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Der Roman »Wir wollen alles« ist eine Hommage an die Kämpfe des italienischen Massenarbeiters. Das Buch wurde mitten in einem Zyklus von Arbeiterkämpfen geschrieben, in denen der FIAT-Konzern in Turin im Jahr 1969 zum Zentrum des Aufstands gegen das Fabriksystem wurde. Mit seiner Geschichte eines rebellischen Arbeiters aus dem Süden wurde Balestrini mit einem Schlag zum »Romancier des Operaismus«. Der Titel des Buches wurde weit über Italien hinaus zur Parole einer »anderen Arbeiterbewegung«.
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Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Wir wollen alles erschien 1971 unter dem TitelVogliamo tutto im Verlag Feltrinelli, die deutschsprachige Übersetzung erstmals 1972im Trikont-Verlag München. Gemeinsam mit den Romanen Die Unsichtbaren (ISBN EPub 978-3-86241-612-7) und Der Verleger (ISBN EPub 978-3-86241-613-4) ist das Buch Teil der Romantrilogie Die große Revolte (ISBN EPub 978-3-86241-610-3).
© Berlin/Hamburg 2008
Assoziation A
Gneisenaustr. 2a
10961 Berlin
www.assoziation-a.de
ISBN EPUB: 978-3-86241-611-0
Wir wollen alles
Der Süden
Die Arbeit
Der Norden
Die FIAT
Die Auseinandersetzung
Der Lohn
Die Genossen
Die Autonomie
Die Versammlung
Der Aufstand
Aus dem Italienischen von Peter O. Chotjewitz
Im Süden ging das schon seit zehn, fünfzehn Jahren so: Die Tätigkeit der Südkasse, die neuen Industrien und dass alles industrialisiert werden müsse. Und auf den Versammlungen damals hieß es, für die Entwicklung des Südens müssten wir arbeiten. Wer eine neue Menschenwürde wolle, müsse produzieren. Einen ganz neuen Süden brauchten wir, Entwicklung, Brot für alle, Arbeit und so weiter. Das sagten die Christdemokraten, das sagten die Kommunisten, das sagten alle.
Stattdessen war das der Startschuss für die Emigration und der Anfang davon, dass alle in die Fabriken im Norden rauf mussten. Weil jetzt die Fabriken in Norditalien und in Europa so weit waren, diese ganzen Leute aufzunehmen. Die brauchten sie jetzt alle für die Fließbänder bei der FIAT und bei Volkswagen. Und das da war genau der Arbeiter, den sie benötigten. Ein Arbeiter, der am Fließband sämtliche Arbeiten machen konnte, so wie er unten im Süden als Tagelöhner oder im Straßenbau gearbeitet hatte. Und der genauso gut den Arbeitslosen spielen konnte, wenn’s nötig war.
Während es früher genau umgekehrt gewesen war. Früher sollten die Bauern Bauern bleiben und fest an der Scholle kleben. Die Arbeiter aus dem Süden sollten im Süden bleiben. Denn wenn sie damals nach Norden und in Europa arbeiten gegangen wären, hätte es da oben ein riesiges Chaos gegeben. Weil sie noch nicht drauf vorbereitet waren, mit den Fabriken und allem da oben. Früher habe ich diese Sachen nicht gewusst. Ich habe sie erst in der Diskussion mit den Genossen gelernt. Nachdem ich mit der Arbeit für immer aufgehört hatte. Nach dem Schlamassel, den ich den einen Tag in Mirafiori angerichtet hatte.
Damals im Süden hatte die KPI den Slogan »Junkerland in Bauernhand«. Aber was bedeutet dem Tagelöhner das Land, das Landeigentum. Worauf es ihnen ankam, das waren die Piepen, die sie nicht hatten, das ganze Jahr hindurch ein sicheres Einkommen. Deshalb hat die Kommunistische Partei im Süden ihre Politik, die sie in der Zeit der Landbesetzungen gehabt hat, auch geändert. Sie hat sich in die Städte zurückgezogen, wo die Verwaltungen sitzen und wo sie hinter den unzufriedenen Handwerkern und Beamten herrennt. Während in Battipaglia und Reggio Calabria die großen Kämpfe ausbrechen, die für die Parteikommunisten eine lumpenproletarische Scheiße sind.
Und außerdem ist der Süden niemals arm gewesen, im großen Ganzen. Die Großgrundbesitzer haben in der Landwirtschaft immer gut verdient. Und so war es auch nach der Südkasse geblieben. Nur dass die Gutsbesitzer diejenigen waren, die verdienten, während diejenigen, die weniger als fünf Hektar besaßen, von dort verschwinden mussten.
Zum Beispiel die Eigentümer der fruchtbaren Güter in der Peripherie von Salerno, an der Selemündung. In dieser Ebene gab es die Tomatenkrauter. Volk, das in der Saison Tomaten anbaute und wo die ganze Familie mitarbeitete. Diesen Erwerbszweig haben die Großgrundbesitzer nach und nach mit dem Geld, das sie verdienten, in eine Industrie umgewandelt. Sodass sie jetzt alles selber produzieren: von der Tomate bis zur Konservendose. Und die Landarbeiter werden Arbeiter, und durch die Maschinen braucht man weniger Leute, die arbeiten, aber mehr produzieren. Und die anderen müssen verschwinden.
Jene reichen Grundherren, die die Südkasse dort enteignet hat, haben sich dafür Hunderte von Millionen Lire Bargeld unter den Nagel gerissen. Und waren natürlich daran interessiert, sich eine Industrie aufzubauen. Mit den Millionen haben sie in der Stadt Wohnungen gebaut, Tausende von Wohnungen. Aber diejenigen, die auf den Baustellen arbeiteten, kamen nicht aus Salerno, der größte Teil kam von außerhalb. Leute aus dem Landesinnern, aus den Bergdörfern, vom Apennin. Alles Leute, die ein Häuschen gehabt hatten, ein Schwein, Hühner, einen Weinberg, Olivenbäume, Öl, aber kein Auskommen mehr fanden. Also haben sie den Kram verkauft, in der Stadt eine Wohnung erworben und angefangen, in der Fabrik zu arbeiten. Und die Arbeitslosen in der Stadt sind geblieben, sogar mehr als zuvor.
Aber vor allen Dingen rauf nach Norden sollten die Leute aus dem Landesinnern und aus den Dörfern vom Apennin. Da tut die Südkasse nichts, weil sie abhauen sollen. Nach Norden sollen sie gehen, um die Entwicklung zu fördern. Denn dazu brauchen sie doch da oben unsere Unterentwicklung hier unten. Wer hat denn die Entwicklung des Nordens vorangetrieben, die gesamte Entwicklung Italiens und Europas? Die Tagelöhner aus dem Süden! Als ob die Arbeiter im Norden und die Tagelöhner im Süden zwei verschiedene Sachen wären. Etwas anderes als Subproletariat. Die Arbeiter im Norden sind wir. Was ist denn Turin anderes als eine süditalienische Stadt? Wie Salerno, wie Reggio Calabria, wie Battipaglia. Wo dann ja auch die Sache auf dem Corso Trajano passiert, als wär’s Battipaglia, wenn die Leute merken, dass es so nicht weitergeht. Mit diesem Gerede von der Arbeit, da oben oder hier unten, die es gibt oder nicht. Es ist immer ein Beschiss. Da fängt man an zu kapieren, was das Einzige ist: Alles anzünden. Wie in Battipaglia und so weiter. Wie es demnächst überall losgehen wird, wenn wir so weit sind. Dann werden wir endlich alles ändern. Dann können sie uns alle am Arsch lecken mit ihrer Scheißarbeit.
Nach Salerno kamen die Bauarbeiter aus Nocera, Cava, San Cipriano Picentino, Giffoni, Montecorvino. Aus allen diesen Dörfern kamen morgens die Bauarbeiter mit ihren Lambrettas und Mopeds. Es gab viel Arbeit beim Bau der Fabriken. Lastwagenfahrer für den Transport von Zement, Steine, Eisen. Zum Straßenbau und alle diese Sachen da. Ein Bauboom, in Salerno, in den fünfziger Jahren. Alle kauften sich eine Lambretta oder ein Moped. Das erste Massenfahrzeug fing an aufzutauchen, der Sechshunderter, den sich auch der Arbeiter leisten konnte. Und alle kauften sich einen Fernseher, überall streckten sie ihre Antennen raus.
Das Geld fing an rundzugehen. Und immer mehr Sachen in den Bekleidungsgeschäften, Lebensmittelläden und so weiter, und immer neue machten auf. Alle in Salerno verdienten mehr und gaben mehr aus. Aber im Allgemeinen waren es nicht die Arbeiter und Arbeitslosen von Salerno. Es waren die aus den Dörfern drum herum. In diese Dörfer floss das Geld, aber da blieb es natürlich nicht. Wie verrückt kamen die Leute Tag für Tag aus Montecorvino mit dem Moped, mit der Lambretta, mit dem Sechshunderter nach Salerno zur Arbeit und abends wieder zurück. Und dann suchte man sich eine Wohnung in der Stadt. Alle diese neuen Häuser in Salerno werden von Leuten bewohnt, die ursprünglich von außerhalb kamen.
Viele haben auf den Baustellen gearbeitet, wo sie jetzt wohnen. Nach einiger Zeit zogen sie in diese Häuser und zahlten Miete oder sie kauften sich die Wohnung sogar. Ursprünglich waren das keine Proletarier, wie die in der Stadt, die nichts hatten und nichts besaßen. Auf ihre Weise waren sie sogar gut betucht, hatten ein Haus, ein Schwein, Hühner, einen Weinberg, Olivenbäume, Olivenöl. Und sie konnten sich auch eine Wohnung in der Stadt kaufen. Danach suchten sie sich Arbeit in der Fabrik. Für die Anstellung in der Fabrik brauchte man eine Empfehlung. Und diese Bauern brachten den Abgeordneten Schinken, Olivenöl brachten sie ihnen, Wein und alle diese Sachen und dann gingen sie arbeiten. Nur auf diese Weise kriegten sie einen Arbeitsplatz. Und dann wurden sie Proletarier, wie die Leute in der Stadt.
Ich habe auch nur eine Arbeit gekriegt, weil ich einen Onkel hatte. Jetzt ist er pensioniert, aber früher war er beim Finanzamt. Eines Tages schleppte er mich aufs Arbeitsamt, wo er einen Cousin hatte und sagte zu seinem Cousin: Das ist mein Neffe. Du musst ihm helfen. Du musst ihm eine Arbeit beschaffen. Der Cousin stellte mir die Papiere aus und schickte mich zur Ideal Standard. Ich legte die Aufnahmeprüfung ab und machte die kassenärztliche Untersuchung. Dann ging ich wieder zurück auf die psychologisch-technische Prüfung, die man zusammen mit den Angestellten machte. Nur dass wir verschiedene Zeiten hatten. Das heißt, die Angestellten mussten es in einer Minute schaffen und wir in drei. Dann sagten sie, sie würden uns auf einen Kursus schicken. Diejenigen, die die psychologisch-technische Prüfung am besten bestanden hatten, gingen nach Brescia.
Wir wollten wissen, aus welchem Grund wir diesen Kursus machen mussten. Sie sagten, die Südkasse würde uns den Kurs bezahlen, er wäre nötig, um Fachkräfte auszubilden für die neuen Industrien im Süden. Als ich von dem Kursus hörte, dachte ich, es wäre eine rein technische Angelegenheit. Die ganze Zeit nach der Gewerbeschule, wo ich arbeitslos gewesen war, hatte ich einen Haufen Kurse mitgemacht. Reparaturmechaniker, Dreher und so weiter. Ich habe Kurse für alle diese Sachen gemacht. Obwohl ich dabei nichts als Scheiße gelernt habe, es nutzte zu gar nichts. Es hat nur dem Arbeitsamt dazu gedient, eine Schule zu unterhalten. Ich möchte wissen, aus welchen politischen Gründen sie so hinter der Schule her waren.
Kurz und gut, als ich von diesem Kurs hörte, dachte ich, wir gingen dahin, um irgendwelche Sachen zu lernen, die man uns erklären würde. Für die Reise nach Brescia gaben sie uns einen Freifahrschein und ein Stullenpaket. Auf dem Bahnhof in Brescia erwartete uns ein Sozialarbeiter von der Ideal Standard. Er bestellte ein paar Taxis und rief uns namentlich auf, wir waren so etwa zwanzig. Zehn aus einer Gegend, fünf aus einer anderen, sieben von noch woanders. Sie hatten uns sogar Pensionen besorgt, wo wir schlafen konnten. Das sind die Pensionen, die wir gefunden haben, sagten sie. Wenn sie euch nicht gefallen, könnt ihr später immer noch umziehen. Tags drauf stellten wir uns in der Fabrik der Ideal Standard vor. Da sagten sie, wir wären sympathische Jungens, kräftig und so weiter. Und ob wir Ausflüge machen wollten, nach Frankreich, nach Turin, nach Mailand. Die Firma veranstaltete Ausflüge, wöchentlich oder monatlich. Aber wir haben uns einen Dreck um diese Ausflüge gekümmert, gut, gut sagten wir, ist schon recht.
Sie gaben uns einen Kittel, einen weißen Kittel, mit einem Etikett drauf: IS. Dann brachten sie uns in die Fabrik, wo etwa zwischen dreißig und vierzig Grad Hitze waren. Es war eine äußerst feuchte Sache, weil alles voll Keramik stand, die trocknen sollte. Das Wasser verdunstet und alles wird nass. Wir hatten das Gefühl, zu ersticken. Dann hatten wir eine viel dunklere Hautfarbe als die Arbeiter von der Ideal Standard in Brescia. Sie müssen sich jeden Abend duschen, weil sie ständig in der Hitze stehen, im feuchten Dampf, und die Haut wird immer weißlicher. Außerdem scheint in Brescia die Sonne nicht besonders. Der Sommer war fast zu Ende, und deshalb waren wir aus dem Süden beinahe schwarz. Und darüber haben sie sich auch ein bisschen entsetzt.
Dann haben sie uns alles gezeigt. Sie haben uns den Lokus erklärt, das Bidet, das Handwaschbecken, das Unterteil vom Handwaschbecken, die Badewanne. Sie haben sie auseinandergenommen und uns erklärt, wie viel Zentimeter sie stark sein müssen. Wie viel Minuten das Handwaschbecken in der Gussform bleiben muss und wie viel Minuten die verschiedenen anderen Sachen in der Gussform bleiben müssen. Sie haben uns gezeigt, wie die Form gemacht wird und die anderen Dinge. Und dann haben sie uns gezeigt, wie man arbeitet. Da sah ich, dass die Arbeiter von Brescia diese Arbeit wirklich ausführten, ohne groß dabei zu denken. Sie machten es so zack, zack und ab das Ding, als ob nichts wäre. Also sagte ich mir, was soll dieser Scheißkursus eigentlich, verdammter Himmel. Sollen wir hier arbeiten oder sollen wir zu Fachkräften ausgebildet werden?
Nun gut, sagte ich mir, es geht schließlich darum, Fachkraft zu werden, und da braucht man nicht viel zu arbeiten. Und hab immer mit der Ruhe gelernt. Wenn die Kollegen zwei Klosettbecken machten, machte ich eins. Und so hab ich’s immer gehalten. Als wir zwei oder drei Monate dort waren, fingen die Kämpfe an. Es wurde gestreikt da oben, und da streikten wir einfach mit und hängten uns ganz instinktiv an die Brescianer. Wir wurden von der Kasse für die Entwicklung von Süditalien bezahlt und bekamen sechzig Mark Trennungsentschädigung die Woche und zweihundertvierzig Mark im Monat. Später gaben sie uns dreihundertsechzig Mark im Monat und das Essen in der Kantine umsonst. Außerdem hatten wir freie Fahrt in der ganzen Stadt auf allen Linien.
Als wir nach Brescia gingen, kam jeder von uns aus einem anderen Dorf und aus einer anderen Gegend. Unser Leben war typisch südlich gewesen. Hier dagegen schliefen wir zu fünft oder zu sechst in einer Pension, aßen zur gleichen Zeit und fuhren mit dem gleichen Autobus. So haben wir begonnen die Vorzüge der Industriearbeit zu kapieren. Denn im Endeffekt haben sie uns ja nicht ausgebeutet bei dieser Arbeit, wir machten lediglich einen Kursus mit. Es schien so, als würden wir nicht ausgebeutet werden, das war jedenfalls unser Eindruck.
Eines Tages führten die Arbeiter der Ideal Standard einen Arbeitskampf durch, sie streikten, und da haben wir auch aufgehört zu arbeiten, um mit den Gewerkschaftlern zu reden. Sie streikten für eine Erhöhung der Produktionsprämie und sagten, wir wären auch in der Produktion tätig. Ich sagte: Nein, wir absolvieren einen Kursus. Nein, ihr produziert, denn die Sachen, die ihr herstellt, werden verkauft. Ihr macht keinen Kursus, ihr produziert. Ein Lokus kostet sechzig Mark, neunzig Mark, denkt ja nicht, dass ihr bloß Scheiße baut. Das passte uns natürlich großartig, diese Entdeckung, wir dachten, wir wären Schmarotzer und lebten auf Kosten der Firma. Also haben wir uns draußen hingesetzt und sind auch nicht in die Fabrik gegangen.
Inzwischen kam der Direktor der Ideal Standard aus Salerno nach Brescia. Er sieht uns auf der Straße sitzen und fragt, was wir da machen. Wir streiken. Aber jetzt geht ihr doch wieder rein, oder? Wir haben beschlossen, zu streiken. Auch als die aus Brescia nach zwei Tagen den Kampf abbrechen, beschließen wir weiterzumachen. Wir sitzen ganz alleine da, zwanzig Mann vor dem Fabriktor, die anderen sind alle reingegangen. Während wir so sitzen, kommt der Werkschutz und ruft: Der Direktor will euch sprechen. Wir rein. Leck mich am Arsch, der Direktor will uns sprechen, vielleicht gibt’s Lohnerhöhung.
Wir kommen rein, und er legt sofort los: Passt mal auf, Jungens, im Süden gibt’s viele beschäftigungslose Arbeiter, ihr seid nicht die Einzigen. Wir können euch stehenden Fußes rauswerfen. Eigentlich müsste ich es sofort tun. Warum habt ihr bloß gestreikt? Hat euch der Gewerkschaftler dazu geraten? Seid ihr überhaupt in der Gewerkschaft? Nein, sage ich, muss man in der Gewerkschaft sein, um zu streiken? Ja, zum Streik aufrufen darf nur die Gewerkschaft. Wenn ihr ohne Gewerkschaft streikt, können wir euch rausschmeißen. Entschuldigung, aber das wussten wir nicht. Wir haben einfach so gestreikt, die anderen haben gekämpft und da haben wir mitgemacht.
Na gut, ihr wollt Lohnerhöhung. Wisst ihr nicht, dass ihr nichts produziert? Wisst ihr, dass sie in der Fabrik in Salerno erst seit einem Monat arbeiten und bereits sechzehn Stück produzieren, manche sogar achtzehn? Und ihr hier macht vierzehn und wollt mehr Geld? Wir sagen also, dass das nicht wahr sei, sondern eine Lüge, durch die er uns zum Nachgeben zwingen will. Nein, sagt er, ich kann den Kursus sofort beenden und euch nach Salerno zurückschicken. Wenn ihr arbeiten wollt, dann bleibt hier und wenn nicht, dann geht. Uns interessiert das nicht. Eine Lohnerhöhung bekommt ihr jedenfalls nicht.
Entweder ich schmeiße euch sofort raus, oder ihr entschließt euch und geht an eure Arbeitsplätze zurück. Ich lasse euch jetzt einen Augenblick allein und überlege mir, ob ich euch nach Salerno zurückschicken soll oder ob ich euch weiter arbeiten lasse. Kurz und gut, er zieht ab und wir stehen da und diskutieren die Sache ein bisschen. Ich sage, es wäre besser für uns, wenn wir hart bleiben, nicht? Wir sagen einfach, wir wollten nicht arbeiten, und lassen uns rausschmeißen. Dann fahren wir alle zwanzig Mann runter, stellen uns vor die Standard, schlagen Krach und machen noch einige andere Sachen. Aber einige meinen, sie wären verheiratet und wollten den Kurs so schnell wie möglich hinter sich kriegen. Sie wollten in Salerno arbeiten und Geld verdienen und keinen Krach schlagen. Und so wird beschlossen, an die Arbeit zurückzugehen, ohne dass etwas erreicht worden ist.
Nach einem Monat ist der Kursus zu Ende, und wir kehren nach Salerno zurück. Hier entdecken wir, dass sie mit dem Geld der Kasse für Süditalien die Leute in Brescia bezahlen, das heißt, sie bezahlen mit staatlichen Zuschüssen die Arbeiter der Ideal Standard von Brescia, weil sie angeblich die Arbeiter aus Salerno anlernen müssen. Keine Rede von neuen Technikern für Süditalien. Und in Salerno produzieren die Arbeiter schon mehr als wir, die den Kurs in Brescia mitgemacht haben. Denn die Fabrik in Brescia war dreißig Jahre alt, und deshalb machten sie nur sechzehn Stück am Tag. Während sie in Salerno schon achtzehn Stück machten, obwohl das Werk erst seit zwei Monaten stand. Sie entschuldigten das damit, dass die Fabrik moderner und leistungsfähiger wäre. Dabei wurden lediglich die Stücke mit einem Kran hochgehoben, statt dass du sie alleine mit der Hand hochheben musstest. Einige Arbeitsgänge waren automatisiert, und so wurde wenigstens der Rücken geschont. Aber diese Tatsache, die der Gesundheit der Arbeiter zugute kommen sollte, kostete dich zwei Stück mehr, das heißt, du musstest zwei Scheißhäuser mehr bauen, und das passte mir nicht, weil ich wusste, dass die Arbeiter in Brescia alle Rückenschmerzen hatten. Sie trugen allesamt Binden um die Hüften, weil sie einen Bruch hatten. Und hier hatten sie diese Verbesserung, diesen Greifer, damit die Leute beim Hochheben der Stücke nicht den Rücken anstrengen mussten, nur eingeführt, um zu vermeiden, dass die Männer so viel krankfeierten, wegen der Brüche. Und dann lassen sie es uns stattdessen noch selber bezahlen, indem sie uns zwingen, zwei Klosettbecken mehr zu produzieren. Das heißt, die neuen Maschinen, in der neuen Fabrik, hatten nur den Sinn, weniger Leute zu beschäftigen und mehr zu produzieren.
Aber sie wollten keine Vernunft annehmen. Sehen Sie doch selbst, sagten sie, was die anderen arbeiten, die anderen machen achtzehn Stück. Tatsächlich machten im Durchschnitt alle achtzehn Stück, und ich war der Letzte, der sechzehn machte. Also bestellen sie mich ins Büro. Sie scheinen ein braver Junge zu sein, aber wir müssen Sie leider versetzen. Eigentlich sollten wir Sie wegschicken, weil Sie nicht produktiv sind. Aber wir wollen Ihnen einen anderen Posten geben, in einer anderen Abteilung. Also steckten sie mich in eine andere Abteilung, und ich sollte nur noch zwei Tage in meiner alten Abteilung bleiben, in der Gießerei, weil ich noch einige Stücke aus der Form nehmen und die Stücke fertig machen musste, die ich schon vorbereitet hatte.
Ich komm also runter aus dem Büro und treffe einen von der Gewerkschaft, der raufgegangen war, um eine Erhöhung der Akkordlöhne zu verlangen. Aber die Direktion hatte ihn abschlägig beschieden, und er meinte, es müsste gestreikt werden. Sehr gut, sage ich, als ich das höre, und dieser Gewerkschaftler und ich fangen sofort an, zu schreien: Streik, Streik! Ich gehe zu den Genossen in der Gießerei und sage, sie sollten rauskommen. Kommt ein Direktor und sagt: Was machen Sie denn hier, das ist doch gar nicht ihre Abteilung? Doch, sage ich, das ist immer noch meine Abteilung, weil ich nämlich noch einige Stücke fertig machen muss. Und warum machen Sie die nicht fertig? Weil Streik ist. Da sagte er nichts mehr.
Wir waren schon etwa fünfzig, die die Arbeit niedergelegt hatten. Daraufhin fangen sie an, zu kontrollieren, wer überhaupt noch arbeitet. Also gehen wir zu denen, die noch arbeiten, und werfen sie aus der Gießerei hinaus. Die Direktoren regen sich auf darüber, und einer bedroht mich. Ich bin gerade am Essen und schmeiß ihm ein Brot ins Gesicht. Ich geh auf ihn los, aber die Genossen halten mich zurück. Ist schon gut, sagen sie, jetzt langt’s. Wir gehen in die anderen Abteilungen und sagen, sie sollten ebenfalls aufhören. Dann gehen wir raus auf den Hof und halten eine Versammlung ab. Fünfzehn Tage dauert der Streik, mit Streikposten, Tag und Nacht. Und drum herum die Polizeiautos. Dann machen wir einen Protestzug nach Salerno vor die Regierung und all die anderen Sachen. Als wir wieder in die Fabrik gingen, kam ich in eine neue Abteilung. Ich musste die fertigen Stücke auf ein Förderband setzen. Ein anderer kontrollierte sie und zwei andere stellten sie auf einen Karren. Um aber den Streik wieder aufzuholen, wurde entschieden, zwei Förderbänder einzusetzen. Zwei Kontrolleure und noch zwei Packer. Der, der die Klamotten früher auf ein Förderband gesetzt hatte, musste sie jetzt auf zwei Bänder setzen. Das heißt, ich war derjenige, der jetzt diese beiden Arbeiten machen musste. Sie hatten deshalb zu den Kontrolleuren, die die Ware kontrollierten, gesagt, sie sollten das Tempo der Kontrollen beschleunigen. Das heißt, sie durften die Ware auf die Erde stellen, wenn die weiter hinten mit dem Einpacken nicht nachkamen. Obwohl man die Dinger nicht auf die Erde stellen soll, weil sie sonst kaputt gingen. Und zu mir hatten sie gesagt, ich sollte immer neue Dinger auf das Band stellen. Sie zusammenschieben und ganz eng stellen. Auch wenn man sie eigentlich nicht eng stellen darf, weil sie sonst zerbrechen. Denn sie sind aus Porzellan und dürfen sich nicht berühren. Ihr seid ja verrückt, sagte ich, die gehen doch kaputt. Aber sie antworteten nur: Du machst, was man dir sagt, das ist nicht dein Bier. Sie hatten nur die eine Sorge, die Produktion zu erhöhen.
Später ruft mich ein Genosse zu sich, ein Gewerkschaftler, und sagt: Hör mal, die wollen, dass wir mehr produzieren. Jetzt wollen sie zwei Förderbänder laufen lassen statt einem, und du rennst dir die Hacken krumm, um sie alle beide zu beladen.
Ich gehe zu den Genossen, die die Sachen verpacken. Scheiße, sagen sie, dann arbeiten wir eben etwas langsamer. Dann sprechen sie mit dem Kontrolleur und sagen zu ihm: Warum rennst du eigentlich wie ein Irrer? Mach doch langsam. Aber der sagt: Warum denn, mir macht’s Spaß, so zu arbeiten. Ich rotz ihm ins Gesicht und geh aufs Klo pissen. Kommt der Brennmeister, der Meister von der Brennerei, ein Schmalspuringenieur. Sagt er: Sie gehen uns ganz schön auf die Eier, passen Sie auf, dass Sie hier nicht rausfliegen. Mein Gott, sag ich, wenn Sie so empfindliche Eier haben, würde ich sie an Ihrer Stelle zu Hause lassen. Geh aber trotzdem an meinen Arbeitsplatz zurück, während der Kontrolleur weiter wie ein Verrückter arbeitet.
Tags drauf komm ich wieder hin, ruft mich der Werkschutz und drückt mir einen Brief in die Hand. Ich mach ihn auf und lese, ich wäre gekündigt. Wegen Schlägerei in der Fabrik, Sabotage und was weiß ich für Scheiße. Deswegen kriegte ich auch nicht die acht Tage Kündigungsfrist und was weiß ich für Rechte. Frage ich ihn: Kann ich wenigstens noch mal kurz rein? Nein, rein kannst du auch nicht. Nun kannte ich die Werkswache persönlich, der eine war der Vater von einem Freund von mir und mit dem anderen hatte ich mich angefreundet. Ich hätte mich deshalb mit ihnen niemals schlagen können, das hätte mir wehgetan, da hätte ich nicht den Mut gehabt. Aber seitdem habe ich mir vorgenommen, egal in was für eine Fabrik ich ging, nie mit einer Werkswache Freundschaft zu schließen.
Ich habe dann draußen gewartet, bis der Ingenieur kam, um mir mein Geld geben zu lassen. Während ich so herumstand, musste ich plötzlich scheißen. Ich geh also scheißen und verpass dadurch den Ingenieur. Kurz: Ich erwische ihn nicht rechtzeitig. Ich gehe also zur Arbeitskammer und sage, dass sie mich wegen dieser Vorfälle da gekündigt hätten. Oh, sagen die, mach dir nur keine Sorgen, da sorgen wir schon für. Jetzt erstatten wir erst mal eine schöne Anzeige. Die müssen dir alles zahlen. Dann fragen sie mich, ob ich überhaupt in der Gewerkschaft eingeschrieben bin. Ich sage, ich hätte mir während des Streiks eine Mitgliedskarte ausstellen lassen, da wären sechs Mark bei draufgegangen. Okay, sagen sie, und lassen mich den Brief an die Ideal Standard schreiben. Ich muss ihn als Einschreiben mit Eilboten schicken und da gehen noch einmal einszwanzig, zwei Mark bei drauf. Dann warte ich fünfzehn Tage, mehr als fünfzehn Tage habe ich drauf gewartet, dass was passiert. Dann gehe ich wieder hin und sage: Was ist denn nun, ich hab von denen immer noch nichts gehört, ich brauch mein Geld.
Sagen sie: Du musst Geduld haben, reg dich nicht auf. Wenn sie nicht zahlen, verklagen wir sie eben. Du kriegst schon dein Geld. Schließlich platzt mir der Kragen. Ich geh hin einen Morgen und warte auf den Ingenieur. Wie er kommt, schmeiß ich mich vor sein Auto. Er bremst, ich mach die Wagentür auf und spring rein. Er versucht noch, den Sicherheitsknopf runterzudrücken, aber ich lege ihm gleich die Hand auf die Schulter und schlag ihm den Brief ins Gesicht. Aus welchem Grund stehen mir die acht Tage Kündigungsfrist nicht zu?, frage ich ihn. Ihr habt mir gekündigt und jetzt will ich mein Geld. Nicht nur die acht Tage Kündigungsfrist, sondern auch den Monat Arbeit, den ich verloren hab.
Ich will alles, alles, was mir zusteht. Nicht mehr und nicht weniger, mit mir scherzt man nicht. Sagt er: Hör mal, ich war gar nicht da, als du gekündigt worden bist. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten sie dich gar nicht gekündigt. Du bist ein guter Kerl, ich hätte dich lediglich versetzt. Wenn du wieder kommen willst, geb ich dir einen besseren Posten. Eine Stellung, wo du nicht mitten zwischen den anderen bist, sondern einen Job ganz für dich alleine. Ich sag, dass mich die Jobs der Firma Ideal Standard nicht mehr interessieren. Dass ich angefressen bin und sofort mein Geld will, jetzt, auf der Stelle. Nicht mehr und nicht weniger, als mir zusteht. Sagt er: Ja, ja, nun reg dich nicht auf. Er bringt mich ins Büro und ruft die Angestellten. Macht ihm seine Abrechnung, sagt er. Wie? Die Abrechnung? Ja, alles, alles. Das darf doch nicht wahr sein? Doch, sagt er, alles.
Sie machen also die Abrechnung, und ich habe noch siebenhundertzwanzig Mark zu kriegen. Er ruft mich zu sich und fragt: Bist du zufrieden mit siebenhundertzwanzig Mark? Nein, sage ich. Sagt er: Hör mal, aufgrund der Unterlagen hier kann ich dir nicht mehr geben. Aber wir können eine Sache machen. Ich lass dir vom Direktor auch noch den Lohnzettel für November abstempeln. Da kannst du nächsten Monat wieder kommen und kriegst Lohn, ohne zu arbeiten. Ja, sag ich, in Ordnung, damit bin ich zufrieden. Aber mach keine dummen Witze. Ich komm nächsten Monat wieder. Außerdem seh ich Sie jeden Morgen, wenn Sie durch Fuorni fahren, ich weiß sogar, wo Sie wohnen. Deshalb machen Sie keine dummen Witze. Sagt der Ingenieur zu mir: Keine Sorge, aber ich will dir mal was sagen. Hör auf zu spinnen, dann kann ich dir eine neue Arbeit beschaffen.
Dieser Typ kam aus Brescia und war nach Salerno übergesiedelt, und offensichtlich wollte er sich keine Feinde machen. Bloß wegen hundertachtzig oder zweihundertvierzig oder sechshundert Mark, die ihm gar nicht gehörten, wollte er nicht sein Fell riskieren. Das war ihm doch schnurzpiepe. Deshalb sagte er auch, dass er mir helfen wollte, ich beschaff dir eine Stelle, sagt er zu mir. Aber ich antwortete nur, dass da ein Missverständnis vorliegen müsse, ich will nicht mehr arbeiten, sage ich zu ihm. Ich will gar nichts tun. Und so ging ich dann nächsten Monat hin, um mein Geld abzuholen, und so endete die Geschichte mit der Ideal Standard. Ich blieb dann eine Zeit lang ohne Beschäftigung, aber ich kaufte mir elegante Schuhe, Regenmantel, Anzüge. Gab alles Geld aus. In weniger als zwei Wochen gab ich alles aus. Keine Lira sparte ich.
Arbeitslosenunterstützung kriegte ich auch keine, weil ich keine zwei Jahre geklebt hatte. Stattdessen hat das Arbeitsamt im Süden auf den Baustellen eine Art Schule. Was natürlich nur eine Methode ist, an die Leute umsonst Geld zu verteilen. Du kriegst am Tag vier Mark zwanzig und gehst auf die Baustelle, die noch nicht einmal eine Baustelle ist. Es ist eine Wiese, wo es nichts gibt außer einem Angestellten, der dich aufruft, ob du da bist. Du schreist hier, er trägt dich ein und du gehst wieder. Dann, Samstag, gehst du hin und holst dein Geld, fünfundzwanzig Mark zwanzig. Von dem Geld kaufte ich mir Zigaretten, ging ins Kino und schlug mich so mehr oder weniger durch. Außerdem schlief ich zu Hause, bei meiner Familie.
Eines Tages sagte ich mir, dass es so nicht weiter ginge. Und das war denn meine letzte Sommerarbeit bei der Florio. Es gibt da eine Menge Konservenfabriken, fast alles Tomaten. Die reine Saisonarbeit. Erst dauerte diese Saisonarbeit zwischen vier und drei Monaten, zwei Monate. Jetzt dauert sie gerade einen Monat, weil’s weniger Tomaten gibt. Ich ging also einen Monat zur Florio und machte zwölf Stunden am Tag, wobei ich auch Sonntagsarbeit machte. Ich machte so neunhundert, neunhundertsechzig Mark. Ich ging nicht einmal in die Krankenkasse, weil ich mich schon entschlossen hatte, nach Mailand zu gehen. Im Allgemeinen gehen alle, die im Sommer diese Saisonarbeit machen, zwei, drei oder vier Monate, auch sechs Monate, in die Krankenkasse. Auf die Weise kriegen sie zwölf oder neun Mark am Tag, wenn’s keine Arbeit gibt. Sie feiern einfach krank. Dafür gehen sie in die Krankenkasse.
Da unten hab ich in Fuorni gewohnt, einem Ortsteil von Salerno. Außerdem gab es Giovi, Caserosse, Mariconda, Pasterna, Mercantello und so weiter. Nach der Volksschule wollten Vater und Mutter mich weitermachen lassen und ließen sich von den Lehrern beraten. Die lobten Vater und Mutter, so müssten es alle Eltern machen, sagten sie. Dann gaben sie ihnen einen Rat. Besser, wenn Sie ihn nicht auf die Mittelschule schicken, sagten sie. Da muss er die Aufnahmeprüfung machen, mehr lernen und der Unterricht ist schwerer. Man braucht mehr Bücher, mehr Geld. Und dann kann er die Schule womöglich nicht zu Ende machen, weil sie zu teuer ist.
