Wir sind nicht wie Eidechsen - Erika Bianchi - E-Book

Wir sind nicht wie Eidechsen E-Book

Erika Bianchi

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Beschreibung

»Weißt du noch, wie ihr mich genannt habt, als ich noch klein war? Certola, Eidechslein. Ich glaubte, dass sie, wenn sie einen Schwanz verlieren auch alles Böse abwerfen. Jeder neue Schwanz, der nachwächst, ist eine neue Chance glücklich zu werden.«

Alles beginnt mit einer Beerdigung. Der Familienpatriarch Zaro ist tot, und das toskanische Dorf Ponte a Emo trägt ihn zu Grabe. Nur seine Tochter Isabelle ist nicht gekommen, denn sie und Zaro verbindet eine Geschichte, deren Wurzeln so tief reichen, wie die Verletzungen, die daraus resultierten. Die Nacht, in der Isabelle gezeugt wurde, schien das Schicksal der Frauen in der Familie zu bestimmen – auch das von Isabelles beiden Töchtern, gerufen Eidechse und Kolibri, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Erzählt von unserer Zeit bis zu der Nacht, in der alles begann, nimmt diese Familiengeschichte von vier Generationen Gestalt an, in der es Liebe und Einsamkeit gibt, aber auch Tiergeschichten und Träume, die vererbt werden wie Schätze.

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Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Zum Buch

»Weißt du noch, wie ihr mich genannt habt, als ich noch klein war? Certola, Eidechslein. Ich glaubte, dass sie, wenn sie einen Schwanz verlieren auch alles Böse abwerfen. Jeder neue Schwanz, der nachwächst, ist eine neue Chance glücklich zu werden.«

Alles beginnt mit einer Beerdigung. Der Familienpatriarch Zaro ist tot, und das toskanische Dorf Ponte a Emo trägt ihn zu Grabe. Nur seine Tochter Isabelle ist nicht gekommen, denn sie und Zaro verbindet eine Geschichte, deren Wurzeln so tief reichen, wie die Verletzungen, die daraus resultierten. Die Nacht, in der Isabelle gezeugt wurde, schien das Schicksal der Frauen in der Familie zu bestimmen – auch das von Isabelles beiden Töchtern, gerufen Eidechse und Kolibri.

Erzählt von unserer Zeit bis zu der Nacht, in der alles begann, nimmt diese Familiengeschichte von vier Generationen Gestalt an, in der es Liebe und Einsamkeit gibt, aber auch Tiergeschichten und Träume, die vererbt werden wie Schätze.

Zur Autorin

ERIKA BIANCHI, geboren 1975, lebt und arbeitet in Florenz, wo sie Alte Geschichte und Archäologie an der Universität lehrt. Ihr Roman »Wir sind nicht wie Eidechsen« wurde mit dem Premio RAI La Giara ausgezeichnet und für weitere Literaturpreise nominiert.

Erika Bianchi

Wir sind nicht wie Eidechsen

Roman

Aus dem Italienischen von Viktoria von Schirach

Die italienische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Il contrario delle lucertole« von Erika Bianchi bei Giunti Editore, Florenz – Mailand.

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Zitate aus:

Alessandro Manzoni, Die Brautleute. © 2011 Carl Hanser Verlag, München. Pablo Neruda, 20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung. © 1977, 1989, 2002, Luchterhand Literaturverlag, München. Nicole Krauss, Kommt ein Mann ins Zimmer. © 2006 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg.Sandro Veronesi, XY, © 2011 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart.

1. Auflage

Copyright © 2017 by Giunti Editore S.p.A., Firenze – MilanoCopyright der deutschsprachigen Ausgabe 2019 btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 MünchenCovergestaltung: FavoritbüroCovermotiv: © AUDUBON: SPARROW White-throated Sparrow (Zonotrichia albicollis). Engraving after John James Audubon for his »Birds of America«, 1827-38. / Granger / Bridgeman images

Satz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-23180-4V001

www.btb-verlag.dewww.facebook.com/btbverlag

Inhalt

Epilog Juni 2011

Cecilias Tod Oktober 2009

Hamlet auf Sparflamme August 2008

La faim e la femme Januar 2008

Atlantis November 2007

Vergeltung Februar 2004

Ein Loch ist im Eimer Juli 2001

Silvesternöte Januar 1997

Wir sind nicht wie Eidechsen April 1994

Spiele für jeden Tag Juni 1989

Osternagel März 1986

Ehen Juli 1981

Blackout Dezember 1979

Mithridates Februar 1977

Die Liebe in Zeiten der Cholera September 1973

Une valse à vingt ans Mai 1968

Prolog April 1964

Paris Juni 2011

Coda August 2016

Dank

Für Papa, auch wenn es zu spät ist

Weil der Mensch sich von allem befreien kann, außer von dem Raum, den die Dinge einmal eingenommen haben.

Nicole Krauss, Kommt ein Mann ins Zimmer

Tatsache ist, dass die Zeit nur in eine Richtung fließt, doch man erfasst diese nur, wenn man sie noch einmal in der entgegengesetzten Richtung durchläuft.

Sandro Veronesi, XY

Es gibt Zikadenarten, deren Larven siebzehn Jahre unter der Erde verbringen, wo sie an den Wurzeln der Bäume nagen. Als hätten sie mitgezählt, krabbeln sie dann in einer Frühsommernacht nach exakt siebzehn Jahren zu Millionen aus der Erde und klettern auf die Bäume.

Am nächsten Tag sind sie dann schon flugbereite Erwachsene und fangen an, sich wie wild zu paaren, in einer ohrenbetäubenden Orgie.

Dabei singen allerdings nur die Männchen.

Die Weibchen sind stumm.

Epilog Juni 2011

Keiner interessiert sich im Juni für Wolken.

Wahrscheinlich hast du einen Blick zum Himmel geworfen, mehr nicht. Du hast das Hemd angezogen, das Ilona für dich am Vorabend gebügelt hat, nachdem du sie mit einem Stirnrunzeln vor dem Schrank gefragt hattest, ob man bei Beerdigungen immer noch Schwarz trägt. Aber ja, wird sie geantwortet haben, die Hände schon im Schrank, um etwas Passendes für dich herauszusuchen. Eine weitere Gelegenheit, sich dir nützlich zu machen. Vermutlich die letzte.

Bestimmt hast du Ilona gehen lassen, ohne dich bei ihr zu bedanken für die Zeit, in der sie sich um deinen Vater gekümmert und dir gut gelaunt einen Großteil der Last abgenommen hat. Sich zu bedanken ist etwas, was man von klein auf lernt, indem man die Erwachsenen nachahmt, und in deiner Familie wurde nie Wert auf gute Manie­ren gelegt.

Danach bist du sicherlich Karten spielen gegangen, wie jeden Abend, nur dass die rauen Hände deiner Freunde ein wenig länger auf deiner Schulter ruhten als sonst. Sie werden dir ein Bier angeboten und ein paar aufmunternde Worte gemurmelt haben, sie werden dich gefragt haben, ob Zaro leiden musste, ob er etwas gesagt hat oder wortlos gegangen ist, und du wirst geantwortet haben, dass er nichts gesagt hat, was hätte er auch ­sagen sollen. Dann haben die anderen vermutlich geschwiegen und zu Boden geschaut, und auch du hast auf deine Schuhe geschaut und zum tausendsten Mal an mich gedacht. Vielleicht hast du auch gewünscht, dass jemand meinen Namen ausspricht, dass die zwei Silben aus einem Mund mit nikotingelben Zähnen auf den Tisch purzeln, zusammen mit der Drei, die den Reiter, die Dame und den König schlägt. Sicherlich branntest du innerlich darauf, laut zu bekennen, dass du mich benachrichtigt hast, dass du dein Leben lang versucht hast, eine Brücke zwischen eurem und unserem Blut zu schlagen, ungeachtet der Wahrheit, die sowieso keiner jemals sicher wissen wird. Vielleicht war dein Vater auch der meine, aber das hat er immer bestritten, und die Folgen dieser Verweigerung haben wir alle am eigenen Leib erlebt.

Seitdem ist so viel Zeit vergangen, dass der Zaro von damals heute unser Sohn sein könnte, statt unser Vater. Deshalb hat vermutlich niemand zwischen den Billard-Queues und den Spieltischen meinen Namen ausgesprochen, und du wirst die Karten gemischt haben, als ob dein Magen nicht sauer sei nach fast sechzig Jahren unverdauter Geschichten. Wahrscheinlich hast du auf dem Nachhauseweg die Fäuste in den Hosentaschen geballt und die Augen auf deinen Schatten geheftet, und gebetet, dass der Schlaf rasch über dich käme, heute Nacht wie alle Nächte. Und als auch der Schlaf auf sich warten ließ, wirst du dir ein Gläschen genehmigt haben, das die Gedanken zähmt und die Fragen in Schach hält. Du wirst meine Abwesenheit empfunden haben wie einen Affront gegen dein Leben, und wirst deinen Vater dafür gehasst haben, dass er alle Antworten mit ins Grab nahm.

Ich hätte kommen können, Giovanni. Heute Nacht wenigstens hätte ich dir eine Schwester sein können. Ich hätte einen Flug buchen können, gestern, das wäre kein Problem gewesen. Aber an der Beerdigung des Vaters teilzunehmen, der mich nicht wollte, wäre unnatürlich. Und deshalb komme ich nicht.

Stattdessen habe ich in aller Herrgottsfrühe meinen Laptop eingesteckt und bin zum Père Lachaise gegangen.

Ich wollte aus der Ferne bei euch sein. Über die Beerdigung deines Vaters aus der Ruhe eines anderen Friedhofs schreiben, in der Schwebe zwischen Frankreich und Italien, wie ich es mein Leben lang gehalten habe.

Beim Grabmal von Colette wurde mir die Lächerlichkeit meiner Unternehmung bewusst. Ich verließ den Friedhof mit dem Vorsatz, mich aus meinem Viertel so weit wegzubegeben, dass ich näher an deinen Gedanken war als an meinen. Ohne einen Funken Ironie habe ich die Metro am Alexandre Dumas genommen und bin am Victor Hugo wieder ausgestiegen und ins erstbeste Café mit WiFi gegangen. Da bin ich also in einem Starbucks, mit einer Tasse Vanille-Cappuccino in der Hand und dem Laptop mit der Wetterkarte vor mir, an dem Morgen, an dem in zweitausend Kilometern Entfernung die Familie, zu der ich nicht gehören will, den Mann zu Grabe trägt, der vielleicht mein Vater war.

Keiner interessiert sich im Juni für Wolken. Nanni macht da keine Ausnahme, er hat es noch nie getan, warum sollte er jetzt. Er wirft einen Blick nach oben in den taubengrauen Himmel und schert sich nicht darum. Er zieht ein warmes Unterhemd an und darüber das schwarze Hemd, das Ilona für ihn an den Fenstergriff gehängt hat. Schwarze Baumwollhosen und schwarze Lederschuhe, die einzige Alternative wären die Sandalen gewesen oder blaue Mokassins mit Troddeln. Aber zu einem Begräbnis geht man in Begräbniskleidung, und Ilona meint, dass man sich bei einem Begräbnis schwarz anziehen muss. Er kämmt sich vor dem Spiegel, ein Handtuch über den Schultern, wie es ihm seine Mutter beigebracht hat. Er hat mehr weiße als graue Haare, aber die Zeit hat den Wirbel nicht zähmen können. Er kontrolliert seine Zähne, klopft sich auf die frisch rasierten Wangen, rückt den Hemdkragen zurecht, der nicht mehr knittert, seit Ilona ihn stärkt, und verlässt das Haus ohne Schirm.

Er holt sein Fahrrad aus dem Holzverschlag hinten im Hof, zieht es ganz vorsichtig aus dem Ständer. Es ist ein Schmuckstück, ein gelbes Bartali von 1953, das immer noch schnurrt wie geölt, das wertvollste Vermächtnis seines Vaters Zaro, ursprünglich ein Hochzeitsgeschenk von dessen Freunden. Nanni steigt auf und denkt dabei, was er immer denkt, wenn er die Füße auf die Pedale setzt: dass Fahrradfahren nichts anderes ist, als das System eines Gleichgewichts einzuhalten, das sich ständig verändert, ein stetes Austarieren und Ausgleichen des schwankenden Lenkwinkels, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Insgeheim ist Nanni ein großer Anhänger der Physik des Fahrradfahrens und wendet sie auch im Alltag an. Das bedeutet, er weiß, dass die Statik seines Daseins nur eine Illusion ist und seine gleichförmigen Tage in Wirklichkeit das Ergebnis eines unsichtbaren dynamischen Prozesses, den man nur mit mehreren Differen­zial­glei­chun­gen und einer Menge komplizierter Parameter ausdrücken könnte. Er würde sie gern formulieren und ausführen, diese Gleichungen, aber seine Physikkenntnisse beschränken sich auf ein paar Unterhaltungen mit seinem Schwager Carlo vor vierzig Jahren, der ihm ein Buch schenkte, das er bis heute besitzt.

Ein merkwürdiger Anblick, dieser schwarz ge­kleidete Mann mit Lederschuhen auf einem gelben Bartali-Rad, das älter ist als er. Eigentlich hätte Nanni heute das Rad auch zu Hause stehen lassen können. Aber auf die Idee ist er überhaupt nicht gekommen. Er konnte früher ­radeln als laufen. Mit sieben hat er gelernt, wie man einen Schlauch aufzieht. Die Namen der Felgen waren seine Fibel: Bo-tec-chia, Cam-pa-gno-lo, Le-gna-no. Sohn eines berühmten Fahrradhändlers und selbst Nachfolger eben dieses Fahrradhändlers, radelt Nanni stolz bis vor die Kirche.

Er könnte das auch blind, seine Waden würden den Weg von allein finden. Vom Vicolo del Ridi, wo er wohnt, wäre es höchstens ein Kilometer, eine knappe ­Minute, wenn man flott fährt und einen hohen Gang einschaltet, am Supermarkt vorbei, am Haus von Bartali, der Casa del Popolo, der Schule, der Zahnarztpraxis, dem Tabakladen, Attilios Haus, der Bank, Kurve, die neuen Häuser, die Brücke, noch eine Kurve, Haus der Lehrerin Signora Siniscalchi, Leichenwagen, Kirche. Bei der Madonnenstatue aus Gips auf der anderen Straßenseite bleibt Nanni stehen, lehnt das Rad an eine Platane, kettet es am Pfosten der Bushaltestelle fest. Durch die ­offenen Türflügel der Kirche sieht er schon den Sarg an seinem Platz vor dem Altar, die Schwestern seines Vaters gebeugt in der ersten Reihe, Ilona ein wenig abseits, die mit ihrem Handy beschäftigt ist. Draußen, auf dem knappen Meter Kirchplatz, den die Straße übrig gelassen hat, stehen die Männer, die Kartenspieler und Freunde Zaros aus der Zeit, in der er noch ein kleiner Junge war und Gino Bartali mit seinem Legnano-Fahrrad bis ans Ende der Welt gefolgt wäre: Tito, Guiduccio, sogar Spurt, den seine Frau mit ihrer bläulich schimmernden Dauerwelle untergefasst hat, weil er nicht mehr gut sieht. Da wenig Platz ist, stehen sie fast auf der Straße, und jedes Mal, wenn ein Auto um die Ecke biegt, drücken sie sich an die Mauer, um es vorbeizulassen, grau wie der Himmel sind sie, langsam und runzlig wie Schildkröten. Als Nanni über den Zebrastreifen geht, die Hände in den Hosentaschen geballt und eine Strähne wie auf die Stirn gesprüht, reichen sie ihm die Hände, murmeln Beileidsworte.

Als letzter kommt Attilio, mit trockenen Augen und einem unruhig hüpfenden Adamsapfel. Er starrt Nanni mitten auf die Brust und packt ihn an der Schulter mit seinen Wurstfingern; dann richtet er den Blick hinter die Kurve, die zur Autobahn führt, und deutet mit dem Kinn in die Richtung. Er sagt kein Wort, aber Nanni weiß, dass Attilios Kinn ihm eine Frage gestellt hat, dieselbe Frage, die auch ihm seit gestern im Kopf herumschwirrt, und die ungefähr so lautet: He, der andere Teil der Familie, kommt der auch?

Attilio ist der Einzige, mit dem Nanni sprechen könnte, bei dem er sich nicht schämen würde, die Last abzulegen, die er seit der Grundschule mit sich herumschleppt. Seit jenem Nachmittag, an dem die rotwangige Frau in Zaros Werkstatt auftauchte und das Mädchen mit den knochigen Knien vor sich herschob, das seine Kindheit aus den Angeln hob.

Nanni denkt heute noch, dass dies seine früheste Erinnerung ist. September 1959, die Sonne war kurz vorm Untergehen, aber immer noch so warm, dass sowohl er als auch sein Vater kurze Hosen trugen. Die reparierten Fahrräder standen draußen, an die Hauswand oder die Glastür der Werkstatt gelehnt; was noch zu reparieren war, stapelte sich drinnen, an die Wände geschoben, an die Werkbank gelehnt, an die Decke gehängt. Es gab wenig Luft und noch weniger Platz, deshalb verschwendeten sie weder Worte noch Gesten. Zaro saß auf einer Holzbank und Nanni hatte sich hingekauert, denn der Boden war schmutzig und die Mutter ermahnte ihn immer, auf seine Kleider aufzupassen. Vater und Sohn waren gebräunt von den Knien bis zu den Socken, vom Ärmelsaum bis zu den Fingerspitzen, auf der Stirn denselben Wirbel, wie ein Schnörkel. Zaro, eine Kippe zwischen den Lippen und wegen des Rauchs schmal zusammengekniffene Augen, schraubte die Stützräder von Nannis erstem Fahrrad ab, einem wunderschönen, leuchtend ­roten Zwölfzoller. Im Radio sang Mina Tintarella di luna, und das Glück des kleinen Jungen, der den Refrain mitflüsterte, Tin tin tin, raggi di luna, war perfekt.

Als die Frau in der Tür auftauchte, lächelte Nanni sie an. Sie erinnerte an die gerötete Haut, von der das Lied sang, und sie machte ihm keine Angst, nicht einmal, als sie ihn ernst musterte.

»So, das wär’s«, sagte Zaro, während er die zweite Schraube neben die erste legte, »jetzt können wir gleich üben gehen.«

Doch dann sah er die Frau, und der Schraubenzieher blieb in der Luft hängen. Nanni sah seinen Vater verstummen und die Augen mit ihren eine kleine Ewigkeit lang verschränken. Zaro löste sich als Erster daraus, und da griff die Frau hinter sich in die Luft und erwischte dieses etwa zehnjährige Mädchen, dürr wie eine Giraffe und so blond, als hätte sie ihr Leben lang im Mondlicht gebadet. Die roten Finger der Frau pressten sich in den Rücken des Mädchens, um sie weiter vorwärts zu schieben, aber die Beine des Mädchens leisteten Widerstand. Ihr Blick fiel auf Nannis rotes Fahrrad und schließlich auf ihn. Die Frau redete, aber man verstand kein Wort. Minas Lied war jetzt aus und ein neues begann, aber welches das war, weiß Nanni nicht mehr, und auch nicht, was sein Vater tat oder sagte. Umso genauer erinnert er sich an das erste halbe Lächeln von Isabelle, das Funkeln ihrer Augen hinter dem Nebel der Angst, die dünnen, weißen Finger, die sich unendlich langsam hoben und den sprudelnden Wirbel nachmachten, den er und sein Vater auf der Stirn trugen, und auch daran, wie sie ihm die Zunge herausstreckte, mit einer boshaften Grimasse, über der sich der Vorhang der Erinnerung an ihre erste Begegnung senkte.

Der Wettervorhersage nach wird es eine nasse Beerdigung werden. Über Florenz soll jeden Moment der Regen losprasseln, aber ich wette, du bist ohne Schirm aus dem Haus gegangen und zur Kirche geradelt. Ich wünschte, ich wäre auch so beständig in meinen Leidenschaften; dieses Urvertrauen in deine Wurzeln hat dich aufrecht wie eine Zypresse heranwachsen lassen. Ich hingegen bin eher ein Olivenbaum, voller Astknoten, mit breiten Wurzeln, die durch den Boden brechen und in alle Richtungen wachsen. Meine Rinde hat Risse, aber die ­Lymphe meiner Blätter ist immer noch bitter von dem Groll, der nicht vergeht. Wie gern würde ich sagen, dass ich meine Mutter verstehe, dass sie gut daran tat, mich zu euch zu bringen, doch es will mir nicht gelingen, nicht einmal jetzt, wo über ein halbes Jahrhundert ver­gangen ist und all die, die uns auf die Welt gebracht ­haben, tot sind. Ich denke an das Mädchen, das allein war und von allen gemieden wurde wegen mir, dem vaterlosen Kind, Frucht eines schamlosen Rocks. Wie viele Betten hat sie gemacht, wie viele Löcher gestopft, wie viele Böden gewischt, bis sie schließlich ganz Frankreich und halb Italien durchquerte, bis zur Werkstatt eines Dorfmechanikers, und wie schwer muss es sie getroffen haben, dort dich und dein rotes Kinderrad anzutreffen, das mir gleich so gut gefiel, dass es wehtat. Wenn ich ver­suche, mich in meine Mutter hineinzuversetzen, lande ich immer wieder bei mir selbst, wie ich dastehe in meinen kratzigen Wollkniestrümpfen, dem einzigen guten Kleid, das ich von irgendjemandem geerbt hatte und das über der Brust spannte, unter einer Glocke aus Scham und Unzulänglichkeit, die mich erdrückte wie meine für die italienische Sonne viel zu warmen Kleider, schwer wie wir selbst, unsere Reise und die Last der unliebsamen Nachrichten, die wir mitbrachten.

Ich hasste dich vom ersten Moment an, du mit deinem Vater und deinem Fahrrad, ich hasste dich und schämte mich, auch wenn du nichts verstandst, oder gerade deshalb. Meine Mutter redete nicht um den heißen Brei herum, wie immer:

»Das ist Isabelle, die Tochter, die du mir gemacht hast. Ich schaffe es nicht mehr allein.«

Ihre Hände waren in meinen Rücken gebohrt wie Messer, sie wollte mich weiter vorn haben auf dem Familienfoto, wollte, dass meine ungewollte ­Anwesenheit die Idylle des roten Kinderfahrrads zwischen Vater und Sohn zerstörte, und wären da nicht ihre Finger gewesen, die mich festnagelten, wäre ich bestimmt weggerannt, irgendwohin, für immer weg von dort. Ich war wütend auf eure identischen Haare, ich schämte mich für die Worte meiner Mutter in einer Sprache, die ihr nicht verstandet, und ich war alt genug zu kapieren, dass wenn dieser Mann mit den schwarz verschmierten Fingern und der Kippe zwischen den Lippen mein Vater war, der Junge mit dem Fahrrad und dem Hundeblick mein Bruder sein musste.

Ich streckte dir mit aller Bosheit, deren ich fähig war, die Zunge heraus, und da stand Zaro auf, glitt aus der Tür, um meine Mutter bloß nicht zu berühren, nicht einmal mit dem Stoff seiner Hose, und rief, ob jemand uns Kinder zu Attilios Bar ein paar Häuser weiter bringen könnte. So lernte ich Attilio kennen. Der heute eine halbe Stunde zu früh in der Kirche war, um sicher zu sein, dass du keinen Moment allein wärst. Der in der ersten Reihe neben dir sitzen wird, ohne ein Wort zu sagen. Auch an jenem Tag sagte er kein überflüssiges Wort. Er wusste nicht, was er dir sagen sollte, und ich hätte es sowieso nicht verstanden. Stattdessen reichte er uns beiden je ein Eis am Stiel. Innen Sahne, außen Schokolade. Ich aß erst das Äußere, das knackte, wenn man hineinbiss, wie zerbrechende Eisschollen, dann die weiche Sahne. Attilio lachte.

»Na, schmeckt dir der Pinguino? Pin-gu-ino«, sagte er mir vor, indem er auf den Sepiaknochen zeigte, der noch übrig war. »Lecker«, wiederholte er und drehte mit dem Zeigefinger eine Pirouette auf seiner Wange. Ich kannte weder die Wörter noch die Geste, aber ich verstand. Pinguino war das erste Wort meines zweiten Lebens.

Nanni fragt sich, ob sich auch Attilio noch an den Tag erinnert, an dem Isa nach Ponte a Ema kam. Am liebsten würde er ihn gleich fragen, Zaro in seinem Sarg, beim Schlagen der Totenglocke. Ein wütender Drang überkommt ihn, über all das zu reden, worüber sie nie geredet haben. Dann sieht er, wie Ilona ihm von der ersten Bank ein Zeichen macht, wo die beiden alten Schwestern Zaros auf ihn warten. Er will schon die Schwelle überqueren, als ihn eine tabakheisere Stimme zurückhält.

»Jetzt rollen sie einer nach dem anderen bergab, auch Zaro, nur ich, der ich älter bin als er, bin immer noch da.«

Das ist Spurt, der alte Fahrradmechaniker, der eigentlich Aldo Cencini heißt. Das weiß Nanni nur, weil es so in den Papieren steht, mit denen Zaro die Werkstatt übernahm, als Spurt ihm alles beigebracht hatte, was es zu wissen gab, und selber ein Alter erreicht hatte, in dem ihn nur noch seine Fahrradsammlung interessierte. Spurt hatte als Junge angefangen als Mechaniker zu arbeiten, weil ihm das Geld, das er mit den wenigen Rennen, die er gewann, nicht zum Leben reichte, obwohl er ein ziemlich guter Fahrer war. Einer, der bei den Steigungen im Mugello oder im Chianti immer unter den Profis war und der immer noch einen Spurt hinlegte, auch wenn es nicht nötig war. Wie der Name schon sagt. Ein beinahe Hundertjähriger, der im Florenz von Ciaccheri und Linari aufgewachsen ist, später in dem von Bartali.

In den Windböen, die jetzt wütend aufbrausen und seine weiße Mähne zerzausen, wirkt der alte Spurt verletzlich wie ein Kind. Attilio lächelt und streicht ihm über die den Stock umklammernde, knochige Hand.

»Obwohl die Talfahrten nicht wirklich seine Stärke waren, stimmt’s, Spurt?«

Die hundert Jahre alten Augen sind flüssige Topase, und das Lächeln einer weit zurückliegenden Erinnerung bahnt sich einen Weg durch die Furchen.

»Er war eher einer aus Kork. Das war auch sein Spitzname, Korken, wusstest du das, Nanni?«

Klar weiß Nanni das.

»Nein, Spurt, das ist mir neu. Wann wurde er so genannt?«

»Zu Kriegszeiten, vor dem Giro von 1948. Damals war Zaro noch ein Kind. Morgens, wenn Bartali und Martini trainierten, wollte er unbedingt hinter den beiden herfahren. Eines Morgens kam er in die Werkstatt und wollte, dass ich ihm die Schutzbleche und den Kettenschutz abmontiere, weil sie das Rad schwer machten und er sich bergauf so quälte. Also, sagte ich zu ihm, wenn das wirklich deine Leidenschaft ist, dann fang doch bei mir an, ich brauche einen Lehrling, und wenn du deine Sache gut machst, schenk ich dir ein Rennrad, aber ein richtiges. Und so geschah es. Aber es lag gar nicht an dem Rad, das zu schwer war, er war einfach kein guter Fahrer. Wie oft hab ich ihn den Moccoli-Hang hochgezogen, Tito, Guiduccio, ihr wisst es auch! Als er nicht mehr konnte, hat er sich einen Korken in den Mund gesteckt, an dem eine Angelschnur hing, und ich zog ihn mit dem Auto hinter mir her. Wie ein Fisch an der Angel hing er da, der gute Korken, verdammt nochmal.«

Nanni weiß diese Geschichte auswendig, aber er hört sie immer gern von Spurt, der mit einem solchen Spitz­namen bestimmt nie einen Korken im Mund hatte.

»Als Rennfahrer taugte er gar nichts«, redet Spurt weiter, während seine zierliche Frau mit den bläulichen Haaren im Wind bibbert und ihn zu dem Plakat für die Sommerfahrten nach Lourdes am Eingang der Kirche zieht, »aber als Mechaniker … war er eine Wucht! Bei der Tour de France wollten sie ihn unbedingt dabeihaben, mit Gino, da war der Korken schnell vergessen und er wurde nur noch mit seinem richtigen Namen genannt, Zaro Checcacci. Friede seiner Seele.«

Dass der Spitzname »Korken« am Ende der Vierziger­jahre ganz vergessen war, konnte nicht ganz stimmen, denn sonst würde in Nannis Erinnerung nicht noch eine Zeit herumgeistern, in der er »Körkchen« gerufen wurde.

Was allerdings wirklich stimmt, ist, dass die Tour de France von 1948 und ’49, die er an der Seite von Bartali und der italienischen Mannschaft erlebte, für Zaro legendäre Zeiten waren. Don Masi, der jetzt mit zwei Ministranten und dem Weihwasserkessel aus der Sakristei kommt, wird bestimmt auch erwähnen, dass dieser begeisterte und hilfsbereite Lehrling zwar als Rennfahrer eine Niete war, aber der Schnellste von allen, wenn es darum ging, eine Schraube festzuziehen oder ein Gewinde zu reparieren. Der sechzehnjährige Korken hatte eine Wasserwaage in die Werkstatt mitgebracht, um zu überprüfen, ob sich die Sättel perfekt in der Waagerechten befanden. Als sich das herumsprach und auch, dass sein Vater im Krieg gefallen war und seine Mutter aus einer Tagelöhnerfamilie stammte, arm wie Kirchenmäuse, wollte ihm jemand – wie es hieß, vielleicht sogar Bartali persönlich – eine Chance geben.

So stieg Zaro beim Giro der Toskana 1948 als Hilfsmechaniker auf den Besenwagen der Legnano und sah zum ersten Mal mit eigenen Augen den vierunddreißigjährigen Bartali fahren und siegen. In den Augen vieler Leute war er uralt: Coppi hatte Sanremo und den Giro der Lombardei gewonnen, während für ihn im selben Jahr alles schiefgegangen war und die Zeitungen den sportlichen Ehrgeiz, mit dem er sich auf die Tour de France vorbereite, als Größenwahn abtaten. Doch Bartali hatte nicht nur Muskeln aus Stahl. Er fuhr mit dem Zug nach Paris, um zu siegen, dritter Klasse mit dem Trainer Binda und einem von ihm selbst zusammengestellten Team. Zaro war dabei, Coppi nicht.

Nanni tritt in die Kühle der Kirche mit Attilio und den anderen, und während er sich zwischen Ilona und Tante Chiara in die erste Reihe setzt, denkt er an die tausend Mal, die er die Geschichte von Paris gehört hat, das so viel größer ist als Florenz und wo alles neu und elegant ist. Von den Bergstraßen und den Straßen in den vom Krieg zerstörten Städten, alle voller begeisterter italienischer Gastarbeiter oder extra wegen ihres Helden angereister Fans. Von den Stränden im Süden und den Hotels im Norden, dem Regen auf dem Schotter und dem glitschigen Kies. Von den fiesen fast fünftausend Kilometern, die Gino und alle, die mit ihm waren, erwarteten. Und er, Zaro, war im Mittelpunkt der Geschichte, nein, er war die Geschichte selbst, wenn er zum x-ten Mal erzählte, wie das Attentat auf Togliatti genau in der Hälfte der Tour passierte, an dem Tag, als sie die Bastille stürmten, an dem De Gasperi Gino anrief, während sie gerade an ihrem freien Abend den Sonnenuntergang über dem Strand von Cannes bewunderten, und wie der Champion am Ende mit der alleinigen Kraft seiner Beine Italien vor dem Bürgerkrieg rettete, indem er gegen jede Wahrscheinlichkeit diese Tour gewann. Wenn man Zaro so reden hörte, hätte man glauben können, er selbst habe die Tour gewonnen, oder zumindest, dass Bartali sie nur dank ihm gewonnen habe. Dabei war er, Korken, offiziell als Wasserträger eingeteilt gewesen. Er assistierte den Mechanikern, wenn Not am Mann war, schraubte Radkappen nach, stanzte Speichen und Gabeln, aber vor allem reichte er den Rennfahrern Wasserflaschen und Proviant. Trotzdem war die Fahrt mit dem Besenwagen nur wenige Meter hinter dem dreifachen Weltmeister Alfredo Binda, das direkte Miterleben der heroischen Leistungen von Leuten wie Bartali, Robic und Bobet für Zaro das schönste Erlebnis seines Lebens.

Und dann waren da noch die Frauen. Jede Menge, wenn man ihm glauben konnte, alle wunderschön und gefügig, kess und frech, wie es die Italienerinnen nicht einmal auf der Leinwand waren. Schönheitsköniginnen, die den Sieger am Ende der Etappe küssten, Pariserinnen im Urlaub, Zimmermädchen, heimwehkranke Gastarbeiterinnen, die französische Sitten angenommen hatten – Zaros Erzählungen nach hatte keine seinem etruskischen Charme widerstehen können.

Etwas musste wohl dran sein an diesen Geschichten, wenn elf Jahre nach der Grande Boucle von 1948 Lena Quillerou und ihre Tochter Isabelle sich die Mühe machten, von einer Schlucht in der Nähe des Ärmelkanals aufzubrechen und bis ins Herz der Toskana zu reisen, um dort nach dem einstigen Wasserträger Zaro »Korken« Checcacci zu suchen, der in der Zwischenzeit Elvira Inno­centi geheiratet und Giovanni »Nanni« Körkchen gezeugt hatte.

Diese Geschichte jedoch erzählte Zaro nie.

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«, hob Don Masi an.

Am Tag des ersten Pinguino in Attilios Bar war ich seit zehneinhalb Jahren auf der Welt. Mir war kalt, und ich vermisste das Meer. Du kanntest das Meer nicht und wusstest nichts von meinem Wind, dem Noroît und dem Nordet, die meine Haare peitschten und in alle Richtungen zerzausten. Du kanntest nichts anderes als deine Fahrräder, mit denen ich wiederum nicht umgehen konnte. Ich merkte nicht, wenn ich angesprochen wurde, und keiner verstand mich bis auf meine Mutter, die allerdings die meiste Zeit in Florenz war, um Arbeit zu ­suchen, und als sie schließlich eine fand, von morgens bis abends dort blieb. Ich war den ganzen Tag allein, wie in Dinard, mit dem Unterschied, dass ich in Dinard geboren war und dort alles meine Sprache sprach. Ponte a Ema hingegen war eine fremde Welt, wo das Grün zu grün war und die Hügel zu hügelig, eine gefleckte Decke, die den Schlaf eines gefährlichen Riesen verbarg. In Dinard gab es bunte Blumen und das Meer, das beim Aufwachen in der Nase kitzelte, ich brauchte nur um die Ecke zu gehen und zur Ècluse hinunter, und da wartete es schon mit seinem muschelförmigen Strand und den Möwen, die man das ganze Jahr über jagen konnte. In Ponte a Ema gab es lediglich ein Rinnsal, das vor allem im Sommer nur mit sehr viel gutem Willen als Fluss bezeichnet werden konnte, und am Himmel waren die größten Vögel die Schwalben auf der Wanderschaft.

Aber immerhin warst du ein freundlicher Junge, und Attilio gab sich alle Mühe. Das erste Glas süßen Wein bekam immer ich, aber es war nicht der Cidre, den Madame Talibard mir heimlich reichte, wenn mich meine Mutter zur Wäscherei schickte. Ich erkannte nichts wieder in dieser neuen Welt ohne Meer und ohne Wind, nichts, was für mich passte. Am grande plage von ­Dinard hatte ich, die Lider halb geschlossen vor dem heftigen Nordet, jeden Tag meine Nase zwischen die Fingerknöchel gesteckt und dann langsam den Daumen und den kleinen Finger gespreizt. Der Horizont zwischen den Spitzen von Malouine und Moulinet passte genau zwischen meine Finger. Er war eine Schnur, die sich zwischen den beiden Felsvorsprüngen spannte, und der fächerförmige Strand war der Bogen. Exakt in der Mitte der Biegung saß ich und war, Tag für Tag, der Pfeil. Ich könnte heute nicht sagen, ob die Spanne zwischen meinen Fingern für mich eher ein Gefängnis war oder eine Wiege. Aber sie gehörte zu mir, und ich zu ihr, vom Anfang meiner Geschichte an, die vor diesem Horizont begonnen hatte, an jenem legendären Abend, als Bartali Frankreich erklomm und Zaro meiner Mutter begegnete.

Lena war damals noch keine fünfzehn Jahre alt und schon vom Zimmermädchen im Hotel du Parc aufgestiegen zur Kellnerin im Hotel de la Plage et du Casino, dem besten Haus am Platz. Sie hatte ein einladendes Lächeln, kräftige Hüften und die Sinnlichkeit einer reifen Frucht. Die Reife würde zwar nicht lange anhalten und Lena im Lauf eines Winters schon anfangen zu welken, aber dieser Moment war vorerst noch in weiter Ferne. Es war der Sommer der Gegenwart, der Sommer von ’48, als die Tour de France durch Dinard führte und die Hotels und Restaurants sich bereit machten für den Ansturm der hundertvierzig Fahrer und das noch viel größere Gefolge der Mechaniker, Organisatoren und Journalisten der zwölf europäischen Teams. Die Tour hatte erst einen Tag davor begonnen und die erste Etappe hatte ein nicht mehr taufrischer Italiener namens Gino Bartali gewonnen. Die Hoffnungen der Bretonen und aller anderen Franzosen lagen auf dem jungen Louison Bobet, der nur ein Stück weiter südlich der zerklüfteten Küste geboren war und dem man Großes zutraute. Doch die Freude, in seiner Heimat die Arme hochzureißen, war ihm nicht vergönnt, das Schicksal wollte es, dass an dem Tag die Italiener feierten. Und das Schicksal wollte auch, dass Bobet sich nach zweihundertneunundfünfzig Kilometern auf den letzten dreihundert Metern von Rossello abhängen ließ. Das Schicksal wollte, dass die Mechaniker und die Masseure der italienischen Mannschaft jubelten und ausgiebig feierten im Casino und am Strand. Und all diese Voraussetzungen mussten erfüllt sein, damit Zaro Lena entjungfern konnte.

Das ist der Moment meiner Zeugung, du müsstest verstehen können, dass er für mich zu einer fixen Idee geworden ist. Ich habe jahrelang alles Material über die Tour de France von 1948 gesammelt, das ich finden konnte, einen ganzen Schrank voll. Ich habe Zeitungen aus jenen Wochen durchforstet, Filme angesehen, Zeitzeugen gelauscht. Das Attentat auf Togliatti, der Bürgerkrieg, der zwischen den Kommunisten und den Christdemokraten des jungen postfaschistischen Italiens auszubrechen drohte, die Spannungen, die Bartali abzubauen half, indem er den Izoard und dann den Galibier, den Coucheron und den Granier mit Hilfe der Pedale bezwang, interessierten mich nicht. Das geschah am Ende der Tour, und da war meine Geschichte als embryonaler Klumpen bereits in vollem Gange.

Wenn Lena nicht gelogen hat, das ist klar, wenn Zaro mein Vater ist. Wenn du mein Bruder bist.

Wenn wir die »Wenns« wegstreichen, kann ich nicht anders als in dem, was an jenem Tag passiert ist, die Vorbestimmung zu erkennen. Eine Reihe von auf den ersten Blick zufälligen Verkettungen, die sich so gefügt ­haben, damit ich entstehen konnte. Seitdem Cecilia tot ist und die Welt zu einer runden Wüste wurde, ohne Ecken und Kanten, an denen ich mich festhalten oder kreuzigen könnte, habe ich immer wieder über diese Etappe nachgedacht. Und jedes Mal verzichtete ich darauf, meiner Tochter in den Tod zu folgen, weil Rossello an jenem Tag Bobet den Sieg raubte. Ich verarbeite noch einmal die Chronik der Abläufe, zähme sie, um meine Distanz zu Demeter zu vertuschen, die Erkenntnis zu betäuben, dass Cecilia, selbst wenn ich sie fände, niemals mit mir wieder auf die Erde zurückkommen würde. Doch das ist eine andere Geschichte.

Rossello gewann also die Etappe Trouville-Dinard. Er war kein unbesiegbarer Gegner, fünf Tage danach, auf dem Weg nach Lourdes, schied er auf eigenen Wunsch aus dem Rennen aus, und auch im Vorjahr war er nicht bis zum Ende gekommen. Aber an jenem Tag siegte er. Er siegte, weil Bartali ihm einen Gefallen schuldete.

Die Tour war am Vortag mit einem irren Tempo in Paris losgegangen. Zweihundertsiebenunddreißig Kilo­me­ter Richtung Norden bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von beinahe vierzig Stundenkilometern. Die Mofas, mit denen Marta und ihre Freunde Anfang der Neunzigerjahre herumflitzten, waren wahrscheinlich langsamer. Wie auch immer, Bartali hat jedenfalls mitten im Rennen einen Platten. Das kam damals relativ oft vor, das weißt du besser als ich. Die Strecken voller Schlaglöcher und Steine und die Schotterhänge sorgten dafür, dass ein Fahrer mitunter sogar zwei- oder dreimal den Reifen wechseln musste. Und in der Tat spannt Rossello, seiner Rolle als guter Wasserträger entsprechend, sein Rad aus und überlässt es dem Kapitän; danach hat er noch zwei Platten. Zaro hat in meiner Gegenwart nie über die Etappe von Dinard gesprochen, aber einmal habe ich gehört, wie er seinen Freunden erzählte, dass er Bartalis erste Flucht verpasste, weil er »Rossello versorgen musste, der drei Reifenwechsel hatte«. Wenn er erzählte, hatte man den Eindruck, nicht nur das italienische Team, sondern die ganze Grande Boucle habe auf seinen Schultern gelastet.

Rossello wechselt drei Reifen, bleibt hinten und wird Letzter. Zaro fühlt sich in keiner Weise verantwortlich, Bartali schon. Es tut ihm leid, den ersten der drei Rückstände des jungen Mannes verursacht zu haben, der noch dazu sein Teamkollege ist, es tut ihm leid, ihm keinen von den Wasserträgern zur Seite gestellt zu haben. Vor allem tut es ihm leid, dass Rossellos Tour schon nach der zweiten Etappe zu Ende sein könnte, weil der Letzt­platzierte hier den Regeln nach ausscheidet. Der Kapitän will seinem Wasserträger helfen, ihm den Gefallen zurückzahlen. Am nächsten Tag, von Trouville nach ­Dinard, sorgt er dafür, dass er bei allen Fluchten Rossello ganz dicht bei sich hält.

Die Abfahrt ist für neun Uhr vorgesehen, unter einem bleigrauen Himmel. Es regnet und es ist kalt, man könnte meinen, es sei November und nicht Juli. Bartalis Trikot ist gelb, aber seine Laune schwarz; viele seiner Teamkollegen haben keine Regencapes und radeln mit triefenden Wolltrikots. Das Tempo ist mäßig, die Straße glitschig, die Fahrer wanken. Eine halbe Stunde später dann das Chaos: In einer engen Kurve rutschen die Räder, und die Fahrer prallen aufeinander wie Kegel. Die Straße ist ein Knäuel von Fahrern und Fahrzeugen, Verletzten, die abtransportiert werden, Reifen, die gewechselt werden. Zaro natürlich ganz vorn, es ist auch sein Verdienst, dass das gelbe Trikot wieder losrast, mit Rossello und einer Handvoll anderer Fahrer einen Sprint hinlegt über einhundertfünfundzwanzig Kilometer durch die liebliche Landschaft der Normandie mit ihren gefleckten Kühen und den sanften Hügeln. Als dann die Vegetation immer mehr verschwindet unter dem immer weiter werdenden Himmel der Bretagne, holen die Verfolger auf. Und da schickt Bartali Rossello vor, der direkt hinter Bobet und Engels die Straße neben dem Aerodrom von Dinard entlangfliegt und sie direkt in der Zielgeraden überholt. Wenn Rossello nicht den zweiten Etappensieg in Folge für das italienische Team geholt hätte, hätte man weniger Grund zum Feiern gehabt. Wenn Bartali sich bei der Flucht nicht zurück­gehalten hätte, hätte Rossello nicht gewonnen. Wenn Rossello Bartali nicht am Vortag sein Rad überlassen hätte, was ihn die Etappe kostete, hätte Bartali ihm nicht geholfen. Und vor allem: Ohne Bartali wäre Zaro nicht dort gewesen.

Wie man es dreht und wendet, der Schluss ist immer derselbe: dass ich auf der Welt bin, ist auch ein wenig Bartalis Schuld.

Immer vorausgesetzt, dass Lena die Wahrheit gesagt hat, klar.

»Herr, der du dem reuigen Petrus deine Vergebung geschenkt hast, erbarme dich unser.«

»Herr, erbarme dich.«

»Christus, der du dem guten Räuber das Paradies versprochen hast, erbarme dich unser.«

»Christus, erbarme dich.«

»Herr, der du jeden Menschen aufnimmst, der sich zu dir wendet, erbarme dich unser.«

»Herr, erbarme dich.«

Erbarme dich unser und Zaros, der wenig Erbarmen kannte, dachte Nanni. Der umso ungnädiger wurde, je mehr Rost er pisste. Der Ilona, die ihm die Windeln wechselte, fünfzig Mal am Tag Ilona Staller nannte. Die in Kiew zusehen musste, wie ihr Mann und ihre Schwester langsam an der Strahlung aus Tschernobyl starben, und die von Zaro angeknurrt wurde, den Mund zu halten, denn sie habe keine Ahnung von einer Krankheit, die einem die Eingeweide zerreißt.

»Allmächtiger Gott, erbarme dich ihrer, vergib ihnen ihre Sünden und führe sie zum ewigen Leben.«

»Amen.«

Nanni fasst sich in die Tasche und streicht mit dem Zeigefinger über den abgewetzten Rand zweier Bilder, die er kurz bevor er aus dem Haus ging noch schnell aus dem Portemonnaie gefischt hat, damit er sie jedes Mal berühren kann, wenn ihm danach ist. Eines ist ein Heiligenbildchen der Madonna del Ghisallo, der Schutzheiligen der Radfahrer. Das andere ist ein Sammelbild von Coppi von vor einem halben Jahrhundert.

Er war sechs Jahre alt, als Zaro ihm sein erstes Radsport-Sammelalbum schenkte. Auf dem Umschlag war eine Zeichnung, die eine Schotterstraße mit zwei Rennfahrern zeigte: der vordere war Coppi mit angespannten Gesichtszügen und schmalen Fesseln, dem gelben Trikot und der leeren Wasserflasche in der Linken; hinter ihm Bartali mit dem grünen Trikot, den stählernen Oberschenkeln; in der rechten Hand eine volle Wasserflasche, die er dem anderen hinhielt.

Es stellte die Szene direkt vor der berühmten Übergabe der Wasserflasche dar. Die, wie Zaro gern betonte, keine Wasserflasche, sondern eine normale Flasche war. Das ist die Bartali-Version der Fakten, ein Postulat, die Skizze einer These in Pastelltönen. Gino gab die Flasche weiter, Gino hatte Nieren wie ein Kamel, ein halber ­Liter Wasser reichte ihm für dreihundert Kilometer, und seine zwei Wasserflaschen trank er nie aus. Coppi hingegen hatte einen anderen Metabolismus, er litt unter der Anstrengung und unter Durst, er brauchte viel Wasser. Das erklärte Zaro dem kleinen Nanni und zeigte erst auf die leere Wasserflasche in Coppis Hand und dann auf das Auto, das im Hintergrund am Ende der Straße gezeichnet war: »Das bin ich«, prahlte er und zeigte auf einen der Passagiere in dem Besenwagen.

Nanni ist mit dieser Szene aufgewachsen. Er betrachtete sie, wie er es mit dem Rest der Welt hielt, schweigend. Als Zaro ihm das Sammelalbum mit diesem Umschlag gab, hatte Bartali seit sechs Jahren mit dem ­Rad­sport aufgehört und Coppi war seit ein paar Monaten tot. Die Radrennfahrer folgten einander zwölf Seiten lang in alpha­betischer Reihenfolge, alle bis auf Coppi, dem die letzten acht Bildchen gewidmet waren. Nanni verliebte sich in ihn. Etwas an der schmerzverzerrten Grimasse, den großen Augen, berührte ihn tief in seinem Inneren. Das war etwas ganz Eigenes, vielleicht ein Erbe seiner Mutter, etwas Zartes, das Zaro vollkommen fremd war und das Nanni in sich aufsteigen fühlte wie eine Ölblase in Wasser. Er war ein Landsmann von Bartali, geboren am Tag seines letzten Rennens, Sohn eines Vaters, der zu dessen Sieg bei der Tour de France von 1948 beigetragen hatte; bei Coppis Tod wurde er heimlich zu einem seiner Anhänger.

Mit der Zeit fand er heraus, dass die berühmte Flaschenübergabe in Wirklichkeit ’52 auf dem Galibier stattgefunden hatte, und dass Zaro weder in dem Auto auf besagtem Foto war noch in irgendeinem anderen; er war einfach nicht dabei und Schluss. Er begann, seinen Vater mit anderen Augen zu sehen. Er begann, ihn zu sehen.

In der weihrauchgeschwängerten Kirche packt er das Foto mit zwei Fingern, zieht es aus der Hosentasche und wirft, bevor er es in die Brusttasche seines Hemdes steckt, über dem Herzen, noch schnell einen Blick darauf. Coppis Gesicht ist ausgezehrt, zwischen den Augen verläuft eine Falte und der Blick ist konzentriert wie bei jemandem, der es eilig hat, alles zu gewinnen. Nanni ist dieses Gesicht seit jeher vertrauter als das seines Vaters, jetzt mehr denn je. Gestern in der Aussegnungshalle hat er Zaro nicht erkannt. Der Tod ist über sein Gesicht gefegt und hat alles mitgenommen, die achtzig Jahre lang eingeschnitzten Züge und die, die sich erst während der langen Krankheit gebildet haben. Zaro ist ein leerer Sack, der mit Erinnerungen gefüllt werden muss, mit denen man es aushalten kann.

»Erhöre, Herr, die Gebete deiner Kirche für unseren Bruder Zaro: der wahre Glaube führte ihn in die Gemeinschaft der Gläubigen, lass deine Barmherzigkeit ihn der Gemeinschaft der Heiligen zuführen in den Gefilden von Licht und Frieden.«

Nanni denkt an den ersten Tag, an dem Isabelle ihm bis nach Hause folgte. Sie war seit ein paar Wochen da und lief immer barfuß, nur mit einem Unterrock ihrer Mutter bekleidet, über die Felder, die Schultern von der Sommersonne verbrannt. Als er an jenem Tag an der Ema entlangradelte, sah er, wie sie hinter ihm her lief bis zur Ridi-Gasse. Dort lehnte er das Fahrrad an die Hauswand und ging hinein, wobei er die Haustür offen ließ, so wie er sie vorgefunden hatte. Elvira hängte gerade ­Zaros Arbeitskleidung auf die Leine im Hof. Isa huschte hinter ihm über die Schwelle wie eine Katze. Nanni tat, als würde er sie nicht sehen, trank ein Glas Wasser aus dem Hahn, wobei er die träge auf dem Waschbecken sitzenden Fliegen verscheuchte, er schnappte sich drei, vier von Elvira gebackene Mandelkekse aus dem Glas und ging in sein Zimmer, wobei er wieder die Tür offen ließ. Er holte eine Blechschachtel hervor, stellte sie aufs Bett neben die Kekse und öffnete sie wie einen Schrein. Sie enthielt jede Menge Kronkorken: Bier, Chinotto, Limonade. Nanni sammelte sie und bastelte daraus Rennfahrer. Die Kronkorken der Schwächeren füllte er mit Wachs oder Gips, damit sie schwerer wurden und langsamer glitten; für die Sprinter und Ausreißer verwendete er Kork, damit sie leichter waren. Dann klebte er ein Foto eines Rennfahrers drauf, das er aus der Sport illustrato ausgeschnitten hatte. Neben Coppi und Bartali in verschiedenen Trikots hatte er auch alle anderen großen: Bobet, Anquetil, ­Magni, Nencini, Robic, Kübler, Van Steenbergen. Mit den Jahren würde seine Sammlung auf 417 Fahrer anwachsen, mit einem Radsportstadion aus Holz und ­Papier, das die Leute aus dem Dorf besichtigen kamen wie die Krippe in der Kirche. Aber vorerst waren die Kronkorken noch ein paar Dutzend und Nanni verbrachte seine Zeit damit, die Straßen danach abzusuchen und sie für die Rennen zu präparieren.

An jenem Tag tat er so, als bemerkte er Isabelle hinter sich nicht, und während er die Kekse knabberte, schob er eine Handvoll Sportler auf den Fliesen hin und her. Als alles bereit war für ein Rennen und Nanni sich bückte, um den ersten Fahrer zu bewegen, machte Isabelle einen Schritt nach vorn bis zur Startlinie, und jetzt konnte er sie nicht mehr ignorieren. Sein Blick strich über die staubigen Beine und den ausgefransten Saum des Unterrocks, und sie streckte ihm die Faust unter die Nase, in der sie etwas hielt. Als sie die Faust öffnete, waren darin drei ganz gewöhnliche Peroni-Kronkorken, ziemlich verbogen und vermutlich unbrauchbar. Aber Nanni verstand, dass sie ein Geschenk waren, ein Freundschaftsangebot, und nahm sie.

Er beugte sich wieder zu seinen Fahrern hinunter, direkt neben den schmutzigen Füßen, die sich nicht vom Fleck rührten. Nach ein paar Zügen hatte er das Gefühl, die Geste erwidern zu müssen, und sagte:

»Jetzt bist du dran.«

Sie strahlte. Blitzschnell nahm sie sich das letzte Cantuccino, das auf dem Bett lag, und steckte es in den Mund.

Nanni lächelte.

»Ich meinte, mit den Korken«, sagte er und schnippte mit Daumen und Zeigefinger. »Schubs einen an.«

Hinter ihnen hörten sie Zaros Gelächter, der sie jenseits der Schwelle belauscht hatte.

»Die dumme Gans«, rief er. »Die hat doch glatt den Keks gemeint.«

Isa rannte fort. Nanni räumte die Korken auf. Zaro schlug sich immer noch auf die Schenkel und lachte wie ein Idiot. Lachte ein Kind aus, das seine Sprache nicht verstand.

»Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten, Herr, wer könnte bestehen?«

Nanni fährt mit dem Zeigefinger über die Hemd­tasche.

Die Kellnerin mit der grünen Schürze räumt den leeren Cappuccino-Becher ab und fragt, ob ich noch etwas trinken will. Unsanft lande ich wieder in meiner Pariser Gegenwart. Ich bestelle einen Kaffee, damit ein weiterer Styroporbehälter mein Anrecht, hier zu verweilen, dokumentiert. Mir gefällt es hier. Es ist ein guter Ort, um das zu tun, was ich vorhabe, ein Ort, der mich an nichts erinnert. Ich versinke in einem Sessel aus blauem Samt und betrachte eine unpersönliche Aussicht. Ein elfenbeinfarbener Bau wie tausend andere, Ladenketten, umweltkranke Bäume. Die Tische auf den Trottoirs sind leer, es ist zu kalt, um draußen zu sitzen. Der Verkehrslärm untermalt das Ganze ohne Unterlass, das Quietschen des Müllwagens ist eine hohe Note darin, die nicht weiter auffällt. Mein Blick fällt auf eine Vespa, die in der Nähe geparkt ist, und ich denke wieder an die Toskana. Elf Uhr dreißig, gleich wird die Messe zu Ende sein. Zaro wird als guter Christ in Erinnerung bleiben. Mach dir nichts draus, Giovanni. Es ist nicht wichtig.

Bei Lenas Beerdigung hatte ich versucht, mir vorzustellen, wie sie wohl vor mir war. Dieses Gedankenspiel war mir zur Gewohnheit geworden. Ich wollte so die ­Stücke einer Vergangenheit zusammensetzen, die ich nicht kannte, den Zorn verdünnen. Ich dachte dann an sie, als wäre sie nicht meine Mutter gewesen, sondern einfach Lena. Knappe fünfzehn Jahre geprägt von Wind und Armut, zwei ältere Brüder, der Vater Fischer. Die Liturgie der Tage zwischen den Häusern aus Stein und Kalk der Rue Levavasseur und der Rue Edouard VII, kein Hinweis auf eine Zukunft, die dein Leben umstülpt wie einen Socken. Heimlich die Flecken in den ungemachten Betten im Hotel du Casino beschnuppern, den Bruder Baptiste beobachten, wie er sich in einer schattigen Laube der Promenade du Clair du Lune mit einem Mädchen amüsiert, sich morgens zwischen den Laken zu berühren, begleitet von den Schreien der Möwen; abends zu beichten vor einem Kruzifix aus buntem Glas, ins Ohr eines hospitalgrünen Christus, eines kranken Christus, der keine Kraft hat, zu vergeben oder zu strafen.

Das Warten auf einen Mann, der ihr die Lust, sich selbst zu berühren nimmt, und das nicht zugeben wollen, ja nicht einmal zu denken wagen. Lena war schön, an ­jenem Abend. Ihr war heiß, weil sie so eifrig zwischen den Tischen herumlief, um Gäste zu bedienen, die vielleicht ein gutes Trinkgeld geben würden. Ihre Wangen waren gerötet von den Blicken dieser Männer, die am nächsten Tag westwärts weiterreisen würden, doch die jetzt hier waren und sie wahrnahmen, ihren jungen, lebendigen Körper, der durch die Luft wirbelte und einen Platz in der Welt beanspruchte.