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Dieses Buch ist kein Roman. Es versammelt Texte über Menschen, deren Leben Brüche kennt – leise, schwere, alltägliche. Sie werden nicht erklärt, nicht bewertet, nicht gerettet. Sie dürfen bleiben. Zwischen diesen Texten stehen kurze absurde Miniaturen. Sie verschieben den Blick und schaffen Luft, wo Wirklichkeit eng wird. Sie erklären nichts. Sie öffnen Räume. Die Texte folgen keiner durchgehenden Handlung. Sie lassen sich unterbrechen, weglegen, wieder aufnehmen. Wenn dabei etwas nachklingt, genügt das.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
„Sind wir zu früh?“, fragte Gerd.
Kulibert sah sich um.„Nein“, sagte er.„Die anderen sind nur noch nicht da.“
Zum Buch:
Dieses Buch ist kein Roman.
Es versammelt Texte über Menschen, deren Leben Brüche kennt – leise, schwere, alltägliche.Sie werden nicht erklärt, nicht bewertet, nicht gerettet.
Sie dürfen bleiben.
Zwischen diesen Texten stehen kurze absurde Miniaturen. Sie verschieben den Blick und schaffen Luft, wo Wirklichkeit eng wird. Sie erklären nichts. Sie öffnen Räume.
Die Texte folgen keiner durchgehenden Handlung.Sie lassen sich unterbrechen, weglegen, wieder aufnehmen.
Wenn dabei etwas nachklingt, genügt das.
Zum Autor:
Martin Henke, geb. 29.04.1976 in Löningen,
Diplom Sozialwissenschaftler, systemischer Familientherapeut und Mediator. Er studierte in Duisburg, Oldenburg und in Bremen. Seit 2005 lebt und arbeitet er im LK ROW (GER). Martin Henke ist seit 2008 Geschäftsführer und Pädagogische Leitung eines Jugendhilfeträgers in Niedersachsen – Deutschland.
Januar 2026
Martin Henke
Wirklichkeit mit Nebenwirkung
© 2026 Martin Henke
© Coverdesign: Franziska Poppe
Verlag: Fast am Meer
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Verlag verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Verlags, zu erreichen unter: Fast am Meer, Orthof 6, 27374 Visselhövede, Germany.Kontaktadresse nach EU– Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Inhalt
Wirklichkeit mit Nebenwirkung
Als die Seepferdchen noch an Land lebten
Elise
Die Linse
Ramona
Der Froschschnabler
Ron
Die Zwillinge
Die Zwillinge – eine Fortsetzung
Flashback
Kontroverses aus der Speisekammer
Mensch, Heinz!
Kontroverses aus der Speisekammer
Ohne Worte
Die Blutspende
Juri
Luisa
Platz an der Garderobe
Gerd, Kulibert und die Sonne von Lundey
Gerd und Kulibert – Teil II
Gerd und Kulibert – Teil III
Frau Turtur
Das erste Mal
Die Liebe zweier Unübersetzbarer
Der Schrank, die Nudeln und die große Lebensfrage
Geburtstag ohne Geburtstagskind
Kontroverses aus der Speisekammer
Das Missverständnis
Der ewige Kreislauf
Kontroverses aus der Speisekammer
IIa
Eine verrückte Liebesgeschichte
Sand im Schnee
Begegnung am Stein
Und manchmal reicht das
Danksagung
Mir begegnet die Wirklichkeit selten als geschlossene Erzählung.Meist zeigt sie sich in Teilen, in Brüchen, in Momenten, die nicht sauber ineinandergreifen. Menschen erzählen mir von ihrem Leben, und fast nie verläuft es gerade. Es gibt Umwege, Risse, Entscheidungen mit Folgen, die bleiben. Manche Geschichten sind schwer, andere leise, viele beides zugleich.
Nicht jede Menschenwahrheit lässt sich anschauen, nicht jede Erfahrung tragen, ohne zwischendurch Abstand zu gewinnen. Das Absurde ist für mich kein Gegenspieler der Wirklichkeit, sondern ihr Verbündeter. In den Miniaturen öffnen sich Räume, in denen Gedanken beweglicher werden – durchlässig und frisch.
Beide Ebenen gehören in diesem Buch zusammen. Texte, die nah an realen Lebensgeschichten entlanggehen, stehen neben spielerischen, poetischen Miniaturen. Sie erklären einander nicht, sie kommentieren sich nicht. Aber sie halten sich gegenseitig aus. Jede Geschichte steht für sich, und doch entstehen Verbindungen – leise, manchmal erst im Nachklang.
Ich habe die Texte geordnet, obwohl mir jede Ordnung unzureichend erschien. Wirklichkeit braucht Pausen, und auch das Absurde wirkt besser in kleinen Dosen. Deshalb darf dieses Buch unterbrochen werden. Weggelegt. Wieder aufgenommen.
Wenn dabei ein Blick entsteht, der weder die Schwere verleugnet noch die Leichtigkeit verrät, dann hat dieses Buch seinen Zweck erfüllt.
„Geht es nun los?“, fragte Gerd.
Kulibert sah sich um.„Alles still.“
Bevor die Seepferdchen ins Meer gingen, hatten sie ganz normale Hufe. Größe 2 x 0 Wintergrip, TÜV-geprüft. Manche sogar mit Glitzerhufbeschlag für regionale Tanzveranstaltungen und Preisverleihungen im Gemeindezentrum von Akureyri. Sie lebten im Norden Islands und träumten davon, einmal so robust zu sein, wie die Islandpferde es waren oder wenigstens wie ein gut gestrickter Filzpantoffel.
Sie stapften über Island, suchten nach Sinn, Wärme und gelegentlich WLAN. Doch vor allem: Sie hatten immer kalte Füße. Die Winter waren hart. Der Wind hieß Björn, hatte 34 verschiedene Pfeifmodi und einen Master in „unangenehmes Timing“. Jeden Morgen standen zahlreiche Seepferdchen bibbernd vor dem Tankstellenshop und fragten:
„Haben sie beheizbare Hufeisen?“ „Nein.“
„Moralische Unterstützung?“ „Auch vergriffen.“
Eines Tages entdeckten die Seepferdchen eine heiße Quelle. Dampfend. Einladend. Wärme für Körper und Seele oder zumindest für Huf und Hoffnung.
Der Vorreiter Hartmut rief begeistert: „Das ist die Rettung! Ein Thermalbad für unsere Seele, ein Wellness-Upgrade für unsere komplette Kältegeschichte!“
Es war der glücklichste Moment in der Geschichte ihrer Spezies. Bis Björn kam. Mit dem Pfeifmodus 21 „Vulkanorgel Nord, Süd-Ost“ schoss er quer über den Geysir und spülte die gesamte Seepferdchen-Gemeinschaft durch den Überlauf direkt ins offene Meer.
Die Seepferdchen schrumpften im salzigen Brandungsstress. Erst die Hufe, dann der Stolz, dann bog sich der Rücken, wie es sich für tragische Mythen gehört. Heute passen sie in jeden Bänkelsang: „Tiny. Elegant. Unterschwellig
traumatisiert.“
Wenn man auf Island still am Meer sitzt und ganz genau hinhört, kann man sie flüsternd fluchen hören. Während Björn dazu leise eine Melodie pfeift. Im Pfeifmodus 7C: „Sorry. Mein Fehler.“
„Ich glaube, das Wetter schlägt um“, sagte Gerd.
Kulibert sah auf das Wasser.„Dann tauch ich schon mal ab.“
Der Raum ist still.Elise sitzt auf dem Stuhl, als wäre er ein schmaler Steg, die Finger ineinander verschränkt. Heute endet ihre Therapie, doch in ihr beginnt alles wieder von vorn.
„Es ist, als wäre es wieder der erste Tag“, sagt sie, und ihre Stimme klingt wie eine Tür, die gerade erst gelernt hat, sich selbst zu schließen.Der Raum riecht nach Papier, nach Tee und nach Abschied, diesem staubigen Schatten, der sich immer umsetzt, kaum dass man sich bewegt.
Die Therapeutin schweigt. Dieses Schweigen ist kein Vakuum. Es ist ein Auffangraum, in dem Elises Worte nicht untergehen sollen.
Doch heute gibt es keine Verlängerung, keinen Antrag, der noch irgendwo wartet. Heute ist der Rand erreicht. Elise blickt ins Fenster. Man könnte meinen, sie sehe in die Ferne. Doch sie schaut ins Wasser, zurück, hinein in die Amalien-Brücke jener Nacht, in das kalte, dumpfe Geräusch, als die Welt plötzlich zerriss. Nicht laut. Nicht wie in Filmen. Eher wie Stoff, der unterm Fingernagel nachgibt.
Sie hatte sich nach Jahren endlich wieder in ein Kleid geschoben, ein Lachen ausgeliehen, ein kleines, zittriges Stück Freiheit. Jonas und Leonie schliefen bei ihrer Schwester, im Haus wurde zum ersten Mal seit Ewigkeiten kein Babyfon überwacht. Und dann tat ein Mann – ein Mann, dessen Namen sie nie wissen wollte – diesen Schritt, diesen letzten, fordernden Schritt, den manche Männer tun, wenn sie ein Publikum brauchen, damit der Abgrund ihnen glaubt, dass sie wirklich bereit sind. Er wartete auf Zeugen und sie wurde eine.
Die Welt wurde schwarz, aber nicht sofort. Zuerst wurde sie farblos. Dann bröckelte Elise in Schichten: eine für die Schuld, eine für die Scham, eine für die Frage, die niemand spricht, aber alle fühlen: Warum sie? Warum musste sie es mit ansehen? Der Mann war längst tot. Doch seine Entscheidung lebte in ihr weiter, als wäre sie sein Nachlass. Und während sie fiel – leise, unsichtbar, alltäglich –, begann ihre Familie mitzutaumeln.
Nach zweieinhalb Jahren, erschöpft vom Schatten, den er selbst nicht greifen konnte, verließ sie ihr Mann. Ein leises Türenschließen, aber großen Folgen. Seitdem warten an den Sonntagen zwei kleine Stiefelpaare vergeblich auf sein Klingeln. Ihre Schwester schaut noch immer regelmäßig vorbei, unterstützt Jonas bei den Hausaufgaben und richtet Leonie die Zöpfe, wenn Elise an grauen Tagen nicht aus dem Bett findet, wenn die Nacht noch in ihren Schultern hängt und der Morgen zu schwer ist.
Und doch – trotz alledem – füllt Elise ihren Halbtagsjob in den meisten Wochen aus. Sie schafft es nicht immer, aber immer öfter. Ihre Arbeitgeberin legt Verständnis über sie wie ein leichtes Tuch, kein Mitleid, sondern das Wissen, dass Menschen nicht brechen müssen, nur weil sie einmal gefallen sind.
Elise atmet. Die Therapeutin senkt leicht den Kopf, nicht aus Achtlosigkeit, sondern aus Respekt. Elise spricht jetzt leiser, als würde jedes Wort aus einem Brunnen geholt, der nur noch wenig Wasser hat. „Ich wollte nie die Heldin seines Dramas sein“, sagt sie. „Ich wollte nur nach Hause. Ich wollte einfach nur wieder nach Hause.“ Dann schweigt sie, es ist ein schönes Schweigen – ein aufrechtes, eines, das zum ersten Mal nicht ohnmächtig ist.
Die Therapeutin schiebt ihr eine Karte hin, ihre private Nummer, für den Notfall. Doch Elise schüttelt den Kopf. „Ich werde gehen“, sagt sie. „Aber nicht mehr zurück. Ich gehe nach vorn. Auch wenn es sich anfühlt wie Tag eins.“ Und als sie aufsteht, tut sie es mit einer kleinen, fragilen Aufwärtsspannung, fast wie ein junger Zweig, der noch nicht weiß, wie viel Wind er aushält.
Im Flur ist das Licht nicht viel, aber genug, um eine Kreuzung am Ende des Ganges erahnen zu lassen. Elise spürt sie – diese Möglichkeit, dass das Schicksal sie vielleicht doch in die richtige Richtung abbiegen lässt. Zart. Zerbrechlich. Aber nicht hoffnungslos. Dann geht sie los.
„War das jetzt wichtig?“, fragte Gerd.
Kulibert überlegte.„Für jemanden bestimmt.“
Als ich merkte, dass ich als Linse in einem normalen Supermarkt keine Zukunft hatte, war es eigentlich schon zu spät. Zwischen Plastik, Rabattaufklebern und vakuumierten Cousins lag ich da – bio, aber ohne Würde. Da hörte ich von diesem sagenumwobenen Ort: dem Unverpacktladen. Ein Paradies für Freigeister, Nackthafer und Körner mit Charakter.
Also rollte ich los. Es war ein langer Weg, vorbei an Coffee-to-go-Bechern und Einwegverlockungen. Als ich schließlich durch die Tür kullerte, empfing mich der Duft von Nachhaltigkeit und ein Hauch gelebter Mühe. Überall Gläser, Schaufeln, Menschen mit Jutebeuteln und einem moralischen Glanz in den Augen, der fast blendete.
Ich hatte kaum Zeit mich im Regal einzurichten, da sah ich sie: eine rote Linse, leuchtend wie Sonnenuntergang auf Couscous. Sie war kein Typ für Dosen oder Fertigsuppe, das sah man sofort. Ich tat so, als wäre ich zufällig neben ihr gelandet, aber mein Puls war höher als der CO₂-Wert eines SUV.
Jetzt liegen wir Seite an Seite im Glas. Keiner weiß, ob uns je jemand abwiegt, aber das ist egal.
