Wir sehen uns im 2222 - Peter Heiniger - E-Book

Wir sehen uns im 2222 E-Book

Peter Heiniger

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Beschreibung

Noch weiss niemand, was in zweihundert Jahren sein wird. Also darf spekuliert werden. Gibt es uns Menschen noch und unter welchen Umständen leben wir? Wie gross mag unsere Zahl mittlerweile wohl sein? Haben wir gelernt, mit den vorhandenen Ressourcen umzugehen? Oder anders gefragt: Kann uns die Erde noch ernähren? Das Thema wirft Fragen auf und regt die Fantasie an. Will man den Schreibenden glauben, wird sich unser Leben im Jahr 2222 frappant geändert haben. Mutieren wir zurück zu Wasserwesen und schwimmen wieder im Meer? Oder haben wir den Absprung geschafft und leben auf einem Planeten einer fernen Galaxie? Ideen sind am Kurzgeschichten-Wettbewerb der «Wochen-Zeitung» einige zusammengekommen. Entstanden ist ein Buch mit spannenden, fantastischen Visionen über ein mögliches Leben in zweihundert Jahren.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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© 2023Wir sehen uns im 2222Satz + Druck Herrmann AG, Langnau i.E.www.verlag-herrmann.ch | www.emmentalshop.chISBN: 978-3-9077229-48-4

Mit Ausnahme der ersten vier Geschichtenist die Reihenfolge der Beiträge zufällig gewähltund entspricht keiner Rangliste.

Inhalt

Lichter.Wendepunkt SilvesterEden 3486VerfalldatumDie selbsterfüllende ProphezeiungViel Glück, liebe NaturmenschenDie Zukunft gehört unsOma Sara erzähltMeine wunderbare FamilieFranzWie sehe ich das Leben im Jahr 2222?Merlot im HimmelWie «Ämmitaler Ruschtig» ihren Weg ins tiefe Weltall fand2222 – das Ende der WeltHimmelgrünGedruckt, nicht nur gedachtDas WindvolkMan schrieb das Jahr 2222Anomalie der EvolutionEinmal Zukunft und zurückEisiger AndreasgrabenGoldene ZeitEwiges LebenTraumhochzeit und FeuerglutAlles nur ein Traum?Ein Licht im DunkelnDosenflitzer und DessertpapierHegeloch 2.2.2002Liebe, Licht und FriedenWas wird sein im Jahr 2222? (Kommentar)

Geschichten der Schulklasse

So ist es im Jahr 2222Das Leben zwischen Männern und RoboternZuckerwatte im WeltraumEndlich SuperkraftWie krank ist das denn?Natur- und Gurken-ZauberEine Zukunftsgeschichte mit eigenen ErfahrungenEs geschah alles andersAliens übernehmen MarstownCosima, die neue WeltDas Mädchen am anderen EndeIm Jahre 2222 erwachtAbenteuer in den Tiefen des MeeresKampf der GalaxienHätten Sie auf sich selbst gehört oder auf die andern?Solea und der Kampf gegen die dunkle GestaltTanz der Elemente

Lichter

Peter Heiniger, Oberfrittenbach (Siegergeschichte)

Ich starte den Countdown.

Zehn.

Kontrollleuchten blinken. Ich betätige ein paar Schalter seitlich, vor und über mir. Ein Blick auf die Armaturen. Alles im grünen Bereich.

Neun.

Die Sicherheitsgurte sitzen satt.

Die Kabine beginnt leicht zu vibrieren.

Acht.

Es ist warm hier drin und es riecht muffig. Ich schwitze. Man hätte bei der Entwicklung dieser Maschine dem Belüftungssystem etwas mehr Aufmerksamkeit schenken dürfen.

Sieben.

Ich wende meinen Kopf zu dir. Unsere Blicke treffen sich. Wir nicken uns kurz zu. Das tun wir immer bei der Sieben. Das bringt Glück, sagst du. Und etwas Glück kann für unsere Mission nicht schaden.

Sechs.

Die wievielte gemeinsame Mission ist das jetzt? Ich habe aufgehört, zu zählen. Dennoch, Routine wird es nie. Wir sind ein eingespieltes Team, du und ich. Vater und Kind. Für gewöhnlich sind Kinder nicht zugelassen. Viel zu gefährlich. Aber du bist kein gewöhnliches Kind. Du bist das Kind, dem wir die Möglichkeit des Zeitreisens überhaupt verdanken. Schliesslich hast du diese Maschine entwickelt. Du bist…

Fünf.

Ich muss mich fokussieren. Wir haben schliesslich eine Mission zu erfüllen.

Vier.

Das Vibrieren schwillt an zu ohrenbetäubendem Dröhnen.

Drei.

«Guten Flug!», brülle ich gegen den Lärm an.

Zwei.

«Wir sehen uns 2222!», brüllst du zurück.

Eins.

Ich schliesse die Augen.

Ich halte den Atem an.

Null.

Ein heftiger Ruck presst uns in die Sitze. Gleich darauf fühlt es sich an, als würden wir mit Wucht abwärts gezogen. Die Sicherheitsgurte verhindern, dass wir an der Decke zerschellen. Abrupter Richtungswechsel. Wir rasen jetzt rückwärts. Temporale Turbulenzen rütteln uns durch, bis uns beinahe Hören und Sehen vergehen. Jetzt werden wir von den Zehen ausgehend jäh in die Länge gezogen. Schon sind wir dünn wie Spaghetti. Und noch weiter werden wir gedehnt. Unsere Füsse sind längst ausser Sichtweite. Erst als wir dünner sind als ein Haar, verlangsamt sich der Vorgang, kommt zum Stillstand und – Sprazoooing – schiessen wir in die entgegengesetzte Richtung, werden platt gedrückt zu einer unmessbar grossen Fläche, um sogleich zu zerfasern und uns in einem wilden Wirbel neu zusammenzusetzen.

Verdammt, ich hasse diesen Teil des Zeitreisens. Du aber liebst ihn.

Begleitet von einem langgezogenen Zischen kommt unsere Kapsel endlich zum Stehen.

«Das war fantastisch!», lachst du glucksend. «Lass mich rasch die Systeme neu karlibieren,»

Jetzt muss ich auch lachen.

«Was?», fragst du.

«Es heisst ‘kalibrieren’», korrigiere ich dich.

«Sag ich doch», sagst du und dann, unvermittelt wieder ernst: «Bist du bereit?»

«So bereit, wie man sein kann», sage ich.

«Dann mal los.»

Du drückst einen Knopf. Die Tür zum Cockpit öffnet sich. Unerträgliche Hitze schlägt uns entgegen. Habe ich mich beschwert, dass es in der Zeitmaschine stickig ist? Jetzt wünsche ich mir die angenehme Kühle von vorhin zurück.

Wir klettern nach draussen. Der Wind fährt uns in die Haare und zerrt an unseren Overalls. Ich ziehe mir ein Tuch über Mund und Nase, als Schutz gegen den Flugsand. Du tust es mir gleich. Vor uns erstreckt sich eine weite, wüste Landschaft. Kümmerlich dürre Grasbüschel beugen sich unter glutheissen Böen, die über alles hinwegfegen. Staubteufel tanzen hie und da auf und fallen wieder in sich zusammen. In einiger Entfernung ducken sich ein paar halb zerfallene Gebäude in den Schatten einer Felswand. Über uns am diesigen, rötlichgelben Himmel zeichnen sich vage die Umrisse eines gigantischen Flugschiffs ab, das sich langsam entfernt. Der Koloss erinnert an ein riesiges Rad, dessen Nabe sich um eine zigarrenförmige Achse dreht. Die schwebende Megastadt Salem, die Arche.

«Hör auf zu träumen!», sagst du und knuffst mich in die Seite. Ich reisse meinen Blick los.

Du schlüpfst zurück ins Cockpit, um gleich darauf wieder hervorzukriechen. «Hab nur mein Ortungsgerät vergessen», sagst du und reckst triumphierend das rechteckige Teil empor. Dann tippst du hektisch auf dem Gerät herum. «Wenn die Korodinaten stimmen, muss das Notsignal von dort drüben gesendet worden sein», du deutest auf die Ruinen bei der Felswand.

«Es heisst ‘Koordinaten’», bemerke ich.

«Sag ich doch. Komm, wir haben keine Zeit zu verlieren.»

Zielstrebig machst du dich auf deinen kurzen Beinen auf in Richtung der Gebäude. Ich folge dir.

Aus der Nähe wirken die Backsteinbauten noch verwahrloster. Der Verputz ist über grosse Flächen abgeblättert. Wo der Wind das Wellblech weggerissen hat, ragt die Dachkonstruktion als rostiges Gerippe in den Himmel.

«Hörst du das?», fragst du.

Ein leises Winseln.

«Es muss hier irgendwo sein.»

Wir spähen unter herumliegende Bretterhaufen, linsen durch zerbrochene Fensterscheiben. Hinter einer Hausecke entdeckst du einen Lüftungsschacht.

«Hier ist es!», rufst du.

Tatsächlich. Ein klägliches Wimmern dringt aus dem Schacht zu uns herauf. Achtlos wirfst du dein Ortungsgerät zu Boden.

«Hilf mir!», sagst du.

Ich gehe in die Knie. Gemeinsam stemmen wir die Abdeckung hoch und schieben sie zur Seite. Rasch beugst du dich in die Öffnung. Mit einem Jauchzer ziehst du einen Hundewelpen aus dem Schacht.

«Hab dich!», rufst du und drückst das Tier glücklich an die Brust. «Haben sie dich zurückgelassen, du armes Tierchen? Wie gut, dass du uns gerufen hast!»

«Das Hündchen hat das Notsignal gesendet?», frage ich.

«Es ist eben ein besonders kluges Hündchen», konterst du. Mach das jetzt nicht kaputt, sagt dein Blick.

Du öffnest den Reissverschluss deines Overalls und steckst das Tier sorgfältig hinein, so dass nur noch der Kopf herausschaut. «Jetzt aber Beeilung! Das Zeitfenster schliesst sich gleich.»

«Du hast recht. Wir müssen zurück. Gib mir deine Hand.»

Als wir aus dem Windschatten der Gebäude treten, reisst uns der Wind beinahe von den Füssen. Er weht stärker denn je, als wolle er alles mit sich reissen.

Die eine Hand hältst du schützend über das Köpfchen des Hundewelpen, mit der anderen klammerst du dich an meinen Arm. Stolpernd und keuchend kämpfen wir uns zurück zur Zeitmaschine. Wir kriechen in die Kapsel, drücken uns in unsere Sitze und legen die Sicherheitsgurte an. Bevor sich die Luke schliesst, werfe ich noch einmal einen Blick in den Himmel. Die schwebende Stadt ist kaum noch zu erkennen.

Mit ein paar geübten Griffen leiten wir die Rückkehr ein.

Der Flug scheint mir kürzer und wesentlich weniger holprig als auf der Hinreise.

In der Gegenwart angekommen, bleiben wir einen Moment lang ganz still sitzen. Alle Kontrolllichter sind erloschen. Es ist finster in unserer Kapsel. Ein feiner Lichtstrahl dringt durch den Türspalt. Ich kann dich nur als Schemen neben mir ausmachen.

Von ausserhalb sind Schritte zu hören.

«Wo seid ihr denn?», fragt eine vertraute Stimme.

Du unterdrückst ein Kichern und legst verschwörerisch einen Finger auf deine Lippen.

«Hallo?», fragt die Stimme erneut.

«Hier sind wir!», rufst du, stösst die Tür zu unserer Kabine auf und kletterst nach draussen. Ich hinterher.

«Was macht ihr denn im Kleiderschrank», fragt deine Mamma. Die Hände in die Hüften gestemmt, steht sie inmitten der Unordnung deines Kinderzimmers.

«Wir sind Zeitreisende!»

«Na, das erklärt einiges. Hat jemand von euch mein Schneidebrett gesehen? Ich brauche das zum Kochen.» Sie blickt sich forschend um.

«Ah, da ist es ja!», ruft sie, als sie das Gesuchte entdeckt. Es liegt neben deinem Hocker, dessen Sitzfläche gleichzeitig Deckel für einen kleinen Stauraum ist. Bis vor wenigen Augenblicken war das noch ein Lüftungsschacht.

Sie bückt sich und hebt das Brettchen hoch. «Was macht das denn in deinem Zimmer am Boden?», fragt sie gespielt empört.

«Das ist mein Ortungsgerät. Wir mussten doch das Hündchen retten», berichtest du und streckst deiner Mamma stolz dein Stofftier entgegen.

«Ach, schon wieder? Wohin musstet ihr denn diesmal?»

«2222!»

«Ihr seid in die Vergangenheit gereist?»

«Ja, zum Tag der grossen Evakurierung!»

«So weit? Du bist ja eine richtige Zeitreise-Heldin», schmunzelt sie, drückt dich kurz an sich und küsst dich auf den Scheitel.

«Ja! Zeitreiseheldin!», rufst du und reckst das Hündchen hoch über deinen Kopf. Dann saust du wie der Wind aus dem Zimmer und verschwindest in Richtung Küche.

«Bin ich auch dein Zeitreiseheld?», frage ich deine Mamma. Anstelle einer Antwort streckt sie lächelnd die freie Hand nach mir aus und hilft mir auf die Beine.

Ich lege meinen Arm um ihre Schulter. Gemeinsam stehen wir ans grosse, ovale Fenster und blicken nach draussen. Vor uns breiten sich die unzähligen Lichter von Salem aus, der Arche, der schwebenden Stadt.

In der Ferne erahnen wir die gegenüberliegende Seite des riesigen Rades, das sich behäbig und unablässig um seine Achse dreht, während das Schiff auf seiner tausend Jahre währenden Reise durch den Weltraum fährt, unterwegs zu einer neuen Heimat.

Alles wird gut.

Irgendwann.

Wendepunkt Silvester

Denise Sommer, Sumiswald

Was für ein komischer letzter Tag im Jahr, denkt Ava, als sie gegen 19 Uhr erneut das Haus verlassen will. Sie ist sich nicht so sicher, ob das eine gute Idee ist, nach allem, was sie heute erlebt hat. Vorsichtig öffnet sie die Tür und schaut zum Himmel, um diesen zu mustern. Alles ruhig, aber anders, denkt sie. Ihr Blick senkt sich langsam und nimmt das Paket wahr, das neben dem Eingang liegt. Ah, ja, das bestellte Quellwasser. Das hätte sie fast vergessen. Der Knüller würde es werden heute Abend an der Silvesterparty. Teuer kommt es sie zu stehen, freilich, denn sowas ist rar und gibt’s online nur noch in exquisiten Stores. Schnell packt Ava die Flasche in ihre Tasche, ruft «light off» und sofort erlischt das fade Licht im Hauseingang. Kritisch schaut sie erneut zum Himmel.

Bereits am frühen Morgen schien ihr der Himmel mit all den Satelliten anders, weniger rot, weniger präsent. Ob da was nicht in Ordnung ist? Schnell checkte sie die Anzeige ihres Chips am Handgelenk. Alles gut, alles grün. Beruhigt ging sie die Eingangstreppe des Hauses hinunter. Sie wusste, dass ihr noch ein langer Tag bevorstand, doch das machte ihr nichts aus. Sie hatte ihren Tag bereits online eingegeben, die Energie berechnen lassen und eine extra Dosis PowerGen zu sich genommen. Bis nach der ersten Phase, so um die Mittagszeit, sollte es also gut reichen.

Um diese Jahreszeit darf man nicht vor 17 Uhr aus dem Haus gehen, auch nicht in Long-Now, dem Dorf im oberen Emmental, zu gross ist die Strahlenlast der Sonne. Verabschieden muss Ava sich von niemandem. Man wohnt meist allein, Haustiere kommen nicht in Frage, zu gefährlich wegen all der ansteckenden Infektionskrankheiten, die in den letzten 200 Jahren so viele Menschen und Tiere dahingerafft haben. Überhaupt ist vieles nicht mehr so, wie es von Vorfahren weitererzählt wurde. Alles ist vernetzt, digitalisiert, Mensch, Maschine, Universum, weltumspannend, unausweichlich. Schon früh wurde sie darauf getrimmt, immer online zu sein, die Anzeige an ihrem Handgelenk immer auf grün. Rot bedeutet nichts Gutes, Alarmstufe. Ava biegt in den kleinen Weg Richtung Solarpark ein. Die Anzeige ihres Chips blinkt rot auf. Schon wieder! Leichte Panik tritt auf. Sofort erinnert sie sich an den Moment am Morgen in der Backfactory.

Die Semmeln hatte sie gerade in den Ofen eingeschoben, da erschien eine Warnmeldung auf dem Ofendisplay. Error! Auf keine Art und Weise liess sich etwas machen, kein Stopp, keinen Abbruch, kein gar nichts. Auch die Anzeige ihres Chips blinkte rot auf. Sie konnte nur hoffen, dass nach 10, 15 Minuten der Spuk vorbei war. Dem war nicht so. Erst nach 50 Minuten gelang es dem Operator, den Ofen zu stoppen. Die Semmeln waren härter als Stein.

Zusammen mit ihrer Freundin Zoe verbrachte sie eine halbe Stunde Mittagszeit. Zeit genug, um die M5vor12 einzuwerfen, die genug Vitamine und Nährstoffe liefert, um die Phase zwei anzugehen. Gut, dazu eine Semmel müsste schon noch sein, doch die waren ja hin, so dass Ava sich zwei Scheiben Brot aus Kunstmehl gönnte, die aber nicht derart gut schmeckten. Das reine Mehl war rar. Ava hatte noch nie ein echtes Getreidefeld gesehen.

Da klingelte ihr Handy und riss sie aus ihren Gedanken. Ihre Grossmutter. Sie bat Ava, vorbeizukommen. Das Gespräch war plötzlich abgehackt, Ava verstand nur noch etwas von «früher». Auch die Anzeige ihres Chips blinkte wiederum rot auf.

Nach der Arbeit war Ava zu Grossmutter gefahren. Diese hatte auf dem Dachboden Platz gemacht für den neuen Server und brauchte Avas Hilfe. Dabei hatten sie eine alte Kartonkiste gefunden mit Fotos von sich umarmenden Menschen und eben diesem komischen Ding darin, diesem Liebesbrief. Grossmutter bat Ava, ihr den Brief vorzulesen.

Als Ava sich von Grossmutter verabschiedet hatte, holte sie im Pick-Place im Dorfzentrum noch ein paar vorbestellte Waren ab. Inzwischen war es dunkel geworden. Wobei, was heisst schon dunkel? Die omnipräsenten Satelliten am Himmel verbreiteten Tag und Nacht dieses rötliche Licht und liessen eine vollkommene Dunkelheit nicht zu. Doch was war das? Sie hörte ein Grollen, recht weit weg und dennoch gut hörbar. Abrupt blieb Ava stehen. Der Blick auf die Anzeige zeigte ihr, dass im Universum, ja im ganzen Netz etwas nicht stimmte. Mit raschen Schritten ging sie nach Hause.

Ava sitzt auf einer Parkbank, öffnet ihre Tasche und zieht den Brief, ein paar gelbliche, uralte Papiere, raus. Die Silvesterparty muss warten. Ava liest nochmals. Unvorstellbar. Da ist von Liebe und Sehnsucht die Rede, von zwei Menschen, die sich lieben, Gefühle füreinander haben und kaum warten mögen, bis sie den anderen wieder sehen. «Was ist Liebe?», geht es Ava durch den Kopf. Im Brief ist weiter von Blumen, grünen Wiesen, schneebedeckten Bergen, Freude, fröhlichen Festen, Unbekümmertheit, sinnerfülltem Leben und Dankbarkeit zu lesen. Alles erscheint Ava so fremd. Gemüse aus dem Garten, frisches Getreide. Alles komplett unvorstellbar.

Jäh wird sie aus ihren Gedanken gerissen, als eine Drohnen-Kolonie vorüberschwirrt. Die stammen aus Sphäre 2, das ist eher gefährlich und bedeutet, dass sie sich nicht mehr im Freien aufhalten sollte. Die Anzeige an ihrem Handgelenk blinkt nun ununterbrochen. Ava versucht, auf den Chip zu sprechen, doch die Verbindung misslingt. Nun bekommt sie definitiv Angst.

Rennend verlässt Ava den Solarpark. Sie will so rasch als möglich zu ihren Freunden. Die Feierlaune ist nicht mehr da. Aber allein sein, kann sie momentan nicht. Nach kurzer Zeit erreicht sie das Haus, wo ihre Freundin Zoe wohnt. Sie ist nicht die Einzige, die etwas aufgewühlt ist. Das merkt sie an den unruhigen Gesprächen der bereits Anwesenden. Endlich sieht sie Zoe. Diese begrüsst sie nur flüchtig und erzählt Ava, dass im Netz soeben eine Meldung angezeigt worden sei, ein Satellit sei am frühen Abend im Gebiet des Hohgants abgestürzt. Auch in der Nähe von Hawaii und in China sei es zu Abstürzen gekommen. Weitere Informationen seien nicht bekannt. Etwas hilflos schauen sie einander an. «Komm, trinken wir erst mal ’was», schlägt Zoe nach einem schweigsamen Moment vor. Sie gesellen sich zu den anderen und schnell wird über dies und das gesprochen und die Vorkommnisse verdrängt. Da entdeckt Ava Cay. Er steht mit einem Glas in der Hand bei Ben und Dan. Sie plaudern. Sie kennt alle drei, Kollegen halt. Bis anhin hat bei ihr der Mann mit seinem muskulösen Körper eher etwas Unbehagen ausgelöst. In diesem Moment dreht sich Cay um, als hätte er ihren Blick gespürt, und schaut Ava direkt in die Augen. Ava verschluckt sich an ihrem Drink. Denn sie spürt etwas. Ein unbekanntes Gefühl. Was ist das? Sie kennt doch alle Gefühle? Das Leben der Menschen ist durch den Chip eher geprägt mit negativen Gefühlen wie Unbehagen, Angst, Kummer, Sorgen, Panik. Diese lässt er ungefiltert zu. Dieses Gefühl ist ganz anders. Es währt nur einen kleinen Moment, blitzt auf, doch glasklar genug, um es eindeutig zu spüren. Es ist ein Gefühl der Liebe. Und der Blick von Cay war der Auslöser. Schnell wendet sie ihren Blick ab. Die Anzeige am Handgelenk piepst auf und meldet, dass das Hirn soeben etwas Unbekanntes wahrgenommen habe. Dies sei aber nichts, was sie zum Leben brauche. Sie solle sich nicht darauf einlassen. Zoe bemerkt ihren irritierten Blick und fragt, was los sei. «Nichts!», entgegnet Ava, «lass uns einfach feiern, dieser Silvester ist einfach zu surreal!» Schnell ist es 22 Uhr, Musik, Flatscreens mit Shows den ganzen Abend, Gelächter, Party, hier ein Drink, da ein Gespräch, 23 Uhr längst vorbei. Immer wieder hat sie nach Cay Ausschau gehalten, war dann aber doch zu schüchtern, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ava will raus in die Silvesternacht, um sich Feuerwerke anzusehen. Sie zieht Zoe am Ärmel ihres Mantels nach draussen auf die Terrasse. Gerade hört sie noch, wie ein VIP auf einem der tausend TV-Kanäle ruft: «Wir sehen uns im 2222!» «2222.» Die Zahl widerhallt ihn ihrem Kopf wie ein Gongschlag. Draussen auf der Terrasse sind sie und Zoe ziemlich still, beide müde, beide waren ja auch schon früh morgens in der Backfactory und hatten einen langen Tag. Gerade will Ava ihr Glas mit dem letzten Schluck Quellwasser an den Mund setzen. Da! Vom Himmel fällt ein riesiger roter Schweif gen Boden. Ohrenbetäubendes Krachen, Donnern, Knallen. Dann eine Druckwelle, Staub, Steine, Glas, Splitter. Alles fliegt den beiden Freundinnen um die Ohren, sie kreischen, schreien, werden zu Boden gedrückt. Schmerzen, Blut, Schwindel. Dann weiss Ava nichts mehr.

Ava öffnet ihr Tagebuch. Eine graue Haarsträhne fällt ihr ins Gesicht. Sie schreibt auf. Die Narbe am Finger schmerzt. Ava schreibt Tagebuch seit diesem verheerenden und zugleich auch bereichernden Silvestertag im Jahr 2221. Sie will der Nachwelt etwas hinterlassen, etwas, das sie in die Hände nehmen und spüren können. Nichts Digitales. Ein Buch, das schon da und dort Abnützungsspuren aufweist vom vielen Öffnen, Schreiben und Schliessen.

Lange war Ava im Spital gewesen. Lange war ihr Leben geprägt von Schmerzen und Ungewissheit. Der Absturz zig Satelliten und Netzwerke hatte die Welt verändert. Sie versuchte, so gut es ging, ihr Leben zu leben ohne die digitalen Vernetzungen, Chips, Apps, Webs. Das ging nicht immer. Dennoch war sie sich sicher, dass sie dank dem weltweiten digitalen Absturz an jenem verhängnisvollen Abend auch etwas wahnsinnig Kostbares entdeckt hatte. Der Absturz hatte ihr Zugang gewährt zu dem bis anhin nicht zugelassenen Gefühl. Der Liebe. Und Gott sei Dank nicht nur ihr. Die Chips liessen nun dieses Gefühl ungefiltert zu, niemand war mehr in der Lage, etwas daran zu ändern und irgendwie hatte plötzlich auch niemand mehr ein Interesse, etwas zu ändern.

Eine faltige Hand legt sich auf ihre Schulter. «Bist am Schreiben, meine Liebe. Ich schaue mal, was das Korn macht. Wenn es weiter so gedeiht, steht deinem ersten selbstgemachten Brot nichts mehr im Wege.» Etwas hinkend verlässt der Mann die Stube. Liebevoll schaut ihm Ava nach.

Eden 3486

Christian Strähl, Niederhünigen

Ich sitze im Kontrollraum und werfe einen Blick auf den Kontrollscreen: Luftversorgung in Ordnung, Wasserversorgung in Ordnung, Datenversorgung in Ordnung, Stromversorgung in Ordnung. «Die Organe unseres kleinen Universums funktionieren einwandfrei», stelle ich zufrieden fest. Ich lehne mich zurück in meinem Drehstuhl, drehe mich langsam um die eigene Achse und schaue dabei in die Dunkelheit vor mir nach draussen. Ich schliesse langsam die Augen und öffne sie wieder, stelle fest, dass die Dunkelheit draussen um ein Vielflaches schwärzer ist. Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Ich werfe einen Blick auf den Rover-Screen. Langsam dreht der Rover dort seine Kreise. Ein Sturm. Es ist kaum etwas zu sehen. Nur Wüstensand, der dem Roboter in die Kamera weht. Seit Jahrzehnten dreht der Rover seine Runde. Immer die gleichen zehn Quadratkilometer, immer die gleichen Bilder. Ein Gefühl der Entmutigung durchfährt mich. Wie gerne wäre ich die Person, die nach all den Jahren wieder einen Fuss auf die Erdoberfläche setzen würde. Und doch ist es unwahrscheinlich, dass für jemanden meiner Generation dies möglich sein wird. Es wäre ein grosser Schritt für die Menschheit.

Doch MIRA hat uns Hoffnung gemacht: Am 192. Jahrestag der Flucht in die Tiefe hat sie gesagt, dass das Ende der Quarantäne naht. Die Strahlungswerte auf der Erdoberfläche würden sich stabilisieren und das Klima lasse bald wieder menschliches Leben zu. Als ich gefragt habe, wann wir wieder die Erdoberfläche betreten können, hat MIRA gesagt in 54.5 Jahren. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Die meisten der anderen 864 Bewohner haben nur gelacht. Denen scheint es nichts auszumachen. Sie haben sich mit dieser Welt hier 3486 Meter unter Meer abgefunden und geniessen das sichere sorglose Leben hier unten. Und auch ich habe mich arrangiert. Nachts jedoch träume ich von dieser anderen Welt, die ich nur aus Screens kenne. Die Welt mit Pflanzen, Tieren, Himmel, Sternen. Ich seufze laut und stehe auf.

Ich mache mich auf den Weg zu meinem Kontrollgang. Obwohl dieser eigentlich nicht nötig ist: MIRA hat alles unter Kontrolle. «Aber ein wenig die Beine vertreten kann nicht schaden», denke ich mir. Der Kontrollraum befindet sich in der Mitte der beiden Haupttrakte: Auf der rechten Seite der Lebens-Trakt und auf der linken Seite der Versorgungs-Trakt. Ich gehe in Richtung des Versorgungs-Traktes. Ein kreisrunder Gang verbindet die als Halbkugeln organisierten Organe des Versorgungs-Traktes miteinander. Im ersten Organ, der «Lunge», werfe ich einen Blick auf die drei Mann hohen Tanks der Sauerstoffaufbereitungsmaschine. Unter lautem Dröhnen wird die Luft gereinigt und durch die Belüftungsröhren durch den ganzen Organismus gepumpt. Ich gehe durch den Gang weiter in den Bio-Trakt. Langsam wächst hier Gemüse und Getreide in verschiedensten Formen und Farben in den turmhohen Regalen vor sich hin. Ich bin gerne hier. Das Surren der Röhrenlampen, das Zischen der Sprinkleranlagen und das mechanische Surren der Ernteroboter – bei all den Geräuschen hat man fast das Gefühl, man könne den Pflanzen beim Wachsen zuhören. Im nächsten Trakt befindet sich das Wasser-Reservoir, wo das Salzwasser des Meeres unter ohrenbetäubendem Lärm zu Süsswasser aufbereitet wird. Ich passiere die transparenten Wassertanks mit tausenden Litern von sauberem Trinkwasser und gehe weitere in den Mechanik-Raum. Dort befinden sich viele technische Gerätschaften und zahlreiche 3D-Drucker, die unter leisem Summen gerade Ersatzteile oder Werkzeuge produzieren.

Im nächsten Trakt befinden sich das Herz und Hirn des Versorgungstraktes: Dieser Bereich ist zweigeteilt und besteht aus zwei abgeschlossenen Räumen. Rechts von mir ist der Datenraum, das Hirn. Hier wurden die Unterseekabel angezapft und hier ist das Zuhause von MIRA. Zu diesem Raum hat niemand Zutritt, ausser MIRA gewährt einem diesen. Links von mir ist der Energieraum, das lautlose Herz, wo die Stromversorgung durch Windturbinen und Solarmodule an der Erdoberfläche sichergestellt wird. Das letzte Organ, das ich betrete, ist komplett in rotem Licht eingetaucht. Es ist das Protein-Labor, wo das laute Zirpen der Insektenzucht zu hören ist, den einzigen tierischen Lebewesen hier unten. Vor der Vitrine mit den Heuschrecken bleibe ich stehen und schaue gedankenverloren den Insekten zu: «Wir haben Wasser, Strom, Datenversorgung, gutes Essen. Wir sind in Sicherheit, geschützt durch Tonnen von Wasser vor Strahlung und Unwetter. Wir haben hier das Paradies und doch…» Mit einem Kopfschütteln schüttle ich den Gedanken ab und kehre wieder zurück in den Kontrollraum. Ich werfe wieder einen Blick auf den Rover-Screen. Immer noch Sturm, immer noch Wüste. Einmal, da glaubte ich für den Hauch einer Sekunde eine andere Welt, eine Welt mit Bäumen, Sträuchern und Blumen auf dem Screen zu sehen. Ich traute meinen Augen nicht. Doch nach einem kurzen Flimmern sah ich wieder die alte bekannte Ödnis. Wahrscheinlich war es nur Einbildung, und trotzdem…

Ein lauter Alarm reisst mich aus meinen Gedanken. Für einen kurzen Moment geht das Licht aus und ich befinde mich im Dunkeln. «Was ist los MIRA», rufe ich in den Raum. Nach und nach geht das Licht wieder an. Kommandant Elon Mayer, Oberingenieur Jean St. Germaine und Chef Biologin Alice Kerner stürzen nacheinander in die Kommandozentrale. «Die Stromversorgung ist unterbrochen. Notstromversorgung wurde aktiviert», tönt es von MIRA aus den Lautsprechern. «MIRA, alle nicht überlebensnotwendigen Funktionen sofort deaktivieren», schaltet sich St. Germaine geistesgegenwärtig ein. Sofort wird der Rover-Screen schwarz und auch einige Beleuchtungen schalten sich aus. Aus dem Lebens-Trakt sind aufgeregte Stimmen zu hören. Mayer, St. Germaine, Kerner und ich stehen im Halbkreis um den Kontrollscreen in der Mitte. «MIRA, gib uns einen Zustandsbericht. Was stimmt nicht mit der Stromversorgung?», fragt Kommandant Mayer. «Das Problem kann nicht abschliessend eruiert werden. Wahrscheinlich ist ein Ausfall von mehreren Transformatoren», antwortet MIRA unaufgeregt und kalt, wie stets. Wir werfen uns nervöse Blicke zu. Die Transformatoren befinden sich an der Erdoberfläche. «MIRA, wie lange reichen die Energiespeicher aus?», frage ich in den Raum. «Die Akku-Speicher sind zu 95 Prozent gefüllt. Voraussichtlich erreichen sie null Prozent in 31 Stunden», antwortet MIRA. Kerner und ich werfen uns einen nachdenklichen Blick zu. «Was empfiehlst du uns zu tun?», fragt Kommandant Mayer. «Auf Basis der zur Verfügung stehenden Daten empfehle ich, abzuwarten.» – «Abwarten?», rufen Kerner und ich beinahe gleichzeitig erstaunt. «Nun», seufzt Kommandant Mayer, «wenn MIRA sagt abwarten, dann warten wir ab.» Ich wende mich an Mayer: «Kommandant, ich denke, wir sollten auch andere Optionen in…» – «Andere Optionen?», herrscht mich Mayer an. «Welche anderen Optionen? Wollen Sie tatsächlich in diese Hölle gehen und die Transformatoren reparieren?», schreit Mayer und zeigt auf den Rover-Screen. «Nein», sagt Mayer in ruhigem bestimmtem Ton, «MIRA ist unsere einzige Option. Sie hat uns bisher nie im Stich gelassen und sie wird uns auch jetzt nicht im Stich lassen.» Mit diesen Worten dreht sich Mayer um und verlässt den Kommandoraum. St. Germaine nickt langsam, als wolle er die Worte von Mayer bekräftigen und folgt ihm hinaus. Ich drehe mich um zu Kerner, die gedankenverloren nach draussen in die Dunkelheit schaut. «Wir können doch hier nicht einfach warten – nichts tun. In zwei Tagen ist es vorbei mit uns», sage ich verzweifelt. «Aber MIRA sagt…» – «MIRA ist nur eine Maschine. Sie wird nicht in zwei Tagen tot sein», fahre ich dazwischen. Kerner schaut mich erschrocken an. «Vielleicht täuscht sie sich», flüstere ich und füge kaum hörbar hinzu: «Vielleicht täuscht sie uns…»

Und in dem Moment, als ich diese Worte ausgesprochen habe, weiss ich mit einem Mal ganz genau, was zu tun ist. Ich stürme aus dem Kontrollraum. Nach links durch den Technik-Trakt, vorbei an Lunge, Herz und Gehirn unserer Welt. Im Mechanikraum, versteckt hinter den 3D-Druckern, das weiss ich aus meinen jahrelangen Rundgängen, gibt es eine Luke zu einer Rettungskapsel, die einem an die Erdoberfläche bringt. Ich packe einen Werkzeugkoffer, öffne die Schleuse zur Kapsel und steige hinein. Für einen kurzen Moment umgibt mich absolute Dunkelheit. Plötzlich ein lautes Klopfen an die Einstiegsluke. Ich fahre herum: «Wer ist da?», frage ich. «Lass mich rein», kommt sofort die Antwort. Ich erkenne die Stimme von Kerner. Einen kurzen Moment überlege ich: Will sie mich von meinem Vorhaben abbringen? Vertraut sie der allwissenden MIRA – oder vertraut sie mir? Wieder klopft es dreimal laut an die Luke. Einen kurzen Moment zögere ich, dann öffne ich die Luke. Kerner schaut mich an und lacht: «Ich habe diese verdammte Dunkelheit satt.» Nun lache auch ich lauthals los. «Dann auf ins Licht», sage ich und starte die Maschine. Ich kopple die Kapsel von unserer Welt ab und langsam steigen wir höher und höher. Die Dunkelheit wird weniger. Aus Schwarz wird Dunkelblau und dann Hellblau. Und plötzlich tauchen wir ein in gleissendes Licht. Für einen kurzen Moment frage ich mich, ob dies der Anblick des Todes ist. Aber nach einigen Sekunden gewöhne ich mich an das Licht und schaue nach draussen: Rund um uns herum nur Wasser. «Da», ruft Kerner aufgeregt und zeigt auf einen schwarzen Streifen am Horizont, «Land!» Wir steuern das Land an. Ich erwarte Bilder, wie wir sie stets vom Rover gesehen haben. Ich erwarte Wüste, Steine, Ödnis. Doch als wir mit unserer Kapsel wenig später auf einer Sandbank vor dem Strand auflaufen und auf das schauen was vor uns liegt, trauen wir unseren Augen nicht…

Verfalldatum

Peter Geissler, Rüegsauschachen

Der Feldweg in Richtung Brandis führt mitten durch ein grosses Lavendelfeld. Immer wieder bleibt er stehen und atmet tief ein: Der Duft ist betörend. Gegen Osten hellt der Himmel von Minute zu Minute auf. Gleichermassen ändert die Farbe der Lavendelreihen. Er liebt diese frühen Stunden im Sommer – besonders nach starken Regenfällen. Ein schweres Gewitter ist über die Orte Heimiswil, Rüegsau, Affoltern und Lützelflüh niedergegangen. Zum Glück hat die Stadt Burgdorf das Rückhaltebecken, welches vor vielen Jahren am Rüegsbach errichtet worden war, erneuert und vergrössert. So sind nur einige wenige Keller hinten im Tal geflutet worden. Von schlimmen Hagelzügen bleibt diese Gegend ohnehin meistens verschont. So hat sich das Feld nach zwei heissen Sommertagen schon wieder erholt und begrüsst den frühen Spaziergänger mit leuchtenden Farben und mit besonders starkem Duft. Wie es wohl beim Unwetter den zahlreichen Rebbergen an den Südhängen ergangen ist? Es wurde von Hangrutschungen gesprochen.

Vor wenigen Tagen ist er mit der EuMetro in Zürich angekommen. Strömender Regen empfing ihn, als er aus dem Tunnelgewirr zum Stadtzentrum hinauffuhr. Welch ein Kontrast zu Südspanien! Er hatte sich zu einem dreimonatigen Dienst als Sicherheitsfachmann bei der Kommission zur Bewachung der Europäischen Aussengrenzen (KBEA) verpflichtet – drei Monate Schichtbetrieb in einer Hightech-Überwachungsanlage in einem wüstenähnlichen Küstenstreifen zwischen Malaga und Gibraltar. Drei Monate verbrachte er beinahe ununterbrochen in klimatisierten Räumen mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Europa. Der Aufenthalt im Freien war für ihn als Mitteleuropäer nur nachts erträglich, vor allem im letzten Monat seines Aufenthalts. Er ging dann nicht selten im Mittelmeer schwimmen, was zwar Abwechslung, nicht aber Abkühlung brachte. Das Meerwasser war dazu einfach zu warm.

Stundenlang hatte er auf die Monitore gestarrt, auf welche die Live-Aufnahmen der Satelliten vom westlichen Mittelmeer projiziert wurden. Ausser der eigenen Überwachungsboote und der angemeldeten Frachtschiffe hatten sie in all den Zeiten nicht ein einziges Migrantenschiff oder sonst ein nicht registriertes Objekt geortet, noch wurden Migranten in Gewahrsam genommen. Dies war aber keine Überraschung: Der Norden Afrikas ist weitgehend entvölkert und unbewohnbar und nur noch selten versuchen Personen aus der Tropenzone, Europa über den Landweg und das Mittelmeer zu erreichen. Man könnte die Überwachung eigentlich einstellen. Auch die Bevölkerungsverschiebung aus dem südlicheren Europa namentlich in die skandinavischen Länder und nach Polen und Russland hat sich abgeflacht.

Während der ganzen drei Monate regnete es nie und es gab nicht einmal Morgentau. Der Sandstrand ging nahtlos in eine steppen- oder wüstenähnliche Landschaft über. Ausser Sand und roten Steine waren da nur stachelige Gebüsche und Kakteen und hie und da die Reste uralter Pinien- oder Olivenbäume zu sehen. Bei der Hin- und Rückfahrt hatte er zwischen Madrid und der Südküste zahlreiche verlassene Dörfer passiert und halb verfallene Fincas angetroffen. Sinnlos gewordene zivile Einrichtungen wie Strommasten, Silos, Raststätten oder Wasserbauten verliehen der Landschaft etwas Gespenstisches.

Gegen den Rand des Lavendelfeldes taucht zwischen einigen Olivenbäumen die Häusergruppe Brandis auf und er kehrt mit seinen Gedanken in die Gegenwart zurück. Einige Bauten von Brandis sind vor wenigen Jahren aufwändig renoviert worden, und das neue Café «Mühlirad» ist zu einem beliebten Treffpunkt geworden. Die Leute lieben es, im Schatten der Olivenbäume, zum Rauschen des Baches und zum Takt des Mühlrades Kaffee oder ein Glas Brandis-Weisswein zu geniessen. Dass der Bach eigentlich ein künstliches Gebilde ist, sieht man ihm nicht an. Unterhalb von Brandis mäandert er – «renaturiert» wie man sagt – zwischen den Lavendelfeldern durch die Ebene. In trockenen Zeiten hat der Bach fast mehr Wasser als die Emme. Weiter lockt der Brandis-Hofladen mit Lavendel- und Akazienhonig, Lavendelsträussen, Olivenpasten und vielen weiteren, auf dem Hof hergestellten Produkten.

Er hat heute seinen freien Tag. Seine innere Uhr, welche sich auf den Sommerrhythmus im Büro, 6 bis 12 und 16 bis 19 Uhr, eingependelt hat, lässt ihn aber schon früh erwachen, und er nutzt die noch kühleren Stunden für seine Morgenspaziergänge. Vor Sonnenaufgang ist es jetzt im Frühsommer immer noch angenehme 25 Grad warm. Von Brandis biegt der Feldweg in Richtung Emme ab. Der Weg führt zu einer kleinen Treppe, mit der man den fast drei Meter hohen Damm der Emme erklimmen kann. Oben angekommen, geht es flussseitig hinab in den Pinienwald, der den Fluss auf einer Breite von zirka dreissig Metern säumt. Der Waldboden ist mit Sand überdeckt, Zeichen, dass der Fluss vor nicht allzu langer Zeit diesen Raum zwischen Flussbett und Damm überschwemmt hat. Solche Hochwasser sind im Sommer nichts Aussergewöhnliches. Er wandert auf einem breiteren Weg flussaufwärts, bis die ersten Sonnenstrahlen durch die Baumkronen auf den Waldboden treffen. Da er vor der aufkommenden Hitze wieder zuhause sein will, beschliesst er, umzukehren.

Er nimmt den Weg entlang des Flusses durch den Pinienwald. Da erblickt er plötzlich etwas Glänzendes rechter Hand in einem niedrigen Gebüsch. Was könnte dies sein? Abfall gibt es kaum mehr in dieser Gegend, und schon gar nicht recycelbares Metall. Hastig geht er auf den Gegenstand zu. Es ist eine halb im Sand versunkene Blechdose. Sie muss wohl vor kurzer Zeit dort angeschwemmt worden sein. Aufgeregt zieht er die Dose aus dem Sand und wischt Dreck und Staub weg. Die Dose ist viereckig, hat einen farbigen Deckel und trägt den national bekannten Schriftzug «Kambly», Hersteller von Bioprodukten aus Oliven, Peperoni, Artischocken und weiteren landwirtschaftlichen Produkten der Region und eines hervorragenden Emmentaler Weissweins. Allerdings ist auf dem Deckel eine Art Gebäck abgebildet, «Hausmischung» genannt. Der Deckel zeigt weiter das ihm bestens bekannte Schloss Trachselwald mit Umgebung. Allerdings sind Wälder und saftige Wiesen zu sehen, wie es sie nur in den höheren Alpenregionen gibt. Die Büchse muss mindestens hundert Jahre alt, wenn nicht gar noch älter sein. Den Abbildungen zufolge diente die Büchse also als Verpackung für Gebäck. Sowas hatte er noch nie gesehen: Wie kann man Gebäck in Blech einpacken! Das muss ja ein Vermögen gekostet haben. Er öffnet die Dose und ist fast etwas enttäuscht, sie leer vorzufinden. Er kommt sich vor wie ein Goldgräber oder eher noch wie ein Archäologe. Er entschliesst sich, die Blechdose nach Hause zu nehmen und nicht – wie es an sich Pflicht wäre – sie bei der Recycling-Sammelstelle abzugeben. Die Büchse wird wohl kaum grossen antiquarischen Wert haben. Dennoch dürfte der Fund einen gewissen Seltenheitswert besitzen, und zudem ist er für ihn wie ein Fenster in die Vergangenheit, eine Begegnung mit einer Zeit, die es lange nicht mehr gibt. Sorgfältig trägt er die Dose runter ins Bachbett der Emme und säubert sie vom Restsand und -dreck. Jetzt erstrahlt die eigenartig grüne Graslandschaft des Emmentals fast wie neu. Die wenigen Rostflecken in den Ecken und Rändern wirken wie ein Bilderrahmen.

---ENDE DER LESEPROBE---