Wissen und Gewissen - Ilija Trojanow - E-Book

Wissen und Gewissen E-Book

Ilija Trojanow

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Beschreibung

Keiner stellt mehr in Abrede, dass wir in Zeiten allumfassender Massenüberwachung leben. Allerdings wird diese verharmlost. Sie gilt als unumwindlich angesichts des technischen Fortschritts und wenig konsequenzenreich für den einzelnen. Ilija Trojanow warnt uns vor einer solchen naiven Haltung gegenüber repressiven Maßnahmen. Und er sagt: aus der Vergangenheit lernen, hieße heute auch, sich die Überwachungsstrukturen in den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes anschauen. Ein Plädoyer für ein elementares menschliches Recht, das Recht auf Freiheit.

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Seitenzahl: 43

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Ilija Trojanow

Wissen und Gewissen

Der überwachte Mensch –das widerständige Wort

Wie hängen persönliche Prägungen, politische Überzeugungen und literarische Neigungen miteinander zusammen? Wie reagiert man als Bürger, aber auch als Romancier auf eine der größten Bedrohungen unserer Gesellschaft, die allumfassende, globale und weiterhin zunehmende Überwachung? Was kann politischer Widerstand und poetische Reflektion bewirken?

1. Wissen

Als ich klein war, wurde unsere beengte Wohnung in Sofia verwanzt, im Rahmen einer großangelegten technischen Maßnahme. Der Leiter der 3. Unterabteilung der II. Abteilung der VI. Hauptabteilung der bulgarischen Staatssicherheit (DeSe), ein Offizier namens Panteleew, hatte vorgeschlagen, eine Reihe von Mikrofonen in unserer Wohnung zu installieren, um die operative Ermittlung gegen das verdächtige Zielobjekt G.K.G. (mein Onkel) zu unterstützen. Die Umsetzung erfolgte an einem sonnigen Frühlingstag. Zu diesem Zweck mussten alle Bewohner für einige Stunden aus dem Mehrfamilienhaus entfernt werden. Der Chef meines Onkels wurde angewiesen, diesen auf Dienstreise zu schicken (ein Agent hatte zu überprüfen, ob er in den vorgesehenen Zug stieg, ein anderer, dass er am Zielort dem entsprechenden Zug entstieg). Der Hauswart wurde eingeweiht und damit beauftragt, eine Liste der Anwohner zu erstellen, insgesamt 17 Namen. Meine Tante und meine Großmutter wurden ins Innenministerium vorgeladen, wo man sie sehr lange warten ließ, die Nachbarn einen Stock unter uns namens Tscherwenowi (übersetzt: »die Roten«) wurden entsprechend ihrer systemkonformen Haltung zu ausführlichen Gesprächen ins örtliche Volksfrontbüro gerufen. Die Rentnerin Stambolowa wurde in einen Rentnerklub eingeladen, wo sie ein Mitarbeiter der Staatssicherheit zu beobachten hatte, sollte sie sich wider Erwarten verfrüht auf den Heimweg machen. So wurde ein jeder weggelockt, damit die Einsatzgruppe, bestehend aus fünf Mitarbeitern der IV. Hauptabteilung, zuständig für die Montage der Mikrofone, in die Wohnung eindringen konnte, ihnen zur Seite zwei weitere Agenten, betraut mit der Aufgabe, den Kontakt mit der Einsatzzentrale aufrechtzuerhalten. Währenddessen positionierte sich vor der Haustür eine Schutz- und Wachgruppe aus drei Mitarbeitern, die in Funkkontakt mit allen anderen Einheiten stand, um notwendige Maßnahmen absprechen zu können, sollten unerwartete Gäste auftauchen. Gleichzeitig wurde die Dienststelle der Staatssicherheit in der Provinzstadt Blagoewgrad beauftragt, die Eltern meines Onkels unter Beobachtung zu stellen, sollten sie zu einem überraschenden Besuch nach Sofia aufbrechen. Schließlich wurde angeordnet, das »Aggregat zur Lärmverursachung« einzuschalten bis zum erfolgreichen Abschluss der Installierung. An dieser Operation waren insgesamt 24 Mitarbeiter der bulgarischen Staatssicherheit beteiligt.

Das war Anfang der siebziger Jahre. Heute wäre der nötige Aufwand im Vergleich läppisch gering, wenn die betreffenden Objekte der Beobachtung Handys sowie Computer samt Internetanschluss benutzen. Einige Tastaturbefehle, einige Klicks – die sechsköpfige Großfamilie wäre digital durchleuchtet. Wir müssen nicht einmal von einem hypothetischen Fall ausgehen, genau das geschieht heute, in diesem Augenblick, in unzähligen Wohnungen auf der Welt. Aber der gerade beschriebene, altbackene Übergriff erschreckt die meisten von uns vermutlich mehr, diese klassische Mischung aus Täuschung, Nötigung und staatlicher Konspiration, dieses offensichtlich gewaltsame Eindringen in die Privatsphäre von Menschen, die sich davor nicht schützen können. Die heutigen perfideren, unsichtbareren Eingriffe und Übergriffe lassen hingegen viele Menschen kalt.

Auf den Türen der Wiener U-Bahn sind zwei Aufkleber zu sehen, ein grüner, der eine Überwachungskamera abbildet, und ein blauer, der einen Kinderwagen zeigt. Die Aussage ist klar und einfach: Wir weisen Sie daraufhin, dass Sie von der Wiege bis zur Bahre unter Beobachtung stehen. So muss es jeder verstehen, der die medialen Enthüllungen und Diskussionen der letzten zwei Jahre auch nur ansatzweise verfolgt hat. Kaum ein seriöser Artikel zu diesem Thema, der nicht als erstes auf den geradezu grenzenlosen Umfang der möglichen und tatsächlich praktizierten Überwachung hinweist. Aber der Schwerpunkt des öffentlichen Diskurses hat sich in diesem Zeitraum auf bemerkenswerte und relevante Weise verschoben. Die Existenz der Massenüberwachung wird nicht mehr bestritten, wie noch vor wenigen Jahren, als manch ein Kritiker des Buches »Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte« meiner Koautorin Juli Zeh und mir Übertreibung und Hysterie vorwarfen. Wir wissen, dass die NSA zwischen drei und vier Milliarden Menschen überwacht, nämlich alle digital aktiven Bürger und Bürgerinnen des Planeten. Wir wissen, dass wir dieser Überwachung (fast) nicht entgehen können, auch nicht durch Verschlüsselung unserer Kommunikation, denn bei allen marktüblichen Programmen ist eine kleine Hintertür offen, durch die Geheimdienste hineinschlüpfen können, so wie einst die osmanischen Belagerer ins nächtliche Konstantinopel. Inzwischen wird das Ausmaß des Datenraffens von niemandem mehr in Abrede gestellt, statt dessen wird darüber diskutiert, ob eine derartige Generalkontrolle Schaden anrichtet oder nicht. Dabei wird meistens nach unschuldigen Opfern gesucht, der gesamtgesellschaftliche Schaden hingegen außer Acht gelassen. Manche Kommentatoren leugnen jegliche Gefahr für die Rechte des Bürgers, weil die Daten zwar angehäuft, selten aber durchforstet oder gar bearbeitet werden. Andere behaupten, es könne heutzutage und in Zukunft angesichts des technischen Fortschritts ohnehin keine Privatsphäre mehr geben, und Dritte wiederum bezweifeln, dass Überwachung per se eine repressive Maßnahme sei.