Wo beginnt der Osten, Genosse? - Robin Bergauf - E-Book

Wo beginnt der Osten, Genosse? E-Book

Robin Bergauf

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Beschreibung

„Alex schreibt eine hoffnungslose Doktorarbeit und isst kein Fleisch“ - das scheint das Wesen von Alex zusammenzufassen. Allerdings sieht es in Alex’ Kopf ganz anders aus, denn dort türmen sich Fragen über Fragen: Was sind ‚Ost‘ und ‚West‘? Gibt es das überhaupt? Warum trägt dieser Typ Müll mit sich herum? Ist die Doktorarbeit zum Scheitern verurteilt? Und wer tröstet hier eigentlich wen? Die Verwirrungen des alltäglichen und des außergewöhnlichen Lebens nehmen kein Ende: Sofiia, die aus der Ukraine fliehen musste, kocht mit Putinisten Piroggen. Liz will, dass Alex endlich für sich selbst einsteht und das Kurioseste – der Kater Genosse braucht kein Katzenklo. Mit einer überraschenden Leichtigkeit nimmt der Roman das schwere Thema des Ukraine-Kriegs auf und erzählt von Alex’ Versuch, den Konflikt zwischen Ost und West zu verstehen oder zumindest weniger verwirrend zu finden.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Robin Bergauf

Wo beginnt

der Osten,

Genosse?

Roman

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte der deutschen Ausgabe

© Liesmich Verlag UG (haftungsbeschränkt)

1. Auflage 2025

www.liesmich-verlag.de

Coverdesign & Umschlaggestaltung: Carolin Kirsch

Illustrationen auf dem Cover: Carolin Kirsch

Lektorat: Alina Reinhardt // Josephine Kalies

Korrektorat: Anika Krasa

Drucksatz: Anne Linnig

Vorlektorat: Alina Reinhardt

PR & Marketing: Carolin Kirsch // Anne Linnig // Josephine Kalies

Projektmanagement: Karsten Möckel

ISBN: 978-3-945491-15-7

Die Figuren in diesem Roman sind fiktiv. Sollten sie oder ihre Namen Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen mit realen Menschen haben, wären diese rein zufällig.

Falls Sie aber dem Typ mit dem Müll irgendwo einmal

begegnen sollten, können Sie sich glücklich schätzen.

Kapitel 1

24. Februar 2022

Als der Krieg in der Ukraine beginnt, liege ich mit Liz im Bett. Besser gesagt, ich liege und Liz sitzt, hockt, steht auf, rennt herum. Liz ist zu dynamisch zum Liegen. Ich verkörpere den eher statischen Aspekt unserer Beziehung. Habe ich bisher gedacht. Aber plötzlich ist Krieg und das vorher Gedachte stimmt nicht mehr. Zum Beispiel, dass die Klimakatastrophe das Schlimmste ist, was uns droht. Und dass Liz‘ Unruhe zu ihren Charaktereigenschaften gehört und nichts mit mir zu tun hat. Vielleicht ist auch das nicht so, wie es scheint?

Außerdem habe ich bis jetzt geglaubt, dass ich meine Doktorarbeit fertigbekomme. Sie trägt den Titel Der Begriff des ‚Westens‘ und des ‚Ostens‘ als Konstrukt der Periode des Kalten Krieges unter besonderer Berücksichtigung der Situation im geteilten Deutschland und sollte schon vor einem halben Jahr beendet sein. Ich sehne den Tag herbei, an dem mich niemand mehr nach diesem Titel fragen und dann diesen besonderen Gesichtsausdruck bekommen wird: eine Mischung aus Ratlosigkeit, Zweifel, Unverständnis und dem Bestreben, das alles zu verbergen.

Ich habe meine Ideen zu dieser Arbeit fast beisammen und sortiert. Ich bin drauf und dran zu beweisen, dass die Ost-West-Trennungsidee ausgedient hat, wie eine alte muffige Jacke, die eigentlich nie so richtig gepasst hat.

Meine These ist, dass es einen ‚Osten‘ oder ‚Westen‘ der Welt nicht gibt; die Welt ist ja rund. Meine Idee eines Deutschlands ohne Ost und West war eine harte Probe für die Beziehung zu meiner Mutter, einer zur Dissidentin gewordenen ehemaligen Russischlehrerin, die ihre Umgebung noch immer gern in Wessis und Ossis einteilt und auf dem Höhepunkt unseres Streits behauptete, ich könne keine drei Wochen im ‚richtigen‘ Osten überleben. Und irgendwann, so drohte sie mir und sich selbst, kämen die Russen mit ihrer Atombombe, ihren halb kaputten anderen Waffen und ihrer Irrationalität, und dann seien wir im Arsch, denn wir verstünden nichts, einfach nichts, obwohl wir, „typisch westlich“ so täten, als könnten wir alles verstehen. Unsere einzige Hoffnung sei, dass dann die Atombombe nicht funktioniere – so wie das Meiste, was in Russland gemacht wird.

Zu diesem Meisten gehört auch mein Vater. Als Vater jedenfalls funktioniert er nicht; er hat nur das Grundlegende getan, das einen Menschen zum Vater macht, und ist dann wieder in den birkenbestandenen und wohnblockverschandelten Weiten jenes Reiches verschwunden, das meine Mutter sich auserkoren hatte zum Studieren und Schwangerwerden. In ihrem ewigen Drang zum Widerspruch war sie in das Land gegangen, auf das die meisten DDR-Leute nur schimpften. Sie wollte allen beweisen, dass ,der Osten‘ uns etwas beibringen konnte, dass es dort große, tiefe Geheimnisse und Werte zu entdecken galt, wenn man sich darauf einließ und nicht nur stupide in den „materialistischen Westen“ glotzte.

Was dabei herauskam, war ich.

Ich habe zu der Kanonade meiner Mutter höflich geschwiegen. Das Ost-West-Konstrukt meiner Mutter hat ausgedient. Habe ich gedacht.

Und plötzlich hat ein Krieg begonnen, und Millionen Menschen glauben, dass ihn der ,kollektive Westen‘ angezettelt hat. Gegen ,den Osten‘.

Ich liege im Bett, und während Liz uns einen Kaffee mit Hafermilchschaum macht, schaue ich auf mein Handy. Da sehe ich vor allem Putin, seine Armee und ‚westliche‘ Politiker, die den Einmarsch in die Ukraine aufs Schärfste verurteilen. Und drei Anrufe meiner Mutter.

Ich springe aus dem Bett und renne ziellos im Zimmer herum, die Angst in den Därmen. Eine Scheißangst ist das, die ich auf einmal vor dem Krieg habe, vor der Atombombe, vor dem machtverdorbenen alten Mann mit dem gedunsenen Gesicht, der Zerstörung und Chaos personifiziert. Vor dem Ende.

Ich sehe aus dem Fenster und kann es nicht glauben: Unten gehen, wie vorher, die Leute hin und her; in der Eile, die diese Stadt für normal hält, verfolgen sie ihre Tätigkeiten, als hätte sich nichts verändert. Wie kann man das machen? Wie kann man dort einfach normal herumlaufen, wenn doch alles, was es gibt, bedroht ist? Doppelt bedroht, nicht nur von der Klimakatastrophe, sondern auch noch von einem Weltkrieg?

Ein Typ fällt mir auf, der es offenbar nicht eilig hat wie die anderen. Wie ein Kind, das Schlendern spielt, geht er die Straße entlang und macht nichts anderes als schlendern. Er trägt eine seltsame Kluft: eine khakifarbene Hose und Jacke, die militärisch wirken würden, wenn sie nicht diese absurden Ausbeulungen hätten. Von meinem Fenster wirkt es, als wären an die Hosenbeine, an die Ärmel und an die Jacke Tüten genäht. Sie hängen schlaff herunter und sehen aus wie Müllbeutel. Trägt dieser Typ etwa Müll mit sich herum? Warum? Auch die Leute, die ihm begegnen, verlangsamen ihre Schritte und drehen sich nach ihm um. Ist das ein Verlangsamer? Ein menschgewordenes Mahnmal der Klimakrise? Ich scanne seine absurde Kleidung mit den Augen, aber es ist kein Banner, keine Losung oder Aufschrift auf ihm zu finden. Er geht einfach durch die Leute und repräsentiert das Unsägliche.

Das ist der Tag, an dem der Krieg beginnt.

Ein paar Tage später bieten die Amerikaner dem kompakten Schauspieler, den die Ukrainer zum Präsidenten gewählt haben, ein amerikanisches Visum und einen Freiflug an, und er antwortet, dass er kein Flugticket brauche, sondern Waffen.

Als ich das in meinem Newsfeed lese, will ich gleich wieder einen Kaffee, aber den guten von Liz kann ich nicht bekommen. Ich bin in der Unibibliothek und habe eine halbe Stunde lang auf das halbfertige Inhaltsverzeichnis meiner Doktorarbeit gestarrt, ohne etwas zu schreiben, und zwischendurch immer wieder die Nachrichten angeklickt.

Mir gefällt Selenskyj aus verschiedenen Gründen, nicht nur, weil er so klein ist wie ich, oder wegen seiner aufrechten Muskulosität. Ich finde seine Aussage heldenhaft.

Deshalb bin ich verstört. Ein Mensch, der Waffen haben will, gehört nicht zu meinem Bewunderungsbeuteschema. Schlimmer noch, er gehört geächtet, jedenfalls von mir, denn Waffen machen die Welt kaputt. Dafür werden sie gemacht, und zwar von widerlichen, zynischen Waffenherstellern, denen es Wurst ist, was mit ihren Produkten geschieht. Hauptsache, sie bekommen dafür Geld. Viel Geld. Und jetzt steht da jeden Abend dieser kompakte Held vor der Kamera und will Waffen für sein Volk.

Ich packe meine unangerührte Doktorarbeit wieder ein und laufe durch die Kälte nach Hause. Die Menschen mit den winterbleichen Gesichtern, die mir entgegenkommen, spiegeln meine eigene Ratlosigkeit wider. Die Kälte kriecht durch die dicke Jacke in meinen Körper, wo sie mit eisigen Gedanken zu einer soliden Zukunftsangst zusammenfriert. Wie soll dieser Krieg weitergehen? Ist das der Beginn des dritten Weltkriegs? Wen hat Putin da eigentlich überfallen? Werden wir die Nächsten sein?

Und – bin ich eigentlich halb russisch, wegen meines Vaters? Was, wenn eine russische Wurzel in mir einen üblen Trieb hervorbringt? Der irrationale Horror dieser absurden Vorstellung fährt durch meine kalten Lungen.

Jetzt kann ich nur noch mein Schritttempo erhöhen und nach Hause eilen, zu Liz und einem Hafermilchkaffee.

Als etwas später unser Kanzler aus dem Radio von einer „Zeitenwende“ spricht, bin ich gerade wieder im Bett und Liz macht ihr Workout an den Hanteln. Die Tattoovögel auf ihren muskulösen Armen fliegen auf und nieder.

Mit routinemäßiger Kanzlerkritik sage ich: „Zeitenwende? Was erzählt der für ein pathetisches Zeug?“

„Er meint dich“, antwortet Liz, ihre Gewichte stemmend.

Sie hat natürlich recht. Also nicht, dass Olaf Scholz mich jetzt explizit ins Auge gefasst haben könnte. Aber ich bin tatsächlich dabei, mich innerlich herumzudrehen. Liz nicht. Sie braucht sich nicht herumzudrehen, sie ist immer in mehreren Richtungen unterwegs. Ihr Weltbild wird nicht gestört von dieser Geldsumme, die so unvorstellbar groß ist, dass man sie eine Unsumme nennen kann, von dieser Unsumme, die Deutschland auf einmal für die Rüstung ausgeben soll.

Liz legt die Hanteln weg und geht Kaffee aufsetzen und Hafermilchschaum herstellen.

Aber ich kann den Kaffee nicht mehr trinken. Mein Gleichgewichtsorgan meldet Chaos. Mir ist übel von der Drehung.

Kapitel 2

Vierte Kriegswoche

Sofiia mit zwei i und Genosse wohnen jetzt bei uns.

Sie sind hier hereingeschneit und haben alles durcheinandergebracht.

Das wäre ein schöner Satz für die Rückseite eines mittelguten Romans, dort wo man mal schnell anliest, um herauszubekommen, ob es um Liebe geht oder um dunkle Familiengeheimnisse, die das Innere der Hauptfigur auf unvermeidliche Weise bestimmen, ohne dass sie es ahnt.

Aber der Satz stimmt nicht. Sofiia mit zwei i ist nicht bei uns hereingeschneit; sie ist ja, obwohl sie an einem kalten Tag kam, kein frostiger Niederschlag. Sie ist gekommen, weil Liz sie vom Bahnhof mitgebracht hat. Und durcheinandergebracht hat sie auch nichts. Das würde bedeuten, dass bei uns vorher etwas dagewesen wäre, das man hätte durcheinanderbringen können.

Als Sofiia ankam, herrschte bei uns bereits Wirrnis. Liz und ich hatten uns etwa drei Stunden lang angeschrien. Vor allem Liz. Wer behauptet, man könne sich nicht drei Stunden lang anschreien, kennt Liz nicht. Sie hat alles ausgepackt, was man auspacken kann. Als wäre unser Leben, unsere fünfdreiviertel Jahre miteinander, ein Schrank, in den man einfach immer alles hineingestopft hat, was man nicht mehr haben will, und jetzt muss man ihn ausmisten, weil er Schimmel hat oder die Motten. Aus allen Ecken hat sie die Sachen geholt und ans Licht gezerrt, und ich stand auf einmal in einem Haufen aus verblichenem, verschimmeltem, zerlöchertem und vor allem peinlichem Zeug, das niemand mehr braucht.

Manche sagen ja, sie ständen vor den Scherben ihrer Beziehung. Bei uns sind es keine Scherben, es ist ein schlabbriger Haufen von alten Sachen, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind, obwohl sie alle doch mal mit Liebe oder zumindest mit Begehren angeschafft worden waren, von Liz oder von mir. Ich stehe auch nicht davor, sondern mittendrin. Mit meinem Laptop, der auch zu nichts nütze ist, jedenfalls nicht zum Schreiben meiner Doktorarbeit.

„Du fängst ständig etwas an, und dann kriegst du es nicht zu Ende!“, hat Liz mir vorgeworfen.

Darauf wollte ich ihr sehr viel auf einmal antworten. Aber all die angefangenen Sätze verkeilten sich auf dem Weg nach draußen und kamen nicht in den Sprechwerkzeugen an. Ich wollte ihr antworten, dass ich diese Doktorarbeit schon fertigkriegen werde, aber man muss doch auch das Recht haben, erst einmal anzufangen, wie soll man denn sonst fertig werden?

Außerdem: Wenn man immer in zwei oder mehr Richtungen gleichzeitig gezogen wird, wie soll man da wissen, wo man hinsoll? Alles ist so komplex!

Und vor allem: Die Leute, die Sachen fertig machen, die Tatsachen schaffen, die zu allem klare Meinungen haben, diese Leute sind so einseitig, so flach, dass man sie von der Seite wahrscheinlich gar nicht sehen kann.

Ehe sich diese Argumente in mir ordentlich anstellen und beschließen konnten, welches als erstes hinausdarf, hatte sich die Tür hinter Liz schon mit einem Knall geschlossen. Sie ist dann durch die Stadt gestürmt, und am Bahnhof waren alle diese Menschen, Geflüchtete und Leute von hier, es war eine riesige Verteilungsaktion. Viele haben geflüchtete Ukrainerinnen mit ihren Kindern und Haustieren mit zu sich nach Hause genommen, das habe ich später in den Nachrichten gesehen.

Als ich schon dachte, Liz kommt nicht mehr nach Hause, stand sie plötzlich in der Tür, im Schlepptau Sofiia mit zwei i und, in einer Käfigtasche, Genosse.

Und jetzt wohnen die beiden bei uns.

Kapitel 3

Fünfte Kriegswoche, zweite Woche mit Sofiia und Genosse

Ein Haus. Ein Haus aus Betonplatten, das so hässlich ist, dass man auf keinen Fall darin wohnen möchte.

Schon wieder dieser westliche Blick. Er sieht die schmutziggraue Fassade, die klemmenden Fenster, die vielen Drähte, die irgendwo heraus- oder hineinführen, die Wege davor, die nicht angelegt, sondern getrampelt sind. Er sieht das Äußere. Ich lösche den letzten Satz wieder und schreibe weiter.

In jedem Stock wohnen acht Parteien, und es sind acht Stock-

werke. Die acht mal acht Parteien haben jeweils viel Geld gespart,

manches davon war verdient, manches war eingenommenes Schmiergeld. Gucken Sie nicht so zerrümpft, Sie im Westen. Glauben Sie denn, Sie haben alles Geld, das Sie verdienen, wirklich erarbeitet?

Egal. Alles ist egal, denn das Haus bebt. Es blitzt am Himmel.

Dann ein entsetzlicher, böser, sirrender Ton. Metallteile fallen vom Himmel. Die Leute, die in dem Haus wohnen, sind in den Keller gegangen. Nicht um Warenje hochzuholen, diesen leckeren marme- ladig eingekochten Fruchtmatsch, von dem es in jedem Keller eine ganze Menge gibt. Die Regale mit der Warenje wackeln auch, die Gläser klirren.

Auch Sofiia mit zwei i sitzt vor so einem Regal, ihre Kopfhörer auf den Ohren. Während sie sich in ihre Decke wickelt, beschließt sie, hier nicht mehr zu bleiben. Morgen, gleich morgen, wird sie sich auf den Weg Richtung Westen machen. Pfeif auf die Wohnung,

für die sie und die Eltern jahrelang gespart haben. Die ist morgen möglicherweise schon zusammengestürzt.

Vielleicht sollte sie nicht erst morgen losfahren, sondern sobald die Bomben aufhören zu fallen. Oder besser, in der nächsten Bombenpause. Sofiia mit zwei i nimmt die Kopfhörer ab und will nach oben gehen. Tut mir leid, Papa, denkt sie noch, Sie haben falsch investiert in diese Wohnung.

„Sofiia mit zwei i“, sagt die Nachbarin Ljuba Wolodymyriwna zu ihr, „schläfst du noch? Hörst du nicht die Bomben?“

So ein Unsinn, natürlich sagt Ljuba Wolodymyriwna nicht „Sofiia mit zwei i“, für Ukrainerinnen sind diese zwei i völlig normal. Sie haben, das hat mir Sofiia erklärt, eine Menge i in ihrer Sprache. Kaum ein i gleicht dem anderen. Und wahrscheinlich sagt Ljuba Wolodymyriwna auch etwas anderes, wahrscheinlich verwendet sie einen Imperativ, weil die Leute dort oft Imperative verwenden, sogar wenn sie freundlich und nicht übergriffig sind. Das weiß ich von meiner Mutter.

Wahrscheinlich sagt Ljuba Wolodymyriwna: „Sonja, Sonetschka, bleib hier, geh nicht nach oben, otdychai, erhol dich, trink ein bisschen Tee. Hier ist noch etwas Sud in der Teekanne mit den lila und goldenen Blumen.“

So stelle ich mir das vor, aber da es letztlich unvorstellbar für mich bleibt, das bebende Haus, die Leute in den Kellern, die krachenden Einschläge, die Einweckgläser in den Regalen, klappe ich den Laptop zu, schlurfe in die Küche und schalte den Wasserkocher an, um mir einen Tee zu kochen.

Weil ich nicht in der Lage bin, an meiner Doktorarbeit zu arbeiten, hat mich meine verworrene Schreibwut in den Versuch getrieben, meine Idee von Sofiias Geschichte aufzuschreiben.

Aber es ist unvorstellbar. Ich bekomme auch das nicht hin.

Ich bekomme momentan gar nichts zustande.

Weil ich Putins Gas nicht verbrennen will, ist es kalt im Wohnzimmer, in dem ich seit dem Streit mit Liz auf dem Sofa schlafe. Kalt wie unsere Beziehung. Die Decke um mich geschlungen, schlurfe ich in die Küche. Die Decke rutscht herunter, ich falle darüber, halte mich am Küchentisch fest und werfe die unförmige, mit lila und goldenen Blumen bemalte Teekanne um, die Sofiia mit zwei i aus unerfindlichen Gründen aus der Ukraine mitgebracht hat. Wieso nimmt jemand so etwas erstaunlich Hässliches und Zerbrechliches auf die Flucht mit? Ich kann die Teekanne gerade noch festhalten, ratsche mir dafür aber den Unterarm an der Tischkante blutig und fluche von Herzen.

„Alles in Ordnung? Was bedeutet ‚verfickt‘?“ Sofiia mit zwei i steckt ihren Kopf zur Tür herein. Der Kopf ist mit Silberfolie umwickelt, daraus staken einige Haarsträhnen, in denen Pasten in verschiedenen leuchtenden Farben kleben, die man sonst nur bei Textmarkern findet. Sie sieht aus wie die Anhängerin einer extrem bunten Verschwörungstheorie.

„Äh“, antworte ich.

„Ist ein unregelmäßiges Partizip? Muss es nicht heißen ‚gefickt‘?“

Ich lecke einen Blutstropfen von meinem Unterarm. Ich habe meine körperliche Unversehrtheit für die ihrer unschönen Teekanne geopfert und möchte beachtet werden, jedenfalls mehr als ein grammatikalisch zweifelhaftes Schimpfwort.

Sofiia versteht das sofort, auch ohne Worte.

„Setz dich, setz dich, otdychai, erhol dich, trink Tee!“ Sie kommt ganz herein, wirft drei Teebeutel in die geschmacklose Kanne, gießt Wasser auf. Dann stellt sie meine Lieblingstasse vor mich hin, daneben das XXL-Glas Nutella, das ich gestern Abend gekauft habe und in dem ein langer Löffel steckt. Es ist schon halb leer.

Die Tür geht auf. Genosse kommt vollkommen geräuschlos in die Küche und starrt mich an.

Genosse ist Sofiias Kater. Seinen Namen hat er von Sofiias Großeltern, hat mir Sofiia erzählt. Ihr Opa war Russlanddeutscher, hielt nichts von der Sowjetmacht und drückte das in den Namen seiner Haustiere aus. Traditionell heißt jeder Kater, der in Sofiias Familie lebt, Genosse. Der Genosse, der jetzt in unserer Wohnung wohnt, ist ein Vertreter der siebten Generation von Genossen.

Sofiia setzt sich zu mir, gießt mir schwarzen Sud aus der kitschigen Kanne ein und fügt Wasser aus dem Kocher hinzu.

Sie sagt etwas zu Genosse, das ich nicht verstehe, und der Kater springt auf meinen Schoß und legt seine Pfoten besitzergreifend auf meinen Laptop. Sie befiehlt ihm noch etwas, und er nimmt die Pfoten wieder herunter.

Wie schafft sie es, dass dieses Tier auf sie hört? Katzen machen ihr Ding und betrachten uns hochnäsig als Lieferanten von Futter, warmen Plätzen und Streicheleinheiten. Das ist eine Tatsache, von der ganze Aphorismus-Industrien und Geschenkbüchlein-Imperien leben. Ist Gehorsam eine Eigenschaft der Bewohner des Ostens, sogar wenn man ein Kater ist? In meinem Laptop öffne ich die Cloud und darin den Ordner DeBeDeWeUDeO (die monströse Abkürzung des noch monströseren Titels meiner Doktorarbeit), und mache eine Notiz in der Datei Gibt es den Osten doch?.

Wenn Genosse mal muss, geht er aufs Klo. Er setzt sich auf die Brille, wackelt ein bisschen und macht hinein. Kein Katzenklo, kein Gestank, kein ‚Wer bringt das Zeug runter?‘, so wie das bei Wilma gewesen ist, der einzigen Katze, die Liz und ich einmal hatten.

„Sei nicht traurig“, sagt Sofiia und streicht sanft über meine Schulter, als müsse sie mich trösten und nicht andersherum. Genosse dreht sich auf meinem Schoß auf den Rücken und beginnt zu schnurren, ein wenig tiefer als der Kühlschrank.

Wenn ich schon mit dem Schreiben nicht vorankomme, will ich mich wenigstens um etwas Praktisches kümmern: Sofiias Miete. Normalerweise ist Liz diejenige von uns beiden, die diese Dinge erledigt, aber sie hat nur den Anfang der Behördenkorrespondenz gemacht.

Sofiia hat nach dem Gesetz das Recht, Miete vom Jobcenter zu bekommen. Dazu braucht sie einen Mietvertrag mit uns, dem unser Vermieter zustimmen muss. Liz hat alles per Mail hingeschickt und mehrmals nachgefragt, aber keine Antwort bekommen.

Ich greife nach meinem Handy und klicke A. Baumleitner an. Sofiia gießt schwarzen Sud aus der Kanne und Wasser aus dem Kocher in ihre Tasse.

„Baumleitner?“ Unser Vermieter ist eine Frau, und sie kommt aus Bayern. Wieso habe ich das bisher nicht gewusst?

„Guten Tag, hier Guthmann/Brunner. Ihre Mieter aus dem vierten Stock. Ich rufe wegen unserer Untermieterin an. Vier Mails, ein Brief, Sie erinnern sich vielleicht?“

„Grüß Gott, Familie Guthmann/Brunner. Um welches Haus handelt es sich denn?“

Natürlich, die haben ja nicht nur ein Haus. Wer ein großes Haus hat, hat auch noch mehr davon. Erste Regel des Westens.

„Heinrich-Heine-Straße 39.“

„In welcher Stadt?“

Dieser bayrischen Dame scheint die Republik zu gehören. Nachdem ich geklärt habe, in welcher ihrer Immobilien wir wohnen und dass wir Sofiia als Untermieterin etablieren wollen, sagt sie: „Das geht leider nicht.“

„Warum denn nicht?“

„Ihre Wohnung ist dafür zu klein.“

„Aber wir haben drei Zimmer. Drei Zimmer, drei Personen. In Charkiw hat unsere Untermieterin in einem Zimmer mit drei Personen gewohnt! Und einem Kater namens Genosse.“

„Das ist bedauerlich“, bemerkt Frau Baumleitner, „aber sie ist nicht Ihre Untermieterin.“

„Aber sie wohnt doch bei uns! Und wir sind die Mieter!“

„Sie wohnt bei Ihnen als Gast.“

Ich bin während dieses Austauschs immer lauter geworden. Genosse hört auf zu schnurren und blickt mich vorwurfsvoll an. Sofiia schiebt mir ihre Tasse Tee hin.

„Atme!“, rät sie. Ich hole tief Luft.

„Frau Baumleitner“, sage ich langsam, „was hindert Sie denn daran, uns Ihr Einverständnis zu geben? Haben Sie mitbekommen, dass ein Krieg herrscht, dass Menschen fliehen müssen, dass sie irgendwo unterkommen müssen, …“

„Ich war selbst mal Flüchtling“, fällt mir Frau Baumleitner ins Wort, „Ich kenne die Situation.“

„Sie waren selbst Flüchtling?! Dann müssten Sie doch …“

„Es tut mir leid, Familie Guthmann/Brunner. Ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen. Wir genehmigen generell keine Untervermietungen. Wohin Untervermietungen führen, will ich Ihnen hier nicht erläutern. Ihr Gast wird sich eine Arbeit suchen und kann sich dann sicherlich eine eigene Wohnung leisten.“

„Aber es ist Krieg! Wohnungen in dieser Stadt sind knapp! Leute in anderen Ländern nehmen ganze Familien in ein Zimmer!“

„Zum Glück ist bei uns kein Krieg. Und zum Glück leben wir nicht in anderen Ländern.“

„Sie wollen doch nicht Ihre Herzlosigkeit …“

Klack.

Sie hat aufgelegt.

Wie regelt diese Frau das Problem eines schlechten Gewissens? Kennt sie das Gefühl, helfen zu müssen? Die Verzweiflung über das Ausmaß des Unglücks in der Welt? Vielleicht verflüchtigt sich das, wenn man mehr Geld hat. Oder Immobilien. Je reicher, desto weniger stört das Gewissen beim Reichsein.

Oder bin nur ich so?

Ich knalle das Handy auf den Tisch. Genosse erhebt sich beleidigt. Sofiia schaut mich besorgt an.

„Ich – jetzt illegal?“

„Nein, du bist nicht illegal. Du darfst nur nicht offiziell hier wohnen.“ Und das Sozialamt wird deine Miete nicht an uns bezahlen, sage ich nicht, denn es ist mir peinlich.

„Okay“, sagt Sofiia. „Ich gehe einkaufen.“

Sie steht auf, zieht ihre gesteppte helle Daunenjacke an, die das Erkennungszeichen aller Flüchtlinge zu sein scheint, setzt sich ihre unmögliche Mütze auf den bunten Kopf und schließt leise die Tür hinter sich.

***

In der Zeit, in der ich vergeblich versucht habe, irgendetwas zu schreiben, hat Sofiia sich komplett neu eingekleidet, eine Menge neuer Leute kennengelernt und die Tafel entdeckt.

Sie kommt mit drei Tüten voller Kleidung und einer Kunststofftasche nach Hause, die das Volumen von etwa fünf Katern hat. Die Tasche lässt sie neben dem Küchentisch auf den Boden plumpsen. Während Genosse schnuppernd um die Tasche herumstreicht, arbeitet sich Sofiia in eine wurstschalenenge Hose aus silbrig glitzerndem Material und eine leuchtend geblümte Bluse mit bodenlosem Ausschnitt hinein.

„Schau, Sascha“, sagt sie überflüssigerweise und tanzt durch die Küche, nach einer Melodie, die aus ihren Kopfhörern kommt oder nur in ihrem Kopf klingt, ich weiß es nicht.

Sie nennt mich Sascha, so wie es meine Mutter auch manchmal macht, wenn sie mich gerade sehr mag; es ist die russische Version von Alex.

„Raus, Genosse!“

Der Kater, der inzwischen auf der riesigen Tasche sitzt, rührt sich nicht. Sofiia wiederholt den Befehl auf Russisch, und Genosse trollt sich unter den Tisch, von wo aus er die Tasche weiter beobachtet.

„Er muss endlich Deutsch lernen“, ruft Sofiia mir zu, und ich weiß jetzt, dass die Musik aus ihren Kopfhörern kommt, die irgendwo unter ihrer vielfarbigen Lockenmähne stecken. Dann macht sie sich daran, die Tasche auszupacken. Dinge, die ich noch nie gesehen habe, aber die wohl manche Menschen essen, kommen zum Vorschein: einzeln in buntglitzernde Folie eingeschweißte Burger mit grusligen Belägen, Fleischbatzen aller Art, Gläser und Dosen mit fischigen Pasten, Plastikbecher mit fettlosen Joghurtimitaten. Sofiia stapelt alles in den Kühlschrank zwischen unsere Tofus, Haferdrinks und unverpackten Biomöhren; was nicht mehr hineinpasst, legt sie in den halb gefrorenen Blumenkasten vor dem Fenster.

„Willst du die gesamte Straße zu einer Party einladen?“, frage ich vorsichtig.

Sofiia rollt die voluminöse Tasche raschelnd zusammen und grinst. „Ich war bei Tafel. Alles für zwei Euro.“ Sie öffnet einen Tetra Pak mit fettfreier Milch, riecht daran und schüttet ein Schälchen voll, das sie unter den Tisch stellt. Genosse schnuppert kurz daran. Dann geht er zur Tür, springt kurz auf die Klinke, sodass sie sich öffnet, und trollt sich.

„Was ist das?“, fragt Sofiia und hält mir den Tetra Pak hin.

„Ich weiß es nicht. Etwas wässrig Weißes mit entfernter Milchverwandtschaft.“

„Was bedeutet ‚Milchverwandtschaft‘?“, fragt Sofiia und tippt auf ihrem Handy. Sie hat da, nehme ich an, eine Vielzahl von Listen mit deutschen Vokabeln.

„Es ist verwandt mit Milch.“

Sofiia schreibt, und ich bekomme ein ungutes Gefühl, weil ich ihr Wörter beibringe, die es gar nicht gibt. „Ich habe mir das Wort nur ausgedacht“, füge ich hinzu. Sie schreibt trotzdem weiter. Ich fühle mich weiterhin unwohl und merke, warum. Gestern war ein Artikel in der Presse über die Tafeln, die kostenlos Essen an Bedürftige geben. Die Tafeln, stand in dem Artikel, gelangen an ihre Grenzen. Alles gelangt gerade an seine Grenzen; Lehrer und Lehrerinnen, das Gesundheitssystem, Aufnahmekapazitäten. Wir leben in einer Zeit angelangter Grenzen.

Die Tafeln haben nicht mehr genug Essen, das sie den Armen geben können. Aber Sofiia hat sehr viel von dort geholt. Unsere Küche ist voller Zeug, das ich niemals kaufen, geschweige denn essen würde. Und das in mehrere Schichten von Kunststoff eingeschweißt ist, wahrscheinlich damit seine toxischen Inhaltsstoffe nicht in die Luft dünsten. Ich möchte nicht, dass so etwas jemals gekauft oder gegessen wird. Ich möchte natürlich auch, dass Sofiia etwas zu essen hat, und als borniert moralisierende Person möchte ich schon gar nicht rüberkommen.

Klassischer Deadlock, würde Liz sagen, wenn sie noch mit mir reden würde, typisch für dich, Alex.

Ich gebe mir einen inneren Arschtritt, von dem ich ein überhetztes Sprachstolpern bekomme.

„Sofiia, du kannst bei uns mitessen, das ist überhaupt kein Problem, du musst nicht zur Tafel gehen, die Tafel ist doch für Leute, die kein Geld für Essen haben, aber wir, wir haben doch Geld für Essen, wir kochen zusammen …“ Ich muss nach Luft schnappen. Sofiia ist aufgestanden und hat ihr Handy weggelegt, ihr Blick ist besorgt. Jetzt sehe ich, dass sie außer in der Klamotten- auch in der Kosmetikabteilung eingekauft hat. Ihre Augen sind, mehr als bisher, von bunten Schatten und Strichen gesäumt, ihr Mund ist röter als vorher, auf ihren hervorstehenden Wangenknochen liegt eine mitteldicke Schicht Rouge wie eine mit Saharasand bestreute Schneedecke. Als sie sieht, dass ich wieder atmen kann, lächelt sie.

„Aber alles zusammen – zwei Euro!“, wiederholt sie ihr Argument mit unverminderter Begeisterung.

„Wer soll das essen?“, frage ich düster.

Sie sieht mich durchdringend an. Ich spüre ihre Anstrengung, meine Traurigkeit zu verstehen.

„Wo ist Problem, Liebes?“, fragt sie. „Problem ist, wenn du kein Essen hast. Problem ist, zu wenig Essen für zu viel Geld. Aber hier – viel Essen für wenig Geld!“

„Aber wir schaffen das nicht alles zu essen! Und ich will nicht anderen Leuten das Essen wegnehmen“, halbwahrheite ich. Sie setzt sich wieder hin.

„Schau mal, Sascha. Du und Lizka, ihr kauft Essen, wir essen zusammen. Ich will auch Essen kaufen für uns – zusammen. Will euch“, sie wischt und tippt blitzschnell in ihrem Handy nach dem richtigen Wort, „bewirten. Aber ich kann nicht viel Geld bezahlen. Also habe ich diese Tasche mitgebracht. Bedien dich! Iss und trink!“ Sie schiebt mir drei eingeschweißte weiche Stücke Gebäck hin, deren Packungsrückseiten voll mit winzig gedruckten Bezeichnungen der Chemikalien sind, aus denen sie bestehen.

Ich stehe auf. Ich habe plötzlich das Bedürfnis, ein Stück zu laufen. Den ganzen Tag habe ich nur dagesessen und vergeblich etwas zu tun versucht, das ich nicht oder nicht mehr kann. Laufen kann ich. Ich muss es nicht vergeblich versuchen. Ich laufe einfach.

„Das ist gut, geh spazieren, erhol dich, Täubchen.“ Noch im Gehen schiebt mir Sofiia die unsäglichen eingeschweißten Kuchenstücke in die Jackentasche.

Kapitel 4

Fünfte Kriegswoche, zweite Woche mit Sofiia und Genosse,

Theas dreißigste Schwangerschaftswoche

Langsam gehe ich die mit Menschen gefüllte Straße entlang. Alle sehen aus, als wollten sie dringend irgendwo hin. Aber vielleicht sehe ich auch so aus, als wollte ich irgendwo hin. Ich will tatsächlich irgendwo hin, aber nur in meinem Kopf. Ich habe noch vier Wochen, um die verdammte Doktorarbeit hinzubekommen. Eine weitere Verlängerung gibt es nicht.

Schon der Titel ist ein Ungetüm. Aber Professor Witt, mein Doktorvater (noch so ein Wortungetüm) hat ihn abgesegnet, wahrscheinlich hat er ihn gar nicht zu Ende gelesen und wollte mich nur loswerden. An die Fertigstellung der Arbeit hat er vermutlich nicht geglaubt.

Wahrscheinlich hatte er recht.

Bevor der Krieg begann, habe ich das Kapitel über unser Verhältnis zur Kollektivität geschrieben. Es gibt die Theorie, dass der Westen als individualistisch gilt und der Osten als kollektiv geprägt. Man argumentiert so: Außerhalb von Sportgruppen und Fußballstadien (die strenggenommen auch Sportgruppen sind) ist Kollektivität bei uns nicht gern gesehen. Wir haben sie überwunden. Selbst Kindergartenkindern wird nahegelegt, sich möglichst individuell zu entwickeln; als Horrorbeispiel des DDR-Kollektivismus gilt noch immer die gemeinsame Töpfchensitzung. Auch in der Schule wird auf individuelles Lernen gesetzt, jedenfalls theoretisch.

Was herauskommt, sind Kinder, die sich für individuell halten, denen jedoch eine starke Bindung zur Gruppe fehlt. In östlichen Ländern, so die Idee, ist es andersherum. Kinder werden kollektiv erzogen, auf eigenständiges Denken wird weniger Wert gelegt als auf das Sich-Einfügen in die Gruppe.