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»Was wir wollten? Fürs Erste das, was der anderen Hälfte der Bevölkerung allein durch ihre Geburt zugestanden worden war.« In ihrem für den Booker-Preis nominierten Roman beleuchtet Selby Wynn Schwartz ein zu Unrecht vergessenes Kapitel feministischer Geschichte: Von der italienischen Frauenrechtlerin Lina Poletti über Colette und Sarah Bernard bis zur großen Virginia Woolf verknüpft sie Schicksale historischer Persönlichkeiten zwischen Italien, Griechenland, London und Salons in Paris. Ihre übersprudelnd kreative fiktionalisierte Biografie folgt den Erlebnissen einer Gruppe genialer Feministinnen, Queers, Künstlerinnen und Schriftstellerinnen der Jahrhundertwende, die sich allesamt nicht ins Frauenbild ihrer Zeit fügen wollen, auf ihrem Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung. Wie ein Leuchtturm steht die antike Dichterin Sappho über alledem, ihre Lyrik dient den Protagonist*innen als Vorbild und Inspiration. Schwartz' vielstimmiger, episodenhafter Roman macht mit seiner poetischen Sprache lesbische und feministische Geschichte auf einzigartige Weise greifbar. Er würdigt Pionier*innen der Vergangenheit und ist zugleich hochaktuell und gibt Hoffnung für die Zukunft.
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Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhalt
[Cover]
Titel
Widmung
Motto
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Nachworte
Bibliografische Angaben
Danksagung
Autor:innenporträt
Übersetzer:innenporträt
Kurzbeschreibung
Impressum
Widmung
A tuttǝ voi che siete Lina Polettiwas bedeutet: für euch alle,die ihr Lina Poletti seid.
Motto
Albertines Probleme sind (aus Sicht des Erzählers)a) ihre Lügen,b) ihr Lesbischseinund (aus Albertines Sicht)c) ihr Gefangensein im Haus des Erzählers.– Anne Carson,
Albertine. 59 Liebesübungen.
Prolog
Sappho, ca. 630 v. Chr.
Als Erstes änderten wir unsere Namen. Wir wollten Sappho heißen.
Wer aber war Sappho? Das wusste niemand, nur dass sie eine Insel besaß. Sie war umgeben von jungen Frauen. Selbst wenn sie unglücklich war, konnte sie sich zum Essen setzen und der Frau, die sie liebte, direkt in die Augen schauen. Wenn sie sang, so sagt man sich, war es wie ein Abend am Flussufer, an dem man im Moos versinkt, während sich über einem der Himmel ergießt. All ihre Gedichte waren Lieder.
Wir lasen Sappho in der Schule, der Unterricht sollte uns eigentlich poetische Metren lehren. Nur wenige Lehrkräfte erahnten, dass sie unsere Adern mit Kassia und Myrrhe durchtränkten. Nüchtern fuhren sie mit dem Aorist fort, während wir in uns spürten, wie die Blätter der Bäume im Licht erzitterten, alles schimmerte, alles bebte.
Wir waren damals zu jung, um uns jemals begegnet zu sein. In den Gärten hinter unseren Häusern lasen wir, so viel wir konnten, befleckten unsere Kleider mit Schmutz und Pinienharz. Einige von uns wurden für ihren Abschluss an ferne Schulen geschickt, damit wir ihn gebührlich zu Ende brachten. Aber es war nicht unser Ende. Es war kaum ein Anfang. Jede von uns verweilte an ihrem eigenen Ort, suchte in den Gedichtfragmenten nach Worten für das, was es war, dieses Gefühl, das Sappho aithussomenon nennt, die Art und Weise, wie Blätter sich bewegen, wenn nichts als das Nachmittagslicht sie berührt.
Zu dieser Zeit gab es noch keine Bezeichnung für uns, daher schätzten wir jedes Wort, egal, wie viele Jahrhunderte alt es war. Um von den nächtlichen Riten der pannuchides zu lesen, blieben wir die ganze Nacht wach; Sapphos sizilianisches Exil lenkte unseren Blick aufs Meer. Wir schrieben Oden an Kleeblüten und errötende Äpfel oder malten auf Leinwände, die wir beim leisesten Geräusch mit der Vorderseite zur Wand drehten. Ein Blick zur Seite, ein zögerliches Lächeln, eine Hand, die knapp über dem Ellbogen auf unserem Arm ruhte: Wir hatten die Verse für solche Momente noch nicht verinnerlicht. Oder es gab so oder so bloß Versfragmente, die wir hätten anbringen können. Von den neun Gedichtbänden, die Sappho geschrieben hat, haben nur wenige Daktylusfetzen überlebt, wie Fragment 24C: wir leben / gegenteilig / wagend.
Eins
Cordula Poletti, geb. 1885
Cordula Poletti wurde als eine von vielen Schwestern geboren, von denen keine sie verstand. Von klein auf fühlte sie sich von den nach außen grenzenden Bereichen des Hauses angezogen: dem Dachboden, dem Balkon, dem Fenster zum Garten, das von den Ästen einer Fichte gestreift wurde. Bei ihrer Taufe strampelte sie sich aus den Decken frei und krabbelte durchs Kirchenschiff. Sie lang genug eingewickelt zu halten, um ihr einen Namen zu geben, war unmöglich.
Cordula Poletti, ca. 1896
Wann immer sie konnte, nahm sie das Lateinlehrbuch aus der Biblioteca Classense und setzte sich in einen Baum nahe dem Friedhof. Im Haus riefen sie: Cordula, Cordula! Doch niemand antwortete. Als sie Cordulas Röcke auf dem Boden fand, war ihre Mutter ganz und gar verzweifelt ob der Zukunftsperspektiven ihres Kindes. Welcher rechtschaffene Bürger aus Ravenna würde schon ein Mädchen heiraten, das in Unterwäsche einen Baum hinaufkletterte? Ihre Mutter rief: Cordula, Cordula? Aber im Haus war niemand, der auf diese Frage hätte antworten können.
X, 1883
Zwei Jahre vor Cordulas Taufe veröffentlichte Guglielmo Cantarano seine Studie über X, dreiundzwanzigjährig, italienisch. Bei bester Gesundheit zog X pfeifend durch die Straßen und beglückte eine Reihe von Freundinnen. Selbst Cantarano, der dies verurteilte, musste zugeben, dass X ausgelassen und freigebig war. X konnte klaglos anpacken oder einen ganzen Raum zum Lachen bringen. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, was X nicht war. X war keine duldsame Hausfrau. X blieb von schreienden Säuglingen gänzlich unberührt, trug keine Röcke, die die Bewegungsfreiheit einschränkten, hatte keine Sehnsucht danach, vom heißen Atem eines jungen Mannes erfasst zu werden, fand kein Vergnügen in der Hausarbeit und besaß nicht die züchtige Bescheidenheit jungfräulicher Damen. Was auch immer X war, schrieb Cantarano, musste um jeden Preis verhindert werden.
So wurde X in eine Anstalt gesperrt und italienische Mütter wurden aufgefordert, bei ihren Töchtern auf Anzeichen von Verirrung zu achten. Auch jene mit normalen Brüsten, stellte Cantarano heraus, würden womöglich so werden wie X, denn selbst die offenbar standardgemäßen Geschlechtsmerkmale von X hatten nicht den Versuch vereitelt, spätnachts das eigene Familienhaus in Brand zu setzen.
C– Poletti, ca. 1897
Sie verschloss die beharrlichen Stimmen ihrer Familie im Haus und kletterte auf ihren Baum. Von ihrer beblätterten Zuflucht aus blickte sie hinab auf den Friedhof. Die Gräber der Dichter waren mit Lorbeer umkränzt und mit glorreichen Versen versehen, während die Gräber der einfachen Leute als einzige Errungenschaft die Namen der gezeugten Kinder oder der hinterbliebenen Ehepartner verzeichneten. So viele Tode im Kindbett, stellte sie fest, und so wenige durch Schiffbruch.
Ihr Geist war ein Wirrwarr aus lyrischen Oden und unkonjugierten Verben. Jede von Ovids Zeilen verlangte ein Herausarbeiten dessen, durch wessen tapfere Hand welches Objekt die Handlung ertrug. Jedes Epitheton, zurückgeführt auf seine Quelle, offenbarte das göttliche Wirken hinter den Kulissen des menschlichen Lebens: auf ihrem Baum laut raschelnd die Götter, Eulen, geflügelten Schlangen. Nachdem sie das Lateinlehrbuch durchgearbeitet hatte, beschäftigte sie sich mit dem Griechischen. Sie blieb bis spät in die Nacht auf, hingerissen, entrückt. Es wurde immer klarer, dass sie gar nicht Cordula war.
Lina Poletti, ca. 1899
Zum Ende des Jahrhunderts änderte sie ihren Namen. Cordula klang ohnehin wie ein Knäuel aus Seilen. Lina dagegen war eine flinke, schlanke Linie, eine Hand, die über eine Knopfreihe streicht. Lina war es, die Sappho lesen würde.
Lina lebte mit ihrer Familie auf der Via Rattazzi, nicht weit entfernt vom Grab Dantes. Ein Grab ist ein toter Ort in der Erde. Darauf steht ein Stein, darin winzige Einkerbungen, die Wörter ergeben. Lina blieb bis spät in die Nacht auf, um Verse für den Grabstein zu schreiben. Nicht für Dante selbst, der seit 1321 tot war, sondern für jene Einschnitte, die Worte auf unveränderlicher Materie hinterlassen.
Erst viele Jahre später würden wir von Lina Poletti erfahren. In ihrer Kindheit blieb sie allein, ihre einzigen Gefährten die erhabenen Sternbilder des Abendhimmels. Cordula, Cordula!, schallte es durchs Haus, doch Lina hörte bloß das Schweigen der Sterne. Mit der Zeit sollte sie lernen, Sappho ohne Wörterbuch zu übersetzen. Sie würde feststellen, dass sie eine von uns war. Doch zu jener Zeit grenzte es an ein Wunder, dass Lina, anders als X, nicht ihr Elternhaus in Brand setzte.
Lina Poletti, ca. 1900
Als das Jahrhundert sich wendete, übertraf Lina Poletti ihre Klassenkameraden in klassischen Fächern, von der Rhetorik bis zur elegischen Dichtung. Mehr noch, sie hielt Abstand, wenn sie sich paarweise auf den Heimweg machten oder einander derbe Reimfetzen an den Kopf warfen. Lina ging allein zur Biblioteca Classense und notierte sich die verschiedenen Verwendungsweisen des Genitivs.
Der Genitiv ist ein Kasus, der die Abhängigkeit zwischen Substantiven beschreibt. Oft wird der Genitiv als Besitz definiert, als gäbe es nur eine mögliche Beziehung zwischen zwei Substantiven, und zwar die des Gehörens – wie gierig. Tatsächlich gibt es auch einen Genitiv des Erinnerns; ein Substantiv denkt andauernd an ein anderes, weigert sich, es zu vergessen.
Sappho, Fragmente 105A und 105B
Sappho schreibt von jungen Frauen: von jenen fügsamen, die ihr Haar züchtig zusammenbinden, von jenen Goldkindern, die bereitwillig ins Hochzeitsgemach verschwinden, und von jenen, die wie in Bergen Hirten die Hyazinthen / treten, bis der purpurne Boden ganz aus Blüten. Ein ganzes Buch Sapphos besteht aus Hochzeitsliedern; wie die Hyazinthen in den Bergen hat keines überlebt.
Für die Mädchen, die nicht von Männerfüßen zertrampelt werden wollen, empfiehlt Sappho den äußersten Ast des höchsten Baums. Es gibt immer diesen einen Ast, schreibt Sappho, derart hoch,dass Pflücker ihn vergaßen – / nein, Vergessen nicht ist’s: ihn nicht erreichen können.
Linas Vater verdiente sein Geld mit dem Verkauf von Tontöpfen. Er, der vier Töchter zu unterhalten hatte, sah in ihrer Verehelichung eine Notwendigkeit wie im Austausch von Kurzwaren. Eine Vielzahl an Töchtern war eine Belastung und es gab keinen Markt für junge Frauen, die nicht gefügig waren.
Wann immer Linas Mutter sie rief, Cordula, Cordula!, um die Aussteuer aus Leinen für ihre Mitgift zu besticken, war Lina bereits woanders. Sie war am Ende des Griechischlehrbuchs angelangt, hatte sich in einer abgelegenen Ecke in der Biblioteca Classense niedergelassen, sie war aus dem hinteren Fenster hinaus- und auf eine Pinie geklettert, um Gedichte aus einem weniger verwickelten, stofferstickten Zeitalter zu lesen.
Wie wir uns Lina in diesen Jahren vorstellten: mit hohen Knöpfstiefeln und gelehrten Zitaten. Was sie über ihren Stiefeln trug, ließ sich kaum als Rock bezeichnen. So war Lina Poletti eben, sie konnte das Offensichtliche dürftig und unerheblich erscheinen lassen. Sie hatte ihre eigenen Methoden, dem Jahrhundert zu entfliehen.
Sappho, Fragment 2
Ein kletisches Gedicht ist eine Anrufung: Hymne und Flehen zugleich. Es verneigt sich in Ehrerbietung vor dem Göttlichen, das stets schillert und scheint, und ruft gleichzeitig aus: Wann kommst du her? Warum ist dein Strahlen meinem Blick so fern? Du fällst durch die Zweige, während ich bei den Wurzeln schlafe. Du ergießt dich wie das Licht eines Nachmittages und doch verweilst du irgendwo, außerhalb des Tages.
Wenn Sappho diejenige beschwört, die bleibt und doch dringlich, aus großer Entfernung, gerufen werden muss, schreibt sie von aithussomenon, dem leuchtenden Erzittern der Blätter im Moment der Erwartung. Eine Lyrikerin lebt immer in kletischer Zeit, ganz gleich, in welchem Jahrhundert. Sie ruft, sie wartet. Sie legt sich im Schatten der Zukunft nieder und dämmert zwischen deren Wurzeln. Ihr Kasus ist der Genitiv des Erinnerns.
Lina Poletti, CA. 1905
Lina Poletti kämpfte um ihren Platz in der Bibliothek. Sie kämpfte um ihre Zigarette im Caffè Roma-Risorgimento. Sie kämpfte darum, an abendlichen literarischen Treffen teilnehmen zu dürfen. Sie rückte mit entschlossenen Fingern ihre Krawatte zurecht und zeigte sich, immer und immer wieder, unter dem Gemurmel der Piazza Vittorio Emanuele II in der Öffentlichkeit.
Gegen den ausdrücklichen Wunsch ihrer Familie besuchte sie die Universität in Bologna. Sie studierte bei dem angesehenen Dichter Giovanni Pascoli, der ihre Anwesenheit überrascht zur Kenntnis nahm. Er beäugte sie, die ganz offensichtlich in der ersten Reihe des Hörsaals saß, mit gezücktem Stift, bereit. Es gab nicht viele Frauen, die eine Arbeit über die Lyrik von Carducci schreiben wollten. Das pflegten die Menschen über Lina Poletti zu sagen: Sie waren überrascht, sie zu sehen. Es gab nicht viele wie sie. Fürwahr, ihre eindrucksvollen Augen mit dem goldenen Ring um die Pupillen. Sie wirkte verflüchtigt, alchemistisch. Jederzeit hätte etwas in sie fahren und alles verändern können. Wie Sibilla Aleramo uns später erzählen sollte, war Lina eine gewaltige, leuchtende Welle.
Zwei
Rina Faccio, geb. 1876
Als Kind lebte Rina Faccio in Porto Civitanova und tat, was man ihr sagte. Ihr Vater sagte, sie solle in der Buchhaltung seiner Fabrik arbeiten, und das tat sie. Sie war zwölf Jahre alt, pflichtbewusst, mit langen dunklen Haaren.
In der Fabrik wurden täglich Tausende Glasflaschen hergestellt, was die Luft mit eisenhaltigem Rauch erfüllte. Lina wurde mit den Zahlen betraut: wie viel Natriumsulfat auf den Schultern von wie vielen portantini, den Jungen, die acht Stunden am Tag für eine Lira arbeiteten, zum Ofen getragen wurde. In Porto Civitanova gab es keine Schule, und so versuchte Rina, sich selbst beizubringen, wie über all das Rechenschaft abzulegen sei.
Rina Faccio, 1889
1889 erzählte Rinas Mutter ihr etwas ohne Worte, das sie niemals vergaß. Ihre Mutter stand dabei am Fenster und blickte hinaus, das weiße Kleid hing ihr von den Schultern. Mit einem Mal stieg sie aus dem Fenster. Sie stürzte hinab, das Kleid flatterte wie ein Papierschnipsel. Ihr Körper landete stark gekrümmt zwei Etagen tiefer. Das war es, was Rina Faccios Mutter ihr zu sagen hatte.
Nira und Reseda, 1892
Mit Nira änderte Rina zum ersten Mal ihren Namen. Sie wollte für das Lokalblatt der Provinz schreiben, doch hatte Angst, ihr Vater würde es herausfinden.
Als Rina Faccio fünfzehn Jahre alt wurde, entwuchs sie den Anagrammen. Sie wählte den Namen Reseda, weil er sie an recita erinnerte, ein Verb der Schauspielerinnen: Es bedeutet, dass sie eine Figur spielen, ihre Rolle rezitieren. Als ihr Vater im Salon darüber wetterte, dass die Ansichten dieser Flittchen, wer auch immer sie sein mochten, in der Zeitung abgedruckt wurden, sah Rina Faccio von ihrer Stickerei auf, ihr Blick so leer wie eine neue Seite.
Rina Faccio, 1892
Obwohl sie von ihrer Mutter ohne Worte gewarnt worden war, konnte Rina Faccio ihr Schicksal nicht vorhersehen. Gehorsam addierte und subtrahierte sie die Zahlen in der Fabrik und hielt die Buchführung in geordneten Bahnen. Ein Mann, der in der Fabrik arbeitete, zog seine Kreise um sie. Er hatte grobe Hände, die sich um Hebel schlossen, und einen Atem, der ihr den Nacken hinaufkroch. Sie bemerkte ihn nicht, bis die Kreise immer enger wurden, und dann war es zu spät. Ihr Kleid wurde hochgeschoben. Ihre Schreie konnte nur die grobe Innenfläche seiner Hand hören.
Rina Pierangeli Faccio, 1893
Als Rinas Vater erfuhr, dass dieser Mann sie in Besitz genommen hatte, wusste er nichts anderes zu tun, als sie ihm namentlich und urkundlich zu übertragen. Nach italienischem Recht musste eine Tochter auf Geheiß ihres Vaters zur Ehefrau werden. Insbesondere Artikel 544 des Strafgesetzbuches war wie ein eiserner Hebel, der sechzehnjährige Mädchen dazu zwang, genau jene Männer zu ehelichen, die sie zertrampelt hatten.
Im Winter wurde Rina vom einen in den anderen Haushalt übergeben, aschfahl und benommen. Im Haus von Rinas Vater saßen ihre beiden Schwestern schweigend stumm an ihren Stickereien, während ihre Mutter, oder das, was von ihr übrig war, in die Anstalt von Macerata eingeliefert wurde. Es gab keine Worte für das, was im Haus des Ehemanns geschah, dem Rina nun gehörte. Nachdem Rina Pierangeli Faccio ihm ausgehändigt worden war, gemeinsam mit einigem Esszimmermobiliar, zog man die Vorhänge zu. Als sie in den ersten Monaten in fiebrigem Blutschwall eine Fehlgeburt erlitt, fragte sie nicht nach dem Grund. Aber sie spürte in sich einen tosenden Hass auf das Leben aufsteigen: dieses Leben, ihr Leben.
Der Codice Pisanelli, 1865
Die Politiker priesen den Codice Pisanelli als Triumph der Einheit Italiens. Der neue Staat sollte zu seiner vollen Größe heranwachsen, sich über die gesamte Halbinsel erstrecken und die Bevölkerung mit seinen Gesetzen vollständig umfassen. Wie ein Politiker anmerkte: Italien haben wir geschaffen. Jetzt müssen wir die Italiener schaffen.
Der Codice Pisanelli brachte uns Frauen zwei denkwürdige Rechte: Wir durften Testamente verfassen, um unser Eigentum nach unserem Tod zu übertragen, und unsere Töchter konnten von uns erben. Unser Schreiben vor dem Tod schien noch nie so wichtig gewesen zu sein. Jene von uns, die in Italien lebten, überlegten, unseren Töchtern eine Kleinigkeit zu vermachen, die sie gegen eine Zukunft würden eintauschen können.
Rina, 1895
Umgeben von Wäsche und übersät von blauen Flecken gebar Rina Pierangeli Faccio diesem Mann 1895 ein Kind. Es war ein Sohn. Als das Kind zwei Jahre alt wurde, griff sie nach dem Laudanum und leerte das Fläschchen, ohne auch nur ein Wort zu sprechen.
Die Opiumtinktur tötete Rina Pierangeli Faccio nicht, aber sie bedeutete das Ende ihrer Tage als pflichtbewusste Ehefrau. Jene Frau, die sie bis zu dieser Nacht gewesen war, sei tot, sagte sie. Der Arzt verordnete ihr Bettruhe, der Ehemann machte ihr Vorwürfe. Aber Rina wollte ausschließlich mit ihrer Schwester sprechen.
Das war oft das Erste, wenn wir uns veränderten: Wir suchten eine Schwester auf und nahmen das Frühstück bei ihr im Schlafzimmer ein. Oder wir suchten eine Frau in ihrem Zimmer auf, von der wir, wenn nötig, behaupteten, sie sei unsere Schwester. Die Hausangestellten machten große Augen, aber wenn wir beharrlich blieben, wurden uns dort Tee mit Milch und Toast auf einem Tablett serviert, das über die gesamte Breite unseres Bettes reichte.
Dr. T. Laycock, A Treatise on the nervous diseases of Women, 1840
Der angesehene Doktor Laycock aus York, der über nervöse Störungen bei Frauen schrieb, kam nicht umhin festzustellen, dass junge Frauen umso reizbarer und arbeitsscheuer wurden, je mehr sie miteinander verkehrten. Dieser Zustand konnte Näherinnen, Fabrikarbeiterinnen oder jede Frau treffen, die mit einer beliebigen Anzahl an Frauen in Verbindung stand.
Insbesondere warnte er davor, dass junge Frauen nicht in öffentlichen Schulen zusammenkommen könnten, ohne ernsthaft Gefahr zu laufen, Leidenschaften zu erregen und sich zu Praktiken hinreißen zu lassen, die für Körper und Geist schädlich seien. Romane, Geflüster, Gedichte unklaren Ursprungs, allgemeine Schulbildung, gemeinsame Schlafräume: Lasen die Mädchen im Bett, war es nicht mehr weit, bis sie gemeinsam im Bett lasen. Was vielleicht wie geschwisterliche Zuneigung oder Schulmädchenschwärmereien aussehen mochte, sollte als bösartige Vorstufe hysterischer Paroxysmen diagnostiziert werden. In ihren Ausbrüchen waren sie so ansteckend, dass sie ganze Haushalte in Unordnung bringen konnten.
Zusatzartikel des Codice Pisanelli, 1877
Die Rechte, die wir in Italien nicht hatten, waren dieselben, die wir seit Jahrhunderten nicht besaßen und daher nicht wert, sie aufzuzählen. Doch 1877 erlaubte eine Änderung des Codice Pisanelli Frauen, als Zeuginnen vor Gericht geladen zu werden. Auf einmal durften wir legal unterschreiben, was wir für wahr hielten. Unsere Worte, die zuvor immer für fadenscheinig und frivol gehalten wurden, bekamen neues Gewicht, während sie sich auf dem Papier Platz schafften.
Wir bemerkten allmählich, dass die Umrisse der Eingangstüren und Mitgiften aufeinander abgestimmt waren, sodass eine Form durch die andere passte; ein Symbol für die Übereignung der Braut. Keine konnte ihre Ehe verlassen, doch einige von uns erkannten, wie sehr sie unser Leben prägte. Wie ein Politiker es damals formulierte: Die Versklavung der Frau ist in Italien das einzige System, in dem Männer glücklich leben können. Damit meinte er, dass wir selbst die Kleinigkeit seien, die für die Zukunft des Vaterlandes eingetauscht werde.
Drei
Anna Kuliscioff, geb. ca. 1854
Bevor Anna Kuliscioff ihr Leben dem Kampf um die Rechte italienischer Frauen widmete, wurde sie im Süden der Ukraine geboren. Sobald sie alt genug war, um eine grundlegende Vorstellung von Menschlichkeit zu bekommen, fing sie an, diese Prinzipien den Menschen um sich herum zu erklären, wofür sie in mehreren Ländern Europas verbannt, festgenommen und inhaftiert wurde.
1877 ersang sie sich in einem öffentlichen Park in Kiew ihr Abendessen und floh dann mit gefälschten Ausweisdokumenten aus dem Land. Kaum war sie, auf der Suche nach einer illegalen Druckerpresse, in der Schweiz angekommen, tauchte die Polizei auf und stellte gezielt Fragen zu ihrer revolutionären Überzeugung, dass Frauen nicht als Eigentum betrachtet werden sollten.
Sie wurde aus Frankreich ausgewiesen, in Mailand gefasst und in Florenz verhaftet, obwohl es, bis auf ihre eindeutige Unbelehrbarkeit, keine Beweise für ihre Schuld gab. 1881 bekam sie eine Tochter, gezeugt mit einem italienischen Anarchisten. Anna Kuliscioff hütete sich davor, den Mann zu heiraten. Sie hatte andere Pläne.
Anna Kuliscioff, 1886
Anna Kuliscioff war so oft das Ziel von Empörung und Verwünschungen gewesen, dass sie 1884 kaum noch eine Beleidigung registrierte. Sie schrieb sich in der Universität von Neapel ein, um Medizin zu studieren, ungeachtet der Tatsache, dass dies vor ihr noch nie eine Frau getan hatte. Sie interessierte sich für Epidemiologie und die Frage, wieso um alles in der Welt zugelassen wurde, dass so viele Italienerinnen an Kindbettfieber starben. Als sie bei ihrer Abschlussfeier 1886 als Beispiel für die pathologische Perversion von Weiblichkeit angeprangert wurde, hielt Anna Kuliscioff kurz inne, um die korrekte medizinische Definition von ›Pathogenese‹ zu zitieren. Dann nahm sie ihr Zeugnis entgegen.
Die patria potestas
Aus Gründen purer Menschlichkeit stellte sich Anna Kuliscioff gegen den Papst, den russischen Zaren und die meisten italienischen Sozialisten. Es war grotesk, womit diese Männer sich beschäftigten, anstatt sich mit vermeidbaren Infektionen im Kindbett zu befassen. Schlimmer noch, wahrlich bösartig, war das beinahe beiläufige Schinden von Körpern, nahezu ausschließlich denen von Frauen, in den Hinterzimmern der Haushalte, was laut einem bürgerlichen Gesetz namens patria potestas legal war.
Patria bedeutet sowohl ›Vater‹ als auch ›Vaterland‹, und potestas war der feste Knoten ihrer herrschaftlichen Macht, über Frauen, Kinder und im Haus befindliche Güter zu verfügen. Die patria potestas war seit Anbeginn des Römischen Reichs von Vater zu Vater übertragen worden. Durch den Codice Pisanelli wurde sie 1865 an die autorizzazione maritale gebunden, die den Ehemann ermächtigte, seine Frau auf ewig wie ein Kind zu behandeln: Ganz gleich, wie Geist und Körper wuchsen, sie würde in ihrem Vaterland nie als eigenständige Person gelten. Sobald es ihr möglich war, wurde Anna Kuliscioff Ärztin, spezialisiert auf Gynäkologie und Anarchismus.
Dottoressa Anna Kuliscioff, Il Monopolio dell’Uomo, 1890
Irgendwie schaffte es Dottoressa Kuliscioff 1890, zu einer Vorlesung an die Philologische Gesellschaft der Universität Mailand eingeladen zu werden, wo noch nie zuvor eine Frau einen Vortrag gehalten hatte. Für ihren Beitrag wählte sie den Titel Das Monopol der Männer. An einem sonnigen Tag im April nutzte Anna Kuliscioff die Gelegenheit, den Anwesenden zu erklären, warum die Ehe im Grunde genommen eine Erniedrigung der Frauen darstelle. Die Philologen müssten doch wissen, dass patria potestas nichts anderes als der lateinische Ausdruck sei für Väter, die ihre Töchter billig an genau jene Männer veräußerten, die sie vergewaltigt hatten.
Dottoressa Anna Kuliscioff, Critica sociale, 1899
Dottoressa Anna Kuliscioff, von einem Militärtribunal zu mehreren Monaten Haft verurteilt, wurde am ersten Tag des Jahres 1899 aus dem Gefängnis entlassen. Zu Hause erwarteten sie ihre staubigen Bücher, das durch die Fenster fallende Winterlicht und der weißtürmende Anblick des Duomo von Mailand, der seine Herrschaft über die Piazza verkündete. Für die Dauer eines Kaffees ließ sich Anna Kuliscioff auf dem grünen Diwan nieder. Ein neues Jahr war angebrochen; bald würde ein neues Jahrhundert beginnen; und auch wenn die Hälfte der radikalen Sozialisten, die für die Critica Sociale schrieben, noch immer inhaftiert waren, überlegte Anna Kuliscioff, konnte die nächste Veröffentlichung nicht aufgeschoben werden.
Im Rausch von Tinte und Staub schrieb Anna Kuliscioff an alle, die bei der nächsten Ausgabe helfen könnten: Genossinnen, Revolutionäre, Sozialistinnen, Feministen, Schriftstellerinnen, Verleger. Zu Anna Kuliscioffs Kameradinnen zählte auch die sozialistische Revolutionärin, deren feministische Zeitschrift mittlerweile von einer jungen Autorin namens Rina Faccio herausgegeben wurde.
Rina, 1901
Am Abend konnte Rina ungestört lesen oder ins Theater gehen. Im Norden verbreitete sich allmählich der Gebrauch des Wortes femminista, das wie das französische femme klingt, was sowohl ›Ehefrau‹ als auch ›Frau‹ bedeutet. Da wir die Frauen den Ehefrauen vorzogen, hielten wir gebannt Ausschau nach Anzeichen dafür, was die Zukunft bringen würde. Das Theater in Mailand zum Beispiel war derart überfüllt, dass Rina kaum einen Platz darin fand. Sie spielten Ibsens Nora oder Ein Puppenheim, die Geschichte einer Frau namens Nora, die es schafft, endlich keine Ehefrau mehr zu sein. Im letzten Akt verlässt Nora ihr Haus, ihren Ehemann und ihre Kinder. Das Einrasten der hinter ihr zufallenden Tür – ein Geräusch wie das Zuschlagen eines Jahrhunderts.
Eleonora Duse, Nora, 1891
In Italien hatte Nora oder Ein Puppenheim durch die Schauspielerin Eleonora Duse Bekanntheit erlangt. Sie war bereits eine Berühmtheit, als sie 1891 mit zweiunddreißig Jahren melancholisch und entschlossen in ein Theater in Mailand spazierte. Auf der kalten Bühne legte sie Hut und Pelz ab und ließ sich gesenkten Hauptes eine Kette mit schweren Schlüsseln um den Hals hängen, deren Zinken bis zu ihren Oberschenkeln hinabhingen, sodass jeder Schritt, den sie tat, das Geräusch von Schlüsseln und Ketten, Ketten und Schlüsseln machte. Am Premierenabend kosteten die Eintrittskarten das Doppelte des üblichen Preises, trotzdem ächzte das Theater bis hinauf zu den Rängen ob der Vielzahl an Menschen. Als der Vorhang aufging, wurde Eleonora Duse zu Nora.
Rina, Sibilla, 1902
1902 ließ Rina den Mann, das Kind und ihren Namen hinter sich. Sie floh nach Rom und mietete ein kleines Zimmer mit einem Schreibtisch an. Während sie Privatunterricht gab und ehrenamtlich auf einer Krankenstation für mittellose Kinder arbeitete, verliebte sie sich in einen angesehenen Schriftsteller. Als der Schriftsteller sie nach ihrem Namen fragte, sagte Rina, sie heiße Sibilla, nach der Sibylle von Delphi. Ein neuer Name war wie ein leeres Notizbuch; Rina konnte sich darin einschreiben. Mit den frischen Bogen neuer Seiten würde sie schreibend zu Sibilla werden, rätselhaft flüsternd.
Laut dem Codice Pisanelli war ihr Handeln unentschuldbar: Niemandem war es erlaubt, eine Ehe zu verlassen, am allerwenigsten einer Ehefrau und Mutter. Ein Anwalt würde sich nicht einmal aus reiner Barmherzigkeit ihres Falls annehmen. Das Problem von Frau Pierangeli Faccio sei unlösbar, sagte er, sie werde ihr Kind niemals wiedersehen. Ihre alten Namen sollte sie wie Ketten hinter sich herschleifen. Als sie die Kanzlei verließ, entfuhr Sibillas Kehle ein Geräusch wie von Dämpfen, die aus Erdrissen entweichen. Dann widmete sie sich wieder ihrem Schreiben.
Sibilla Aleramo, geb. 1906
Jahre später sollte Sibilla Aleramo behaupten, sie sei 1906 geboren worden, als das erste Exemplar von Una donna in Turin gedruckt wurde. Sie hielt das Buch in Händen. Nicht wie ein Baby. Nicht wie ein Fläschchen Laudanum. Sondern wie einen festen Gegenstand, der ein ganzes Leben fasste. Auf dem Buchrücken prangte ihr neuer Name. Niemand wusste, ob es sich dabei um einen Roman oder eine Autobiografie handelte, aber die Seiten sicherten Sibillas Auskommen, als sie mit dreißig Jahren unerschrocken auf die Welt kam. Es war die Geschichte, die sie sich über sich selbst erzählte, wie eine Sibylle, die ihre eigenen Worte verschlingt.
Sibilla Aleramo, Una donna: Geschichte einer Frau, 1906
Das Manuskript von Una donna wurde anfänglich von einer Reihe Verleger in Mailand abgewiesen, weil es ihnen zu langweilig schien. Es sei ja bloß die Geschichte einer Frau, sagten sie. Es war eine Geschichte, die sie schon kannten, es gab bloß diese eine Geschichte. Sie hatte keinen Spannungsbogen.
Una donna war die Geschichte einer Frau, deren Mutter wie ein Papierschnipsel in einem weißen Kleid aus dem Fenster fällt, deren Körper wie eine Hyazinthe zertreten wird, deren Vater sie wie eine Ware diesem Mann aushändigt, deren Sohn inmitten von Wäsche und blauen Flecken geboren wird. Es war die Geschichte einer Frau, die nicht Nora heißt und der es gelingt, endlich keine Ehefrau mehr zu sein.
Una donna erschien stattdessen in einer kleinen typografischen Agentur in Turin, wo es nahezu unverzüglich von einer großen Leserschaft aufgekauft wurde. Die Verleger in Mailand waren ausgesprochen überrascht, aber als die vernünftigen Geschäftsmänner, die sie waren, sicherten sie sich die Rechte an der Neuauflage des Buches. Vielleicht gab es einen neuen Markt für langweilige Geschichten über Frauen, dachten sie bei sich, oder vielleicht fanden die Frauen, die solche Geschichten lasen, sie aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund interessant.
Congresso nazionale delle donne italiane, 1908
Königin Elena höchstpersönlich nahm im Frühjahr 1908 in einem Rock in kräftigem Blau und einem Hut mit Federschmuck am ersten Nationalen Frauenkongress in Italien teil. Die Preise für Zugfahrkarten waren reduziert worden, damit sich Lehrerinnen, Postangestellte und die Vorsteherinnen der Findelhäuser aus ganz Italien in Rom zusammenfinden konnten, die ehrwürdigen Stufen des Kapitols hinaufzuschreiten und sich unter Gräfinnen und berüchtigte femministe zu mischen. Mehr als tausend Frauen waren anwesend, als die Gräfin Gabriella Rasponi Spalletti bei der Eröffnungszeremonie im freskengeschmückten Sala degli Orazi e Curiazi ihren Vorsitz antrat; zunächst wurde im Garten Tee gereicht, dann nahmen sie sich gemeinsam der Frauenfrage an.
Tatsächlich gab es mehrere Frauenfragen zu klären; die Forderungen der Einwanderinnen waren nicht dieselben wie die der Gräfinnen. Suffragetten wollten das Wahlrecht; Lehrerinnen wollten Leseförderung; die Vorsteherinnen der Findelhäuser wollten Hilfen für unverheiratete Mütter. Doch zwei Forderungen wurden von allen begrüßt: ein Ende der verabscheuungswürdigen autorizzazione maritale und die Regel, dass jeder Mann, der am Congresso teilnahm, nicht über das weitere Vorgehen mitabstimmen dürfe.
Sibilla Aleramo und Lina Poletti, 1908
1908 war Sibilla Aleramo berühmte Schriftstellerin und berüchtigte femminista. Lina Poletti war eine dreiundzwanzigjährige Dichterin mit goldenen Augen, die im marmornen Türbogen des Sala degli Orazi e Curiazi stand und sie beobachtete. Sie waren in Rom, es war April, und überall waren Frauen. Sie saßen in heißen Sitzungssälen und diskutierten über die ihnen zustehenden Rechte. Sogar die Königin war mit Prinzessin Maria Letizia gekommen, um sich über die Bildung von Mädchen zu erkundigen. Anna Kuliscioff ermahnte alle, sich nicht mit der Bildung von Mädchen zu begnügen, wenn sie sich das Recht erkämpfen konnten, die patria potestas abzuwählen ebenso wie die autokratischen Männer, die sie aufrechterhielten.
Eine Dichterin ist eine Person, die auf der Türschwelle stehend in den Raum sieht wie auf ein Meer, in dessen Wellen sie gleich eintaucht. Lina atmete tief ein, hielt die Luft an und schritt durch die Menge, durch Schwärme hervortretender Schultern, aufwallende Gespräche, wogende Röcke; als sie Sibilla endlich erreichte, atmete sie triumphierend aus. Durch den Luftzug in ihrem Nacken wandte Sibilla sich um, und dort war Lina, mit ihren Augen wie geschmolzenes Gold. Eine Dichterin ist eine Person, die unerklärlicherweise vom Ufer fortschwimmt, nur um auf einer Insel zu landen, die sie selbst erfunden hat.
Sibilla und Lina, 1908
Diesmal war es Sibilla, die die ganze Nacht lang wach blieb; fiebrig und poetisch. Von dem Moment an, als sie an Linas Arm die Sala verlassen hatte, wurde die Luft um sie herum vom Geräusch der Blätter erfüllt, die sich wie kleine Flügel an jedem Ast tummelten und wandten, um bloß von allen Seiten zu spüren, was sie zum Erzittern gebracht hatte. Lina selbst war dieses Geräusch in der Luft, schrieb Sibilla, oder vielleicht war Lina das Licht, das geräuschlos all die Blätter gleichzeitig berührte. Lina sprach leise, mit tiefer Stimme, und war nur schwer in Worte zu fassen. Während der Rest von Rom schweigend und stumm schlief, schrieb Sibilla an Lina: Du bist eine gewaltige, leuchtende Welle.
R, ca. 1895
Wie Cesare Lombroso berichtete, zeichnete sich R durch ihr manisches Briefeschreiben aus sowie durch die Art und Weise, wie sie unter den Fenstern von Frauen herumspazierte. Als Kind hatte sich R als Straßenräuber, Bandit oder Kapitän der Bäume am Rande des Parks gesehen. Jetzt, mit einunddreißig Jahren, war R Künstlerin. R trug ihr Haar entschieden kurz und malte in der Früh. Auffällig war, dass R sich weder Mühe gab zu plaudern noch sich zurechtzumachen und sie Männer im Allgemeinen als nichtssagend empfand. Cesare Lombroso, selbst Kriminologe und vom Positivismus geprägt, führte dies auf Rs Eltern zurück: der Vater nervenkrank, die Mutter nachweislich geistesgestört. Ihr Bruder war ebenfalls sehr eigensinnig, wie Cesare Lombroso feststellte, zufrieden ob der Entdeckung dieser guten Fallstudie.
R tauchte auf Seite 423 und 424 von Cesare Lombrosos La donna delinquente: La prostituta e la donna normale auf, das 1893 in Turin erschien. 1895 als The Female Offender ins Englische übersetzt, reichte das Buch nicht bis Seite 423 oder 424, da jede Erwähnung sexueller Praktiken oder nicht zum Stillen verwendeter Organe vom Übersetzer herausgekürzt worden waren. Demnach war es ein recht kurzes Buch, das nur wenige praktische Handlungsanweisungen für straffällige Frauen bot, wobei wir es in England trotzdem eifrig lasen. Die meisten von uns waren Künstlerinnen und wir hatten uns alle des manischen Briefeschreibens schuldig gemacht.
Artikel 339
Wir lebten noch immer in einer kleinen Höhlung zwischen den Gesetzen. Was wir einander schrieben und in welchen Räumen unsere Betten standen, war nicht explizit verboten. In Italien hatte die Einigung einige Regularien verschlungen und andere waren mit dem Herzogtum Savoyen untergegangen. Es war eine Zeit der Unsicherheit, trotz der Bestrebungen, nahezu alles zu katalogisieren und es in Typologien und Monografien zu pressen.
In der Tat war die Unveränderlichkeit mancher Dinge der Vorwand für andere. Es herrschte im neunzehnten Jahrhundert zum Beispiel eine immense Zurückhaltung, wenn es darum ging, die Gemeinschaft von Frauen zu beschreiben. Die englischen Wörterbücher benutzten schüchterne griechische Begriffe oder verzichteten gänzlich darauf. Nur die Kriminologie wollte darüber diskutieren und auch nur, um das Innenleben von Irrenanstalten, Bordellen und unehelichen Müttern zu dokumentieren.
1914 tauchte ein anonym verfasstes Buch mit dem Titel Tribadismo, saffismo, clitorismo: psicologia, fisiologia, pratica moderna auf. Unverzüglich wurde es auf Grundlage von Artikel 339 zensiert und der Herausgeber Ettore Cecchi für drei Monate inhaftiert, da die Autorin, eine anonyme Tribade, nicht für ihr obszönes Dasein bestraft werden konnte. Von den vielen Arten, wie wir zusammen sein konnten, waren Tribadismus und Klitorismus nur zwei der von außen am ehesten erkennbaren. Trotzdem verspürten wir eine gewisse Aufregung, die wir jedoch in unserem Zimmer aus Angst vor den Hausangestellten unausgesprochen ließen. In schlichten Lettern stand es auf der Titelseite: Sapphismus war eine moderne Praxis. Jetzt, da wir unser eigenes Buch geworden waren, studierten wir aufmerksam die Schaubilder. Wir würden noch mehr Übung brauchen, bevor wir tatsächlich Sappho werden konnten.
Vier
Anna Kuliscioff, 1912
Wenn alle Bürger eines Königreichs Männer sind, werden auch oft eine Reihe Männer gewählt, um es zu regieren, manchmal sogar derselbe Mann mehrmals in Folge. Italien war so ein Königreich, also regierte 1906 einer dieser Männer bereits in der dritten Amtszeit. Sein Name war Giovanni Giolitti und die Dottoressa Kuliscioff urteilte harsch über ihn. Anna Kuliscioff hatte in Parkanlagen in der nordöstlichen Ukraine für ihr Abendessen singen müssen, sie hatte Tuberkulose, eine Geburt und die Flucht ins Exil überlebt. Einzig fürchtete sie den Kompromiss, die beruhigende Stimme, mit der man die Wut eindämmt, bis diese nichts weiter ist als ein kleines, weiches Knäuel in der Hand.
Als sie Giolitti im Parlament sprechen hörte, pries er den gemäßigten Fortschritt an, den das Königreich Italien machte. Er sagte in beruhigendem Ton: Müssen nicht auch Sie unsere Wohltätigkeit anerkennen, die Armen zu beherbergen, die Alten zu versorgen und die Jüngsten vor Kinderarbeit zu schützen, bis sie das angemessene Alter von zwölf Jahren erreicht haben? Und bald wird auch jeder Mann das Wahlrecht besitzen. Das Land Italien wird ein Vorbild für die Menschheit sein!
Schweigend ballte Anna Kuliscioff die Wut, die sich in ihrem Herzen angestaut hatte, zu einem unbändigen Knäuel zusammen. Im Frühjahr 1912 sprach Giovanni Giolitti, neben Anna Kuliscioffs Geliebtem, im Parlament zum Wahlrecht für Frauen. Sie schrieb ihrem Geliebten, dass sie versuche, rechtzeitig zu seiner Rede da zu sein. Bitte, verrate mich nicht. Ihr Geliebter sprach im ruhigen klangvollen Ton eines verständigen Sozialisten. Die Männer im Parlament wählten. Leutselig verkündete Giovanni Giolitti die Ergebnisse: Frauen hatten ihr Wahlrecht nicht erstreiten können. Oder, wie Anna Kuliscioff es formulierte: Jede Person, die Bürger von Italien sein will, hat bloß eines zu tun, nämlich als Mann geboren zu werden.
Sibilla Aleramo, Ciò che vogliamo, 1902
1902 schrieb Sibilla Aleramo einen Artikel mit dem Titel Was wir wollen. Aber was wollten wir? Zunächst wollten wir das, was die Hälfte der Bevölkerung bereits qua Geburt zugesprochen worden war. Zusätzlich wollten wir ändern, wie es überhaupt dazu gekommen war. Wir wollten ein Leben, das nicht durch Laudanum, Irrenanstalten oder Kindbettfieber endete. Wie Sibilla Aleramo es in ihrem Artikel formulierte: Wir wollen, dass Frauen Menschen werden, um endlich so frei, selbstständig und lebendig zu sein, wie wir bisher unterjocht, unterdrückt und zum Schweigen gebracht wurden.
Stolz druckten wir 1902 diese Worte, damit alle sie lesen konnten. Aber das war nicht das Einzige, was wir wollten. Wir sehnten uns auch nach Schreibtischen, die nicht in der Küche standen und mit Zwiebelresten übersät waren; wir wollten Romane lesen, die uns vorenthalten wurden, weil sie zu dekadent und anzüglich waren; wir wollten die handdurchstochenen Stoffe unserer Aussteuer gegen Reiseführer und Grammatiken fremder Sprachen eintauschen; wir wollten einander in Zimmern treffen und Frauenrechte diskutieren, wir wollten die Türen hinter uns schließen und einander in den Armen liegen; das Licht sollte durchs Fenster hereinfallen, die offenen Vorhänge gäben den Blick über die Bucht frei, die in himmel- und azurblauen Schwaden ins offene Meer mündete. Wir träumten von Inseln, auf denen wir Gedichte schrieben, die unsere Geliebten die ganze Nacht hindurch wachhielten. In unseren Briefen flüsterten wir uns die Fragmente unserer Sehnsüchte zu, die Umbrüche der Zeilen die Zeichen unserer Ungeduld. Wir wollten Sappho sein. Doch wie wurde Sappho sie selbst?
Lina und Sibilla, 1908
Auf der ersten Postkarte, die Sibilla an Lina schickte, waren vereinzelte Kiefern auf weiten Ebenen und ein weit aufgerissener Himmel zu sehen. Linas erste Antwort an Sibilla enthielt eine geschickte und wohlwollende Anspielung auf die rätselhafte Sibylle der Antike; weswegen sich im dritten und vierten Brief Andeutungen über jene einsamen Stunden befanden, in denen man über die Wipfel der Kiefern und goldbraunen Felder bis zum Rande des Meeres blickt und dieses wunderbare Neue erahnt, welches das Leben zieren und erschüttern wird. Beim fünften Brief hatte Lina bereits eine schlichte Wohnung in Rom gemietet, die von Sibilla aus fußläufig erreichbar war, beim sechsten hatten sie den portinaio bestochen, an jeder Frau vorbeizusehen, die ihr möglicherweise einen nächtlichen Besuch abstatten wollte.
Nora, 1879
1878 war Henrik Ibsen als Redner vor den Skandinavischen Verein Roms eingeladen. Die Mitglieder waren überaus interessiert an seinen Theaterstücken, die sie bei einem Glas Cognac lautstark diskutierten. Während Ibsen dem Verein seine Theorie des menschlichen Dramas erläuterte, brachte er den Antrag ein, die Aufnahme von Frauen als Mitglieder zuzulassen. Lautstark wurde die Frauenfrage diskutiert und daraufhin abgestimmt: Die Frauen scheiterten. Ibsen verließ den Skandinavischen Verein, ohne seinen Cognac auszutrinken.
1879 residierte Ibsen zu seiner Genesung an der Amalfiküste. Der leichte Windhauch duftete nach Orangenblüten und honigsüßen Kiefern, das Meer zerfloss in unterschiedliche Blautöne, am Schreibtisch draußen auf der Terrasse begann er ein neues Theaterstück. Er nannte es Nora oder Ein Puppenheim, und er ließ in seine Protagonistin Nora all seine Beobachtungen zum unglückseligen Zustand verheirateter Frauen einfließen: wie der Haushalt sie in Ketten legte, wie sie mit Süßkram und Kleidern verhätschelt wurden, bis sie genau jene frivolen, flatterhaften Spielzeuge wurden, die Männer gern in Salons herumtanzen sahen. Zum Ende des Theaterstücks, als Noras Ehemann darauf besteht, sie habe vor allem Ehefrau und Mutter zu sein, antwortet Nora: Ich glaube, daß ich vor allen Dingen Mensch bin, so gut wie Du – oder vielmehr, ich will versuchen, es zu werden. Dann verschwindet sie.
Als Rina Faccio sich Nora oder Ein Puppenheim 1901 in Mailand ansah, kamen ihr die Tränen; sie blieben und brannten. Rina Faccio weinte niemals im Theater. Doch Nora, eine Frau aus Nerven und Knochen, die zum Leben als Gegenstand mit aufgemaltem Lächeln verdammt war, brachte sie zum Weinen. Oder vielleicht war es der Moment, in dem Nora verschwand, der sie so mitnahm. Der Umstand, dass Frauen überhaupt gehen konnten, und sei es nur in einem Theaterstück, bewegte Rina Faccio dazu, Sibilla Aleramo zu werden.
Laura Kieler, 1874
