte er Aydin.
„Ich bin in Çanakkale auf die Welt gekommen.“
„Ja, nein, ist auch keine gute Idee.“
Irgendwann, viele Schachteln HB und eine halbe Flasche Raki später, wurde die rettende Idee geboren. Es war halb drei Uhr in der Nacht. Ich sah in der Küche nach dem Rechten, wo die beiden Unternehmer zwei verschiedene Lieder sangen und noch verschiedener dazu tanzten.
„Greta, wir machen eine Currywurstolympiade. Aber mit drei R!“, rief mein Vater begeistert.
„Currywurst hat immer drei R“, antwortete ich.
„Dann mit vier R, du weißt, was ich meine!“
Der Plan war schlicht, aber doch elegant. Man würde ein Wettessen veranstalten. Jeder konnte teilnehmen, die Gebühr betrug zehn Mark. Man servierte reihum eine Currywurst nach der anderen und wer am Ende die meisten vernichtet hatte, gewann den Preis: Ein Jahr lang kostenloses Essen in der CuRRRybude! Das würde uns vorher und nachher Presse verschaffen. Jeder Everswinkler würde von uns erfahren.
„Das ist eine Schnapsidee“, meinte meine Mutter am nächsten Morgen, doch ihre Meinung hatte deutlich an Autorität verloren, seit Papas letzte Idee ihre Agio-Filter-Tip-Zigarillos finanzierte.
Tatsächlich schien auch der neue Plan aufzugehen. Schon eine Woche später wurde der Currywurstolympiade eine ganze Seite in der Lokalzeitung eingeräumt, das Foto von Aydin, Papa und unserem CuRRRywurstmobil war sogar in Farbe. In den folgenden Tagen brummte das Geschäft und auf unserem Küchentisch stapelten sich die Einladungen. Was könnte schiefgehen?
Doch der Marketingerfolg entpuppte sich kaufmännisch zu einer Katastrophe. Die Teilnahmegebühr basierte auf der Rechnung, dass ein normaler Mensch nicht mehr als vier Currywürste essen konnte, und vier Mal zwofuffzig waren zehn Mark.
Doch irgendwo, hinter Eversweiler Waschbeton, lebte der größte Wurstvernichter Norddeutschlands. Eine biologische Anomalie. Der Zwillingsbruder von Weird Al Yankovic aus dem Video „Fat“. Ein Mensch gewordenes schwarzes Loch, aber auch ein wichtiger Stammkunde: Dieter. Der Dieter! Gegen ärztlichen Rat hatte er sich zur Olympiade angemeldet und gerade sein Training begonnen. Seine erste, lockere Übungsrunde umfasste acht Currywürste.
„Und dann hat er als Nachspeise noch ein Nogger bestellt!“, weinte Papa in unserer Küche in den Aschenbecher.
„Ich sagte doch, das wäre keine gute Idee“, meinte meine Mutter, als die Stille zu drückend wurde.
„Vielleicht hat Dieter einen Bandwurm?“, schlug Aydin vor.
„Und? Was soll das bedeuten?“, fragte Papa.
„Dann könnten wir ihn disqualifizieren! Ein Bandwurm, das wäre für Esser wie Steroide für Bodybuilder. Das wäre Doping, oder?“
Sollte Dieter gewinnen und sich ein Jahr nur von unseren Currywürsten ernähren, wären wir ruiniert. Dann würde er unsere Bude kaputtessen. Ich hatte eigentlich fragen wollen, ob ich in den Sommerferien mit Freunden zelten gehen könnte, aber nun kam ich mir selbstsüchtig vor.
Mir war zum Weinen und ich glaube, auch Aydin kämpfte mit den Tränen. Doch auf einmal fixierte mich Vater mit seinem Blick. In seinem Gehirn drehten sich Zahnrädchen, das war deutlich zu sehen. Sein Gesicht erhellte sich, er deutete aufgeregt auf mich und rief: „Ich hab’s! Du wirst es, Greta. Du wirst unser Champion! Du kannst Dieter besiegen. Du bist groß und dürr, da ist mehr als genug Platz für Currywürste!“
Ich blickte an mir herunter. Ich war 16 Jahre alt und nach meinem letzten Wachstumsschub vielleicht dünn, aber „dürr“? Das war nicht nett. Abgesehen davon war ich das genaue Gegenteil von Dieter. Uns in einen Wettkampf zu stecken, wäre, als würde man einen Sumoringer gegen eine Turnerin in den Ring schicken. Meine Mutter ergriff meinen Arm, wir blickten in den Wahnsinn in Papas Augen und sagten unisono: „Das ist eine Schnapsidee!“
In den nächsten drei Wochen mussten meine Schwestern öfter als sonst in der CuRRRywurstbude arbeiten, denn Vater widmete sich meinem Training. Drei Wochen gab es für mich nur mittags feste Nahrung, drei Wochen gab es nur Currywurst. Wir erarbeiteten, dass man mehr essen kann, wenn man möglichst wenig kaut. Und dass Currysauce zu stark sättigt, „Scharf“ aber der Verdauung hilft. Das beste Getränk für Olympioniken war Kaffee – auf keinen Fall Kohlensäure! Wichtig war für eine Kampfesserin auch die Konzentration, um die Nahrungszufuhr auf einem gleichbleibenden Niveau zu halten. Darum hörte ich Musik, Papa mischte mir eine eigene Currywurstolympiaden-Kassette, die ich auf dem Walkman hörte, während ich eine Wurst nach der anderen verschlang.
Man kann von diesen Trainingsmethoden halten, was man will, einige werden zurecht einwenden, dass es pädagogisch fragwürdig ist, seine Teenagerin mit Schweinefleisch, Kaffee und „Scharf“ zu mästen, aber der Erfolg stellte sich ein: Gerade rechtzeitig, zwei Tage vor der Olympiade erreichte ich meine Bestmarke: Zehn Currywürste!
Der Tag des Schicksals war der heißeste Sommertag des Jahres 1988. Aydin und Papa hatten um die Bude zwölf Biertische im Kreis aufgebaut und mit Papiertischdecken bezogen. Der Name der Teilnehmer stand darauf notiert. Sie hatten mich neben Dieter gesetzt.
Um Punkt zwölf Uhr, High Noon, saßen 47 Wettkampfcurrywurstvernichter auf den Bänken und schwitzten angespannt der ersten Runde entgegen. Aydin und Papa grillten konzentriert, Mama und meine Schwestern standen bereit, die erste Runde auszuteilen. Sie hatten Filzschreiber dabei und malten für jede vernichtete Wurst einen Strich auf die Tischdecke. Ich war eine von sieben Frauen, die sich dem Wettbewerb gestellt hatten, wir wurden aber nicht weiter beachtet, wenn die Blicke der Kombattanten abschätzend über die Konkurrenz schwenkten. In meinen Kopfhörern lief „We Are the Champions“ von Queen.
Nach sechs Würsten hatte sich das Teilnehmerfeld halbiert, nach neun Würsten waren nur noch acht Currywurstolympioniken versammelt. Es war die Hitze, die Teilnehmern und Zuschauern gleichermaßen zusetzte.
Jetzt erst war ich Dieter aufgefallen. Das komische, dürre Mädchen, das nur „Scharf“ orderte. Er hingegen hatte verkündet, dass ihm übel wurde von diesem „Türkenpfeffer“, er verzichtete auch auf Currypulver: Ketchup pur.
Es wurde die elfte Wurst serviert. Nur Dieter und ich saßen noch auf der Bierbank. Die anderen Teilnehmer waren verschwunden, einige lagen hechelnd auf dem Boden. Die verbliebenen Zuschauer feuerten uns bei jedem Bissen an, es war klar, dass wir an den Grenzen der menschlichen Belastbarkeit arbeiteten und eine Entscheidung kurz bevorstand.
Bei der zwölften Wurst machte der Fotograf der Lokalzeitung ein Foto von uns beiden. „Solange ihr noch lächeln könnt!“, meinte er. Und wir lächelten. Doch es kam mir vor, als könnte ich in den Mundwinkeln meines Gegners ein leichtes Zittern erahnen.
Bei Wurst Nummer dreizehn wurde allen offenbar, dass Dieter schwächelte. Ich musterte ihn. Sein Gesicht war voller Aknenarben, seine Hautfarbe gelblich wie die verräucherte Raufasertapete in unserer Küche.
Siegessicher lächelte ich ihn an. Doch in mir rumorte es. Die Mischung aus „Scharf“, Schweinefleisch und zu viel Kaffee dehnte sich brodelnd in mir aus, bald würde ich dem Druck nachgeben müssen oder auf dem Wettkampfgelände explodieren. Das war Greta, würde man sagen, wenn man mich zusammenkehrte: Halb Mensch, halb Currywurst.
Aber Dieter durfte nicht gewinnen. Das durfte nicht geschehen. Ich liebte die CuRRRywurstbude! Ich mochte den Schreibfehler auf dem Imbisswagen, wie Aydin bei der Arbeit türkische Lieder sang, wie Papa jeden mit seinen Witzen zum Lachen brachte und dass er immer wusste, wem er welchen schon einmal erzählt hatte. Alles an Aydins und Papas Idee war richtig. Das war die richtige Art zu leben. Ich liebte die CuRRRywurstbude – es waren die Würste, die ich verabscheute.
Besonders Nummer vierzehn, die sich vor mir räkelte und dampfte, um mich zu verhöhnen. Fett quoll aus ihren Schnittwunden und weichte den Karton auf, weiße Speckflecken glänzten in der Sommersonne.
„Greta! Mit Sauce?“, fragte meine Mutter, wie es unsere Regeln verlangten. Jetzt fiel mir auf, dass sie mich das schon zwei Mal gefragt hatte.
Ich sagte zum vierzehnten Mal: „Nein, danke“ und blickte auffordernd zu Dieter.
Ihm lief der Schweiß in Strömen über den Körper, unter seinen Turnschuhen hatten sich Pfützen gebildet. Er winkte ab. Er zitterte. Mein Gegner war am Ende. Ich sah eine Lücke im Körperpanzer meines Gegners, die ich ausnutzen musste. Vielleicht hatte ich doch eine Chance.
„Mit scharf?“, fragte Mama.
Dieter schüttelte heftig den Kopf.
Ich fasste neuen Mut. Während in meinem Kopfhörer „Gonna Fly Now“ ertönte, der Song zu der Trainingscollage aus „Rocky“, nahm ich den Streuer von Mamas Tablett und begann – ganz langsam – meine Wurst mit Pul Biber zu würzen. Mehr und mehr. Dieter sah hypnotisiert zu und wurde mit jedem Schütteln blasser.
Als die Wurst von „Scharf“ begraben war, rieb ich mir die Hände, brummte „Mmh“, als hätte ich Heißhunger und schob mir das erste Stück in den Mund. Genießerisch schloss ich dabei die Augen. Mir war sterbenselend, ein zweites Stück würde ich nicht überleben. Derjenige griechische Gott, der für Currywurstolympioniken verantwortlich war, musste mir jetzt beistehen!
Die Bank zitterte, der Tisch wurde von mir fortgeschoben – Dieter rannte zum nächsten Papierkorb und erbrach sich. Ich kämpfte gegen meinen Magen, der das auf einmal auch für eine gute Idee hielt, stand auf wackeligen Beinen, reckte die Arme in den Himmel – wie Rocky Balboa, als er vor dem Denkmal hüpft und ich feierte meinen ersten und letzten sportlichen Triumph. Ich war Siegerin! Ich, Greta, sechzehn Jahre alt, mit einem Kampfgewicht von 48,4 Kilogramm hatte unsere CuRRRybude gerettet! Und alles, was der Gott der Currywurstolympiaden von mir dafür als Opfer verlangt hatte, war meine Magenschleimhaut.
In der Nacht fuhr mich Papa in die Klinik und mir wurde der Magen ausgepumpt. Keine schöne Sache, trotzdem erleichternd. Meinen Preis habe ich natürlich nicht eingefordert, seit diesem Tag habe ich keine einzige Currywurst mehr gegessen.
McDonald führte zu weniger Umsatzeinbußen als befürchtet. Ob das dem Marketing durch die Olympiade geschuldet war oder meinem Heldinnenopfer, lässt sich nicht nachweisen. Trotzdem wurde die Currywurst unmodern und Aydin und Papa konnten erst wieder gewinnbringend arbeiten, nachdem sie auf Döner Kebab umgestellt hatten. Dafür lackierten sie sogar das CuRRRybudenmobil um. „Das schärfste Kebab westlich von Istanbul“ stand nun auf dem Lack, ohne Rechtschreibfehler. Es waren die Achtziger und man glaubte damals, Döner Kebab stamme aus der Türkei und nicht aus Berlin.
Als Andenken habe ich noch irgendwo die Urkunde, die mir Papa damals gemalt hatte. Aber ich hole sie nicht oft hervor. Für meine Nase riecht sie zu intensiv nach Currywurst mit zuviel „Scharf“.
Kirschbonbonsammlung
Ich hockte auf dem Klo und glotzte in die andere Welt, als Maman an der Tür klopfte:
„Louis, hast du wieder was zum Lesen auf’s Klo mitgenommen?“
Das durfte ich nicht. Aber das musste ich auch nicht. Ich starrte auf die braunen Fliesen auf dem Boden vor mir, bis ich in ihnen Wesen aus der anderen Welt sah. Direkt vor mir hockte ein Löwe und gähnte gelangweilt. Hinter ihm schwebte eine Qualle in der Luft und auf einer Kaktuswolke breitete ein riesiger Vogel seine Schwingen aus. Wesen einer verborgenen Welt, die nur ich sehen konnte. In den Badezimmerfliesen, in der Raufasertapete, in Teppichmustern, in Wolken oder in den Schlieren der Milch im Morgenkaffee.
„Louis, ist alles in Ordnung?“ Sie klopfte noch einmal. „Wie lange willst du noch dahocken?“
Das Klo war mein Lieblingsraum in unserer Wohnung. Ich mochte mein Zimmer, natürlich, denn da waren alle meine Bücher. Und das Esszimmer mochte ich auch, denn Maman konnte ausgezeichnet kochen, mein Leibgericht war der Galettekuchen mit Pilzen und ganz viel Käse. Doch das Klo war der einzige Raum, den ich abschließen durfte. Der Ort, an dem ich alleine sein konnte.
„Ja, Maman, nichts Schlimmes, aber ich fühle mich heute so schwach!“
„Ach? Schwach fühlst du dich? Das tut mir leid. Aber trotzdem kommst du mit in die Kirche! Vielleicht stärken dich ja die Worte des Herren!“
Wie alle im Dorf ging auch unsere Familie an jedem Sonntag in die Kirche. Ich war schon mit acht Jahren vom rechten Glauben abgefallen, obwohl wir in Chattormont ein leibhaftiges Wunder Gottes ausgestellt hatten.
Vor zwanzig Jahren, im großen Krieg, hatte eine Bombe das Kirchendach durchschlagen, sich direkt vor der Statue der heiligen Therese in den Boden gebohrt und war nicht explodiert. Genau dort steckte sie noch immer. Der Bischof hatte verhindert, dass Paris Mineure zur Entschärfung schickte, denn es war ja Gottes Entscheidung gewesen, unsere Dorfkirche zu verschonen.
Es war eine Mutprobe für die Jungs des Dorfes, sich in die Kirche zu schleichen und gegen die Bombe zu klopfen, die – so hieß es – immer noch jederzeit in die Luft gehen könnte. Ich habe das nicht gemacht. Aber ich habe nie mit den Anderen gespielt, dafür war ich zu kränklich. Hatte Maman verfügt. Ich persönlich glaubte nicht, dass die Bombe ein Wunder war, sondern nur ein sogenannter Blindgänger. Davon gab es viele im Krieg, hatte mir Vater erzählt, denn die Zwangsarbeiter der Deutschen hätten viele Bomben absichtlich falsch zusammengebaut.
Maman, Papa und ich hatten feste Plätze in der Kirche, vierte Reihe, ganz rechts. Alle Gottesdienste waren genau gleich langweilig. Es gab Begrüßungsworte, Gebete, Lieder, mehr Gebete, Lesungen aus dem Alten und dem Neuen Testament, eine Predigt, die Père Gilbert monoton vom Blatt ablas, dann mehr Lieder, Einsetzungszaubersprüche in Latein, noch mehr Lieder, noch mehr Gebete, die Neuigkeiten aus der Gemeinde und am Schluss einen Segen.
Es war eine Theateraufführung nach uraltem Drehbuch. Wie Marionetten erhoben und setzten wir uns, falteten die Hände, senkten die Häupter. Wir sangen und beteten und träumten vor uns hin.
Zwischen der ersten und der zweiten Lesung drehte sich Madame Bouchet zu mir um und lächelte mich an. Dann zauberte sie aus ihrer Handtasche ein rotes Bonbon und drückte es mir in die ausgestreckte Hand. Jeden Sonntag.
Madame Bouchet roch nach Lavendel und trug schwarz, ihr Gatte war im Krieg gefallen und sie trauerte immer noch. Ihr kurzes Haar war zu einem Helm frisiert, aber so dünn, dass man darunter die Kopfhaut sehen konnte. Ihr Gesicht war kantig und ihre Augen nicht auf gleicher Höhe. Wenn sie mir ihre sehnige Hand mit dem Bonbon entgegenstreckte, musste ich mich für ein Auge entscheiden, in das ich lächelte, während ich mich bedankte. Ihr Mund war traurig, aber in diesem Moment lächelte sie so breit, dass man ihr ganzes Gebiss sehen konnte, in dem so viele Zähne fehlten.
Maman nickte mir zu und ich steckte das Bonbon schnell in die Hosentasche.
Am Ende defilierte die Gemeinde an Père Gilbert vorbei, der jedem die Hand reichte und ein paar Worte sprach. Die Frömmsten kommentierten die Predigt, die Sünder lächelten unsicher. Maman war fromm, ich war ein Sünder, denn ich hatte den Gottesdienst in der anderen Welt verbracht. Eine halbe Stunde stand das Dorf an der schmalen Tür Schlange, das große Hauptportal mit den zwei Torflügeln war immer verschlossen.
Wenn wir endlich daheim waren, ging ich in mein Zimmer und legte das Bonbon zu den anderen in meiner Nachttischschublade. Würde ich es essen, bekäme ich Ausschlag und mir würde schlecht. Ich war gegen den roten Farbstoff allergisch.
„Dick, blind wie ein Maulwurf und nun auch noch Allergiker!“, meinte meine Mutter, als Doktor Garnier uns das erklärte, „Mein Gott, warum hast du uns nur so bestraft!“
Damals kämpfte ich mit den Tränen, aber ich fand die Frage berechtigt. Warum hat Gott uns bestraft? Warum bestraft er Menschen überhaupt? Wenn er so voller Liebe und Vergebung ist, wie der Pfarrer meinte, warum führte er dann ein Buch über unsere schlechten und guten Werke, wie Maman meinte?
Am Sonntag nach der Diagnose trug ich ein langärmeliges Hemd in die Kirche, damit man den Ausschlag nicht sehen konnte. Ich wollte Madame Bouchet erklären, dass ich ihre Bonbons leider nicht essen konnte, doch Maman war strikt dagegen.
„Die alte Bouchet hat niemanden mehr. Ihr Mann ist tot, ihre Kinder wohnen in Paris und kommen sie niemals besuchen. Weil sie eine Kollaborateurin war, ist jeder im Dorf unfreundlich zu ihr. Dir jeden Sonntag ein Bonbon zu schenken, ist eine der wenigen Freuden, die ihr geblieben sind. Du wirst das Bonbon nehmen und dich brav bedanken und lachen, gerade so, als würdest du dich wirklich freuen – das ist dann deine gute Tat für den Sonntag!“
Das war das nächste Problem mit Gott: Seine Regeln waren kompliziert. Da ließ er Moses auf dem Berg aufschreiben, man dürfe nicht lügen, doch wenn ich Madame Bouchet im Glauben ließ, dass ihre Bonbons für mich eine Freude waren, dann war das eine gute Tat.
Ich verbrachte also meine Sonntage weiter im Gottesdienst und glotzte auf Madame Bouchets Hinterkopf, denn in den Altersflecken ihrer Kopfhaut war auch ein Zugang zu der anderen Welt.
Irgendwann drehte sie sich um:
„Bonjour, Louis, geht es dir gut?“
„Bonjour, Madame Bouchet. Mir geht es gut. Und Ihnen?“
„Auch sehr gut, danke der Nachfrage. Warte, Kleiner, ich habe etwas für dich!“
Meine Nachttischschublade füllte sich mit Bonbons, bis Madame Bouchets Platz vor mir eines Tages leer blieb. Erst dann erzählte mir Maman, dass der Herr sie zu sich genommen hatte und dass es ihr im Himmel jetzt viel besser gehen würde. Da wäre sie wieder eine junge, attraktive Frau und mit ihrem geliebten Mann vereint. Sie würde wieder ihre bunten Kleider tragen mit den Streurosenmustern und nicht mehr nur schwarz, alle ihre Sünden wären ihr vergeben und die anderen Menschen im Himmel würden ihr mit Höflichkeit und Respekt begegnen. Denn in ihrem Herzen war sie eine gute Christin gewesen, sagte Maman und ließ mich für Madame Bouchet beten.
Ich faltete brav die Hände.
„Danke, lieber Gott, dass du Madame Bouchet zu dir genommen hast“, betete ich. „Sie war immer nett zu mir. Bitte erzähle ihr nicht, dass ich ihre Kirschbonbons niemals gegessen habe, denn ich habe nur gelogen, weil das eine gute Tat war. Mach’, dass sie jetzt im ewigen Leben besser lebt als in den zwanzig Jahren, seitdem ihr Mann gestorben ist. Ich weiß, du hast sie sicher für etwas bestraft, so wie du mich bestraft hast, aber ich glaube, sie wusste nicht für was, so wie ich das ja auch nicht weiß. Ich hoffe, sie muss jetzt nie mehr traurig sein. Amen.“
Maman nickte, streichelte mir über den Kopf und verließ mein Zimmer wieder. Ich öffnete die Schublade und blickte auf meine Kirschbonbonsammlung. Ich legte sie in Zehnerreihen aus, wie Spielzeugsoldaten, und zählte sie ab. 134 Bonbons lagen vor mir. 134 Mal hatte sich Madame Bouchet zu mir umgedreht und mich gefragt, wie es mir ginge.
Ich hatte das Gefühl, dass mein Gebet bei weitem nicht genug war. Es musste noch etwas anderes geben, dass ich für sie tun konnte. Schließlich hatte ich sie 133 Mal angelogen, obwohl sie mir eine Freude machen wollte. Wahrscheinlich hatte Maman nicht recht und meine Höflichkeitslüge war keine gute Tat, sondern eine Sünde.
Sünden muss man sühnen. Ich untersuchte die Bonbons und ordnete sie nach ihrem Alter. Während sich das Frischeste ganz einfach vom Papier lösen ließ, klebten die Älteren hartnäckig daran. Die wirklich Alten wiederum lösten sich beim Öffnen auf – mit denen fing ich an.
Ich knabberte sie vom Papier, indem ich meine Zähne als Beißzange benutzte. Stück für Stück lutschte und kaute ich mich durch die Armee der Bonbons, um meine Sünde zu büßen, egal, was die Allergie mit mir anrichten würde.
Nach nicht einmal fünfzig Stück wurde mir so elend, dass ich mich in den Papierkorb erleichtern musste.
Das hörte Maman und kam in mein Zimmer geeilt.
„Was hast du jetzt wieder angestellt? Hast du die ganzen Bonbons gegessen? Was hast du mir nur wieder angetan? Willst du dich etwa umbringen, Louis? Hast du das in einem deiner Romane gelesen? Du und dein Vater – ihr bringt mich noch ins Grab!“
Sie griff mich am Arm, ich durfte nicht einmal Schuhe anziehen und wir liefen schnell zu Doktor Garnier, der mich tadelte und mir etwas spritzte. Es bestünde kein Grund, sich zu große Sorgen zu machen, meinte er, man müsse das nun beobachten, die größte Gefahr sei erst einmal gebannt.
Schon am Abend war mein ganzer Körper mit Pusteln übersät, doch das war in Ordnung, das war ja meine Sühne. Weil Maman mir nicht mehr von der Seite wich, um mich zu beobachten, wie von Doktor Garnier aufgetragen, zog ich mich ins Klo zurück.
Dort knöpfte ich mein Hemd auf, kletterte auf die Kiste mit dem Schuhputzzeug und betrachtete mich prüfend im Spiegel. Der ganze Oberkörper war weiß und rot gemustert, es war ein Zugang zur anderen Welt, das erkannte ich sofort.
Ich blickte auf meinen Ausschlag und da sah ich sie.
Die Pusteln auf mir hatten ihr Bild auf meine Brust gezeichnet. Ich roch Lavendel. Da war Madame Bouchet, ein Auge tiefer als das andere und sie lächelte mich so breit an, wie nur sie das konnte, und ich sah alle ihre Zähne und es fehlte kein Einziger! Sie schickte mir aus dem Paradies einen Gruß. Mein Opfer war angenommen.
Das war kein Blindgänger – das war ein echtes Wunder!
Es klopfte:
„Louis, hast du wieder was zum Lesen mit auf’s Klo genommen?“
„Nein, Maman, ich komme gleich!“
Klopp, Klopp und Klopp
Papa hat eine geile Idee. Hat er geschrieben, auf WhatsApp. Seine erste Nachricht seit „Happy New Year, Großer!“ und „Happy New Year, Großer!“ vom Jahr davor. „Ich hab eine geile Idee. Komm bald vorbei!“, steht da.
Leichter gesagt als getan. Ich muss erst Carac nach der Adresse fragen, mir ein Auto leihen und mir einen Tag freinehmen. Viele Gefallen habe ich bei meinem Boss nicht mehr gut.
Papa sagt, er wohnt in der Nähe von Berlin. Ich sage, er wohnt in Templin, das ist ungefähr siebzig Kilometer nördlich, tief in der Uckermark. Mama sagt, seine Bruchbude hat zwanzigtausend Euro gekostet und dass sie keinen Schimmer hat, wie er an so viel Geld gekommen ist.
Ich fahre eineinhalb Stunden und parke direkt vor der Haustür. „Klopp“ steht mit Edding auf das Klingelschild gekritzelt. Die Klingel klingelt nicht. Ich klopfe. Keine Reaktion.
Also gehe ich einfach rein und stehe sofort im Wohn-, Schlaf- und Esszimmer. Der Tisch liegt voller Bücher, Zeitungen, schmutzigem Geschirr und leeren Bierflaschen. Ein Wanderschuh ist an einer Ecke mit einer Schraubzwinge festgeklemmt. Alles ist voller Tabakbrösel und Asche.
