Wir sind nicht da - Patrick D. Stein - E-Book

Wir sind nicht da E-Book

Patrick D. Stein

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Beschreibung

"Die Druckwelle der Explosion hatte sich zuerst über den Boden fortgepflanzt, so dass Bruno den Schlag unter den Füßen spürte, als ob eine gewaltige Macht angeklopft hätte. Ein dunkler und dumpfer Ton. Dann erst sah er den roten Feuerball unter einer Welle von Erde, die sich wie eine Blase aufwölbte." Der Bombenentschärfer Bruno Hartmann lebt seit vielen Jahren ein zurückgezogenes Leben. Doch dann kommt sein einziger Freund und Kollege Rolf bei einer missglückten Entschärfung ums Leben. Brunos Welt gerät ins Wanken. Die für ihn unentrinnbar scheinende Einsamkeit wird jäh durchbrochen, als er Rolfs Tochter Vera kennenlernt. Die unverhoffte Begegnung zwingt ihn, sich seiner größten Angst und damit auch seiner Vergangenheit zu stellen. Kurz darauf wird in Köln eine weitere Bombe auf einem Raffineriegelände gefunden. Alles hängt nun von Bruno ab … Die Altlasten des Krieges wirken bis heute fort. Patrick D. Stein verknüpft in seinem Buch "Wir sind nicht da" das explosive Erbe des Bombenkriegs mit den verschütteten Erinnerungen der Kriegskinder. Gefangen zwischen Schuldgefühlen und schmerzhaften Erfahrungen versuchen viele Betroffene und deren Angehörige bis heute, mit diesem Erbe zu leben.

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Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Alles hängt davon ab,

ob es zwischen der Welt

und uns einen Draht gibt,

der vibriert.

Hartmut Rosa

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

KAPITEL 1

Bruno Hartmann fühlte eine solche Schwere in sich, als ob er mit flüssigem Blei ausgegossen wäre. Das dunkelbraune Cordsofa umschloss ihn mehr, als dass er darauf saß, und die vom jahrelangen Gebrauch widerstandslos gewordenen Kissen bogen sich unter seinem Gewicht. Eingekeilt und eingesunken standen seine Knie nach oben, was ihm angesichts seiner beachtlichen Größe und Kraft etwas seltsam Kindliches verlieh. Tatsächlich sah er aus, als würde er feststecken. Sein Zeigefinger tastete an einem der kreisrunden verschmorten Brandlöcher, die schwarz und wellig nach oben standen und die Größe kleiner Astlöcher hatten. Im Innern dieser Kreise konnte er das dünne Innenfutter auf dem Holzrahmen der Möbelkonstruktion ertasten. Mutter hatte oft hier gesessen und geraucht, als sie noch nach unten kam und bevor sie sich in den oberen Stock des Hauses zurückgezogen hatte wie ein scheuer Geist. Er erinnerte sich, wie er sie als kleiner Junge beobachtet hatte, wenn sie aus dem Fenster sah, während die Asche an der von selbst abbrennenden Zigarette immer länger wurde, bis sie in blättrigen grauen Flocken auf das wellige Futter der Armlehne fiel und unter einem dünnen, scharf riechenden Rauchfaden erkaltete.

Durch die schmalen Fenster, die von außen für das Haus viel zu klein erschienen, fiel die Sonne auf den Boden des Wohnzimmers und zeichnete dort die Fläche eines schief zusammengesetzten Bilderrahmens, in dessen schrägen, schwarzen Grenzen sich Bruno Hartmanns Silhouette als länglicher Korpus mit ovalem Kopf abzeichnete. Hypnotisiert starrte er auf den eingefassten Lichtfleck, der wie ein Fremdkörper im dunklen Zimmer lag, als das schrille Klingeln an der Tür die sorgsam gehütete Stille abrupt zerschnitt.

Bruno zuckte zusammen und sprang auf. Vorsichtig, als ob ihn jemand sehen könnte, bewegte er sich zum Vorhang. Er ärgerte sich, dass die Dielen unter seinem Gewicht knarrten, und hoffte, dass es draußen durch das gekippte Fenster nicht zu hören war. Er konnte einen Mann erkennen – zumindest den Hinterkopf und einen Teil der Schulter. Der Rest war durch eine dicht wachsende Thuja verdeckt, die etwas Aufmerksamkeit bedurfte, wie ihm bei der Gelegenheit auffiel. Neugierig, aber vor allem verschreckt, wartete er auf eine Bewegung und darauf, den anderen sehen zu können. Dabei stand er leicht nach vorne gebeugt und war bemüht, vollkommen unauffällig zu sein, als er registrierte, dass seine rechte Schulter wieder anfing zu zucken. Es gab ihm jedes Mal einen Stich, wenn er es bemerkte. Manchmal war es ganz weg. Dann plötzlich, vor allem wenn er es bewusst wahrnahm, schien es stärker zu werden, sich regelrecht zu verselbstständigen und schüttelte ihn mitunter so, dass er aussah, als wollte er aus seinem Körper ausbrechen und sich gleichzeitig selbst von der Flucht abhalten. Er atmete tief ein. Manchmal beruhigte ihn das. Der modrige Geruch nach alter, feuchter Erde, der aus dem Keller drang, lag so schwer im Raum, dass er ihn fast schmecken konnte.

Vor dem Haus stand der Postbote. Wann immer er an diese Adresse liefern musste, legte er sie ans Ende seiner Route. Das Haus lag am Ortsrand. Es war das letzte in einer ziemlich maroden Straße kurz vor einem Wendehammer. Er versuchte jedes Mal, den Schlaglöchern auszuweichen, was angesichts der Vielzahl kaum möglich war. Der Lieferwagen holperte so stark, dass er das Gefühl hatte, in einem Würfelbecher zu sitzen. Ein Zaun trennte den gepflegten Vorgarten von einer rings um das Gebäude wild wuchernden Wiese und markierte gleichzeitig eine scharf gezogene Grenze, als würde genau hier der Kampf zwischen Ordnung und Chaos ausgefochten. Wenige Meter weiter floss der Rhein, der nach der langen Hitzeperiode in diesem Jahr nur noch einem gezähmten Bachlauf und an manchen Stellen sogar lediglich einem dünnen Rinnsal gleichkam. Das Gebäude hatte etwas Trutzendes an sich und je näher er ihm kam, desto mehr wurde er von der Kälte erfasst, die die Steine selbst im Hochsommer abstrahlten. Die kleinen, verhangenen Fenster erweckten den Eindruck, als würde zwischen den Gardinen jeden Moment ein Gewehrlauf zum Vorschein kommen. Der Ort war ihm unheimlich, mehr als er zugeben wollte, und er fragte sich, wie er eigentlich die Geduld und den Mut aufbrachte, immer wieder hierherzufahren, an der Tür zu läuten und zu warten, ohne dass sich jemals die Tür geöffnet hätte. Dennoch hatte er meistens den Eindruck – oder vielmehr die Ahnung –, dass jemand im Haus sei. Einmal hätte er schwören können, dass sich die Gardine am Fenster neben der Eingangstür bewegt hatte, aber tatsächlich hatte er hier noch nie jemanden zu Gesicht bekommen.

Beim zweiten Klingeln stand Bruno immer noch wie angewurzelt an derselben Stelle. Und vor lauter Aufregung wurde das Zucken seines Oberkörpers stärker. Sein Arm schnellte nach vorne und berührte unabsichtlich die Gardine. Erschrocken starrte er nach draußen. Der andere musste etwas bemerkt haben, jedenfalls ging er auf der Treppe zum Haus rückwärts zwei Stufen nach unten und schaute auf das Fenster rechts neben der Hecke in seine Richtung. Bruno erkannte den Postboten und fühlte sich ertappt. Angespannt lauschte er in die sich dehnende Zeit nach dem Klingelton und überlegte, ob er noch immer an die Tür gehen konnte. Oder hatte er schon zu lange gewartet? Was würde er sagen, wenn der Kerl ihn fragen würde: »Wo haben Sie so lange gesteckt?« »Was treiben Sie da drin eigentlich?« Wahrscheinlich wäre es peinlich, zu öffnen. Vielleicht wäre er aber auch freundlich? Er entschied sich, den letzten Gedanken als Unsinn abzutun und regungslos zu bleiben, bis die Luft wieder rein war, als sein Mobiltelefon sich mit einer Mischung aus lautem Vibrieren und Klingeln auf der Steinplatte des Beistelltischs bewegte. »Verdammt!« Er spähte auf das Display, was völlig unnötig war. Er wusste genau, wer dran war. Es gab nur eine Person, die ihn anrief. Und er wusste auch, warum.

Er nahm das Gespräch mit gedämpfter Stimme an: »Hallo Rolf.«

»Hallo Bruno. Alles klar bei Dir?«

»Ja, ja. Alles klar.« Bruno konnte winzige Fetzen einer Melodie ausmachen, die sich nahtlos um Brunos Worte legte. Der Song kam ihm bekannt vor, aber es wollte ihm beim besten Willen nicht einfallen, wie er hieß. Es war irgendetwas Schönes, etwas Fröhliches, wie das befreite Aufatmen nach einer zu langen Melancholie.

»Du bist so leise.«

»Alles ok«, schob Bruno nach.

»Wir haben einen Einsatz im Hürtgenwald. Wie es aussieht, ein Amerikaner. Sieht nach Standardbombe aus. 250 lbs mit Aufschlagzünder. Ich bin in fünf Minuten bei dir, ja?«

»Ok. Bis gleich.«

Bruno legte auf, sah, dass der Mann immer noch in seine Richtung spähte, und hoffte inständig, dass er ging, bevor Rolf ankam. Der uniformierte Postbote in seinem Vorgarten stand etwas ratlos auf dem schmalen, von gepflegten und akkurat geschnittenen Büschen gesäumten Weg und machte den Eindruck, als ob er sich eine wichtige Frage stellen würde. Er sah noch einmal zu dem Fenster, in dem er glaubte, eine Bewegung erkannt zu haben, drehte sich dann abrupt um und ließ Bruno Hartmann, dessen Blick sich in der Gardine wie in einem Traumfänger verfangen hatte, etwas wehmütig zurück.

Wenige Minuten später hörte Bruno das bekannte Motorengeräusch von Rolfs altem Benz und ging, seine Gedanken außer Acht lassend, nach draußen. Auf dem Weg durch den Vorgarten lief er der Sommerhitze entgegen, die ihn, mit jedem Schritt mehr, umströmte wie eine ölige Flüssigkeit. Er hörte, wie das Gartentürchen hinter ihm ins Schloss fiel, und stieg, ohne nach links und nach rechts zu sehen, auf der Beifahrerseite ein.

Rolf hatte beide Arme auf dem Lenkrad liegen und schaute abwartend über die Gläser seiner randlosen Brille hinweg durch das offene Fenster der Seitentür. Er begrüßte Bruno wie immer mit einem Grinsen und strahlte die Gewissheit aus, dass ihn nichts in der Welt aus der Fassung bringen könnte. Als sie losfuhren, nahm Rolf einen jungen Mann wahr, der mit einem Paket unter dem Arm am Straßenrand stand und auffällig ins Auto starrte, als ob er darin etwas verloren und – dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen – gerade wiedergefunden hätte. Im Rückspiegel sah er, wie das Paket zu Boden fiel und der Postbote wild mit den Händen fuchtelte.

Das Radio lauter drehend, sah er zu Bruno und fragte ihn: »Hast Du ihn wieder warten lassen?« Bruno reagierte, indem er die Mundwinkel nach hinten zog und einfach nichts sagte. Langsam entspannte er sich und genoss das Abfallen der Anspannung, je mehr Distanz zwischen sie beide und das Haus kam.

KAPITEL 2

Als sie am Ortschild von Hürtgenwald vorbeifuhren, wusste Bruno, dass ein Teil des Ortes bereits evakuiert war. Nicht, dass es verkündet oder irgendwo ausgeschrieben gewesen wäre. Er spürte es. Die Abwesenheit von Menschen veränderte einen Ort. Es war, als wäre die Luft dünner. Selbst die Farben der Häuser wirkten blasser. Die wenigen Leute, die noch vor der Absperrung standen, wirkten wie Statisten, die einfach stehen geblieben waren, nachdem die Hauptfiguren schon lange von der Bühne gegangen waren. Leute von der örtlichen Feuerwehr, von der Polizei und vom Ordnungsamt, die bei der Evakuierung mitgewirkt hatten. Durch die vielen Entschärfungen, die er hier und in der Umgebung schon zusammen mit Rolf durchgeführt hatte, kannte er die meisten von ihnen.

Rolf stellte das Auto ab und ging ohne zu zögern auf die kleine Gruppe zu, die noch etwa zehn Meter von ihnen entfernt eng zusammenstand, während Bruno damit beschäftigt war, zwei Taschen mit Werkzeug aus dem Kofferraum zu hieven. Rolf war noch nicht bei der Gruppe angekommen, als Edmund, der breitschultrige Kerl vom Ordnungsamt, schon rief: »Aha, die Herren Feuerwerker!« Edmund liebte es, sie damit aufzuziehen, dass ihr Beruf danach klang, als wären sie für die Bespaßung der Gäste zuständig. Rolf erwiderte sofort etwas, das Bruno, mit dem Kopf im Kofferraum, nicht verstehen konnte. Jedenfalls brach, sobald Rolf bei den anderen war, ein wieherndes Gelächter aus, das augenblicklich alle verband. »Wie macht er das nur?«, fragte sich Bruno. Ihm selbst war es immer unangenehm, auf Leute zuzugehen, und die hier waren noch nicht einmal fremd. Bei ihm blieb immer eine Distanz. Er wünschte, Rolf wäre nicht vorausgegangen, und ärgerte sich sofort über die kindliche Regung. Wenn er bei ihm war, dann fühlte er sich sicherer und gleichzeitig wünschte er, er könnte genauso gut mit Leuten umgehen wie Rolf.

Sein rechtes Auge zuckte. Erleichtert registrierte er, dass er keine Anzeichen für weitere ruckartige Bewegungen in sich wahrnehmen konnte. Als er auf die Gruppe zuging, nickten ihm einige respektvoll zu, grüßten ihn. Edmund gab ihm wie immer die Hand und klopfte ihm auf die Schulter. Bruno fragte sich, was mit ihm nicht stimmte, dass er, obwohl er immer wieder Anerkennung fand, nie in der Lage war, an deren Beständigkeit zu glauben. Auf eine merkwürdige Art war er jedes Mal aufs Neue überrascht, wenn jemand freundlich oder sogar herzlich zu ihm war.

»So, Leute«, warf Rolf in die Runde und signalisierte, dass er loslegen wollte.

»Passt auf euch auf!«, kam aus der Gruppe zurück.

Rolf ging vor, hob das rot-weiß gestreifte Flatterband an, das quer über die Straße gespannt war, und wartete, bis Bruno durchgelaufen war. Vorbei an der Kirche und menschenleeren Häusern liefen sie in Richtung des Ortsrandes auf ein freies Feld. Ab hier hatten sie beide das Gefühl, vollkommen alleine zu sein. Für Bruno markierte dieser Zustand den Beginn des eigentlichen Einsatzes. Es war, als ob er eine unsichtbare, aber deutlich wahrnehmbare Grenze überschreiten würde.

Auf der Fläche am Ortsrand sollte ein Baugebiet für junge Familien ausgewiesen werden. Bei der üblichen Untersuchung nach Munitionsresten, hauptsächlich aus dem Zweiten Weltkrieg, stellte sich hier nicht die Frage, ob es Funde gab, sondern wie viele. Und tatsächlich bot sich Bruno und Rolf ein Anblick, als wären seit der Schlacht im Hürtgenwald, die hier gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stattgefunden hatte, lediglich Tage oder Wochen vergangen. Hier hatten sich zwischen Ende 1944 und Anfang 1945 amerikanische Truppen im feuchten und kalten Wald gegen den erbitterten deutschen Widerstand aufgerieben. Weit verstreute Überreste der Schlacht traten deutlich zutage. Der staubtrockene Boden des Baugebiets war übersät mit Grabungslöchern und kleinen Positions-Fähnchen, die bei der Flächensondierung zur Orientierung dienten. Aufgrund der Masse an Munition, die hier im Hauptkampfgebiet immer noch in der Erde lag, wurden mit den Fähnchen Gänge markiert, in denen die Sucher zu zweit hintereinandergingen. Der Vordere suchte mit dem Metalldetektor die Oberfläche ab, der Zweite barg die gefundene Munition. An einer Stelle am Rand des umgepflügten Felds lagen die zusammengetragenen Fundstücke auf einem kleinen Haufen: Hülsen von Mörsergranaten, verformte Eisensplitter von detonierten Bomben, Geschosse, Gewehrkolben, Maurereimer voll mit blanker MG-Messingmunition, die nach der Schlacht liegengelassen worden war. Überall Fernmeldedraht, der hier nur Ami-Kabel genannt wurde. Neben einer durchgerosteten Tonne ein in die Glieder einer Panzerkette verkeilter Kinderwagen.

Bruno und Rolf gingen auf ein tiefer ausgegrabenes Loch zu, in dem der Blindgänger freigelegt worden war. Rolf wurde jedes Mal deutlich ruhiger, sobald er das Entschärfungsobjekt zum ersten Mal sah, so auch dieses Mal. Es war eine Ruhe, die über bloßes Schweigen hinausging – eine fast greifbare Konzentration. Etwa drei Meter tief lag eine amerikanische Fünf-Zentner-Bombe. Während der Kampfhandlungen war das gesamte Gelände nass und matschig gewesen, weshalb der Aufschlagzünder beim Aufprall nicht genug Widerstand gefunden hatte, um auszulösen. Die Bombe war tief ins Erdreich eingedrungen und hatte sich in einer bogenförmigen Bewegung wieder nach oben geschoben. Bis zum heutigen Tag lag der rostige Metallkörper schlafend in der Erde, hatte aber von seiner Bösartigkeit absolut nichts verloren. Als beide direkt vor ihm standen, starrte sie der Zünder beobachtend an, wie ein wachsam glotzendes Auge.

Paradoxerweise fühlte Bruno sich hier auf sicherem Gebiet. Er blickte Rolf an, der die Entschärfung vornehmen sollte, und erkannte die übliche Veränderung, die in seinem Freund vorging. Rolfs Ruhe war eine andere als seine. Rolf konnte die Bedrohung durch den Blindgänger fast körperlich spüren. Um dennoch ruhig zu bleiben und seine Arbeit erledigen zu können, ging er die technischen Details durch, die für die Entschärfung relevant waren, rief sich das Schema des Zünders ins Gedächtnis und wiederholte die einzelnen Schritte, die er abarbeiten würde. Er versuchte sich, durch vollkommene Fokussierung auf die Details, von der Angst abzulenken, die durch den kunstvoll aufrechterhaltenen Schutz, den er selbst als Respekt bezeichnete, durchbrach. Eine Angst, die ihn immer wieder abrupt und mit unberechenbaren, harten Schlägen traf, wie einen Boxer, der seinen Gegner in der Dunkelheit nicht ausmachen konnte. Erst wenn er direkt am Zünder stand und arbeitete, überlagerte die Konzentration alles andere. Bruno wusste das. Seit er vor 27 Jahren als Entschärfer angefangen hatte, arbeitete er mit Rolf zusammen. Von ihm hatte er alles gelernt – über jedes noch so kleine, aber entscheidende technische Detail. Über die Jahre waren beide wie ein Ehepaar zusammengewachsen. Sie hatten sogar Schlüssel zum Haus des jeweils anderen, die zwar nie benutzt wurden, aber doch in guten Händen lagen.

»Nicht jeder Entschärfer ist gerne allein mit der Bombe«, hatte Rolf einmal zu Bruno gesagt, als der noch ganz neu dabei war. »Manche brauchen jemanden in ihrer Nähe.« Deshalb hatte es sich zwischen ihnen eingespielt, dass einer von beiden immer in einiger Entfernung dabei war und per Funk Kontakt hielt. Aber es war vor allem Rolf, der jemanden in seiner Nähe haben wollte.

Bruno meinte so etwas wie Nervosität an Rolf wahrgenommen zu haben, die untypisch für ihn war. Er war ungewohnt zögerlich. Hatte das in den letzten Tagen zugenommen? Hing es mit seiner Pensionierung in wenigen Wochen zusammen? War es der Gedanke daran, nicht mehr gebraucht zu werden?

»Wie willst du vorgehen?«, fragte Bruno, um seinem Freund beim Versuch, sich zu konzentrieren, zu unterstützen. Er erinnerte sich daran, dass Rolf ihn das bei seiner ersten Entschärfung auch gefragt hatte.

»Mit der Raketenklemme, denke ich«, antwortete Rolf und fing an, seine Entscheidung und den Vorgang zu beschreiben, als ob er sich erklären müsste, dabei hatte Bruno alles von ihm gelernt und nicht umgekehrt.

»Der Blindgänger liegt fast waagerecht. Der Zünder ist nicht beschädigt, so dass ich das ENERPAC gut ansetzen kann.«

Bruno nickte. Er war froh, dass Rolf sich nicht dafür entschieden hatte, den Zünder per Hand auszudrehen, und hoffte, dass er ihm seine Erleichterung nicht ansah. Er erinnerte sich, wie er den Journalisten immer die Funktionsweise erklärte, wenn es in den Interviews, die oft nach Entschärfungen stattfanden, überhaupt so weit ins Detail ging. »Das ENERPAC funktioniert ähnlich wie ein Korkenzieher, mit dem der Zünder herausgezogen wird, und ermöglicht einem, je nach Zündertyp, so wenig wie möglich an der Bombe selbst zu arbeiten.« Natürlich musste es vorsichtig angesetzt werden. Die Kampfmittel waren auch Jahrzehnte nach dem Abwurf immer noch so gefährlich wie am ersten Tag, vielleicht sogar gefährlicher, weil der Sprengstoff in der Zwischenzeit um ein Vielfaches empfindlicher geworden war. Jede Bewegung konnte eine Detonation auslösen. Man befestigte die Raketenklemme am Zünder mit einer Zwinge. An der Zwinge befanden sich zwei Rohre mit jeweils einer Kartusche, die aus sicherer Entfernung mit einem lauten Knall gezündet werden konnten. Die Raketenklemme kam dadurch in eine extrem schnelle Rotation. So wurde der Zünder mit einer solchen Geschwindigkeit herausgedreht, dass er nicht auslösen und die Sprengladung zünden konnte. Nachdem er den Vorgang in Gedanken durchgegangen war, registrierte er, dass er selbst offensichtlich deutlich konzentrierter war als Rolf.

»Wo wirst du eigentlich während der Entschärfung sein?«, fragte Rolf.

Bruno antwortete: »Da hinten ist eine kleine Senke, ungefähr 200 Meter von hier. Kannst du sie sehen?« Er deutete in die Richtung und sagte: »Da bin ich. Wenn irgendetwas ist, melde dich, ja?« Er hielt das Funkgerät hoch und schaute Rolf an.

»Ok«, antwortete er.

»Ich kann übernehmen, wenn du willst«, sagte Bruno.

Rolf winkte ab und bedeutete ihm mit einem Nicken in die Richtung der Senke, dass er gehen sollte.

Während Bruno sich entfernte, verspürte er den unbändigen Wunsch zurückzuschauen, wagte es jedoch nicht, weil er Rolf auf keinen Fall ein Gefühl der Unsicherheit spiegeln oder auch nur im Ansatz ein schlechtes Omen provozieren wollte. Merkwürdigerweise war er selbst nur bei Einsätzen abergläubisch, obwohl er den Journalisten, die wissen wollten, ob Angst im Spiel sei, immer wieder erzählte, dass es auf die Technik ankam, der mit bekannten und erprobten Verfahren zu Leibe gerückt wurde. Erst als er an der Senke angekommen war, blickte er zurück zu Rolf, der tatsächlich stehen geblieben war und ihm nachgesehen hatte. Rolf hob den Daumen und verschwand etwas schwerfällig in dem ausgehobenen Graben.

Etwa zweihundert Meter auseinander saßen beide in ihren Löchern, wie Inseln im Dreck. Die Erde war steinhart und roch nur schwach. Wenn er nicht selbst entschärfte, sondern abseits wartete, kam Bruno die Zeit immer zäh vor, wie ein lang gezogenes Gummiband. In Gedanken war er bei Rolf und überlegte, ob er schon angefangen hatte. Er selbst begann in der Regel sofort mit der Entschärfung. Aber abseits war die Anspannung eine ganz andere.

In das Rauschen der dicht stehenden Bäume, die die damaligen Kampfhandlungen für die Amerikaner zur Tortur gemacht hatten, weil es tagein, tagaus dunkel, nass und kalt war, mischte sich aus einem der Nachbarorte das langsam auf- und abschwellende Heulen einer Sirene. Ein Geräusch, das Bruno hasste, weil es ihn noch heute schlagartig und ohne, dass er sich dagegen hätte wehren können, in seine Kindheit zerrte. Damals war auf dem Nachbarhaus seiner Eltern noch eine Sirene installiert gewesen, die aussah wie ein aufgepflanzter, verwitterter Stahlhelm. Ein Relikt aus einer anderen Welt, unter dem sich bei Feueralarm wellenförmig ein langgezogener, tiefer Heulton aufschwang, der ihn regelrecht paralysierte. Es war, als ob der markdurchdringende Lärm ihm die Tränen aus den Augen pressen wollte, für die er sich insgeheim schämte, obwohl sie niemand sah. Noch heute führte das Geräusch dazu, dass er sich innerlich verkrampfte.