Wir sind Uni - Robert Lucius Groh - E-Book

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Robert Lucius Groh

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Beschreibung

In diesem literarischen Bericht nimmt der Ich-Erzähler und mit ihm der Leser die Rolle eines ironisch-sarkastischen Zeitzeugen ein, der in ein geradezu unwirkliches Schauspiel hineingezogen wird, welches an einer kleinen Universität aufgeführt wird. Einige Jungdynamiker aus der McKinsey-Denkschule übernehmen fast unbemerkt die Macht auf dem Campus und entfachen ein Reform- und Projektfeuerwerk wie es die Region, die Bundesrepublik noch nicht erlebt hat. Flankiert durch Marketingmaßnahmen beispiellosen Ausmaßes demonstrieren sie der staunenden Mitwelt, wie eine "Universität neuen Typs" erschaffen wird, ein Ort, an dem der heillose Gott der Effizienz seine Heimstatt findet. Die angebliche Alternativlosigkeit ihres Handelns kommt einer Selbstermächtigung gleich, die den undurchsichtigen Umgang mit EU-Förder¬mitteln, Bauprojekten und Finanzierungsmodellen zu einem äußerst fragwürdigen Projektmanagement werden lässt. "Wir sind Uni" musste geschrieben werden, gerade auch deshalb, weil die Bildungspolitik seit Jahrzehnten zu einem Spielball von Landes- und Bundespolitikern geworden ist, die solche Exzesse, wie die hier beschriebenen, erst möglich machen: zum großen Leidwesen der Mitarbeiter, Lernenden, Lehrenden und Forschenden! Denn bei allen Bachelor- und sonstigen sich weiterhin an-schließenden Reformen werden fundamentale Fragen erst gar nicht gestellt: Was bedeutet Bildung heute? Was für ein Menschenbild soll eigentlich gefördert werden? Wie ist es mit der Einheit von Lehre und Forschung bestellt? Und: Was soll aus unseren Universitäten werden?

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Seitenzahl: 240

Veröffentlichungsjahr: 2013

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In diesem literarischen Bericht nimmt der Ich-Erzähler und mit ihm der Leser die Rolle eines ironisch-sarkastischen Zeitzeugen ein, der in ein geradezu unwirkliches Schauspiel hineingezogen wird, welches an einer kleinen Universität aufgeführt wird.

Einige Jungdynamiker aus der McKinsey-Denkschule übernehmen fast unbemerkt die Macht auf dem Campus und entfachen ein Reform- und Projektfeuerwerk wie es die Region, die Bundesrepublik noch nicht erlebt hat. Flankiert durch Marketingmaßnahmen beispiellosen Ausmaßes demonstrieren sie der staunenden Mitwelt, wie eine „Universität neuen Typs“ erschaffen wird, ein Ort, an dem der heillose Gott der Effizienz seine Heimstatt findet. Die angebliche Alternativlosigkeit ihres Handelns kommt einer Selbstermächtigung gleich, die den undurchsichtigen Umgang mit EU-Fördermitteln, Bauprojekten und Finanzierungsmodellen zu einem äußerst fragwürdigen Projektmanagement werden lässt.

„Wir sind Uni“ musste geschrieben werden, gerade auch deshalb, weil die Bildungspolitik seit Jahrzehnten zu einem Spielball von Landes- und Bundespolitikern geworden ist, die solche Exzesse, wie die hier beschriebenen, erst möglich machen: zum großen Leidwesen der Mitarbeiter, Lernenden, Lehrenden und Forschenden!

Denn bei allen Bachelor- und sonstigen sich weiterhin anschließenden Reformen werden fundamentale Fragen erst gar nicht gestellt: Was bedeutet Bildung heute? Was für ein Menschenbild soll eigentlich gefördert werden? Wie ist es mit der Einheit von Lehre und Forschung bestellt? Und: Was soll aus unseren Universitäten werden?

Der Autor studierte Philosophie und Geschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Personen

[Prof.] Dr. Retho Wachs: Universitätspräsident

Magnus First: Kanzler der Universität

Bernd Gries: Präsidialassistent

Ricarda Milch: Präsidialsekretärin

David Libkovitz: Star-Architekt

Klaus Kessel: Architekt

Susie Quer: Projektbeauftragte Bau

Siegfried Seif: Erster Leiter Universitätsmarketing

Heike Schnell, Karl Feist, Bernd Ließ: Leiter Universitätsmarkting

Dr. Wermuth: Kulturwissenschaftler

Heinrich Zuseldorff: Pressesprecher

Britta Muthesius: Referentin Universitätsmarketing

Gesine Grün: Referentin Veranstaltungsorganisation

Kurt Klar: Projektbeauftragter Innovations-Inhalator

Knut Hansen: Mitarbeiter Innovations-Inhalator

Benjamin Seif: Texter, Bruder von Siegfried Seif

Schauplatz ist eine kleine Universität irgendwo in Deutschland.

Robert Lucius Groh

Wir sind Uni

Eine bildungspolitische Provinzposse

Und Humboldt kam nicht über die Elbe

www.tredition.de

© 2013 Robert Lucius Groh

Umschlaggestaltung: Kareen Klug

Lektorat, Korrektorat: Robert Lucius Groh

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-7053-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Introitus

Erster Besuch auf dem flachen Land

Mit Britta Muthesius im Café

Bei Retho Wachs im Haus

Projekte & Parallelaktionen

Die Universität spricht – Gries weiß Bescheid!

Sommer-Sportfest-Volleyball

Der Zentralbau – Wie Projekte angefasst werden

Dr. Wermuth – Bildungsdämmerung

Libkovitz & First – das Dreamteam

Der Coup – Besuch von höchster Stelle

Im Zug – Ausblick und Einblick

Magnus First – Vertrauensvolle Zusammenarbeit

Innovations-Inhalator

Das Verwaltungsgetriebe

Akademischer Kapitalismus vs. Bildung

Leitungsfunktionen – Büroperformanz

Dies Academicus – Das Wesen der Rangliste

Wissensfabrik ante portas!

Der Fünfjahresbericht – Das Parallelprojekt

Performance Management – Bernd Gries am Ziel!

Eine Reform ist eine Reform ist eine Reform

Vertrauliche Personalsache

Introitus

„Man beruft eben tüchtige Männer und lässt das Ganze sich allmählich ankandieren.“

Wilhelm von Humboldt zur Universitätsgründung in Berlin 1809

„Le mieux est l’ennemi du bien.“

(Das Beste ist Feind des Guten.)

Voltaire

„Wieso, warum, weshalb“ – wie es so schön einleitend in einer Erzählung von Eckhard Henscheid heißt -, ich tatsächlich dort auflief, ja anheuerte, selbst im Rückblick fällt es mir schwer, gute Gründe anzuführen. Vielleicht muss das Ganze als ein Missverständnis größeren Ausmaßes angesehen werden. Ausgangspunkt, mich an ausgerechnet dieser Universität hochschulpolitisch zu engagieren, war allerdings zweifelsfrei die alte Freundschaft zu dem damaligen Vorsitzenden der Studentenschaft einer ausländischen aufstrebenden Junguniversität und dem jetzigen Jungpräsidenten einer eher unbekannten Universität auf dem flachen Lande [Prof.] Dr. Retho Wachs. Eigentlich auch irgendwie Professor, aber bis dato eben nicht anerkannt wirklich. So wie die ganze Institution, der etwas Unwirkliches, Ephemeres, Deplatziertes anhaftete, die einem bundesrepublikanischen Hochschulentwicklungsprozess ausgesetzt wurde, der einem Säurebad glich. Aber den Ereignissen soll nicht zu weit vorgegriffen werden.

Genauer gesagt fing alles mit einem Handy-Telefonat und einer E-Mail an, wie das heutzutage so Usus ist, woraufhin Retho Wachs seinen Emissär Siegfried Seif in Bewegung setzte, in die Hauptstadt schickte mit einem Rekrutierungs- und Gewinnungsauftrag. Allein schon die Anbahnung des Gesprächs hatte allerdings einen gewissen konspirativen Touch und erinnerte entfernt an die Beschreibungen in Hilbigs „Ich“ und dem Statement seines Führungsoffiziers: „Die meisten guten Gedanken kommen vom Gegner, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

Das Treffen fand schließlich im Lichte der Kulturöffentlichkeit statt, in den Räumlichkeiten der Akademie der Künste, Dependance Hanseatenweg. Die Tische und Stühle waren noch hinter Glas, denn die wärmende Kraft der Sonne ließ bislang sehr zu wünschen übrig. Der Obstkuchen war noch außer Saison. Siegfried Seif wartete schon vor einem Espresso sitzend, gesammelt und auf den Punkt konzentriert. Buchstäblich mit Händen zu greifen schien die manipulative Kraft meines Gegenübers zu sein. Ein Eindruck der sich später bestätigte. Denn er war ausgestattet mit einer denkwürdigen Doppelbödigkeit sowohl der Persönlichkeit wie des Gesagten: ganz erstaunlich! Steht er mit seinen vielschichtigen Qualitäten gar für die Institution?

Ein recht massiger Körper in Kassenwartanmutung, fein kariertes Lehrerjacket, kurze braune Haare, wache Augen und ein Ego von offenbar größerem Ausmaß, das sich zu diesem Zeitpunkt vor allem rhetorisch manifestierte. Seif setzte mich nach einer kurzen, allgemeinen Einleitung über die Art und Weise der Kommunikationsformen und –arten in Kenntnis, die das Präsidium der Universität gegenüber seinen Mitarbeitern aus dem erweiterten Umfeld, den Studenten, dem Ministerium des Landes, den Einwohnern des Städtchens und selbst dem Pressesprecher(!) zu wahren hätte. Letzterer würde permanent alle Möglichkeiten wahrnehmen, gegen das neue Präsidium zu intrigieren. Diese Gemengelage erfordere Geschicklichkeit und Gespür im Umgang mit dem Wie, dem Wo und dem Wann des zu Sagenden, erfordere eine Adressatenorientierung, bei der die Fähigkeit die „Wasserzeichen“ richtig zu lesen, ausschlaggebend wäre.

Mit einer fraglosen Selbstverständlichkeit fuhr er dann fort, so als wäre mein Engagement schon längst abgemachte Sache: „Deshalb habe ich Dir auch gleich Lektüre in Form von Pressemitteilungen und Artikeln der letzten anderthalb Jahre mitgebracht, also gewissermaßen aus den Jahren 01 und 02 nach der Neuausrichtung (n.d.N.), damit Du Dir einen unmittelbaren Eindruck über die Wahrnehmung der Reformbemühungen in der erweiterten Öffentlichkeit verschaffen kannst, vor Ort wie ‚abroad‘.“

Seif begeisterte sich erkennbar für fremdsprachige Einsprengsel vor allem englischer Provenienz, ein möglicherweise antiprovinzieller Reflex auf seine ostdeutsche Restjugend, die er in Schwerin verlebte, und seine eigentlich höheren Aufgaben, zu denen nun und in erster Linie die „Neuausrichtung“ der Universität auf dem flachen Lande gehörte. Eine Operation gewissermaßen am lebenden Patienten, bei der einige Wurmfortsätze und etliches andere entfernt werden müssten. Da könne man nicht so sehr auf Wohlwollen setzen, wenn die „Wahrheit“ gegen alle Anfeindungen durchgesetzt werden müsse, das Richtige erfordere eben auch „Schild und Schwert“ der Wohlgesinnten, der Eumeniden. Sie seien augenblicklich dabei, natürlich nur im „inner circle“, versteht sich, ein Kommunikationskonzept zu entwerfen, eine Strategie im Rahmen des Brand-New-Konzeptes des Universitätsmarketings. „Genau hierfür brauchen wir“, so Seif weiter, „ganz helle Köpfe, mit viel Erfahrung, die schreiben können und wirklich flexibel sind“.

Spätestens bei der Anforderung „wirklich flexibel“ hätte mein Frühwarnsystem anspringen müssen, sich melden müssen, mich gemahnen müssen an die Rede vom „flexiblen Menschen“, so wie ihn Richard Sennett schon früh beschrieben hat, aber weit gefehlt. In der Nachbetrachtung muss auch festgestellt werden, dass mir Begriffe beziehungsweise Wortungetüme wie „Alleinstellungsmerkmal“ als Beschreibung für die wesentliche „Qualität“ der Institution Universität doch hätten negativ auffallen müssen. Ebenso wie der mehrfache Verweis auf das Konzept des sogenannten lebenslangen Lernens. In Seifs Diktion als „Life Long Learning“ (LLL) daherkommend, hörte es sich zwar weltläufiger an, klang aber noch immer gefährlich nach dem höheren ökonomischen Auftrag lebenslänglicher selbstbezahlter Umschulung für potentiell abhängig Beschäftigte. Stutzig machen musste insbesondere, dass dieses Konzept ein neues Element, Ausdruck gar der sogenannten Wissensgesellschaft sein solle.

Überhaupt die Wissensgesellschaft! Bei diesem Thema kam Seif nun endgültig ins Fabulieren. Sie hätte die Industriegesellschaft inzwischen ein für allemal abgelöst. Jetzt ginge es um nichts Geringeres, als den richtigen Weg für die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu bestimmen. Der größte Player in diesem Zusammenhang sei naturgemäß die Universität. Die überfällige Reform der Universitäten, ihre Internationalisierung sowie die Erhöhung der Akademikerquote stünden auf der Zukunftsagenda, nicht nur der Politik, ganz oben. Und wer, wenn nicht Präsident Retho Wachs, sei prädestiniert hier wirklich Großes zu leisten. Vor allem würde er es verstehen, über den Tellerrand rein akademischer Befindlichkeiten hinaus zu schauen. Schließlich könne man ja auch von den Theorien des „New Management“ oder besser „New Publik Management“ gehörig profitieren, nur dürfe das leider noch nicht so laut gesagt werden. Aber worin liege denn der vermeintliche Unterschied zwischen der Führung eines Unternehmens und der Leitung einer Universität? Komme es nicht immer auf das Verhältnis von Input und Output an?

Je verstiegener die Ausführungen Seifs zu einer „modernen“ Hochschulpolitik und einer neu zu entwickelnden „Kommunikationsstrategie“ gerieten, desto neugieriger, ja paradoxerweise, offener wurde ich. Selbst als Seif seinen eigenen Bezugspunkt offenlegte, seine Beziehung zu, ja seine – wie sich herausstellte – unendliche Bewunderung für Magnus First, höchstselbst neuer Kanzler der Institution (und scheinbar extrem begabte Persönlichkeit und dies ebenfalls in schon reichlich jungen Jahren), war ich leicht verwundert, doch vom offensichtlich atypischen her, eher angezogen als abgestoßen. Als Seif schließlich sehr routiniert und lässig das neue Studienmodell der Universität wie einen Neuwagen der Luxusklasse, mit Nachhaltigkeit und den allerneuesten Ideen betrieben, pries, und dabei betont lässig die Stichworte „Startwoche“ und „Bildung im Sinne von Wilhelm von Humboldt“ fallen ließ, hatte ich innerlich schon meine persönliche Konsequenz aus der sehr widersprüchlichen Informationslage gezogen.

Gerade das sich schon vorzeitig abzeichnende Anmaßende, ja Haltlose machte mich unendlich neugierig auf eine womöglich ganz andere öffentliche Verwaltung, respektive Universitätsverwaltung, als sich das nach aller Erfahrung normalerweise verhält: schrittweise, abgewogen, gemessen und recht ideologiefrei.

Wobei allerdings in der bundesrepublikanischen Bildungspolitik ja schon seit dem denkwürdigen Jahr 1999 mit der „Bologna-Erklärung“ und den folgenden Reformen ein ganz unglaublicher Aktionismus an den Tag gelegt wurde, der die Verwaltungskader im Bund wie in den Ländern gehörig unter Druck setzte und dessen Auswirkungen gerade auch die kleinen Institutionen in der Provinz betraf.

An diesen Auswirkungen beteiligt, gar unmittelbarer Akteur von formidablen Umsetzungsbeschlüssen oder neuartigen Plänen zu werden, schien auf den ersten Blick einen zunächst einmal kurzfristigen Einsatz in der Kommunikationsabteilung einer Universität auf dem flachen Lande zu rechtfertigen. Was konnte Schlechtes daran sein, das „Gute“ zum Besseren, Besten zu befördern, der Bildungszukunft zugewandt? Doch im Halbschatten meiner persönlichen Bildungs-Erinnerung fiel mir Voltaires Ausspruch „le mieux est l’ennemi du bien“ wieder ein. Das Beste ist tatsächlich Feind des Guten, aber: Wie wird bestimmt, was das Bessere, Beste ist?

Erster Besuch auf dem flachen Land

„Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“

Aristoteles, Metaphysik

Die Zugfahrt raus aufs flache Land, zum Bezugsort einer möglichen Tätigkeit, dauerte von der Hauptstadt aus eine halbe Ewigkeit. Es war, als wäre, wie durch eine zähe Masse Zeit, eine Näherung nur in kleiner werdenden konzentrischen Kreisen möglich. Die Zonenrandgebiete lagen auch weit über das Millennium hinaus, westlich wie östlich, noch immer in ihrem gammeligen, abseitigen Schlummer. Wenn da nicht, in weiter Ferne, das Wasser und der Hafen der großen Stadt zu erahnen wäre, das Tor zur großen Welt, würde die kaum greifbare Trostlosigkeit alles in Stillstand versetzen. So sehen Ziel-Eins-Gebiete der EU-Strukturfördertöpfe aus, dachte ich bei mir, und das immerhin mitten in Deutschland. In Brandenburg war das damals zur Wendezeit ganz ähnlich … Allmählich näherte ich mich meinem Ziel.

Die Themen „Bildungsbegriff“ und Bildungspolitik hatten mich schon während des Geschichtsstudiums unter anderem in Gestalt der Gründung der Universität Berlin durch Wilhelm von Humboldt in Beschlag genommen. Warum nicht einmal in der Jetztzeit mitgestalten, in und für die Öffentlichkeit wirken?

Was damals unter der Ägide König Friedrich Wilhelms III. in Preußen durch die „Reformbürokraten“ geleistet wurde, war nichts weniger als die Reform von Regierung und Verwaltung und die Bildungsreform mit der Universitätsgründung ein Teil dieser Anstrengungen. Aber schon 1810 kam Humboldt bei seinen Bemühungen hervorragende Professoren zu gewinnen zu dem Schluss, dass Gelehrte zu dirigieren nicht viel besser sei, als eine „Kommödiantentruppe“ unter sich zu haben, wie er sich ausdrückte. Allerdings konnte der Begriff „Reform“ damals noch mit dem Willen zusammengebracht werden, wesentliche Modernisierungen für den Staat und die Gesellschaft herbeizuführen.

Die zeitgenössische Fassung von „Bildungs-Reform“ bedeutet hingegen, wesentliche Einsparungen bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung durchzusetzen, wird demnach rein betriebswirtschaftlich, mit dem Rechenschieber, praktiziert. Die Politik und höhere Ministerialbürokratie, so hat man im Zuge der Umsetzung der „Bologna-Reform“ den Eindruck, geht in ihrem Wissenschaftsverständnis in allererster Linie von Planbarkeit, Standardisierung, kurz von Output aus und nicht von der Freiheit von Forschung und Lehre. Humboldts Grunderkenntnis, dass Einsamkeit und Freiheit die wesentlichen Prinzipien universitärer Bildung sein müssten, wird, bei gleichzeitiger Berufung auf ihn, mit Füßen getreten. Aber auch schon damals gab es Tendenzen bestehende „Kümmeruniversitäten“ aufzulösen und in Fachhochschulen zu verwandeln, oder aus politischen Gründen eine Beschränkung des Zugangs zum Studium, ein Mehr an Reglementierung und eine Straffung der Lehre herbeizuführen.

Das Spannende an der Entwicklung der Universität auf dem flachen Lande war nun, dass hier sowohl die Auswirkungen von Reformbestrebungen im und für das 21. Jahrhundert „studiert“ werden konnten, wie auch die Erfahrungen im Rahmen einer recht einmaligen und zwangsweisen Fusion mit einer Fachhochschule.

Die Pressespiegel der letzten eineinhalb Jahre zu diesen Themen hatte ich mit einigem Erstaunen gründlich zur Kenntnis genommen. Gerade die lokale Presse ging mit dem neuen Präsidium, das sich erst nach vielerlei hin und her überhaupt gebildet hatte, sehr hart ins Gericht. Die Blätter berichteten von einem nachgerade irrwitzigen Tempo, in dem eine Reform mit dem Namen „Neuausrichtung“ in Angriff genommen werde. Ganz so, als hätte die nicht allzu betagte Institution vor Ort jemals in eine Richtung gewiesen und wäre mehr gewesen als eine jener Abschlüsse produzierenden, eher künstlichen Ausbildungskonglomerate, die böse Spötter noch in den achtziger Jahren als „Arbeitslosenverwahranstalten“ bezeichneten.

Baustellen würden an allen Ecken und Enden aufgerissen – ideell und konkret. Die ganze Universität sei zum Spielball auswärtiger Akteure geworden, deren undurchsichtige Machenschaften unter anderem darin gipfelten, die Universität allein mit Marketingmaßnahmen für die Zukunft fit machen zu wollen, genauer: für die „Anforderungen der Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts“. Ohne diese unbescheidenen Anforderungen näher bestimmen zu können, würde die neue Führungsmannschaft alles gleichzeitig, ja geradezu manisch in Angriff nehmen: die Umwandlung der Institution in eine Stiftungsuniversität, Machtkonzentration im Präsidium, neuer Name und ein neues Studienmodell, insbesondere Umbau und Abschaffung einzelner Fächer und zu guter Letzt die Schwächung der Fakultäten.

Überhaupt dieser neue Name! Er klänge, wie die Medizin für eine Krankheit, die erst noch erfunden werden müsse, aber irgendwie im Mentalen angesiedelt wäre. Vielleicht würde es sich auch um eine Medizin gegen den grassierenden Bologna-Virus handeln, der alle Geistesstätten in Deutschland befallen hätte und nun aus der Diaspora, der Provinz heraus endlich Rettung erfahren könne, gewissermaßen mit einem „Schweizer Serum“ aus der Produktion, der Forschungsabteilung von Präsident Dr. Retho Wachs. Eine Art St. Gallener Tamiflu gegen verfehlte bildungspolitische Großansätze, die mit brachialem bürokratischem Eifer in ganz Deutschland massenhaft Verbreitung fänden und sonst zu einem endgültigen Exitus der Wertigkeit von universitären Abschlüssen führen würden. Gar nicht schlecht sei es natürlich, die eigene Apotheke im Haus zu haben, unterstützt gerade auch durch die sehr guten persönlichen Retho Wachs-Verbindungen in die Schweiz. Der große Vorteil davon, das geeignete Gegenmittel selbst zu produzieren, hinge zusammen mit der Umsetzung zweier gänzlich unbescheidener Großprojekte: dem Aus- und Aufbau eines zentralen Campus’ mit einem neuen Zentralgebäude, zu errichten durch einen „Star-Architekten“, und die Akquise von EU-Fördergeldern in ganz erheblichem Ausmaß.

Gänzlich unverständlich waren bei diesen glänzenden Perspektiven die persönlichen Ausfälle emeritierter Professoren gegen insbesondere den neuen Präsidenten und seinen Kanzler, die genüsslich in der lokalen Presse ausgewalzt wurden. Aber nicht nur die Altvorderen gebärdeten sich wild, die ganze Universität, von einzelnen Fakultäten angefangen, über den Mittelbau, bis in große Teile der Studentenschaft hinein war auf Radau gebürstet. Eine höchst undurchsichtige Veranstaltung.

Der Bahnhof der kleinen Stadt machte den Eindruck, als seien die Züge hier sonst eher durchgefahren und müssten heute aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen zumindest anhalten. Er wirkte an diesem Morgen wie an die Peripherie ausgelagert, auswechselbar und eigentümlich gesichtslos. Eine Art betonierte Deutsche Bahn Stehthekenlandschaft, deren stille Absicht wohl darin bestand, den Publikumsverkehr möglichst effektiv durch die allseits herrschende Unwirtlichkeit zu beschleunigen.

Von dem Leiter Universitätsmarketing Siegfried Seif war nicht die Spur zu sehen. Er wollte mich abholen und direkt zum Präsidenten der Universität durchreichen, der ihn ja, wie ich später erfuhr, auf mich, geradezu in der Manier eines Headhunters, angesetzt hatte. Nach einer halben Stunde und drei Handytelefonaten kam Seif schließlich mit seinem älteren, großformatigen Mercedes angerollt und bugsierte mich an der recht beschaulichen Altstadt und an einem Flüsschen vorbei Richtung Universität.

Seif wirkte hier vor Ort, wohin er auch kürzlich mit seiner kleinen Familie gezogen war, etwas dynamischer und chefmäßiger als in der Akademie der Künste bei unserem ersten Gespräch. Ich hatte ihm offenbar, ohne es zu ahnen, mit meiner Ankunft und seinem Versprechen mich abzuholen, ein Filetstück aus seinem Terminplaner geschnitten. Seine dynamische Unruhe übertrug sich auf mich in der Weise, dass ich sowohl einige absonderliche Details seiner Ausführungen im Wagen als auch die Tatsache, mich auf einem ehemaligen Kasernengelände aus der Zeit des Nationalsozialismus wiederzufinden, erst mit wesentlicher zeitlicher Verzögerung registrierte.

Der größte „Standort“ – auch der universitäre Sprachgebrauch blieb dem Militärisch-Martialischen treu – der Universität befand sich auf dem einstigen Gelände eines Panzergrenadierbataillons, dreigeschossige rote Backsteingebäude gleichförmig nach Achsen ausgerichtet, gewissermaßen eine neue Variante von „Schwerter zu Pflugscharen“, einzig mit der nicht unwesentlichen Ungewissheit, ob der sandige Boden auch geistige Früchte zu tragen im Stande wäre. Das ganze Areal, ebenso wie die unmittelbar angrenzende Straße, war sinnigerweise nach dem Begründer der Preußischen Heeresreform benannt. Würde sich dieser erstaunliche „Genius Loci“ auch auf die Bildungs-Reform, die „Neuausrichtung“ der Universität unter der Ägide von Präsident [Prof.] Dr. Retho Wachs und Kanzler Magnus First auswirken?

Ehe ich mich’s versah, befand ich mich schon im innersten Machtzirkel, im Präsidium selbst. Beim Aufstieg in den dritten Stock hatten wir das sechziger Jahre Linolium-Ambiente hurtig hinter uns gelassen. Hier, hinter der doppelflügligen, grauen Stahltür, residierte die „Holzfraktion“, Eiche 3,5 Zentimeter nutenfrei verklebt, deckenhohe Glasschiebetüren für den klaren Durchblick auf bedingungslose, niedere wie höhere Verwaltungskarrieren. Eine Bürolandschaft mit einer eindeutigen, einwandfreien und ambitionierten „capacity to change“, wie mein Begleiter sicher treffend formuliert hätte.

Wie sich herausstellte, hatte der Präsident einen seiner extrem wichtigen Außentermine und war nicht in seiner Räumlichkeit anzutreffen. Auch sein damals einziger und wohl erster Assistent Dipl.-oec. Bernd Gries, wie auch die Präsidialsekretärin Ricarda Milch waren nicht an ihrem Platz. Deshalb schob mich Seif, fast wie abgesprochen, in das gegenüberliegende Zimmer, in eine kleine Gruppe, aus der sich ein kleiner, rundlicher, recht verschwitzter und verschmitzter, leicht Kahlköpfiger löste.

„Willkommen im Bau-Projekt-Team“, stieß er aus und rammte mir seine leicht speckige Hand fast in den Unterbauch, „so jemanden wie Dich haben wir genau jetzt gebraucht. Du wirst uns journalistisch beratend zur Seite stehen, und bis auf weiteres Susie Quer, unsere bisherige Projektbeauftragte, halbwegs ersetzen, die uns für etwa zwei Monate abhanden gekommen ist.“ Er wand sich halb den anderen Anwesenden zu und fügte wie beiläufig an: „Na ja, sie war immer so super engagiert, keinen Termin verpasst und hat jetzt halt einen kleinen Burn-out, das kann immer mal passieren. Der Klaus hier“, und dabei zeigte er auf einen jovial dreinblickenden, schlanken, anzugtragenden und leicht graumelierten Endvierziger, „ist nun unser projektleitender Architekt. Er lässt Dir das wichtigste an Material zukommen.“

Nach dieser kursorischen Inauguration nahm ich also, wie ich später nicht nur zu meiner eigenen Überraschung erfuhr, an meinem ersten Dringlichkeitsmeeting des Bau-Projekt-Teams teil. Den Modus der Plötzlichkeit, dieses spezifische Hineingezogenwerden, sollte ich im weiteren Verlauf noch als typisches, gewissermaßen proaktives Verfahren erleben, wie es an der Universität auf dem flachen Lande praktiziert wurde.

Das also war Magnus First, der Kanzler und umtriebige Oberspielleiter der hiesigen Veranstaltung, der, und nun fiel mir wieder ein, was Seif im Auto zum Besten gegeben hatte, zusammen mit Retho Wachs an die kleine Universität gekommen war. Es sollte geradezu eine der Bedingungen für Wachsens Engagement hier gewesen sein, dass First Verwaltungschef wurde, trotz nichtvorhandener Erfahrung auf diesem Gebiet, aber mit einer gigantischen Entscheidungsfreude, vielen Beziehungen und einigem mehr ausgestattet. Seif erwähnte Firsts langjährigen, mehr oder weniger erfolgreichen Einsatz für McKinsey, was ihm natürlich große Vorbehalte an der hiesigen Universität einbrachte, wie auch seine innige Freundschaft mit dem international bekannten Star-Architekten David Libkovitz, der prompt eine Gastprofessur erhielt, um nichts weniger als eine komplette Neubeplanung des zentralen Campus zu entwickeln. Seif wirkte dabei schelmisch erheitert und sagte noch, wenn ich mich recht erinnere: „Und da siehst Du, wie man innerhalb eines Jahres selbst in der elenden Provinz etwas bewegen kann. Bevor die hier mitkriegen was wir vorhaben, sind wir schon durch.“ Diese Bemerkung kam so unvermittelt und im ersten Moment so ohne Sinn daher, dass ich augenblicklich nicht auf die Idee kam nachzuhaken.

Ich firmierte hier für First als „Journalist, der schreiben kann“ und war im Handumdrehen von ihm gekapert worden, ganz zum gespielten Leidwesen von Seif, der aus der Bewunderung für First wahrlich keinen Hehl machte. Wachs wurde erst gar nicht gefragt, obwohl ich mit ihm in einem telefonischen Vorgespräch übereingekommen war, mich erst einmal auf die interne Kommunikation zu konzentrieren, um dann den Bereich „Universitätsmarketing“ zu verstärken und damit eigentlich erst in den engeren oder weiteren Zuständigkeitsbereich Seifs zu rücken. Wie sich das mit den Macht- und Kräfteverhältnissen verhielt, war mir noch gänzlich unklar.

Kanzler Magnus First hatte schon im Vorfeld über seine zweite, die persönliche Sekretärin, mit mir Kontakt aufzunehmen versucht. Er arbeitete ja vornehmlich von der Hauptstadt aus für die Universität auf dem flachen Lande. Von daher bestand an und für sich eine gewisse räumliche Nähe zwischen uns. Es stellte sich aber, obwohl er ja eigentlich keinen Schlaf brauchte, als ungeheuer schwierig heraus, in seinem Terminkalender irgendeine Berücksichtigung zu finden. Die persönliche Sekretärin schlug mir ein Treffen an einem Samstag auf dem Flughafen Tegel vor, morgens so zwischen 7 Uhr und 7 Uhr 30 in der Lobby. Das sei, wie sie mir beschied, für die nächsten drei Wochen der einzig mögliche Termin. Oder, so fuhr sie fort, vielleicht hätte ich ja auch die Gelegenheit, ihn mal im Zug Richtung Universität zu treffen. Etwas Glück müsste dann natürlich schon noch dazukommen. Ich erklärte ihr kurz und bündig, ich wolle erst einmal auf dem Boden bleiben und auf mein Glück hoffen, gegebenenfalls auf ein Gespräch zwischen Tür und Angel. Ich nahm nun an, dass First mich bei dem nicht stattgefundenen Termin über seine Pläne meine Verwendung betreffend, unterrichten wollte. Aber zu diesem Zeitpunkt meines Engagements war ich einfach noch nicht über die Gepflogenheiten und Maßstäbe der Hauptakteure der Universitätsverwaltung im Bilde.

Wie aber konnte First wissen, in meiner Person jemanden zu haben, der vor allem an Bewegung, an neuen Inhalten und Gegenständen interessiert war? Jemanden der einen sportlichen Ehrgeiz dafür entwickeln konnte, sich in recht kurzer Zeit in unterschiedlichste Materien hineinzuarbeiten. Konnte er nicht! Umgekehrt machte er mich allerdings zu einem stutzigen, zeitweisen Komplizen seiner weitverzweigten, umtriebigen Aktivitäten. Aber noch war ich nicht vollständig einbezogen. Der eigentliche, persönliche Test ohne Ansage sollte erst noch folgen.

Architekt Klaus Kessel versah mich nach unserem kurzen Meeting mit seiner Telefonnummer und dem fast schon drohenden Versprechen, mich ganz schnell mit dem Material zu beglücken, und es müssten auch noch schnell ein paar Briefe „raus“, an den Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und den Bürgermeister, da solle ich dann auch noch mal eben drauf schauen.

Präsident Dr. Retho Wachs sollte ich bei meinem ersten Kurzaufenthalt an der Ausbildungsstätte für alle Akteure bei den zukünftigen Aufgaben der Zivilgesellschaft nicht mehr antreffen, er war auf einer seiner ausladenden Werbetouren in Sachen innovativstes Studienmodell, Strukturreform und alternativlose Abkehr von der Massenuniversität.

Siegfried Seif hatte sich mittlerweile anderweitig abgesetzt, ließ mir aber noch ausrichten, wie schade er es fände, dass First mich gleich für sich vereinnahmt und in das Bau-Projekt-Team reingeholt hätte, aber das sei doch ein super Start. Per E-Mail kam am späteren Abend von ihm die Nachricht herein, meine Präsenz sei zweiwöchentlich für zumindest zwei Tage vor Ort erwünscht, ansonsten konnte ich ja sehr gut von Zuhause aus arbeiten. So ähnlich hielte das auch seine Mitarbeiterin Britta Muthesius, die ich unbedingt und baldmöglichst treffen sollte, wir könnten ja auch ein gemeinsames Büro in der Hauptstadt aufmachen. Das wäre für ihn persönlich sehr gut vorstellbar. Auf jeden Fall würde er denken, dass das „alles“ sehr gut passe, vor allem könne mich seine Britta auch noch weiter in die Feinheiten und „Wasserzeichen“ der Denk- und Schreibtechniken des Universitätsmarketings einweisen, auch wenn Magnus First mich erst einmal unter seine Fittiche genommen hätte.

Ja, so oder so ähnlich, drückte er sich aus. Ich für meinen Teil war erst einmal davon verwirrt, dass ein gemeinhin als stahlhartes Gehäuse deklariertes Verwaltungsgefüge einer öffentlichen Institution sich als solchermaßen durchlässig und unsystematisch fluide präsentierte; und ich war erstaunt über die quirlige Unmittelbarkeit, in der Fachfremde zu Teammitgliedern ernannt und in laufende Projekte hineingezogen wurden. Aber noch stand ich ja ganz am Anfang.

Mit Britta Muthesius im Café

„Business Process Reengineering: It is called ‘Kundenorientierung’, stupid!“

Unknown Author

„A second-by-second joy + gratitude at the gift of being alive, conscious.“

David Foster Wallace “The Pale King”

Britta Muthesius saß bereits verabredungsgemäß in dem netten Café in den Sophienhöfen Berlin Mitte, als ich mein Fahrrad am Geländer fixierte. Sie hatte sich als klein und blond beschrieben, doch meine Befürchtung, womöglich wildfremden Frauen peinliche Fragen stellen zu müssen, verflüchtigte sich, als ich durch den Hof fuhr. Die Zeit unserer Verabredung war so dynamisch früh gewählt, dass ich ihr schon von draußen zuwinken konnte. Siegfried Seif, Leiter Universitätsmarketing, die alte Plaudertasche, hatte mich bei unserem letzten Treffen vor Ort wieder mit Hintergrundmaterial versorgt, aber wie immer sehr selektiv. „Studienstiftung“ und „super einsetzbar“ waren neben „ihr gebt sicher ein gutes und schlagkräftiges Team ab“, die wesentlichen Stichworte. Es war allerdings wieder dieser merkwürdige Unterton in seinen Aussagen, eine Mischung aus leichter Abfälligkeit und dem Zurückbehalten von Informationen, die trotz des Lobes eine gewisse Distanz erkennen ließen.

Britta trat mir gegenüber gänzlich unbefangen auf. Tatsächlich klein von Wuchs, von studentenhaft naiver Ausstrahlung, körperlich sportlich schlank mit einem schmalen Gesicht. Abgesehen von einem leichten Silberblick eine gänzlich makellose, erfrischende Erscheinung. Wir kamen sofort in ein angenehmes Gespräch über unsere Lebensgeschichten und Interessen. „Auch einen Espresso?“ – „Ja gerne.“ Wir setzen uns ans Fenster. Amerikanische Literatur hatte es ihr angetan, besonders in Gestalt des leider viel zu früh aus dem Leben geschiedenen David Foster Wallace, dessen Hauptwerk „Infinit Jest“ (Unendlicher Spaß), Gegenstand ihrer Magisterarbeit gewesen sei. „Nichts Geringeres als Weltliteratur, das muss aber ein gewaltig anstrengender Aufstieg gewesen sein. Ich für meinen Teil habe ab Anmerkung 180 schlapp gemacht und – ich muss es offen zugeben – auf die gerade erschienene deutsche Übersetzung gewartet.“ Sie schmunzelte. Große Herausforderungen würden ihr liegen, sie sei da mitunter sehr hartnäckig. Das beträfe auch und gerade die Arbeit für diese kleine Universität auf dem flachen Lande, zu der sie eigentlich nur aus reinem Zufall, genauer durch Siegfried Seif gekommen sei, der ihr mit Engelszungen zugeredet, sie zu der Arbeit recht eigentlich verführt hätte. Aber ein Jahr könne schon sehr lang sein oder vielmehr werden. Hinzu käme, für die Kommunikation, das Marketing einer solchen Institution mehr oder weniger alleine zuständig zu sein. Alles andere als gute, fruchtbare Voraussetzungen. Aber wenn ich nun dazukäme, könnten wir gemeinsam wirklich etwas bewegen.

Leicht stutzig geworden, fragte ich sie ganz direkt: „Was macht denn die Arbeit so schwierig?“ Als hätte Sie nur darauf gewartet, brach es aus ihr heraus: „Na, ja, weißt Du, mir hängen mittlerweile diese ewig gleichen Anpreisungstexte kilometerweit aus dem Hals. Alleinstellungsmerkmal hier, Alleinstellungsmerkmal da! Für eine Automarke oder eine Versicherung mag das ja alles noch angehen, aber für eine Universität? Gleichzeitig finde ich es wichtig, dass auf dem Bildungssektor mal wirklich was bewegt, mal wirklich was Neues ausprobiert wird, echt!“ Kurioserweise bot Britta, trotz ihrer unbestrittenen sprachlichen Kompetenzen, noch verbale Einsprengsel von Jugendsprache auf. „Und zu allem tritt das große Problem der Inhalte, der Textfreigabe hinzu, das mittlerweile völlig absurde Züge trägt. Am besten kann ich Dir das am sogenannten „Jahresbericht“ illustrieren, an dem ich fast fünf Monate gesessen habe.“ Und sie machte mit beiden Händen eine Bewegung, als würde sie einen großen Haufen Papier zerknüllen. „Unter wirklich großem Termindruck habe ich fast 150 Seiten Text erstellt, übrigens auch Gegenstand des Werkvertrages, aber das ist noch mal ein