Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Traumabewältigung in Märchenform Die Geschichte ergänzt in eigenständiger Weise die Erkenntnisse, die durch Michael Endes "Unendliche Geschichte" gewonnen wurden. Das Kind, das im Buch seine eigene Geschichte liest. Ein Buch, das sich beim Lesen selber schreibt. Löst man die Metaphorik auf, dann macht Bastian etwas, das so ist, wie das Lesen in einem Buch, das sich beim Lesen selber schreibt. Er nimmt das Wissen um seine Gefühle zur Kenntnis, er knuddelt und er kuschelt es und lässt zu, dass es ihn ein Stück weit davon trägt. Meine Geschichte beschreibt metaphorisch die emotionalen Vorgänge und Abläufe, die dabei geschehen an meinem persönlichen Beispiel. Ursache meines Traumas war der Tod meines Zwillings im Kindesalter. Als ich mich Jahrzehnte später diesem Trauma stellte, erlebte ich über Jahre hinweg emotionale Zustände und Abläufe, dessen Beschreibung zwangsläufig zur Entstehung eines Märchens führten. Wissen um Gefühle ist dieses Märchen. Indem ich jedoch Vorgänge und Abläufe aus dem Unterbewussten nicht nur künstlerisch beschreibe, sondern auch definiere, mache ich mein Märchen überprüfbar. Es ist pazifistisch und wirbt für Toleranz.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
„Ding! – Dong!“, es läutet.
Obwohl ich es erwartet habe, reißt der metallerne Klang der elektronischen Türglocke mich fast vom Stuhl. Erschrocken wendet sich mein Blick zur Tür und dann zur Uhr an der Wand.
Ja, das müssen sie sein. – Es ist soweit.
Sie sind gekommen, damit ich mit ihnen mein Erlebtes besprechen kann. Denn sie wissen, ich will darüber reden – deshalb habe ich sie schließlich eingeladen und um ihr Gehör gebeten.
Doch nun, wo sie angekommen, ist es mir doch mächtig in die Glieder gefahren. Und während ich die Karten, die ich, um das Warten zu verkürzen, ohne Überlegung am Esstisch gelegt habe, zusammenschiebe, den Stapel aufstoße und hinter mir auf die Kommode lege, höre ich bereits ein herzliches und entschuldigendes Murmeln jenseits der Türe zum Flur und jener dahinter nach draußen.
Sicher hat Mama sie kommen sehen, als sie, meiner Beschreibung folgend, den Weg die Auffahrt hinauf gegangen waren, um zum Anbau zu gelangen, in dem ich wohne.
Mama macht sich immer Sorgen – wegen dem Hund.
Mehr als sechzig Kilo schwer, ist er nun mal kein Zwerg; und wenn man von der Straße kommt, ahnt man ihn meist nicht. Gerne verdöst er den Tag im Wintergarten gegenüber vom Eingang, versteckt hinter dem Querbau zur Straße. Dort, vor dem großen Fenster zur elterlichen Küche, fühlt er sich der Familie zugehörig und genießt sein sprichwörtliches Hundeleben.
Viel Aufregendes bietet sich ihm auch nicht. Nur selten verirrt sich eine Katze, ein Huhn oder ein propper genährtes Rattenvieh vom benachbarten Bauernhof auf dieses Grundstück und weckt für ein paar aufregende Minuten seine Jagdinstinkte. Dann ist wieder Dösen angesagt.
Abwechslung bietet da höchstens der Herbst.
Wenn die Igel sich aufmachen, nach einem Winterquartier zu suchen, macht der Akita auch schon mal die Nacht zum Tage. Es frustriert ihn einfach ungeheuerlich, dass ein so winziges Geschöpf, das in seiner Größe doch kaum ein Drittel seines Schädels ausmacht, in der Lage ist, ihm auf der Nase herumzutanzen. Dann legt er sich, unbelehrbar und immer wieder auf eine günstigere Gelegenheit hoffend, wieder und wieder auf die Lauer, bis der Igel sich endlich entrollt. Doch startet er zum Angriff, spürt er nur den hämischen Spott des schweigsamen Kameraden, der sich ganz und gar und seelenruhig auf seinen Glauben an das gottgeschenkte Stachelkleid verlässt. Da hilft dann auch kein Wimmern und kein Klagen, kein Bellen und kein Heulen, und selbst das unvorsichtig vorsichtige, sprunghafte Betatzen und Beschnüffeln und in das Maul nehmen wird nur mit schmerzlichen Sticheleien geahndet. Zur köstlichen Unterhaltung des Lauschers und Betrachters natürlich.
Nur Mama verliert meist irgendwann die Nerven.
In Schürze und Pantoffeln und bewaffnet mit Kehrblech und Besen bemüht sie sich auf den Hof, um lästigen Unfriedenstifter auf die Schippe zu nehmen und im benachbarten Tannenhain, fernab der aufgebrachten Töle, zu entsorgen. Der Nachbarn wegen natürlich, denn mich hat das noch nie gestört.
Ansonsten genießt der Hund die Freude des täglichen Spaziergangs mit mir oder das Verbellen streunender Köter oder eben auch die ungestüme Begrüßung nichts ahnender Fremder aus dem Hinterhalt. So ist es wenig verwunderlich, dass schon so mancher, ungewohnt im Umgang mit hundetypischem Imponiergehabe, Reißaus genommen hat, bevor ich die Türe erreichen kann.
Diesmal sind meine Gäste jedoch vorgewarnt.
Doch nun genug davon. Ich sollte Mama lieber zu Hilfe kommen und sie aus ihrer unangenehmen Lage, selbst das Fehlen einer Warntafel erklären zu müssen, befreien.
Nein, der Verständlichkeit halber sei doch noch etwas vorweggenommen.
Die Gäste, die ich eingeladen habe sind Julian, Psychologe und Verfasser einer der bedeutendsten theoretischen Werke über den Ursprung des Bewusstseins, Michael, Schriftsteller und Poet, der ebenfalls ein Märchen erlebt und seine Erfahrungen in einem weithin beachteten Roman der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, sowie Rupert, herausragender Erforscher der Entstehung von Formen anorganischer, organischer und sozialer Strukturen und visionärer Denker unserer Zeit.
Sie werden gleich von mir erfahren, wie ich mein Märchen erlebt habe. Denn sie, die wissen und verstehen, und die durch die Gabe des Zuhören-und geschickten Hinterfragenkönnens in der Lage sind, emotionale Vorgänge aus den Tiefen des Unterbewussten begreifbar, ja, gar sichtbar zu machen, werden mich, jedenfalls glaube ich das, am ehesten verstehen. Und die Absicht, die ich damit verfolge, ist von, wie ich meine, außerordentlichstem Interesse für jedes soziale Miteinander. Vielleicht lässt sich so ja sogar, doch das wage ich kaum wirklich zu glauben, das Abgleiten in den dunkelsten Kosmos lebensbedrohlichen Wahnsinns und in die Selbstaufgabe, traurigstes Resultat dieses bösartigen Fluchs, bei dem einen oder anderen Verdammten vermeiden.
„Ding! – Dong!“, man wartet.
Trotzdem noch dies.
Ein Märchen, bildhafter Ausdruck der Wechselwirkung von äußerer Realität auf die Welt der Gefühle in uns und umgekehrt, ist in seinem Kern immer wahr, so seltsam und verschlungen die Wege, die es beschreibt auch sein mögen. Andernfalls handelt es sich eben nicht um ein Märchen, sondern um eine Lügengeschichte; und die kompetentesten Fachidioten auf diesem Gebiet sucht man wohl am erfolgreichsten in der Politik oder in den Chefetagen knallhart operierender Wirtschaftskonzerne.
Deshalb werden Sie bald erkennen, dass das beschriebene Gespräch Gespinnst meiner eigenen Phantasie ist und so niemals in der äußeren Realität stattgefunden hat. Und doch, wie könnte ich sonst darüber berichten, ist es ein erlebter Teil von mir und somit Bild für das Mit-mir-selber-zu-Rate-gehen und für die ehrliche Suche nach Glaube und Wahrheit an dem einzigen Ort, an dem sie für jedermann zu finden sind. Nämlich in jedem von uns selber.
Bedenken Sie also: Mama ist Mama, und so ist sie nun mal, und der beschriebene Leidensweg hat sich wirklich ereignet. Das Gespräch hingegen ist Gleichnis für meine bewusste Auseinandersetzung mit den Erlebnissen und Ereignissen, denen ich im unendlichen Universum zur Kenntnis genommener Gefühle begegnet bin.
„Ding! – Dong!“, ich spüre Ungeduld.
Schauplatz dieser Unterredung ist das geräumige Wohn-/Esszimmer in meinem Haus.
Betritt man es vom Hof, liegt linker Hand die Couchecke. An der Wand hinter dem Sofa, den beiden Sesseln und dem Couchtisch ein schmales, bis auf den Boden reichendes Fenster mit einer Tonvase samt Trockenblumen davor. Daneben ein Wandschrank mit Fächern und Läden und einigen offenen Regalen mit Büchern und Magazinen mit meist naturwissenschaftlichem Inhalt. Aber auch Technik, EDV, Fotografie und Unterhaltung sind zu finden sowie religiöse und philosophische Schriften. Dazwischen angesammelte Kleingegenstände, zum Teil von Kindern gebastelt und mir als Geschenk überreicht.
Gegenüber, zum Garten, eine schmale Terrasse.
Vor diesem Wohnbereich links die Essecke, um einen guten Meter in einen Erker Richtung Garten gerückt. Gegenüber die Türe zur engen, wenig komfortablen Küche, bestehend zumeist aus zusammengesetzten Schrankbausätzen, die weder Haltung noch Haltbarkeit vermitteln. Dann folgt ein Medienschrank mit Fernseher und Musikturm, über die eine freitragende Treppe ins Obergeschoss führt, wo Schlafräume und Bad sich befinden. Zwischen Treppe und Eingangstüre dann noch ein Hobbyschränkchen, angefüllt mit Fotoutensilien und etlichen Alben mit Bildern. Und zwischen diesen möblierten Bereichen liegt ein zirka drei mal drei Meter großer Freiraum, der bestens dazu geeignet ist, als Stätte der Entfaltung körperlichen Bewegungsdrangs herzuhalten.
Sei nun nur noch erwähnt, dass ich – immer noch intensiv von den Ereignissen berührt – gerne dazu neige, meine wieder belebten Gefühle und Stimmungen durch theatralische, manche würden wohl sagen übertriebene oder gar alberne Gestik und Mimik zu untermalen.
Sollte Sie das stören, denken Sie es sich einfach weg.
„Ding! – Dong!“ – „Ding! – Dong!“ – „Ding! – Dong!“
Nun aber los!
– – – – – – –
Reichlich verlegen und beklommen, weil im Unklaren darüber, ob meine Absicht überhaupt Aussicht auf Erfolg haben kann, öffne ich die Türe zum Flur und jene dahinter nach draußen.
„Bernd, da bist du ja. Diese Männer wollen zu dir“, sagt Mama.
Mit ihren mehr als siebzig Jahren hält sie den Hund an der Laufleine, als könne sie seine unbändige Kraft beherrschen. Guten Willens nehme ich ihr die Leine ab. Doch meine Gäste, selber begeisterte Hundehalter und Spaziergänger, wissen, wie man sich dem Akita gegenüber am besten verhält. Einfach nur schnuppern lassen, streicheln und etwas mit ihm reden, so, als sei er ein Kind, dann ist er ganz fromm.
„Ich weiß, Mama. Wir wollen was besprechen.“
„Dann ist ’s ja gut. Ich geh’ dann mal wieder. Ich bin am Bügeln. Du kannst die Sachen ja nachher abholen. – Guten Tag!“
„Guten Tag!“, sagen meine Gäste.
„Danke, Mama! – Kommt rein!“
Der Hund bleibt draußen.
Etwas verstohlen und unsicher darüber, wo ich sie hinhaben will, durchschreiten Julian und Michael und Rupert den schmalen Flur und bleiben vorne im Wohnzimmer stehen. Interessiert mustern sie den Wohn-/Esszimmerraum.
„Nehmt Platz! Ich denke, hier in der Couchecke ist es am gemütlichsten.“
Michael setzt sich gleich in den Sessel beim Eingang, Julian und Rupert auf die Couch und ich auf meinen Lieblingsplatz, den äußerst bequemen Dreh-Kipp-Sessel bei der Terrasse. Der niedrige Couchtisch schafft eine wohltuende Distanz zwischen uns, ohne jedoch trennend zu wirken.
„Ziemlich großer Raum“, meint Michael.
„Ich mag keine beengten Zimmer, wenn man sich länger darin aufhalten soll.“
„Gemütlich! Den Treppenaufgang ins Wohnzimmer integriert. Wirkt irgendwie wie die Bude eines wilden Junggesellen. Du lebst hier alleine?“, ahnt Julian.
„Ja.“
„Es ist dir doch recht, wenn wir uns duzen?“, fragt Julian.
„Gerne. Das macht es mir irgendwie leichter, offen zu sein.“
„Wie ich sehe, magst du Holz. Fast alles Kiefer. Sogar die Fenster und die Türen und die Vertäfelung. Wirkt sehr natürlich und warm. Nur die Treppe scheint aus anderem Holz. Weißbuche, wenn ich nicht irre“, meint Michael.
„Ja genau. Ist härter. Und die Möbel und die Vertäfelung sind gewachst. Diesen Anbau haben wir übrigens in Eigenleistung erbaut. Papa hat so manchen Tag hier geschuftet und alle anderen haben auch geholfen. Hat zwei Jahre gedauert, aber es hat sich gelohnt.“
„Glaub’ ich gerne. Ist übrigens ein imposantes Tier da draußen. Das ist doch dein Hund?“, fragt Michael.
„Ja. Den habe ich vor sieben oder acht Jahren gekauft. Ganz treue Seele, nur schrecklich groß. Ein Akita-Schlittenhund.“
„Vielleicht solltest du mal ein Schild anbringen. Ist doch sehr beängstigend, wenn das Kalb plötzlich hinter einem steht“, meint Julian.
„Mach’ ich irgendwann. – Was wollt ihr trinken?“
„Nichts im Moment. Erzähl lieber, was dir auf der Seele brennt. Das ist dir doch recht“, meint Michael.
„Wir hören zu. Vielleicht haben wir ja alle was davon“, meint Julian.
Ich hole noch einmal tief Luft.
Sie wirken ehrlich und direkt, und darauf habe ich heimlich gehofft. Denn obwohl ich mich natürlich vorbereitet habe, fällt es mir doch schwer anzufangen. Und ich mag keine Herumdruckserei aus falschverstandener Scham.
„Also, es begann schon vor vielen Jahren. Damals litt ich unter schweren Depressionen, dessen Ursache ich mir nicht richtig erklären konnte. Ich wusste nur, oder besser, ich fühlte, dass es mit dem Tod meines Zwillings zusammenhing. Wisst ihr, als wir neun Jahre alt waren, da liefen wir gemeinsam dort über das Nachbargrundstück.“
Ich lenke ihren Blick durch das schmale Fenster hinter Michaels Rücken. Die weitmaschige Gardine erlaubt einen ausreichenden Ausblick auf das dahinter liegende Grundstück, auf dem nie ein Gebäude gestanden hat. Stattdessen ist es vollständig mit dürren, langen Tannen bepflanzt, dessen bescheidene grüne Kronen aus unserer Position unsichtbar bleiben. Das untere Geäst, verdorrt und nadellos wie welkendes Gerippe, lässt den brausenden Verkehr auf der Durchgangsstraße dahinter erahnen.
„Die Tannen waren damals gerade erst gepflanzt. Und als wir im Spiel über die Straße liefen wurde mein Bruder vor meinen Augen von einem Lastwagen erfasst und durch die Luft geschleudert. Dann klatschte er mir fast vor die Füße. Und es knackte. Alles war voll Blut. Doppelter Schädelbasisbruch. Zwei Tage später war er tot.
Das habe ich wohl nie richtig verarbeitet.
Erst ungefähr zehn Jahre später, denke ich mal, begannen dann diese furchtbaren Alpträume. Ich träumte, über die Straße zu laufen, während ein Lastzug auf mich zubraust. Doch als würde ich von einem unsichtbaren Gummiband gehalten, mühte ich mich immer mehr und immer vergebens, dem wütenden Koloss zu entkommen. Kurz bevor er mich dann erreichte, wachte ich auf. Oder manchmal, wenn ich bei offenem Fenster schlief, reichte schon ein Windzug über mein Gesicht im Halbschlaf und ich war an den Unfall erinnert. Den Fahrtwind spüre ich sogar noch heute. Er hat sich tief in mein Unterbewusstsein eingeprägt.“
Nun schaue ich meinen besonderen Gästen in ihre ruhigen Gesichter.
Ihre erste Reaktion, das fühle ich genau, wird darüber entscheiden, ob ich fortfahren kann oder nicht. Denn nichts fürchte ich mehr, als Ignoranz und Gleichgültigkeit meinen intimsten und verletzlichsten Gefühlen gegenüber. Ehrlichkeit, Interesse und Zuhörwille sind meine Bedingung, auch wenn ich es nicht extra betone. Und ich empfinde meinen Bericht nicht nur als überfälliges aus-mir-Herausgehen, um mir selber Luft zu verschaffen, sondern auch als demütiges Opfer denjenigen gegenüber, welche unbedacht und unschuldig in eine ähnliche Lage geraten sind oder es vielleicht noch werden. Denn, wenigstens stelle ich es mir so vor, misshandelte und missbrauchte Kinder, vergewaltigte Frauen, unschuldig Verurteilte, Gemobbte, Verfolgte, Vertriebene, Betrogene, Verlassene, Verstoßene, Ignorierte und andere Leidende und ganz besonders Eltern, die in dunkelster Ungewissheit um ihr verschwundenes Kind bangen, das nicht mehr zu ihnen zurückkehrt, werden sicherlich ähnlich empfinden.
„Damit ist die Ursache ja gleich beim Namen genannt. Das ist gut!“, sagt Julian sehr verständnisvoll.
Michael und Rupert stimmen nickend zu.
Entspannt lehnen sie sich zurück in ihre Lehnen und warten konzentriert und ohne zu drängen auf die Fortsetzung meines Berichts.
Ein Schauer der Erleichterung fährt mir durchs Gemüt.
Sie haben verstanden. – Sie wollen auch verstehen.
Ich atme auf.
„Nun, eines Nachts, aber das muss ungefähr noch mal zehn Jahre später gewesen sein, die Alpträume waren immer heftiger geworden und kamen immer öfter, bis ich sie fast jede Nacht durchlebte, hielt ich es einfach nicht mehr aus. Es war eine Freitagnacht, das weiß ich noch ganz genau. Ich war sturzbetrunken. Damals trank ich wirklich an jedem Wochenende, bis ich mich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Sicher war es Selbstmitleid, doch auch Verzweiflung und Einsamkeit. Wie dem auch sei. Irgendwann wachte ich jedenfalls auf. Und benebelt, wie ich war, und geschockt, wie ich mich fühlte, brüllte ich mein Leiden hinaus.
‚Es ist doch nicht meine Schuld, dass er starb! – Warum muss ich heute dafür leiden? – Gibt es denn keine Rettung für mich? – Es muss doch einen Ausweg geben!‘, brüllte ich.
Und im gleichen Moment fürchtete ich auch schon, dass mich jemand gehört haben könnte.
Und prompt vernahm ich: ‚Natürlich! Du musst nur fest daran glauben und es unbedingt wollen!‘
Mensch, war ich da erschrocken! Ich wusste nicht einmal, ob ich es selber gesagt hatte oder ob es von draußen kam.
Aber dann hörte ich, dass sich vor dem Hause irgendwelche Leute über irgendetwas furchtbar empörten.
‚Pass doch auf, du Sau!‘ – ‚Der schläft ja am Steuer!‘, schimpften zwei Männer.
Und ein Lastwagen, der sich schleunigst entfernte, musste sie wohl aus einer gefährlichen geistigen Abwesenheit aufgeschreckt haben.
Und da war ich mir sicher, dass eben auf der Straße Reifen gequietscht und eine Hupe getönt haben musste. Und die Zimmertür und das Fenster standen offen, so dass es etwas zog.
Und das hatte die Heftigkeit meines Alptraums bestimmt: Das Hupen und das Quietschen und die Erinnerung an den Fahrtwind.
Ich war pitschnass geschwitzt, der Traum hatte mich total erschöpft. Ich saß im Bett und ich heulte. Und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass mir irgendjemand ehrlich helfen würde, meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Ja, ich hatte sogar schon Angst, sie würden mich bald ersticken, so schlimm war es schon.
Dann ging ich ins Bad, ich musste kotzen.
Als ich zurückkehrte, da hatte ich schon das seltsame Gefühl, dass da jemand im Zimmer war. Dann schlug mir der Zug die Tür aus der Hand, – Rums! –, ich torkelte zum Bett, fiel auf die Kante und wühlte mich unter die Decke, wobei ich mir auch noch die Zehen stieß.
Mensch, war ich deprimiert, und ich wünschte mir, Kind zu sein.
Irgendwie projezierte ich diese Sehnsucht in das Schlafzimmer hinein. Jedenfalls glaubte ich für einen Moment, ein Kind zu sehen, als ich das Licht ausknipste.
Ich dachte noch: ‚Du spinnst ja! Morgen kommst du ins Gummiloch!‘
Trotzdem ging es mir irgendwie besser, und ich schlief auch bald ein.
Am nächsten Tag, es war schon nachmittags, als ich aufstand und mich duschte und anzog, da schien erst einmal alles ganz normal. Natürlich war ich immer noch berauscht, aber von der vergangenen Nacht wusste ich nicht mehr viel. Ich wollte auch gar nichts davon wissen.
Aber dann heftete sich plötzlich ein Unheil an mich, wie Gestank an qualmende Scheiße.
Erst rutschte ich auf der Treppe die Stufen hinunter. Die Stufen sind unglaublich glatt, wenn man mit Socken auf ihnen geht und wackelige Beine hat. Rums! –, knallte ich auf den Steiß und, – Aua! –, verstauchte ich mir auch noch die Hand.
Als ich dann nach dem überquellenden Mülleimer griff, den ich hier immer stehen hab’, um mir die ständige Lauferei zum Müllsack in der Waschküche zu ersparen, entleerte ich ihn gleich an Ort und Stelle. Der ganze Dreck, unzählige Zigarettenkippen, Papiertaschentücher und Obstabfälle, lag hier überall herum. Mit dem Staubsaugerschlauch warf ich gleich darauf eine Flasche vom Tisch, die natürlich sofort auf dem Boden zerschlug. Der Inhalt vermischte sich mit dem Dreck. Natürlich war es auch noch der gute Whiskey, den man mir zum Geburtstag geschenkt hatte.
Ach, jetzt weiß ich auch wieder, dass es vor den Weihnachtsfeiertagen war. Ich habe im Dezember Geburtstag, und die Flasche hatte ich mir extra für diesen Anlass zurückgestellt. Na ja, schade drum. Auf jeden Fall war mir speiübel vom Gestank. Und an den Scherben, wie könnt’ es anders sein, schnitt ich mich auch noch.
Als ich dann ein Tuch von der Anrichte holte“, ich weise zur Küchentür gegenüber, „zog ich gleich das ganze Geschirr, das da stand, und das ich eigentlich schon längst hätte abgewaschen und eingeräumt haben wollen, auf den Boden.“
Ich wende mich an meine Gäste: „Warum fiel es mir auch nur immer so schwer, täglich für etwas Ordnung zu sorgen?! Aber oft war es einfach so, dass ich mich nach der Arbeit so zerschlagen fühlte, dass gar nichts mehr ging. Ja, ich fürchtete mich sogar davor, offen mit jemandem über mein Leiden zu reden. Aus Angst, missverstanden zu werden oder falsches Mitleid zu erregen oder gar an noch tieferer Konfrontation mit dem Leiden zu zerbrechen.“
Meine Gäste lauschen konzentriert. Sie empfinden kein falsches Mitleid; sie sagen kein falsches Wort.
„Als ich die Ketchupflasche hochhob, um sie auf Bruchspuren zu prüfen, ploppte sie natürlich entzwei. Es war fast, als wollte sie mich verspotten. Der Inhalt besudelte den Boden und meine saubere Wäsche. Und der Rest Milch in der Tüte im Kühlschrank war so sauer, dass sie mir gleich wieder hochschoss. Erst in die hohle Hand, – Wusch! –, über Hemd und Pullover. Ich sah aus wie ein Schwein, und die Wohnung: Ein Trümmerfeld.
Als ich dann, nachdem ich mit pampigen Socken den gröbsten Dreck zusammengewischt hatte, barfuß in die Stiefel stieg, um nicht in den Scherben zu laufen: Schnürband gerissen. Die Läden hatten zu, dann musste es eben ein Draht tun.
Aber dann sank ich fix und fertig in den Stuhl vor dem Tisch in der Küche.
Ich dachte: ‚Das war ’s jetzt. – Noch mehr Katastrophen, und das auch noch über die Feiertage, das kann kein Mensch ertragen.‘
Und als ich da so saß und mich bedauerte, erinnerte ich mich wieder an die vergangene Nacht. Irgendwie spürte ich wieder die Sehnsucht in mir, Kind zu sein. Und wieder hatte ich das Gefühl, dass da jemand im Zimmer war. Und tatsächlich!
Als würde mein Leiden sein eigenes Abbild der Sehnsucht nach Hilfe erschaffen, tauchte da plötzlich schemenhaft eine Gestalt aus dem Nichts, bis ich sie ganz deutlich vor mir sah. Ein winziges Kind hockte da zusammengekauert mit dem Rücken am Toaster, sah mich missmutig an und schmollte ganz fürchterlich.
‚Was für ein Geschenk zu Weihnachten! Erzähl das den anderen, und sie werden dich gleich eintüten und wegschicken!‘, erschreckte es mich, ‚Jetzt hat der Wahnsinn dich gepackt!‘
Beängstigend, findet ihr nicht? – Übrigens, ich denke oft über mich in der dritten Person, das macht es mir irgendwie leichter.“
„Wie sah es denn aus, das Kind?“, fragt Michael.
„Ganz normal. Es war ein ganz normaler Junge. Etwa so wie mein Patenkind, als es sieben oder acht war.“
Ich deute zur Fotografie an der Wand gegenüber, oberhalb des Fernsehers und unterhalb der Treppe. Ein Baby räkelt sich, auf dem Bauche liegend und frohlockend vor Glück, auf einem kuscheligen Sofa.
„Keine spitzen Ohren oder ein verschrumpeltes Gesicht oder so?“, fragt Julian, und er scheint ein wenig enttäuscht.
„Nein, einfach nur ein Junge. Aber er schien aus lebendiger Erde zu wachsen, denn er war bedeckt mit Gras und Blumen.“
„Ein Erdmännchen vielleicht“, mutmaßt Michael, und meine Gäste schauen sich nachdenklich an.
„Nein, das hatte andere Gründe. Aber dazu komme ich noch.
‚Auf jeden Fall‘, dachte ich, ‚hier musst du weg!‘
Ich lief aus der Küche, die Treppe hinauf und schloss mich oben ins Bad.“
„Moment! Hat er nicht mit dir gesprochen? Wollte er nichts von dir?“, fragt Michael.
„Noch nicht. Da saß er einfach nur am Toaster und schmoll. Irgendwie schien er nur traurig zu sein. So, als habe ihn etwas in eine Welt verbannt, in die er eigentlich gar nicht gehörte.“
„Was dann?“, fragt Rupert.
„Eine geschlagene Stunde blieb ich oben im Bad. Ich übergab mich mehrmals und mir war hundeelend. Und während ich über das Kind nachdachte, das doch nur Trugbild meiner Phantasie und Ausdruck krankhaften Wahns sein konnte, hörte ich, wie es hier unten krachte und schlug, huschte und polterte.“
„Ein Poltergeist! So etwas hat es schon öfter gegeben“, weiß Michael.
„Dann stieg es die Treppe hinauf und ächzte und stöhnte. Und während mir fast das Herz stehen blieb, schlug es an die Badezimmertür und rief: ‚Bernd, bist du da?‘“
„Poltergeist! – Bestimmt!“, ist Michael überzeugt.
„Nein, es war Mama. Sie wollte nach dem Rechten sehen, weil ich doch nicht zum Essen gekommen war, und als sie sah, wie es hier aussah, da machte sie sauber.
‚Geht ’s dir gut?‘, fragte sie.
‚Mir ist schlecht! Ich habe Durchfall!‘, rief ich zurück.
Und dann ging sie auch wieder. Das Kind hat sie nicht erwähnt. Möglich, dass sie es gar nicht gesehen hat.“
„Und das Kind? Du sagtest doch, dass du über es nachgedacht hast“, sagt Julian.
„Ich konnte mir einfach noch keinen Reim darauf machen. Also schlich ich wieder hinunter. Wenn Mama es nicht gesehen hatte, vielleicht war es ja auch schon wieder weg.“
„Und?“, fragt Michael.
Ich lehne mich zu meinen Gästen und betone eindringlich, indem ich mit dem Finger auf die Tischplatte klopfe: „Es war noch da. Genauso, wie ich es verlassen hatte.“
„Und dann?“, fragt Julian.
„Nun, es blieb mir doch nichts anderes übrig. Und obwohl es mir unglaublich peinlich war und ich alle Gardinen vorzog, damit Papa, der ja im Garten an seinem Häuschen bastelte, es nicht sehen konnte, fragte ich es: ‚Was willst du hier?‘
Und es sagte: ‚Ich will meinen Glauben zurück! – Du hast ihn gestohlen!‘
Mensch, war ich da platt! Niemals würde ich doch auf den Gedanken kommen, einem Kind seinen Glauben zu klauen. – Wenigstens glaubte ich das.
‚Wie sieht er denn aus?‘, fragte ich ihn.
Und er sagte: ‚Das weißt nur du!‘
Könnt ihr euch vorstellen, wie ich mich da gefühlt habe?! Ich war jedenfalls ganz schön verwirrt von seiner Behauptung.
Und weil mir nichts Besseres einfiel, und weil ich diesen Ring ja noch hatte, der eigentlich mal als Geschenk für eine junge Frau gedacht war, in die ich ganz verknallt war, aber das war ja auch längst schon vorbei, schenkte ich ihn ihm und behauptete, dass das der Glaube sei.“
„Und? – Glaubte er dir?“, fragt Rupert.
„Ja! – Denn da wusste er, jetzt hatte er mich erreicht. – Der Glaube schien ihm auch wirklich zu gefallen. Er nahm ihn, küsste ihn und streifte ihn sich um den Arm. Ja, um den rechten Arm. Er war ja nur so groß.“
Ich halte die Handflächen in etwa der Höhe einer Whiskeyflasche auseinander.
„Aber er war überglücklich. Und ich fing selber schon an, daran zu glauben, dass das der Glaube war. – Mögt ihr jetzt vielleicht was trinken?“
„Nein! Aber wer war er denn nun?“, fragt Michael.
„Er muss doch eine Bedeutung haben“, ist Julian überzeugt.
„Ja, langsam ging mir ein Licht auf. Plötzlich begriff ich, dass ich ihn augenlos sah. Er war eine Idee! Eine Idee, die einem hilft, seelisches Leid zu meistern.“
„Wie bist du denn darauf gekommen?“, staunt Michael.
„Die ‚unendliche Geschichte‘! Das Kind, das im Buch seiner eigenen Gefühle liest. Das musste es sein! Er war der Teil von mir, der sich aus den Dingen was macht: Meine eigene Aufgeschlossenheit, Ehrlichkeit und Liebe. Und ich projezierte ihn in mein Leben hinein, weil ich doch so verzweifelt war.“
„Oho!“, staunt Julian.
„Und dass ich laut mit ihm sprach, das war völlig unnötig. Bald begriff ich, dass man mit dem, den man augenlos sieht, hörbar schweigen kann. Und von da an sprachen wir meist schweigend miteinander. – Verblüffend, nicht wahr? Aber es funktioniert!“
„Aha! – Augenlos sehen. – Miteinander hörbar schweigen. – Sehr interessant! – Und du gabst deiner Sehnsucht nach ehrlicher Hilfe bei der Bewältigung deines Leidens Gestalt und Name. Er hatte doch einen Namen?“, fragt Julian.
„Niekalt.“
„Das muss doch bestimmt auch etwas bedeuten“, vermuten alle.
„Natürlich!“
„Und was?“, fragen sie fast gleichzeitig.
„Das heißt soviel wie: Nie – kalt!“
„Und?“, fragt Rupert.
„Das ist doch klar! Es bedeutet soviel wie …“
„Ding! – Dong!“, es läutet.
Mama steht vor der Tür.
Sie hält eine Thermos in der einen und eine Platte mit Schnittchen in der anderen Hand.
Der Hund, angelockt vom Duft des Schnittchenbelags, umkreist sie mehrmals, bis sie, einem gefangenen Bleichgesicht am Marterpfahl gleich, gefesselt und verschnürt vor der Haustüre steht.
„Bernd, sicher wollen deine Gäste was essen. Ich hab hier Kaffee und Schnittchen. Wenn du mehr brauchst, musst du es nur sagen. Nimm mal schnell!”
„Oh danke, Mama!“
Ich nehme es ihr ab.
Und während sie sich wacker kämpfend, wenn auch etwas ungeschickt, aus der Umklammerung des Akitas befreit, schlage ich geschmeidig die Türe ins Schloss, indem ich in einer schnellen Drehung mit der Hacke dagegen trete. Draußen weht ein unangenehmer, scharf-kalter Wind, und es wäre doch schade, wenn die Kühle nach drinnen zieht.
Gleich die Sachen auf den Tisch gestellt, Tassen und Besteck besorgt, fahre ich fort. Alle haben großen Appetit, man bedient sich.
„Niekalt?! – Nun, das bedeutet soviel wie, dass er nie kalt ist. Also nicht gefühlskalt, würde ich sagen. Er ist einfach nicht so, wie all die anderen. Es liegt ihm auch gar nichts daran. Auf irgendeine Weise ist er einfach nur ehrlich, sonst nichts. – Hmm, komisch?!“
„Was ist komisch?“, schmatzt Michael.
„Nun ja, er kann lügen wie ein Rohrverleger. Und er ist sogar ein Dieb! Trotzdem ist er das Ehrlichste, das mir jemals begegnet ist. Das ist doch komisch, oder?“
„Vielleicht. Doch vielleicht liegt das auch nur daran, dass er anders ist“, meint Julian.
„Milch und Zucker?“
„Danke nein, schwarz“, sagt Michael.
Julian und Rupert gestikulieren desgleichen.
„Esst nur, bitte!“
„Deine Mama kümmert sich ja rührend um dich“, sagt Michael.
„Ja, das stimmt. Eigentlich esse ich immer bei ihr. Für mich alleine lohnt sich das Kochen nicht. – Mutterliebe. – Hmm, das schmeckt!“
„Wie alt sind Sie eigentlich?“, fragt Julian, und das ist das einzige Mal, dass er mich siezt.
„Sechsunddreißig. – Wieso?“
Meine Gäste schmunzeln etwas anmaßend.
„Magst du den Jungen?“, schmatzt Michael.
„Die Dritten?“
„Wie bitte?“, fragt Michael.
„Du schnalzt.“
„Oh, pardon!“, sagt Michael.
Alle schmunzeln schon wieder. – Ich auch.
„Doch, ich mag ihn sehr. Er kann einen zwar ganz schön beherrschen, dafür besitzt er aber den außergewöhnlichsten Wagemut, der mir jemals begegnet ist. Ich bin stolz, sein Freund zu sein. Außerdem lügt er ja nur, wenn es der Wahrheit dient.“
„Eben sagtest du, er sei ein Dieb“, sagt Julian.
„Das stimmt. Aber er stiehlt nur Wissen von Wahrheit bei denen, die damit gesegnet sind und schenkt es jenen, die es nötig brauchen. Sein Anliegen sind immer Wahrheit und Liebe, besonders dann, wenn er lügt.“
„Ein Robin Hood des Wissens von Wahrheit und Liebe!“, staunt Michael erfreut.
„Das klingt ja sehr interessant!“, meint Julian.
„Irgendwie paradox, findet ihr nicht?“, meint Rupert.
„Auf jeden Fall, nachdem ich ihm den Glauben geschenkt hatte, konnte er mir helfen. Das hatte er mir gesagt.“
„Was machtet ihr denn so den ganzen Tag? Oder erschien er nur hin und wieder?“, fragt Rupert.
„Nein, er war immer da. Hier oder beim Spaziergang mit dem Hund, sogar bei der Arbeit. Egal, wohin ich ging oder was ich tat, er war eigentlich immer dabei.“
„Aber außer dir konnte ihn niemand sehen, stimmt ’s, Bernd?“, ahnt Julian.
„Zu Anfang schon. Doch als ich langsam damit herausrückte, dass es ihn gibt, da konnten auch andere, wenn sie nur fest daran glaubten, ihn sehen. Doch meistens glaubten sie eben nicht, was sie sahen.“
„Äh, was sie nicht sahen!“, meint Rupert.
„Oder so.“
„Wie hat er dir denn nun geholfen?“, fragt Julian.
„Oh, das war ein Ding!“, fährt mir ein Schrecken der Erinnerung durchs Gemüt und ich stocke.
„Er hatte die verrücktesten Ideen! – Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.“
„Einfach der Reihe nach“, ermutigt mich Michael.
„Nun, zunächst sollte ich mit jemandem, dem ich vertraute, darüber reden, was ich empfand. Also erzählte ich es einer meiner Schwestern. Aber ich war so betrunken, dass sie mir wohl nicht richtig zuhörte. Jedenfalls hatte ich später oft das Gefühl, dass sie nicht mehr genau wusste, was ich ihr anvertraut hatte. Na ja, eigentlich weiß ich es selber auch nicht mehr so genau. Trotzdem fühlte ich mich irgendwie besser. Wie soll ich sagen, der Bann war gebrochen. Und als er dann die anderen dazu brachte, mir ebenfalls zuzuhören, …“
„Welche anderen?“, will Julian wissen.
„Meine anderen Geschwister. Jedenfalls die meisten. Ich habe noch sieben Geschwister, müsst ihr wissen. Drei Brüder und vier Schwestern. Ich bin der Jüngste. Das Nesthäkchen sozusagen.“
„Und wie?“, interessiert es Julian.
„Ich sollte mich verstecken.“
„Wo? Im Schrank?“, schmatzt Michael belustigt.
„Im Wald!“
Seine Miene gefriert und der Bissen fällt ihm in den Schoß.
„Mein Gott, da müssen sie sich aber Sorgen gemacht haben! Und deine Eltern! Um Himmels Willen, Bernd!“, empört sich Julian.
„Das ist mir auch ganz schön unangenehm, könnt ihr mir glauben. – Ach, da fällt mir ein, ich hab’ mich noch gar nicht bei der Feuerwehr und dem Schutzmann entschuldigt. Ob das wohl schon verjährt ist?! – Na ja, egal. – Als ich mir alles von der Seele geredet hatte, ging es mir auf jeden Fall besser. Besser so, als, na ja, ihr wisst schon.“
„Lass uns das abhaken! Ich glaube, das geht wirklich niemanden was an. Was solltest du denn sonst noch so machen?“, fragt Julian, und er scheint reichlich verstört über die unverfrorene Taktlosigkeit des dreistschlauen Knaben.
„Ja, das andere ist nicht so schlimm, denke ich mal. Zunächst sollte ich auf mich aufmerksam machen.“
„Herjemineh! Was denn noch?“, stößt Julian heraus.
„Ganz ruhig bleiben, das wird schon nicht so schlimm. Er sagte nämlich, dass man am meisten auffällt, wenn man unscheinbar scheint. Damit meinte er, ich sollte nach außen bescheiden auftreten. Nicht protzen und prahlen oder allgemeinen Trends folgen, sondern einfach Bescheidenheit leben. – Wartet, ich zeig euch den Mantel.“
Ich eile zum Flur und besorge den alten, fast schon zerfledderten Ledermantel von der Garderobe, den ich viele Jahre lang trug.
„Donnerwetter! Wirklich sehr zerschlissen“, stellt Michael fest.
„Du durftest doch hoffentlich baden?“, scherzt Julian.
„Nein, nie! – Doch, klar. Aber ich bevorzuge das Duschen. Er wollte ja nicht, dass ich der wäre, den nur seine Mutter lieben kann. Nur ein bisschen bescheiden, sonst nichts.“
Während ich das sage, wühle ich in der obersten Lade des Hobbyschränkchens links der Türe und krame nach einem Foto.
„Wirklich bescheiden“, stellt Michael fest, als ich es ihm zeige.
„Um Gottes Willen! Durfte man überhaupt damit fahren?“, fragt Julian mehr rhetorisch als allen Ernstes.
Rupert lacht fast kindlich gerührt.
„Der TÜV war gültig. Aber schwer vorstellbar, eine Freundin damit auszuführen.“
Julian legt Mantel und Foto zwischen Rupert und sich auf die Couch. Es missfällt ihm langsam, dass ich mit Bescheidenheit prahle.
„Hattest du denn eine Freundin?“, fragt er.
„Nein. Aber ich sollte mir Liebe und Freundschaft besorgen.
‚Das ist das Wichtigste‘, meinte Niekalt, ‚Liebe und Freundschaft zu besitzen!‘“
„Freundschaft und Liebe ist immer gut“, betont Michael.
„Egal, welchen Geschlechts oder welchen Alters. Hauptsache ehrlich! Ehrlich und bereit, auf einem langen, einsamen Weg, Geborgenheit, Hoffnung und Zuversicht zu schenken. Und ich werde niemals vergessen, wie Niekalt mir eindringlichst ins Hirn trichterte, dass ich geschenkte Freundschaft und Liebe niemals belügen dürfte. Nur dann könnte ich darauf hoffen, dass das Vertrauen derer, die sie mir schenkten, ihre Geduld nähren würde, so dass sie meiner nicht überdrüssig würden und sie mich nicht verließen. Ein schwieriger Satz, ich weiß. Er nannte es das ‚unbedingte Hin und Her der Gefühle‘, das der absoluten Vereinsamung Einhalt gebietet. – Ja, davon verstand er eben was.“
„Und?“, fragt Michael.
„Nun, unsere Freunde suchten wir in meinem Stammlokal. Eigentlich ist es ein Überbleibsel aus der Zeit, als es in jedem Dorf noch diese Kleindiscos gab. Also mit Musik und Tanz. Damals hieß es bezeichnenderweise ‚Horoskop‘, und es ist gar nicht weit weg von hier. Heute heißt es anders. Ein anderer Pächter hat es übernommen. Und dort trafen sich regelmäßig verschiedene Leute zum Schwimmen. Und …“
„Zum was?“, fragt Michael.
„Zum Schwimmen. – Kennt ihr das nicht?“
Sie schauen mich ungläubig an.
„Das ist ein Kartenspiel. Jeder bekommt vier Karten und vier kommen in die Mitte. Dann tauscht man. Hat man genug Punkte gesammelt, erklärt man das Spiel für beendet, und alle anderen dürfen noch einmal tauschen. Dann werden die Punkte verglichen. Wer die wenigsten hat, verliert. Hat man alles verloren, schwimmt man, und beim nächsten Mal, wenn man verliert, scheidet man aus. Das Interessante ist eben, dass es zunächst überhaupt nicht darauf ankommt, zu gewinnen, sondern man darf nur nicht verlieren.“
„Man könnte fast sagen, ein unterhaltsames Spiel in philosophischem Gewand“, stellt Julian fest.
„Einfach aber mit Erkenntniswert“, weiß Rupert.
„Wie dem auch sei. Ich hatte meinen Stammplatz an dem einen Ende der Theke bei der Tanzfläche, wo es zu den Toiletten ging. Von dort konnte ich das meiste Geschehen wunderbar beobachten. Und wenn man zur Toilette musste, musste man an mir vorbei. Das war immer eine gute Gelegenheit, kurz miteinander zu plaudern. Die Kartenspieler saßen meist an der Theke gegenüber oder in einer der Sitznischen an den Wänden. Wenn wenig los war, spielte auch die Wirtin mit. Das war seinerzeit eine junge Frau aus dem Dorf. Wirklich ganz nett.“
„Und wie machtet ihr das, sie als Freunde zu gewinnen?“, fragt Michael.
„Dazu brauchte ich eigentlich nicht viel zu tun. Ich versuchte, immer ehrlich zu sein, und sowas fällt irgendwann auf, und dass ich da so alleine herumstand, das sahen sie ja.“
„Warum hast du sie nicht einfach gefragt, ob du mitspielen darfst?“, fragt Julian.
„Hui!“, ich lehne mich in den Sessel zurück und lege die Hände hinter den Kopf, „Gar nicht so leicht, das zu erklären. Das war nämlich so. Niekalt sagte, dass ich viel mehr Geborgenheit empfinden würde, wenn sie mich einladen würden. ‚Kommunikationsfalle‘ nannte er das. Wenn sie mich nämlich nur mitspielen ließen, weil ich sie darum gebeten hätte, könnte in mir leicht das Gefühl entstehen, dass sie es nur aus Mitleid taten. Und lehnten sie mich gar ab, wäre ich sowieso geknickt. Na ja, jedenfalls wäre es besser, sie würden mich einladen.
‚Kuck nur so, als wolltest du mitspielen‘, sagte Niekalt, und genau das tat ich dann auch.“
„Donnerwetter!“, staunt Michael.
„Und irgendwann luden sie mich tatsächlich ein.“
„Und dann spieltest du mit ihnen“, ist Michael erleichtert.
„Ich lehnte natürlich ab!“
„Um Gottes Willen, Bernd, warum?“, empört sich Julian.
„Na ja, ich dachte, wenn sie zweimal fragen, fühle ich mich noch geborgener.“
„Und?“, fragt er fast schon erzürnt; und ich spüre, dass er mein Handeln schon wieder missbilligt.
Doch scheint er zu glauben, dass ich es auf des Knaben Rat hin tat.
„Irgendwann fragten sie noch einmal. Und da nahm ich meinen Whiskey, setzte mich zu ihnen, und wir spielten. Und ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, dass sie es aus Mitleid taten. Vielmehr überkam es mich, dass sie jemand dort hingesetzt hatte, um mir von Nutzen zu sein. Das glaube ich sogar noch heute.“
„Puh! – Mensch, man kann eine einfache Sache auch kompliziert machen“, stellt Julian fest.
„Ding! – Dong!“, es läutet.
Ich öffne die Tür. Meine Gäste schauen mir neugierig nach.
Es ist Mama schon wieder.
Sie will wissen, ob wir noch was brauchen. Dankend lehnen wir ab. Sie kommt trotzdem herein, Tablett und Kaffeekanne abzuholen.
„Ich hoffe, es hat ihnen geschmeckt“, sagt sie sehr bescheiden und freundlich.
„Danke, ja! Sehr lecker!“, loben meine Gäste.
Rupert erhebt sich, macht einen Diener und reicht ihr freundlich die Kanne.
„Oh, danke! – Alles auf! Dann ist ’s ja gut! – So, dann will ich euch mal nicht weiter stören.“
Sie geht.
Und während sie umständlich die Türen hinter sich schließt, hören wir ein energisches: ‚Ihr könnt jetzt nicht da rein, Bernd hat Besuch!‘, von ihr sowie ein heiteres Durcheinandergequatsche von Kindern, die mit dem Hund spielen.
Aber so ist sie nun mal. Haben die Kinder keine Zeit, landen auch Enkel und Urenkel und deren Spielgefährten bei ihr; und ich frage mich, ob sie wohl noch die Zeit finden wird, meine Wäsche zu bügeln und den Hund zu versorgen.
Von der anderen Seite, aus dem Garten, dringt hingegen ein Gekreische zu uns, als würden Ferkel zerrissen. Papa hat die Säge angeschmissen und kürzt irgendwelche Bretter. Bestimmt für das Häuschen, das wir uns an den Teich stellen wollen, damit wir es gemütlich haben.
„Bernd, kannst du gleich eben helfen?“, ruft er mir zu, als ich am Fenster stehe.
„Ja, später! Ich habe Besuch!“
„Ist gut!“, brüllt er gegen den zurrenden Motor.
Ich schließe das Fenster.
Eben noch den Draht der schweren Hornbrille zurechtgebogen – das Kriegskind repariert sie nämlich gerne selber, müssen Sie wissen – schon hört man unzählige schrille ‚Jäis!‘ aus dem Garten und Papa ist in seinem Element.
„Ding! – Dong!“, es läutet.
Diesmal sind es vier Großnichten und -neffen und zwei weitere Kinder, ich denke, ebenfalls irgendwelche Verwandte von mir, allesamt im Vor- und Grundschulalter. Das strenge Verbot meiner Mama hat sie neugierig gemacht.
„Bernd, dürfen wir reinkommen? Wir sind auch ganz lieb“, fleht eines.
„Na gut. Aber wenn ihr lästig werdet, schicke ich euch zu Oma!“
„Hmm!“, nuscheln sie fast schon gekränkt und huschen auch schon an mir vorüber.
„Wie oft werden eigentlich Eber kastriert?“, interessiert es dann einen Bub, der den Bauern kennt, bei den ‚Jäis!‘ aus dem Garten.
„Nur einmal. – Das macht Opa mit der Säge.“
„Opa mit der Säge?!“
Wie flinkeste Wiesel wetzen die Sechs zu den drei Fenstern im Erker, tauchen unter die Gardinen hindurch und blicken, zehenspitz und fensterbankgestützt, mit gereckten Hälsen durch das Blattwerk der Topfpflanzen hindurch zu Opas kreischender Werkbank.
Selbst meine Gäste hält es nicht in den Sitzen. Aufgesprungen und mit offenen Mündern bestaunen sie lustvoll die magischen Künste meines sägenden Vaters und den Forscherdrang der wissbegierigen Kinder.
„Ich kann überhaupt nicht kucken!“, entrüstet sich die Jüngste im Bunde; sie ist den Tränen schon nahe.
„Ach, Bernd spinnt! Opa sägt nur Bretter“, beruhigt sie ein Bub.
„Trotzdem! Ich will auch kucken!“, glaubt die Kleine ihm nicht.
Und mit mürrisch verzogenem Gesichtsausdruck empfiehlt sie mir, sie lieber anzuheben, als sieben Tage Regenwetter heraufzubeschwören.
„Zufrieden?!“
„Hmm!“, schmollt sie ziemlich enttäuscht, und ich lasse sie wieder zu Boden.
Weil sie nun aber schon mal alle da sind, bedienen sie sich unaufgefordert der Spielkarten und verschiedener Utensilien, auch solcher zum Malen, schieben ruckelnd die Stühle am Esstisch zurecht und setzen sich, um kreative Gelüste zu heucheln. Hartnäckig und stur wie die ganze Verwandtschaft pochen sie so auf das ungeschriebene Gesetz der Gastfreundschaft.
Michael, Julian und Rupert scheinen sich nicht im Klaren, ob das nun das Ende bedeutet. Doch mich stören die Kinder nicht. Vielleicht können sie so ja sogar noch was lernen.
„Wo waren wir stehen geblieben?“, frage ich meine besonderen Gäste und setzte mich wieder zu ihnen.
„Deine Freunde im Lokal. – Vertrauen und Geborgenheit. – Freundschaft und Liebe“, erinnert mich Michael fast zaghaft, so, als wäre es mir peinlich.
„Ach ja! – Nun, in den folgenden Monaten spielten wir regelmäßig freitags, samstags und sonntags. Und je mehr mein Vertrauen wuchs und je mehr Geborgenheit ich empfand, desto mutiger wurde Niekalt.“
„Bernd, wer ist Niekalt?“, will ein Kind wissen.
„Das ist ein kleiner Junge. Ein Freund. Nur so groß wie ’ne Flasche.“
„Hä? – Wohnt der hier?“
„Ja. – Aber ihr dürft nun nicht weiter stören. Wir reden. Das seht ihr ja.“
„Hmm?!“, wundert sich die Bagage und schaut sich neugierig an.
Fortan sind sie aber still. Nur manchmal flüstern sie leise miteinander.
Diese typisch kindliche Rücksichtnahme aus empfundenem Verlangen nach Mehr ist mir nur all zugut bekannt. Es ist der Weg zum Verstehen durch Wissenwollen, und Niekalt lebt ihn bedingungslos.
„Und dann war da ja auch noch diese wunderschöne junge Frau. Niekalt nannte sie immer die ‚Musikfrau‘, weil sie im Lokal die Musik machte. Aber sie bediente auch. Auf jeden Fall, an einem Sonntag, wir spielten wieder Karten und ich war etwas angesäuselt, …“
„Bernd war besoffen!“, albert eines der Kinder, und alle lachen.
„Still jetzt, wir wollen reden!“
Sie verstummen.
Unwillkürlich beginne ich nun, den Sessel hin und her zu drehen, indem ich mit den Füßen gegen den Boden stoße.
„Wisst ihr, Niekalt hatte mir immer gesagt, dass ich mit ihm gehen müsste in sein Reich. Wenn ich ihm helfen würde, es zu retten, dann würde ich verstehen, und das wäre Rettung für mich. Auf jeden Fall, damit ich ihn begleiten konnte, musste ich eben Geborgenheit und Liebe empfinden. Nur das würde mir die Kraft geben, das durchzustehen, was mir noch bevorstand.
Liebe! – Ich habe lange nicht geglaubt, wie mächtig sie ist.“
Während ich fortfahre berührt es mich, dass alle, besonders die Kinder, erröten. Als ich sie anschaue, tuen sie wie vertieft, pressen die Lippen zusammen oder die Zunge in den einen oder anderen Mundwinkel oder beißen in die hölzerne Ummantelung der Stifte. Dann kritzeln sie wieder Kreise und Linien aufs Papier und das Tischtuch oder verbiegen die Karten.
„Liebe! – Vertrauen, Freundschaft, Geborgenheit und Liebe! – Das sind die einzig passenden Schlüssel zum Verstehen des Ichs! Ohne sie ist man hoffnungslos überfordert.
Na ja, nun saß ich da also, spielte und trank. Und Niekalt, zu diesem Zeitpunkt ahnte ja noch keiner was von ihm, kam auf einmal von der Musikfrau gelaufen, über die gesamte Theke und über den Stapel Karten hinweg und rief schon von Weitem: ‚Sie mag dich! Sie mag dich!‘
Eine Gänsehaut lief mir da über den Rücken, könnt ihr mir glauben! Und ich wusste sofort: Jetzt oder nie!
Denn darauf hatte Niekalt ja immer gehofft! Immer wieder hatte er mich angefleht, daran zu glauben, dass Liebe der Schlüssel ist.
Schon sprang er mir auf die Brust, krallte sich in mein Haar, Mensch, wie das ziepte! …“, ich greife durch den Pullover hindurch in mein Brusthaar und zerre, „… Und rief: ‚Los, verlieb dich! Verlieb dich! Verlieb dich, du Idiot!‘ Und mit der einen Hand rieb er mir den Glauben an die Nase, bis sie ganz krumm war. – So! – Und jeder konnte das sehen!“
Dem Kind mit den gebogenen Karten, es lümmelt ganz hinten am Esstisch, federn diese nun sprunghaft aus den Händen über den Tisch in das Zimmer hinein.
„Pscht!“, erregt das sofort die Gemüter der anderen.
Und hilfsbereit, wie Kinder nun eben mal sind, helfen die vorderen geschwind dem Unglücksraben, der ihre Anwesenheit gefährdet.
„Und er war ganz aufgeregt! Und er zitterte! Und immer schaute er zu ihr, dass sie mich auch sah! Und er wollte es unbedingt! Und er hatte doch solche Angst, es wäre unsere letzte Gelegenheit! Und er glaubte doch fest daran! Und ich konnte ihn doch nicht im Stich lassen! Und deshalb tat ich ’s! – Mensch, war ich verliebt!“
Ich bin völlig außer Atem, mir ist brüllend heiß.
Es ist doch immer wieder beeindruckend, wie sehr ich mich in bekannte Gefühle vertiefe, wenn ich sie mir nur richtig vor Augen führe.
Meine besonderen Gäste wirken indes sprachlos aber erleichtert, die Kinder ungläubig und ein wenig erschrocken. Und es ist mir noch nicht einmal aufgefallen, dass ich aufgesprungen war, und dass ich nun, federnd in den Kniegelenken und mit Schwung die Arme gebeugt und die Fäuste geballt, wie ein Tennisstar dastehe, dem es gelungen ist, ein fast schon verloren geglaubtes Spiel wieder spannend zu gestalten.
„Ich war fix und fertig, könnt ihr mir glauben. Mensch, war ich berauscht. – Und wie verliebt!“
Die Kinder wagen ein schüchternes Lächeln.
Für einen kurzen Augenblick trauen sie sich sogar, mir in die Augen zu schauen. Dann widmen sie sich wieder, schweigsam wie wachsendes Gras und als interessiere es sie überhaupt nicht, ihren vorgetäuschten Kunstgelüsten.
„Ich fühlte mich, als hätte ich kein Skelett mehr. Ich fiel einfach in mich zusammen. Das war, als schmeißt man einen Klumpen rohes Fleisch auf den Tisch, …“ – die Kinder vermuten den Klumpen auf ihrem Tisch – „… der dann einfach in sich zusammenfällt. Irgendwie glaubte ich sogar, zu schweben. Über den Köpfen meiner Freunde hinweg, und innerlich winkte ich ihnen zu. – Wahnsinn!“
Endlich sinke ich wieder in den Sessel hinein.
„Natürlich ließ ich mir das nicht anmerken. Meine Mitspieler links und rechts hielten mich nur eben fest, damit ich nicht vom Hocker glitt, und jemand hielt meine Hand und säuselte: ‚Oh Gott, Bernd!…‘“, – die Kinder grunzen in ihre fehlenden Bärte, eines flüstert ganz aufgeregt: „Das war Mama!“ –, „… Doch ich glaube, sie haben es gar nicht richtig verstanden.
Nur mit dem Kartenspiel war es vorbei. Aber ich hatte sowieso keine Lust mehr. Die fielen mir doch nur auf den Boden.“
Ich denke noch einmal nach: „Doch, ja, da lagen sie. – Wein? Ich habe da einen trockenen Italiener, wenn ihr mögt.“
Ohne dass sie Antwort geben, sie wirken nur reichlich überrascht von meinem unvermutet unterbreiteten Angebot, besorge ich eine Flasche aus dem Getränkefach im Wandschrank sowie vier Gläser und den Öffner.
Mir ist feierlich zumute.
Ich habe das Gefühl, ruhige Musik würde der spätnachmittäglichen Atmosphäre Würde verleihen. Also krame ich, nachdem ich uns Vieren eingeschenkt habe, im durcheinandergewürfelten Stapel von CDs auf der Stereoanlage unter der Treppe. Und während der nächsten siebenundfünfzig Minuten begleiten uns leise und Erinnerungen weckend Reinhard Meys Überlegungen zu Luthers gepflanztem Apfelbäumchen. Hoimars stehen indes abgegriffen im Regal. Die schrillen ‚Jäis!“ aus dem Garten haben inzwischen auch aufgehört.
„Kannst du das genauer beschreiben? Das muss doch mehr gewesen sein, als nur ein Klumpen rohes Fleisch“, meint Julian, sobald ich mein Prozedere beendet und wieder Platz genommen habe.
„Ja, bestimmt! Es war, als machten meine Gedanken kehrt, indem sie aller Peinlichkeit in mir abschworen. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen, aber nichts war mir mehr peinlich. Ich schämte mich nicht dafür, mir helfen zu lassen, ja, noch nicht einmal dafür, dass ich mich für nichts mehr schämte.“
„Paradox!“, sieht Rupert.
„Aber da waren ja meine Freunde, die ehrlich zur Kenntnis nahmen, dass es gut für mich war. Und das war das Einzige, das zählte.“
Ich grübele: „Irgendwie schienen meine Sinne kehrt zu machen und in neue, mir völlig unbekannte Galaxien aufzubrechen, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat. – Wahnsinn! – Das habe ich doch schon mal irgendwo gehört.“
Ich stoße mit meinen Gästen an.
„Und damit das Ganze nicht unkontrolliert in einer Katastrophe enden würde, behüteten und beschützten es meine Freunde unter den Fittichen ihrer geschenkten Geborgenheit und Liebe. – Das ist doch verrückt, nicht wahr?!“
„Nein, das ist nicht verrückt! Aber du warst doch verlie-hiebt“, säuselt Julian.
„Ja, und wie! Es war einfach zauberhaft! Und doch hatte ich das Gefühl, dass das, was mir nun bevorstand, meine ganze Konzentration und Aufmerksamkeit verlangte. Wie sollte ich sie für mich gewinnen und gleichzeitig dieses Abenteuer bestehen? Wie sollte ich es ihr überhaupt erklären?
Wisst ihr, ich erlebte einen Gefühlstaumel zauberhaftester Art. Sagen wir mal, auf der Gefühlsskala bei siedenden hundert Grad. Eine Enttäuschung hätte sicherlich die Gefühle im Nu ins absolute Gegenteil verkehrt, also auf minus hundert Grad. Die Konsequenzen wären unabsehbar gewesen. Nennt es Vorsicht oder Angst oder Feigheit, egal. Auf jeden Fall schien es mir viel zu gefährlich, das Risiko einer Beziehung einzugehen, die auf wackeligen, weil unverstandenen Beinen stand. Sie wusste ja nicht, was mit mir los war, und ich begriff es selber noch nicht einmal.“
„Bernd, dürfen wir ein bisschen nach oben?“, stammelt eines der Kinder.
Unbemerkt kam es zu mir geschlichen und stützt sich nun mit den Händen auf meine Schenkel, während es nervös und mit tiefrotem Gesicht von dem einen Bein auf das andere hüpft. Meine blumigen Worte haben sie wohl alle ein wenig erschreckt. Jedenfalls zieht es sie nun aus unserem Blickfeld heraus. Aber wirklich verlassen wollen sie uns nicht.
„Meinetwegen. Aber bringt nicht alles durcheinander!“
„Nö, wir wollen bloß spielen.“
Sie stürmen nach oben. Sie wissen, wo sie spielen dürfen.
Türen knarren im Obergeschoss, aber man hört nicht, dass sie wieder geschlossen werden. Dann ist es auffallend still. Nur machmal dringt ein aufgeweckt interessiertes Murmeln hinunter, das gleich wieder verstummt, sobald ich meinen Bericht fortsetze.
„Was meinte Niekalt denn dazu?“, fragt Michael.
„Was so was anging, war er die Besonnenheit in Person. Er pflichtete mir bei.“
„Und was geschah weiter?“, fragt Julian.
„Nun, als wir wieder zu Hause waren, ruhte ich mich erst einmal aus. Ich fühlte mich zwar zauberhaft, trotzdem empfand ich es auch als beängstigend. Und ich wollte mich erst einmal in aller Ruhe an das gewöhnen, was sich nun in mir tat.
Niekalt erklärte mir schon mal, was mir weiter bevorstehen würde. Sein Leitfaden war die ‚unendliche Geschichte‘.
Nachdem ich also meine eigene Aufgeschlossenheit, Ehrlichkeit und Liebe, also ihn, zur Kenntnis genommen und aller Peinlichkeit in mir abgeschworen hatte, nachdem ich also bereit war, tabulos ehrlich zu mir selber zu sein, hatte ich das Tor zu seinem Reich geöffnet, das das Reich meiner eigenen Gefühle war. Und das galt es nun zu erforschen, indem ich es erlitt, um es zu verstehen. – Ganz schön kompliziert, nicht wahr. – Und alles dort wäre, wie ich es zuließ, meinte Niekalt.“
„Wieso ist alles dort, wie du es zulässt?“, fragt Rupert.
„Hm?! – Zum einen meinte er damit, dass die geweckten Gefühle in mir durch meine eigene Phantasie Gesicht und Name erhalten würden, wenn ich es nur zuließ. Zum anderen war er überzeugt, dass ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, das Falsche zuließ, weil ich das Falsche glaubte oder, wider meinem Glauben, das Falsche lebte. Deshalb hatte er auch ein Symbol des Glaubens von mir gefordert, als er in mein Leben trat. Einfach, um mir klar zu machen, dass Glaube von Nöten ist, auch wenn sich sein Wesen noch meiner Erkenntnis entzog und ich ihn noch nicht einmal beschreiben konnte. Doch das würde sich noch ändern. Denn der Weg, den zu gehen er eingeleitet hatte, würde ihn definieren. Nur damals ahnte ich noch nichts davon.“
Oben schleichendes Tapsen aus den Zimmern zur Galerie hin. Meine Gäste blicken nachdenklich in ihre eigenen inneren Reiche. Julian macht eine kurze Notiz mit dem Kuli auf einem leeren Kuvert. Beides verschwindet dann wieder in den Taschen seiner Jacke.
„Seid ihr noch in jener Nacht aufgebrochen?“, fragt Michael.
„Ja. Aber erst weit nach Mitternacht. – Die Sonne geht schon unter. Ich mache mal Licht. Wenn es nicht stört, schalte ich das Licht oben im Flur an. Das gibt eine schöne, schummrige Atmosphäre, wenn es den Schatten des Geländers in den Raum wirft.“
Ich schreite zum Schalter bei der Treppe.
Die Kinder stehen sich gegenseitig im Wege, als es sie zunächst hastig in die Räume, dann zaghaft zurück auf den Flur zieht.
„Ding! – Dong!“, es läutet.
Die Mutter zweier der Kinder steht vor der Tür.
„Hier! – Wir waren gerade bei Oma und Opa. Ich habe gehört, du hast Besuch. Ich habe ein paar Käsehäppchen gemacht mit Schinkenröllchen und Obst.“
Sie reicht mir einen großen Fleischteller.
„Danke! Das passt ja gut zu unserem Wein.“
„Das habe ich mir wohl gedacht. – Sind die Kinder hier?“
„Ja, die spielen oben.“
Wir hören ihr entsetztes Schweigen.
„Stören sie nicht?“
„Nein, sie sind ganz lieb.“
„Sonst musst du sie schicken. – Stören sie wirklich nicht?“
„Nein. Aber wenn, dann werde ich sie schicken.“
„Also gut. So, ich geh’ dann mal wieder.“
„Nochmals: Danke!“
Ich stelle den Teller auf den Tisch.
Die Sonne verschwindet inzwischen hinter den Bäumen des Gehöfts jenseits des Gartens.
Eigentlich ist es für Anfang Februar viel zu warm, aber die Abende sind lausig kalt. Deshalb drehe ich die Heizung höher. Das Anspringen der Therme oben im Bad erschreckt noch einmal die Kinder.
„Wie war das denn, als du zum ersten Mal bewusst das Reich deiner Träume besuchtest?“, fragt Julian.
„Oh, das war zauberhaft!“
Angetan von der Erinnerung ziehe ich es nun sogar vor, im Freiraum des Zimmers auf und ab zu spazieren.
„In weiser Voraussicht hatte Niekalt für mich den Ort meiner Ankunft bestimmt. Es war das ‚Tal des gedankenlosen Friedens‘. Nur durch ihn konnte ich es überhaupt erreichen. Und er, als wäre ich jetzt sein leiblicher Vater, reichte mir schon fast bis zur Brust.
Wir sprachen kein Wort miteinander. Fröhlich lächelnd, weil sorgenfrei glücklich, entließen wir unsere Füße ins samtweiche Gras und durchstreiften barfuß und eng beieinander und völlig unbeschwert ein friedliches Landschaftsidyll, das in allen Himmelsrichtungen bis an den Horizont reichte. Es war ein wahrer Garten Eden. Saftiges Gras, Blütenmeere, Buschwerk, Sträucher, Bauminseln, Haine und Wälder, so weit das Auge reichte. Alles stand in prachtvollster Blüte. Kein Strauch und kein Baum, dessen Reichtum an Früchten nicht zum Probieren einlud.
Himbeeren und Brombeeren. Hm! – Wilde Erdbeeren, Kirschen. Hmm! – Äpfel, Birnen, Pflaumen und Nüsse! – Oh, wie das schmeckte! Und wie bekömmlich sie waren.
Aber auch Tiere gab es in Hülle und Fülle. Hasen und Igel, Füchse und Rehe, Dachse und Marder, Hörnchen und Hamster, die verschiedenartigsten Vögel vom Sänger bis zum Greif. Und streicheln ließen sie sich alle.
Nachtigallen sangen von meinen Schultern ihre lieblichen Lieder, Finken und Meisen pickten verspielt nach den Stoppeln auf Backe und Kinn, und ein Feldschwirl schwirrte in meine geöffnete Hand, um die Haare zu sammeln, die aus dem Fell meines Hundes dort hängen geblieben waren. Von einem hohen Ast eines Haselnussstrauches aus glitt sogar noch ein Eichhörnchen auf meinen geschorenen Kopf. – Ja! – Angelockt von den Beeren, die ich als Belohnung dort abgelegt hatte, tat es sich überhaupt keinen Zwang an und kribbel-krabbelte mir über den Schädel, über Nase und Ohren und Lippen und Kinn bis zum Ausschnitt des Hemdes, um dann kopfüber die Nüsse zu stehlen, die in meiner Brusttasche steckten.
– Niekalt hatte mir nämlich gezeigt, wie das geht!
Natürlich war es ein Frühsommermorgen unter strahlendstem Himmelblau. Die Luft begann gerade, sich mit den lieblichen Düften der Blüten zu füllen, und von den Blättern der beschatteten Gewächse perlte noch der nächtliche Tau. Wo aber die goldgelbe Sonne hin schien, da war schon die wohligste Wärme.
Niekalt und ich, das Staunen hatte uns bald schläfrig gemacht, wir legten uns Zehen an Zehen zwischen Margeriten und Gänseblümchen, Glockenblumen, Waldmeister und Veilchen, um mit offenen Augen zu träumen. Niekalt schlief dann bald ein.
Dann kamen auf einmal ganz seltsame Wesen zu uns. Die kamen aber nicht aus dem Gras oder aus den Büschen oder aus den Kronen der Bäume, nein, sie schwebten von Anfang an über uns und tauchten, wie Elfen, die ihr kostbarstes Geheimnis preisgeben, einfach nur aus der Unsichtbarkeit. Mit ihnen begannen auch diese sonderbaren, wundersam zärtlichen Geräusche. Brummelndes Summen, begleitet von gehauchtem Stimmengemurmel, das wie aus weiter Ferne zu einem dringt und die Nähe von freundlich gesinnten, sich kümmernden Vertrauten verrät.
Es waren schneeweiße Hummeln, nur um ein Vielfaches größer, und schwirrend und taumelnd, als wollten sie mir so etwas mitteilen. Mal brummten sie ein Stück weit davon, dann machten sie kehrt und ließen sich fallen, bis sie die Spitze meiner Nase berührten. Es schien fast, als sollte ich ihnen folgen und mit ihnen schweben, wie schon Niekalt zuvor.
Und mit offenem Herzen und dem Willen danach gelang es mir auch.
Als lösten sich spontan und durch den Glauben daran meine Empfindungen vom grübelnden Denken, sank mein Körper in einen tiefen und doch wachsamen Schlaf, und mein Fühlen erhob sich wie ein steigender Heißluftballon und gedankenlos frei in die Lüfte. Ich sah mich selber am Boden liegen und gleichzeitig von dort aus schwebend inmitten dieser Schar mich munter belebender Insekten. Und als nähme mein Fühlen noch meine Sinne ins Schlepptau, glitt ich schwere- und widerstandslos über die Weiten der Blumen und Gräser hinweg, bis hoch oben in die Wipfel der Bäume.
Ich flog mit den Vögeln zu ihren Höhlen und Nestern, verfolgte Käfer und Mäuse durch einen Urwald aus stämmigen Halmen. Einer Eule sah ich bei ihrem Nickerchen zu, einem Specht beim Zimmern der Höhle, und mit den Schmetterlingen zog es mich zu den Röhren und Glocken und Kelchen der blühenden Pflanzen. – Ja, so war das. – Ein grenzenloser Zauberrausch!“
„Hm! Bezaubernd!“ – „Schön!“ – „Wahrlich, so ist es!“, flüstern meine wissenden Gäste angetan erinnert in die unsichtbaren Blumen ihrer Kelche hinein.
„Zauberkunst vom Allerfeinsten, das Ganze. – Eine Offenbarung wahren Glücks. – Ich war überwältigt! – Sprachlos! – Dem Draußen vollends entrückt! – So was erlebt man nur in den wahrhaftigsten Märchen.“
Die Kinder, noch stehen sie, haben sich längst zwei Stufen weit die Treppe hinunter gewagt.
„Als es mich wieder zurückzog in meinen ruhenden Körper, als ich zurückkehrte in mein bewusst fühlendes Ich, da erwachte ich langsam, ganz langsam und mit trocken geatmetem, offenen Mund aus diesem himmlischsten aller Träume. Erst ein unwillkürliches Zucken im äußersten Finger geöffneter Hand ließ mich überhaupt mein Wachsein erkennen. Und wie man behutsam den Vorhang am Fenster des Schlafzimmers hebt, um die Sonne zu grüßen, die den Morgen bescheint, so öffnete ich dann meine Lider.
Der Zauber der brummelnden, schneeweißen Polarhummeln war aus.“
Bis in die Tiefen der Seele zufrieden und glücklich, sinke ich in meinen Sessel hinein.
„Und als ich da so lag und die Nachwirkungen des gedankenlos erlebten Friedens genoss, da fragte Niekalt mich leise, was für mich das Wichtigste war, das ich gestern erlebt hatte.
Und ganz spontan antwortete ich: ‚Das war, dass man ehrlich zur Kenntnis nahm, das ich leide.‘
Und dann passierte da schon wieder was.
Zuerst war es nur ein unscheinbares Knacken in einem dichten Hain eng stehender Birken hinter mir, das mich aber erst aufschrecken ließ, als ich es ein zweites Mal hörte. Da klang es nämlich schon lauter und von wesentlich näher, und irgendwas kam wohl behäbig raschelnd von hinter mir auf uns zu.
Aufgeschreckt schaute ich Niekalt in sein staunendes, frohlockendes Gesicht. Mit offenem Mund und aufgerissenen Augen, mit freudig krausgezogener Stirn und aufgeregt blähender Nase schaute er gebannt auf ein spaßiges Etwas, das sich wohl schon dicht hinter mir am Boden befand. Natürlich musste ich das unbedingt auch sehen!
Also drehte ich mich langsam herum, damit ich es nicht unbedacht verscheuchte, und schielte auf das, was Niekalts Aufmerksamkeit ganz und gar in seinen Bann gezogen hatte.
Und da hüpfte doch tatsächlich ein dickbäuchiger Kobold, der noch kleiner war als der Kopf einer Katze, und den man nur vermuten konnte unter der wallenden Pracht seiner wippenden, grasgrünen Haare, im Rhythmus des Rufs, den der Kuckuck gerade von meiner Fußspitze ausstieß, vor einem Hügelchen aufgetürmter Kieselchen, im Schatten einer mächtigen Birke ganz aufgeregt auf und ab. Neben ihm standen seine niedlichen Kinder. Drei Stück an der Zahl, allesamt wesentlich kleiner als er, splitterfasernackt und absolut regungslos und mit Schädeln, die wie glattpoliert glänzten.
Dann begannen auf einmal die Kiesel zu beben.
‚Halt‘, dachte ich, ‚da braucht jemand Hilfe!‘
Also hob ich schmunzelnd die Kiesel empor, denn ich vermutete weitere freundliche Gestalten, vielleicht verschüttet durch eigene Unachtsamkeit, unter dem klimpernden Haufen.
Aber es gelang mir nicht! Mir fehlte einfach die Kraft, diese schweren, geldstückgroßen Kieselchen vom Hügelchen zu heben!
Dann kam ganz unerwartet eine zweite Familie dazu, die genauso war, wie die erste, nur anders herum und ohne, dass der Vater gleich hüpfte. Aber diese Kobolde kamen nicht einzeln, nicht hintereinander, nicht nacheinander, nein, sie stießen gleichzeitig und in einem einzigen Stück und von oben dazu, und das kieselige Hügelchen und die mächtige Birke brachten sie auch gleich mit! Und da kam mir doch plötzlich die Erleuchtung!“
Stufe drei. – Die Kinder zieht es weiter hinab.
Rupert lacht herzhaft: „Was war das denn bloß?“
„Das waren nur Füße!“, erklär ich ihm leise.
Stufe vier. – Zwei der Kinder setzen sich darauf, wir können ihre Beinchen schon sehen.
„Das Ding war in Wirklichkeit tausendmal größer! Und eigentlich waren es zwei!“
Stufe fünf. – Ein weiteres Pärchen rückt nach.
„Entsetzlich erschrocken von den gigantischen Ausmaßen dieser mir völlig unbekannten Wald-und Wiesen-Riesenungeheuer duckte ich mich so weit nach vorn, dass die Wirbel schon knackten! Und Niekalt, der einfach nur glupschte und glotzte und gnieste, beschwor ich, diese Dinger nicht auch noch mit Faxen zu reizen!
