Wir Gassenkinder - Dr. Titus Simon - E-Book

Wir Gassenkinder E-Book

Dr. Titus Simon

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Beschreibung

Es ist eine Zeit des Übergangs in der schwäbischen Kleinstadt Murrhardt: Während die Großeltern aus der Kaiserzeit erzählen und der Durchgangsverkehr noch von Ochsengespannen verlangsamt wird, steht die erste Mondlandung kurz bevor. Titus Simon schildert in detailgetreuer Erzählung Jahre des Aufwachsens während 60er Jahre – lebendige Kindheitserinnerungen an eine lange zurückliegende Zeit.

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Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2022

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TITUS SIMON

Wir Gassenkinder

EINE SCHWÄBISCHE KINDHEITIN DEN 60ER-JAHREN

Professor Dr. Titus Simon, Jahrgang 1954, studierte Rechtswissenschaften, Sozialarbeit, Pädagogik und Journalistik. Er arbeitete mit jugendlichen Gewalttätern und in der Wohnungslosenhilfe, dann als Professor. Titus Simon ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Beim Silberburg-Verlag hat er bereits drei Romane veröffentlicht.

Einige Namen der in dieser Erzählung vorkommenden Personen wurden zur Wahrung von Persönlichkeitsrechten geändert. Sollte dieses Werk Links auf Webseiten Dritter enthalten, so machen wir uns die Inhalte nicht zu eigen und übernehmen für die Inhalte keine Haftung.

3. Auflage 2023

© 2020/2023 Silberburg-Verlag GmbH,

Schweickhardtstraße 1, D-72072 Tübingen.

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: BUCHFLINK Rüdiger Wagner, Nördlingen.

Coverfoto: © akg-images / ddrbildarchiv.de

Foto Seite 1: Murrhardt,

Platz am Oberen Tor in den 60er-Jahren.

© Bestand Murrhardter Zeitung/Michael Mauser –

Digitalisierung: Andreas Kozlik.

Lektorat: Gertrud Menczel, Böblingen.

Satz und Layout: Sabine Düde,

César Satz & Grafik GmbH, Köln.

Druck: CPI books, Leck.

Printed in Germany.

ISBN 978-3-8425-2290-9

eISBN 978-3-8425-2406-4

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Gelegentlich stellen sich Menschen die Frage, welches ihre früheste Erinnerung ist. In meinem Fall nimmt sie in der Murrhardter Ortsdurchfahrt ihren Ausgang. Ich darf an einer Ausfahrt im betagten Mercedes des Fahrradhändlers Holubek teilnehmen. Noch heute sehe ich das einem Kind riesig erscheinende Wageninnere. Über mir der schmuddelige Himmel, zu beiden Seiten Erwachsene. Die Beine ausgestreckt, da zu kurz, um in den Knien abgewinkelt den Boden zu erreichen. Vor mir die rissigen Ledersitze, deren brüchiges Rot von aufgebrochenem Naturbraun konturiert wurde. Auf dem Beifahrersitz lümmelte stets Frau Holubek, meist rauchend, gelegentlich einen Blick nach hinten werfend. Vom Fahrer blieben mir die großen geröteten Ohren in Erinnerung, das kahle Haupt meist unter einer Ledermütze verborgen.

INHALT

LANGHOLZ

DIE UMGEBUNG

BAUCHGRIMMEN

AUF DER GASS UND IM GESTANK

CHRISTTAG UND ALTJAHRSABEND

MEIN FLUCHTPUNKT: DAS HAUS IN DER FORNSBACHER STRASSE

DER STEINHAUS, KASUBKES UND DAS FERNSEHEN

DIE VERBANNUNG AUS DEM FERNSEHREICH

SCHWIERIGE AHNEN

NACH AMERIKA

SAURE NIERLA UND FASNETSKÜCHLE

DIE SCHLESISCHE LINIE

NEBEL

SCHWARZMARKT

LISELOTTE

IN DER FRANZENKLINGE

VERFÜHRTE JUNGEN

DER KRIEGSVERBRECHER

WERNER KOMMT NACH MURRHARDT

KLEINE FLUCHTEN

BIRGIT

DER TOD DES GROSSVATERS

EMILIE

LENIS VEREHRER

BIELEFELD

UNTER FRAUEN

TANTEN UND ONKEL

DER WELTUMBUMMLER

FREUNDE, CLIQUEN, BANDEN

WIR KINDER DES ÜBERGANGS

VERWENDETE UND WEITERFÜHRENDE LITERATUR

LANGHOLZ

Dies ist die Geschichte eines unscheinbaren Hauses und seiner bunt zusammengewürfelten Bewohnerschaft. Ohne Krieg, Flucht, Vertreibung, Suche und Neubeginn wären sich viele der hier zusammentreffenden Menschen nie begegnet. Auch manche Liebschaft wäre nicht entstanden, und eine ganze Reihe Kinder wäre nie geboren worden. Aus diesem Grund ist dies auch ein Teil meiner Geschichte. Sie erzählt Momente meiner Kindheit und lässt markante Charaktere der aus Schwaben und Flüchtlingen bestehenden Familienzweige sichtbar werden.

Es ist die Zeit, in der ich vieles bereits wahrnehmen, spüren und erfahren konnte, manches in mich aufsog wie ein Schwamm, ohne freilich alles zu verstehen oder richtig zu deuten.

Der aus Richtung Gaildorf kommende Durchgangsverkehr floss damals noch durch den ersten Zipfel der Fornsbacher Straße und bog in einer gleichermaßen scharfen wie engen Rechtskurve in die Hauptstraße ein, die einige Jahre zuvor Adolf-Hitler-Straße geheißen hatte. Die starke Zunahme des Verkehrs und die wachsende Zahl ausladender Fahrzeuge machten die Durchfahrt zu einer Angelegenheit, die abenteuerlich war und häufig unvermeidlich zu einem Unglück führte. Wenn sich tagsüber ein Langholzfahrzeug mit einer frischen Holzladung näherte, sprangen wir Kinder herbei, um sensationslüstern zu schauen, ob wieder etwas passierte. Erwachsene verweilten ebenso neugierig, sofern sie Muße hatten. Aus dem Anwesen, das keineswegs nur im übertragenen Sinne immer wieder Stein des Anstoßes wurde, trat dann auch der Bäckermeister aus der Tür. Neben ihm lugte der Kopf seines Gesellen Ernst Hudelmaier hervor. Meist nutzte er die Gelegenheit, sich rasch eine Zigarette anzuzünden.

Wenn ich zu ihm in die Backstube kam, durfte ich gelegentlich süße Reste auskratzen. Später ließ er mich heimlich rauchen.

Die Kurve wurde aufs Unvorteilhafteste von der Bäckerei verstellt, die damals gleich gegenüber dem Kronenladen stand, den manche noch immer das Banzhaf ’sche Haus oder Bei ’s Banzhafa nannten, nach dem Besitzer, der bis Mitte der Dreißigerjahre ein gemischtes Warengeschäft betrieb und nebenbei auch noch als Orts- und Steuerbeamter wirkte. In meiner frühen Kindheit hieß die Bäckerei noch Kinzers Bäck. Nachdem der Bäckerssohn kurz nach dem Vater gestorben war, wurde das Haus verkauft. Die Backstube beließ man im alten Zustand. Vorne war jetzt nicht mehr nur ein Brotverkauf. Im neuen VIVO gab es neben Brot auch andere Lebensmittel. Bäcker Scholz war eingezogen, dessen Tochter mit mir die letzte Grundschulklasse besuchte.

Im Jahr zuvor waren wir Grundschüler noch in dem heruntergekommenen Grabenschulhaus untergebracht gewesen. Unsere neue Lehrerin hatten wir mit Fräulein Ende anzusprechen. Deren Pädagogik wurzelte tief in ihrer Vergangenheit, ihrer bis ans Lebensende ungebrochenen nationalsozialistischen Gesinnung. Ein Jahr später waren wir die Ersten, die ein Schuljahr lang im neu unterhalb des Stadtgartens errichteten Atriumbau unterrichtet wurden. Die vierte Klasse durfte ich beim Lehrer Frank verbringen. Die Zeit bei ihm – auch er ein Flüchtling – war die schönste meiner gesamten Schulzeit. Er war der Erste, der mir das Gefühl vermittelte, dass ich Fähigkeiten besaß, dass etwas in mir steckte.

Um das Tohuwabohu bei der Kurvenfahrt von Langholzfahrzeugen und Schwertransportern an dieser neuralgischen Stelle verfolgen zu können, musste Schuhmacher Wohlfahrt nicht eigens auf die Straße hinaustreten. Er saß im Haus schräg gegenüber im ersten Stock vor einem großen Fenster auf seinem eigens erhöhten Arbeitsplatz, von dem aus wenigstens zwei Generationen Schuhmacher das historische Germaniaeck vollständig überblicken konnten. Wenn sich in Blickrichtung Kino oder Linde etwas ereignete, was für ihn von Interesse war, reichte es aber nicht, neugierig den Hals zu recken. Nun musste auch er sich bequemen, von seinem Podest herunterzusteigen. Der darauf eingerichtete Arbeitsplatz des Schuhmachers war das Herzstück von Werkstatt und Laden.

Es gehörte zum Kindsein in der damaligen Zeit, dass man, etwa weil es draußen regnete oder kein anderer zum Spielen auftauchte, in diese oder jene Werkstatt hineinhuschte und eine Zeit lang den Handwerkern zuschaute, die meist schweigend ihre Arbeit verrichteten. Meister Wohlfahrt hatte freie Sicht auf die ersten Häuser der Fornsbacher Straße und auf alles, was sich zu seiner Linken abspielte. Damals überwog noch eine gänzlich andere Bebauung und Nutzung dieses Areals. Auf die wie ein Korken in den Flaschenhals der Straßenführung hineinragende Bäckerei habe ich bereits verweisen. Daran schloss, das erste Haus der Riesbergstraße bildend, ein später abgerissener Fachwerkbau an. In meinen Kindertagen wohnte darin der Altmetallhändler Sahm. Einige Jahre später befand sich dort auch die Zahnarztpraxis Nittel-Feldmann. Bei der Behandlung strichen den Patienten Katzen um die Füße. Das einst stattliche Fachwerkhaus war, wie viele andere auch, in den Sechzigerjahren auf scheußliche Weise mit grauem Eternit verkleidet worden. Die gegenüberliegende Wohlfahrt’sche Schuhmacherei beherbergte in früheren Zeiten das Gasthaus Germania. Die Außentreppe zu den Schankräumen war schon in früheren Jahren abgerissen worden.

Auf der Verlängerung der Fornsbacher Straße liegt heute die Einmündung der Gartenstraße, die in den Achtzigerjahren im Zuge des städtebaulichen Projekts Gartenstraßendurchbruch entstand. Die eng stehende Bebauung bildete einstmals den überschaubaren Platz am Oberen Tor. An die Bäckerei schloss das Geschäft des Elektrikers Horn an. Der ruhige Mann war eine Zeit lang unser wichtigster Händler für Märklin-Eisenbahnen und alle weiteren benötigten Elektroteile. Ganz ins Eck gedrängt befand sich die Küferei Stecher, an die sich ältere Murrhardter noch Jahrzehnte nach deren Schließung unter dem volksmundigen Namen Hobelbank-Bar erinnern können. Der findige Küfer machte der örtlichen Gastronomie durch einen regen Schwarzausschank Konkurrenz. Mehrere Generationen betrieben im Nachbarhaus die Schreinerei Pfund. Sie gehörte zu den Orten, an denen ich bei schlechtem Wetter als stiller Gast und Betrachter handwerklicher Arbeit Duldung fand.

Im mittlerweile abgerissenen Eckhaus Brunnengasse 1 befand sich die Altvater-Drogerie. Der Drogist Ernst Tobias war einer der zahlreichen Flüchtlinge, die es nach Murrhardt verschlagen hatte. Er stammte aus dem Altvater-Gebirge, das sich am östlichen Rand der Sudeten über Teile Niederschlesiens und Nordmährens erstreckt und heute auf polnischem und tschechischem Territorium liegt. Die Wintersportbegeisterten des schlesischen Bäderviertels, zu denen auch mein Vater gehörte, unternahmen vor dem Zweiten Weltkrieg dorthin gelegentlich Ski-Ausflüge. Tobias hatte sein neues Geschäft nach seiner alten Heimat benannt. Betrat man die Drogerie, so befand man sich in engen, niedrigen Räumen, in denen jeder Quadratzentimeter mit Drogerieartikeln zugestellt war.

Für die Mutter und die Großmutter hatte ich dort regelmäßig kleine Besorgungen zu machen. So auch an jenem Tag, als ich auf dem Weg zur Drogerie auf dem winzigen, leicht abschüssigen Vorplatz des Hauses einen laubfroschgrünen Messerschmitt-Kabinenroller stehen sah, den Spötter als den Düsenjäger des kleinen Mannes belachten. Der Kleinwagen besaß eine Plexiglashaube, die zum Einsteigen über ein Scharnier nach rechts übergekippt werden musste. Der Fahrer und eine weitere Person saßen hintereinander. Das Gefährt wurde mit einem Motorradlenker gesteuert. Kindlicher Übermut brachte mich an diesem Nachmittag auf den Gedanken, dass ich kräftig genug sein müsse, den Kleinwagen anzuschieben. Das Gefährt war überraschend leicht zu bewegen und rollte auf dem sanften Gefälle in Richtung Hauptstraße. Erschrocken zerrte ich an dem Gepäckgitter, das am kurzen Heck angebracht war. Aber was ich angeschoben hatte, war von mir nicht zu halten. Wohl auf die drohende Gefahr aufmerksam geworden, kam der Besitzer aus der Drogerie gerannt und brachte das Gefährt zum Stehen. Er hatte vergessen, die Handbremse anzuziehen, weshalb sein Tadel milde ausfiel.

Vor dem engen Durchgang zum Hinterhof meiner Großeltern gelangte man zur Milchzentrale, einer Zweigstelle der Murrhardter Molkerei, die sich in der Karlsstraße befand. Wer es sich leisten konnte, holte sich für 10 oder 20 Pfennig eine Waffeltüte mit Schlagsahne. Gleich daneben war die Kronenmetzgerei, damals noch mit Schlachterei im hinteren Gebäudeteil. Am Schlachttag lief das abgespülte Blut in dicken Strömen in die Kandel. Wir Kinder sahen vom Hof der Großeltern aus mit großer Selbstverständlichkeit dem Schlachtbetrieb zu. Wenn wir zu naseweis durch das Fliegengitter gafften, spritzte ein Metzger uns mit dem Wasserschlauch nass.

Die früher zugehörige Wirtschaft war längst aufgegeben worden, wie auch der schräg gegenüberliegende Löwen. Die aus diesem Hause stammende Wirtstochter gehörte zu den Batschweibern, die sich regelmäßig zum Tee bei meiner Großmutter einfanden. Gleich neben dem früheren Löwen hatte der Friseur Kübler seinen Salon. Auch dessen Mutter gehörte zu den alten Damen – in der Mehrzahl waren es Witwen –, die regelmäßig bei meiner Großmutter zu Gast waren. Dessen Sohn Klaus, einige Jahre jünger als ich, spielte mit großem Talent mit uns Älteren in den Höfen und auf den Straßen Fußball. Er war später mehrfacher deutscher Meister im Dreisprung und in dieser Disziplin auch Olympiateilnehmer.

Wenn nun die Langholzlaster sich Zentimeter um Zentimeter in die enge Kurve einschmiegten, verfolgten viele aus den genannten Häusern und Geschäften gespannt den weiteren Fortgang. Jene, die auf ihren Haarschnitt warteten, mischten sich unter die langsam größer werdende Gruppe Schaulustiger. Die hochbeladenen Fahrzeuge hielten in der Regel erst einmal an. Ein Beifahrer sprang aus dem Führerhaus, rannte ans Fahrzeugende und nahm auf einem eisernen Notsitz Platz, der in Höhe der Hinterachse angebracht war. Dort eines Tages als der Schwigger zu sitzen, der den Nachläufer steuerte, war der Traum vieler Jungen. Bei Regen und Sturm, Eis und Schnee, kurzum bei jeder Witterung nahm der eben noch unsichtbare Begleitmann diesen Platz ein. Jetzt fuhr der Holzlaster wieder vorsichtig an. Im Bemühen, den größtmöglichen Radius zu finden, streifte die Schnauze der Zugmaschine fast die Außenwand der Bäckerei. Zahlreiche Schleifspuren und graubraune Riefen auf dem Verkehrsschild, das den Weg nach Backnang wies, zeugten davon, dass nicht alle die Ideallinie gefunden hatten. Die Gaffer interessierte höchstens am Rande, ob die Zugmaschine das Haus oder das Schild touchierte. Wir wussten längst, dass der kritische Moment kam, wenn sich das linke Vorderrad über die Kante des Bordsteins wälzte, um noch die letzten Zentimeter des schmalen Gehwegs zu nutzen. Alle, die diese Zentimetergenauigkeit abfordernden Lenkmanöver beobachteten, waren darauf gespannt, ob das Zusammenspiel zwischen dem Fahrer und dem Mann, der die Kurbel über der Hinterachse drehte, so präzise war, dass das Gefährt die enge Kurve bewältigte, ohne Schaden anzurichten. Zentimeter um Zentimeter schob sich die Zugmaschine die dunkelgraue Hauswand entlang. Rufe hallten hin und her. Der Mann, dessen Beine unter dem eisernen Schalensitz baumelten, kurbelte in rasender Geschwindigkeit am Steuerrad, das in kleinstmöglicher Übersetzung die schwer belastete Hinterachse unsichtbar um wenige Grad verschob. Hin und wieder hielt er inne, um dann sofort wieder schnellstmöglich das Rad zu drehen. Erneut schallten Rufe hin und her. Es waren knappe Anweisungen, manchmal Kürzeln ähnlich, deren Sinn sich nur den Beteiligten erschloss.

Wenn der Fahrer so dosiert Gas zu geben versuchte, dass das linke, scharf eingeschlagene Vorderrad die Bordsteinkante erklomm und ein, zwei Fußlängen entlangrollte, hielten die Schaulustigen den Atem an. Längst staute sich der Gegenverkehr bis zum Marktplatz oder noch weiter zurück, und auch hinter dem Langholzwagen hatte sich eine Schlange gebildet, die über die Waagenfabrik hinaus bis zum Spintex reichte. Die Ortskundigen fuhren schon seit geraumer Zeit an den Murrlichtspielen vorbei die Lindengasse hinunter, um die Blockade zu umgehen.

Wieder heulte der zwischenzeitlich gedrosselte Motor auf. Zentimeter um Zentimeter schob sich das Ungetüm um die Kurve. Wenn es gut ging, ruckelte der längste Stamm, an dem ein signalroter Lappen befestigt war, haarscharf am Schaufenster des Schuhmachers vorbei, ließ es zur leisen Enttäuschung des Publikums heil bleiben.

Doch manchmal, und ich meine, das in meiner Kindheit des Öfteren erlebt zu haben, wippte der längste Stamm zu unruhig oder war um eine Handspanne zu ausladend. Dann konnte der Schwigger noch so laut brüllen. Der Fahrer hörte ihn nicht mehr. Zu gewaltig dröhnte der Motor. Klirrend barst die Scheibe. Scherben fielen in das Innere des Schaufensters und auf den Gehweg. Der Schuhmacher blieb stets ruhig. Man sah ihn nicht einmal gestikulieren. Vielleicht war die Entschädigung durch die Versicherung so lukrativ, dass er als erfahrener Geschädigter gar nicht erst in Rage geriet. Oder er hatte gelernt, das Unvermeidliche gelassen hinzunehmen.

Ja, wenn ich’s recht bedenke, habe ich Albert Wohlfahrt immer als ruhigen, eher leisen Zeitgenossen erlebt. Wenn man von der Riesbergstraße aus das ebenerdig angelegte Schuhgeschäft betrat, ertönte eine laute Klingel. War keine Kundschaft im Laden, stand meist niemand hinter der Verkaufstheke, hinter der sich eine Fülle eingelagerter Schuhschachteln in die Höhe türmte. Irgendwann ging im darüber gelegenen Stockwerk eine Tür auf, von der eine steile Treppe in den Laden hinabführte. Links und rechts der Treppe waren weitere Ablagen angebracht, in denen auch der kleinste Winkel mit Schuhen zugestellt war. Oben in der Werkstatt thronte der Meister auf seinem Arbeitsplatz. Rechts davon lag eine Wohnküche. Leder-, Leim- und Essensdünste vermengten sich.

Gleich gegenüber lag das großelterliche Haus. Für mich war es das Zentrum einer Welt, die aus Gärten, Bachrandstreifen, Plätzen, Straßen, Gassen, Höfen, Hausfluren und Werkstätten bestand und für Kinder frei zugänglich war.

Die Häuserzeile wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Sie reichte als geschlossener Block vom Bekleidungsgeschäft Kronenladen bis zum Steinmetz Griesheimer, der meist gebückt in eingestaubter blauer Montur über einem Grabstein werkelte. Das Haus mit der Nummer 3 erbaute der Küfermeister Carl Geistdörfer, mein Urgroßvater. Nachdem zwei Ehen kinderlos geblieben waren, heiratete er in fortgeschrittenem Alter ein drittes Mal. Aus der Verbindung mit meiner Urgroßmutter Gottliebin gingen die schönen Töchter Luise, Friederike und Lina hervor.

Am Gebäude erinnert ein in die hintere Natursteinwand eingelassener und später ausgemauerter riesiger Torbogen an die frühere Funktion. Die Öffnung war so ausladend, dass es ein Leichtes gewesen sein muss, einen Pferdewagen ins Innere zu bugsieren, um eines oder gar mehrere reparierte oder neu gebaute Holzfässer aufzuladen. Nach dem Tod des Küfers hatte man das hintere Tor vermauert. Der Laden und die hinteren Räume wurden an Gustav Gauß vermietet, der dort ein elektrotechnisches Installationsgeschäft betrieb und wohl der erste Elektriker Murrhardts gewesen ist. Kurz nach Kriegsende unternahm mein Großvater einen letzten Versuch, nach zwei Konkursen an dieser Stelle wieder als Kaufmann zu reüssieren. Während seine Schwarzmarktgeschäfte bis 1948 erfolgreich verliefen, scheiterte er mit dieser Unternehmung. Bis in die Neunzigerjahre war hinten eine Holztür erhalten geblieben, durch die man Laden und Geschäft vom Hof aus betreten konnte. Im Innern befand sich eine unbeheizte Küche mit altmodischem Spülstein und einer winzigen Kochgelegenheit. Später kam ein Abtritt hinzu, den man auf abenteuerliche Weise an die geschlossene Jauchegrube angeschlossen hatte. Das Plumpsklo im Erdgeschoss bereitete allerhand Probleme. Es stank bestialisch.

Man betrat das Haus von der Fornsbacher Straße. Über eine klobige, mit einem kleinen Drahtglasfenster versehene Haustür gelangte man direkt auf das betonierte Trottoir. Der Hausflur verlief nahezu ebenerdig und führte in seiner linken Hälfte zur untersten Treppe. Im hinteren rechten Teil war der Abstieg in einen ziegelgemauerten, stets muffelnden Keller. Bei Starkregen nahm der üble Geruch noch weiter zu. Eine zweiteilige Holzklappe überspannte das Treppenloch. War sie geöffnet und mit Riegeln an der Wand befestigt, tastete man sich über eine klapprige Holztreppe in den immer feuchten Keller hinunter, der für die Einlagerung verderblicher Dinge ungeeignet war. Über die heruntergeklappte Holzabdeckung gelangte man zu einem lichtlosen Raum, dessen obere Begrenzung die ins Innere abfallenden Stufen der darüberliegenden Treppe bildeten. Er beherbergte Kohlen und Briketts, die über den Hausflur bequem eingelagert werden konnten. Später, als wir Kinder im entsprechenden Alter waren, wurde seitlich eine Fläche freigemacht, um Kinderräder, Roller und Radelrutsch unterzubringen. Oberhalb der ersten Treppe eröffnete sich ein geräumiger Treppenabsatz, der uns vor allem bei schlechtem Wetter als Spielfläche diente. Erwachsene, die nach oben oder unten wollten, mussten sich vorsichtig zwischen aufgebauten Türmen, Menagerien oder in Schlachtformationen positionierten Plastikcowboys, Indianern oder Spielzeugsoldaten hindurchtasten.

Zweimal im Jahr kam ein beleibter Hausierer ins Haus, der schwer atmend den ersten Treppenabsatz erreichte, kurz verharrte und grußlos zwischen unseren Aufbauten hindurchtapste. Helmut trug sommers wie winters den immer gleichen abgewetzten beigen Trenchcoat, der von einem defekten Gürtel gleicher Farbe gehalten wurde. Der Mann hatte einen großen Koffer bei sich, den er schwitzend bis vor die Glastür der großelterlichen Wohnung wuchtete. Wenn meine Großmutter nach seinem Klingeln an die Tür kam, öffnete er den Koffer. Er enthielt ein großes Sortiment an Bürsten aller Art, von denen die meisten in eigens gefertigten Gummihalterungen steckten. Helmut gehörte zu den rund 400 000 Menschen, die im Dritten Reich in Folge des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses unfruchtbar gemacht worden waren. Auf Empfehlung von Ärzten hatte in seinem Fall das Stuttgarter Erbgesundheitsgericht entschieden, dass dem damals noch Minderjährigen im Städtischen Krankenhaus Bad Cannstatt die Samenleiter residiert und unterbunden wurden. Während unseres Spiels hörten wir seine fragmentarischen Erzählungen. Manchmal weinte er über sein Unglück. Dann nahm er seine altmodische, beschlagene Brille ab und wischte sich mit einem unsauberen Taschentuch übers Gesicht. Stets kaufte meine Großmutter ihm eine oder mehrere Bürsten ab. Wenn er seinen unförmigen Koffer wieder an uns vorbeischleppte, rückten wir verlegen zur Seite. Später hatte Helmut eine sichtlich verwahrloste, leicht verwirrte Frau bei sich, die er meiner Großmutter als seine Verlobte vorstellte. Wir Jungen waren darüber sehr verwundert, spekulierten fantasievoll darüber, wie das gehen könne, wenn er doch nicht könne. Rehabilitiert wurden Betroffene erst 2007. In den Genuss der 2011 vom Bundestag beschlossenen Entschädigungsansprüche wird Helmut wohl nicht mehr gekommen sein.

Auf der Höhe des Treppenabsatzes fiel Licht durch ein doppel- und ein einflügeliges Fenster. Wenn man das größere öffnete, gelangte man in gebückter Haltung über eine einfache, vor die Außenwand gestellte Holztreppe auf das Höfle. Wir Kinder hatten einen idealen Durchschlupf dorthin, wo die meisten unserer Spiele stattfanden. Aber auch meine siebzigjährige Großmutter stieg hier häufig ein und aus, etwa dann, wenn im Schuppen Holz zu holen war oder sie auf dem kürzesten Weg zur Milchzentrale wollte, um dort, was nur hin und wieder vorkam, selbst einzukaufen. Vor allem anderen war das ihr heiß geliebter Quark. Lediglich mein Großvater – weil zu beleibt – und meine Mutter – im Bemühen, ihre schicke Kleidung nicht zu verschmutzen und ihre kunstvoll hochgesteckte Frisur nicht zu derangieren – mieden diesen Hinausschlupf. Gemächlich spazierte mein Großvater ums Geviert, schlurfte, dabei mehrfach die Richtung wechselnd, an drei Seiten des Kronenladens vorbei und erreichte zwischen dem Banzhaf ’schen Haus und dem vorderen Teil der Kronenmetzgerei das Höfle.

Dort war unser Spielplatz und manchmal auch der Ort, an dem wir Kinder ganze Nachmittage beim Holzmachen helfen mussten. Es begann mit dem Anliefern mehrerer Raummeter Brennholz. Weitere kleine Mengen wurden vom Großvater mit dem Leiterwagen aus der Franzenklinge und aus dem Garten angekarrt. An einem trockenen Nachmittag tastete sich ein alter Bulldog an der Milchzentrale vorbei in den schmalen Hof. August Schäf, der ungefähr das Alter meines Großvaters hatte und in der Stadt auch für die Leerung der Gruben zuständig war, kam mit einer Bandsäge, die fest auf den Traktor montiert war. Nur wenige Worte wurden gewechselt, dann setzte sich das Band der Säge singend in Bewegung. Im Wechsel mit dem Großvater reichte ich dem Säger die Meterstücke, die er auf den Sägetisch legte und drei- oder viermal durchtrennte. Die Hurgel stapelten sich zu einem Haufen, der an Höhe und Umfang stetig wuchs. War das letzte Meterholz zersägt, schaltete Schäf das Gerät ab und bremste mit einem flach angelegten Stück Holz den Lauf des Bandes. Zügig wurde ein Glas Most getrunken, dann der Lohn errechnet und ausbezahlt. Vorsichtig lenkte der Säger den Traktor rückwärts wieder auf die Hauptstraße hinaus. Das Sägemehl wurde in eine Zinkwanne geschaufelt und mit dem Leiterwagen in den Garten gebracht. Auch an den kommenden Tagen gab es Arbeit. Während der Großvater gemächlich das Holz spaltete, sammelte ich die Scheite in einen Weidenkorb, dabei stets darauf achtend, nicht von einem umherfliegenden Holzstück getroffen zu werden. Die hintere Hälfte des an das Haus angebauten Holzstalls war mit rohen Bretterwänden so abgeteilt worden, dass das gespaltene Holz bis unters Dach gestapelt werden konnte. Mehr als ein Fuffzgerle sprang bei dieser Schufterei nicht raus.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren wohnten im Haus der Großeltern immer noch Flüchtlinge. Es herrschte nicht mehr die drückende Enge der unmittelbaren Nachkriegszeit. Der Laden beherbergte jetzt das Fahrradgeschäft Holubek. Schon am Namen war zu erkennen, dass es sich hier um Zugezogene handelte, Flüchtlinge aus dem Sudetenland. Das ebenerdig gelegene Geschäft war ein weiterer Mosaikstein meiner kindlichen Erlebniswelt. Holubeks waren die Einzigen, die ein Telefon besaßen. Das mächtige schwarze Ungetüm stand auf einer Verkaufsauslage, deren einzelne Gefache mit gerahmten Glasplatten abgedeckt waren. Darunter befand sich alles, was gebraucht wurde: Schrauben und Muttern jeder Größe, Fahrradlampen, Birnchen, Ventile, Züge für die verschiedenartigen Gangschaltungen, zusammengefaltete Schläuche, Flickzeug. Auch die von uns so begehrten Taschenlampen samt zugehörigen, für uns Kinder oftmals kaum erschwinglichen Batterien gab es zu kaufen.

Wer zum Holubek kam, wurde von vielfältigen Gerüchen empfangen. Öl, Gummi, Klebstoff, Bakelit und die muffeligen Ausdünstungen eines an die siebzig Jahre nicht mehr aufgefrischten Mauerputzes vermengten sich mit den Ausdünstungen einer winzigen Küche, die vom vorderen Raum, der Laden und Werkstatt in einem war, nur durch einen niemals gewechselten Vorhang getrennt wurde. Hinzu kam, dass beide Eheleute starke Raucher waren und von diesem Laster auch während der Arbeit nicht lassen konnten. Im vorderen Raum hatte Holubek zwei Halterungen an die Decke montiert, an denen zu reparierende Fahrräder aufgehängt werden konnten. Helles, gleißendes Licht entsprang mehreren seitlich angebrachten Neonleuchten. Rechts der Eingangstür befand sich ein offener Durchgang zu einem Nebenraum, der auf der einen Seite die Aufmerksamkeit der Jungen, auf der anderen das entzückte Staunen der Mädchen auslöste. Vor der linken Wand stand – nicht ganz im rechten Winkel zu dieser – ein nagelneues Fahrrad neben dem anderen. Nach Kinderfahrrädern mit und ohne Stützräder folgten die von den jugendlichen Gaffern besonders begehrten Räder mit 24er-, 26er- und 28er-Felgengröße. Wenigstens eine Dreigang-Nabenschaltung musste es sein. Kühne Schwärmer fabulierten von Fünf- und Zehngangschaltungen. Manchmal schwebte über allem ein an dünnen Drahtseilen aufgehängtes Rennrad mit schmalem Sattel, 28 oder gar nur 25 Millimeter breiten Pneus und Kettenschaltung mit bis zu 24 Gängen.

Gegenüber den nagelneuen Fahrrädern befand sich Frau Holubeks Puppenreich. Unzählige Puppen und eine breite Auswahl an Puppenwagen weckten die Sehnsüchte kleiner Mädchen, die sich oftmals von außen am Schaufenster die Nasen platt drückten.

Das Ehepaar blieb zeitlebens kinderlos. Sie waren aus dem Böhmischen geflüchtet und in den Nachkriegswirren in einem Zimmer untergekommen, das eigentlich zur Wohnung meiner Großeltern gehörte. Da es einen eigenen Zugang hatte, konnte es problemlos vermietet werden. Die Bewohner mussten die anderen Räume nicht betreten. Was als vorübergehende Lösung gedacht war, wurde zu einem Jahrzehnte währenden Dauerzustand. Holubeks wohnten bis zu beider Lebensende in einem einzigen Zimmer. Neben dem ausladenden Doppelbett, einem Schrank und einigen Kleinmöbeln war nur noch ein altertümliches Waschbecken vorhanden. Tagsüber hielt sich das Ehepaar in seinem Laden im Erdgeschoss und der dahinter liegenden ärmlichen Küche auf. Die Wärmedämmung hin zu einem unbeheizten Lagerraum, über den man den Hof erreichen konnte, bestand aus Pappen, die auf ein Türgatter genagelt waren.

Welch abenteuerliche, ja gefährliche Konstruktion Holubek hinterlassen hatte, wurde Jahrzehnte später offenbar. Nach dem Tod seiner Frau, die nach dem frühen Ableben ihres Mannes den Laden noch etliche Jahre weitergeführt hatte, suchte die in Murrhardt stark gewordene Alternativbewegung Räumlichkeiten für einen Treffpunkt. Der Holubek schien geeignet zu sein. Es bedurfte etlicher Gespräche, um die skeptische Zurückhaltung der Vermieterin – meiner Tante – zu überwinden. Als dies gelungen war, machte sich ein Dutzend Enthusiasten daran, den früheren Fahrradladen zu einem Zentrum umzubauen, welches unter dem Namen Wespennest geführt wurde. Dort trafen sich etliche Jahre Frauen-, Friedens- und Umweltgruppen. Die grünalternative Gemeinderatsfraktion, die den sperrigen Namen Murrhardter Demokraten – Alternative Liste gewählt hatte, führte hier Sprechstunden und Bürgergespräche durch. Und zwischen 1982 und 1991 wurde in den Räumen das 1977 erstmals erschienene Podium, ein alternatives Monatsblatt, produziert. Diethard Hauke, ein gelernter Elektriker und späterer Lehrer, hatte sich bereiterklärt, mit mir zusammen die altersschwache Elektroinstallation auszuwechseln. Diese war schon in den vorderen Verkaufs- und Werkstatträumen unzulänglich. Doch das, was wir in der winzigen Küche vorfanden, hatte selbst der ausgebildete Elektriker noch nie gesehen: Mittels starrer Kupferdrähte, wie man sie Kindern mit daran befestigten aufgeblasenen Luftballons in die Hand drückte, hatte der Fahrradhändler auf dem Putz mehrere Verbindungen gelegt. Zum Glück der Hausbewohner war nie ein Brand ausgebrochen. Die ölgetränkten Dielen des Raumes, in dem Holubek die Fahrräder repariert und Naben und Ketten geschmiert hatte, hätten ein Feuer kräftig genährt.

Das Arrangement des Fahrradgeschäfts vervollständigte ein sandfarbener Mercedes 170, Baujahr 1938, in der Ausführung als viertürige Limousine. Der Wagen stand regelmäßig vor dem Laden – sehr zum Ärger derer, die vor der Einmündung der Fornsbacher- in die Hauptstraße anhalten und dann im Blindflug auf die Gegenfahrbahn ausscheren mussten, da sie nicht sehen konnten, was ihnen jenseits der Neunziggradkurve entgegenkam.

DIE UMGEBUNG

Wo heute unmittelbar vor der Abzweigung der Straße nach Köchersberg die Firma Bosch zu Hause ist, wurde nach Kriegsende auf freiem Feld ein neuer Betrieb aufgebaut, der zuvor in der nunmehr sowjetisch besetzten Zone – Ostzone sagte man damals mit abfälligem Unterton – beheimatet gewesen war. Mit dem notwendigen Know-how und einigen Spezialisten kam ein aus Hartha stammender sächsischer Unternehmer in die rückständige schwäbische Kleinstadt und gründete zusammen mit zwei Partnern die Spintex Spinnerei Maschinenbau GmbH. Innerhalb weniger Jahre fanden hier zahlreiche Einheimische und Vertriebene, die es nach Flucht oder Gefangenschaft nach Murrhardt verschlagen hatte, eine Beschäftigung. Allmählich wurde die mehrere Jahrzehnte währende Vorherrschaft der einheimischen Lederindustrie gebrochen. Die Waagenfabrik Soehnle war – ebenfalls in der Fornsbacher Straße gelegen – zum wiederholten Male erweitert worden. Spintex und später Bosch beschäftigten zusammen mit der Firma Soehnle über 1000 Mitarbeiter. Bereits bestehende Verbindungen führten in den 1960er-Jahren zur Übernahme durch die Firma Bosch, die vertraglich zugesichert hatte, sämtliche Spintex-Mitarbeiter zu übernehmen und während der folgenden zehn Jahre nicht zu entlassen.

Gleich neben den Nachkriegsbauten der Waagenfabrik lag das Eichamt. Daneben wohnte der Rindsbeutel, der so hieß, weil er stets seinen von ihm so benannten Geldbeutel suchte. Seine schönen Zwillingstöchter waren Schulkameradinnen meiner Mutter gewesen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich etwas versetzt der Komplex des früheren Krankenhauses. Bis Ende der Fünfzigerjahre hielt darin die Hebamme Haag noch eine Geburtsstation aufrecht. Trotz Unmutsbekundungen aus der Bevölkerung und energischer Gegenwehr der resoluten Geburtshelferin wurde diese dann ebenfalls geschlossen. Die riesigen Krankenzimmer dienten von nun an der Unterbringung alter Menschen. Pflegebedürftige wurden in Achtbettzimmern untergebracht.

Diese zu durchqueren, gehörte zu den unangenehmsten Pflichten meiner Kindheit. Denn am Ende eines dieser Säle führte eine Tür in ein kleineres Zimmer, in welchem Frau Rotter, eine Bekannte meiner Mutter, wohl ganztägig im Bett lag. Ich hatte der Gelähmten hin und wieder kleine Geschenke zu bringen. Mit bangem Herzen öffnete ich als Zehn-, Elfjähriger einen Flügel der riesigen, massiven Doppeltür, die in eines dieser Mehrbettzimmer führte. Zur Rechten und zur Linken waren nahezu symmetrisch zueinander jeweils vier Betten platziert, die immer belegt waren. Hier lagen nur hochbetagte Frauen. Manche reagierten nicht auf mein Eintreten, was mir mehr als recht war. Andere hoben die Köpfe, soweit es ihre verbliebene Kraft noch zuließ, und reckten ihre mageren faltigen Hälse, um zu sehen, wer da kam. Mich erinnerten die Köpfe an Geieroder Truthahnschädel. Die eingefallenen, blassen Gesichter verharrten regungslos. Mein verlegen gemurmeltes »Grüß Gott« wurde nur selten erwidert. Meist blieben die blutleeren Lippen stumm. Rasch ins Hinterzimmer gehuscht, die Gabe abgestellt, nochmals ein »Grüß Gott«, so bald als möglich »Auf Wiedersehen« und endlich schnellen Schritts wieder durch das Achtbettzimmer. Minuten später empfand ich es als Wohltat, die Luke des hinter dem Haus erbauten Schweinekobens aufzusperren und hineinzuschnüffeln. Der Gestank der Sau, die hier mit den Essensresten aus der Altenheimküche gemästet wurde, war ein Wohlgeruch im Vergleich mit dem Brodem, der in den Mehrbettzimmern wölkte.

Beim Verlassen des Geländes fand man sich vor der Haltestelle wieder, an der die gelben Postomnibusse hielten, die über Kirchenkirnberg nach Welzheim fuhren. Des Sommers brachen wir von hier gelegentlich zum Ebnisee auf. Die stets gleichbleibende sonntägliche Abfahrtszeit ist mir auch mehr als ein halbes Jahrhundert später noch in Erinnerung: 8 Uhr 23. Rückfahrt direkt ab dem See: 17 Uhr 48.

Wenige Meter weiter in Richtung Innenstadt bog links die Wallstraße ab, deren unterer Teil beidseitig von Gärten gesäumt wurde. Der größte, gleich an die Schlosserei Meier angrenzend, auf der rechten Seite gelegen, gehörte meinem Großvater, der einen nahezu gewerbsmäßigen Gemüseanbau betrieb. Das und der Umstand, dass später auch noch der benachbarte Horn’sche Garten dazugekauft wurde, hatten für mich nachteilige Folgen. Viele halbe Tage verbrachte ich dort mit Umgraben, Hacken, Jäten, Pflaumenernte und Träublezopfen. Und wenn nichts anderes zu tun war, war etwas auszuschneiden, oder der riesengroße Komposthaufen musste umgesetzt werden.

Im günstigsten Fall wurde dies nach getaner Arbeit mit einer Einkehr belohnt. Auf dem Weg zur Wirtschaft passierte man das Anwesen des Viehhändlers Rittberger, der mit seinem verbliebenen einen Arm einen riesigen Transporter lenkte. Den Arm habe er im Krieg gelassen, sagten die Leute auf kindliche Nachfragen.

Mit Paul, dem Sohn, und der Tochter Dorle streiften wir an manchen Tagen durch die Gärten, die hinter der Häuserzeile lagen. Beide waren gelegentlich Zielscheibe der Spottreime meines Vetters Thomas:

»Paule, Paule, krieg’sch gleich was auf ’s Maule.«

»Dorle – schwarz’ Mohrle.«

Nach wenigen Schritten hatte man das Tor zum Garten der Eiche erreicht, einer beliebten Weiber-Wirtschaft. Das noch lange von der alten Frau Lamprecht und ihrer Tochter Trudl geführte Lokal war einer der Fixpunkte meiner Kindheit. In sicherer Obhut des Großvaters fand ich dort Ruhe und Erfrischung.

Neben meinem heftig schnaufenden Großvater erklomm ich die steile Staffel. Schon im Hausflur des stattlichen Anwesens ließ man die sommerliche Hitze hinter sich. Es roch mostig. Am Ende eines langen Flures führte eine ebenerdig angebrachte Tür wieder ins Freie hinaus. Rechts waren Klos, an deren massiven Holztüren noch Abort stand. Meine Großmutter verwendete zur Benennung dieser Örtlichkeit zeitlebens eine andere Bezeichnung: Abtritt.

Hatte man durch eine bemalte Holztür endlich den Gastraum betreten, umfing einen ein sauberes, einfaches Ambiente. Der Holzboden war mit Stahlwolle geschrubbt, blank gefegt und gewachst. Glatt geschliffene Ahornholztische, die Wände entlang durchgehende Bänke, einfache Stühle, eine mit Ausnahme der Arbeitsfläche in dunklem Holz gehaltene Theke. Der vordere Gastraum war von einem Nebenzimmer und der dahinter liegenden Wirtshausküche mittels einer holzgefassten gläsernen Schiebetür getrennt.

Im Sommer standen immer mehrere Fenster offen, vor denen Geranien die Luft filterten. Träge Stubenfliegen taumelten unablässig zwischen drinnen und draußen. Der Straßenlärm schien stetig abzunehmen, störte nicht. Die halblauten Gespräche der Stammgäste und der sporadisch Einkehrenden vermochten das kleine Glück nicht zu beeinträchtigen, dessen höchstmögliche Steigerung dann erreicht war, wenn der Großvater zur Bluna noch eine staubtrockene salzige Huoberbrezel spendierte.

Hektik und lautstarke Unterhaltungen, wie sie in anderen Wirtschaften an der Tagesordnung waren, gab es hier selten. Händel wurden sowohl von der Mutter als auch der unerschrockenen Tochter im Keim erstickt.

Beeindruckend für das kindliche Auge war eine Batterie Bierwärmer, mittels derer der ohnehin nur kellerkühle Trunk für etliche ältere Stammgäste angewärmt wurde.

»Wie warm soll’s denn sein?«

»Überschlagen«, lautete eine häufigere Antwort, deren Gehalt nur der Wirtin und deren Tochter vertraut war.

Mein Großvater hatte seinen angestammten Platz. Nach knappem Gruß steuerte er einen Tisch im linken Eck an und setzte sich mit dem Rücken zur Längswand auf die Eckbank. Ich saß mit dem Rücken zur Straße. Zu beiden Seiten standen die Fenster offen und gaben über die Geranien hinweg den Blick in den prächtigen Garten oder auf die Fornsbacher Straße frei, auf der der Verkehr zwischen der Eiche und der Linde dröhnte. Noch kam es vor, dass der Verkehr durch einen pferdebespannten Wagen verlangsamt wurde, der über die Ausfallstraße zur Stadt hinausruckelte.

Das allerletzte Gespann wurde von dem Fuhrmann Hudelmaier gelenkt, der mit zwei starken Pferden Langholz transportierte. Wenn er sich auf dem Heimweg befand, legte er manches Mal an der Eiche einen Zwischenhalt ein. Bei Kälte deckte er die schweißdampfenden Gäule ab, ehe er ins Wirtshaus ging. Ans vordere Ende der Deichsel hatte er zuvor einen offenen Holzkasten gehängt, den er aus einem mitgeführten Sack mit Hafer füllte. Die Pferde dampften und malmten. Die großen Tiere ließen sich anfassen und streicheln. Der Fuhrmann blieb oft so lange sitzen, bis die Wirtin oder deren resolute Tochter ihn mahnten, nun endlich den Heimweg anzutreten. Es hieß, die Gäule hätten zu später Stunde selbst dann den Weg in den heimischen Hof gefunden, wenn der Wagenlenker auf dem Bock vom Schlaf übermannt worden sei.

Zur Erntezeit hatte der Großvater manchmal einen oder gar zwei große Körbe dabei. Er brachte Salat, Rettiche und anderes Gemüse aus dem eigenen Anbau. Ob das Geschäft gegen Bares oder Flüssiges abgewickelt wurde, blieb dem kleinen Jungen stets verborgen.

Heute mündet die Innenstadttangente zwischen Eiche und Linde in die Fornsbacher Straße. In den Sechzigern war dieser Straßenabschnitt selten stark befahren. Rasch war man auf der anderen Straßenseite, sah noch manchmal das offene Schmiedefeuer des Schmieds Noller und war dann vor der Linde. Angeblich habe früher einmal ein Lindenbaum vor der Wirtschaft gestanden. Das Lokal hatte für mich zu verschiedenen Zeiten eine gewisse Bedeutung. Um das Jahr 1964 genoss ich dort das erste Mal Pommes frites. Einer der zahlreichen Verehrer meiner Mutter hatte diese und uns Kinder zu einem Sonntagsessen eingeladen. Was es sonst noch gab, weiß ich nicht mehr. Nur dass es dazu Fritten gab, blieb mir in Erinnerung.

Einige Jahre später wurde im oberen Stock ein Tanzlokal eröffnet. Der Betreiber – es war der junge Fürst, der Sohn des Inhabers des Murrhardter Bahnhofstübles – gab ihm in Anlehnung an den Namen der im Erdgeschoss gelegenen Wirtschaft den wenig originellen Namen Olinda. Ich verkehrte dort nur selten. Anfangs wurden wir Jeansträger abgewiesen. Später erkannte der Inhaber, dass derartige Regeln arg geschäftsschädigend waren. Doch nun war der Laden für mich und andere uninteressant geworden – die falschen Leute, vor allem aber die falsche Musik.

Zwischen dem Pommes-Erlebnis und dem schwindenden Interesse an dieser Murrhardter Diskothek gab es eine Zeit, in der ich mich gerne mit Automatenspielen beschäftigte. Im Eingangsbereich der Linde, gleich unterhalb der Treppe, die später hoch zur Diskothek führen sollte, stand einer der ersten Murrhardter Flipper-Automaten. Im Vorraum des Töpfer-Stübles am alten Sportplatz stand ein weiterer, ein dritter befand sich in einem Kabuff beim Schatten-Max, der Gaststätte Schattenkeller nahe der katholischen Kirche. An diesen Groschengräbern wurde das hart verdiente Geld in kurzer Zeit wieder verspielt. Ein Spiel kostete 20 Pfennig, drei Spiele gab es für ein Fuffzgerle.

Erwartungsvoll schlich man sich in den Flur. Ja, das Gerät war eingeschaltet, war spielbereit. Nach dem Geldeinwurf ertönte ein blechernes Meckern. Die Anzeige stellte sich auf null. Das gebraucht angeschaffte Gerät war noch nicht mit einer automatischen Kugelvorlage ausgestattet. Man drückte den altmodischen Kugelheber, der die glänzende Kugel in den Abschusskanal beförderte. Dosiert zog man an der Abschuss-Stange. Der erste Ball war im Spiel. Nun kam es darauf an, ihn mit Glück und Können möglichst lange zwischen den Bumpern tanzen zu lassen, ihn, wenn er nach unten schnellte, mit Geschick mit einem der beiden Flipper zu stoppen, ihn auf den anderen zu legen, um mit einem gezielten Schuss die Drop-, Swing- oder Roto-Targets zu treffen oder die Spinner in schnelle Rotation und damit zu Punkten zu bringen. Außer zu punkten war es wichtig, die Bälle lange im Spiel zu halten, um für das knappe Geld möglichst viel Vergnügen zu ernten. Mehr als 50 Pfennig konnte meist nicht investiert werden. Drei Spiele, fünfzehn Kugeln, fünf pro Spiel. Um ein Freispiel zu erlangen, musste jeder Ball optimal zum Tanzen gebracht werden. Feinfühliges Flippern, leichte Kicks, gekonnte Saves, blitzschnelle Links-Rechts- oder Rechts-Links-Kombinationen. Die Krönung: der Falling Hold Pass. Und alles ohne TILT! Bei bestimmten Kombinationen gab’s einen Extraball, was die Chance auf die Erreichung eines Freispiels erhöhte.

War das Spiel durchschnittlich oder gar schlecht verlaufen – mit einem Ende ohne Freispiel –, hatte man mit Rosinen gepokert. Was hätte man mit 50 Pfennig alles anfangen können! Zu spät.

Zügiger, als man hereingekommen war, ging’s auf die Straße hinaus. Enttäuscht, vielleicht sogar verärgert über das Verdaddeln der letzten Münzen, nun aber auch dem muffigen Geruch entfliehend, der im Gebäude herrschte. Tief durchatmend gebar man im Freien bereits wieder Ideen, wie das nächste Mal besser, geschickter, erfolgreicher gespielt werden könnte.

Wenn man die Linde verließ und sich nach rechts wandte, erreichte man ein von der Straße zurückgesetztes, heruntergekommenes kleines Häuschen, in dem in rasch wechselnder Folge Leute untergebracht waren, denen es nicht gut ging. Manche verdienten sich beim Lindenwirt ein paar Mark. Viele zogen weiter, wenn es die Umstände oder das, was Schicksal genannt wurde, es verlangten.

Eine dichte Hecke passierend gelangte man auf den Vorplatz des Kinos. Die Murrlichtspiele waren neben dem alten Sportplatz und, während des Sommers, dem Freibad ein wichtiger Treffpunkt der Schuljungen. Klassisches Rumgelümmle, neugierige Blicke auf die Aushänge, großspurige Prahlereien der Kenner und Checker, die älteren Jungs immer darum bemüht, einen guten Eindruck zu hinterlassen und Jüngere zu veräppeln. Mädchen tauchten nur vor den Vorstellungen auf, und das auch nur bei Filmen, die sie mochten.

Vom Obermühlenweg führte damals die kurze, nur einseitig mit kleinen Häuschen bebaute Lindengasse zum Kino hinauf. Sie fiel, wie das gegenüberliegende Berner’sche Haus, in den Achtzigerjahren dem Bau der Innenstadttangente zum Opfer. Das letzte Gebäude und die dahinter liegenden winzigen Gärten wurden mittels einer immergrünen buschigen Hecke so vom Längsbau des Kinos abgetrennt, dass zwischen Außenwand und Hecke ein vier Meter breiter, grob geschotterter Streifen frei blieb, über den ein Teil der Kinobesucher nach Ende der Vorstellung über einen Seitenausgang abwanderte. Das gleiche Gestaltungsprinzip fand man auch auf der gegenüberliegenden Seite. Von der leicht ansteigenden Lindengasse erreichte man das Kinogelände über mehrere in die Steigung eingelassene meterlange Treppenstufen. Nun stand man vor dem Herzstück der Murrlichtspiele, einem halbrunden Glasbau, in dem sich das Foyer und ein mittig angelegtes Kassenhäuschen befanden. Rechts davon betrat man den Kinosaal. Kamen links die Besucher früherer Vorstellungen heraus, wusste man, dass alsbald mit dem Kartenabriss begonnen und der Zugang zur nächsten Vorstellung geöffnet würde. Auf beiden Seiten waren die gemauerten Wände, die den Anschluss an das gläserne Halbrund bildeten, mit hohen verglasten Schaukästen versehen. Meist war hier die Vorschau auf Filme angeschlagen, die dem aktuellen Programm folgen würden.

Ein weiterer freistehender Schaukasten informierte über das Programm der Sternlichtspiele, des anderen Kinos in der Innenstadt. Allmählich wich unsere begeisterte Arglosigkeit beim Betrachten der Kinobilder einem von derben Zoten begleiteten Voyeurismus. Sexbilder waren zu sehen. Zu unserem Verdruss wurden manche Bilder mit Nadeln so fixiert, dass Interessantes auf darunter liegenden Bildern verdeckt wurde. Noch vor wenigen Jahren hatte es einen Skandal um die Aufführung des Films Die Sünderin gegeben. Nur für Sekunden und zudem kleinformatig war die nackte Knef zu sehen gewesen. In der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre hatte die Pornowelle auch Murrhardt erreicht. Im Spätprogramm des Sternkinos wurden vermehrt Softpornos gezeigt. Junge Männer, die sich ein paar Mark hinzuverdienen wollten, arbeiteten jetzt noch begeisterter als Filmvorführer. Hauptzielgruppe war neben den einheimischen Halbstarken die wachsende Zahl der fern ihrer Familien lebenden Gastarbeiter, von denen viele verschämt in den Zehnuhrfilm schlichen. Wir waren zu jung. Keiner von meinen Kumpels oder Straßenbekanntschaften traute sich, heimlich in eine dieser Spätvorstellungen zu schlüpfen.