Wir ohne Wal - Birgit Birnbacher - E-Book

Wir ohne Wal E-Book

Birgit Birnbacher

4,6

Beschreibung

Birgit Birnbachers Figuren lassen Wale steigen, leihen sich Geld bei der Bank für eine Fischbude in Camden, klettern einarmig auf den Springturm im Freibad, wenn Herbst ist, sitzen mit anderen nackt in fremden Wohnzimmern, wollen was tun, aber am liebsten was Großes. Sie sind politisch, fühlen sich machtlos, solidarisieren sich. Nehmen Drogen, aus Langeweile, überfallen eine Tankstelle, aus Dummheit. Sie leben in der Kleinstadt, sie wollen nicht unbedingt weg, aber hier sein allein reicht nicht. Sie suchen ihren Platz, und während sie sich fragen, was es zu bedeuten hat, dass der Mensch genetisch zu über 50 Prozent mit einer Banane übereinstimmt, kriegt einer die Kurve und eine andere die Panik. Viel war die Rede von denen über 30. Doch was machen die mit Mitte 20? Ausbildung, studieren, etwas anderes, alles anders. Feiern, die Welt verbessern, labern. Aber das Leben: Ist das schon das Leben? Ist das alles schon ernst? Während sie noch darauf warten, dass es beginnt, müssen sie erkennen, sie sind längst mittendrin. Und aus diesem Mittendrin stürzt sich jemand von der Brücke und einer schaut zu.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 209

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Wir ohne Wal

Die Arbeit an diesem Buch wurde durch ein Startstipendium des Bundeskanzleramts Kunst und Kultur und den Theodor-Körner-Fonds gefördert. Die Autorin dankt für die Unterstützung.

© 2016 Jung und Jung, Salzburg und Wien Umschlagbild: © getty images / Andre Bernardo »A walk through the blank space«Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-99027-089-9eISBN 978-3-99027-150-6

BIRGIT BIRNBACHER

Wir ohne Wal

Roman

1. Vulgäres mit Edding (Anna)

Bei uns ist ja der Himmel fast immer weiß und der Verkehr gleichmäßig laut. Er ist einfach da und irgendwann nicht mehr, und obwohl er ein Wal über einer Stadt ist, bemerkt man ihn kaum.

Wenn wir Superhelden wären, wärst du Robin und ich Batman, sag ich zur Begrüßung, als du dich zu mir ins Auto setzt. Robin ist doch überhaupt keiner, sagst du, und ich sag, eben, und bevor du mich umarmen kannst und ich merke, dass du es nicht tust, starte ich den Wagen.

Hier stinkt es, sagst du, das ist, modert hier was, ist das feucht am Boden? Ich gebe Gas und du sagst, schief ist das hier. Der Wagen, der ist doch schief, die eine Seite hängt, und ich sag, das ist die Straße, die bauen was, reißen alles auf.

Du riechst nach Duftladen und Kinderkaugummi, ich unterdrücke einen Hustenreiz. Es ist wie immer zwischen uns: Zwillinge sind wir nicht, das sieht man gleich. Du schmal und hell und zart, ich Kunst, du Vetmed. Veterinärmedizin, ob das dein Ernst ist, hab ich dich damals gefragt, und schnarch, hab ich gesagt.

Sag schon, was ist?

Du wolltest mir was sagen, dich treffen, am besten im L1, das L1 kennst du noch. Das L1, hab ich gedacht, Feierabenddudelmusik und Laptoptaschen unterm Tisch, aber gesagt hab ich nichts, nur, gut, dann L1. Erst wenn wir dort sind, willst du reden, sagst du jetzt, reibst dir die Nase und schaust dabei auf deine Knie oder den übervollen Aschenbecher.

Und sonst?, sagst du. Hast du noch diesen Typ, diesen … den, der immer nur in der Bude gesessen ist und Nudeln abgezählt hat?

Nein, sag ich, ist nach Wien gegangen.

Wir schweigen eine Weile, ich fahre, du lässt dich für mein Gefühl ein bisschen zu übertrieben mitschütteln. Du tust, als würdest du die Straßen mustern, und ich denke, was schaust du, hier hat sich nichts verändert, darum gehen ja alle nach Wien. Hier ändert sich nie was, deshalb gibt’s ja noch das L1.

Acht Jahre bist du nun schon in Zürich. Oft haben wir uns nicht gesehen, zwischen den Weihnachtstreffen höfliche Geburtstagsgrüße mit zu langen Sprechpausen am Telefon. Mich haben die Pausen nie gestört. Ich hab gedacht, komisch, wenn eine Pause auf die andere trifft, wird das Schweigen ein Rauschen. Aber du bist nervös geworden, hast hineingehustet.

Das mit dem Vetmedstudium hast du durchgezogen, das mit Hermann auch, zwei, drei Jahre waren das. Hermann mit der Spedition, Hermann mit der randlosen Brille. Einmal hab ich euch besucht und auf der Zugfahrt bemerkt, dass ich nicht die geringste Ahnung von deinem Leben habe. Ich hab versucht, mir vorzustellen, wie ihr lebt, Hermann und du. Ob du noch blondere Haare hast und einen Tierarztkittel an. Ich hab mir dich in dem Arztkittel vorgestellt, wie du die Gegend nach verletzten Tieren absuchst, dich in Gummistiefeln und mit Zwingern auf der Rückbank. Dich in einem Suzuki, so ein Försterding mit Ladefläche, mit dem man angefahrene Hirschkühe auf Planen transportieren kann. Hermann und dich an einem Wochentag, wenn ihr mal freihabt, an einem ganz normalen Dienstag. Euch beide miteinander im Bett. Wie Hermann Hanna zu dir sagt, wie du das früher einmal mochtest. Ich habe mich gefragt, ob Hermann das weiß, es viel besser weiß als ich, und mir vorgestellt, dass er eine rosige Gesichtshaut hat, wenn er morgens aufsteht, bevor du in den Garten hinausgehst und das Gras mähst und ihr in der Morgensonne goldbraunen Toast esst. Dass du gut bist für Hermann. Und dass die Tiere, die Hunde in den Zwingern, die geschlagenen, gezeichneten, die traumatisierten Hunde, dass die spüren, dass du auch für sie gut bist. Wie du das alles, das Mähen und diese Fahrten und den kranken Hunden Brei geben, dass du das alles wie nebenbei machst, nie nach Achtzehnstundentagen klebrige Haarsträhnen im Gesicht hast oder Augenringe. Und dass du Heldentaten vollbringst, über die du aber nicht sprichst, weil man das als Held eben nicht macht. Aber Hermann, der spricht darüber, wenn ihr Besuch habt, und ihr habt öfter Besuch. Gerne Samstagabend, gerne von Leuten, die sich für diese Besuche extra Frisuren machen und Stecktücher tragen und Schnittblumen mitbringen. Hermann lässt keine Gelegenheit aus, dich hochleben zu lassen, und während du errötest und abwinkst und euren Gästen, die alle Lisa Marie oder Robert oder Viktoria oder Ralf heißen, Chardonnay nachschenkst und halbherzig vom Thema ablenkst, erzählt Hermann, der sich jetzt erst so richtig warmgeredet hat, dass du sogar gelegentlich Dankesbriefe bekommst. Vom Oberförster zum Beispiel, vom Bürgermeister, von Kommunalpolitikern. Einladungen zur Jahresfeier des Tierschutzvereins. Und dass du auf diesen Feiern zwar die eine oder andere Geschichte erzählst, aber nie aus der Wirklichkeit. Wie die Blutlachen unter den Rehen am Asphalt eintrocknen, wie rosa ihre Zungen sind, wie feucht ihre Schnauzen. Dass sie Schaum vorm Mund haben oder eine gallertartige Flüssigkeit, Tumore. Dabei machen Robert und Ralf und Lisa Marie kleine Os mit ihren Mündern und nicken beim dritten Chardonnay anerkennender als beim ersten. Aber wie es gewesen ist, das Tier zu retten, wie schwierig, darüber würdest du kein Wort verlieren, bestimmt nicht. Hermann schüttelt den Kopf, das würdest du nie tun, die Ralfs und die Lisa Maries schütteln den Kopf, und auch ich habe den Kopf geschüttelt, allein in meinem Zugabteil, vierzig Kilometer vor Zürich.

Als ich dann bei euch ankam, war ich trotzdem überrascht, dass tatsächlich alles ganz ähnlich war, schlimmer. Ihr seid mir vorgekommen wie in einem Urlaub-am-Bauernhof-Werbespot, und an beiden Tagen schien die Sonne auf die Zwinger. Auf dem Gartentisch hattet ihr eine rot-weiß karierte Tischdecke mit Klammern gegen den Wind, und jetzt, wo ich daran zurückdenke, kommt es mir vor, als hättet ihr ein Huhn gehabt, aber nein, ein Huhn habt ihr nicht gehabt. Wie das Gras vom Licht golden schimmerte, die Hänge an der Ostseite schattig waren vom nahenden Abend und ich meinen Puls in den Schläfen pochen spürte. Wie ihr stolz eure Wohnung gezeigt habt, polierte Böden, weiße Möbel, eingerahmte Paarbilder, Urlaubsbilder. Bilder, auf denen ihr euch in Lavendelfeldern spitze Küsse gebt, Provencebilder. Dass ihr in der Küche ein hölzernes Schild hattet, auf dem Küche stand. Wie wir kompliziert hintereinander herstiegen, ich immer voraus, als wolltet ihr mir nicht in der Aussicht stehen. Dass ihr euer Leben auf zwei Zimmer aufgeteilt hattet, und wie ich dachte, in einem wohnt und esst ihr, im anderen sagt Hermann Hanna zu dir. Wie ich auf die Terrasse vorausging, mich in den weichen Polster eines knirschenden Korbsessels in eure Gartenstille fallen ließ und ihr mir gegenüber auf der Bank gesessen seid. Wie du sagtest, kannst du dich um einen Hasen kümmern, ich kann dir Hasen mitgeben, wir haben ein paar kleine, wenn du welche willst. Dass ich nichts zu sagen wusste, dachte, Hasen, ich bin mitten in der nächsten Performance, was Biblisches mit Kohle, sobald es Marika besser geht, wahrscheinlich wird es wieder eine Installation. Möglich, dass ich nächstes Jahr in München bin, in Köln, wer weiß, mit Stipendium in Rio, und du kommst mir mit Hasen. Und weil ich nichts zu sagen wusste, fragte ich aus reiner Hilflosigkeit, warum eigentlich niemand Geld für Hasen bezahle, aber jeder für Katzen, und ob in der Schweiz Hasen auch nichts wert seien. Wie ihr einen Blick getauscht habt, du zu Hermann gesagt hast, holst du mal einen, nur zum Anschauen. Dass Hermann aufstand und sich im Stehen den Kragen seines weißen Polohemds gerichtet hat, bevor er ging und mit dem schwarzen Hasen am Arm zurückkam. Wie dem Hasen eine Vorderpfote abstand, dass er mich kratzte, als ich umständlich versuchte, ihn zu nehmen. Wie ich sein weiches Fell und die warmen Ohren spürte, wie ich meine Hand auf seinen warmen, runden Bauch legte, in dem sein Herz flatterte. Dass er blinzelte, wenn ich ihm über den Kopf strich, und wie mir, wegen diesem Blinzeln vielleicht oder dem Pochen in seinem Innern, wegen der warmen Ohren vielleicht, die sich so zart anfühlten unter meinen Fingern, wie mir auf einmal zum Weinen war. Weil mir bewusst wurde, selbst wenn ich wollte, ich könnte mich ja gar nicht kümmern um dieses Tier. Nicht nur wegen der Performance und allem, sondern auch wegen dem Schimmel an der Wand und weil ich nächstes Monat schon aus der Wohnung musste. Davon hatte ich freilich nichts erzählt. Überhaupt stand einiges an, mich endlich selber versichern, all die Dinge, die ich ständig aufschob. Wer nicht einmal zum Arzt gehen darf, braucht auch kein Tier haben, dachte ich. Deshalb streichelte ich den Hasen einfach emsig weiter, nickte mit zusammengepressten Lippen zu dem, was Hermann und du erzählten, was von den Seychellen und einem Karl mit einem Beachclub, was von Honeymoon und Herbsthochzeiten und wie nineties es eigentlich sei, im Mai zu heiraten.

Wir sahen uns dann länger nicht, und hörten auch nichts voneinander, mit Ausnahme von zwei Briefen in vierzehn Monaten. Dein Brief kam im Jänner, als Hermann noch bei dir war und ich noch nicht wusste, dass ich ihn nie wieder sehen würde, nachdem er mir den Hasen vom Bauch genommen hatte.

Du: Warum musst du immer so schnell sein? Komm erst mal her, danach kannst du immer noch auf Interrail. Du hast mich auch für dich, Hermann ist auf Betriebsausflug. Besuch mich! In Z. ist es eiskalt und der See ist gefroren. In den Schaufenstern hängen weiße Nerze. Wenn du mich besuchst, beweise ich dir, dass vor dem Eingang zu meiner neuen Wohnung eine lebensgroße Kuh aus Plastik steht. Jemand hat Vulgäres mit Edding darauf gemalt. Deine Johanna.

Ich: Schwester, wenn wir Drogen wären, wärst du Valium und ich Kokain (Scherz). In zwei Monaten bin ich zurück. Bleib normal, es ist nur ein Sommer.

Du hättest das mit Hermann durchgezogen, alles, bis er dann gegangen ist. Er! Er, hast du am Telefon gesagt, geschluchzt, geschrien. Warum er gegangen ist, hast du mir nie erzählt. Hat Hermann gelitten, weil er schlechter verdient hat als du?, hab ich gefragt. Hat Hermann Komplexe gehabt, weil du einen Uniabschluss hast?, und pff, hast du gesagt, gelitten!

Vater hat sich aus unserer Verschiedenheit immer ein Spiel gemacht. Es ging: Wärst du eine Stadt, welche wäre es? Du Paris, ich Budapest. Wären wir ein Meer? Du das Mittelmeer, ich das Tote. Das Tote, das Tote, hab ich als Kind gerufen, und du hast mir eines hinten draufgegeben und gesagt, red nicht so blöd, das Tote.

Jetzt im Auto sprechen wir über Dinge, die dir unverfänglich vorkommen.

Probierst du es noch mit der Kunst?, fragst du.

Du willst wissen, ob ich zur Arbeit gehe, es nicht übertreibe mit dem Feiern.

Machst du Blödsinn?, fragst du.

Hm, sag ich, mit der Kunst, ja, es läuft, wir haben ein Projekt gemacht, Marika und ich.

Marika mit der Schnapsdiät?

Ja, Marika mit dem Magenpilz. Hat sie jetzt nicht mehr, aber einen Abschluss in Kunst. Marika hat’s echt drauf, und unser Projekt, internationale Aufmerksamkeit hat das erregt. Bis Bayern. Nein, es läuft, ja. So sicher wie das Geschäft mit Tierkrankheiten ist es nicht, aber es läuft. Vater hat erzählt, dass du eine schöne Wohnung in Zürich hast, dass du dir eine Katze gekauft hast.

Eine Katze kauft man sich nicht, sagst du.

Aber Geld bezahlt man doch, sag ich.

Jetzt schnaufst du. Sag doch, was ist das für ein Projekt?

Du zupfst an deinen Haaren, ich frage mich, ob du ein Glätteisen hast, jetzt haben ja viele Glätteisen, mit denen man Beach Waves machen kann. Das könnten Beach Waves sein, denke ich, wie ich dich so aus dem Augenwinkel sehe, aber ich frage nicht, nicht nur wegen der Seychellen.

Oberton heißt das, sage ich, wir lassen einen Wal fliegen. Er misst zwanzig Meter, weiß ist der, das ist flexible Plane. Voller Luft ist der Wal, weiß und riesig, dort – ich zeige mit dem Finger in die Richtung, dass mein ausgestreckter Arm deine Nase streift –, man sieht ihn fast von hier. Darf noch bis nächsten März dort hängen.

Oberton, sagst du, was ist denn das für ein Name für einen Wal?

Das ist eine Installation, sag ich, das ist mehr als ein Wal. Dort fliegt ein weißer Wal, den alle sehen, verstehst du? Jeder, der in diese Stadt kommt, sieht ihn, ein ganzes Jahr.

Ich sehe ihn, sagst du, aber …

Jeder könnte ja theoretisch was mit ihm tun, sage ich. Ihn herunterziehen, anfassen, streicheln, aufstechen, kaputt machen, ihn um sich wickeln. Aber niemand tut es, niemand hat es bisher getan.

Wieso sollte das jemand tun?

Egal, sag ich. Oberton heißt das, das ist unser Projekt. Ein lautloser Wal, der über uns schwebt. Er ist da, aber die meiste Zeit verschwindet er. Bei uns ist ja der Himmel fast immer weiß und der Verkehr gleichmäßig laut. Er ist einfach da und irgendwann nicht mehr, und obwohl er ein Wal über einer Stadt ist, bemerkt man ihn kaum.

Aha, sagst du und stopfst mit spitzen Fingern einen meiner Zigarettenstummel tiefer in den Aschenbecher, sodass auf meiner, der Fahrerseite, einer rausfällt. Ich taste mit der rechten Hand am Boden nach dem Stummel.

Kannst du, sagst du und greifst mir ins Lenkrad, das musst du doch nicht.

Schon, sag ich, hier ist schon genug Dreck, und nass ist das, das saugt sich sonst voll.

Das ist, sagst du, und da passiert es auch schon. Ich seh nur noch, dass es ein Fell sein muss, ein Huschen, eine Katze vielleicht. Ich spring auf die Bremse, wir drehen uns, du schreist, meine Tasche fliegt gegen die Scheibe neben dir, wir kommen zum Stehen. Ich rieche dein Shampoo, du hast die Hand unterm Hals und die Augen weit offen.

Scheiße, sag ich, sehe den Inhalt meiner Tasche über deinen Schoß verteilt. Ein durchsichtiges Deo, eine halbvolle Zigarettenschachtel, ein kleiner, schwarzer Plastikkamm, ein leeres Kaugummipapier, in dem ein gebrauchter Kaugummi klebt, und das kleine rosa Briefchen.

Wer schreibt dir denn so kleine Briefe?, fragst du, und ich schau dich an, schau dich eine, zwei Sekunden an, aber du lachst nicht.

Briefgeheimnis, sag ich und deute auf die Straße. Komm, wir müssen nachschauen, ob du helfen kannst.

Du steigst aus, eine Hand hast du immer noch unterm Hals, die andere stemmst du in die Seite. Du gehst um den Wagen herum, als hättest du das schon öfter getan. Die anderen fahren vorbei, einer hupt, du schüttelst erst den Kopf und hebst ihn dann wie zur Drohung dem Fahrer nach.

Es ist nichts, sagst du, du hast sie nicht erwischt, da ist nichts.

Als wir wieder im Auto sitzen, schnaufst du und rutschst auf deinem Sitz zurück, als würdest du, was nun folgt, nur von einer bestimmten Position aus sagen können. Dass das, ob ich mich nicht mal konzentrieren, ob ich denn immer noch glaube, dass das Leben ein Bilderbuch, ein scheiß Comic sei, wo nichts passiere, wo man folgenlos herumfahren und Tiere über den Haufen, und he, sag ich, ich hab sie nicht erwischt. So läuft das eben nicht, sagst du, dass man beliebig weiße Wale und rosa Briefe, einfach so, Hauptsache, es passiert was, egal was, solange ich den Ton angebe.

Und ich sag, Blödsinn, und denk mir, was du jetzt gleich wieder losgehst auf mich, warum du die Vollbremsung vermischst mit dem Wal und dem Briefchen. Aber vielleicht bist du ja ganz froh über die Vollbremsung, passiert wenigstens mal was bei dir. Trotzdem sag ich nichts. Auch als wir längst im L1 sitzen, sag ich nicht, was ich denn dafür kann, dass dein Leben die letzten drei Jahre hermannfarben war.

Wir sitzen auf diesen weißen Lederdingern, die immer viel zu hoch sind, und du machst weiter, als wären wir nicht in der Zwischenzeit ausgestiegen, hätten eine, dann die zweite Autotür zugeknallt, als hättest du dir nicht deinen Rock glattgestrichen und die Haare einmal nach vorne, dann zurückgeworfen. Du redest einfach weiter, du redest, während wir aufs L1 zugehen, durch die Glastür gehen, die Klimaanlage spüren, uns hinsetzen. Ich kann auf diesen Dingern ja stehen und sitzen zugleich, ich bin groß genug. Aber du musst die Füße auf dem Metallbügel abstellen, sodass es eine Gleichgewichtsübung wird, die Beine überzuschlagen. Du redest immer noch davon, dass das Leben nicht aus weißen Walen und dass, sei mir bitte nicht böse, aber dass es schon einen Grund haben wird, warum Vater nicht mich gefragt hat. Und jetzt hüstelst du, in einer Haltung, als würdest du deinen Tierarztkittel tragen und schlechte Nachrichten überbringen.

Grüß Gott, sagt der Kellner, und ich denk mir, sind das die Beach Waves, da sagen auf einmal alle Grüß Gott.

Mich was nicht gefragt hat?, sage ich und ignoriere den Kellner. Du schaust wie peinlich berührt in seine Richtung, mein Ton ist dir unangenehm. Du bestellst leise, ich sage, Ristretto und was, was hat er mich nicht gefragt?

Jetzt werd nicht gleich, du regst dich immer gleich so auf. Das ist ja nervenmäßig auch nicht gut, das und dein Lebenswandel und entschuldige, auch diese … diese Walsache, das ist eben alles so …

So was?

Alles so unstet, sagst du. Das ist vielleicht mit ein Grund, warum Vater mich wegen der Lebendniere gefragt hat. Reg dich nicht auf, ich bin ja auch älter, und Lebendniere ist rein faktisch sowieso besser erst ab dreißig.

Lebendniere, sag ich und weiß sofort, dass es mir nicht nur aus Sorge um Vater heiß von hinten gegen die Augen drückt, sondern weil ich, wie so oft, gar nichts weiß. Auch jetzt wieder, nicht einmal eine Ahnung habe ich gehabt, und es tut weh, dass mich niemand anruft, um mir von Nieren zu erzählen.

Lebendniere, wiederhole ich.

Ja, sagst du, im September schon.

Ist er okay?, sag ich.

Mit Lebendniere ja, sagst du.

Der Kellner bringt Gurkenlillet und Ristretto. Als er das Tablett abstellt, kippt die Tasse und die Serviette saugt meinen Kaffee auf.

O, sagt er zu dir, Entschuldigung. Bevor er geht, um einen neuen zu holen, sagt er noch, dass im Lillet Eiswürfel mit echter Zitrone sind, und schaut dich dabei sehr kurz und sehr debil an. Mir kommt es so vor, als würde er einen Knicks machen. Wunderbar!, sagst du, und ich sag, ich muss mal aufs Klo.

Drinnen lehne ich mich an die Kacheln und spüre das Kalte an den Ellenbogen. Lebendniere, denke ich und mach die Augen zu, sehe Vater und kalte Aluminiumbarren, sehe rote Kreuze an glattrasierten Körperstellen. Sehe mich ein tapferes Gesicht machen, höre mich sagen, nehmen Sie die linke, nehmen Sie die rechte, wie Sie meinen. Sehe mich tapfer lächelnd Risikoaufklärungsbögen unterschreiben und noch auf die richtige Seite zeigen, bevor sie mich in die Narkose schießen.

Sicher, denke ich jetzt, als das Heiße hinter den Augen sich entkrampft, hätten wir Oberton damals gar nicht erst angefangen, die Förderung nicht gekriegt, hätte ich einen anderen Job angenommen, was Solideres. Den, den du mir andrehen wolltest, Versorgung von Versuchstieren an der Uni, was Fixes. Dann wäre ich jetzt versichert, könnte mit Vater das Lebendnierending durchziehen und seine Hand drücken, während er meine dankbar hält. Tut er aber nicht. Du hast ja auch die feineren Poren und das gesündere Bauernhofleben, und, ehrlich, ich würde ja auch lieber von dir eine Niere nehmen. Ich lehne den Kopf zurück und sehe, dass an der verfliesten Wand mir gegenüber der Schimmel zwischen den Fugen hängt. Quer über die Fliesen steht in einer krakeligen Kinderschrift: How can you fuck me up so bad? Mich hat er gar nicht gefragt, denke ich noch mal und probier, ob der Edding mit dem Fingernagel abgeht. Gib ihm doch die Niere! Wird dir ein Leben lang dankbar sein. Legt euch zusammen ins Krankenhaus, labere ihn mit deinen Katzengeschichten in die Narkose!

Ich stehe auf, wische mir mit den Händen das Gesicht trocken, streiche mein Shirt glatt, als würde sich dadurch etwas ordnen in mir. Durch das kleine, gekippte Fenster sehe ich auf den Stadtberg, einen winzigen, halbmondförmigen Ausschnitt unseres Wals, wie den gerade noch aus dem Wasser ragenden Teil eines umgekippten Segelschiffs im Meer. Der Himmel ist weiß, und trotzdem verschwindet der Wal nicht.

Mir fällt ein, dass Vater an dem Tag, als der Wal enthüllt wurde, bei mir war. Das mit der Niere war da wahrscheinlich schon. Wir sind auf die Brücke gegangen, auf eine von den dreien, die mittlere. Wir sind dort gestanden, Vater hat eine Flasche Sekt aufgemacht, uns einen Plastikbecher eingeschenkt. Wir waren weit weg, der Berg ist in meinem Gesichtsfeld etwa fünf Zentimeter groß gewesen, der Wal einen halben. Ich war unzufrieden, weil der Tag dunstig und der Himmel veilchenblau war. Marika, die es sich von oben am Berg angeschaut hat, hatte von Anfang an recht.

Aus der Nähe sieht man ihn besser, habe ich gesagt.

Wir tranken von unserem Sekt, Vater hat etwas ratlos geschaut.

So geht es auch, hat er nach einer Weile gesagt, und ich hatte kurz das Gefühl, er würde gleich den Arm um meine Schultern legen. Aber dann hat er doch nur den Becher am Geländer abgestellt und gesagt, das Weiß ist schön weiß.

2. Ich in anderem Shirt (Marko)

Einen Schritt weiter und ich stünde im Licht. Das Haus ist von außen ein Haus wie alle.

Das ist nur ein Versuch, denke ich, als ich an mir hinunterschauen möchte und mein Kinn den Asphalt streift. Ich kann jetzt nicht nach dem Arm sehen. Ich lege meine Wange wieder dorthin, wo sie eben noch gelegen ist, und warte einfach ab, was passiert. Dass sie mir jetzt eigentlich die Arme nach hinten drehen müssten, jetzt, wo sie zu zweit auf mir knien, mindestens zwei müssen das sein. Ich sehe den anderen Arm, den mir jemand neben meinem Gesicht auf den Boden drückt, den weißen Saum des rosa Plüschkostüms, der jetzt dreckig braun ist. Dass meine Aufregung so schlimm gar nicht sein kann, wenn ich spüre, ganz deutlich spüre, dass mit dem Arm was nicht stimmt. Das denke ich, als ich jetzt hier liege, und dass meine Mutter das nicht verdient hat. Ich denke nicht an Ivan und seinen Vater, daran, dass ich zu Ivan hätte sagen können, ich mach da nicht mit. Jetzt schluchzt jemand, nicht ausgeschlossen, dass ich das bin. Jemand schluchzt im selben Moment, als sie mir den Arm nach hinten drehen, ein heftiges Ziehen ist das, und ich denke, dass ich sagen möchte, der Arm, ich möchte sagen, der Arm, aber stattdessen sage ich, Mutter. Ich weine, ich denke, Mutter, sehe Ivans lachendes Gesicht vor mir, das seines Vaters, sehe seine Waffe in meiner Hand. Ich denke an alles zugleich, Mutter, Ivan, den Arm. Jetzt wird mir schwarz vor Augen, da muss ein Kieselstein sein, ein Stechen in der Wange, im Kopf ist das, Mutter, der Arm.

Dass ich vielleicht einen Anruf hab, wie in den Filmen, denk ich, als sie mich hochziehen. Komisch, jetzt wo ich stehe, tut gar nichts mehr weh. Ein stumpfes, taubes Gefühl, weniger eine Spitze aus Schmerz, wie ich erwartet habe, vielmehr ein Loch. Ein Loch, denke ich, als ich mit einem Polizisten hinten einsteige. Ein Loch, das passt auch zu dem Tag, an dem ich gefallen bin, über den ich später sagen werde, der Tag, an dem ich den Unfall hatte. So wird er sich in mein Leben einfügen. Ich werde über diesen Tag sprechen und sagen, der Tag, an dem ich den Unfall hatte. Ich sage »Unfall« und bin dem Arm dankbar, ohne ihn wäre es nur ein Überfall. Der Arm macht einen Unfall daraus, nein, er fügt dem, was davor war, einen hinzu. Aber das und das Hasenkostüm werde ich später weglassen, wenn ich Sanela von dem Unfall erzähle.