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Deutschland 2035 Linus Wir haben alles überlebt, meine Besties und ich. Nach Jahren der Krisen, der Konflikte und gesellschaftlichen Umbrüchen scheint unser Leben wieder perfekt: Der letzte Ausländer wurde abgeschoben, der letzte Fremde verbannt. Voller Euphorie ziehen wir in unsere neue, makellose Siedlung. Ein Paradies ohne Migranten, ohne Bedrohung und ohne Reibung. Doch schon bald schleicht sich eine unheilvolle Frage in unser perfektes Leben: Was geschieht mit einer Gesellschaft, die keine Sündenböcke mehr hat? WIR WAREN PARADIES entwirft eine beklemmende Dystopie über den fatalen Preis der Reinheit und führt eine verhängnisvolle Vision bis zu ihrem unausweichlichen Ende. Printausgabe: 246 Printseiten
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Wir waren Paradies
– Dystopie –
Gisèle S. Mbamu
Inhaltswarnung:
Der folgende Roman ist in der Gegenwartsliteratur verortet und eine gesellschaftskritische Dystopie, die aus der Perspektive junger Antagonist:innen erzählt wird. Diese Erzählweise dient dazu, toxische Strukturen offenzulegen und zu hinterfragen, nicht um sie zu relativieren. Das Werk behandelt Themen, die potenzielle Trigger auslösen könnten. Die genauen Content Notes entnimmst du bitte meiner Homepage: www.gisele-mbamu.com/content-notes/
Über die Autorin:
Gisèle S. Mbamu ist eine unabhängige Autorin, Self-Publisherin und Filmemacherin. Sie studierte an der HFF München im Studiengang Drehbuch, den sie erfolgreich abschloss. Für ihre Kurzfilme und Drehbücher wurde sie mehrfach ausgezeichnet.
Ihre Prosatexte und Romanprojekte erhielten zudem mehrere Literaturstipendien. Sie veröffentlicht ihre Kurzgeschichten und Erzählungen in Magazinen und Anthologien. Im Jahr 2024 brachte sie ihren Erzählband »Grausam und lieblich« heraus.
Gisèle S. Mbamu
Wir waren Paradies
Roman
Impressum
1. Auflage
Deutsche Erstausgabe 2025
Copyright © 2025 by Gisèle S. Mbamu
Korrektorat: Lea Beutnagel
Covergestaltung: G.M. unter der Verwendung der Grafiken von ©Shutterstock/Kiselev Andrey Valerevich
Testleserin: Elena L.
Gisèle S. Mbamu
c/o Postflex #1034
Emsdettener Str. 10
48268 Greven
E-Mail: [email protected]
Homepage: www.gisele-mbamu.com
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugt Nutzung, etwa Vervielfältigungen, Verbreitung oder Nachdruck, auch auszugsweise und digital, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlungen sind frei erfunden und etwaige Ähnlichkeiten mit realexistierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland, Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung (Printausgabe): [email protected]
Print: ISBN 9783384586377
E-Book: ISBN 9783819405389
Kapitel 1
TEIL I – HAPPINESS
Für euch alle, euer Linus.
Wo soll ich anfangen? Mit wem soll ich anfangen? Macht es überhaupt einen Unterschied, ob ich etwas aufschreibe? Cevin, Mina, Elian, Aaron, Lydia, Lola … Wie soll ich unsere Geschichte am besten erzählen? Vielleicht wäre es sinnvoll, einfach alles aufzuschreiben, was mir einfällt, auch wenn es chaotisch wäre und sich manchmal schwer greifen lassen würde. Mit wem soll mein Manuskript beginnen? Gibt es eine Reihenfolge? Einen bevorzugten Anfang? Vielleicht beginne ich mit Cevin und Mina. Wäre das in Ordnung? Oder wärt ihr anderen neidisch?
Allmählich spüre ich, wie etwas in mir zu fließen beginnt. Ein Flash. Kommt da etwa ein creative Spark, langsam und zögerlich, aus meinem wirren Kopf hervorgekrochen? Ganz vorsichtig lugt der Musen-Vibe um die Ecke, fast so, als wäre er sich selbst unsicher, ob er willkommen ist. Aber er ist da. Er sieht euch. Und ich sehe uns … alle. Ich sehe uns in der Kultdisse »THE CLUBBB!«. Disse, was für ein Dinosaurier-Wort. Meine Eltern haben es ständig benutzt. Sie wuchsen in den 90ern auf, in einer Zeit, die ihnen wie ein endless Rave erschien. Wild, laut, unbeschwert. Viel Techno. Wir alle hätten auch gerne in den 90ern gelebt, wisst ihr noch?
Wir stellten uns vor, unser Leben wäre ein Film. Ein Film, der auf einer VHS-Kassette eingefangen wurde, mit all den Fuzzy Images, den Glitchy Frames, den verschwommenen Colors. Wir wünschten uns, dass unser Dasein diese seltsame, raue Wärme haben könnte, die nur die VHS-Filter der 90er hergaben. Und weil wir uns nie an unseren Fantasien sattsehen konnten, setzten wir uns diese besonderen VHS-Kontaktlinsen ein. Geiler Shit. Geil war’s. Die Dinger damals waren so skurril, beliebt und ja, sie gaben uns ein Versprechen: die Welt durch eine verzerrte, schummrige Linse zu sehen. Ein Hauch Nostalgie für eine Zeit, die wir nie wirklich mitgemacht haben, die aber dann doch irgendwie immer in unseren Gedanken weitergelebt hat. Wir kopierten sie. Wir wollten sie nicht loslassen.
Das leicht verkratzte, verwaschene Bild mit seinen unregelmäßigen Flickers ... es stand im kompletten Gegensatz zu unserer raw Reality.
Die Gebrauchsanweisung warnte davor, die Linsen länger als drei Stunden zu tragen, um den Bezug zur Wirklichkeit nicht zu verlieren. Aber ich? Was tat ich? Ich hab drauf geschissen. Ich trug sie stundenlang, ganze Tage. Die Zeit trennte sich von ihren Konturen. Der Raum wurde irrelevant und verschwamm, brach in sich zusammen. Ich genoss den Zusammenbruch. Alles fühlte sich leicht und betäubt an. Und für eine Weile war ich happy.
Aber wie das Leben halt so ist ... kaum denkst du, alles läuft safe und glatt, überschwemmt dich in der nächsten Sekunde der Sumpf der Gegenwart. Die Kopfschmerzen waren das erste, ein dumpfer, bohrender Schmerz, den ich ignorierte. Dann die Übelkeit. Schließlich das Kotzen. Die Migräne, die folgte, war erbarmungslos, ein fetter Schlag, der mich zu Boden zwang. Und irgendwann musste ich die Linsen ablegen, diese scheiß Dinger, die mich so süchtig gemacht hatten.
Die Tage danach waren wie ein schwarzes Loch. Ich fiel. Tief. Aber darum geht es hier nicht, oder? Nein. Dieses Manuskript soll nicht von meinem Absturz handeln. Es soll von uns erzählen. Von dem Spaß, den wir hatten. Von den Nächten, in denen wir uns austobten, und den Momenten, die unsere Seelen wieder lebendig küssten. Momente, die uns unter sich begruben. Wir konnten kaum atmen, vor Glück, Vorfreude und Harmonie. (Ich bin ein kitschiger Poet. Ich weiß. Keine Sorge, das wird sich im Laufe der Handlung ändern.)
»THE CLUBBB!«, der Spot war mehr als nur ’ne Location für uns. Das war ’ne eigene Welt, ’ne Bühne, wo wir unsere besten, wildesten und kaputtesten Seiten raushauen konnten. Wer hätte gedacht, dass wir es jemals schaffen würden, in dieser Disse zu feiern? Erinnerst du dich daran, Cevin? Wie wir uns ständig gefragt haben, was sich wohl hinter diesen gläsernen schwarzen Türen verbarg? Und wie David immer wieder versucht hatte, sich irgendwie ins gelobte Land zu mogeln? So ein Parasit. Fünfmal, wenn ich mich recht erinnere. Fünf erbärmliche Versuche hatte er unternommen, während er Stunden in der Schlange stand, nur um jedes Mal gnadenlos aussortiert zu werden.
Die bildschönen, die perfekten Weiber und Kerle, wie aus einem surrealen Bilderbuch entsprungen, in ihren lackierten Mini-Röcken und ihren maßgeschneiderten, schwarz lackierten Anzügen. Abgespact sahen die Weiber und Typen aus. Es war wie ein bescheuertes Spiel, und David verlor jedes Mal. Die Lack-Barbiepuppen sortierten ihn ständig mit einem ausdruckslosen Gesicht aus. Er gab sich Mühe, wirklich. Er tat alles, um sich in den Club zu schummeln. Einmal als Bonze verkleidet, ein anderes Mal als Gangster, nichts half. Rosa, seine Freundin, schaffte es einmal ein Stück weiter, nur um kurz vor dem Eingang aus der Schlange geschmissen zu werden. Das Scheitern schien unausweichlich, bis ein Wunder geschah. Einfach so. Wir jubelten. Und die Türen des Clubs öffneten sich weit für uns. Wir waren keine Ratten mehr, keine Parasiten und keine Kakerlaken. Wir wurden zu Menschen.
Es war die Politik, die uns den Eintritt in die Dekadenz verschaffte und die Regeln lockerte. Wir wurden Parteimitglieder. Jeder, der ein Parteimitglied war, durfte in den Club. Die Mitgliedskarten, die Bonuspoints, die endlosen Flyer-Aktionen. Weißt du noch, wie wichtig wir uns fühlten, Cevin, für die Partei Werbung zu machen? Ehrenamtlich? Wie wir für »THE CLUBBB!« schufteten, stundenlang in der Kälte standen, um Microzines zu verteilen, in den Schulen abhingen, um mit den Schülern zu reden, nur um am Ende ein Teil der Clubcommunity zu werden? Es war verrückt, oder? Aber es funktionierte. Und als wir endlich drin waren, fühlte es sich an, als hätten wir eine Betonmauer durchbrochen, die unüberwindbar schien.
Die Nächte, die wir dort verbrachten, benebelten uns völlig. Und doch, wenn ich jetzt daran zurückdenke, haben sie einen bitteren Beigeschmack. Aber … ich … nicht so schnell … für das Ende ist es noch zu früh. Lasst uns langsam mit allem anfangen … Stück für Stück sollen unsere Erinnerungen unser Bewusstsein überschwemmen. Es gibt noch so viel, was ich zu erzählen habe.
Wir hatten Spaß und fühlten uns unbesiegbar, als würde die Welt endlich auf unserer Seite stehen. Politisch engagiert, jung, voller Ehrgeiz. Wir taten etwas für unser Land, sagten wir uns. Und was bekamen wir dafür? Die Schlüssel zu unserem Paradies: »THE CLUBBB!« Zehn Tage im Monat durften wir uns in den Räumen 4, 5 und 6 vergnügen. Diese Räume gehörten uns, dem einfachen Volk. Doch die Räume 1 bis 3? Die waren den CEOs und den Politikern vorbehalten. Different Universe. Lichtjahre von unserer Welt entfernt. Das war aber dein Ziel, nicht wahr, Cevin? Weißt du noch? Räume 1 bis 3, die wolltest du unbedingt für dich erobern. Nicht, weil du einfach dazugehören wolltest, sondern weil du glaubtest, dass du etwas verändern könntest. Du wolltest Abgeordneter werden. Das war dein Big Dream. Den German White Dream hast du ihn genannt, als wärst du der Protagonist eines längst vergessenen Märchens vom Tellerwäscher zum Millionär. Nur wolltest du kein Millionär werden, oder? Du wolltest etwas Größeres erschaffen: Ein angesehener Politiker sein, jemand, der Autorität ausstrahlt, der aber dann doch stets nah bei den Menschen bleibt. Ein Diener des Volkes. Ich schreibe das alles für dich auf, Cevin. Deine Träume, deinen Ehrgeiz, deinen Glauben an die Mär vom Social Climbing.
Zunächst wolltest du schwer schuften ... in einem stinknormalen Job wolltest du schwer schuften, um glaubwürdig zu sein. Danach wolltest du dich beweisen. Stück für Stück hattest du vor, die Menschen von dir zu überzeugen. Du wolltest ein Mann des Volkes werden.
Du warst der Ehrgeizigste von uns allen, daran bestand kein Zweifel, auch wenn wir nie ganz an deine Träume glaubten. Aber in den Nächten, in denen wir uns in den Räumen 4, 5 und 6 hemmungslos der Ekstase hingaben, war es leicht, das Unwirkliche zu umarmen. Es war leicht, in die Fantasie zu schlüpfen, in der alles möglich war.
Hey Cevin, ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich von deinem und Minas Spaß in Raum 5 erzähle. Schließlich soll unsere Geschichte unterhalten, und Sex ist Unterhaltung pur. Ein bisschen Gossip geht immer.
Raum 5 war frivol und fast alle nackt oder in Unterwäsche, kurzen Kleidchen oder durchsichtigen Hosen. Raum 5 war riesig und mit einem fetten Swimmingpool ausgestattet, mit Käfigen oberhalb des funkelnden Saals, in denen die Menschen es miteinander trieben. Es gab einen Bunker in diesem Raum, in dem die Leute auf schicken blauen Samtsofas vögelten, während sich einige von ihnen auf dem Dancefloor zum lauten Beat befummelten, tanzten und begrabschten.
Du warst schüchtern, Cevin, genauso wie Mina, mit der du seit vier Jahren zusammen warst, und die sich nach langer Abstinenz in ihrem Leben wieder raus in die Welt traute. Zuerst wart ihr in Raum 4, dann in Raum 6 und nach einigen Monaten schließlich in Raum 5.
Die Katakomben der Disse erstreckten sich nahezu über die Hälfte der Stadt und verfügten sogar über ein eigenes unterirdisches U-Bahn-System, das den Transport von einem Raum zum nächsten ermöglichte. Die U-Bahnen hatten unterschiedliche Farben. Die rote U-Bahn war etwas Besonderes, denn diese fuhr direkt zum verwegenen Raum 5. Die Fenster der Subway waren abgedunkelt und die Clubgäste konnten sich in ihr um- und ausziehen. Die Schüchternen konnten in eine Umkleidekabine, was jedoch nur die wenigsten taten. Ihr wart die einzigen dort. Mina war aufgeregt und wollte einen Rückzieher machen. Die vielen perfekten Frauenkörper schüchterten sie ein.
»Ich weiß nicht, schau dir mal die ganzen Frauen an. Sie sind perfekt.«
»Sie sind operiert, nicht perfekt!«
Du hast deine Freundin beruhigt, Cevin, die sich an dich schmiegte. Deine Augen wanderten zu einer fast 1,80 Meter großen jungen Frau, deren Brüste safe nicht echt waren. Das Mädel zog sich bis aufs Höschen aus, während ihre Freundin nackt neben ihr stand. Sie legte einen Gürtel mit Diamanten um ihre Hüfte und zog bunte High Heels an.
»Sie sind Plastik, mehr nicht! Lass dich nicht verunsichern. Wir haben viel zu feiern!« Du löstest dich von Mina, gabst ihr einen Kuss auf die Lippen und lächeltest ihr zu, während du über ihre langen braunen Haare fuhrst. (Den letzten Teil habe ich dazu gedichtet. Als Schriftsteller darf man das. Ich kann mir gut vorstellen, dass du diese Geste gemacht hast, Cevin, denn du warst von Mina besessen. Positiv obsessed. Nicht toxisch.)
Halbnackt verließt ihr die U-Bahn. Trotz guter Lüftung des Clubs schwitztet ihr stark. Im Winter war es warm und im Sommer kühl. Die anderen Gäste liefen halbnackt an euch vorbei, lachend und mit einer Flasche Schampus in der Hand. Viele hatten nichts an. Du hast eine enge schwarze Jeans getragen, Cevin, dein Oberkörper blieb frei. Dieser war inzwischen gut durchtrainiert, aber noch lange kein Muskelprotz. Du gingst regelmäßig ins Fitnessstudio.
Mina trug ein durchsichtiges, glitzerndes, kurzes Kleid. Ihre Unterwäsche blitzte durch dieses hindurch. Sie war schlank, mit einer Körpergröße von 1,68 Meter und einem Gewicht von 56 Kilo (hat sie mir mal erzählt). Dennoch empfand sie sich als übergewichtig und strebte ein Gewicht von 45 Kilo an, wovon die Ärzte ihr abrieten. Obwohl es ihr damals gesundheitlich sehr schlecht ging, bevorzugte sie ihren Körper in diesem Zustand gegenüber dem jetzigen und musste sich letztendlich zwischen ihrem Wohlbefinden und den zusätzlichen 11 Kilos auf der Waage entscheiden. Sie entschied sich für ihre Gesundheit.
Sie beobachtete die Frauen um sich herum und suchte nach solchen, die korpulenter waren als sie selbst. Dabei achtete sie auf Merkmale wie X-Beine oder Cellulite. Doch sie stellte fest, dass alle Anwesenden durchtrainiert, jung und dem gesellschaftlich idealisierten Schönheitsbild entsprachen. Mit ihren 25 Jahren fühlte sich Mina außerdem wie eine Oma. Sie erinnerte sich plötzlich daran, dass der Club nur Leute in der Altersgruppe 18 bis 30 reinließ, junge Politiker und erfolgreiche Menschen, mit dem passenden Score konnten sich bis 35 in diesem verlieren. Der Rest feierte im »Bath 2035 & Baron«, wo Leute in der Altersgruppe 35 bis 45 zu finden waren. Mina drückte Cevins Hand zusammen, als sich beide dem Eingang näherten.
»Wir können jederzeit zurück«, flüsterte Cevin. Mina schüttelte den Kopf.
»Wir ziehen das jetzt durch!«, sagte sie bestimmend, und ihr beide betratet den Raum 5.
Gleich rechts am Eingang befand sich eine Umkleidekabine mit einer Garderobiere im Netzkleid. Dort hingen die Taschen und Rucksäcke. Cevin und Mina hatten ihre Taschen bereits vor ein paar Tagen am Haupteingang abgegeben. Sie atmeten tief ein, sahen sich an und lachten zugleich. Oft fragten sie sich, ob sie verwandt sein könnten, weil sie so viele Dinge gleichzeitig machten und dachten. Minas anfängliche Unsicherheit verwandelte sich in Neugier. Auf der Tanzfläche funkelten rote Lichter, und blaue Laserstrahlen beleuchteten die tanzende Menge zu Deep House Music. Die Körper verschmolzen zu einer einzigen bewegenden Masse. Cevin und Mina blickten sich um. In den Käfigen oberhalb von ihnen räkelten sich nackte Go-Go-Girls und Pärchen, die Sex miteinander hatten. Die Käfige hingen wie ein großer Kronleuchter über dem Raum 5. An den Gittern waren kleine Leuchtlämpchen, glitzernde Silberkugeln und Diamanten angebracht. Cevin und Mina gingen an der Wand entlang und blieben zunächst außerhalb der tanzenden Menge. Sie stellten fest, dass sie die meiste Kleidung anhatten. Mina entschied sich, ihre Haare offen zu lassen, da sie annahm, dass Cevin sie ohnehin zuerst lösen würde. Das war das Erste, was er beim Sex tat, bevor er ihren BH öffnete und ihr das Höschen auszog. Cevin spürte, wie sehr ihn all das erregte. Es ging ihm nicht um andere Frauen, er liebte den Körper seiner Freundin sehr und war glücklich darüber, dass sie 11 Kilo zugenommen hatte.
Er fand es äußerst erregend, anderen Paaren beim Sex zuzusehen. Daher wanderte sein Blick immer wieder zu den Käfigen, in denen Paare sich leidenschaftlich und begierig bumsten. Eine Frau war gerade dabei, einem Mann aus seiner stylischen Marken-Boxershorts zu helfen, um ihm einen zu blasen. Cevins Erregung wuchs, und er spürte den Kuss seiner Freundin auf seinen Lippen, während sie ihn an die Wand drückte, um ihm einen Zungenkuss zu geben. Er schloss sie ebenfalls in seine Arme und zog ihren Körper sowie ihren Po fest an sich. Währenddessen strich er sanft durch ihre langen Haare. Mina ließ ihre Fingernägel über seinen nackten Oberkörper gleiten und erkundete die ersten Anzeichen eines Sixpacks, bis sie schließlich seine enge Hose zu öffnen begann. Cevin war überrascht von Minas plötzlichem Mut. Die ausgelassene Stimmung war ansteckend. Sie öffnete seine enge Jeans und spürte sein steifes Glied in ihrer Hand. Wie sehr liebte es Cevin, wenn Mina mit ihren Fingern ganz vorsichtig über sein steifes Ding fuhr, um es anschließend fest in ihre Hand zu nehmen. Manchmal, bevor sie seinen Penis umschloss, fuhr sie mit ihren langen Fingernägeln über seine Spitze. Heute fühlte sich Cevin wie bei seinem ersten Mal, und er ahnte, dass er sofort abspritzen würde, wenn Mina nur über sein Glied strich. Als Mina anfing, seine Vorhaut zu massieren, musste er sich schwer zusammenreißen. Nach dem fünften Mal runterholen, würde er abspritzen, und das wollte er nicht, noch nicht. Er griff nach ihrer Hand und lachte.
»Ich kann mich nur schwer zusammenreißen.« Er hielt seine Augen geschlossen, während er zu ihr sprach und sie ihm über seine dunkelblonden Locken fuhr.
»Ich weiß«, hauchte sie ihm zu und gab ihm einen Kuss auf die Lippen. Mina ließ von ihm ab und blickte hoch zu den Käfigen. Cevin öffnete langsam seine Augen. Vor Aufregung, Glück und Geilheit war ihm schwindelig.
»Sollen wir da oben gleich anfangen?«, fragte Mina mit einer tiefen Stimme und war genauso von allem mitgerissen wie ihr Freund. Die Musik, die Wärme im Raum, die verschwitzten Körper, die aneinanderklebten, sich begrabschten, ableckten, und berührten. Die ersten Männer spritzten ab.
»Das ist mir zu krass!«, entgegnete Cevin. Minas Blick schweifte über den dunklen Raum, über die Laserstrahlen, die immer wieder wie in Regenbogenfarben aufblitzten. Der Bass, der aus allen Ecken des Saals kam, rumorte in ihrem Gehör. Der Blick der beiden fiel auf den Swimmingpool, in dem die ersten Leute herumplantschten. Kaum waren drei oder vier drinnen, schon hopsten die nächsten rein.
»Das ist eklig, das gebe ich mir nicht!«, lachte Cevin und presste seine Freundin wieder an sich. Er musste sie jetzt vögeln, denn sein Schwanz schien zu explodieren. Er schloss seine Augen und steckte seine Nase in ihren Nacken, um Mina zu riechen. Er gab ihr einen Kuss. Mina griff lachend nach dem Kopf ihres Freundes, da die Küsse am Hals und Nacken sie kitzelten. Die beiden hüpften davon und eilten eine Etage runter, wo es sichtlich dunkler war. In einer Ecke auf einem Samtsofa lag ein Pärchen und hatte Sex, auf der Tanzfläche tanzten die Leute. Das Kabuff war stickig, es stank aber nicht, aus den kleinen Löchern aus der Wand wurde Parfum in die Luft gesprüht. Mina drängte Cevin wieder an die Wand und fiel über ihn her. Während er sie abknutschte, konnte er Blicke spüren, die sie beobachteten. Und als er sein linkes Auge öffnete, konnte er sehen, dass ihn jemand beobachtete. Der Typ stand angelehnt an der Wand und machte keine Anstalten wegzugucken. Das machte Cevin an. Schließlich waren sie auch hier, um ihre sexuellen Begierden und Grenzen auszutesten. Monatelang haben sie sich auf dieses Event vorbereitet und jetzt, wo die Welt endlich in Ordnung zu werden schien, mussten sie diesen Erfolg auch mit einer sexuellen Freizügigkeit feiern, indem sie sich der völligen Ekstase hingaben.
Als Mina ihre Essstörung überwunden hatte und es geschafft hatte, drei Mahlzeiten bei sich zu behalten, ohne sie gleich auszuspucken oder gar nichts mehr zu essen, fuhren sie an die Ostsee in ein kleines Ferienhäuschen, wo Cevin alles romantisch wie aus einem Kitschroman einrichtete. Sie liebten sich dort drei Tage lang.
Nach all den Jahren begehrte er ihren Körper immer noch und entdeckte immer wieder neue Sachen, die ihn antörnten. Wie jetzt auch. Er fuhr zwischen Minas Beine und strich über ihre Schamlippen, das mochte sie besonders, bevor er über ihre Klitoris strich, um sie zu reiben. Sie schwoll an, diesmal anders als sonst, er bildete sich ein, dass sie größer wurde. Mina stöhnte leise auf, als Cevin seine Bewegungen intensivierte. Er küsste ihren Hals und fuhr mit seiner Zunge wieder hoch zu ihren Lippen, eigentlich wollte er sie lecken, doch er wusste, dass Mina seine Finger bevorzugte. Sie fand das Lecken zu »unmännlich«. Mina öffnete langsam ihre Augen und entdeckte in der Ecke den jungen Mann, der sich einen runterholte und sie mit offenem Mund angeglotzte. Er sah gut aus. So ein bisschen wie ein Held aus ihren New Adult-Romanen. Sie bildete sich ein, dass er einer dieser Bad Boys war, was sie noch mehr antörnte. Kurz fühlte sie sich unwohl, aber dann überwog die Geilheit, und sie lächelte ihm zu, so als ob Cevin das Lächeln auf dem fremden Mann spürte, eilte er zu ihren Lippen, die er um seine eigenen umschloss. Aus seiner Hosentasche fischte Mina ein Kondom heraus und stülpte es Cevin über.
»Ich weiß nicht, wie lange ich es in dir aushalte«, murmelte er ihr zu. Sie kicherte. Für gewöhnlich konnte er den Liebesakt bis zu 30 Minuten, wenn nicht sogar 45 Minuten lang aushalten, aber in dieser Ausnahmesituation … würde es wohl auf einen Quickie hinauslaufen.
»Kein Problem. Wir können es wiederholen, so oft wir wollen.« Das letzte Wort hörte er kaum, sondern steckte gleich sein Glied in sie hinein und schob sie hoch. Sie küssten sich, während ihre Beine seine Hüfte umschlangen. Mina war über sich selbst überrascht und erkannte sich nicht wieder. Sie öffnete wieder ihre Augen und blickte auf den Typen, der ihr gegenüberstand und sie mit offenem Mund anstarrte, aus dem dünne Speichelfäden herunterrannen. Ja, sie fand es heiß und geil, von zwei Männern begehrt zu werden, und spürte, wie der Orgasmus langsam in ihr hochkroch, doch Cevin war schneller, drückte sie leidenschaftlich an die Wand und knutschte sie heftig ab, zog an ihren Haaren, als er zum Höhepunkt kam. Auch der Typ spritzte ab und sein Sperma fiel auf den Boden und befeuchtete seine Finger. Am liebsten hätte Mina seine Finger und seine Hände abgeleckt. Sie mochte Sperma. Cevin ließ von ihr ab und brachte sie zum Orgasmus, indem er an ihrer Klit rieb. Mina kam heftig. Dann küssten sich beide innig und als sie die Augen öffnete und zu dem Typen hinübersah, war dieser bereits verschwunden. Stattdessen tauchte eine Putzfrau auf und reinigte den Boden. Cevin und Mina blickten sich an und lachten, fielen sich in die Arme. Sie liefen aus dem kleinen Kabuff.
Oben war es feucht, da ein kleiner Highlight-Regen einsetzte und die tanzende geile Masse nass machte. Er war lauwarm. Cevin und Mina liefen lachend aus dem Raum, an den Umkleidekabinen vorbei, gingen sie in eine kleine Lounge. Sie nahmen sich einen antialkoholischen Cocktail und ließen sich auf das Sofa fallen. Sie guckten sich um, ob jemand wild herumknutschte. Anscheinend gab es Codes, zwar saßen nackte Körper auf der Couch, aber sonst blieben alle brav. »Hast du Hunger?«, wollte Cevin wissen. »Nein, nur Durst.« Sie trank aus ihrem großen Jumbo-Becher ihren Cocktail und ließ sich seufzend nach hinten fallen.
»Du bist abgegangen wie ein Zäpfchen!« Cevin lachte und schmiss sich zu seiner Freundin.
»Sagt grad die Richtige.«
»Hast du den Typen gesehen?«
»Na klar!«
»Sag mal, du fandst ihn schon geil …«
»Bist du eifersüchtig?«
»Na, klar!« Lachend fiel Cevin über Mina her und umarmte sie. »Du gehörst mir!«, sagte er und biss ihr in den Nacken. Mina schrie lachend auf.
Okay, Cevin, ich geb’s zu. Ich hab das, was du mir über euren frivolen Spaß in Raum 5 erzählt hast, ein bisschen aufgepimpt. Wie auch den Rest unserer Geschichte. Ich konnte nicht anders, meine Fantasie ist ein bisschen mit mir durchgegangen. Ich hoffe, das geht klar.
Kapitel 2
Cevin und Mina eilten in Raum 4 und tauchten in diesem unter, ein Raum, der im Vergleich zu den anderen wie ein stuffy, overheated Wohnzimmer wirkte.
Ein kleiner Techno- und Deep-House-Room, dessen rote Samtwände und dunkelbraune Ledersitze cozy Vibes ausstrahlten ... ein seltsamer Kontrast zum wummernden Bass der Musik. Während Raum 5 mit seiner riesigen Tanzfläche und den alles durchdringenden Beats an eine Arena erinnerte, hatte Raum 4 den Charme einer House Party bei einem Bestie.
Ich habe die beiden sofort gesehen, als sie den Room betraten ... ihre Bewegungen waren müde und schlaff, ein bisschen erschöpft die Gesichter … die Augen strichen dennoch aufmerksam über die Menschenmenge. Ich war gut drauf. Mein Drunk Level perfekt. Ich lief direkt auf die beiden zu. Eine halbleere Weinflasche kuschelte sich an meine Hand.
»Sieh an, wen haben wir denn da!«, rief ich und riss die Flasche in die Luft.
Cevin schüttelte nur den Kopf, ein Lächeln hüpfte auf seine Lippen, während Mina ihren Kopf erschöpft an seine Schulter lehnte. Ich grinste, denn ich wusste, was ihr getrieben hattet, Cevin.
»Wie geht’s den beiden Bumskarnickeln? Alles gut?«
Ohne groß auf ’ne Antwort zu warten, schnappte ich mir Minas Hand und zog sie auf den Floor. Wir drängten uns durch die schwitzenden Körper. Der Geruch war allgegenwärtig: Parfüm, Alkohol und der süße Duft von Erdbeerrauch, der in die Luft stieg und der Szenerie eine klebrige Note verlieh. Mina schaute immer wieder zurück, suchte mit ihren Augen nach Cevin. Ich erspähte ihn an der Bar, wo er sich ’ne Cola bestellte und sich sofort den Platz schnappte, den jemand gerade freigemacht hatte. Normalerweise wäre Cevin der Erste gewesen, der auf den Floor stürmte, die Musik durch seinen Körper vibrieren ließ, um sich ganz der pulsierenden Energie hinzugeben. Von der Bar aus ließ er seinen Blick über die Menge schweifen, über die zuckenden Silhouetten, die sich wie Graue Ghost Player im Takt des Basses bewegten. Der Beat war ihr Soundboss, der sie alle zu rhythmischen Zombies machte.
Später fanden wir uns alle in Raum 6 wieder. Ein Labyrinth aus drei riesigen Tanzflächen, die von unterschiedlichen Genres besetzt waren: Schlager, aktueller Pop, Pop der 90er und eine seltsame Mischung aus beidem, vermischt mit House. »Die Musik ist so schrecklich!«, rief Mina lachend, ihr Gähnen verschluckte jedoch das letzte Wort. Seit drei Tagen hingen wir in den Katakomben und im »THE CLUBBB!« ab.
Wir suchten nach Aaron, Lydia, Lola und Elian. Es war keine Überraschung, Aaron und Lydia im Schlagerraum zu finden. Die beiden waren wie festgeschnürt an diesem Ort, gecatcht in einer Endlosschleife aus einer On-Off-Beziehung. Elian switchte zwischen den Räumen hin und her und landete schließlich doch in seinem Lieblingsraum, dem Popraum, während Lola – wie immer – im Schlagerraum einem Typen hinterherjagte. Diesmal war es einer, der aussah, als wäre er direkt aus den 90ern herübergebeamt worden. Baggy-Jeans, ein zu großes T-Shirt mit buntem Donald-Duck-Aufdruck und einer hellblauen Kappe, die er schräg auf dem Kopf trug. Ich musste lachen. Der Typ war weird. Die beiden knutschten wild herum, bis Lola während der Zungenspiele angeekelt das Gesicht verzog, sich von ihm abwandte, und auf mich zueilte.
»Der Typ hat Mundgeruch! Ganz ehrlich, da kann der noch so geil sein ... bei dem Gestank könnte ich ihm direkt ins Gesicht kotzen.« Sie schüttelte sich theatralisch. »Man kann nun mal nicht alles im Leben haben, Maus.« Lola schenkte mir gerollte Augen und ein Achselzucken. Sie umkreiste mich und ging auf Mina zu, die vor Lydia saß und versuchte, diese zu wecken. Lydia lag besoffen in der Ecke. Cevin kam von der Bar auf mich zu und hielt mir ein großes Glas Wasser hin.
»Für deinen Kater. Du wirst es mir später danken!« Er grinste breit und drehte sich zu Aaron um. Ich nahm ihm das Glas Wasser aus der Hand und trank aus diesem. »Dass der noch stehen kann? Ein Wunder!« Cevin hielt eine Colaflasche in der Hand, aus der er trank, und blickte wieder auf mich.
»Du stirbst an einem Zuckerschock, wenn du nicht bald aufhörst, das süße Zeug zu saufen.«
»Ja, Papa. Wir sollten zu ihm.«
Ich stöhnte leise auf. Wir beide stöhnten und zögerten. Wir waren müde und abgeschlagen, weil wir uns ständig mit den Sauforgien der beiden auseinandersetzen mussten. Während Mina und Lola versuchten, Lydia aus ihrer betrunkenen Misere zu befreien, schlenderten Cevin und ich zu Aaron. Er war genauso besoffen wie seine Freundin, hielt sich jedoch deutlich stabiler auf den Beinen.
»Wo ist Elian?«, fragte Cevin, aber Aaron zuckte nur mit den Schultern, sein Blick glitt über unsere Köpfe hinweg. Ich folgte diesem und sah Mina und Lola dabei zu, wie sie die inzwischen wache Lydia mehr oder weniger aus dem Raum trugen. Aaron seufzte und wollte einen Shot trinken, den ihm Cevin aus der Hand riss.
Wir verließen den Room und landeten schließlich im Straßenverkehr der Katakomben. Wir liefen die Straße entlang. Unter der Erde galten dieselben Regeln wie oben, selbst hier an der Kreuzung warteten wir brav, bis die Ampel auf Grün schaltete. Die Szenerie wirkte surreal, fast wie aus einem Film. Wir gewöhnten uns an die dunkle Tunnelatmosphäre. Beim ersten Betreten hatte sie bedrohlich gewirkt. Ich bildete mir ein, keine Luft zu bekommen, und schnappte laut nach dieser. Es fühlte sich an, als wären wir nicht in den Katakomben, sondern in einem Tunnel tief unter dem Ocean ... mit Haien und Walen, die über uns hinwegschwammen, und dunklen Wassermassen, die wie ein drohender Tsunami jeden Augenblick über uns hereinbrechen könnten.
Wir gewöhnten uns an diesen Ort. Die Katakomben hatten etwas Unwirkliches, etwas Fantastisches. Der Tunnel zog sich in perfekter Symmetrie dahin. Es war, als würde sich der Raum in eine unbekannte Dimension bewegen … die Straßen, die sich durch die Tiefe schlängelten, puh ... über unseren Köpfen zogen U-Bahnen hinweg, doch ihre Geräusche waren gedämpft, als ob das Mauerwerk sie verschluckt hätte. Die Wände vibrierten leicht, doch es fühlte sich nicht störend an, eher wie ein Herzschlag, der diesen unterirdischen Ort lebendig hielt. Die Katakomben atmeten und lebten.
Wir stolperten in ein Restaurant. Die beiden zerstörten Gestalten (Aaron und Lydia) gierten nach ungesundem Fraß. Ein XXL-Schnitzel, eine Currywurst, irgendetwas matschiges Süßes. Wir bestellten die Karte rauf und runter. Cevin schnappte sich ein halbes Hähnchen und schob es sich genüsslich in den Mund. Er grinste breit, als Mina ihn mit einem »Hä? Blick« musterte.
»Darfst du sowas überhaupt noch essen? Bei deinem straffen Fitnessplan?« Er lachte und nickte.
»Natürlich. Ich bin doch kein Kaninchen. Jetzt, wo dieser ganze vegane Scheiß endlich durch ist, hole ich nach, was ich verpasst habe.«
Wir lachten alle, selbst Lola, die Hardcore Veganerin, die gerade an ihrem Salat aß, musste mitlachen. Mina bestellte sich auch einen Salat, jedoch mit Hähnchenbrust. Ihre Bewegungen waren immer noch zögerlich, aber sie machte Fortschritte. Sie verzog nicht mehr das Gesicht, als würde sie jeden Bissen mit Würgen runterkämpfen müssen, als würde sie Scheiße fressen.
Lydia hingegen schlang ihr Essen in Rekordtempo herunter und klaute dann mit einem frechen Grinsen Aarons Schnitzel. »Hey!«, rief er, aber sein Protest ging im allgemeinen Gelächter unter. Das Öl des Schnitzels tropfte von ihren Fingern, während sie genüsslich hineinbiss und triumphierend die Augen schloss. Ihre theatralische Grimasse brachte uns alle zum Lachen, so wie immer. Das war halt unser Leben: laut, lächerlich, ein bisschen kaputt, aber echt. Nach dem Essen fiel Lydias Kopf auf den Tisch. Sie war müde und erschöpft.
»Wir schlafen heute Nacht nicht hier«, warf Mina ein, und ich stimmte ihr wortlos zu. Ich hatte keinen Bock auf die Kabinen und wollte in meinem Bett schlafen.
»Ich auch nicht«, sagte Lola.
Lydia hob langsam den Kopf, sah uns kurz an, und ließ ihn dann wieder auf den Tisch knallen. »Wir bleiben«, nuschelte sie.
»Ich bleib auch«, hörte ich Aaron.
Dann ging die Tür auf, und ich wusste bereits, wer reinkam. Elian, der mit seinen zwei Metern Körpergröße schwer zu übersehen war. Sofort drehten wir uns alle zu ihm um. Ohne ein Wort schnappte er sich Lydia und hob sie hoch auf seine Arme. Sie ließ es geschehen und hing schlaff an seinem Körper. »Ich bleibe bei den beiden«, hörten wir seiner tiefen Stimme zu, standen auf und marschierten raus.
Die Ruhepods standen alle in einer Reihe, fast wie elegante, kompakte Hotelsuiten. Die Schlafkabinen waren schlicht, aber gemütlich. Ein weiches, blaues Licht tauchte den Raum in sanftes Blau und machte alles irgendwie chillig. In der Mitte stand ein großes Bett, frisch bezogen und einladend. Man hatte Lust, sich sofort auf die Matratze zu werfen. An der Wand war ein kleiner Schrank befestigt. Die Duschen und Klos waren draußen. Es gab keinen unnötigen Luxus.
Nicht alle durften in den Katakomben übernachten, nur die mit dem richtigen Score. Wir hatten die Freigabe für zehn Tage im Monat, konnten dort abhängen und auch schlafen. Aber es gab Leute, die keine Erlaubnis für die Übernachtung bekamen, und welche, die gar keinen Zugang hatten, Straffällige oder Verräter. Wer einmal auf der Verbotsliste gelandet ist, kam nie wieder von dieser runter.
Vorsichtig legte Elian Lydia aufs Bett, wo sie sich sofort wie ein Kind zusammenkugelte. Er warf einen Blick auf Aaron.
»Ich bin in der Kabine nebenan«, meinte er, bevor er hinzufügte und auf mich blickte: »Ich schnapp mir deine Kabine, wenn das okay ist, Lin.« Ich nickte nur. Elian war einfach so ... Verantwortung übernehmen, lag ihm im Blut. In seiner Stimme lag dieser typische Ton, den er immer hatte, wenn er die Rolle des Aufpassers übernahm. Elian war unser Schutzengel.
»Ich hab keinen Bock, dass ihr beide wieder Mist baut«, schob er nach und musterte Aaron, der ein bisschen beschämt auf den Boden guckte. Damals hatten Lydia und Aaron sich so heftig abgeschossen, dass sie halbnackt und völlig benebelt aus dem Club getorkelt waren. Die DESR – Deutsche Elite Security Robotics 2365 hatte sie aufgelesen und verwarnt. Glück gehabt. Noch so eine Aktion, und die DESR 2365 hätten sie aus den Katakomben gekickt.
Elian hatte immer alles gut im Griff. Man merkte ihm an, dass er der Große von fünf Geschwistern war. Zwei davon (Zwillinge) sind irgendwann abgehauen und bauten richtig Mist. Die Abtrünnigen. Solche kleinen egoistischen Wichser. Elian hätte wegen denen alles verlieren können, aber das war ihnen offensichtlich egal. Jetzt saßen sie irgendwo im Untergrund und spielten die Revoluzzer. Man sah’s ihm an, dass ihn das fertig machte, auch wenn er nie ein Wort darüber verlor. Trotzdem, wir alle wussten, dass Elian die beiden kleinen Arschlöcher ohne zu zögern wieder aufnehmen würde, wenn sie ankämen und Reue zeigten. So tickte er eben. Sogar ohne Reue würde er sie akzeptieren.
Nicht mal mir war er böse, obwohl ich ihm damals seine Freundin ausgespannt hatte. Ich war 18, dachte, ich wäre der King schlechthin und könnte mir alles erlauben. Die Lovestory hielt natürlich nicht lange, keine zwei Monate, und das Ding war durch. Elian meinte nur: »Wundert mich jetzt gar nicht«, und damit war das Thema für ihn abgehakt. Trotzdem blieb ich einer seiner Besties.
Wir verabschiedeten uns von den dreien, na ja, eigentlich nur von Aaron und Elian, weil Lydia von dem ganzen Abschied null mitbekam. Sie schlief bereits tief. Dann machten wir uns auf den Weg raus aus der Kabinenreihe, schlappten zum Aufzug, stiegen ein und fuhren nach oben. Am Ausgang wurden wir gescannt, und (leider) zurück in die Realität entlassen. Die Realität und ich ... wir waren nie best Buddys. Als die Tür aufging, strömte uns die Nachtluft entgegen. Frisch, klar, fast wie ’ne fette Faust auf dem linken oder rechten Wangenknochen. Es war drei Uhr morgens, die Stadt lag still, und ich spürte, wie die Energie smooth aus meinem Körper wich, als würde ein unsichtbarer Magnet sie aus mir herausziehen. Lola drehte sich einmal im Kreis, breitete die Arme aus, als würde sie gleich abheben.
»Sollen wir die U-Bahn nehmen?«, fragte sie, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.
»Können wir uns eh nicht leisten, nach den ganzen Fressorgien da unten in den letzten Tagen«, murmelte ich.
Lola blieb stehen, schaute uns an und grinste. »Dann laufen wir halt. Die Luft hier ... riecht ihr das? Sie ist so ... real. Ich kann sie schmecken.«
Mina und ich warfen uns einen Blick zu, verdrehten die Augen und kamen aus dem Grinsen nicht mehr raus. Dieses esoterische Gelaber kannten wir von Lola bereits.
Und so liefen wir. Schritt für Schritt, durch die leeren Straßen und keine einzige Gestalt störte uns. Keiner lief uns über den Weg. Die Stadt wirkte wie eingefroren, komplett still, als hätte sie für ein paar Stunden einfach den Breakknopf gedrückt. Die Straßenlampen warfen ihr schummriges Licht auf die leeren Gassen, und die Häuser standen wie desinteressierte Theaterzuschauer da. Die Straßen waren leer, die Fenster pechschwarz, und doch schwebte etwas im dunklen Himmel herum, eine stille Erwartung, als würde die Stadt nur darauf warten, wieder in Bewegung zu kommen, sobald der Morgen anbrach. Es fühlte sich an, als hätte die City mal kurz die Augen geschlossen. Doch hinter den Fenstern schlummerte das Leben, versteckt hinter dicken Vorhängen, bereit, beim ersten Sonnenstrahl wieder durchzustarten. Ich wollte es fühlen, dieses Hier und Jetzt, wollte es aufsaugen, aber nichts. Der Rausch der Katakomben war verflogen. Jetzt, draußen in der kühlen Nacht, kroch die Realität zurück in meinen Kopf ... kalt, schwer, gnadenlos. Mein Optimismus, falls ich überhaupt je welchen besaß, wurde von der Dunkelheit aufgefressen.
Da war er wieder, mein ständiger Begleiter: der Pessimismus. Eine Dunkelheit, die mir wie ein perverser Stalker folgte, als würde er nur darauf warten, mich zu kannibalisieren. Der Stalker war ich selbst. Es fühlte sich an, als wäre ich fürs Glück nicht gemacht. Dieses Gefühl war kein flüchtiger Gedanke. Es war wie eine konstante Präsenz, ein Gewicht, das jede Faser meines Lebens besudelte. Während andere lachten und sich treiben ließen, blieb ich wachsam, wachsam bis zur Paranoia, mit dem unerschütterlichen Gefühl, dass das Leben nur darauf wartete, zuzuschlagen. Egal, wie gut die Dinge liefen, ich wartete immer auf den nächsten Knall, auf das nächste Unglück, das über mich hereinbrechen sollte.
Cevin war da anders. Er konnte das Leben einfach so nehmen, wie es war ... roh, ungefiltert, ohne VHS-Filter und ohne den Rausch der Katakomben. Ich bewunderte ihn dafür, ehrlich. Dass er lachen konnte, dass er mit all dem klar kam. Vielleicht hatte seine beschissene Kindheit ihn stark gemacht. Während ich bei jedem Windstoß wackelte, stand er da und grinste einfach, als würde er der Welt seinen nackten Arsch ausstrecken und auf diese scheißen. Der Vater (alleinerziehend, drogenabhängig, ein Wrack von einem Mann) hatte den kleinen Cevin fast im Bettchen verhungern lassen, als er gerade mal drei Jahre alt gewesen war. Später wurde es nicht besser. Statt zur Schule zu gehen, streifte Cevin durch Supermärkte, klaute Brötchen, irgendetwas Essbares, nur um durch den Tag zu kommen, bis eine Kassiererin das Jugendamt rief. Und trotzdem … Cevin hatte diese unfassbare Fähigkeit, sich über die kleinsten Dinge zu freuen. Als ob er das Elend irgendwie abgeschüttelt hätte. Nicht so aufgesetzt wie Lola, die mit ihren 2.000 »peoplejoyfun«-Followern ständig auf spirituell machte. »Manifestier dir dein Glück!«, faselte sie, immer mit einem Fake-Lächeln, als könnte sie den Dreck in ihrem Leben einfach so wegradieren. »Belüg dich selbst, bis die Happiness kommt«, war wohl ihr verdammtes Mantra. Mina war irgendwo dazwischen. Bei ihr lagen Glück und Unglück so nah beieinander, dass es manchmal schwer war, zu erkennen, in welchem Gefühlszustand sie gerade herumtaumelte.
»Okay, ich bieg jetzt ab«, sagte ich zu meinen Besties. Ich verabschiedete mich und freute mich auf meine winzig kleine Wohnung. Ich war der Einzige von uns, der eine eigene Flat hatte.
Kapitel 3
Cevin, Mina und Lola betraten ihre kleine 40-Quadratmeter-Wohnung. Cevin und Mina teilten sich ein Zimmer, es war unordentlich.
Im anderen Zimmer schliefen Elian und Lola ... Etagenbett, Elian oben, Lola unten. Ordentlicher, aber trotzdem beengt. Eine winzige Küche, in der sich benutztes Geschirr stapelte, der Kühlschrank fast leer, bis auf ein paar Colaflaschen und eine Packung Instant-Nudeln. Das Bad: schmale Dusche, Zahnpasta-Flecken im Waschbecken, Handtücher auf dem Boden. Ein Klischee, das bald ein Ende nahm. Vier Leute, eingepfercht auf engstem Raum. Jetzt, wo der Umzug vor der Tür stand, hattet ihr keinen Nerv mehr, in eurer Flat noch Ordnung zu schaffen. Früher war eure WG halbwegs bewohnbar, sogar gemütlich. Aber seitdem die Happiness uns endlich ihre Attention schenkte, habt ihr euch nicht mehr die Mühe gemacht, eure Wohnung sauber zu halten. Euer Adrenalinkick ließ nach und die Müdigkeit fiel auf euch herab. Keiner redete mehr. Ihr ließet euch aufs Bett fallen, und wart weg.
Um 10 Uhr, am nächsten Morgen, hämmerte jemand an eure Tür, während in euren Zimmern eure Smartphones vibrierten und piepsten. Cevin schreckte hoch, blinzelte, dann fiel es ihm plötzlich ein.
»Shit, die Koffer!«, murmelte er und sprang aus dem Bett. Mit zittrigen Fingern fummelte er an seiner digitalen Uhr herum, tippte auf dem Chip, bis die Tür entriegelt wurde. Noch bevor sie sich ganz öffnete, stürmte er ins Nebenzimmer, riss die Tür auf und beugte sich über Lola, die tief schlief.
»Aufstehen!« Er rüttelte an ihr. Sie seufzte nur genervt, murmelte etwas Unverständliches und drehte sich auf die andere Seite.
Draußen hörte er, wie Mina mit dem Robotic-Lieferanten sprach. Ein dumpfes Poltern, ein metallisches Piepen ... der Scan an ihrer digitalen Uhr. Dann ein leises Surren. Die Koffer waren da. Cevin eilte hinaus und steuerte auf die Eingangstür zu. Er warf einen Blick auf die vier riesigen Glaskonstruktionen, die im Flur standen, fast durchsichtig, mit schimmernden Interfaces auf der Oberfläche. Man konnte die verpackte Kleidung, Technik und all das Zeug darin sehen. Mina klatschte in die Hände. »Schau, unsere Namen stehen drauf!« Cevin trat näher und las die holografisch aufleuchtenden Namensfelder an den einzelnen Glaskoffern: Cevin Brandmeier, Mina Lorath, Elian Bahlan, Eloisa Linnart.
»Ich dachte, die bringen die erst kurz vor knapp«, meinte Cevin.
»Wahrscheinlich wäre das zu knapp gewesen«, antwortete Mina grinsend und fiel Cevin in die Arme. Der Robotic drehte sich um und verschwand im Treppenhaus. Mina jubelte an Cevins Ohr, hüpfte auf und ab und küsste ihn auf die Wange. Da schlurfte Lola aus ihrem Zimmer. Torkelnd, Smartphone in der Hand, verschlafen und verkatert, aber trotzdem wunderschön, wie immer. Sie zückte das Handy, knipste sich selbst, und anschließend die Koffer.
»Ist das nicht ein bisschen zu privat?«, fragte Cevin, während Lola bereits die nächste Story auf »peoplejoyfun« hochlud. »Ich hab nur meinen abfotografiert«, entgegnete sie, und scrollte weiter. Dann, ohne den Blick vom Screen zu wenden: »Ist Elian schon da?«
Keiner antwortete.
»Wer will zuerst ins Bad?«, fragte sie, hob den Kopf und blickte fragend auf Mina und Cevin.
Cevin und Mina ließen sich treiben, während sie durch die Straßen schlenderten.
»Was pack ich bloß ein?« Die Koffer hatten ein strenges Gewichtslimit. Alles, was darüber lag, musste zurückbleiben, wie Möbel, altes Zeug aus dem Keller, viele Erinnerungen …
»Vielleicht nehm ich gar keine Klamotten mit. Einfach ’nen leeren Koffer als Zeichen?«
Cevin lachte. »Und was ziehst du an? Willst du nackt rumlaufen?«
»Wir kriegen doch Geld, oder?«
»Wer sagt das?«
»Hab ich gehört.«
»Tja, auf peoplejoyfun
Wir waren Paradies
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