Wir sind die Ewigkeit - Kira Licht - E-Book

Wir sind die Ewigkeit E-Book

Kira Licht

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Beschreibung

Das epische Finale der Dusk & Dawn-Dilogie von Bestsellerautorin Kira Licht

Ein Bündnis, das undenkbar ist
Eine Welt, die am Abgrund steht
Eine Liebe, die auf eine harte Probe gestellt wird

Cal hat Erins Herz gebrochen, und am liebsten möchte sie nie wieder etwas mit dem charmanten Noctua zu tun haben, für den sie doch so viel empfindet. Doch als ein altes Geheimnis gelüftet wird und die Omega die Existenz der gesamten Welt bedrohen, bleibt ihr keine andere Wahl: Sie muss sich zurück nach Obskuris begeben. Gemeinsam mit ihren Freunden hofft sie, im Kartell der Fawn Antworten zu bekommen. Doch jemand schein es auf sie abgesehen zu haben, und dann macht Erin eine Entdeckung, die alles verändern könnte. Werden die Kartelle es schaffen, ihren Zwist begraben, und die Erde vor dem Untergang retten?


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Seitenzahl: 460

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Inhalt

Cover

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

EPILOG

DANKE SCHÖN

Kategorien der Noctua in Obskuris

Die Luftschiffe in Obskuris

Impressum

Kapitel 1

»Tempo, Porter! Da ist ja meine Großmutter mit ihrem Rollator schneller!« Die Stimme unserer Sportlehrerin Ms Watanabe übertönte sogar das aufkommende Gelächter. »Ruhe dahinten, Hernandez und Baker, oder ihr dreht ein paar Extrarunden!«

Mein Schnaufen hallte in der darauffolgenden Stille überlaut in der Turnhalle wider. Ich war nicht nur schweißgebadet und sah bereits Sternchen, meine Beine wurden mit jedem Schritt schwerer. Und das hier war nur das Aufwärmen. Gleich würden wir in zwei Teams eingeteilt und sollten Fußball gegeneinander spielen.

Rhonda, gut drei Meter vor mir, drehte sich kurz zu mir um und wurde bei meinem Anblick langsamer. Doch Miss Watanabe schrie sie an, kaum dass sie es bemerkte.

»Was ist denn los, Erin?« Unsere Sportlehrerin joggte zu mir. »Deine Magenverstimmung ist zwei Wochen her. Geht es dir immer noch so schlecht?«

Jedes Mal, wenn irgendjemand das Thema auch nur ansatzweise auf diesen denkwürdigen Abend lenkte, kämpfte ich mit den Tränen. Es war jetzt zweieinhalb Wochen her, dass Cal mich am Abend des Herbstballs verschenkt hatte. Verschenkt! Pausenlos dachte ich darüber nach, und dennoch hatte ich es immer noch nicht begriffen. Er hatte mich überredet, ihn nach dem Herbstball meiner Schule zum Kartell der Fawn zu begleiten, weil er zu einem ihrer legendären Feste eingeladen war. Doch statt dort zu recherchieren, ob es stimmte, dass die Fawn etwas mit den Verbrechen der Zahnfeen zu tun hatten, hatte ich dort erfahren müssen, dass er mit meiner Bekannten Melissa verlobt war und ich das Hochzeitsgeschenk sein sollte.

Cal hatte mich die ganze Zeit belogen, mir etwas vorgespielt und mir zum zweiten Mal das Herz gebrochen. Ich blinzelte, um die Tränen in meinen Augen zu vertreiben.

Erst dann bemerkte ich, dass Ms Watanabe mich immer noch musterte. »Es geht schon«, presste ich hervor.

Ich spürte erneut ihren prüfenden Blick auf mir und wandte automatisch den Kopf etwas zur Seite. Hoffentlich war unser Gespräch mit meiner knappen Antwort beendet. Schließlich konnte ich ihr nicht erzählen, dass ich kaum noch schlief. Dass ich jede Nacht mit der Angst kämpfte, dass Cal oder Melissa zurückkommen würden, um mich ins Reich der Fawn zu verschleppen. Bei dem Gedanken daran, auf welch skrupellose Weise die beiden mich vorgeführt hatten, musste ich erneut hart schlucken. Meine Beine wollten mir nicht mehr gehorchen, und ich wurde immer langsamer. Rhonda sah sich erneut zu mir um und erkannte wohl die aufsteigenden Tränen in meinen Augen, denn sie blieb abrupt stehen.

Dieses Mal brüllte Ms Watanabe Rhonda nicht an. Stattdessen seufzte sie und winkte meine Freundin zu uns. »Setz dich mit Erin mal einen Moment auf die Bank, ja?« Dann sah sie zu mir. »Hast du etwas zu trinken dabei?« Ich nickte schnell, immer noch verzweifelt versucht, meine Augen nicht überlaufen zu lassen.

Ms Watanabe hatte die Hände in die Hüften gestemmt und runzelte die Stirn. »Du bist ganz blass, und du zitterst. Vielleicht solltest du mal bei einem Arzt vorbeischauen. Es scheint ja doch etwas Ernsteres zu sein.«

Ich nickte wieder. »Mache ich. Danke.«

Rhonda legte einen Arm um mich und führte mich über die Seitenlinie in Richtung einer der schmalen Holzbänke, die an den Wänden der Turnhalle aufgereiht waren.

»So geht das nicht weiter«, flüsterte sie mir im Gehen zu, während hinter uns Ms Watanabes schrille Trillerpfeife erklang. »Du stehst kurz vor einem Zusammenbruch. Wann hast du das letzte Mal mehr als zwei Stunden am Stück geschlafen?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Du hast doch deine drei Gamma«, flüsterte sie weiter. »Pünktchen, Herald und Otiz. Du hast mir selbst erzählt, dass sie die besten Alarmanlagen sind. Sie würden es doch merken, wenn sich ein Unbefugter deinem Zimmer nähert.«

Ich hatte schon ein paarmal versucht, meinen Freunden zu erklären, warum ich einfach keine Ruhe fand. Dass ich nicht im Schlaf überrascht werden wollte, dass ich vorbereitet sein wollte, dass ich meinem Angreifer in die Augen sehen und mich ihm stellen wollte, ohne schlaftrunken aus den Kissen hochzufahren. Und dass mein Kopf einfach nicht still sein wollte, wenn es dunkel wurde. Und dass dann alles erst recht wieder hochkam und die Erinnerungen mich verfolgten und quälten.

»Komm, setz dich.«

Meine Knie zitterten, als ich auf der Bank Platz nahm. Schnell legte ich meine Hände darüber, doch Rhonda bemerkte es. »Wir brauchen eine Lösung, und zwar so schnell wie möglich.« Sie beugte sich zu mir. »Wir alle machen uns große Sorgen um dich.«

Eine einzelne Träne lief meine Wange hinab. Ich war wie erstarrt. Schon wieder jagten Erinnerungsfetzen vor meinem inneren Auge entlang. Der Moment, in dem Melissa durch den Vorhang aus Blüten getreten war. Cals kalter Blick, mit dem er mich gemustert hatte. Meine Flucht in den verbotenen Wald, Drystan, der Hauptmann der Leibgarde, der mich verfolgt und dann gestellt hatte. Mein Schlag, der ihn außer Gefecht gesetzt hatte und die Odyssee, die darauf folgte. Die Angst, die Schmerzen, die Verzweiflung, bis Nyncis, Cals Reittier, mich gefunden und in meine Welt zurückgebracht hatte. Und hier war der Albtraum seitdem weitergegangen. Denn ich ahnte, nein, ich wusste, sie würden mich nicht aufgeben. Sie würden ...

»Erin?«

Ich zuckte zusammen. »Hm?«

»Dein Wasser.« Rhonda hielt mir meine Flasche hin. Ich hatte nicht mal bemerkt, dass sie sie geholt hatte.

»Danke.« Ich nahm ein paar Schlucke.

Es schmeckte schal und abgestanden. Ich schüttelte mich innerlich, doch ich schaffte es, die Flasche wieder zuzudrehen und Rhonda ein Lächeln zu schenken.

Ihr Blick war immer noch ernst. »Möchtest du noch mal ein paar Nächte bei mir übernachten?«

»Das ist total lieb. Aber ich weiß nicht mehr, was ich Grandma erzählen soll.« Ich hatte das Wochenende nach dem Herbstball bei Rhonda verbracht. Zu groß war meine Angst gewesen, dass Cal bei mir auftauchen würde. In der darauffolgenden Woche hatte ich erneut zwei Tage bei Rhonda übernachtet. Doch dann hatte Grandma das Gespräch mit mir gesucht, und mich eindringlich gebeten, ihr zu erzählen, was passiert war. Meine Kratzer und Wunden waren notdürftig versorgt worden, dennoch konnte ich sie nicht komplett verbergen. Und Grandma war vom Fach. Ihr konnte ich nicht erzählen, dass ich eine Treppe heruntergefallen war.

Ich hatte irgendein dummes Zeug von einer Nachtwanderung erzählt. Eine verrückte Idee von Mitschülern auf einer Party. Hätte Grandma die Geschichte auch nur ansatzweise hinterfragt, wäre mir das Kartenhaus aus Lügen über dem Kopf zusammengebrochen. Doch entweder hatte sie mir wirklich geglaubt, oder sie schien zu spüren, dass es Dinge gab, über die ich mit ihr einfach nicht reden wollte. Also hatte sie es dabei belassen – vorerst zumindest. Diese Woche waren ihre Fragen allerdings bohrender geworden. Ich hatte es auf den Druck der Abschlussklausuren geschoben. Das Schuljahr war fast vorbei, und eigentlich sollte mich der Prüfungsstress komplett vereinnahmen. Eine Klausur hatte ich bereits erfolgreich verhauen. Da ich eine gute Schülerin war, war ich von unserem Chemielehrer zu einem Gespräch gebeten und dazu befragt worden. Er wollte wissen, wie ich eine so miese Leistung hatte abliefern können. Ich schob es auf einen Magen-Darm-Infekt, der mich fest in den Klauen hatte. Das war die Lüge, die im Moment für alles herhalten musste. Aber sie brachte mir zumindest einen Nachschreibtermin ein. Bedachte man jedoch, wie es um das Schicksal der Welt stand, war es gut möglich, dass mir dieser Termin total egal sein konnte. Irgendjemand wollte vermutlich die monströs-großen Omega erwachen lassen, um unsere Welt dem Erdboden gleichzumachen. Es waren uralte, böse Kreaturen, die nichts als Zerstörung kannten. Sollte es demjenigen, der den Weltuntergang plante, tatsächlich gelingen, dass alle Menschen plötzlich wieder die Fähigkeit bekamen, die Noctua zu sehen, würden nicht nur neue Omega entstehen, die alten würden aufwachen. Der Untergang unserer Welt wäre nicht mehr aufzuhalten.

»Vielleicht können wir ...«, riss mich Rhonda aus meinen Gedanken, da erklang erneut Ms Watanabes Stimme.

»Rhonda, zurück aufs Feld, Erin kommt jetzt allein klar.«

*

Nach dem Sport trödelte ich herum. Rhonda und Jinjin warteten draußen an den Tribünen des Sportplatzes auf mich, weil es in den Umkleiden nach dem Duschen immer so stickig war. Über zwei Wochen mit kaum Schlaf machten sich erneut mit aller Macht bemerkbar. Gerade verließen die letzten zwei Mitschülerinnen den Umkleideraum, und ich winkte kurz zurück, als sie mir einen Gruß zuriefen. Sogar den Arm zu heben, fiel mir schwer.

Ich seufzte und warf meine Sportschuhe in den Spind. Mein Blick fiel auf den Hoodie, der ordentlich gestapelt in der oberen Ablage lag. Ich hatte ihn getragen, als ich mit Cal in Obskuris gewesen war. Durch mein Herz jagte ein so heftiger Stich, dass ich mich krümmte.

Ich hasse dich, Cal. Ich hasse dich aus dem tiefsten Abgrund meiner Seele. Und ich werde dir niemals verzeihen.

Ich knallte die Tür zu.

Zuerst war da nur etwas, das ich aus dem Augenwinkel wahrnahm, ein Schatten, der rechts von mir aufragte. Alarmiert schwang ich herum – und blickte in ein mir bekanntes Gesicht.

»Hallo, Erin.«

Kapitel 2

Melissa. Oder besser gesagt: Melissa Naira Stratford, Königstochter der Fawn und verlobt mit Callahan Kymragh, Sohn des Anführers der Onyx. Der Schock jagte wie ein eisiger Blitz durch meinen Körper. Ich machte den Mund auf, doch kein Wort kam heraus.

Melissa, die meine Reaktion wohl richtig gedeutet hatte, hob beide Hände in einer beschwichtigenden Geste. »Ich möchte nur reden.«

»Ja klar. Ich glaube dir kein Wort«, zischte ich. Noch immer raste mein Herz. Wie automatisch glitt mein Blick zur Tür. Natürlich rechnete ich damit, dass sie mit Verstärkung gekommen war. Sie würde mich zurück ins Reich der Fawn verschleppen, dessen war ich mir ganz sicher.

»Ich kann nicht lügen.« Melissa sah mich eindringlich an. »Schon vergessen? Wir Fawn können nicht lügen.«

»Oh bitte«, erwiderte ich sarkastisch. Ich wich erneut zwei Schritte zurück, weil die Panik in mir nicht zu bändigen war. »Gib dir keine Mühe, mir noch mehr Märchen zu erzählen. Keine Ahnung, was du bist, aber du bist keine von ihnen. Du bist auf der Erde geboren worden, du bist hier zur Schule gegangen, ich habe mir deinen Lebenslauf im Internet durchgelesen. Du hast sogar Babyfotos von dir auf Instagram veröffentlicht, die eindeutig beweisen, dass du hier auf der Erde aufgewachsen bist.« Nochmals schüttelte ich abwehrend den Kopf. »Also erzähl mir nichts.«

Melissa hielt mit mir Schritt, was in meinem Kopf alle Alarmglocken noch lauter schrillen ließ. Ich musste mir erneut ins Gedächtnis rufen, wie geschickt sie alles geplant hatte. Wie skrupellos sie mich benutzt hatten, sie und Cal. Melissa mochte in ihrer hübschen dunkelblauen Stoffhose und dem adrett gebügelten Oberteil vielleicht aussehen wie die Unschuld in Person, aber sie war gefährlich. Ich wusste nicht, wer sie war, ich wusste nicht, was sie war, und ich hatte ihre wahren Pläne noch immer nicht durchschaut.

Bei jedem Schritt, den sie auf mich zukam, machte ich einen weiteren zurück. »Bleib, wo du bist«, stieß ich hervor. »Ich werde so laut schreien, dass die ganze Schule es hört. In genau einer Minute sind wir nicht mehr allein.«

»Du weißt, dass ich für die Menschen unsichtbar bin, es sei denn, ich will gesehen werden?« Sie klang nicht besonders beeindruckt.

»Und du weißt, dass du mich nicht mehr entführen kannst, sobald ich von meinen Mitschülern umgeben bin«, erwiderte ich und war selbst überrascht, wie kalt meine Stimme plötzlich klang.

An Melissas Wange zuckte ein Muskel. »Lass uns einfach reden. Es gibt so viel zu klären.«

»Ich will nicht mit dir reden.« Mein Rücken stieß an die Wand, die die Duschen von den Umkleideräumen trennte. »Ich will, dass du, nein, dass ihr mich in Ruhe lasst, und zwar für immer. Für den Rest meines Lebens.« Meine Stimme hatte zu zittern begonnen, als meine Gedanken zu Cal gewandert waren. »Ich will keinen von euch je wiedersehen!« Jetzt war meine Stimme laut und schmerzerfüllt.

Etwas in Melissas Gesicht ließ ihre Maske aus Höflichkeit und aufgesetzter Freundlichkeit verrutschen. Sie runzelte die Stirn, als habe sie mein Schmerz tatsächlich erreicht. Fast, als habe er etwas in ihr ausgelöst.

Nochmals machte sie einen Schritt auf mich zu, und ich wich an der Wand entlang tiefer in die Umkleide. »Fass mich nicht an«, würgte ich hervor. »Ich warne dich. Ich schreie um mein Leben.«

»Ich werde dir nichts tun.« Melissa blieb nicht stehen. »Erin, bitte sei vernünftig. Wir müssen mit dir reden. Wir brauchen dich.«

An diesem Punkt kapitulierte mein rationaler Menschenverstand. »Ihr braucht mich?«, schrie ich, und es war mir egal, ob mich irgendjemand hörte. »Ihr braucht mich? Nach all dem, was ihr mir angetan habt? Seid ihr alle verrückt? Ist das hier real, oder habe ich Halluzinationen?« Ich fasste mir ins Gesicht und betastete meine Wangen. Erst da fiel mir auf, dass ich erneut zu weinen begonnen hatte. »Das kann nicht echt sein ...«

»Du bist ja völlig durcheinander.« Wieder runzelte Melissa die Brauen. »Und wieso glaubst du, dass du Wahnvorstellungen hast? So etwas tritt doch normalerweise nur nach massivem Schlafentzug auf und ...« Sie hielt inne und musterte mich erneut. »Mein Gott«, sagte sie dann leise. »Es ist noch viel schlimmer, als wir angenommen hatten.« Wieder machte sie einen Schritt auf mich zu. »Bitte lass mich dir helfen.«

Sie streckte ihren Arm nach mir aus, doch ich schrie auf und rannte los. Im hinteren Teil der Umkleiden gab es keinen Ausgang. Ich jagte durch die Gänge, die von Spinden gesäumt wurden. Hier gab es nur ganz schmale Fenster nahe der Decke, die ebenfalls keine Fluchtmöglichkeit boten. Dann fiel mir etwas ein. An den Raum mit den Duschen grenzte ein kleiner Wartungsraum! Hier befanden sich der Boiler und die Heizungsanlage der Schule. Dort gab es ein größeres Fenster, und dahinter lag der Schulhof. Und gelegentlich vergaß der Hausmeister, diesen Raum abzuschließen. Es war meine einzige Chance. Ich jagte in die Duschen hinein und dann weiter zu dem Raum. Melissa war mir dicht auf den Fersen.

»Erin«, rief sie. »Du kannst nicht entkommen. Bleib einfach stehen. Was soll diese alberne Nummer? Du siehst aus, als würdest du gleich umfallen. Schone deine Kräfte und höre mir einfach zu.«

Ich antwortete nicht, stattdessen riss ich panisch an der Klinke des Heizungsraums. Nichts. Die Tür bewegte sich keinen Millimeter. Sie war abgeschlossen.

Die Erkenntnis brach mit aller Macht über mich hinein. Ich saß in der Falle. Hastig presste ich mich mit dem Rücken gegen die Tür, um meiner Feindin ins Auge zu blicken. Melissa kam langsam auf mich zu, und wieder machte sie mit der linken Hand diese beruhigende Geste, als wäre ich ein Pferd, das wütend die Nüstern blähte. Irgendetwas daran machte mich noch wütender, als ich sowieso schon war.

»Komm mir nicht zu nah«, flüsterte ich. Dann endlich fiel mir mein Messer ein. Seit den Geschehnissen bei den Fawn trug ich es immer bei mir. Ich fühlte mich sicherer damit. Und einmal hatte es mir bereits das Leben gerettet, als ich von den zwei Furcht einflößenden Beta angegriffen worden war. Vielleicht würde es mich heute erneut aus einer brenzligen Situation befreien. Ich zog es hervor, und die Klinge des Klappmessers zeigte direkt auf Melissa.

»Erin, bitte.« Melissa klang eher vorwurfsvoll als eingeschüchtert. Als würde sie ein bockiges Kind tadeln.

»Ich weiß, wie man es benutzt«, wisperte ich. »Ich habe gegen zwei Beta gekämpft und gewonnen.«

»Ich hörte davon«, sagte sie beiläufig und kam weiter auf mich zu. »Aber ein Beta ist kein Alpha. Und ich bin eine Alpha.«

Dann hob sie ihre rechte Hand. Sie war zur Faust geballt, und als sie die Finger öffnete, sah ich etwas Glitzerndes auf ihrer Handfläche. Ich wollte mich noch ducken, doch da war es schon zu spät. Melissa pustete mir den schillernden Staub mitten ins Gesicht.

Das Letzte, was ich wahrnahm, war ein süßlicher Geruch nach Honig und Blumen. Im nächsten Moment wurde alles schwarz.

*

Ein leises Fiepen drängte sich in mein Bewusstsein.

Ich blinzelte, doch meine Augenlider fühlten sich immer noch unnatürlich schwer an. Vorsichtig bewegte ich den Mund, doch irgendwie war alles taub. Etwas Warmes, Pelziges drückte sich eng an meine Seite. Doch selbst die Hand zu heben, fiel mir schwer. Ich wollte instinktiv zurückweichen, doch mein Körper gehorchte mir noch nicht richtig. Ich spürte, wie mein Herzschlag sich beschleunigte und wie mit jedem weiteren Hämmern meines Pulses meine Gedanken klarer wurden. Meine Gefühle kehrten zurück, und mit ihnen die Erinnerungen.

Ich war in der Umkleide der Schule gewesen. Dann war Melissa aufgetaucht, und ich hatte versucht, vor ihr zu fliehen. Doch dann hatte sie ... Ich erinnerte mich an den Staub, den sie mir ins Gesicht geblasen hatte. Melissa musste mich betäubt haben.

Wo hatte sie mich hingebracht? Befand ich mich bereits wieder in Obskuris? Würde ich für immer im Kartell der Fawn in Gefangenschaft leben müssen?

Ich stöhnte auf und rieb mir mit einer Hand vorsichtig über die Augen. Als ich jetzt erneut die Lider hob, war meine Sicht klar. Über mir ragte eine weiße Decke auf. Ich bewegte mich vorsichtig und blickte zur Seite.

Ich lag auf meinem eigenen Bett.

»Endlich bist du wach.« Melissas Stimme erklang aus der anderen Richtung. Ich drehte den Kopf zu ihr. Sie saß auf meinem Schreibtischstuhl und lächelte entschuldigend. »Tut mir leid, ich habe wohl im Eifer des Gefechts nach etwas zu viel Feenstaub gegriffen. So lange solltest du eigentlich gar nicht schlafen. Ich hatte berechnet, dass du pünktlich zur Ankunft hier wieder aufwachst. Jetzt hast du noch eine halbe Stunde länger geschlafen, tut mir leid.«

Abrupt richtete ich mich auf. Pünktchen, meine kleine Gamma, die wohl halb auf mir gelegen hatte, rutschte von mir herunter und drängte sich sofort wieder ängstlich an mich. »Du hast mich betäubt. Wie kannst du es wagen?« Obwohl mir immer noch etwas schwindelig war, kochte Wut in mir hoch. Erst dann entdeckte ich Herald und Otiz, die sich auf der anderen Seite des Bettes hinter mich gedrängt hatten. Sie schienen eindeutig Angst vor Melissa zu haben.

»Ich wollte in Ruhe mit dir reden.« Melissa erhob sich von dem Schreibtischstuhl und wollte auf mich zukommen.

»Bleib, wo du bist«, zischte ich und rieb mir erneut hektisch über die Augen. »Komm ja nicht näher.« Wo war mein Messer? Wie konnte ich mich wehren?

Zu meiner Überraschung ließ Melissa sich zurück in den Schreibtischstuhl sinken.

Ich sah mich erneut hastig im Zimmer um. »Wo ist er? Du bist doch garantiert nicht allein gekommen.«

»Meinst du Cal?« Melissa legte den Kopf schief, als könne sie kein Wässerchen trüben.

»Natürlich meine ich Cal«, erwiderte ich scharf. »Wo ist er?«

»Er ist nicht hier. Können wir uns unterhalten?«

»Ich will nicht mit dir reden. Verschwinde.«

Melissa erhob sich und kam auf das Bett zu. »Lass uns reden wie vernünftige Menschen.«

»Du bist kein Mensch!« Meine Stimme überschlug sich. Otiz und Herald verschwanden mit lautem Fiepen unter dem Bett. Pünktchen fauchte, und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Sie war eindeutig die mutigste des Trios, denn im nächsten Moment sprang sie Melissa entgegen.

Die wedelte nur mit der Hand, und Pünktchens Flugbahn änderte sich abrupt. Sie knallte gegen meinen Schrank und kam dann unsanft auf dem Boden auf, wo sie sich benommen aufrappelte. Ich wollte nachsehen, ob es ihr gut ging, doch meine Angst vor Melissa war größer.

»Jetzt sei vernünftig«, sagte Melissa leise zu mir, und ihre Stimme klang kühl und beherrscht.

Doch genau das war es, was sie so bedrohlich machte. Ich musste hier weg. Doch wie? Melissa war zu nah an der Tür, diese würde ich nicht erreichen, ohne dass sie sich mir in den Weg stellen würde. Dann kam mir ein Gedanke. Ich sprang auf der anderen Seite aus dem Bett und rannte dann direkt zum Fenster. Ich riss es auf und schwang im nächsten Moment ein Bein über die Fensterbank. Ich wollte vom Vordach, das die umlaufende Veranda überdachte, hinabrutschen und von dort aus in den Garten springen.

Hinter mir schnalzte Melissa mit der Zunge.

Die Dachschindeln des Vordachs erhoben sich in zwei geschmeidigen Wellen.

Ich schrie auf und wich zurück. Wie hatte Melissa das gemacht?

Ich riss das Bein zurück über die Fensterbank.

Im nächsten Moment jagte ein Muster über die beiden Wellen, als würde jemand die Pixel eines Fotos hin und her schieben. Dann erhob sich ein riesengroßer Schmetterling vor meinen Augen. Dank des Halfters und des Sattels identifizierte ich ihn in dem Bruchteil von Sekunden als ein Reittier der Alpha.

Der Schmetterling neigte seinen Kopf mit den großen Facettenaugen, als wolle er mich grüßen. Im nächsten Moment hatten seine Flügel und sein Körper nicht mehr das Muster der Dachschindeln, sondern ein strahlendes Blau.

»Das ist Dante. Er ist ein Chamäleon-Blaufalter«, erklang Melissas Stimme hinter mir. »Eins der seltensten Reittiere der Alpha.«

Und vermutlich gerade exklusiv genug für eine Prinzessin.

»Er kann sich jeder Farbe und Struktur anpassen«, erklärte sie weiter. »Selbst andere Alpha können seine Tarnung nicht durchschauen.«

Und er hatte mich erfolgreich daran gehindert, aus dem Fenster zu fliehen. Ich schwang zu Melissa herum. »Tolle Show.« Pünktchen hüpfte auf meinen Arm, und ich zog sie an mich. Ich strich ihr beruhigend übers Fell, während ich immer noch fieberhaft über eine Fluchtmöglichkeit nachdachte.

Melissas Blick fiel auf die kleine Gamma. »Ich wollte ihm nicht wehtun, tut mir leid.«

Pünktchen hob den Kopf und fauchte sie zum Dank an.

»Er ist eine Sie, und sie heißt Pünktchen«, erwiderte ich kühl.

»Tut mir leid«, sagte Melissa erneut und sah die kleine Gamma direkt an. »Du wolltest mich beißen, und ich musste mich wehren.«

»Erin issst meine Freundin«, zischte Pünktchen.

Melissa nickte, als wäre ihr das Erklärung genug. Dann sah sie mich an. »Das alles, die Sache mit der Verlobung, dich zu täuschen, es war meine Idee. Ich habe Cal in einem unserer Video-Calls im Hintergrund gesehen und sofort erkannt. Auch ich wusste von dem Krieg, der Obskuris droht, und meine Spione hatten mir bereits von dem Problem mit den Zahnfeen berichtet.« Sie schluckte und sah auf ihre Füße. »Das Schlimme ist, dass ich mir nicht sicher bin, wie meine Eltern zu alldem stehen. Hier ist eindeutig Magie im Spiel, und dafür sind wir Fawn normalerweise in der Dimension verantwortlich. Magie liegt uns im Blut, sie ist ein Teil von uns. Und ich habe meinen Vater schon oft darüber reden hören, dass er es besser finden würde, wenn die gesamte Dimension von nur einem König regiert wird.« Sie hob den Kopf und sah mich erneut an. »Wenn mein Vater es ist, der für all das mit den Zahnfeen verantwortlich ist, dann müssen wir ihn aufhalten. Vielleicht tut er nur so, als würde er nach Verbündeten für einen friedlichen Ausgang suchen. Vielleicht will er sich zum totalitären Herrscher machen. Vielleicht nutzt er die angespannte Situation in der Dimension, um hinter dem Rücken aller anderen seinen eigenen Plan zu schmieden. Und dann müssen wir ihn unbedingt aufhalten. Ich habe zu Cal Kontakt aufgenommen, und er hat mir von deinen Fähigkeiten erzählt.« Jetzt war ihr Blick bittend. »Wir brauchen dich, denn nur du kannst ihre Halsreifen sehen. Aber wir brauchten auch einen Vorwand, mit dem du dich absolut frei im Reich der Fawn bewegen kannst. Und da du ein Mensch bist, blieb uns keine andere Wahl.« Sie rang mit den Händen. »Cal war absolut dagegen. Er wollte dir das nicht antun. Aber ich kenne meine Eltern. Ich weiß, wie gut sie andere durchschauen. Deine Reaktion musste echt sein, es war die einzige Chance, dich nicht in Gefahr zu bringen. Glaub mir, es war nicht leicht, Cal zu überzeugen. Bis zum Schluss war ich mir sicher, dass er dich heimlich eingeweiht hatte.«

Sie machte ein paar Schritte zur Seite und ließ sich dann langsam auf mein Bett sinken. Sie verschränkte die Finger miteinander, als wüsste sie nicht recht, was sie noch sagen sollte.

In mir kämpften derweil zwei Parteien um die Oberhand. Die eine war sich sicher, dass es sich erneut um einen Schwindel handelte. Melissa erzählte mir eine rührselige Geschichte, damit ich ihr freiwillig ins Reich der Fawn folgte. Die andere Partei in mir fand alles, was sie erzählt hatte, erschreckend logisch. Sogar, dass sie mich nicht eingeweiht hatten, fand ich jetzt nachvollziehbar. Ich hatte schließlich ihre Eltern kennengelernt und mehr als eine Narbe von der Begegnung mit ihnen zurückbehalten.

Jetzt war ich es, die sich auf den Schreibtischstuhl sinken ließ, während Pünktchen sich mit wachsam gespitzten Ohren auf meinem Schoß zusammenrollte. Hinter dem Bett sah ich Herald und Otiz wieder auftauchen.

»Und falls du denkst, dass wir das mit der Verlobung ernst meinen, dann kann ich dir nur sagen, dass du dich täuschst«, sprach Melissa plötzlich weiter. »Cal liebt dich, ich sehe es in dem Leuchten in seinen Augen, wenn er über dich spricht. Für ihn gibt es nur dich. Und wenn man seinen Erzählungen lauscht, dann hat es auch schon immer nur dich gegeben. Du bedeutest ihm so unendlich viel.« Ihre Miene wurde weich. »Es geht ihm wirklich mies, seit du den Kontakt so rigoros abgebrochen hast.«

Ich schnaubte. »Was hättest du denn getan? Dich bedankt? Wohl kaum. Zuerst erfahre ich, dass mein Freund sich mit einer anderen verlobt. Und dann bin ich auch noch das Verlobungsgeschenk? Als Nächstes lassen mich deine Eltern zum Spaß fast umbringen. Während meiner Flucht bin ich ein paarmal fast gestorben und du hast keine Ahnung, in welchem Zustand ich es zurück hierher geschafft habe. Ich schlafe kaum noch, rechne jederzeit mit einem Überfall von euch. Ich kann nicht mehr essen, ich kann mich nicht mehr konzentrieren, und hinzu kommt dieser unendlich große Schmerz, dass Cal, der mir so viel bedeutet, mich so hintergangen hat.« Ich schüttelte den Kopf, weil ich es einfach nicht fassen konnte. »Und jetzt erzählst du mir, dass er sich echt mies fühlt?«

»So war das nicht gemeint«, erwiderte Melissa. »Ich maße mir gar nicht an zu wissen, wie es dir mit alldem geht. Ich möchte dir einfach nur versichern, dass ich es bin, auf die du wütend sein müsstest.« Das Klingeln eines Handys unterbrach uns. Melissa griff ohne hinzusehen in eine Tasche ihrer Hose, und es verstummte. Dann sprach sie weiter, als wäre nichts gewesen. »Ich möchte das wieder in Ordnung bringen, Erin. Der Plan war, dass wir uns gemeinsam in meinem Kartell umschauen und nachforschen, und sobald wir gefunden haben, was wir brauchen, lösen Cal und ich unsere Verlobung wieder. Ich werde meinen Eltern erzählen, dass ich eine andere liebe, und ich es mir nicht vorstellen kann, für immer mit Cal zu leben, nur für eine Allianz zwischen zwei Kartellen. So trifft die Onyx keine Schuld, und ein eventuelles Bündnis von unserer Seite aus ist dann nicht gefährdet.«

»Eine andere?«, hakte ich nach.

»Ich habe eine Freundin«, erwiderte sie. »Schon seit drei Jahren.«

Ich schüttelte den Kopf. »Hast du nicht. Auf deinem Instagram-Profil findet sich keinerlei Hinweis darauf.«

Melissas Mund wurde eine gerade schmale Linie. »Das ist richtig.« Jetzt war ihre Stimme wieder kühl. »Aber das liegt nicht an mir. Olivia wollte sich noch nicht outen, und ich werde sie ganz sicher nicht zu irgendetwas drängen.« Melissa zog ihr Handy hervor und öffnete die Foto-App. Dann reichte sie es mir. »Es ist der Ordner mit dem Herzchen.«

»Olivia ist eine Noctua?«

Melissa nickte knapp. Ich nahm das Handy und tippte den Ordner an. Dort gab es Dutzende Fotos von Melissa und einer blonden Frau. Sie hatte die Augen der Fawn und war etwa in Melissas Alter. Die Bilder zeigten die zwei in unterschiedlichsten Lebenslagen, mal auf der Erde, mal in Obskuris und eindeutig sehr vertraut miteinander. Manche von ihnen waren sehr intim, andere in der Öffentlichkeit aufgenommen. Das älteste Foto war über drei Jahre alt.

Konnte ich ihr wirklich glauben? Oder war das wieder eine Täuschung?

Ich reichte Melissa das Handy zurück. »Schön, du hast eine Freundin. Aber das erklärt nicht, was ihr jetzt mit mir vorhabt. Mein Leben ist hier auf der Erde, ich mache bald meinen Abschluss, und ich habe Pläne. Cal hingegen hat mich deinen Eltern geschenkt. Und das bedeutet ja wohl, dass ich für immer im Reich der Fawn bleiben muss.«

Melissa schüttelte den Kopf. »Auch das ist mein Fehler. Ich habe meine Eltern unterschätzt. Cal und ich hatten geplant, dass du nach dieser Feier wieder hierher zurückkehrst. Cal wollte meinen Eltern erzählen, dass du noch ein paar Angelegenheiten regeln musst, bevor du dann für immer im Kartell bleibst. Ich bin davon ausgegangen, dass sie kooperieren würden. Dass es ihnen lieber wäre, du bleibst freiwillig, als dass sie dich für immer gefangen halten müssten. Aber hier habe ich sie falsch eingeschätzt. Mittlerweile konnte ich jedoch mit ihnen verhandeln.«

»Aha?« Mehr konnte ich dazu nicht sagen.

»Es ist eigentlich ganz gut gelaufen.« Sie klang nur wenig überzeugend. »Meine Eltern nehmen die ganze Sache mit dem Verlobungsgeschenk, also mit dir, die als Einzige die Noctua sehen kann und so weiter ...«, sie wedelte erneut mit den Händen, »... leider sehr ernst.«

Ich rollte mit den Augen. Was kam denn nun?

Melissa räusperte sich und schien sich dann einen Ruck zu geben. »Sie lassen sich auf einen Kompromiss ein, allerdings nur unter einer Bedingung.« Sie räusperte sich erneut. Ich ahnte Böses.

»Sie stellen dir eine Art Bodyguard an die Seite, der dafür sorgt, dass dem einzigen Menschen, der uns Noctua sehen kann, nichts passiert. Dieser Bodyguard wird ...«

»Nein«, unterbrach ich sie unwirsch. »Das kommt überhaupt nicht infrage. Soll hier irgendeine deiner Fawn-Wächterinnen einziehen und mich beim Schlafen beobachten? Wie gruselig ist das denn bitte? Außerdem sind wir in diesem Zimmer bereits voll ausgelastet, falls ich dich an meine drei Gamma erinnern darf. Und sie werde ich auf gar keinen Fall ausquartieren. Ist mir egal, wie du das mit deinen Eltern klärst, aber das akzeptiere ich nicht.«

Melissa wirkte noch unbehaglicher, obwohl das kaum möglich war. Meinen Einwand überging sie einfach. »Um es mal ganz präzise zu formulieren, möchten dir meine Eltern jemanden an die Seite stellen, dem sie persönlich vertrauen. Es handelt sich hierbei um ein Familienmitglied.«

»Hast du etwa noch eine Schwester, von der ich nichts weiß oder ...« Dann machte es klick.

»Auf gar keinen Fall!« Meine Stimme war eine Oktave höher gewandert. Vertrauter des Königs, Familienmitglied. Ich wusste, wen sie meinte. König Thiobald von den Hügeln meinte seinen Neffen, Sohn seiner verstorbenen Schwester und mittlerweile Hauptmann der Leibgarde.

Drystan von den blauen Monden. Der Drystan, der mich mit Pfeil und Bogen fast erschossen und den ich im Wald mit einem Ast fast umgebracht hätte.

Unser Aufeinandertreffen explosiv zu nennen war auf lächerliche Weise untertrieben. Wir hatten uns nichts geschenkt.

»Drystan kann sich praktisch unsichtbar machen«, redete Melissa hektisch weiter. »Und er nimmt seinen Auftrag sehr ernst.«

»Glaubst du, ich habe Angst, dass er meine Grandma erschreckt? Ich weiß, dass ihr von den Menschen nicht gesehen werden könnt, es sei denn, ihr wollt es. Aber ich sehe ihn sehr wohl, wenn er in meinem Zimmer herumsteht und mich beobachtet. Kommt überhaupt nicht infrage.«

»So meinte ich das nicht«, erwiderte Melissa nun hektisch. »Ich meinte, dass Drystan natürlich nicht in deinem Zimmer schlafen wird. Er wird sich ums Haus herum aufhalten, und du wirst ihn nicht bemerken. Es ist die einzige Chance, dass meine Eltern nicht jemanden schicken, um dich zu holen. Und dann kann selbst ich dir nicht mehr helfen.«

»Natürlich wirst du mir dann helfen!«, rief ich. »Denn es ist deine Schuld, dass ich mich in so einer Situation befinde. Und was glaubst du eigentlich ...«

Plötzlich klingelte es an der Haustür Sturm, während gleichzeitig Rhondas Stimme aus dem Garten zu mir hinaufschallte. »Erin? Bist du da? Geht es dir gut? Ich rufe die Polizei, wenn du dich nicht sofort meldest!«

Kapitel 3

Melissa und ich starrten uns einen Moment lang wortlos an.

Natürlich. Rhonda und Jinjin hatten auf mich an den Tribünen gewartet. Und ich war einfach verschwunden, während mein Auto noch immer an der Schule stand.

»Erin?«, erklang erneut Rhondas Stimme. »Du lässt doch nie das Fenster auf, wenn du nicht zu Hause bist. Wer ist da? Hallo?«

Melissa stand schwungvoll vom Bett auf. »Um deine Freunde bist du jedenfalls zu beneiden. Sag ihnen, dass es dir gutgeht. Wir reden ein anderes Mal weiter.« Mit diesen Worten ging sie zum Fenster. Es ging alles blitzschnell. Gerade noch saß sie auf der Fensterbank, und im nächsten Moment hatte sie sich schon auf den Rücken ihres Schmetterlings geschwungen. Dann entdeckte ich Rhondas dunklen Haarschopf.

»Ich bin hier!«, rief ich und winkte. »Alles gut, ich lasse euch vorne rein.«

Melissa flog auf ihrem Schmetterling davon. Nur ein leichtes Rauschen der Bäume verriet, wie kraftvoll seine großen Schwingen die Luft aufwirbelten. Kurz darauf waren sie zwischen den Wolken verschwunden.

Ich schwang herum und eilte dann die Treppe herunter, um meinen Freundinnen die Tür zu öffnen. Wie erwartet standen Rhonda und Jinjin auf der Schwelle und musterten mich besorgt.

»Dein Auto steht auf dem Parkplatz. Wie bist du hierhergekommen?« Rhonda drängte sich an mir vorbei ins Haus. »Kannst du uns nicht sagen, wenn jemand anderes dich mitnimmt?« Sie drehte sich zu mir um und sah mich vorwurfsvoll an. »Oder geh wenigstens an dein Handy.«

»Wir haben uns wirklich Sorgen gemacht«, ergänzte Jinjin. »Nach all dem, was passiert ist, solltest du uns wirklich besser auf dem Laufenden halten. Wir haben direkt bei den Tribünen gewartet, und du bist nicht aus den Umkleiden gekommen. Bist du vorne rausgegangen? Wir hatten doch abgemacht, dass wir uns treffen und zusammen zum Parkplatz gehen.«

Ich war total gerührt, wie aufgebracht sie wirkten. »Es tut mir leid, dass ihr euch Sorgen gemacht habt. Ich bin von jemandem mitgenommen worden, allerdings nicht ganz freiwillig. Kommt, wir gehen in die Küche. Mein Hals ist vom Reden ganz trocken, möchtet ihr auch etwas trinken? Soll ich uns einen Kaffee machen? Oder lieber einen Tee?«

Rhonda und Jinjin wollten beide einen Kaffee, bestürmten mich aber gleichzeitig mit Fragen. Während ich vorausging und sie kurz vertröstete, sah ich auf mein Handy. Es gab Dutzende Nachrichten und Anrufe von meinen Freundinnen. Aber es waren auch Nachrichten von meinem besten Freund Dylan dabei. Während ich frisches Wasser in die Maschine füllte und Rhonda und Jinjin auf den Barhockern Platz nahmen, öffnete ich sie.

Es waren mehrere hintereinander, was ungewöhnlich war, da Dylan sich normalerweise kurzfasste. Ich überflog den Text.

Stell dir vor, ich habe den Game Boy geknackt. Das ist so krass, das musst du dir anhören. Einige Dateien sind auch beschädigt, da konnte ich nichts retten. Aber der Rest ist echt spektakulär.

Und die nächste: Ey, wo steckst du? Du müsstest doch schon längst freihaben. Hoffe, es ist nichts passiert. Setze mich jetzt ins Auto und komme nach Hause. Soll ich direkt bei dir vorbeikommen?

Die nächste Nachricht klang besorgt: Alles in Ordnung, Erin? Du hast meine Nachrichten nicht gelesen. Ich schreibe jetzt Rhonda über Instagram an. Vielleicht weiß sie mehr. Hoffe, es geht dir gut.

Ich ließ das Telefon sinken, und mein Herz begann zu rasen, als ich zu meinen Freundinnen sah.

»Dylan hat den Game Boy geknackt, er ist auf dem Weg hierher. Es gibt wohl bahnbrechende Neuigkeiten.«

Schnell beantwortete ich noch seine letzte Nachricht, damit er sich nicht weiter Sorgen machte und stimmte ihm zu, vorbeizukommen.

Rhonda sah auf ihre Uhr. »Eigentlich müsste ich gleich schon wieder los, aber das kann ich mir definitiv nicht entgehen lassen. Dann muss der Schachclub eben warten. Hoffentlich rastet Mom nicht allzu sehr aus, ich habe nächste Woche ein Turnier.«

Jinjin wirkte nicht ganz so begeistert von den Neuigkeiten. »Willst du uns nicht erst erzählen, was gerade an der Schule passiert ist?« Ihre Stimme wurde ernst. »Ist Cal wieder da? Bedroht er dich, und du musst jetzt gerade so tun, als wäre alles in Ordnung? Ist er irgendwo in einem der anderen Zimmer?« Sie sah sich um, als rechnete sie tatsächlich damit, dass der Onyx in nächster Minute aus einem der Zimmer stürzen würde.

»Nein, er ist nicht hier, und er war es auch nicht. Melissa hat mich in der Umkleide abgefangen.« Bei diesen Worten fiel mir ein, dass mein Rucksack in der Umkleide liegen geblieben war. Wir waren die letzte Sportklasse vor dem Wochenende. Ich hoffte inständig, dass der Hausmeister ihn finden und einfach nur in sein Büro legen würde. Immerhin befand sich mein Portemonnaie mit allen Ausweisen darin.

Während der erste Kaffee in einen Becher lief, begann ich zu erzählen. Davon, wie Melissa mich aus den Umkleiden entführt, und alles, was sie mir in unserem Gespräch eröffnet hatte. Ganz zum Schluss berichtete ich von Drystan und seinem neuen Job als mein Bodyguard.

Jinjin stand der Mund offen, und Rhonda hatte die Brauen finster gerunzelt. »Ich glaube ihnen kein Wort. Dass Cal dich einfach so ins offene Messer hat rennen lassen, das werde ich ihm nie verzeihen. Und jetzt besitzt er nicht mal die Klasse, hier persönlich vorbeizukommen und dir all das zu erklären? Stattdessen schickt er seine Verlobte?« Sie rahmte das letzte Wort in imaginäre Anführungszeichen. Rhonda war noch nie ein großer Fan von Cal gewesen, und all das, was passiert war, schien sie nur noch in ihrer Meinung zu festigen.

»Die verkaufen dich beide nach wie vor für dumm. Und dann diese alberne Nummer mit dem Bodyguard. Ernsthaft? Ich würde die Polizei rufen, wenn Melissa dich noch mal belästigt.« Dann stutzte sie. »Wie kann es überhaupt sein, dass sie auf der Erde lebt? Ich meine, so permanent? Hast du nicht mal erzählt, dass die Noctua regelmäßig in ihre Dimension zurückkehren müssen? Sonst sterben sie?«

Ich nickte langsam. Das hatte ich mich auch schon gefragt, aber im Eifer des Gefechts natürlich nicht daran gedacht. »Sie hat menschliche Eltern. Oder jedenfalls Menschen, die sie als ihr Kind aufgezogen haben. Den Fotos auf ihrem Instagram-Kanal nach zu urteilen sind sie eine glückliche Familie. Aber ihre leiblichen Eltern sind eindeutig das Königspaar der Fawn, da gibt es keinen Zweifel. Sie beherrscht Magie, und das ist typisch für dieses Kartell.«

»Warum wohnt sie dann auf der Erde, wenn sie dort wie eine Prinzessin leben könnte?« Jinjin sah mich mit großen Augen an, als wäre das das Dümmste, das sie je gehört hatte.

Ich lachte trocken auf. »Die Stratfords sind nicht gerade arm. Ich bin mir relativ sicher, dass ihr Leben hier auf der Erde dem einer Prinzessin relativ nahekommt. Die scheinen Geld wie Heu zu haben.«

Jinjin streckte die Hand über die Theke aus und verknotete ihre Finger mit meinen. »Ich bin so froh, dass sie dich nicht entführt hat. Wenn man sich mal überlegt, wie einfach es hätte sein können. Sie pustet dir irgendein Pulver ins Gesicht, und du verlierst das Bewusstsein. Du könntest mittlerweile wer weiß wo sein, und wir würden dich nie wiedersehen!« In ihre Mandelaugen stiegen Tränen. »Ich will mir das gar nicht vorstellen.«

Sofort hatte auch ich eine ganz trockene Kehle. »Ich gebe auf mich acht, das verspreche ich. Und sollte man mich tatsächlich verschleppen, dann werde ich einen Weg finden, zu entkommen. Du weißt doch, dass ich nicht kleinzukriegen bin.«

»Das ist noch untertrieben«, brummte Rhonda. »Nach all dem, was du in den letzten Wochen erfahren und mitgemacht hast, hättest du einen Tapferkeitsorden verdient. Die Sache mit deinen Eltern? Dieser Unfall, der keiner war? Die geheime Vergangenheit deiner Mutter und dann diese Sache mit Cal. Du bist in eine komplett andere Dimension gereist und hast dort so viel erlebt. Du solltest dringend ein Buch darüber schreiben.«

Ich lächelte und winkte ab, während ich den zweiten Becher unter die Maschine schob. »Das klingt so abstrus, das würde niemand lesen wollen.«

»Glaubst du wirklich, dass Melissa dich auf diesem riesengroßen Schmetterling durch die Lüfte getragen hat?«, wollte Jinjin jetzt wissen. Sie nahm einen ersten Schluck aus ihrem Kaffeebecher. »Am helllichten Tag?«

Ich zuckte mit den Schultern und nestelte nervös an dem Henkel der Tasse, die gerade unter der Kaffeemaschine stand. »Sie beherrscht Magie. Vielleicht konnte sie uns tarnen? Ich habe keine Ahnung.« Gerade als der zweite Becher Kaffee fertig war, bemerkte ich, wie ein Paar große Ohren hinter dem Obstkorb auftauchten. Pünktchen war wohl neugierig und wollte gerne hören, was in der Küche vor sich ging. Oder sie war von den anderen zum Spionieren geschickt worden.

»Hi Pünktchen«, sagte ich, obwohl die anderen sie nicht sehen konnten. Ich deutete lächelnd mit dem Kopf in Richtung des Obstkorbs. »Sie sitzt bei den Früchten und will uns vermutlich belauschen.«

Jinjin hatte kein Problem damit, ungeniert in ihre Richtung zu grinsen und dann den Arm zu heben. »Hallo Pünktchen, alles klar?«

Rhonda fiel es deutlich schwerer, mit einem unsichtbaren Wesen zu kommunizieren. »Hey.« Sie hob nur kurz die Hand und wandte sich dann wieder ab.

»Esss gibt Neuigkeiten?«, zischte Pünktchen.

»Dylan hat geschrieben. Er hat wohl Moms Game Boy geknackt und ein paar krasse Sachen entdeckt. Er ist auf dem Weg von der Uni hierher.«

Pünktchen nickte, wirkte aber nicht besonders beeindruckt. Dann schnüffelte sie in die Luft, als habe sie eine Witterung aufgenommen, rollte sich schließlich zusammen und legte die Schnauze auf ihrem buschigen Schweif ab. Damit war die Unterhaltung für sie beendet.

»Was glauben die eigentlich, wer sie sind?«, sprach Rhonda jetzt weiter und klang immer noch aufgebracht. »Erst bist du ein Geschenk, und jetzt bist du jemand, der permanent bewacht werden muss, bis die Verlobten reinen Tisch machen. Das ist eine absolute Frechheit, auf welch unverschämte Art und Weise die beiden dich in diese ganze Situation hineingezogen haben. Und das, ohne dich vorher gefragt zu haben. Du hast dich schon in Gefahr gebracht, um ihnen dabei zu helfen, diesen ganzen Hokuspokus um die Zahnfeen zu klären. Und ganz nebenbei musst du noch deinen Schulabschluss machen. Wieso denkt keiner von denen mal an dich? Wieso nimmt niemand Rücksicht? Das wollen deine Freunde sein?«

Ich gab es nur ungern zu, aber Rhonda hatte natürlich mit allem, was sie sagte, recht. Ich fühlte mich nach wie vor vorgeführt und benutzt. Daran hatte auch Melissas Rede nichts geändert. Der Vertrauensbruch von Cal lastete nach wie vor wie ein düsterer Schleier über all meinen Gedanken, er begleitete mich durch jeden Tag und durch die meisten meiner Nächte. Mein Herz schmerzte jedes Mal, wenn ich mich an den kalten Blick erinnerte, mit dem er mich auf dem Fest bei den Fawn bedacht hatte. Dieser reglose, stoische Gesichtsausdruck, mit dem er zugesehen hatte, wie ich unter Drystans Pfeilen um mein Leben getanzt hatte. Nein, so schnell würde ich ihm nicht verzeihen, wenn ich es jemals tun würde.

»Ich finde es auch echt uncool«, sagte Jinjin. »Ich würde auch ...«

Schon wieder meldete sich mein Handy, dessen Klingelton ich mittlerweile auf laut gestellt hatte.

Ich sah entschuldigend zu Jinjin und zog es dann aus meiner Hosentasche.

Bin gleich schon da, lautete die kurze Nachricht von Dylan.

»Dylan ist gleich hier«, sagte ich und legte das Handy neben mir auf die Theke, bevor ich mich an Rhonda wandte. »Vielleicht hast du ja doch noch so lange Zeit?«

Sie nickte entschlossen. »Ich sage die Schach-AG ab.« Mit diesen Worten zog auch sie ihr Handy hervor.

Jinjin nippte derweil an ihrem Kaffee und tippte mit der freien Hand ungeduldig auf der Theke herum. »Ich möchte echt nicht in deiner Haut stecken. Aber ich bin froh, dass all das, was Melissa erzählt hat, sich nicht mehr nach einer geplanten Entführung anhört. Wenn sie sogar einen Bodyguard schickt, scheint es sehr konkrete Pläne zu geben.«

»Den schicken eigentlich ihre Eltern. Zu meiner Sicherheit. Worum es da geht, habe ich auch noch nicht herausgefunden. Schließlich geht die größte Bedrohung von ihnen selbst aus.«

Jinjin nickte langsam und schien nachzudenken. »Vielleicht wollen sie dich auch einfach nur beobachten lassen? Allerdings hätte ich dir jemand anderen gewünscht als diesen Hauptmann, der dich fast mit seinen Pfeilen erschossen hätte.«

Ich nickte düster. »Ich hätte mir definitiv auch jemand anderen gewünscht.« Ich war mir relativ sicher, dass Drystan mir den Angriff sehr übel nahm. Wobei nun eigentlich Gleichstand zwischen uns herrschen müsste. Denn schließlich gab es da noch diese Geschichte mit den Pfeilen. Drystan hatte auf Befehl des Königspaars auf mich geschossen. Er hatte zwar behauptet, ich wäre niemals in Gefahr gewesen, aber das war mir nicht Argument genug.

Rhonda hatte gerade ihre Nachricht beendet und das Telefon zur Seite gelegt, da klingelte ihr Handy.

»Oh nein«, murmelte sie. »Es ist meine Mutter. Manchmal fühle ich mich echt, als wäre ich noch in der Grundschule. Ich werde in einem Vierteljahr volljährig. So langsam sollte sie aufhören, mich wie ein Kleinkind zu behandeln. Wenn ich einmal eine AG aussetze, dann ist das mein gutes Recht. Ich habe in diesem Schuljahr keinen einzigen Tag gefehlt.« Mit diesen Worten nahm sie das Gespräch an. Sie rutschte vom Hocker, ging zu den breiten Schiebetüren, die zur Terrasse führten, und wir hörten sie leise diskutieren.

Jinjin und ich sahen ihr kurz nach und waren uns wortlos einig, dass Rhonda in diesem Punkt nicht zu beneiden war.

»Drystan wird vermutlich auch alles andere als begeistert sein, meinen Babysitter zu spielen«, begann ich gerade, da klopfte es an der Haustür. Ich wusste, dass es Dylan war, denn er war der Einzige, der unsere Klingel ignorierte.

Ich bedeutete Jinjin sitzen zu bleiben und flitzte zur Tür.

»Es geht dir gut.« Dylan zog mich in seine Arme, kaum dass die Tür weit genug offen stand. Mein bester Freund war groß und breitschultrig wie ein Quarterback, und meine Füße hoben tatsächlich ein wenig vom Boden ab, als er mich einmal im Kreis herumwirbelte.

»Ich habe mir Sorgen gemacht.«

Als ich wieder Boden unter den Füßen hatte, zog ich Dylan mit mir. Mittlerweile hatte ich echt ein schlechtes Gewissen, dass ich all meinen Freunden ständig Sorgen machte.

»Schön, dass du da bist. Es tut mir echt leid«, sagte ich. »Aber es war nicht meine Schuld.«

Dylan hob grüßend die Hand, als wir zur Theke gingen.

»Hi Mädels, alles gut?«

Rhonda telefonierte immer noch, Jinjin lächelte. »Ich bin so gespannt auf deine Neuigkeiten.«

»Ich auch«, sagte ich und schob Dylan auf den letzten freien Platz vor der Theke. »Willst du auch noch einen Kaffee?«

Er verzog sein Gesicht. »Bloß nicht. Wenn ich nach 17:00 Uhr Kaffee trinke, stehe ich die ganze Nacht senkrecht im Bett. Ich nehme einfach ein Wasser, aber das kann ich mir selbst holen.« Er wollte schon wieder von seinem Stuhl aufstehen, doch ich hob energisch die Hand.

»Kommt überhaupt nicht infrage. Ich habe euch allen solche Sorgen gemacht, jetzt lasst euch von mir wenigstens bedienen.«

Dylan grinste. »Dann hätte ich auch gerne noch eine Fußmassage. Das Football-Training setzt einem ganz schön zu.«

Jinjin und ich machten zeitgleich leicht angewiderte Geräusche. Was Dylan zu einem Lachen verleitete und Rhonda dazu, ihr Gespräch mit ihrer Mutter endlich zu beenden.

Pünktchen, die ganz in Dylans Nähe saß, schlich näher und schnüffelte an seinem Unterarm. Ich beobachtete das Ganze, sagte aber nichts dazu.

Dylan zog Moms Game Boy aus einer der vielen Taschen seiner Cargo-Bermudashorts und legte ihn vorsichtig auf die Theke.

»Ich platze vor Neugier.« Rhonda ließ sich auf ihrem Barhocker nieder. »Was hast du entdeckt?«

»Ja, genau«, sagte ich. »Schieß los.« Ich stellte ihm sein Wasserglas vor die Nase.

»Nach Erins Entführung heute brauchen wir gute Neuigkeiten.« Jinjin leerte ihren Kaffeebecher und hielt ihn mir dann erneut bittend hin.

Dylan, der gerade sein Glas zum Mund führen wollte, ließ es abrupt wieder sinken. »Bitte was?«

Mit einem Seufzer berichtete ich erneut.

Dylan war genauso empört wie Rhonda über all das, was Melissa mir offenbart hatte. Doch ich wollte nicht zum zweiten Mal darüber diskutieren, ich wollte endlich erfahren, was er dem Game Boy entlockt hatte.

Dylan nahm noch einen letzten Schluck von seinem Wasser, dann legte er los.

Kapitel 4

Dylan drehte den Game Boy um und zeigte auf das Batteriefach. »Leider scheinen in dem Ding mal die Batterien ausgelaufen zu sein. Das hat einige der Dateien unwiderruflich beschädigt. Da kann man echt gar nichts machen. Ich habe einen Kumpel dazu befragt, der mal in einem Computerladen gejobbt hat. Der war auch der Meinung, dass man auf einer Speicherplatte, die durch Batteriesäure beschädigt wurde, nichts wiederherstellen kann. Das schafft selbst das FBI nicht. Also habe ich mich auf die Sachen konzentriert, die ich retten konnte. Und, meine Güte, da ist echt krasses Zeug dabei. Keine Ahnung, wie deine Mom das geschafft hat, aber das Ding speichert sogar gescannte Dokumente in Form von Bilddateien. Außerdem sind einige Textdateien dabei, die ich aber nicht verstehen kann. Es klingt wie ein seltsamer Singsang, eindeutig eine weibliche Stimme, aber keine Ahnung ...« Er drehte den Game Boy vorsichtig in seinen Händen. »Vielleicht ist auch die Tonspur verzerrt, dann kann ich da nichts machen. Aber schon echt krass, wie sie das Ding manipuliert hat. Erst mal war es gesichert wie Fort Knox, und dann hat sie es in einen multimedialen Speicherstick umgebaut.« Er sah mich an, und in seinen Augen blitzte unverkennbare Bewunderung.

Jinjin war wie immer zu ungeduldig, um Dylan ausreichend Beifall zu spenden. »Jetzt spiel das schon ab. Oder zeige uns die Bilddateien.«

»Vielen Dank noch mal, Dylan, dass du dir so eine Mühe damit gemacht hast.« Ich legte meine Hand kurz auf seine. »Das bedeutet mir wirklich sehr viel. Es sind Erinnerungen an meine Mutter, die sonst für immer verloren wären.«

Dylan nickte knapp, aber ich konnte sehen, dass ihm meine Worte nahegingen. »Dann legen wir mal los.« Wir alle beugten uns näher zu ihm, und auch Pünktchen rückte noch etwas enger an ihn heran.

Der Bildschirm des Game Boy war klein und hatte eine schlechte Auflösung. Dennoch waren die Fotos, die darauf erschienen, klar und deutlich zu erkennen. Einige der Bilder hatte ich schon mal gesehen. Es waren Fotos von meinen Eltern. Aber es waren auch Bilder dabei, die ich noch nie gesehen hatte. Ich auf dem Arm meiner Mutter, lachend und mit einem Eis in der Hand. Meine Eltern, deutlich jünger, wie sie sich verliebt ansahen. Bilder von dem Haus, das sie gemeinsam gekauft hatten. Meine Mutter in Latzhosen und mit einem Tuch um die Haare, wie sie die Wand in meinem Kinderzimmer strich. Ihr runder Bauch war nicht zu übersehen. Zuletzt waren da Fotos einer Frau, die meiner Mutter auf frappierende Art und Weise ähnlich sah. Sie wirkten fast gleich alt und sehr miteinander vertraut. Anders als auf anderen Bildern erkannte ich den Hintergrund hier nicht. Manchmal war er einfach nur dunkel, auf anderen erkannte ich ein großes Zimmer. Vergoldeter Stuck zierte die Decke, und die Möbel schienen elegant und teuer.

»Wer ist das?«, wollte Rhonda wissen.

»Ich habe keine Ahnung«, flüsterte ich.

»Sie sieht aus wie deine Mutter«, erklang Jinjins Stimme nah an meinem Ohr. »Siehst du das auch?«

Meine Stimme klang rau vor Aufregung. »Keine Ahnung, wer das ist. Eine Verwandte?«

»Dann gibt es auch noch ein paar Karten.« Dylan rief einen weiteren Unterordner auf, der weitere Dateien enthielt. Es waren Karten des Sonnensystems, Bilder, die irgendwelche physikalischen Vorgänge im Weltall darstellten. Dann ein paar mathematische Formeln, die mir überhaupt nichts sagten. Eine Karte unserer Welt, die seltsam antiquiert wirkte. In den Meeren waren sogar noch Monster eingezeichnet. Dylan vergrößerte die Karte und deutete auf das Datum in der Ecke. »Sie stammt aus dem späten Mittelalter. Keine Ahnung, was deine Mutter daran fand, oder wie sie mit den ganzen Karten des Weltalls zusammenhängen könnte. Finde ich alles sehr mysteriös.«

Dann entdeckte ich plötzlich etwas. Ein Schriftzug, der nicht zu der fein säuberlichen Handschrift passte, die überall auf der Karte zu finden war. Über einem Vulkan auf der hawaiianischen Insel Maui hatte jemand ein kleines Kreuz gemacht. Darüber stand in der Handschrift meiner Mutter: Nabel der Welt?

Was hatte das zu bedeuten? Dieses Wort hatte ich auch schon in ihrem Tagebuch gefunden. Was hatte meine Mutter nur gesucht?

Ich schüttelte den Kopf, verzweifelt, weil ich daraus nicht schlau wurde.

»Ich verstehe das nicht«, murmelte ich. »Sie hat all diese Daten gesammelt, aber wofür? Wir wissen, dass sie verfolgt wurde. Und wir wissen auch, dass jemand gestorben ist. Wie oder warum, keine Ahnung.« Das war nicht die ganze Wahrheit, denn ich wollte mir einfach nicht eingestehen, dass meine Mutter für den Tod der anderen Person verantwortlich und deshalb ihr Leben lang auf der Flucht gewesen war.

»Sollen wir uns erst mal die Sprachdatei anhören?«, meinte Dylan sanft. Er schien genau zu spüren, wie sehr mich das alles aufwühlte. »Oder brauchst du eine Pause?«

Ich schüttelte heftig den Kopf. »Nein, ganz oder gar nicht. Lass uns alles anhören.« Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsste den Game Boy selbst in der Hand halten. Ich hatte das Gefühl, meiner Mutter so etwas näher zu sein.

Dylan gab ihn mir, und ich öffnete einen weiteren Unterordner. Schon als die ersten Worte erklangen, spitzte Pünktchen die Ohren.

»... war es ein Fehler, die Serpentia zu verlassen. Es hat uns allen nur Unglück gebracht. Vielleicht hätte ich mich niemals einmischen sollen. Aber Feyre und ich konnten nicht wegsehen, die Dimension nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Wir haben uns von ihnen betrogen gefühlt, verraten, denn immerhin waren wir Freunde. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass sie zu so etwas fähig sind. Wir haben uns nur gewehrt, und Feyre hat so einen hohen Preis dafür bezahlt. Sie war meine Schwester, und wir hatten eine ganz besondere Verbindung. Ich werde nicht länger ruhen, ehe ...«

An diesem Punkt brach die Datei ab.

»Aber man versteht doch alles«, war das Erste, was Jinjin sagte.

Dylan zuckte ratlos die Schultern und wirkte sichtlich irritiert. »Vorhin hat es nicht funktioniert, ich schwör's.«

Ich hingegen war wie erstarrt. Das Schicksal der Dimension? Mom hatte nicht Obskuris gesagt, aber von welcher »Dimension« hätte sie sonst reden sollen?

Pünktchens leicht kratzige Stimme durschnitt meine wirbelnden Gedanken. »Die Ssserpentia issst ein Ssschiff der Emerald.«

*

Nach dieser Offenbarung war nichts mehr wie vorher. Pünktchen jagte nach oben in mein Zimmer, vermutlich, um Herald und Otiz sofort davon zu berichten.

Ich hingegen konnte es immer noch nicht fassen. Meine Mutter hatte von einem Schiff im Kartell der Emerald gesprochen! Hatte sie dort gelebt? Und allem Anschein nach war irgendetwas passiert, das sie zu einer Flucht gezwungen hatte.

Erst als Dylan sich räusperte, sah ich meine Freunde an. Sie alle wirkten etwas ratlos.

Natürlich, sie konnten Pünktchen nicht hören. Sie hatten keine Schlüsse gezogen, so wie ich.

»Die Serpentia ist eins der Schiffe der Emerald, hat Pünktchen gerade gesagt.« Ich legte vorsichtig den Game Boy auf der Theke ab.

»Es klang ein bisschen so, als hätte deine Mutter dort gelebt, oder?« Jinjin stützte den Kopf auf eine Hand. »Und das würde bedeuten, dass sie eine Noctua war.«

Ich nickte und war immer noch überwältigt von Pünktchens Worten.

»Aber sie haben doch alle irgendwelche Attribute«, warf Rhonda ein. »Kiemen, Fangzähne und so. Ich weiß, dass sie die vor den Menschen irgendwie verstecken können, aber das hast du nicht.« Sie musterte mich kritisch. »Oder?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich wüsste nicht mal, welche Attribute die Emerald besitzen.« Und ich war damals noch zu klein gewesen, um mich so genau an Mom zu erinnern. Alles, was mir geblieben war, waren Fotos, und auf ihnen hatte ich nie etwas Ungewöhnliches entdeckt.