Wir fürchten das Ende der Musik - Jürg Halter - E-Book

Wir fürchten das Ende der Musik E-Book

Jürg Halter

4,9

Beschreibung

Jürg Halters Gedichte sind laut und leise zugleich, zart aber nie gefühlig. Weltzugewandte Selbsterkundungen. Jürg Halter ist ein Dichter, der so neugierig wie selbstbewusst in die Welt blickt. Und schräg. Was lässt sich in ihr erkennen? Was lässt sich über sie mitteilen? Wie verortet sich in ihr das eigene Ich? Das ganz Kleine, Individuelle bringt er zur Sprache, aber nie ohne nach den großen Zusammenhängen zu fragen. Halter schüttelt die Bilder, um sie wieder neu zusammenzusetzen. Manchmal schillert alles wie in einem Kaleidoskop; im Gewöhnlichen wird das Ungewöhnliche sichtbar.

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Seitenzahl: 23

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Jürg HalterWir fürchten das Ende der Musik

Gedichte

Für sich

I

Welches Jahr schreiben wir und wozu?

Ideal

Wir stoßen weiter vor.

Mehr ist nicht genug.

Alles ist das Ziel.

Wir stoßen weiter vor.

Niemand zieht sich zurück,

es gibt nur Zurückgedrängte.

Wir stoßen weiter vor.

Eine Welt ohne Grenzen

können wir uns nicht vorstellen.

Verzicht bedeutet Pathos.

Wir rufen laut nach dem perfekten Tag,

vor dem wir uns im Stillen fürchten;

er hätte sich für immer zu wiederholen.

Jeden Abend würden wir ihn vergessen,

so weckte er uns jeden Morgen

gleich neu – Ideal.

Das erste Wort

Der Herbst liegt im Briefumschlag

auf meinen Knien.

Im Licht der tiefen Sonne

überquert ein Zug die Brücke.

Der Anfang oder das Ende

eines einfachen Films

übers Abschiednehmen.

Als wir wieder im Schatten fahren,

öffne ich den Umschlag;

darin das Foto eines Mannes im Wald,

sein Gesicht ist weiß übermalt,

in der Hand hält er einen Hut.

Vor wem hat er ihn gezogen?

Über das Foto sind fünf Fäden gespannt,

an denen bunte Papierblättchen

vorsichtig aufgezogen sind.

Auf der Rückseite steht geschrieben:

»für Dich, und die Blätter tanzen im Wind …«

Ich erinnere mich an die Zeit

vor der Rede,

als ich mit der Welt, die mich umgab,

im Einklang war,

bevor ich mich mit meinem ersten Wort

für immer von ihr trennte.

Was wir uns nicht alles gesagt haben.

Weiter nichts

Er wurde geboren, um zu lesen

in Büchern – mehr

gesteht ihm die Natur nicht zu.

Er wurde geboren, uns nicht zu begegnen,

außerhalb seiner vier Wände.

Eines Nachmittags bleibe ich

unter seinem Fenster stehen.

Vermutlich liegt er auf dem Bett und liest.

Hier unten stockt der Verkehr und fließt,

ich gehe weiter, weiter nichts.

Erdwissenschaften

Sie versinkt in ihrem Sitz

wie ein Stein im Wasser;

geht unter wie eine

zu leise gestellte Frage.

Alles ist ein Sinken

zum Erdmittelpunkt und

zurück in Millionen

von Jahren und …

in allen Religionen gibt es

eigentlich nur einen Gott,

den der Schwerkraft.

Oder weshalb werfen sich

Gläubige auf den Boden

anstatt in die Luft zu springen?

Chinesische Weisheit

»Wenn die Winde der Veränderung wehen …«,

weile ich in einem Straßencafé,

vor mir ein leeres Zuckertütchen,

das ich gleich vor die Füße einer

betrübten Passantin pusten werde,

»… bauen einige Mauern, andere Windmühlen.«

Die göttliche Musik

Seine Hände liegen auf der Klaviatur.

Welches Jahr schreiben wir und wozu?

Er spielt mit geschlossenen Augen.

Wir heben die Köpfe und lauschen nach

Tönen, die wir nicht hören können;

fürchten immerzu das Ende der Musik.

II

Ein heller Regen, dann:Ein Leuchten in allen Straßen

7 Tage in der Cuba Bar

Es ist immer drei Uhr morgens hier.

Eine Woche unter lauter Getriebenen,

suche ich nach Konfrontation.