Wir waren die Zukunft - Yael Neeman - E-Book

Wir waren die Zukunft E-Book

Yael Neeman

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Beschreibung

 »Ein wunderbares, tiefgründiges Buch über das Leben im Kibbuz.« Haaretz  Yael Neeman wird 1960 in dem Kibbuz geboren, den ihre aus Ungarn geflohenen Eltern 1946 mitbegründeten. Eine goldene Kindheit, die Hände klebrig von Pinienharz und Feigenmilch. Die Arbeit auf den Feldern, das Herzstück des Kibbuz. Die Kibbuzversammlungen wie ein Stummfilm. Das Gefühl, eine neue Welt aufzubauen. Daran zu scheitern. Der Tag, an dem es zur Trennung kommt. – Yael Neeman erzählt in der ersten Person Plural, denn ihre Geschichte ist zugleich die einer ganzen Generation. »Eine ergreifende Erinnerung an den verlorenen israelischen Idealismus.« Financial Times

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Yael Neeman wird 1960 in dem Kibbuz geboren, den ihre aus Ungarn geflohenen Eltern 1946 mitbegründeten. Eine goldene Kindheit, die Hände klebrig von Pinienharz und Feigenmilch. Die Arbeit auf den Feldern, das Herzstück des Kibbuz. Die Kibbuzversammlungen wie ein Stummfilm. Das Gefühl, eine neue Welt aufzubauen. Daran zu scheitern. Der Tag, an dem es zur Trennung kommt. – Yael Neeman erzählt in der ersten Person Plural, denn ihre Geschichte ist zugleich die einer ganzen Generation. »Eine ergreifende Erinnerung an den verlorenen israelischen Idealismus.« Financial Times

YAEL NEEMAN wurde 1960 im Kibbuz Yechiam geboren und zog mit 21 Jahren nach Tel Aviv, wo sie Literaturwissenschaft studierte und für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Verlage arbeitete. »Wir waren die Zukunft« wurde im Jahr 2011 veröffentlicht, in viele Sprachen übersetzt und ein Bestseller. Es folgten weitere Romane und Kurzgeschichten. Yael Neeman wurde mehrfach für den renommierten Sapir Prize nominiert, den wichtigsten Literaturpreis Israels.

LUCIA ENGELBRECHT ist freie Übersetzerin aus dem Hebräischen. Sie studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Wien sowie der Hebräischen Universität Jerusalem. 2023 wurde sie mit dem Übersetzer:innenpreis der Stadt Wien ausgezeichnet.

Yael Neeman

Wir warendie Zukunft

Leben im Kibbuz

Aus dem Hebräischen von Lucia Engelbrecht

Die Originalausgabe erschien erstmalig 2011 unter dem Titel bei Achuzat Bayit Books, Tel Aviv. Die vorliegende deutsche Ausgabe erscheint als Teil der Verlagskooperation altneuland c/o kanon.

isbn 978-3-98568-190-7

eisbn 978-3-98568-191-4

1. Auflage 2025

© Altneuland Press (Diaspora Hebrew Publishing GmbH), Berlin, 2025

Co-Publishing mit Kanon Verlag Berlin GmbH, Belziger Str. 35, 10823 Berlin

All rights reserved.

[email protected] / www.altneuland-press.com

[email protected]

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor

Umschlaggestaltung: Talia Baer

Herstellung: Daniel Klotz / Die Lettertypen

Satz: heilmeyerundsernaugestaltung

Druck und Bindung: Pustet, Regensburg

Printed in Germany

www.kanon-verlag.de

Inhalt

VORWORT FÜR DIE DEUTSCHE AUSGABE

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

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17

18

DANKE AN AVRI SELA

GLOSSAR FÜR DIE DEUTSCHE AUSGABE

QUELLENANGABEN

Yael Neeman

Wir waren die Zukunft

VORWORT FÜR DIE DEUTSCHE AUSGABE

Wir waren die Zukunft schrieb ich im Verlauf von sieben Jahren, nachdem ich Anfang der 2000er-Jahre als 44-Jährige damit begonnen hatte.

Das Buch entstand aus einem tiefen Bedürfnis, eigene Worte für die besondere Lebens- und Denkweise zu finden, in die ich 1960 im Kibbuz Yechiam hineingeboren und nach der ich aufwuchs und erzogen wurde, bis ich den Kibbuz mit 21 Jahren verließ.

Nur sehr wenige Menschen auf der ganzen Welt haben sich aus freien Stücken entschieden, an einem der weitreichendsten sozialen Experimente der Geschichte teilzunehmen – dem Aufbau einer anderen Welt; einer Welt, die eine neue Auffassung von Familie und Zuhause erforderte. HaSchomer HaZair – die sozialistisch-zionistische Jugendbewegung, der wir im Kibbuz Yechiam angehörten – war diejenige Strömung innerhalb der Kibbuzbewegung, die den Sozialismus am radikalsten auslegte:

In Yechiam, wie in allen anderen Kibbuzim der HaSchomer HaZair, lebten und schliefen die Kinder getrennt von ihren Eltern in eigenen Kinderhäusern. Circa fünfzigtausend Kinder wuchsen auf diese Weise von der Gründung der Kibbuzim des HaSchomer HaZair bis in die 1990er-Jahre auf, als das kollektive Schlafen in Kinderhäusern abgeschafft wurde. Ich war eines von ihnen.

Direkt nach unserer Geburt wurden wir vom Krankenhaus in das Säuglingshaus gebracht, wo die für die Kinder zuständige Arbeiterin, die Metapelet, wartete. Zum Stillen kamen die Mütter gemeinsam und immer zur gleichen Zeit. Eine neben der anderen saßen sie da und stillten. Die synchronisierte Stillzeit sollte sicherstellen, dass es kein Kind gab, das weniger als die anderen bekam. Nicht weniger und auch nicht mehr. Auch zur Bettzeit – zuerst im Säuglingshaus, später im Kinderhaus – kamen die Eltern in Gruppen, für die Viertelstunde, die es ihnen erlaubt war. Nicht alle kamen, denn in den Kinderhäusern eines Kibbuz wurden alle Kinder zur selben Zeit ins Bett gebracht, sodass Eltern mehrerer Kinder nicht bei allen gleichzeitig sein konnten. Außerdem waren viele damit beschäftigt, den Kibbuz aufzubauen oder in Komitees zu sitzen.

Zusammen mit den Kindern anderer Kibbuzbewegungen wuchsen insgesamt rund Hundertfünfzigtausend von uns im Verlauf dieser fünfzig bis siebzig Jahre – je nach Bewegung und ideologischer Ausrichtung – in den Kibbuzim zu Erwachsenen heran.

Hinzu kamen all jene, die die Kibbuzim gegründet hatten: Erwachsene, von denen die meisten die Eltern jener fünfzehntausend Kinder waren, sowie jüngere Mitglieder, die sich uns über Kerngruppen des HaSchomer HaZair und anderen Jugendbewegungen angeschlossen hatten. Manche von ihnen verließen den Kibbuz schnell wieder, andere erst Jahre später; manche von ihnen starben in Kriegen oder verübten Suizid. Der Großteil der Gründergeneration lebt heute nicht mehr.

Kibbuz Yechiam wurde 1946, zwei Jahre vor der Staatsgründung Israels, auf einem kargen, abgelegenen Hügel in einer Gegend mit arabischer Bevölkerungsmehrheit gegründet. Während des Unabhängigkeitskrieges von 1948 befand sich der Kibbuz unter Belagerung. Ein Teil seiner Mitglieder und der Menschen, die es in Versorgungskonvois in die Enklave von Yechiam geschafft hatten, wurden verwundet oder getötet. Meine Eltern sowie die übrigen Gründer und Gründerinnen aus der ungarischen Kerngruppe, die den Kibbuz gemeinsam mit einem israelischen Kern aufgebaut hatten, waren bereits in Ungarn Mitglieder der Bewegung gewesen. Sie waren direkt aus dem Grauen des Zweiten Weltkrieges und der Schoa in die Ausbildungslager des HaSchomer HaZair in Europa und von dort aus in den Kibbuz Yechiam gekommen.

Die Arbeit der Kibbuzmitglieder wurde nicht mit Geld entlohnt. Jeder half nach seinen Fähigkeiten und bekam nach seinen Bedürfnissen. In den ersten Jahren widmeten sich die Erwachsenen mit aller Hingabe dem Aufbau des Kibbuz.

Unser Bildungssystem war anders als das im Rest des Landes. Wir lernten viel draußen, unter freiem Himmel und in der Natur. Wir wuchsen mit den Werten Gleichheit und Verantwortung auf, von materiellen Erfolgsvorstellungen oder Geld wussten wir nichts. Alles wurde kollektiv geteilt. Es gab keine Prüfungen und keine Abschlusszeugnisse.

Ein Kibbuz ist nicht nur ein idyllisches Dorf mit schöner Landschaft, herumlaufenden Hühnern und blühenden Judasbäumen. Er ist ein politisches Unterfangen, und ihn zu verlassen, bedeutet fast so etwas wie Fahnenflucht. In den 1980er-Jahren, zu deren Beginn auch ich den Kibbuz verließ, entschied sich knapp die Hälfte meiner Generation zum Gehen. Zu lernen, wie man in der Stadt lebt, arbeitet und sich verhält, war in vielerlei Hinsicht wie die Auswanderung in ein neues Land.

Als ich dieses Buch Anfang der 2000er in Tel Aviv schrieb, wo ich seit 1981 lebe, befanden sich die Kibbuzim an einem wirtschaftlichen und sozialen Tiefpunkt. Sie alterten, und es wurden nur sehr wenige Kinder geboren. Die Kibbuzniks, und unter ihnen meine Eltern, waren ständigen Angriffen der politischen Rechten in Israel ausgesetzt – sie wurden pauschal als »privilegierte weiße Linke« bezeichnet, trotz ihrer einfachen und fast spartanischen Lebensverhältnisse. Meine Eltern lebten in einer 40 Quadratmeter großen Wohneinheit, in größter Bescheidenheit, nachdem sie ihr ganzes Leben dem Aufbau des Kibbuz gewidmet hatten.

Doch ein Jahrzehnt später, kurz nachdem Wir waren die Zukunft 2011 in Israel veröffentlicht wurde, fand ein Wandel statt. Viele derjenigen, die den Kibbuz verlassen hatten, kehrten zurück. Es wurden neue Häuser gebaut, und vieles in den Kibbuzim unterlief einer Privatisierung. Es wurde zwar weiterhin nach Kibbuzmethoden unterrichtet, diese waren jedoch an das staatliche Bildungssystem angepasst worden. Neben der Kritik an den Kibbuzim gab es immer auch große Wertschätzung, deren Ausmaß sich mir mit dem enormen Erfolg von Wir waren die Zukunft offenbarte.

Nach dem 7. Oktober 2023 lernten viele die Kibbuzim besser kennen. Viele sagten und schrieben, die Kibbuzniks seien aus einem besonderen, seltenen Holz geschnitzt, was ihnen ermögliche, sich den Gräueltaten des Oktobers als Gemeinschaft zu stellen. Schon immer lagen die Kibbuzim Israels nahe an den Grenzen des Landes – so auch im Süden, wo sie direkt an der Grenze zu Gaza liegen. Im Oktober 2023 erlitten die Kibbuzim einen schweren, tödlichen Schlag: Viele ihrer Mitglieder wurden ermordet oder entführt, Häuser wurden niedergebrannt und zerstört, ganze Kibbuzim wurden evakuiert – einige darunter bis heute. Die typischen Steinwege und Plätze der Kibbuzim, auf denen das Massaker stattfand, sind jedem vertraut, der in einem Kibbuz aufgewachsen ist, selbst, wenn es ein ganz anderer war. Wir Kibbuzniks hatten das Gefühl, dass sich unsere persönlichen Erinnerungen mit dem Grauen vermischten, das unsere Geschwister im Süden durchlitten. Doch nicht nur wir ehemalige Kibbuzmitglieder fühlten so, sondern auch viele andere Israelis. Eine Welle der Solidarität erreichte die Kibbuzbewohner und -bewohnerinnen, die am 7. Oktober und auch danach sich selbst überlassen worden waren. Viele von ihnen waren und sind Friedenssuchende, die Beziehungen zu ihren Nachbarn und Nachbarinnen in Gaza gepflegt haben.

Der Krieg, der seit Oktober 2023 wütet, ist eine traurige und komplexe Tragödie, deren Ende sich noch nicht abzeichnet – weder in den Kibbuzim noch in ganz Israel, und auch nicht in Bezug auf die Gräuel, die Israel in Gaza verübt. Ich hoffe sehr, dass die Weltanschauung der Friedenssuchenden die der Kriegstreibenden überkommen wird und dass die enormen Ressourcen, die in Krieg und Militär fließen, für die Schaffung einer anderen Zukunft aufgewandt werden.

Zum Glück lebten meine Eltern schon nicht mehr, als der schreckliche Oktoberkrieg ausbrach. Doch zu meinem Bedauern erleben sie auch die Übersetzung dieses Buches ins Deutsche nicht mehr – in die Muttersprache meines Vaters, der zwischen Wien, Sopron und Csorna aufwuchs, an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich.

Ich hoffe, dass die Geschichte der Kibbuzbewegung und des Sozialismus, die heute so weit entfernt zu sein scheint, auch in der deutschen Übersetzung Menschen erreichen wird, die diesen besonderen Ort verstehen wollen, an dem wir Kibbuzkinder aufwuchsen.

Yael Neeman

März 2025

Anmerkung der Übersetzerin: Ein Glossar zur vertiefenden Erläuterung der wichtigsten Begriffe dieses Buches findet sich ab Seite 257.

1

Unsere Geschichte erzählten wir uns selbst. Die ganze Zeit. Zwanghaft. Aus dem Gedächtnis. Manchmal waren wir bereits erschöpft, bevor wir anfingen zu erzählen, und trotzdem erzählten wir, stundenlang. An jedem Abend, an dem die Geschichte erzählt wurde, hörten wir einander gespannt zu, denn immer erfuhren wir neue Details. Auch, als wir schon seit Jahren nicht mehr dort lebten.

Zum Beispiel hatten wir nicht gewusst, dass manche Kinder aus »Pinie«, die fünf Jahre älter waren als wir, bei den Rinderzüchtern gearbeitet und mitten in unserem Kibbuz in einer Enklave ungarischen Dorflebens gelebt hatten. Wir hatten nicht gewusst, dass sie sich statt mit Guten Morgen und Guten Abend mit Lófasz (»Pferdepimmel«) begrüßten, und dass Itai mit sechs Jahren ohne Sattel um unsere Hügel geritten war.

Im Gegensatz zu all den schriftlichen Regelwerken wurden die Geschichten nur mündlich erzählt. Sie stiegen aus den Mulden der Rasensprenger in den Wiesen auf, die den Speisesaal umgaben, aus den Schießscharten unserer Kreuzfahrerfestung, aus den Ritzen der schönen schmalen Steingehwege. Unsere Geschichte erzählten wir mit glänzenden Augen. Wir sagten: »Nicht zu glauben, dass sie die Kühe vor unseren Augen auf der Rampe geschlachtet und den Hühnern die Köpfe abgehackt haben, als wäre es das Normalste der Welt«, aber wir redeten, als wären es die besten Jahre unseres Lebens gewesen.

Und tatsächlich waren es unsere besten Jahre gewesen, in Gold getaucht, gerade weil wir in der brennenden Hitze der ewigen Sonne in Eiseskälte lebten. Angespannt und wissbegierig erwarteten wir jeden neuen Tag. Morgens waren wir wach, nachts waren wir wach. Wir rannten und hüpften von einem Ort zum andern, die Hände klebrig vom Pinienharz und dem milchigen Saft der Feigen. Wir waren einander so nah, den ganzen Tag und die ganze Nacht über, und wussten doch nichts voneinander. Und wir wussten nichts über uns selbst.

Immer erzählten wir. Schon damals, in Nächten mit Orangenmond im Kinderhaus, erzählten wir Tag und Nacht, um zu schlafen oder um nicht zu schlafen, saßen in den offenen Türen auf den Gängen oder auf den Betten in den Zimmern und übertrieben maßlos, wenn wir von den Ferien mit unserer biologischen Familie in der Stadt erzählten. (Dorthin fuhren wir mit Eltern und Geschwistern. Für eine Woche waren wir eine echte Stadtfamilie und trugen die feierliche Reisekleidung, die unter allen Kindern, die in die Stadt fuhren, weitergereicht wurde.) Wenn wir von der Wohnung des Kibbuz in der Sheinkin-Straße in Tel Aviv zurückkamen, erzählten wir einander vom Zirkus Medrano, zu dem alle gingen. Nur dass eben der Abend, an dem wir mit unserer biologischen Familie im Zirkus gewesen waren, nicht wie alle anderen Abende gewesen war – an jenem Abend, so erzählten wir, sind nämlich Löwen aus dem Käfig geflohen und der Seiltänzer ist vom Seil gefallen. Wir erzählten uns Geschichten, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatten.

Nachdem wir den Kibbuz verlassen hatten, versuchten wir manchmal, unsere Geschichte den Städtern zu erzählen. Es gelang uns nicht, sie zu vermitteln, weder die Handlung noch den Ton. Unsere Stimme überschlug sich, war zu hoch oder zu tief, wie die falschen Töne der Blockflöten in unserer Kindheit. Wir gaben mittendrin auf. Dumpf fielen die Worte zwischen uns und die Städter, wie die Maschen von den Nadeln unserer Mütter, wenn sie schweigend neben den sprechenden Männern auf den Versammlungen des Kibbuz strickten.

Wir sprachen immer im Plural. So wurden wir geboren, so wuchsen wir auf, vom ersten Tag an. Unser Horizont war merkwürdig, verbogen.

Ab dem Moment, in dem wir von der Geburtenstation des Krankenhauses entlassen wurden, versuchten sie nie, uns zu trennen. Ganz im Gegenteil, sie fügten, klebten, schweißten uns zusammen.

Aber das Zusammengeschweißtwerden war nicht das Wichtigste, auch wenn manchmal dieser Eindruck entsteht, wenn Leute von ihrer Kindheit im Kibbuz erzählen. Es war lediglich ein Effekt des sozialistischen Experiments. (Der Beschluss für das kollektive Schlafen der Kinder in eigenen »Kinderhäusern«, getrennt von der biologischen Familie, wurde 1918 gefasst und in allen Kibbuzim eingeführt, mit Ausnahme einiger der Gründerkibbuzim – Degania Alef, Degania Bet und Ein Harod – die sich dagegen ausgesprochen hatten. Man sah es ihnen nach. Degania war zuerst da gewesen, lange vor der Doktrin und den Regeln.)

Das Ziel war nicht, zusammenzuschweißen, sondern zu trennen: die Kinder von der drückenden Schwere der Eltern zu trennen, von den Verhätschelungen und den Erwartungen, die ihnen durch die Milch der Mutter und die Ambitionen des Vaters aufgezwungen zu werden drohten. Ziel war es, die Kinder zu isolieren und vor den in der Familie verankerten bürgerlichen Vorstellungen zu beschützen. Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die alte Welt werden wir bis auf die Grundmauern niederreißen; eine andere, gerechte und gleiche Welt sollte wie ein Phönix aus der Asche entstehen. Das war die Hoffnung und der deklarierte Anspruch an das »Neue Kind« – es sollte zum »Neuen Menschen« heranwachsen. Wenn manche Kibbuzkinder von ihrer Sehnsucht nach der Familie, die sie nie hatten, erzählen, ist das wie die Sehnsucht der Juden in der Diaspora nach Jerusalem – die Sehnsucht nach einer Idee, von der wir nicht die leiseste Ahnung hatten und haben.

Als ich in der zweiten Klasse war, sah ich zum ersten Mal einen Erwachsenen im Pyjama. Es war mein Vater, der nach dem Mittagsschlaf nicht rechtzeitig zur Arbeit aufgewacht war. Jeden Tag besuchten wir unsere Eltern von 17:30 bis 19:20 Uhr, für eine Stunde und fünfzig Minuten (bis zur siebten Klasse, danach schickten sie uns fort zum Kibbuz Evron). An jenem Tag ging ich um 17:30 Uhr ohne zu klopfen in ihr Zimmer (wir klopften nirgendwo an, und auch unsere Türen standen immer offen, rund um die Uhr, denn es gab ja nichts zu verstecken, die Gebäude gehörten allen und waren kein bourgeoises Eigentum, das man zu bewachen und zu verriegeln hatte), und er schlief im Pyjama auf dem Bett. Ich rannte nach draußen, mein Herz raste, und ich schrie, mein Vater ist tot. Er ist tot. Jemand sah mich dort auf dem Weg und ging vorsichtig hinein, um nachzusehen. Zwi N. ist nicht tot, Zwi N. schläft. So also sehen schlafende Erwachsene aus: Sie liegen ausgestreckt und still auf ihren Betten, mit den Gesichtern zur Wand, die Rücken zu uns, und sie tragen, unter Piqué-Decken zugedeckt, riesige Pyjamas.

Unsere Geschichte schien einer einzigen schematischen Erzählung zu folgen. Die Erzählung, die die Doktrin war, eignete sich weder für Kinder noch für Erwachsene. Unsere Eltern lebten neben ihr, wir unter ihr. Niemand lebte tatsächlich in ihr, denn sie war nicht dazu geschaffen, Menschen zu beherbergen, sondern nur ihre Ambitionen und Träume. Und doch versuchten unsere Eltern und wir mit jeder Faser unseres Seins in ihr zu leben – das war das Experiment. Unsere Doktrin konnte man nicht zufriedenstellen. Ehrfürchtig verneigten wir uns vor ihr, wussten, dass wir sie nie erreichen würden. Tag und Nacht huldigten wir ihr: Unsere Eltern durch hunderte angehäufte Urlaubstage, Frucht ihrer unaufhörlichen Arbeit. Und wir Kinder im Feld, im Speisesaal, im Kinderhaus. Überall.

Wir wussten nichts über das Leben der Erwachsenen, nichts über ihr Wachsein und nichts über ihren Schlaf. Die Erwachsenen bewohnten einen anderen Planeten als wir.

Wir bewegten uns zueinander wie die zwei Reihen der Tänzer, die sich freitagabends im Speisesaal, dem Takt folgend, einander annäherten und wieder voneinander entfernten. Wir mit unseren blumigen

Im Säuglingshaus. Ich, Yael, bin die erste von links.

Kindergruppennamen: »Amaryllis«, »Anemone«, »Meerzwiebel«. Sie mit ihren Erwachsenengruppennamen, den Namen der ersten Kerngruppen des Kibbuz: »Erster Mai«, »Stalin«, »Acker«, »Arbeiter«. Wir mit unseren Vornamen, frisch von Tau und Regen: Yael, Michal, Tamar, Ronen. Sie mit ihren erst vor Kurzem aus dem Ungarischen hebräisierten Vornamen: Von Frédi zu Zwi, von Ági zu Naomi, von Laci zu Jitzchak.

Wir lebten in Paralleluniversen. Wir in der Kindergesellschaft, unsere Eltern in der Gesellschaft der Erwachsenen.

Wir bewegten uns in großen Scharen, wie Vogelschwärme, Zebraherden, immer in zwei großen Gruppen. Zu den täglichen Treffen um 17:30 Uhr gingen wir Kinder alle gemeinsam, begleiteten uns gegenseitig zu den biologischen Familien, und nach einer Stunde und fünfzig Minuten marschierten wir auf denselben Wegen mit den Eltern zu den Kinderhäusern zurück.

Unser Abendessen fand im Kinderhaus statt. Ihres im Speisesaal. Wir waren gerade erst auf die Welt gekommen, da wurden wir schon

Wir »Amaryllis«-Kinder auf den Nachttöpfen im Kibbuz.

vom Krankenhaus ins Säuglingshaus gebracht, wo die für Säuglinge und Kinder zuständige Arbeiterin, die Metapelet wartete. Die Mütter kamen gemeinsam, um zu stillen, immer gemeinsam und immer zur gleichen Zeit. Eine neben der anderen saßen sie da und stillten. Die synchronisierte Stillzeit sollte sicherstellen, dass es kein Kind gab, das weniger als die anderen bekam. Nicht weniger und auch nicht mehr. Auch zur Bettzeit kamen die Eltern in Gruppen, für die Viertelstunde, die es ihnen erlaubt war. Nicht alle kamen, denn in den Kinderhäusern eines Kibbuz wurden alle Kinder zur selben Zeit ins Bett gebracht, sodass Eltern mehrerer Kinder nicht bei allen gleichzeitig sein konnten. Außerdem waren viele damit beschäftigt, den Kibbuz aufzubauen oder in Komitees zu sitzen. An Rosch HaSchana bewegten wir uns mit Weizengarben in den Händen vor ihnen, zu Pessach führten wir das Lied »Chad Gadiya« vor ihnen auf, liefen in unserer festlichen Kleidung zwischen den langen Tischen nach vorne zur Bühne. Im immergleichen Rhythmus trafen wir auf sie, in einer zeitlich perfekt abgestimmten Choreografie, und folgten dabei, ohne es zu wissen, den Anweisungen aus den für die Feiertage bestimmten Ringmappen, die an alle Kibbuzim des HaSchomer HaZair gesandt und durch das Feiertagskomitee des jeweiligen Kibbuz adaptiert wurden. An Festtagen drangen wir Kinder für einen Moment in ihre Abendroutine ein, und zogen gleich darauf wieder von dannen, so wie das Volk Israel aus Ägypten auszog, »mit Pauken und in Reigen, des Pharaos Roß und seinen Reiter stürzt Er ins Meer.« Dabei folgten wir der einzigartigen Schrittfolge, die Nira sich nur für uns ausgedacht hatte (doch alle Kinder in den Kibbuzim der sozialistisch-zionistischen Jugendbewegung HaSchomer HaZair, der wir angehörten, taten dasselbe; sie alle führten die Pessach Haggada zu der exakt selben Zeit und auf exakt dieselbe Weise auf). An Schulfeiern und zum Kibbuzfest tanzten wir vor ihnen auf den Wiesen und sangen »Wir bauen Tag für Tag den schönsten Kibbuz den's je gab.«

Und auch sie, die Erwachsenen, sangen. Sie sangen mehrstimmig in Chören, tanzten die chassidischen Tänze, die man auf allen Hochzeiten in den Kibbuzim des HaSchomer HaZair tanzte, auf die kein Rabbi je einen Fuß setzte. (Die Paare fuhren zum Rabbinat in Naharija, heirateten dort offiziell und kamen zu den Feierlichkeiten zurück, damit der Rabbi den Kibbuz nicht betreten würde; damit ihr Glaube nicht den unseren berührte.)

Vier Paare heirateten. Die Erwachsenen tanzten, und wir standen mit Kränzen auf den Köpfen da, große Zweige formten ein Tor, unter dem ausgewählte Kinder in Zweierpaaren hindurchgingen, und wir sangen Gedichte von Kadya Molodowsky, der Frau aus der Stadt, deren Worte unsere Leben wie eine Melodie begleiteten: »Öffnet das Tor, öffnet es weit, es tritt herein die Kette goldener Verbundenheit: Mutter und Vater, Bruder und Schwester, und als die Dritten: Braut und Bräutigam auf einem weißen Schlitten.«

Wir sangen, tanzten, spielten auf Flöten, Mandolinen und Becken, und als das künstlerische Programm vorbei war, ging ein jeder an seinen Platz zurück. Die Wiese leerte sich, die Tür des Speisesaals schloss sich hinter uns, und wir kehrten zurück in unsere kleine »Amaryllis«-Welt mit den kleinen Badezimmern, den kleinen Betten und den kleinen Tischen; waren wieder von der restlichen Kindergesellschaft umgeben, unter uns »Anemone« und über uns »Pistazie«. Wir waren glücklich.

Nachts träumten wir von Erich Kästners und Astrid Lindgrens Helden, von denen uns die Metapelet von 21:00 bis 21:20 Uhr vom Flur aus erzählte. Sie saß und las uns vor, nur ihre Stimme war zu hören, wir lagen in den Betten. Noriko-San, das Mädchen aus Japan, war genauso alt wie wir.

Manchmal waren unsere Träume verworren. Wie eine schwarze Wolke blieben unheimliche Geschichten, die man uns erzählt hatte, über uns hängen. Die Metapelet wünschte Gute Nacht, schloss die Tür hinter sich und ging. Und wir lagen da, wach, verängstigt. So als hätte die Anstecknadel mit der tiefroten Blut-der-Makkabäer-Blume, die wir am Gedenktag für die Gefallenen trugen und die wir mit jeder Faser unseres Seins liebten, sich durch unsere weißen Feiertagshemden gebohrt und würde in unsere Haut stechen. Wir warteten auf das Licht des kommenden Tages, damit wir wieder im Freien umherrennen konnten. Den Schulstunden im Kibbuz durften wir entfliehen, wann immer wir wollten; so wie auch in aufgeklärten Ländern – das dachten wir zumindest – Gefangene keine Strafe zu fürchten haben, wenn sie aus dem Gefängnis fliehen, denn schließlich liegt es in der Natur des Menschen, Gefängnissen zu entfliehen, Freiheit zu erstreben. Mitten in den Schulstunden gingen wir, um uns im Wasserreservoir auf Brettern treiben zu lassen. Manchmal standen wir nachts auf, saßen in den offenen Zimmertüren, redeten oder spielten. Wir konnten nicht einschlafen. Einmal zündeten wir mitten in unserem Kinder-Speisesaal ein Lagerfeuer an und gingen dann zurück in unsere Betten. In den Nächten lebten wir in einer Welt ohne Erwachsene.

2

Doch die Geschichte unserer Entstehung, die Geschichte der Entstehung einer neuen Welt, hat eigentlich nie stattgefunden. Vielleicht mussten wir sie uns deshalb ständig erzählen. Eine geschriebene Sprache hatten wir nicht, und auch keine Sprache, mit Hilfe derer wir unser Leben für die Städter übersetzen konnten.

Wir dachten, Massen würden sich uns anschließen. Noch mehr Gruppen des HaSchomer HaZair, Freiwillige und Arbeiter aus der ganzen Welt. Wir wussten nicht, dass wir 1960 im Zeichen eines Sternes geboren worden waren, dessen Licht schon lange erloschen war und der kurz davorstand, flammend vom Himmel zu fallen. Wir wussten nicht, dass die Kibbuzbewegung den Höhepunkt ihrer Bedeutung während der Zeit der Mauer-und-Turmsiedlungen in den 30er-Jahren erreicht hatte; und dass die Bevölkerungszahl der Kibbuzim ihr Allzeithoch im Jahr 1947, kurz vor der Staatsgründung, erreicht hatte, als sie bei sieben Prozent der jüdischen Bevölkerung stand. Bereits im Jahr 1948 schrumpften wir, und in den 70ern machten wir nur noch 3,3 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Wir wussten nicht, dass unser Stern lediglich sich selbst erhellte. Wir dachten, wir würden immer mehr werden, eine neue Welt aufbauen.

Wir wurden 1960 im Kibbuz Yechiam geboren, dem schönsten Kibbuz der Welt – grün von Pinien, lila von Judasbäumen, gelb von Ginster –, der 1946 auf einer Anhöhe unter einer Kreuzfahrerfestung gegründet

Die »Amaryllis«-Kinder auf einem Ausflug. Ich bin das Kind mit dem weißen Hut.

wurde. Wir wurden in die Gruppe geboren, die wir später »Amaryllis« nennen sollten. Sechzehn Kinder waren wir in »Amaryllis«, acht Jungen und acht Mädchen. Eine zarte Gruppe. Die meisten von uns waren Kinder älterer ungarischer Eltern, die den Kibbuz gemeinsam mit einer lokalen Kerngruppe des HaSchomer HaZair gegründet und aufgebaut hatten.

Die Namen der Kinder in unserer Gruppe ratterten wir schnell und in einem Atemzug herunter, nach Alter geordnet. Es gab auch die alphabetische Reihung nach Familiennamen – die bourgeoise Ordnung. Die durfte nur von Fremden benutzt werden, die keine Ahnung von nichts hatten, oder von Ärzten. Zum Beispiel, wenn wir darauf warteten, beim Zahnarzt, der aus Naharija oder Krajot kam, aufgerufen zu werden. Bei jedem seiner Besuche diktierte er Miriam Ron, der Zuständigen für das Ärztehaus des Kibbuz, mit unbewegter Stimme die sich Jahr für Jahr wiederholenden Hiobsbotschaften: Sieben Löcher, oder neun, oder zwölf. So viele Löcher hatten wir, und so wenige Süßigkeiten. Wir alle trugen Zahnspangen, die uns der Kieferorthopäde angepasst hatte. Auch auf ihn warteten wir in alphabetischer Reihung, bis wir von Miriam aufgerufen wurden, und auch er kam aus Naharija oder Krajot.

Den Namen »Amaryllis« hatten wir nicht wirklich selbst ausgewählt, obwohl wir schlussendlich einstimmig für ihn gestimmt hatten, in der ersten Klasse. Der Gruppenname begleitete unser gesamtes Leben, er hing am Schwarzen Brett oder war in unsere Kleider genäht, damit man sie in der Kommuna, dem kollektiven Kleiderraum, nicht mit den Kleidern der anderen Gruppen verwechselte. Jede Gruppe hatte eine eigene Farbe und eine eigene römische Ziffer. Wir waren Braun und unsere Ziffer war X.

Als wir einen Namen für uns auswählen sollten, hatten wir die Unveränderlichkeit der Regeln noch nicht wirklich verstanden. Bis zum Moment der Abstimmung hatten wir noch nicht begriffen, dass wir uns für den Namen einer Blume oder von etwas anderem aus der Natur entscheiden mussten. Als wir geboren wurden, gab es bereits um die hundertzwanzig Kinder im Kibbuz, die nach Alter in Gruppen eingeteilt worden waren. Und obwohl diese Gruppen »Fels«, »Dornbusch«, »Veilchen«, »Granatapfel«, »Pinie«, »Eiche« und »Pistazie« hießen, begriffen wir es nicht. Wir hatten nie darauf geachtet.

Wir schlugen alle möglichen Namen vor, von denen die meistens mit »Bande« endeten. »Die Knaller-Bande«, »Die Dschungelkinder-Bande« und weitere abenteuerlich klingende Namen. Die Metapelet dirigierte uns erst sanft, dann immer bestimmter hin zur Welt der Blumen, bis wir nachgaben und uns für »Amaryllis« entschieden. Ich weiß nicht mehr, welcher Blumenname noch zur Auswahl stand. Wir hatten wohl schon verstanden, dass es keine Rolle spielte, ob wir »Amaryllis« sein würden oder »Anemone« oder »Meerzwiebel« – so hießen die Gruppen, die nach uns kamen. Wir hatten verstanden, dass die Wahl des Namens wie die Wahl zwischen Weiß oder Karottenorange für unsere Sandalen war, die alle die gleiche Form hatten.

In den anderen Kibbuzim des Landes, von Galiläa bis zur Negev-Wüste, wählte man dieselben Namen. Und wir alle träumten, im ganzen Land, von Noriko-San, dem Mädchen aus Japan.

Fischel aus Naharija war der Friseur des Kibbuz. Von Zeit zu Zeit und nach einer Logik, die uns nicht ersichtlich war, kam er zu uns, zur »Amaryllis«-Gruppe. Wir Kinder nannten ihn »Dr. Fischel«. Vielleicht wegen Dr. Zuriel, dem Kibbuzarzt, der auch aus Naharija kam, und Dr. Pollak, Dr. Zuriels Nachfolgerin, die ebenfalls aus Naharija kam, und wegen Dr. Lieber, dem Zahnarzt. Wir dachten, in Naharija gäbe es nur Doktoren. Aber Fischel war kein Doktor, er war auch kein Jecke aus Naharija wie die anderen. Er war Fischel, der Friseur, und er lebte in einem Durchgangslager für Neueinwanderer neben dem Krankenhaus Naharijas.

Wir hassten es, die Haare geschnitten zu bekommen. Vor allem aber litten wir unter Fischels Lügen. Wir hatten uns nicht vorstellen können, dass es jemanden gab, der im Stande war, ohne mit der Wimper zu zucken zu lügen, und diese Lügen jedes Mal aufs Neue zu wiederholen. Während des Haareschneidens saßen wir auf einem normalen Stuhl. Es waren keine Erwachsenen in der Nähe, und uns war nicht klar, nach welcher Logik Fischel uns aufrief. Immer wenn eines der Kinder an die Reihe kam, flog das Laken schnell wie ein Umhang um seine Schultern, und es blieb kaum Zeit, sich zu fürchten. Es war offensichtlich, dass Fischel nach seinem Besuch bei uns »Amaryllis«-Kindern mit seiner Arbeitsausrüstung weiterziehen würde, um anderen Kindern die Haare zu schneiden. Erst viel später erfuhren wir, fast zufällig, dass alle Dienstleistenden – die Friseure, die Ärzte, die Zahnärzte – nicht nur für die Kinder zuständig waren, sondern für den gesamten Kibbuz

Fischel aus Naharija

und all seine Mitglieder. Sie kamen, arbeiteten zu einem Pauschalpreis und gingen wieder.

Während er Haare schnitt, fragte Fischel jedes der Kinder, was es sich wünsche: Luftballons? Süßigkeiten? Dann merkte er sich den Wunsch (jedenfalls dachten wir das) und versprach, beim nächsten Besuch die gewünschten Luftballons oder Süßigkeiten mitzubringen. Das wiederholte sich ein ums andere Mal. Nie brachte er etwas mit, und immer glaubten wir ihm aufs Neue und weinten aus Verzweiflung, wenn wir wieder keine Geschenke bekommen hatten. Fischel kam doch aus Naharija! Einer Stadt aus Süßigkeiten, aus von Schokolade überzogenen Bananen in den Läden und aus den Butterbrötchen im Café von Hans und Gila. Verwunschene Pferdekutschen fuhren dort auf dem HaGa'aton-Boulevard und brachten ihre Fahrgäste im Nu von einem Ort zum anderen. Das Beste vom Besten gab es dort, aber Fischel hatte uns bestimmt vergessen, als er an all den Schaufenstern und ihren Auslagen vorbeigegangen war.

Doch Fischel hasste uns bestimmt um einiges mehr, als wir ihn hassten, und sicher hatte er kein Geld, um uns Geschenke zu kaufen. Wir wussten nicht einmal, ob er selbst Kinder hatte. Wir wussten nichts über die Lebensumstände unserer Zahnärzte in Haifa und Krajot. Wir dachten, alle Städter wären reich. Dass sie zu Pauschalpreisen arbeiteten und in Durchgangslagern für Neueinwanderer lebten, wussten wir nicht.

Wir ertranken in den Fluten unseres eigenen Schweißes. Der Klang der Flöten, Mandolinen und Becken ließen unsere Ohren ertauben. Wir versengten uns am Schriftzug aus Feuer, dessen Buchstaben in Kerosin getränkt und angezündet wurden: »Für Zionismus, Sozialismus und Völkerfreundschaft« stand dann flammend in der Dunkelheit geschrieben, gleich dem Motto der Kibbuzzeitung Al HaMischmar, die jeden Morgen in den Briefkästen unserer Eltern steckte. Aber wir setzten das in keinen Zusammenhang mit unseren Nachbarn in Yanuch, dem Drusendorf, das östlich der Kreuzfahrerfestung zu sehen war, am Ende des Horizonts. Wenn wir Ausflüge mit unseren Lehrerinnen dorthin unternahmen, überquerten wir unser Wadi, den Yechiam-Bach, lernten über die rotschuppigen Stämme der Erdbeerbäume und die Hülsenfrüchte der Judasbäume, und liefen dann, in einer Demonstration der Völkerfreundschaft, hoch zum Dorf, um die gigantische Schule von Yanuch zu besuchen. Dort bot man uns immer Süßigkeiten in grellen Farben an und lud uns ein, einen Blick in die Schulklassen zu werfen. Im Gegenzug wurden die Kinder aus Yanuch auch zu uns eingeladen, wo wir sie mit Waffelschnitten bewirteten und Fußball mit ihnen spielten. Wir schlugen sie mit derart schwindelerregenden Spielständen, 13:1 oder 12:0, dass wir noch Tage danach siegestrunken waren.

Wir wussten nicht, dass in Yanuch Tausende Menschen lebten, dass es dort keine Infrastruktur gab, und dass die arabischsprachigen Kinder den israelischen Nationalpoeten Bialik lernen mussten. Sie erzählten es uns zwar, doch wir lernten kein Bialik, also wussten wir nicht, was das bedeutet. Wir wussten nichts. Weder über Hebräisch noch über Arabisch. Yanuch lag zwei Kilometer von uns entfernt, doch Lichtjahre trennten uns.

Wir wussten auch nichts über unsere Nachbarskinder in der vornehmlich von orientalischen Juden bewohnten Entwicklungsstadt Ma'alot, außer dass wir ihnen ab Beginn der siebten Klasse einmal in der Woche für zwei Stunden bei den Hausaufgaben helfen mussten. Und wir wussten nichts über den Libanon auf der anderen Seite der Grenze.

Wir wussten auch nichts über den Kibbuz Kabri, an dem wir stets auf dem Weg zu den Krankenkassenärzten in Naharija vorbeifuhren. Denn Kabri gehörte nicht zum HaKibbuz HaArzi, dem Dachverband für die Kibbuzim des HaSchomer HaZair.

Wie Fakire wandelten wir, Erwachsene und Kinder, auf der Oberfläche eines Mondes, auf dem sonst niemand landen wollte. Wir dachten, wir würden Sterne pflücken und mit ihnen, Feuerwerkskörpern gleich, den Himmel aller erleuchten; aller Länder der Welt. Und Arbeiter würden in ihrem Licht marschieren, die Köpfe wie Fackeln erhoben, und Gleichheit und Gerechtigkeit würden über die Erde kommen. Unsere Beine schmerzten vor Anstrengung so sehr, wir konnten uns nur auf den Marsch selbst konzentrieren. Wir vergaßen, mit wem Frieden zu schließen war, wem Gleichheit und Gerechtigkeit gebührte. Wir tranken unseren Schweiß und halfen niemandem.

Freiwillige aus der ganzen Welt kamen zu uns. Sie verbrachten ihre Semesterferien im Kibbuz, voller Enthusiasmus, uns »zur Hand zu gehen«, wie es hieß, bei der Arbeit zu helfen. Wir spielten Volleyball mit ihnen, sprachen in unserem gebrochenen Englisch, übten gemeinsam Gitarre, versuchten, auf einem Wasserbett zu liegen. Die Welt kam zu uns, so blond, so hellhäutig und höflich. Sie arbeiteten, interessierten sich für unser Leben, und kehrten dann wieder zu ihrem Zuhause jenseits der weiten Meere zurück. Wir machten unbeirrt weiter.

3

In unseren Kinderaugen waren die wichtigen Erwachsenen und alten Kibbuzniks oft völlig andere als jene, die in der offiziellen Geschichtsschreibung des Kibbuz verewigt wurden, im Jubiläumsbuch oder anderen Festschriften. Schon als Kinder wussten wir, dass in unserem Kibbuz, Kibbuz Yechiam, und auch in allen anderen Kibbuzim, vom See Genezareth bis zur Negev-Wüste, eine ständige Rotation der Posten stattfand. So sollte ein periodischer Wechsel in der Besetzung der »hohen« Positionen im Kibbuz gewährleistet werden; Positionen, die von Natur aus besonders gefragt waren, wie Sekretär, Agrarbetriebsleiter und so weiter.

Weder damals noch später verstanden wir, dass es in anderen Arbeitsbereichen keine Rotation gab. Niemand wollte die Wäscherinnen auswechseln, niemand war neidisch auf die Sisyphusarbeit der Kartoffelschälerinnen, die jahrzehntelang auf niedrigen Schemeln saßen, in der Küche, neben riesigen Bottichen. Die Frau, die all die Jahre die öffentlichen Duschen und Toiletten putzte, wurde nie durch Rotation abgelöst. Im Kibbuz gehörten diese Arbeiten zum sogenannten »Versorgungsressort«, was sie von den profitablen und produktiven Arbeiten auf den Feldern oder in den Fabriken unterscheiden sollte – wie eine Unterstützungskompanie eines Kampfbataillons, in der die einfachen Soldaten im Feldlager zurückbleiben, um die Panzer zu warten und Essen für die hungrigen, von Manövern und Schlachten zurückkehrenden Offiziere und Truppen vorzubereiten.

Die Rotation, einer der Zauber unserer Doktrin, protegierte die Prominenten, die sich gegenseitig in den wichtigen Positionen abwechselten. Die Angehörigen der unteren Kasten aber gab sie preis, hielt sie auf ihren Posten gefangen.

Den größten Anteil im Versorgungsressort stellte die Kerngruppe »Arbeiter«. Sie hatten ihren Namen nicht absichtlich in einem so ironischen Kontrast zum Kern »Erster Mai« – einem Feiertag – gewählt, dessen Mitglieder den Kibbuz gegründet hatten und schon vor dem Zweiten Weltkrieg Teil der HaSchomer-HaZair-Bewegung gewesen waren, noch in Ungarn.

Die Mitglieder des »Arbeiter«-Kerns waren zionistische Flüchtlinge, die sich der Bewegung nach Kriegsende angeschlossen hatten und durch deren Organisation und finanzielle Unterstützung nach Israel immigrieren konnten. Später erzählten sie: »Wir wissen bis heute nicht, was uns mehr überzeugt hat: die Ideologie oder die Schokolade und die guten Zigaretten.« In den Kibbuz Yechiam kamen sie zwei Jahre nach seiner Gründung und ein paar Monate nach den Kämpfen im Zuge des Unabhängigkeitskrieges, die sich im Kibbuz abgespielt hatten. Sie waren im vollen Umfang am Aufbau und der Weiterentwicklung des Kibbuz beteiligt gewesen.

Auch als wir, die Kinder des Kibbuz, Yechiam verließen; auch als die Freiwilligen und viele Mitglieder aus anderen Kerngruppen gingen – auch dann noch blieben die Mitglieder aus »Arbeiter«. Der größte Prozentsatz der im Kibbuz Gebliebenen war stets im ungarischen »Arbeiter«-Kern zu finden.

Unser Kontakt zu Erwachsenen war durch die funktionale Logik unseres Alltags vorgeschrieben und schloss nur jene ein, die eine Rolle darin spielten: Die Lehrer, die verschiedenen Metaplot, die Arbeiter in der Kommuna, in der Schuhmacherei und im Speisesaal der Kinder – allesamt Menschen aus dem Versorgungsressort.

Die Helden unserer Mythologie waren fast alle aus dem »Arbeiter«-Kern, denn das waren die Menschen, die innerhalb des Kibbuz arbeiteten, in der Kommuna, in der Küche. Es waren jene, die manchmal, wenn wir auf dem Gehsteig liefen, neben uns anhielten und uns über den Kopf streichelten. Wenn ihre Kinder aus dem Kinderhaus wegliefen, waren sie die Einzigen, die ihnen erlaubten, ein wenig in ihrem biologischen Elternhaus zu bleiben oder Süßigkeiten zu essen. Damals hatten wir noch nicht verstanden, dass all diese Menschen aus dem »Arbeiter«-Kern kamen, und wir – meine Brüder und ich – wussten nicht, dass unsere Mutter zum Kern »Erster Mai« gehörte und unser Vater noch früher ins Land gekommen war, im Jahr 1939, nachdem seine Familie in Wien Rat gehalten und beschlossen hatte, dass alle jungen Familienmitglieder fliehen sollen, und zwar unverzüglich.

Wir wussten es nicht, da die Vergangenheit in Kibbuzim keine Bedeutung hat. Egal ob in einem ungarischen Dorf oder in Budapest geboren, in Wien oder in Haifa – vor der Doktrin sind alle gleich.

An der Spitze der altgedienten, ungarischen Kibbuzniks aus dem »Arbeiter«-Kern, an der Spitze der Kibbuzniks überhaupt, stand Piros – an allererster Stelle und mit gigantischem Abstand zu allen anderen. Auch wenn er nicht in den Kämpfen gegen die arabischen Armeen im Unabhängigkeitskrieg beteiligt gewesen war (die Mitglieder des »Arbeiter«-Kerns kamen schließlich erst nach dem Unabhängigkeitskrieg nach Yechiam), auch wenn er kein landwirtschaftliches Ressort aufgebaut hatte und nie für den Posten des Sekretärs oder des Agrarbetriebsleiters nominiert worden war, wussten wir: Ohne Piros würde der Kibbuz zusammenbrechen.

Zweimal im Jahr kam eine Reihe von uns Kindern, einem riesigen Tausendfüßler gleich, zur Schuhmacherei, um die neuen Schuhe anzuprobieren, die Piros für uns angefertigt hatte.

Arbeitende Frauen in der Kommuna (dem kollektiven Kleidungslager)

Piros bedeutet »rot« auf Ungarisch, denn Piros war rothaarig. Aber als wir geboren wurden, war er schon mehr glatzköpfig als rothaarig. Piros fluchte, wann immer er wollte und gab uns harte, schmerzende Klapse auf die Schenkel, wann immer er wollte. Er wählte seine Helferinnen für den Kolbo, den Kibbuzladen, in dem nichts gezahlt werden musste, ab der siebten Klasse aufwärts nach Größe der Oberweite aus, was er auf eine Weise verkündete, als würde er der, wie er sie nannte, »Besitzerin der größten Balkone«, eine Medaille verleihen. Niemand außer Piros sprach so bei uns. Er war der Schuhmacher des Kibbuz, und er war außerdem für die Auswahl und die Vorführung von Filmen, für den Waffenlagerraum und den Kolbo zuständig. Jede dieser Aufgaben war fast eine Vollzeitstelle.

Die Schuhmacherei war ein Schuppen am Rande des Kibbuz, dessen Wände und vor allem die hohe Dachschräge von oben bis unten mit Bildern von Starlets – so nannte Piros sie – bedeckt waren, die er aus verschiedenen Magazinen ausschnitt, und auf allen waren strahlende Frauen mit tiefem Dekolleté, üppigen Brüsten und breitem Lächeln zu sehen. Piros brachte uns ihre Namen bei. Wir waren uns nicht sicher, ob Piros' Schuppen tatsächlich so anders war als der Rest der Gebäude im Kibbuz, oder ob es uns nur so vorkam, wegen der Starlets, wegen des Ledergeruchs und der Geräte zur Dehnung von Schuhen. In der Schuhmacherei gab es zwei Räume: Im ersten saß Piros mit seinem ewigen Helfer, Meir S., einem herausragenden Schuh-Experten, von dem man erzählte, dass er schon in Ungarn Schuhmacher gewesen sei. Meir S. unterbrach seine Arbeit nur, um uns eines seiner schüchternen Lächeln zu schenken und uns nach unserem Befinden zu fragen. Er war nicht aus der Ruhe zu bringen. Piros und Meir S. saßen sich an einem riesigen, von Werkzeug und Schuhteilen bedeckten Arbeitstisch gegenüber.

Mit ihrem ganzen Körper waren sie in die Arbeit versunken, die Münder und Jackentaschen immer voller Nägel.

Im zweiten Raum standen Dehnungsmaschinen, viele Schuhkisten und zwei kleine Hocker. Auf die setzten wir uns, Piros gegenüber, um zweimal jährlich die neue Schuhlinie anzuprobieren. Hohe Schaftschuhe im Winter, Sandalen im Sommer. Wir kamen, um die Farbe zu wählen: Weiß oder Karottenorange für die Sandalen der Mädchen, Braun für die Jungen. Rot oder Braun für die Winterschuhe, für alle. Die Form war dieselbe, für alle Kinder des HaKibbuz HaArzi, im ganzen Land.