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Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Den ging die Wiener Frauenärztin Dr. Maria Hengstberger, indem sie im März 1989 nach Äthiopien reiste. Sie erkannte dort die Notwendigkeit, die Menschen über Familienplanung aufzuklären und ihnen so die Chance auf ein besseres Leben zu geben. In Äthiopien erarbeitete Hengstberger die Geburtenkontrollkette und gründete wenig später den Verein Aktion Regen (seit 2024 The Rainworkers), um den Menschen das nötige Wissen zu vermitteln oder, wie sie es nannte, um Wasser an die Wurzeln zu bringen. Sie entwickelte ein Konzept zur Verbreitung von "Wissen als Chance" in immer mehr afrikanischen Ländern. Es besteht aus den drei Säulen: der Tool-Teaching-Lehre, der Ausbildung von Rain Workers als Brückenbauern vor Ort und der Vernetzung mit anderen NGOs.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Prolog
Der Weg zur Gynäkologin
Fokus Familie
Fachärztin und Therapietiere
Innovationen für die Patientinnen
Eine wegweisende Reise
Erste Begegnung mit Äthiopien
Eine Halskette zur Geburtenkontrolle
Der Aufbau der Aktion Regen
Teddys für Rumänien
Mein Weg nach Indien
Brasilien und die zweite Kette
In den Elendsvierteln von Mexico City
Regenklinik in Ruanda
„Wärme für Sibirien“
Back to Africa: Uganda und Tansania
Ein neuer Berufsstand: The Rain Workers
Ein drittes Mal Äthiopien
Krise und Neuordnung
Einsatz gegen Genitalverstümmelung
Mali – Afrikaner helfen Afrika
Aktion Regen in jungen Händen
Danksagung
Anhang 1
Anhang 2
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Cover
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
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© 2025 Vindobona Verlag
in der novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-903579-57-6
ISBN e-book: 978-3-903579-58-3
Lektorat: ngelina Mavric
Umschlagabbildungen: Maria Hengstberger
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: Vindobona Verlag
Innenabbildungen: Maria Hengstberger
www.vindobonaverlag.com
„Sehen, denken, handeln“
„Handeln, handeln! Das ist es, wozu wir da sind.“
Johann Gottlieb Fichte
„Wir können nicht heiraten, denn ich will Ärztin und Entwicklungshelferin werden.“ – Mit diesem Satz konfrontierte ich meinen späteren Mann Herbert ziemlich rasch nach unserem Kennenlernen. Ich war damals im zweiten Semester meines Medizinstudiums. Die allermeisten Beziehungen wären wohl danach beendet gewesen. Nicht so die unsere, obwohl oder weil ich tatsächlich Gynäkologin wurde und einen großen Teil meines Lebens der Hilfe für Afrika widmete. Herbert antwortete damals: „Warum sollen wir uns trennen, wenn wir beide die gleichen Ziele und Ideale haben?“ Und die hatte und hat Herbert tatsächlich. Er wurde mein wichtigster Unterstützer.
Für mich ist diese Episode in vielerlei Hinsicht beispielhaft für die mittlerweile acht Jahrzehnte meines Lebens. Da sind etwa meine klaren Ziele und da ist die ehrgeizige Verfolgung meiner Visionen. Ja, ich wusste immer, was ich erreichen wollte. Ich hatte immer einen inneren Kompass, der mir eindeutig die Richtung wies. Das ist die Basis für jedes Handeln, das nicht ins Leere laufen soll. Sie reicht jedoch nicht aus! Zu den Zielen müssen Ehrlichkeit und Offenheit kommen, was schon allein die Fairness gebietet. Zudem ist es ein Commitment, die Dinge präzise beim Namen zu nennen. Wenn ich im Gespräch mit meinem Umfeld und mit mir selbst zu meinen Zielen stehe, entsteht eine ganz andere Dynamik, als wenn ich diese nur auf einem Blatt Papier, in einer Datei oder in meinem Kopf „notiere“. Ein gutes Beispiel dafür ist mein erster Aufenthalt in Äthiopien. Bereits nach dem ersten Monat, den ich dort verbracht hatte, wusste ich, dass ich den Frauen in diesem Land helfen würde – und das waren keine nebulösen Vorstellungen, sondern sehr konkrete. Ich wusste vielmehr, dass es eine zukunftsorientierte Hilfe zur Selbsthilfe sein würde. Durch den permanenten Austausch mit den Menschen vor Ort und die Konfrontation mit ihren Problemen entstand in meiner Fantasie bald ein umfassendes Konzept mit all den Tools, die ich später tatsächlich entwickelte.
Ganz wichtig sind auch Mut und ein fester Wille. Wer sich stets am Bekannten festhält, der fühlt sich sicher. Doch erstens ist diese Sicherheit gerade heute oft nur noch eine scheinbare, weil sich die Welt rasanter wandelt denn je. Zweitens lassen sich so keine ambitionierten Projekte umsetzen, denn immer erfordern sie einen Schritt ins Unbekannte. Ich hatte und habe Gott sei Dank ein schier unerschöpfliches Reservoir an Mut. Mein Mut braucht sich nicht auf, sondern er wird sogar größer. Mutig lebende Menschen erleben zumeist so viel Positives, dass sich ihr Mut quasi aus sich selbst heraus nährt. Und schließlich die Willenskraft: Ich habe wieder und wieder erfahren, welch herausragende Rolle ein fester Wille spielt. Nur das, was ich wirklich wollte, ist mir gelungen.
Natürlich habe ich auch häufig in entscheidenden Situationen die richtigen Menschen getroffen – allen voran eben meinen Mann Herbert. Wenn ich heute, viele Jahrzehnte später, über unsere Geschichte sinniere, dann weiß ich: Ziele, Wille, Mut, Ehrlichkeit und motivierte Unterstützer sind die Zutaten für mein Lebenswerk, den von mir vor mehr als 30 Jahren in Wien gegründeten Verein für Entwicklungszusammenarbeit „Aktion Regen“.
Dieses Buch erzählt, wie Aktion Regen entstanden und gewachsen ist. Zusammen mit der Vorgeschichte des Vereins sind die folgenden Seiten damit auch die Erzählung meines Lebens – nicht mit dem Anspruch, jedes Detail zu berichten, sondern mit dem, Leserinnen und Leser zu inspirieren. Möglichst viele von ihnen zu animieren, ihre persönlichen Träume zu realisieren, das ist mein Wunsch. Besonders möchte ich diejenigen ansprechen, die sich für unseren Planeten und andere Menschen einsetzen wollen. Egal, ob in Afrika, Europa oder anderswo.
Mein eigenes Engagement folgt stets, das wird in diesem Buch sehr deutlich werden, dem Motto „Sehen, denken, handeln“. Dieser Dreiklang bestimmte alle meine Aktivitäten. Immer ging ich mit offenen Augen durch die Welt, habe aber nie nur spontan agiert. Nur das, was richtig durchdacht wird, kann zum Erfolg führen. Das Allerwichtigste aber ist der Übergang von der Theorie in die Praxis – und oft, so meine Erfahrung, ist der erste Schritt der schwierigste. Um ihn zu gehen, muss ich meine Komfortzone verlassen, wie es Persönlichkeitstrainerinnen und -trainer ausdrücken. Es sich komfortabel einzurichten, das war ohnehin nie meine Sache. Insofern hatte ich es leichter als andere, Entscheidungen zu treffen. Weil ich das Risiko nicht scheute, weil ich keine Angst vor Hindernissen und Niederlagen hatte.
Das heißt nicht, dass ich mich unbekümmert in jedes Abenteuer gestürzt hätte. Sehen, denken und handeln eben. Ich sah mir stets die Sachlage an, suchte nach Lösungen und erwog das Für und Wider. Diese Phase wollte aber nie zu lange dauern, denn letztlich kann man nur stehenbleiben oder springen. Ich bin sehr viele Male gesprungen. Der Mut, den es dafür braucht, hat eine Menge Facetten. Du benötigst Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten. Du brauchst den Glauben daran, alle Schwierigkeiten, die da kommen werden, bewältigen zu können. Für mich ist ein solcher Glaube wie ein starker Motor, der Prozesse der Veränderung antreibt. Manchmal lässt er uns Dinge probieren, die alle um uns herum für unmöglich halten. Die Geschichte der Menschheit ist voll von solchen Wagnissen, die nahezu jeder großen Entdeckung oder Erfindung vorausgegangen sind.
Der Afrikaforscher David Livingstone, der unter anderem die Quellen des Nils suchte – und sich gegen die Sklaverei wandte, die er in Afrika erlebte –, Jeanne Baré, die als erste Frau die Welt umsegelte – und sich dabei als Mann verkleiden musste –, oder Amelia Earhart, die Anfang der 1930er-Jahre allein über den Atlantik flog – sie und viele mehr reisten ins Unbekannte oder wagten Unerhörtes und veränderten so das Bild der Welt und letztlich die Welt selbst. Sie waren außerordentlich mutige Menschen. Wer mutig ist, der sieht, denkt und handelt. Er oder sie sieht vor allem Neues, denkt quer, traut sich etwas. Wer hundertprozentige Sicherheit will, wer Angst hat vor Fehlern, der bleibt stehen.
Jedes Kapitel dieses Buches ist ein Plädoyer gegen Sicherheitsstreben und gegen Furcht. Es ist ebenso ein Plädoyer für das Verlassen ausgetretener Pfade und dafür, das zu tun, wofür man brennt. Für mich war und ist das vor allem mein Engagement in Afrika, insbesondere für die Frauen Afrikas. Für ihre Fähigkeit zur Selbstbestimmung und zur Familienplanung, für mehr Bildung und nachhaltiges Wirtschaften sowie gegen Armut, Hunger und Abhängigkeit. Nur über die Frauen, davon bin ich überzeugt, kann Afrika die Basis für eine bessere Zukunft legen. Wenn sie mehr Wissen erhalten, wird das den Kontinent zum Guten verändern.
Die Aktion Regen setzt auf Empowerment der Bevölkerung, insbesondere der weiblichen. Und hier gibt es einen Anknüpfungspunkt zur sogenannten entwickelten Welt. Auch dort, so meine Überzeugung, sollten die Menschen verstärkt bei sich selbst anfangen, um ihre Gesundheit und damit ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Mein Konzept dafür ist das Schutzhaus, das ebenfalls eine Rolle in diesem Buch spielt. Im Grunde geht es in Österreich oder Deutschland, in Europa oder Afrika um dieselben Herausforderungen: mehr Zufriedenheit und Wohlgefühl für den Einzelnen zu erreichen sowie die Lebensgrundlagen für uns und die kommenden Generationen zu bewahren.
Maria Hengstberger
Ich war fast 50 Jahre alt, als ich den Verein „Aktion Regen“ gründete. Ihn betrachte ich als mein Lebenswerk. Doch die Vorbereitung darauf hatte bereits viel früher begonnen. Ja, genau betrachtet, wurden mir die beiden wichtigsten Voraussetzungen dafür in die Wiege gelegt. Mein Vater lehrte mich, Geld zu verdienen, und meine Mutter zeigte mir, wie man es mit Sinn und Verstand unter den Armen verteilte. Die idealen Voraussetzungen, um später Ärztin und Entwicklungshelferin zu werden.
Geboren wurde ich im Sommer 1941 in Wien, und meine ersten Lebensjahre – es tobte der Zweite Weltkrieg – verbrachte ich in Euratsfeld bei Amstetten in Niederösterreich. Während mein Vater Richard Bachbauer an der Front war, musste meine Mutter Helene allein für sich und mich sorgen. Wie für viele andere Familien auch bedeutete das sehr viel Entbehrung. Zweifellos hat mich diese Zeit nachhaltig geprägt. Demnach war ich ein extrem dünnes Kind, ein lebender „Dreier-Befund“. So lautete nach der damaligen Klassifizierung ein sehr schlechter Ernährungszustand. Meine Mutter machte sich daher Sorgen, und um mich zumindest ein wenig aufzupäppeln, ging sie mit mir zu meinen Großeltern aufs Land, wo sie in der Landwirtschaft mithalf. Noch heute sehe ich die Striemen an ihren zarten Händen vor mir, die ihr die für eine gelernte Stenotypistin ungewohnte Feldarbeit eintrug. Nur so aber war es ihr möglich, ein wenig mehr zu essen für mich zu bekommen. Als mein Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrte, war ich sieben Jahrealt. Unsere erste Begegnung fand auf der Straße vor unserem Haus statt, und ich lief ihm, den ich ja gar nicht kannte, zusammen mit einigen anderen Kindern entgegen, die ebenfalls ihre Väter erwarteten. Meine Mutter rief ihrem Mann von Weitem zu, er solle sich aussuchen, wer seine Tochter sein könne. Mein Vater riet siebenmal falsch, ich war das letzte Mädchen, das übrig blieb! Uns störte aber dieser vielleicht in den Augen eines Außenstehenden verpatzte Start überhaupt nicht. Obwohl auch die Nachkriegsphase alles andere als leicht war, wuchs ich in einer glücklichen Familie auf. 1948 kam meine Schwester Helene zur Welt, und mein Vater setzte alles daran, für die nun vier Personen eine tragfähige Existenzgrundlage zu schaffen. Seine Ausdauer, sein Fleiß und seine Findigkeit als Geschäftsmann sollten für mich während meines gesamten Lebens Vorbildwirkung haben.
Mutterliebe: Basis für das ganze Leben
Meine Mutter bildete dazu eine Art Gegenpol. Sie liebte nicht nur die Familie und mich unendlich, sondern hatte auch eine starke soziale Ader. Von ihr übernahm ich das Denken für andere. Sie zeigte mir, dass man über die eigene kleine Welt hinausschauen müsse. Dazu gehörte auch die Geschichte meines beabsichtigten Kirchenaustritts. Meine Mutter hatte mich sehr religiös erzogen, doch als ich etwa 16 Jahre alt war, erfuhr ich nach und nach, welch entsetzliches Leid der Holocaust bedeutet hatte. Für mich war das damals nicht mit der Vorstellung von einem christlichen, einem gütigen Gott zu vereinbaren. Ich wusste nichts von Diskussionen über die Theodizee, ich wollte Gott auch nicht rechtfertigen, ich zog einfach die Konsequenz daraus, was er offenbar in der Welt zuließ – und sagte meiner Mutter, ich wolle aus der Kirche austreten. Sie brach sofort in Tränen aus, was mich zwar nicht gleich umstimmte, doch wehtun wollte ich ihr natürlich auch nicht. Deshalb ging ich zum Kaplan, einem Vertriebenen aus dem Sudetenland, um mein Problem mit ihm zu besprechen. Er war mit großer Empathie für Jugendliche gesegnet und er sagte mir: „Maria, Gott wirkt durch den Menschen. Mit derselben Kraft, mit der Hitler und alle, die dieser in seinen Bann gezogen hatte, den Tod von Millionen verursacht haben, mit genau derselben Kraft kannst du unendlich viel Gutes tun.“ Diesen Satz habe ich nie mehr vergessen – und daran hatte meine Mutter mit ihrem Entsetzen über meine angekündigte Abkehr von der Kirche ihren Anteil.
Heute erkenne ich, wie sehr meine Eltern in all ihrer Unterschiedlichkeit meine Entscheidungen beeinflusst haben. Nach der Matura 1959 begann ich mit dem Medizinstudium, denn als Ärztin würde ich sowohl genügend Geld verdienen als auch anderen Menschen helfen können. Letzteres wollte ich allerdings weit über die Arbeit als Medizinerin hinaus tun. So hatte es sich schon damals in meinem Kopf festgesetzt, und ich verlor dieses Vorhaben nie aus den Augen. Deshalb jobbte ich beispielsweise während meines Studiums in einem Heim für schwer erziehbare Mädchen – und lernte dabei viel über die Macht von Liebe und Empathie, wenn es darum ging, Menschen zu unterstützen, die in der einen oder anderen Weise hilfsbedürftig waren.
Freundschaft durch klare Kommunikation
An eine Episode aus dieser Zeit erinnere ich mich sehr lebhaft. Eines der Mädchen, ihr Name war Luise, sagte mir gleich bei meinem ersten Einsatz in diesem Jugendheim, sie bekomme anders als alle anderen immer zwei Paar Würstchen. Ihre Figur untermauerte diesen Anspruch, und dazu trommelte sie bedrohlich mit Messer und Gabel auf den Tellerrand. Ich versuchte, ihr zu erklären, dass sie erst einmal warten müsse, bis alle Mädchen ihre Würstchen bekommen hätten. Erst dann sei eine Zusatzration für sie möglich. Luise aber stand auf – sie war einen Kopf größer als ich – und wiederholte ihre Forderung. Als ich sie ignorierte und mich abwandte, kam sie nach und fiel über mich her. Ich besann mich auf die wenigen Griffe Jiu Jitsu, die ich gelernt hatte, und warf sie nieder. Das imponierte ihr so gewaltig, dass sie sofort klein beigab. Dennoch oder gerade deshalb wurden sie und ich die besten Freundinnen. Luise verhalf mir künftig zu einem ruhigen Nachtdienst, denn sie hielt die anderen Mädchen davon ab, an zusammengeknoteten Leintüchern aus dem Fenster zu klettern, wie es häufig vorkam. So konnte ich in den Nächten für mein Studium lernen. Vorher hörten wir gemeinsam ihr Lieblingslied auf meinem Kassettenrekorder.
Die Freundschaft mit Luise war für mich ein Beweis dafür, wie wichtig klare Ansagen sind und wie sehr jemandem Erfahrungen in verschiedenen Bereichen – hier war es Jiu Jitsu – weiterhelfen können. Manchmal führen diese auch dazu, bisher als sicher Angenommenes revidieren zu müssen. So ging es mir mit meinen Vorstellungen von der Tätigkeit einer Ärztin. Als Ordinationshilfe – einer meiner weiteren Jobs zur Finanzierung meines Lebens als Studentin – wurde ich ziemlich desillusioniert. Ganz offenkundig hatten keineswegs alle Ärztinnen und Ärzte primär aus Nächstenliebe ihren Beruf gewählt. Ich lernte vielmehr eine eher materialistische Einstellung kennen. Natürlich wurde den Patientinnen und Patienten geholfen, doch die hauptsächliche Triebfeder war das Geldverdienen. Nur selten kam es vor, dass jemand mehr als das Übliche tat und beispielsweise seine Kreativität einsetzte, um Behandlungen zu verbessern. Diesen Weg konnte und wollte ich nicht mitgehen. Nein, ich würde als Ärztin nicht nur die etablierten Methoden anwenden, sondern auch – und vor allem immer – das Wohl des Menschen zur obersten Priorität machen. Nur so war und ist es nach meinem Verständnis möglich, dem Hippokratischen Eid Genüge zu tun.
1961 lernte ich meinen späteren Mann Herbert kennen. Er studierte Chemie. Als die Beziehung enger wurde, konfrontierte ich ihn damit, später einmal nicht nur Gynäkologin, sondern auch Entwicklungshelferin werden zu wollen. Für mich stand das seit meinem 15. Lebensjahr fest, doch es war das erste Mal, dass ich dies so deutlich aussprach – und sich damit mein Vorhaben den Weg vom Unterbewusstsein ins Bewusstsein bahnte. Woher aber kam dieser Plan? Meine Mutter hatte mir oft von meiner Geburt erzählt, die sie als schicksalhaft empfunden hatte. Es war mitten im Krieg, mein Vater war an der Front und niemand wusste, ob er noch lebte. Meine Mutter fühlte sich allein und wurde nicht einmal von einer Hebamme liebevoll begleitet. Ihre Schilderung machte mir klar, welch große Herausforderung es für eine Frau ist, ein Kind zur Welt zu bringen. Dabei wollte ich meine Geschlechtsgenossinnen unterstützen – als Gynäkologin, und das auch dort, wo Frauen besonders viele Kinder unter besonders widrigen Umständen gebären. Etwa in Afrika.
Hochzeit und Promotion
Herbert trug meine Pläne voll mit, und so heirateten wir 1966, noch bevor wir unsere Studiengänge abgeschlossen hatten. Im Rückblick bin ich sicher, dass sein Einverständnis mit allem, was ich unbedingt tun wollte, die Basis für unsere harmonische lange Ehe war. Auch ergänzten sich unsere sehr individuellen Fähigkeiten und Interessen stets optimal. Die einen sagen, dass Gegensätze sich anziehen, die anderen schwören auf möglichst gleichartige Charaktere und Interessen. Bei uns war und ist es beides: zum einen Verschiedenheit, zum anderen Übereinstimmung in puncto Wertesystem und dem unbedingten Ja zum Partner und seinen Lebenszielen. Herbert prägte einen treffenden Begriff für unsere Beziehung: „Komplementärehe“. Völlig zu Recht, denn wir haben zwar fast gegensätzliche Persönlichkeiten, ergänzen uns aber immer dort in idealer Weise, wo das nötig ist.
Ein Jahr später, 1967, promovierte ich zum Doktor der gesamten Heilkunde. Damit hatte ich einen wichtigen Meilenstein erreicht und mir einen lang gehegten Traum erfüllt. Der nächste Schritt war eine Turnusausbildung im Krankenhaus Lainz. Auch sie prägte mich entscheidend. Ich war schockiert darüber, auf welche Weise viele alte Menschen die letzten Monate, oft sogar Jahre ihres Lebens verbringen müssen. Deshalb nahm ich mir vor, Empathie und Hilfsbereitschaft in den Mittelpunkt all meines Denkens und Tuns zu stellen. In Lainz gab es damals noch große Säle, in denen bis zu zehn Patienten oder Patientinnen gemeinsam lagen.
Mit Kreativität helfen
Als schlimm empfand ich vor allem die Einsamkeit der alten Menschen in der Weihnachtszeit. Wer könnte sie besuchen? Aus dieser Überlegung entwickelte ich meine Weihnachtsaktion „Schenken Sie Liebe“. Eine Zeitung machte mit und es meldeten sich unerwartet viele Menschen, die eine Patientin oder einen Patienten in Lainz besuchen wollten. Meist waren es ebenfalls Alleinstehende. Bald hatten wir so viele Anfragen, dass wir weitere Altenheime hinzunehmen mussten, um jeder „Patin“ und jedem „Paten“ jemanden vermitteln zu können. Wir führten sogar eine Liste mit Wünschen für kleine Geschenke, etwa eine rote Haube oder eine gut duftende Seife. Später schrieben die alten Menschen Gedichte, um sich zu bedanken. Zahlreiche der so geknüpften Verbindungen blieben weit über die Weihnachtstage hinaus bestehen. In den folgenden Jahren wurde die Weihnachtsaktion in Kooperation mit dem ORF durchgeführt und so bekannt, dass wir bald keine einsamen Menschen mehr fanden, die wir hätten „anbieten“ können.
Diese beiden Treibfedern – Mitgefühl und der Wille zu helfen – begleiteten mich während der folgenden Jahrzehnte. Es dauerte aber noch weitere dreißig Jahre, bis auch der Plan meiner Jugend, Entwicklungshelferin zu werden, Wirklichkeit wurde. Auch meine Kreativität würde ich noch sehr oft brauchen. Unkonventionelles Denken und die Fähigkeit, originelle, aber dennoch realisierbare Ideen zu entwickeln, sah und sehe ich als eine Kernkompetenz in Sachen Erfolg, unabhängig von der Berufssparte. Ich persönlich habe sogar mit der Zeit Probleme lieben gelernt, weil sie mich dazu herausfordern, Lösungen zu suchen, und so meine Kreativität schulen. Dabei ging es zumindest in meinem Leben nicht um künstlerischen Einfallsreichtum, sondern um eine absolut zielgerichtete Tätigkeit. Immer wollte und noch immer will ich ganz bestimmte Dinge mit aller Macht erreichen – eine Einstellung, die in der Entwicklungszusammenarbeit unverzichtbar ist.
Zunächst einmal wurde meine Aufmerksamkeit verstärkt aufs Private gelenkt, denn im November 1969 kam unsere Tochter Monika zur Welt. Für eine gewisse Zeit war meine Laufbahn als Ärztin weniger wichtig, ebenso wie all das, was darüber hinaus mehr oder weniger deutlich in meinem Kopf Gestalt annahm. Meine Berufung zog mich jedoch schon sehr bald wieder zurück ins Spital, was nur dank der Unterstützung meiner Mutter möglich war. Die Herausforderung, Job und Familie zu verbinden, ohne dass die Patientinnen oder aber Mann und Kind darunter leiden, beschäftigte mich genauso wie die jungen Frauen heute. Mit weiteren eigenen Kindern, die Herbert und ich uns von Anfang an gewünscht hatten, wäre diese Aufgabe vermutlich noch viel schwieriger zu erfüllen gewesen. Meine Mutter sagte mir zwar jede für sie mögliche Unterstützung zu, doch ich befand mich dennoch in einem inneren Zwiespalt zwischen dem Traum von einer größeren Familie und meinem beruflichen Engagement. Die anstehende Entscheidung wurde mir schließlich abgenommen, denn eine lebensgefährliche Krebserkrankung meines Mannes setzte unserer Familienplanung bereits 1970 ein Ende.
Positives aus dem Schicksal machen
