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Rachel Klein wollte eigentlich nicht ihren Professor für Kreatives Schreiben küssen. Aber mit seinen langen Wimpern, dem seidigen Haar und dem traurig-schönen Leben, das er auf Twitter offenbart, tut sie es doch. Und der Kuss ist ...wirklich nett. Zahid Azzam hatte nie vor, Dauergast in dem weitläufigen Haus einer seiner Studentinnen zu werden. Aber mit dem funkelnden Swimmingpool, dem unerschöpflichen Vorrat an Bio-Erdbeeren und Rachels schöner Mutter, tut er es doch. Und das Leben dort ist ... wirklich nett. Becca Klein hätte nie gedacht, dass sie sich so schnell nach ihrer Scheidung auf eine Liebesbeziehung einlassen könnte. Aber als der Professor ihrer Tochter in ihr Haus kommt und einen aprikosenfarbenen Pudel namens Princess mitbringt, tut sie es doch. Und die Affäre ist... eine sehr schlechte Idee!
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Seitenzahl: 393
Veröffentlichungsjahr: 2021
Marcy Dermansky
Roman
«Durch und durch verführerisch» (Publishers Weekly)
Rachel Klein wollte eigentlich nicht ihren Professor küssen. Aber mit seinen langen Wimpern, dem seidigen Haar und dem traurig-schönen Leben tut sie es doch. Und der Kuss ist … wirklich nett.
Zahid Azzam hatte nie vor, Dauergast in dem Haus seiner Studentin zu werden. Aber mit dem funkelnden Swimmingpool, dem unerschöpflichen Vorrat an Bio-Erdbeeren und Rachels schöner Mutter tut er es doch. Und das Leben dort ist … wirklich nett.
Becca Klein hätte nie gedacht, dass sie sich so schnell nach ihrer Scheidung auf eine Liebesbeziehung einlassen könnte. Aber als der Professor ihrer Tochter in ihr Haus kommt und einen aprikosenfarbenen Pudel namens Princess mitbringt, tut sie es doch. Und die Affäre ist … eine sehr schlechte Idee!
Marcy Dermansky hat bereits drei hochgelobte Romane geschrieben, die bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Sie hat ein paar Jahre in Deutschland (Wiesbaden) verbracht und lebt nun mit ihrer Tochter in Montclair, New Jersey.
Martin Ruben Becker lebt als Übersetzer in München und hat u. a. Bücher von Joseph Luzzi, Robert Goolrick, Favell Lee Mortimer und David Bergen übersetzt.
Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel «Very nice» bei Bloomsbury Publishing, UK.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Juli 2020
«Very nice» Copyright © 2019 by Marcy Dermansky
Copyright © 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Redaktion Susann Rehlein
Covergestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt,
nach einem Entwurf von Bloomsbury Publishing
Coverabbildung Illustration: Marie Guu
ISBN 978-3-644-30047-7
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Nina
Als ich meinen Professor küsste, dachte ich nicht, dass er meinen Kuss erwidern würde. Seine Lippen waren weich. Er schmeckte nach Kaffee. Nach dem Kaffee, den ich für ihn gekocht hatte.
«Das war wirklich nett», sagte er.
Mein Professor lächelte mich an. Obwohl er anfangs zögerlich gewesen war, hatte er den Kuss doch erwidert.
Mein Professor, mein Lehrer in Kreatives Schreiben, hatte mich gebeten, den Tag über auf seine Hündin Princess aufzupassen. Es war der letzte Tag im Semester. Er hatte einen Pudel. Ein großer Hund mit aprikosenfarbenem Fell. Ich liebte Pudel. Ich war mit Pudeln aufgewachsen. Der Familien-Pudel, Posey, war gerade gestorben. Sie war eine große, weiße, wunderschöne Hündin gewesen. Ich war nicht nach Hause gefahren, um mich von ihr zu verabschieden, weil das Semester sowieso beinahe vorüber war. Ich wünschte, ich wäre gefahren. Mein Professor brachte seinen Pudel oft mit an die Uni. Er liebte seinen Hund. Ich verstand genau, warum.
Mein Professor wohnte in Brooklyn. Er pendelte den Hudson River hoch zum Campus. Er nahm die Metro-North. Fast das ganze Semester lang war er krank gewesen. Ein Virus, sagte er, eine Grippe, die einfach nicht weggehen wollte. Er war unglaublich schön, mein Professor, genau wie sein Hund. Zusammen waren sie ein atemberaubendes Paar. Mein Professor hatte lange Wimpern, große Augen, braune Haut. Seidiges Haar. Er war groß und dünn, viel zu dünn. Er stammte aus Pakistan.
Mein Professor hatte einen Roman veröffentlicht, der im Jahr seines Erscheinens alle wichtigen Preise gewonnen hatte. Ich hatte versucht, sein Buch zu lesen, aber es war mir nicht gelungen. Ein Satz war so lang wie ein ganzer Absatz. Ein Absatz war so lang wie eine ganze Seite. Bei einer Lesung auf dem Campus bat ich ihn, mir ein Exemplar seines Buches zu signieren. Obwohl ich nicht in der Lage gewesen war, es zu Ende zu lesen, sagte ich zu ihm, ich fände es wunderschön.
«Das sind Sie auch, Rachel», hatte er gesagt und zu mir aufgesehen. Sein Kompliment war aus heiterem Himmel gekommen und hatte mich völlig überrumpelt.
Ich dachte, dass er es vermutlich nicht so gemeint hatte, so ungefähr wie ich mein Kompliment für seinen Roman.
Mein Professor war in meiner Wohnung in der Nähe des Campus, als ich ihn küsste.
Wir saßen in meiner Küche. Meine Mitbewohner waren in der Bibliothek und lernten für ihre Prüfungen. Mein Professor trank den guten Kaffee, den ich für ihn gekocht hatte. Seine Hündin, Princess, hockte vor unseren Knien, und wir streichelten sie beide, wobei sich unsere Hände beinahe berührten. Er wirkte erregt, mein Professor, aufgewühlt in einer Weise, wie ich es noch nie bei ihm erlebt hatte.
«Ich konnte im Zug keinen Platz kriegen», hatte er gesagt und einfach meine Wohnung betreten, ohne darauf zu warten, dass ich ihn hereinbat, und Princess sprang hinter ihm her und wedelte mit dem Schwanz. Er hatte die Tasse Kaffee angenommen, die ich ihm angeboten hatte, und genickt, als ich Milch eingoss. «Es gab mehrere freie Plätze, aber niemand rückte zur Seite.»
«Warum nicht?», fragte ich.
«Wegen meiner Hautfarbe, natürlich», sagte er bitter.
Ich starrte ihn an.
«Weil die Leute denken, ich bin ein Terrorist», sagte er.
«Sie sind Schriftsteller», sagte ich. «Ein berühmter Romancier.»
Mein Professor schüttelte den Kopf. «Ich musste den Schaffner bitten, einer Frau zu sagen, dass sie ihre Taschen runternehmen soll. Die Fahrt dauert über eine Stunde. Ich wollte wirklich nicht die ganze Zeit stehen. Ich hatte sie schon zweimal angesprochen. Ich wusste, dass ich weitergehen sollte, aber ich war müde. Ich bin heute müde. Ich bin auch wütend. Das ist nicht das erste Mal. Eigentlich bin ich es schon gewohnt, aber heute war es mir zu viel. Ich bin nur ein Mensch, der zur Arbeit gehen will. Ich bin gut angezogen, oder etwa nicht?»
Mein Professor trug ausgewaschene Jeans, ein verwaschenes blaues Hemd, das unglaublich weich aussah. Slipper. Sein Haar wurde länger, bedeckte seine Ohren, hing ihm in die Augen.
Mein Professor hatte mir einmal gesagt, dass ich eine gute Autorin werden könnte, wenn ich nur einfach drauflosschreiben würde. Seine Hausaufgaben kamen und gingen, und ich gab nie etwas ab. Ich wollte, dass alle meine Texte brillant wurden, was darauf hinauslief, dass es mir unmöglich war, überhaupt etwas zu schreiben. Ich würde ein Nicht Bestanden bekommen, für ein Seminar, das im Prinzip alle mit einer Eins abschlossen.
«Das hört sich ja schrecklich an», sagte ich. «Die hört sich nach einer ganz grässlichen Frau an.»
«Ich bin mir sicher, dass sie sich selbst überhaupt nicht so sieht. Ich bin mir sicher, sie spendet Geld für Planned Parenthood und wählt die Demokraten. Sie weiß nicht mal, dass sie eine Rassistin ist. Sie ist die Art von Frau, die sagt, dass sie indisches Essen mag, dann aber keinen Koriander isst.»
Ich wollte meinem Professor sagen, dass ich ganz viel frischen Koriander benutzte, wenn ich Salsa zubereitete. Dass ich, auch wenn ich oft meinen Rucksack auf den Sitz neben mir stellte, in der Hoffnung, dass sich niemand neben mich setzte, doch immer dafür sorgte, dass der Platz frei war, bevor mich jemand fragen musste. Das sagte ich meinem Professor.
«Natürlich, Rachel», sagte er. «Natürlich tust du das. Du bist ein wunderbarer Mensch.»
Er sah so traurig aus, mein Professor, und dies war schon das zweite Mal, dass er mir ein Kompliment gemacht hatte, und so küsste ich ihn.
Zunächst erwiderte er meinen Kuss nicht, und dann, gerade als ich schon wieder von ihm ablassen wollte, tat er es doch.
«Sie fanden das nett?», fragte ich ihn. «Wirklich nett? Sie fanden, dass das ein wirklich netter Kuss war?»
Einmal, Anfang des Semesters, hatte ich eine Kurzgeschichte eingereicht, und er hatte darin jedes wirklich gestrichen.
«Das ist das Schönste, was mir seit langem passiert ist», sagte mein Professor.
Er hatte jedes sehr durchgestrichen. Jedes einfach. Danach war nicht mehr viel von der Geschichte übrig gewesen.
«Wirklich?», sagte ich.
«Wirklich.» Mein Professor nahm noch einen Schluck von seinem Kaffee. Er seufzte. «Wenn du nichts dagegen hast, möchte ich, dass du mich noch mal küsst.»
«Ist das denn okay?», fragte ich ihn.
«Ich weiß es nicht», sagte er. «Ehrlich, ich bin so verdammt rechtschaffen. Ich gehe erst über die Straße, wenn die Ampel grün ist. Aber jetzt will ich, was ich will, und ich möchte, dass du mich noch mal küsst.»
Und das tat ich dann.
Diesmal legte ich die Hand an seinen Hinterkopf, strich ihm mit den Fingern durchs Haar, schmiegte mich an ihn und ließ ihn nicht mehr los. Ich überlegte, ob ich ihm meine Zunge in den Mund schieben sollte, entschied mich aber dagegen. Es schien mir durchaus möglich, dass mein Professor jeden Moment seine Meinung wieder ändern könnte.
Schließlich entzog er sich mir.
«Ich werde zu spät zum Seminar kommen», sagte er und blickte auf seine Armbanduhr.
Es war eine wunderschöne Uhr. Sie sah alt und wertvoll aus. Sie hatte römische Ziffern, und das braune Lederarmband war weich und abgetragen. Ich wollte seine Uhr berühren, aber ich hielt mich zurück. Ich wollte nicht, dass mein Professor mich für merkwürdig hielt. Ich wollte ihn nicht merken lassen, dass ich wirklich alles an ihm liebte. Dass ich sein blaues Hemd liebte. Ich hielt mich davon ab, sein Hemd zu berühren. «In zehn Minuten fängt mein Seminar an», sagte er.
Mein Professor stand auf. Sein Pudel, Princess, stand ebenfalls auf, aber er wollte seinen Pudel ja bei mir lassen. Ich hatte mich darauf gefreut, den Tag mit seiner Hündin zu verbringen. Er hatte einen Hundeknochen mitgebracht, damit sie etwas zu kauen hatte.
«Sei ein braves Mädchen», sagte er.
Ich brachte meinen Professor zur Tür, und Princess folgte uns. Ich wollte nicht, dass mein Professor uns verließ. Ich wollte ihn in meine Arme schließen. Ich wollte ihn beschützen. Ich war in Sorge um ihn. Er wirkte, als bräuchte er Schutz.
«Es tut mir leid», sagte ich. «Es tut mir wirklich leid.»
«Was tut dir leid?»
Ich wusste es nicht. «Dass Sie wegen mir zu spät kommen», sagte ich.
Mein Professor zuckte mit den Schultern. Er würde zu spät kommen. Aber trotzdem schien er nicht in Eile zu sein. Er strich mir mit seinen Fingerspitzen über die Seite. Er hatte lange, wunderschöne Finger.
«Ich bringe Princess um sechs in Ihr Büro», sagte ich.
Das war der Plan, auf den wir uns bereits geeinigt hatten. Ich würde den Tag über auf seine Hündin aufpassen, mit ihr Gassi gehen, ihr Futter geben und mit ihr spielen. Bis jetzt hatte mein Professor sie immer mit ins Seminar genommen, aber es hatte Beschwerden gegeben. Ein Student behauptete, allergisch gegen Hunde zu sein, was lächerlich war, denn Princess war ein Pudel, und die sind hypoallergen. Und dann gab es noch eine Studentin, die behauptete, Princess hätte sie angeknurrt. Ich glaubte nicht, dass das stimmen konnte. Princess war die allernetteste Hündin.
Als mein Professor mich gefragt hatte, wie viel ich dafür haben wollte, hatte ich gesagt, dass ich kein Geld wolle. Daraufhin hatte er mir gesagt, er gebe mir zwanzig Dollar. Er wolle nicht den geringsten Anschein, hatte er gesagt, von irgendetwas Ungebührlichem. Das war gestern gewesen.
Um halb sechs, eine halbe Stunde zu früh, erschien mein Professor an meiner Tür, die Arme an den Seiten. Es hatte überraschend angefangen zu regnen, und er war nass.
«Möchten Sie hereinkommen?», fragte ich ihn.
Ich nahm seine Hand und führte ihn in die Wohnung. Princess lag auf dem Wohnzimmerboden. Sie ließ ihren Schwanz auf den Boden trommeln, aber sie erhob sich nicht. Ich hatte den Hund auf einen langen Spaziergang mitgenommen. Wir hatten Ball gespielt. Ich hatte sie müde gemacht.
Ich hatte mir tagsüber angeschaut, was im Internet über meinen Professor zu finden war. Ich hatte seine Twitter-Seite gelesen. Seine Stelle an meinem Liberal Arts College, ein zweijähriger Gastaufenthalt, lief heute aus. Auch seine Krankenversicherung endete heute. Sein zweiter Roman, schon lange überfällig, kam nicht voran. Der Vorschuss, den er dafür bekommen hatte, war aufgebraucht. Mein trauriger und schöner Professor hatte sich auf Twitter vollkommen entblößt. Ich hatte eine Menge gelernt.
«Möchten Sie ein Glas Wein?», fragte ich ihn.
«Du bist zu jung», sagte er und schüttelte den Kopf.
Das war natürlich albern. Ich trank, seit ich fünfzehn war, Alkohol. Ich begriff auch, dass es eine Grenze gab, die der Professor nicht überschreiten wollte, und dass es keine Rolle spielte, dass wir sie irgendwie schon überschritten hatten. Ich wollte ihm nicht widersprechen.
Wir gingen nach oben, gefolgt von Princess. Mein Professor lächelte, als er mein Zimmer sah. Die Kunst-Poster an den Wänden.
Mein Professor setzte sich auf mein Bett und zog seine Schuhe aus. «Sie hatte einen schönen Tag, oder?», sagte er und blickte auf seinen Hund hinab. «Manchmal beneide ich sie», sagte er. «Der Name Princess sollte eigentlich ironisch sein, aber irgendwie ist sie in ihn hineingewachsen. Er passt zu ihr. Weißt du, was ich meine?»
Ich nickte. Die Hündin meines Professors strahlte tatsächlich etwas Königliches aus. Sie verschränkte ihre Vorderpfoten, wenn sie sich auf den Boden legte. Sie verlangte die volle Aufmerksamkeit.
Ich setzte mich auf mein Bett, neben meinen Professor. Ich zog ebenfalls die Schuhe aus. Ich war glücklich, obwohl ich verstand, dass mein Professor traurig war. Ich begriff, dass ich wahrscheinlich nicht in der Lage wäre, ihn glücklich zu machen, aber dass ich es dennoch versuchen würde.
«Ich fahre morgen wieder nach Hause», sagte er.
«New York?»
Ich dachte, dass er an jenem Abend noch zurückfahren wolle. Den Zug nehmen. Er schüttelte den Kopf.
«Nach Pakistan.»
«Wirklich?»
«Meine Großmutter liegt im Sterben.»
«Ist das denn eine gute Idee?», fragte ich ihn.
Seit den letzten Wahlen waren die Dinge in Amerika komplett den Bach hinuntergegangen. Einwanderer, die ausreisten, wurden manchmal nicht wieder hereingelassen. Etwa, wenn man Mexikaner war. Oder wenn man aus dem Nahen Osten kam. Wahrscheinlich auch, wenn man Pakistani war. Ich war mir nicht sicher. Ich wünschte, ich wüsste es.
«Sie hat sich um mich gekümmert, als ich ein kleiner Junge war», sagte mein Professor. «Ich muss fahren.»
Ich schob ihm sein Haar hinter die Ohren. Ich verspürte den Drang, den Namen meines Professors zu sagen, aber ich hatte Angst, ihn falsch auszusprechen. Ich hatte den Nachmittag über die Aussprache geübt, seinen Vornamen und seinen Nachnamen, so schwierig war der Name nun auch wieder nicht, aber ich wollte kein Risiko eingehen. Ich wollte keinen Fehler machen. Mein Professor blickte mich nicht an, aber ich wusste, was ich zu tun hatte.
Zum dritten Mal an dem Tag küsste ich meinen Professor. Diesmal war es nicht so schön. Unsere Schneidezähne stießen aneinander. Es tat sogar weh, und ich zuckte zurück. Mein Professor auch. Mein Professor, der mich nach oben geführt hatte, war, wie ich jetzt begriff, nervös. Ich wollte, dass er sich entspannte. Ich wollte ihn wissen lassen, dass er nichts Falsches tat. Er wollte, was er wollte. Das war in Ordnung. Irgendwie war es in Ordnung.
Ich drückte ihn sanft auf mein Bett hinunter.
«Das hier wird auch nett werden», sagte ich zu meinem Professor. «Wirklich nett.»
Mein Professor korrigierte mich nicht. Ich begann sein blaues Hemd aufzuknöpfen. Es war weich, genau, wie ich gedacht hatte.
Rachel kam in ihren Sommerferien mit einem Hund nach Hause, einem Pudel. Ich hatte meinen Hund gerade einschläfern lassen. Sie war zwölf, meine liebe Posey, auch ein Pudel. Ich hatte gedacht, wir hätten noch ein paar Jahre. Ich war nicht darauf vorbereitet gewesen.
Ich brauchte einen neuen Hund. Ohne Hund funktionierte ich nicht richtig, aber dies kam jetzt doch zu früh. Irgendwie traf mich der Verlust Poseys schlimmer als der Verlust von Rachels Vater, der ja auch nicht tot war. Er hatte mich wegen einer jüngeren Frau verlassen. Er lebte mit seiner Freundin in ihrem Apartment in Tribeca zusammen. Ich hätte es vorgezogen, wenn er gestorben wäre. Meine Gefühle wären weniger kompliziert gewesen. Ich wollte meinen Hund zurück.
«Wessen Hund ist das?», sagte ich. «Und sag jetzt nicht, dass das ein Geschenk für mich ist, denn dann gibt’s Ärger.»
Rachel zuckte mit den Schultern.
Manchmal dachte ich, dass etwas mit meiner Tochter nicht stimmte. Sie hatte etwas Emotionsloses, Gleichgültiges an sich, das mir auf die Nerven ging. Es war, als hätte sie einen Schalter, den sie nach Belieben umlegen konnte. Schon als sie noch ein kleines Mädchen war. Sie wollte unbedingt in meinem Bett schlafen, umarmte mich, als gäbe es niemand anderen auf der Welt, und dann ging sie fröhlich zu irgendeinem Mädchen, wo sie übernachten wollte, und zack!, existierte ich gar nicht mehr. An – aus.
Im Grunde wusste ich, dass meine neunzehnjährige Tochter keine Soziopathin war. Sie war so, wie sie war, aber ich wusste nie, wen ich morgens nach dem Aufwachen vorfinden würde. Ich hatte eigentlich geplant, Rachel am Bahnhof abzuholen, aber stattdessen kam sie schon Stunden früher an, verschwitzt, zog ihren Koffer hinter sich her und hatte diesen Hund an der Leine. Es war ein prachtvoller Hund. Lange Beine, aprikosenfarbenes Fell. Ein teurer Hund.
«Rachel», sagte ich. «Wem gehört dieser Hund?»
«Meinem Schreibprofessor», sagte sie. Meine Tochter war aufgeregt bei der Vorstellung gewesen, sein Seminar besuchen zu können. Um zugelassen zu werden, hatte sie eine Geschichte einreichen müssen, und sie war ganz aus dem Häuschen gewesen, als sie angenommen wurde. «Er musste wegen eines Notfalls in der Familie über den Sommer nach Hause fahren. Ich habe ihm angeboten, mich um Princess zu kümmern, bis er wiederkommt. Ich weiß, dass du Posey vermisst. Ich vermisse sie auch.»
Rachel registrierte, wie ich den Hund misstrauisch anstarrte, während mir die Tränen in die Augen stiegen. Zumindest war sie keine Idiotin. Ihren Vater erwähnte sie auch nicht.
«Ist er nicht aus Pakistan? Dein Professor?»
«Daran erinnerst du dich?»
Ich fragte mich, warum ich mich daran erinnerte.
«Er war beeindruckend. Sein Autorenfoto. Dunkle Augen.»
«So redet man doch nicht über einen Schriftsteller», sagte Rachel.
«Ach, ja?», fragte ich. «Ist das nicht der ganze Sinn eines Autorenfotos?»
Rachel sah mich mit diesem leeren Ausdruck an.
«Du hast ständig über ihn geredet, am Anfang des Semesters», sagte ich. «Ich habe sein Buch gelesen.»
«Hat es dir gefallen?»
«Es war lang», sagte ich. «Ich wollte, dass es mir gefällt. Selbst die Sätze waren lang.»
«Ich weiß. Es soll ein Meisterwerk sein. Ich habe eine Rezension nach der anderen gelesen, und niemand hat sich über die langen Sätze beschwert. Ich glaube, mit uns beiden stimmt was nicht.»
So war es oft. Wir konnten nie lange wütend auf einander sein. Ich wollte meine Tochter wegen dieses Hundes zusammenstauchen, und stattdessen redete ich über den weitschweifigen Roman ihres Professors.
«Nein», sagte ich. «Wir mögen kurze Sätze. Sein Buch ist vielleicht einfach nicht das Richtige für uns.»
Der Pudel hechelte jetzt. Es war ein heißer Tag. Zweiunddreißig Grad, zu heiß für Juni. Die globale Erwärmung war schon da. Das Leben ging weiter. Würden wir Menschen lernen uns anzupassen? Und hier war ich. Passte mich an. Ich fragte mich, wie es Rachel damit ging, dass ihr Vater gegangen war. Sie hatte gesagt, dass sie kein Kind mehr war, dass ihre Gefühle diesbezüglich irrelevant waren. Während meine Gefühle verletzt worden waren. Unsere perfekte Familie war auseinandergefallen, und meiner Tochter war es egal. Sie war genau wie dieser Pierre in dem Buch von Maurice Sendak. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich sie an einen hungrigen Löwen verfüttert. Ich kniete mich hin und streichelte den wunderschönen Hund, den sie mitgebracht hatte. Ich kraulte den Pudel unterm Kinn. Es war albern. Konnte ich mich so schnell in einen neuen Hund verlieben?
«Es wird schon gutgehen, Mom», sagte meine Tochter. «Ich werde sie ausführen. Ich werde ihr Futter geben. Das Haus ist groß.»
Ich hörte förmlich meine siebenjährige Tochter, wie sie mich um ein Kaninchen anbettelte. Mir erzählte, dass sie es füttern würde, dass sie seinen Käfig sauber machen würde. Dasselbe kleine Mädchen, das schnell sein Interesse an genau dem Kaninchen verlor, das dann in meine Verantwortung überging, noch eine häusliche Pflicht, bis das Kaninchen aus seinem Käfig entkam und von Posey im Wohnzimmer gestellt wurde. Das arme kleine Kaninchen starb an einer Herzattacke.
«Mein Professor musste abreisen, und ich habe ihm angeboten, sie so lange zu nehmen. Er wollte eigentlich seine Untermieterin bitten, sie zu versorgen. Eine Fremde, die zwölf Stunden am Tag arbeitet.»
Ich seufzte. Es spielte keine Rolle, dass ich noch nicht bereit war, einen neuen Hund im Haus zu haben. Ich würde nicht wollen, dass dieser wunderbare Hund drinnen blieb, den ganzen Tag allein in einer Wohnung. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich meine Tochter im Haus haben wollte, aber hier war sie nun und stand in meinem Vorgarten.
«Dann bring sie rein», sagte ich. «Ich hole ihr Wasser. Sie muss Durst haben.»
«Warum fragst du mich nicht, ob ich Durst habe? Ob ich Hunger habe?»
«Du bist ein großes Mädchen», sagte ich. «Du kannst auf dich selbst aufpassen.»
«Kann ich nicht», sagte Rachel. «Ich bin absolut unglücklich.»
Ich musterte meine Tochter. Ich wusste nicht, ob sie die Wahrheit sagte. Ich wusste nicht, ob ich sie jetzt umarmen sollte. Ob es das war, was sie wollte. Ich konnte natürlich einfach zu ihr gehen und sie umarmen, aber die Gefahr bestand, dass sie dann bloß dastehen würde, steif wie ein Brett, und so früh am Tag fühlte ich mich für diese Art von Zurückweisung noch nicht gewappnet. Sie sah überhaupt nicht absolut unglücklich aus.
Aber was, wenn es stimmte? Sollte ich mich also den ganzen Sommer über um sie kümmern? Letzte Woche hatte sie noch gesagt, sie überlege, nicht nach Hause zu kommen, sondern in ihrer College-Stadt zu bleiben und sich dort einen Job zu suchen, und ich hatte ihr gesagt, dass das in Ordnung wäre. Ich hatte diese Idee irgendwie gut gefunden.
Rachel hatte allerdings schon einen Job beim Freizeitcamp, den dritten Sommer nacheinander. Ich hatte die Leiterin auf dem Bauernmarkt getroffen, und sie hatte gesagt, dass sie die Sommerferien kaum erwarten konnte, dass meine Tochter eine so gute Betreuerin war. Die Kinder liebten sie. Ich liebte sie.
Ach verdammt, ich war froh, dass sie da war.
«Dann will ich euch beiden mal was zu trinken holen», sagte ich.
Ich öffnete die Hintertür, und sie folgte mir ins Haus und brachte den Hund gleich mit. «Heißt sie wirklich Princess?», fragte ich Rachel.
«Ist eigentlich ironisch gemeint.»
Der Name passte so gar nicht zu diesem großen Hund, der uns ins Haus folgte, scheinbar unbeeindruckt von dem Ortswechsel. Ich holte die Wasserschale und den Fressnapf, und ich füllte ihn mit Trockenfutter, weil ich Poseys letzten Zwölfkilosack noch nicht weggeschmissen hatte, der immer noch halbvoll war. Ich saß an meinem Küchentisch und sah zu, wie Princess fraß, und ich fragte mich, wie ich sie stattdessen nennen könnte. Sollte sie einstweilen Posey heißen. Ich konnte daran nichts Schlechtes erkennen. Schließlich war sie bloß ein Sommerhund.
Ich dachte über den berühmten Schriftsteller nach, der diesen wunderschönen Hund einfach Fremden überließ. Ich dachte daran, dass ich es in diesem Frühjahr abgelehnt hatte, mit nach Paris zu fahren, weil ich Posey nicht allein lassen wollte. Sie kam kaum noch die Treppe hoch. Jonathan wollte trotzdem fahren. Er wollte Posey in der Hundepension lassen.
Jonathan hatte sich auf Paris gefreut, eine Reise, die er für uns geplant hatte. Er warf mir vor, dass ich den Hund mehr liebte als ihn. «Weißt du, wie krank das ist?», sagte er.
Ich konnte nicht widersprechen.
Und da hatte er mir dann von Mandy erzählt. Er war stattdessen mit Mandy nach Paris gefahren. Sie schliefen in dem Hotelzimmer, das er für uns reserviert hatte.
«Das ist doch ein lächerlicher Name», sagte ich zu ihm.
Etwas Besseres war mir nicht eingefallen. Rhetorisch war ich schon immer eine Niete gewesen. Ich fuhr nicht mit auf unser romantisches Wochenende, um bei meinem sterbenden Hund zu bleiben – das war auch nicht gerade der Hauptgewinn.
Und jetzt war Rachel da, öffnete den Kühlschrank, suchte nach etwas zu essen. Sie holte die Erdbeeren vom Bauernmarkt heraus, einen Becher Naturjoghurt, eine Flasche Mineralwasser. Sie nahm diese Sachen, als stünde ihr das zu, und natürlich stimmte das auch. Sie war meine Tochter. Dies war ihr Zuhause. Ich war froh, dass sie nach Hause gekommen war. Ich sagte mir das noch einmal, als müsste ich mich selbst erst davon überzeugen.
Was sollte ich denn sonst tun?
Die langen Sommerferien waren angeblich einer der Vorzüge des Lehrerdaseins, und dennoch. Ich wünschte, ich hätte mir irgendetwas vorgenommen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mein Hund tatsächlich starb. Oder dass mich mein Mann verließ. Er war nicht einmal mehr nach Hause gekommen, um den Swimmingpool wieder in Betrieb zu nehmen. Ich vermisste den Pool, vermisste meine Bahnen. Ich vermisste es, mit meinem Hund zu laufen. Ich vermisste meinen Hund. Rachel hatte mir einen Hund gebracht.
Ich holte zwei Schüsseln aus dem Schrank und gab den Joghurt hinein. Ich stellte fest, dass ich noch Kaffee wollte.
«Kaffee?», fragte ich Rachel, und sie nickte, ja. Ich war es nicht gewohnt, dass sie Kaffee trank. Ich wusste nicht, was sie am College trank, und das fand ich gut so. Ich hatte Schwierigkeiten, sie als Erwachsene zu akzeptieren. Sie war keine Erwachsene. Neunzehn. Sie war an der Grenze. Sie war kein Kind mehr. Sie trug ihr T-Shirt, wie mir jetzt auffiel, falsch herum, und ich empfand das irgendwie als Bestätigung.
«Weißt du, wie lange wir sie haben werden?»
«Ich glaube, sechs Wochen», sagte Rachel. «Ich bin mir aber nicht sicher. Mein Professor ist nach Hause gefahren, um bei seiner sterbenden Großmutter zu sein. Er wusste nicht, wann er zurückkommt. Wenn man sterbende Menschen besucht, woher will man wissen, dass sie tatsächlich sterben?»
Ich konnte nicht an mich halten. Ich musste lachen.
«Was?»
«Seine sterbende Großmutter.»
«Glaubst du, er lügt?»
«Ja», sagte ich, immer noch lachend.
Warum kam mir diese Geschichte wie gequirlte Scheiße vor? Vielleicht wegen all der Lügen, die mir Jonathan erzählt hatte, bevor er schließlich mit der Wahrheit über Mandy herausgerückt war. Eine davon war, dass seine Mutter krank sei. Edith, meine Schwiegermutter, war bei bester Gesundheit. Sie rief an einem Abend an, an dem er weggefahren war, um sie zu besuchen, offensichtlich war sie nicht an seiner kläglichen Lüge beteiligt gewesen.
Die Freundin meines Mannes arbeitete für eine Fluggesellschaft, aber sie war keine Stewardess, wie ich anfangs angenommen hatte. Sie war tatsächlich Pilotin. Das machte es wohl besser.
«Das hört sich wie eine Lüge an, mein Schatz. Seine sterbende Großmutter. Warum nicht noch ein bisschen mehr auf die Tränendrüse drücken?»
«Er würde nicht lügen», sagte Rachel.
Das war der Augenblick, in dem mir klarwurde, dass ich mir Sorgen machen sollte. Wer war dieser Professor, der meine Tochter ausnutzte? Ich war froh, dass ich mir sein Buch nicht gekauft hatte. Es stammte aus der Bibliothek. Ich musste es zweimal verlängern. Aber ich hatte den Roman von Anfang bis Ende gelesen und war stolz darauf.
«Wie war das Seminar denn?», fragte ich sie.
«Ich habe meine letzte Geschichte nicht abgegeben», sagte sie.
«Oh, Schätzchen. Warum denn nicht?»
Rachel hatte immer schon Schriftstellerin werden wollen. Sie schrieb ihre erste Kurzgeschichte in der zweiten Klasse, elf Seiten über einen afrikanischen Elefanten im Zoo, der sich einen Freund wünschte.
Keiner von uns beiden sagte etwas, während ich die Kaffeebohnen mahlte und Rachel die Erdbeeren klein schnitt. Natürlich würde es schön werden, sie hier bei mir zu haben. Im letzten Sommer hatten wir uns einen schönen Alltagsrhythmus zugelegt. Ich hatte den Tag für mich, während sie im Freizeitcamp war. Ihr Vater war fast nie zu Hause, lange Arbeitstage und auch Dienstreisen. Jetzt fragte ich mich, ob er da schon mit Mandy zusammen gewesen war, aber es war dennoch schön gewesen, bloß Rachel und ich und der Hund. Manchmal brachte sie ihre Freunde mit an den Pool.
Ich hatte sie vermisst, als sie aufs College gegangen war. Sie war fort und vergaß mich und kam in den Ferien mit einem Koffer voller schmutziger Wäsche nach Hause.
«Warum hast du denn keine Geschichte abgegeben?», fragte ich.
«Ich habe sogar eine geschrieben», sagte Rachel. «Aber ich hatte Angst, dass sie ihm nicht gefällt.»
«Ist das so nicht schlimmer? Bekommst du denn die Punkte?»
«Er sagte, er gibt mir die Punkte, wenn ich dafür auf seinen Hund aufpasse.»
«Huch», sagte ich. «Das hört sich für mich nicht nach einer moralisch korrekten Abmachung an.»
«Für mich auch nicht», sagte Rachel. «Aber sie ist cool. So, als hätten wir eine Art Einvernehmen.»
«Rachel», sagte ich.
«Mom», sagte Rachel. «Sein Vertrag ist abgelaufen, und er kommt nicht ans College zurück, also denke ich mal, dass es ihm am Arsch vorbeigeht. Es ist besser, als ein Nicht Bestanden zu bekommen.»
«Davon wird es nicht korrekter.»
«Mom», wiederholte Rachel. Sie hörte auf, die Erdbeeren klein zu schneiden. Sie hatte das große Küchenmesser in der Hand. Ich fand das irritierend. «Wage es bloß nicht, Kontakt zum College aufzunehmen.»
Ich hatte kein Wort darüber gesagt, Kontakt zum College aufzunehmen. Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, aber plötzlich begann es mir durchaus einzuleuchten. Etwas war zwischen den beiden vorgefallen. Meine Tochter, die so leicht zu beeindrucken war, und ihr Schreibprofessor. Man ließ seinen Pudel doch nicht bei irgendjemandem.
«Ich will nicht, dass er Ärger bekommt. Ich wollte bloß nett sein, Mom, als ich ihm anbot, mich um seinen Hund zu kümmern. Ich dachte, das würde dir vielleicht gefallen. Ich habe an dich gedacht.»
«Du hast überhaupt nicht an mich gedacht», sagte ich.
Ich wünschte, es würde stimmen.
Es stimmte aber nicht.
Meine Tochter, das Mädchen, das die Gabe völliger Ausdruckslosigkeit perfektioniert hatte, sah empört aus. Ich spürte Erleichterung. Sie war immer noch irgendwo da drinnen. Ich dachte, dass sie mir vielleicht sogar etwas sagen wollte. Aber dann sah ich, wie jene Wolke ihr Gesicht verdunkelte. Ich hatte es mir schon wieder mit ihr verscherzt.
«Du solltest nicht ein Seminar mit Erfolg absolvieren können, wenn du die Prüfungsleistungen nicht erbracht hast», sagte ich.
«Ich lass dich meine Geschichte lesen, wenn du dich dann besser fühlst», sagte Rachel. «Ich habe die Leistung erbracht. Ich habe die Punkte verdient.»
Ich hatte immer noch eine moralische Verpflichtung diesem Mädchen gegenüber, meinem Kind, die Verpflichtung, eine Art Vorbild zu sein, die Dinge, die sie tat, zu kommentieren, den Menschen zu formen, der sie einmal sein würde. Ich konnte ihr auch sagen, dass sie ihr T-Shirt verkehrt herum trug, aber es schien mir besser, das nicht zu erwähnen.
«Du kannst nicht wollen, dass ich durchfalle», sagte Rachel. «Ich meine, das wäre doch lächerlich, oder, in Kreatives Schreiben durchzufallen? Du kannst meine Geschichte lesen, wenn du willst. Es ist eine gute Geschichte. Ich weiß, meine Meinung zählt nicht, aber ich glaube wirklich, dass sie gut ist.»
«Ich möchte sie lesen», sagte ich. «Warum glaubst du, sie hätte ihm nicht gefallen?»
«Ich weiß es nicht. Er mochte alle anderen Geschichten. Er mochte all diese furchtbaren, furchtbaren Geschichten, was mich auf den Gedanken gebracht hat, dass ihm meine nicht gefallen könnte, weil sie eben nicht furchtbar ist. Ich habe sie ausgedruckt», sagte Rachel. «Du kannst sie lesen.»
Ich goss uns Kaffee ein, und wir tranken ihn. Wir saßen am Küchentisch und aßen unser Obst und unseren Joghurt. Es kam mir so vor, als gäbe es nichts mehr zu sagen. Ich wollte nicht eine einzige falsche Bemerkung mehr machen.
Die Hündin war fertig mit Fressen. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie sie in der Küche umherwanderte und an den Küchenschränken schnüffelte. Sie kam zu mir und legte mir ihre lange Schnauze in den Schoß, und ich tätschelte ihr weiches, oranges Pudelfell. Solch eine ungewöhnliche Farbe! Ein Hund für eine begrenzte Zeit war eine schreckliche Idee. Ich würde sie nicht wieder hergeben wollen.
«Ich bin froh, dass du zu Hause bist, mein Häschen», sagte ich zu meiner Tochter.
Und da kam sie zu mir. Rachel schob Posey sanft beiseite und setzte sich auf meinen Schoß, immer noch mein kleines Mädchen.
Später an jenem Abend las ich die Kurzgeschichte meiner Tochter. Sie handelte von einer Flugbegleiterin. Ihr Name war Amanda. Ich musste laut lachen. Es ging nicht darum, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden, das hatten Jonathan und ich ihr gesagt, aber Rachel hatte sich eindeutig auf meine Seite geschlagen.
In der Geschichte zieht sich Amanda eine Geschlechtskrankheit zu, von der sie nichts ahnt. In jeder Stadt lernt sie einen neuen Mann kennen. Jeden einzelnen nimmt sie mit aufs Hotelzimmer und hat Sex mit ihm. Einer ihrer Geliebten arbeitet in der Finanzbranche. Er hat eine Frau, die Lehrerin in einer Grundschule ist. Der Mann kommt von seiner Paris-Reise zurück nach Hause, voller Schuldgefühle, und will mit seiner Frau schlafen, aber sie ist müde. Sie weist ihn ab.
Am Ende der Geschichte entdeckt Amanda, die Flugbegleiterin, ihr Leiden. Sie denkt an all die Männer, mit denen sie geschlafen hat, einen in jeder Stadt.
«Was will man machen», sagt sie zu sich selbst und kippt ihr Penizillin mit einem Schluck Wodka herunter. «Das Leben ist kein Streichelzoo.»
Es war eine böse Geschichte. Sie war eine gute Autorin, meine Tochter, und ich wünschte, sie hätte die Geschichte abgegeben.
«Und jetzt?», fragte mich Khloe.
«Noch einen Schnaps?»
«Sind wir denn nicht schon betrunken?»
«Noch nicht genug», sagte ich.
Khloe stand auf, bestellte uns noch zwei Schnäpse, brachte sie an unseren Tisch. Natürlich, ich war der Mann. Es war mein Job, den Schnaps zu holen, aber ich war zu betrunken. Und in diesen Zeiten dauernder Veränderungen bedeuteten die Geschlechterrollen nichts mehr. Ich ging wirklich gern mit lesbischen Frauen aus. Ich fühlte mich nicht genötigt, Sex mit ihnen zu haben. Seit mein Buch erschienen war, kam es mir manchmal so vor, als wollten alle Frauen mit mir schlafen. Es war anstrengend. Ich hatte mir eine Geschlechtskrankheit zugezogen. Ich hatte meine Verlobte damit angesteckt. Sie hatte mir nicht verziehen. Ich hätte es ihr gar nicht erzählt, aber wegen der Krankheit hatte ich ihr die Wahrheit sagen müssen.
Khloe war die eineiige Zwillingsschwester meiner besten Freundin Kristi. Meine Verlobte hatte Kristi nicht leiden können, weil sie eifersüchtig darauf war, dass wir dauernd miteinander telefonierten. Die Zwillinge waren hinreißend, sie hätten für Models durchgehen können. Sie sahen wie Weiße aus, aber doch nicht ganz. Sie waren beinahe eins achtzig groß. Es war nicht leicht, ihr lockiges Haar einer bestimmten Herkunft zuzuordnen. Ihre Mutter war schwarz, und so gehörten sie also einer Minderheit an. Kristi sprach immerzu über Rasse, über das Schwarzsein. Über Identitätspolitik. Ihre engsten Freunde waren andere Schriftsteller, die verschiedenen Minderheiten angehörten. Khloe hatte BWL studiert und gerade ihren Abschluss gemacht. Sie hatte eine attraktive Stelle in New York bekommen und meine Wohnung in Brooklyn für den Sommer gemietet. Ich wurde nicht schlau aus ihr. Sie trug kurze Röcke und High Heels, interessierte sich aber nicht für Männer. Ehrlich, sie machte einem ein wenig Angst.
Ich war früher zurückgekommen, aber ich wollte, dass Khloe blieb, weil sie meine Miete zahlte. Sie würde das Schlafzimmer behalten, und ich könnte auf der Couch schlafen. Es war eine teure Couch. Ich hatte sie von einem Teil meines Vorschusses gekauft. Ich hätte von meinem Vorschuss ein Haus kaufen sollen. Ich hätte mir ein wirklich nettes Haus leisten können, wenn ich bereit gewesen wäre, New York zu verlassen. Das war es jedenfalls, wozu Kristi mir geraten hatte. Stattdessen hatte ich das Geld verpulvert, es war mir durch die Finger geronnen wie Wasser. Ich kaufte mir ein paar schöne Anzüge, ein paar schöne Möbelstücke. Ich machte ein paar wirklich nette Reisen mit meiner Verlobten. Wir hatten in den allerbesten Restaurants gegessen, sehr teuren Wein getrunken.
Jetzt war ich wieder zurück aus Pakistan, eine Reise, auf der meine Mutter bestanden hatte, eine Reise, die sie mir auch bezahlt hatte, weil ich sie mir selbst nicht hatte leisten können. «Hör auf, der verwöhnte Bengel zu sein, zu dem du geworden bist», sagte sie zu mir.
Die Worte hatten sich mir eingebrannt.
Meine Großmutter hatte meine Hand gehalten. Die Ärzte sagten, dass sie keine Schmerzen habe, aber auf mich wirkte sie geradezu wie die Definition von Schmerz. Statt einer Begrüßung drückte meine Großmutter nur meine Hand, sehr, sehr fest mit ihrer winzigen und knochigen Hand, und dann starb sie. Meine Hand haltend.
Es kam mir unfair vor. Sie hatte mir eine solche Last auferlegt. So viel fehlgeleitete Liebe. Wir hatten Pakistan verlassen, als ich zwölf war. Anfangs hasste ich Amerika. Meine Eltern und ich lebten in North Carolina, mein Vater arbeitete in einem Krankenhauslabor, wo er Dinge zu tun hatte, die eigentlich unter seiner Würde waren, und wir fielen auf, die einzigen braunhäutigen Menschen in einer Kleinstadt, aber schließlich tat ich das Einzige, was mir möglich war. Ich wurde ein richtiger Amerikaner. Ich freundete mich mit den weißen Jungs an. Die Leute mochten mich, das einzige pakistanische Kind. Ich war gut in der Schule. Ich war höflich. Ich hörte die Musik, die auch alle anderen hörten. Ich hatte weiße Freundinnen. Ich hatte fast immer Sex mit diesen Mädchen, schon früh, ich war vierzehn bei meinem ersten Mal, und doch verliebten sich diese weißen Mädchen nie in mich. Weil ich Pakistani war. Ich diente zur Übung. Ich wusste das. Ich verliebte mich auch nicht in sie.
Einmal im Jahr besuchten wir unsere Verwandten in Pakistan, und dann wurde es alle zwei Jahre. Und dann, für mich, alle drei Jahre und dann alle vier Jahre. Ich wollte nicht mehr zurück. Ich gehörte nicht mehr dazu. Herrgott, es war heiß und überfüllt, und es fühlte sich an wie Ausland. Es war schrecklich, sich in seinem eigenen Land wie ein Ausländer zu fühlen. Ich war dankbar, wieder zurück in New York zu sein. Hier war es genauso heiß, aber es gab Klimaanlagen. Kühle Bars. Sommerdrinks.
Khloe kam mit den Drinks wieder zurück an den Tisch. Ich liebte Tequila. Das Salz, die Limette. Es schmeckte so gut. Khloe starrte mich an. Ich musste feststellen, dass dieser Blick nicht sehr liebevoll war. Den ganzen Abend über hatte ich schon eine wachsende Irritation bei meiner Untermieterin festgestellt. Ich sollte es wissen. Ich war Schriftsteller. Ich verstand Menschen, verstand, wie ihr Denken funktionierte. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr so gut. Vielleicht der Jetlag. Oder der Tequila. Ich blickte auf meine Hände, die flach auf dem Tisch lagen, und ich sah die Hand meiner Großmutter vor mir. Die Knochen, die ihre Knöchel ausmachten und praktisch durch die Haut stießen. Sie war so dünn gewesen. Ihre Augen so groß.
«Nimmst du mich mit nach Hause?», fragte ich Khloe. «Ich fühle mich nicht besonders.»
«Du bist so eine Pussy», sagte Khloe.
An dieser Stelle hätte ich eigentlich etwas Intelligentes sagen müssen, doch stattdessen legte ich Khloe meinen Arm um die Schultern, wir waren gleich groß, und gemeinsam verließen wir die kühle, klimatisierte Bar in Brooklyn und gingen zu meiner Wohnung zurück. Zuerst kotzte ich auf die Straße vor meinem Wohnhaus. Dann kotzte ich auf den Flur vor meiner Wohnungstür. Ich kotzte auf den Dielenboden meiner Wohnung, bevor ich es ins Badezimmer schaffte.
Es war kühl in meiner Wohnung. Wir hatte die Klimaanlage angelassen.
«Zahid», sagte Khloe. «Du bist ein Wrack.»
Dazu fiel mir auch nichts Intelligentes ein.
Ich legte mich auf den Hartholz-Fußboden, nicht weit von meiner Kotze entfernt.
Ich wachte auf dem Fußboden auf, ein Kissen unter meinem Kopf, eine Decke lag über mir, der Boden war gewischt. Ich wachte angstvoll auf, weil ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, wer sich eigentlich um meinen Hund kümmerte. Wo war Princess? Ich hatte Angst, dass sie hier in der Wohnung war, unter meinem Schreibtisch, und Hunger hatte, und ich fragte mich, warum sie nicht bellte, warum sie nicht vorkam und mir das Gesicht ableckte. Khloe war eine blöde Kuh, dass sie mich hier auf dem Fußboden schlafen ließ, aber sie würde doch meinen Hund nicht verhungern lassen. Oder?
«Princess? Schätzchen?»
Meine Kehle war trocken. Wie konnte ich bloß meinen Hund vergessen haben? Ich war seit zwei Tagen zurück, und in diesem Moment dachte ich zum ersten Mal an sie. Was war bloß los mit mir? Das hatte mich meine Verlobte auch gefragt. Zwei Tage vor unserer Hochzeit hatte ich ihr gesagt, sie solle sich unbedingt auf Chlamydien testen lassen. Ein Teil von mir fragte sich immer noch, was passiert wäre, wenn ich abgewartet hätte, statt es ihr zu erzählen. Wir hätten geheiratet. Vielleicht wären wir immer noch verheiratet. Wir hätten zu einem Eheberater gehen können. Wir hätten alle Hochzeitsgeschenke behalten können. Wir hätten die Zeremonie und den anschließenden Empfang absolviert, den sie schon so lange geplant hatte.
Ich schaute unter meinen Schreibtisch. Princess war nicht da. Princess war überhaupt nicht in meiner Wohnung. Und dann fiel mir wieder meine Studentin ein, die einzige Studentin im Seminar, die nicht ihre letzte Geschichte abgegeben hatte, die Studentin, die in mich verliebt war. Ich konnte mich nicht an ihren Namen erinnern. Sie war hübsch. Sie hatte meine Hündin. Sie würde gut auf meine Hündin aufpassen.
Es war mein erster Sommer in Brooklyn.
Anfangs hatte ich gedacht, ich würde nach Manhattan ziehen, näher an meinen Arbeitsplatz, aber ich brauchte nicht lange, um zu kapieren, dass Brooklyn total angesagt war. Meine Zwillingsschwester war Schriftstellerin, und sie war auch diejenige, die mir die Wohnung besorgt hatte. Ihr bester Freund Zahid, auch ein Schriftsteller, immer war sie mit Schriftstellern zusammen, werde den Sommer über fort sein. Meine Schwester war ganz offensichtlich in ihn verliebt, aber sie leugnete es hartnäckig. Sie erzählte mir, dass er seine Verlobte betrogen hatte. Dass er selbst sein schlimmster Feind war und dass sie auch für eine Million Dollar nicht mit ihm ausgehen würde. Meine Schwester, sie regte sich einfach zu viel auf. Aber über die Wohnung zur Untermiete war ich froh. Ich müsste auf seinen Hund aufpassen. Ich mochte Hunde nicht, aber es war eine schöne Wohnung in der Gegend, in der ich wohnen wollte.
Im letzten Augenblick beschloss Zahid allerdings, seinen Hund den Sommer über jemand anderem zu überlassen. Und weil ich mich nicht mehr um seinen Hund zu kümmern brauchte, wollte er wissen, ob ich ihm dafür mehr Miete zahlen könnte.
«Wie viel mehr Miete denn?», fragte ich ihn.
«Sechshundert Dollar», sagte er.
«Scheiße», sagte ich. «Du Arschloch.»
Wenn ich wütend war, begann ich sofort zu schimpfen. Mir fehlte ein Filter, was mich schon bei mehr als einer Gelegenheit wirklich in Schwierigkeiten gebracht hatte. Ich gab meiner ersten Babysitterin die Schuld daran, die immerzu geflucht hatte, und ich hatte es nachgemacht, erst Scheiße und verdammt, dann auch beschissenes Arschloch. Jane wohnte ein paar Blocks von Zahid entfernt.
Erst als ich dreizehn war und Jane vom College zurück- und vorbeikam, um hallo zu sagen, begriff ich, wie hoffnungslos verliebt ich in sie war. Ich gestand ihr meine Liebe, und sie sagte: «Gut. Ich habe gehofft, dass du von alleine darauf kommst.»
Gut, aber sie erwiderte meine Liebe nicht. Sie war verliebt in eine Filmemacherin, die gerade einen Film in Toronto drehte. Ihre Freundin wurde berühmt und war immer weniger da, und bald würde sie vielleicht gar nicht mehr da sein.
«Liebe», sagte mir meine Babysitterin, «ist hart.»
«Das ist echt beschissen», erwiderte ich und dachte, dann solle sie doch stattdessen mich lieben. Es würde Zeit kosten, das wusste ich, bis sie aufhörte, mich als Kind zu sehen. Aber ich wurde älter, war alt genug. Ich hatte Pläne mit ihr. Deshalb hatte ich die Stelle in New York angenommen und nicht die in Chicago. Meine Babysitterin wohnte in Brooklyn. Sie arbeitete in einem Verlag. Sie war schon ein paarmal mit mir ausgegangen. Ich hatte ihre Freundinnen kennengelernt, die ich alle mochte, und fragte mich, warum ich im Finanzsektor arbeitete, aber ich wusste ja, warum. Geld. Ich wollte es. Ich hatte außerdem beträchtliche Schulden, Studienkredite für das BWL-Studium, aber ich bekam ein gutes Gehalt, und kommende Weihnachten konnte ich mit einem erheblichen Bonus rechnen.
Meine Kollegen waren hetero. Hetero, männlich und weiß. Außerdem alle Arschlöcher, außer Danny Tang, dem Quoten-Asiaten. Während man für mich gleich zwei Kästchen ankreuzen konnte. Schwarz und weiblich. Es war nicht der allergemütlichste Arbeitsplatz. Aber Brooklyn war voller lesbischer Frauen. Ich verdiente gutes Geld, ich gab andauernd irgendwem Drinks aus. Ich war sehr beliebt bei Janes Freundinnen aus der Verlagsbranche. Manchmal zahlte ich auch für meine Babysitterin. Sie war genauso pleite. Sie weigerte sich mir zu erzählen, was aus der Filmemacherin geworden war, aber ich wusste, dass es böse geendet hatte.
Natürlich bezahlte ich Zahid die zusätzliche Miete im Austausch dafür, dass ich nicht auf seinen Hund aufpassen musste. Ich hätte sowieso nicht auf seinen Hund aufpassen wollen. Ich hätte jemanden finden müssen, der mit ihr nachmittags rausgegangen wäre. Aber diese sechshundert Dollar im Monat waren Geld, das ich anderweitig verplant hatte, Geld, das für Drinks vorgesehen war. Meine Zwillingsschwester Kristi fand, ich trank zu viel, aber das war totaler Quatsch. Ich ging zur Arbeit, und nach der Arbeit wollte ich runterkommen. Ich wollte einen trinken gehen, und dann geriet ich in eine Bar voller schöner Frauen und kalter Getränke in Cocktailgläsern. Es gab Abende, an denen ich fünf Frauen gleichzeitig Drinks ausgab. Ich liebte Brooklyn. Viele dieser Frauen gingen mit mir nach Hause. Ich sah, dass meine Babysitterin mich sah, wie ich andere Frauen abschleppte, und ich wusste, meine Zeit würde kommen.
Ich gab Zahid in einer Bar in der Nähe seiner Wohnung Tequilas aus, und er gab mir die Schlüssel zu seinem Apartment. In ein paar Tagen würde er nach Pakistan fliegen. Zahid hatte angefangen zu weinen, als er mich um den Zusatzbetrag bat, und ich dachte, dass vielleicht mit ihm etwas nicht stimmte.
Also psychisch.
Später fragte ich Kristi. «Dummkopf», sagte sie. «Zahid ist ein totaler Spinner. Er braucht dringend Antidepressiva, aber er nimmt keine.»
Und Zahid, mir hatte er gesagt, es gehe ihm gut, aber für jemand mit dunkler Haut sah er blass aus. Gelblich grün. Er würde den Sommer in Pakistan verbringen.
«Toll, was?», sagte er.
Woher sollte ich das wissen. Ich hatte eine vage Vorstellung davon, wie das Leben in Pakistan war, und sie basierte nicht gerade auf allzu viel Kenntnis. Ich kam aus dem Mittleren Westen. Ich erinnerte mich daran, wie ich indisch essen gegangen war und dann festgestellt hatte, dass die Köche in Wirklichkeit aus Pakistan kamen. Ich dachte, dass Zahid ein Prinz sein könnte. Er hatte so feine Gesichtszüge. Für einen Mann sah er unglaublich gut aus.
Nach eineinhalb Wochen kam er aus Pakistan zurück.
Eineinhalb Wochen!
Arschloch.
Seine Großmutter war gestorben. Anscheinend sofort. Schon am Tag seiner Ankunft. Und so buchte Zahid um, kam früher wieder nach Hause und sah noch mehr wie ein trauriger Prinz aus, ein verwaister Prinz, der sein Schloss verloren hatte. Es war seltsam, so etwas zu denken, ich war doch gar nicht die Kreative! Das war doch Kristi. Ich mochte Bücher nicht mal. Und Männer auch nicht. Ich hatte mit genau zwei Männern geschlafen, einmal in der Highschool und dann noch mal am College, nur um ganz sicher zu sein. Seit ich ein kleines
