Wo ankommen beginnt - Nathalie Lisa - E-Book

Wo ankommen beginnt E-Book

Nathalie Lisa

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Beschreibung

Du sitzt noch immer neben mir - still, regungslos verweilend. Du schaust über den See, genau wie ich, du schaust zu den Bergen, genau wie ich. Wir wagen uns nicht mehr zu rühren, um uns ja nicht zu berühren, um unter keinen Umständen dorthin zu gelangen - wo Ankommen beginnt.

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Seitenzahl: 105

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Gian

Wo ankommen beginnt

Ich hab’ mir das so zurechtgelegt,

hab’ Pro und Kontra abgewägt,

hab’ all das was ich hab’, priorisiert,

hab’ all das was ich nicht hab’ einfach ignoriert.

Hab’ das Leben umarmt, weil das das Wichtigste ist,

hab’ gelernt wie man der Schmied seines ganz persönlichen Glücks wird,

hab’ mich auf jeden Tag gefreut

und nicht ein einziges Mal bereut,

dass ich zu wenig schlafe, mich zu wenig bewege

und im Ausgleich dazu zu viel Alkohol zu mir nehme,

ich hab’ gedacht ich sei da. Bei mir --

Und ich hab’ wirklich angenommen ich sei angekommen.

Bis dann du neben mir sasst,

still, regungslos, im Moment verweilend,

aus dem Nichts, ohne Vorwarnung, ohne Anweisung,

hast über den See geschaut, genau wie ich,

hast zu den Bergen geschaut, genau wie ich,

hast mich berührt mit deiner Wärme,

hast gewartet bis ich mich zu dir drehe, mich zu dir beuge,

voller naiver Vorfreude auf das, was darauffolgt.

Ich hab’ stattdessen den Atem angehalten,

hab’ nicht gewagt mich zu regen,

mich ein Stück in deine Richtung zu bewegen,

in der Hoffnung die Zeit zu stoppen,

rückwärts zu robben,

um diesen Moment nicht Wirklichkeit werden zu lassen,

der Moment der, ohne es bewusst zuzulassen, deine Welt verändert,

die Luft plötzlich süsser riechen lässt,

der plötzlich alle Sinne weckt,

mein Betrunkensein verschwinden lässt,

in einem Bruchteil einer Sekunde,

der kleinsten Einheit einer Stunde,

dieser Moment der mein Zurechtgelegtes wiederlegt.

Ich hab’ mich dann doch zu dir umgedreht,

hab’ dich angesehen, mich fassungslos gefragt was mag jetzt wohl gescheh’n,

hab’ mich zu Hause gefühlt und hab gewusst und gespürt,

dass meine Welt ab jetzt andersrum dreht.

Dann hast du mein Zurechtgelegtes auseinandergelegt,

hast Pro und Kontra neu abgewägt,

hast das, was ich hatte, einfach so halbiert,

hast das, was ich nicht hatte, multipliziert,

hast mich umarmt mitsamt meinem Leben,

hast mir ohne zu fragen was Neues zum Schmieden gegeben --

hast mich verzaubert, auch wenn das kitschig klingt,

hast mir ohne es zu wissen gezeigt,

wo ankommen wirklich beginnt.

Ich hab’ dann ohne Absicht dein Haben gelöscht nur um gründlich zu sein,

hab dein Soll verdoppelt, nur um sicher zu sein,

ohne Absicht, ohne Kopf, ohne an morgen zu denken,

ohne auch nur für einen Moment zu merken,

dass dein Soll so viel mehr war, als ich jemals sein könnte.

Nun sitzt du neben mir, regungslos -- in der Stille verweilend.

Du schaust über den See, genau wie ich,

du schaust zu den Bergen, genau wie ich.

Ich berühre dich, mit meinem Leben,

du hältst den Atem an, wagst dich nicht zu bewegen,

in der Hoffnung, dass ich dein Zurechtgelegtes nicht vernichte,

dein Pro nicht noch mehr gewichte,

damit ich deine Welt nicht aus der Ordnung bring’,

damit dein Ankommen nicht von Neuem beginnt.

Du sitzt noch immer neben mir -- still, regungslos verweilend.

Du schaust über den See, genau wie ich,

du schaust zu den Bergen, genau wie ich.

Wir wagen uns nicht mehr zu rühren,

um uns ja nicht zu berühren,

um unter keinen Umständen dorthin zu gelangen --

wo ankommen beginnt.

Für Emma, Januar 2017

The trouble is, you think you have time.

Buddha

Inhaltsverzeichnis

Emma

Damian

Nora

Emma

Damian

Emma

Mit Dario

Emma

Nora

Emma

Nora

Damian

Emma

Emma

Emma kneift ihre Augen fest zusammen und trotzt der Helligkeit in ihrem Zimmer. Sie will noch nicht aufwachen, will lieber zurück an den Ort, wo sie gerade noch war und dort noch etwas länger verweilen. Der Ort zwischen Traum und Wirklichkeit. Da, wo sie ihre Träume noch mit den Fingerspitzen berühren kann, wenn sie ihre Hände und Beine nur maximal ausstreckt.

Emma gelingt es. Sie ist zurück auf dem schmalen Weg, auf dem sie eben noch entlang ging. Sie hört wieder das Knistern der Blätter unter ihren nackten Füssen und lauscht dem Vogelgezwitscher. Emma betrachtet die Bäume, die den Weg säumen und beäugt die dunkelrosaroten Baumstämme etwas irritiert. Die richtige Farbbezeichnung wäre vermutlich Himbeere. In Träumen geht das. Bäume mit himbeerfarbenen Stämmen. Baumkronen mit blauen Blättern. In Träumen steht die Welt Kopf. Da sind Tatsachen nichts weiter als Möglichkeiten und Naturgesetze nicht geltend. Emma will noch eine Weile in diesem Zwischending verweilen. Hier, zwischen Augen zukneifen und sie öffnen, da wo man die Welt noch etwas länger aussperrt, auch wenn man sie bereits hört. An diesem Ort hier, diesem Zwischending, hat Emma keine Angst. Sie spürt keinen Schmerz, keine Trauer, keine Panik, keine Unsicherheit. Diese Dinge dürfen hier nicht mehr hin.

Seit …, seit.

Emma hört weit entfernt einen Zug vorbeifahren. Sie weiss, es ist der Achtuhrzug, der jeden Morgen in der Nähe ihrer Wohnung vorbeifährt. Die Geräusche, der Weg und die Bäume verschwinden und weichen den grellen Sonnenstrahlen, die durch ihr Fenster scheinen und sogar durch ihre geschlossenen Lieder zu erkennen sind.

Emma gibt nach. Mit noch geschlossenen Augen dreht sie sich auf die Seite. Nicht das Geräusch des Zuges hat sie aufgeweckt. Nein, dieses Geräusch weckt sie schon lange nicht mehr. Vielmehr wäre es die Abwesenheit dessen, was sie aufschrecken lassen würde. Witzig, wie man sich an Geräusche gewöhnt und sie nicht mehr hört. Bis sie nicht mehr da sind. Sie kriecht tiefer unter die Decke, umschliesst sich damit wie eine Raupe in einem Kokon. Hat er doch tatsächlich schon wieder vergessen die Vorhänge zu schliessen gestern Nacht. Zugegeben, es war auch etwas gar spät, als sie ihren Kopf endlich aufs Kissen legte und ihre Füsse erleichtert unter die warme Decke schob.

Sie hört ihn neben sich atmen, zwischendurch ein leises Schnarchen. Am Anfang hat sie dieses leise Schnarchen gehasst, irgendwann aber geliebt. Mit geschlossenen Lidern stellt sie sich vor wie er daliegt, vermutlich so wie immer auf dem Bauch, eine Hand über seinem Kopf, die andere neben seinem Körper unter der Decke, die ihn stets nur bis zu seinen Hüften bedeckt. Das gab ihr schon an so vielen Morgen die Möglichkeit, ihn einfach anzuschauen, wobei sie sich zwingen musste, ihn nicht zu berühren.

Exakt vierundsechzig sind es. Vierundsechzig Muttermale.

Mit weiterhin geschlossenen Augen lauscht sie dem kratzenden Geräusch seiner Barstoppeln auf dem Kopfkissen, wenn immer er sich leicht bewegt. Sie hört einen tiefen Seufzer, der sein Erwachen ankündigt, bevor sich die Matratze leicht bewegt. Er räuspert sich. Vermutlich zu viel geraucht gestern, denkt sie. Er hat irgendwann aufgehört, selbst Zigaretten zu kaufen. Offiziell also Nichtraucher, sagt er immer. Darum raucht er seit jeher ihre, weil die vermutlich nicht zählen. ‘Klar, nimm eine, ’ hatte sie damals zu ihm gesagt, an dem Abend an dem sie sich kennen gelernt hatten. Sie hatte diesen Satz dann zig Male wiederholt, bis das ganze Pack leer gewesen war, die Getränke auch und sie sich am Ende des Abends verabschiedeten, mit einem Lächeln das eine Fortsetzung versprach.

Emma kriecht noch tiefer unter die Decke, hält die Augen noch immer geschlossen und stellt sich schlafend. Sie horcht weiter seinen Bewegungen. Er muss inzwischen wach sein, aufgestützt auf seinen Oberarmen starrt er vermutlich aufs Kissen. Als würde auf dem Kissen irgendwo eine Lösung stehen gegen den schweren Kopf und das Pochen in den Schläfen. Vielleicht sucht er eher nach einer Mahnung, um nächstes Mal diese letzten zwei Bier einfach sein zu lassen. Genau die zwei, die sie ihm versucht hatte auszureden. Hab’s ja gesagt, sagt sie ihm in Gedanken und grinst als sie die Stille bemerkt.

In dieser Stille richtet sich sein Blick stets auf sie. Genau wegen dieser Stille stellt sie sich fast jeden Morgen schlafend. Mit geschlossenen Augen spürt sie seinen Blick auf sich, wie er über ihre dunklen Haare wandert, weiter zu ihrem Gesicht und den geschlossenen Augen. Er würde vermutlich die leicht verschmierte Mascara bemerken, die sie gestern vor dem zu Bett gehen vergass zu entfernen. Die Reise seiner Augen würde weiter gehen über ihre Nase, ihre Oberlippe bis hin zum Rand der Decke die ihn am Ende jedes Mal daran hindert, den Rest ihres Körpers zu betrachten.

Und dann ist die Stille weg. Sie lauscht dem Knarren des Bettes als er sich aufsetzt, hört wie er seine Hände über seinen Bart streicht, in einem verzweifelten Versuch den Kater einfach wegzuwischen. Sie hört ihm zu wie er die Schlafzimmertüre öffnet und anschliessend im Badezimmer zuerst den oberen Lichtschalter betätigt. Der, der nicht geht. Den, den er schon lange versprochen hatte zu reparieren. Sie lauscht dem Wasser der Dusche und bleibt eine Weile so liegen, bevor sie ihre Augen öffnet und die Geräusche verstummen.

Nach einer Weile schwingt Emma ihre Beine über den Bettrand und steht auf. Sie öffnet ihre Zimmertüre und bleibt kurz stehen. Sie lässt ihren Blick geradeaus Richtung Wohnzimmer schweifen, beobachtet die Sonnenstrahlen, die bereits durch die Fenster scheinen und den Raum in ein sanftes Braungold tauchen. Ihr Blick folgt den Staubpartikeln, die im Lichtstrahl scheinbar im Takt zu nicht vorhandener Musik tanzen. Sie schaut nach rechts. Die Badezimmertür ist offen, das Licht gelöscht. Sie schaut nach links zur Eingangstüre, die stumm verschlossen zurück starrt und die Wirklichkeit draussen hält.

***

Es ist bereits Mittag und Emma sitzt in ihrer Küche vor einem halb vollen Teller. Oder ein fast zur Hälfte leerer Teller, wie ihre Schwester Nora jetzt sagen würde. Immerhin die Hälfte hast du geschafft, würde sie wahrscheinlich hinzufügen. Die alte Optimistin schmunzelt Emma und trinkt einen Schluck Tee. Sie steht auf und geht zurück ins Schlafzimmer, um das Fenster zu schliessen. Sie schüttelt die Decken aus und legt ihr Kopfkissen direkt neben seins. Dann geht sie zurück zur offenen Küche die sich direkt im Wohnzimmer befindet, und schnappt sich ihren Tee vom kleinen Esstisch. Danach setzt sich Emma mit dem Tee in der Hand auf einen der beiden Sessel, die in ihrem Wohnzimmer stehen. Für mehr als zwei Sessel hat es hier drin schlichtweg keinen Platz. Beschaulich sagt er immer. Beschaulich und süss. Sie findet ihre Wohnung einfach eng. Das Schlafzimmer ist noch kleiner als ihr Wohnzimmer und nebst dem Bett passt da irgendwie gar nichts mehr rein. Darum hat sie beim zweiten Fenster gegenüber vom Bett auch keinen Vorhang angebracht, sondern einfach ihre Kleider an der Vorhangstange aufgehängt. Ich habe also Kleider mit Ausblick, sagt Emma immer.

Sie nimmt einen Schluck vom Tee und stellt die Tasse auf die Armlehne des Sessels. Ihr Blick fällt auf eine Zeitschrift die auf dem Boden liegt. Men’s Health. Sie hebt die Zeitschrift auf und blättert ziellos durch. ‘Six Pack in 20 Tagen’ – ‘Richtig Bizeps trainieren. ’ Eigentlich die gleichen Themen wie in Frauenzeitschriften, ‘Bauchfett weg in 20 Tagen’ – ‘Wieder unbekümmert winken. ’ Bei den Männern ist das stilvoller verpackt, denkt sie sich und legt die Zeitschrift auf den Boden unter den Tisch zurück.

Wie sich plötzlich so kleine Dinge einschleichen. Mit oder ohne Absicht. Das Heft hat er letzten September vergessen. Seine Zahnbürste bereits vier Monate davor.

Sie steht auf und geht zum Bücherregal. Es bedeckt eine komplette Wand in ihrem Wohnzimmer. So wie sie es schon immer wollte. Ihre eigene Bibliothek. Ihr Rückzugsort. Ihr

Reisebüro. Sie blickt über die verschiedenen Buchtitel und weiss bei jedem noch wann und wo sie es gelesen hat. Dieses hier in ihrer alten Wohnung. Das gleich daneben in Irland. Sie nimmt es hervor und schaut es an. So viele Erinnerungen, die an ein paar Blätter Papier hängen. Sie stellt es zurück und ihr Blick wandert weiter bis sie über eines stolpert, das sie erst vor ein paar Wochen zu Ende gelesen hatte. In Paris.

Ihr Blick wandert weiter und hält inne. Emma zieht ein Buch leicht hervor, muss schmunzeln. Das ist definitiv nicht ihres. Emma lässt das Buch los und mit einem leisen klock stellt es sich zurück in die Reihe. Sie geht zwei Schritte zurück und wirft einen letzten Blick auf die ganze Wand. Emma könnte die Bücher nach ihren Reisen sortieren. Chronologisch alle Orte an denen sie schon war anhand der Bücher benennen. Oder nach den Menschen, denen sie bis heute begegnete. Emma könnte die Bücher hervorheben, während denen sie ihr Herz verlor. Nicht nur an das Buch selbst, sondern an all die Männer, die wichtig waren zur selben Zeit. Man sagt doch, dass man jedes Mal, wenn man liebt, etwas von sich zurücklässt. Bei Emma ist dieses Etwas ein Buch.