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Das Glück wartet manchmal in der kleinsten Hütte
Ella steht vor den Scherben ihres Lebens: Ihr Mann hat sie betrogen, und das Weingut in der Pfalz ist ihr kein Zuhause mehr. Hals über Kopf flüchtet sie zu ihrer besten Freundin Maria nach Südtirol. In der schönen Berglandschaft Norditaliens findet sie Ruhe zum Nachdenken, die langen Wanderungen in der Natur geben ihr Kraft. Und ehe sie sichs versieht, ist sie Pächterin einer kleinen Hütte - in der nicht nur Wanderer einkehren, sondern bald auch Luca Stammgast ist. Der charmante Bergretter lässt ihr Herz schneller schlagen. Aber ist Ella schon bereit für eine neue Liebe?
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Seitenzahl: 466
Veröffentlichungsjahr: 2021
Emma steht vor den Scherben ihres Lebens: Ihr Mann hat sie betrogen, und das Weingut in der Pfalz ist ihr kein Zuhause mehr. Hals über Kopf flüchtet sie zu ihrer besten Freundin Marlene nach Südtirol. In der schönen Berglandschaft findet sie Ruhe zum Nachdenken, die langen Wanderungen in der Natur geben ihr Kraft. Und ehe sie sichs versieht, ist sie Pächterin einer kleinen Berghütte – in der nicht nur Wanderer einkehren, sondern auch der charmante Bergretter Luca bald Stammgast ist …
Maxi Hofer ist das Pseudonym eines deutschen Schriftstellers, der bei Lesereisen durch Südtirol seine Leidenschaft für Italiens nördlichste Provinz entdeckte. Inspiriert vom mediterranen Klima, einer Natur im Überfluss und dem hervorragendem Südtiroler Gin aus wildwachsenden Wacholderbeeren, entstand die Idee zu dieser alpinen Liebesgeschichte.
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Lektorat: Dr. Ulrike Strerath-Bolz, Friedberg
Einband-/Umschlagmotive: © shutterstock: Evgeny Karandaev | Efirso | Roberto Cerruti | canadastock | Illustrium | ehsqnwk
Umschlaggestaltung: Jeannine Schmelzer
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7325-9493-1
luebbe.de
lesejury.de
»Es tut mir leid, Ella. Wirklich.«
Sie sah ihn lange an und fragte sich, was sie bei seinem Anblick noch empfand. Da stand der Mann vor ihr, den sie einst geliebt hatte wie nichts anderes auf der Welt.
Doch nun war sogar die Art, wie er ihren Namen aussprach, bedeutungslos. Ella. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er es schaffte, ihr eine Gänsehaut zu bescheren, wenn er ihren Namen in den richtigen Momenten sagte. Doch das war vorbei. Überhaupt war alles vorbei.
Er sah sie hilflos an. »Ich wollte nicht, dass es so endet.«
Und ich wollte, dass es gar nicht endet!
Mühsam zwang sie ihre Gefühle herunter. Sie wollte nicht weinen. Nicht schon wieder. Sie wollte ihm nicht noch einmal die Genugtuung geben und ihm zeigen, wie sehr es ihm gelungen war, sie zu verletzen. Also nickte sie knapp und schwieg. Weil es einfach nichts mehr zu sagen gab.
Sie hatte bereits sämtliche Phasen der Trauer durchlebt. Zunächst hatte sie geleugnet, wo es überhaupt nichts zu leugnen gab. Ob sie es bereits gewusst hatte, bevor sie es mit eigenen Augen sehen musste? Vermutlich. Unbewusst in jedem Fall. Klar war ihr aufgefallen, dass sich Sven seit einiger Zeit ihr gegenüber anders verhalten hatte. Doch sie schob es auf den beruflichen Stress, der sie beide fest im Griff hatte. Denn mit dem Erfolg stieg auch der Erwartungsdruck.
Als das Unausweichliche endlich zu ihr durchgedrungen war, packte sie eine unendliche Wut. Auf ihn. Auf die andere Frau. Auf sich selbst. Einfach auf alles! Sie konnte ein äußerst impulsiver Mensch sein. In einem wilden Anfall hatte sie die komplette Einrichtung des nigelnagelneuen Roadcampers verwüstet. Vernichtet im wahrsten Sinne des Wortes. Bewaffnet mit Svens Lieblingsputter, war sie an ihm vorbeimarschiert und wollte den Ort pulverisieren, an dem er ihr das Herz herausgerissen hatte – obwohl der natürlich am wenigsten dafür konnte. In wilder Wut hatte sie auf alles eingedroschen, was ihr unter den Schläger kam.
Als ihr das Golfeisen aus der Hand gerutscht war, hatte sie mit den bloßen Fäusten weitergemacht und so lange auf die Bettkissen eingeschlagen, bis sie als schluchzendes Bündel zu Boden gesunken war. Sven hatte bloß dagestanden und gar nicht erst versucht, sie abzuhalten. Er kannte sie. Er wusste, dass er mit seinem Leben gespielt hätte.
Gott, wie sie sein Golfspiel hasste!
Als sie sich irgendwann beruhigt hatte, begann die Phase der Verhandlung. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren. Himmel, Sven war ein gut aussehender Mann, obendrein beruflich erfolgreich. Es war nur logisch, dass auch andere Frauen auf ihn aufmerksam wurden. Vielleicht hätte sie ihm diesen einen Ausrutscher sogar verziehen. Doch als er ihr schließlich offenbarte, dass es kein Seitensprung, sondern eine Langzeitaffäre sei, in der aufrichtige Gefühle mitschwangen, wurde es schwer mit der Verhandlung. Im Prinzip ging es nur noch darum, die Bedingungen der Kapitulation zu vereinbaren.
Wie soll man schließlich mit jemandem verhandeln, wenn der Fisch bereits tot ist? Lautete so nicht das chinesische Sprichwort? Oder war es ein russisches?
Nun befand sie sich in einem Zustand zwischen Depression und Akzeptanz. Je nach Tagesfassung gewann mal die eine, mal die andere Phase die Oberhand.
Unumstößlicher Fakt war: Ihr altes Leben lag in Trümmern. Da war es nur recht, dass sie Svens geländetauglichen Camper ebenfalls in Trümmer gelegt hatte. Sie dachte an die vielen Reisen, die sie hatten unternehmen wollen. Nun würden sie nie dazu aufbrechen. Sie dachte aber auch daran, wie sie ihn mit ihr im Querbett-Ausbau erwischt hatte. Eigentlich wollte sie jeden weiteren Gedanken daran wegschieben, doch das Bild glich einer Projektion, die sich fest auf ihrer Netzhaut eingebrannt hatte und in allen möglichen und unmöglichen Momenten munter aufblinkte.
»Was wirst du nun tun?« Sven sah sie an, mit seinen leuchtenden Augen, die sie vom ersten Moment an verzaubert hatten. Augen, die wirkten, als könnten sie kein Wässerchen trüben.
Tja, von wegen!
Sie zwang sich dazu, ihn anzuschauen. Betrachtete ihn, wie er dastand, in seinem schmutzigen Holzfällerhemd und der verschlissenen Arbeitshose, an denen der Duft des Weinbergs klebte.
Sie sah in seine Augen. In diese wunderschönen tiefgrünen Tümpel, die eine sogartige Wirkung auf sie hatten. Noch immer. Sie war seinem Blick verfallen seit ihrem ersten Treffen an der Uni in Landau, als sie sich im Studium der Wirtschaftswissenschaften kennengelernt hatten.
Sie ertrug diesen Blick nicht länger und sah betroffen zu Boden. Ein Boden, den sie sich zusammen ausgesucht hatten, als sie das alte Bauernhaus renovierten, um sich hier ihre gemeinsame Existenz aufzubauen. Ein Leben am Fuße des Weinbaugebiets, in dem Svens Familie seit Generationen das angesehene Winzergut Edelstein betrieb.
Der Anblick der cremefarbenen Kalksteinfliesen riss die Wunden wieder auf. Binnen Millisekunden stürmte alles auf sie ein. Das, was sie sich gemeinsam aufgebaut hatten. Und all das, was sie noch erreichen wollten …
Kinder.
Sie verabscheute sich für die Wehmut, die sie wie ein Tsunami mitriss.
Womit hat ein Mann bloß solche Augen verdient?
»Ich ziehe in die Stadt«, sagte sie, »und suche mir einen neuen Job.«
Sven lachte ungläubig auf. »Du hasst die Stadt.«
Das stimmte. Ella war eine sensible Frau und konnte schwer mit einem Zuviel an Eindrücken umgehen. Sie mochte weder die Lautstärke der Stadt noch die Hektik. Schon gar nicht all die vielen Menschen. Und sie liebte das Weingut. Die Ruhe der Weinberge. Doch eine andere Möglichkeit blieb ihr nicht in ihrer gegenwärtigen Situation. Sie konnte nirgendwohin. Für diesen Mann mit den tiefgrünen Augen hatte sie alles aufgegeben. Sie war nie ein Mensch mit starken Heimatgefühlen gewesen. Dafür hatte ihr Vater gesorgt, der ihr als Diplomat von frühester Kindheit an ein Vagabundenleben beschert hatte.
Mit dem Abbruch des Studiums hatte sie an Svens Seite einen ganz neuen Anfang gewagt – in einer Region, in der die Menschen Fremden gegenüber sehr verschlossen waren. Doch der Liebe wegen war sie gerne diesen Schritt gegangen und hatte sich mit den Jahren beinahe heimisch gefühlt. Beinahe …
»Was wird aus deiner Destille?«
Gleichgültig schoben sich ihre Schultern nach oben. »Es war nie meine Destille. Es war immer die deiner Familie.«
Er nickte zögerlich und schob dabei den Unterkiefer nach vorn. Aber sie wollte kein Mitleid. Nicht von ihm. Überhaupt gar nichts wollte sie mehr von ihm.
»So muss es doch nicht enden.« Er sprach leise und hob den Kopf. »Du kannst doch trotzdem hierbleiben.«
War das ein Flehen, das sie in seiner Stimme erkannte?
»Für den Wettbewerb«, fügte er energisch hinzu. »Damit du deine Destillate fertig machen kannst.« Ein tiefes Seufzen purzelte aus ihm heraus. »Ich weiß doch, wie viel dir das bedeutet.«
Aber wusstest du je, wie viel du mir bedeutest? Sie kämpfte mit den Tränen. Wahrscheinlich nicht, sonst hättest du mir das nicht angetan.
Mit einem tiefen Atemzug schloss sie die Augen und wollte sie am liebsten nie wieder aufschlagen. Es tat so weh. Es fühlte sich an, als wäre nicht nur die Liebe gestorben, sondern ihr ganzes kleines Paradies in schwarzen, dickflüssigen Teer getaucht worden. Ein zäher Brei, den sie einatmete und der drohte, sie zu ersticken.
Ja, es war ein Paradies. Die von den Zeiten des Weins bestimmte Arbeit. Das Bedienen und Beraten der Gäste in der Familien-Weinschenke, das anstrengende und doch so meditative Lesen der Trauben in den kilometerlangen Weinbergen. Eine Arbeit, die schon so viele Generationen von Menschen vor ihr genau auf die gleiche Art und Weise verrichtet hatten. Und schließlich das Brennen ihrer Schnäpse: eine Leidenschaft, der sie sich voll und ganz hingeben konnte und in der sie ein außerordentliches Talent bewiesen hatte.
Dabei war sie aus bloßem Zufall darauf gestoßen. Mitten in der Restauration der Weinkellerei war die Frage aufgekommen, was mit der baufälligen Scheune passieren sollte, in der sich die uralte Destille befand. Ella hatte nicht lange gezögert, im Gegenteil: Es war Liebe auf den ersten Blick, als Sven sie in den schmalen Raum führte, in dem ein riesiger Brennkessel vor sich hin staubte. Dieses Ungetüm aus Edelstahl und Kupfer mit seinen in alle Richtungen abgehenden Rohren und Druckmessern übte sofort eine unerfindliche Faszination auf Ella aus. Als stünde sie vor einer alten Dampflok, die unbedingt wieder auf die Schienen und die Welt entdecken wollte.
Beim Durchwälzen der Baupläne für die Umbauten des Hofs war sie schließlich auf eine kleine Sensation gestoßen: Die Familie Edelstein besaß noch immer das uralte Brennrecht.
Damit war der Grundstein gelegt. Der Erfolg stellte sich langsam, aber kontinuierlich ein. Durch das Studieren von Fachliteratur und durch ständiges Tüfteln und Ausprobieren verschiedener Destillationsmethoden gelangen ihr im autodidaktischen Alleingang Destillate von erstaunlicher Qualität, die Kenner rund um die Pfälzer Weinstraße aufhorchen ließen. Zu Beginn hatte sie sich an viele verschiedene Schnäpse gewagt, an Obstbrände, Wodka und Rum, bis sie ihre Passion schließlich im Gin fand.
Die meisten Gewinne des Weinguts fuhren nach wie vor die Prädikatsweine ein, doch der Edelsteiner Gin hatte von Jahr zu Jahr mehr Profit erwirtschaftet. Schon bald sammelte sie Auszeichnungen wie andere Einkaufstüten. Die zahlreichen Urkunden hatte sie sich voller Stolz in ihrer Destille an die Wand gehängt.
Damit war es nun also auch vorbei. Auch die Urkunden würde sie zurücklassen, an einem Ort, an dem sie nichts mehr zu suchen hatte. Sie warf einen Blick zurück auf die grünen Weinreben, die im warmen Licht der Abendsonne schimmerten. Sie standen kurz vor dem Sommerschnitt und Ella wurde schwer ums Herz bei dem Gedanken, dass sie die diesjährige Lese nicht miterleben würde. Der bislang heiße Sommer deutete darauf hin, dass ein grandioser Jahrgang bevorstand. Zwar nicht für sie, aber für den Wein. Immerhin.
Sie kniff die Augen zu, weil sie nichts mehr sehen wollte. Weder diese Umgebung, die in den letzten Jahren zu ihrem Zuhause geworden war, noch ihn.
»Ella.«
Ein Ruck ging durch ihren Körper.
Die Art, wie er ihren Namen aussprach, gab ihr den Rest. Zärtlich und mitfühlend.
Nein, es hat sich ausge-Ella-t!
»Es tut mir alles so leid«, sagte er wieder. »Ich wollte das wirklich nicht, ich meine … vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir beide ein Kind …«
Das brachte das Fass zum Überlaufen. Schlimm genug, dass er sie mit seiner Langzeitaffäre hintergangen hatte, sogar an dem Tag, als sie auf Marthas Beerdigung gewesen war. Aber ihr vorzuwerfen, dass sie kein Kind miteinander bekommen hatten, war unverschämt. Dabei hatten sie alles versucht, doch niemand hatte ihnen sagen können, woran es lag, dass es nicht klappte. Sie wusste, dass ein Stammhalter Svens größter Wunsch war. Aber sie konnte so ein Kind ja nicht herbeizaubern!
»Bitte«, sagte sie eindringlich. »Kein Wort mehr. Es ist bereits alles gesagt.«
Er nickte. »Darf ich dich wenigstens noch einmal umarmen?«
Sie ließ es zu, dass er seine Arme um sie legte, und atmete noch einmal seinen unwiderstehlichen Duft ein, der ihr Herz zusammenkrampfen ließ.
Draußen ertönte eine Autohupe. Die Frau hinter dem Steuer hatte schon immer ein Händchen für perfektes Timing bewiesen.
»Ich kann dich in die Stadt bringen.«
Ella schüttelte den Kopf. »Maria wird mich fahren.«
Maria war Ellas beste Freundin. Schon immer. Sie kannten sich seit Kindergartentagen und hatten sich die ersten Jahre bis aufs Blut gehasst. Doch in einem kleinen Dorf wie dem, in dem sie die ersten Kindheitsjahre verbracht hatten, war es schwer, sich aus dem Weg zu gehen. Als sie schließlich eingeschult wurden und sich gemeinsam hinter ein und dieselbe Schulbank drücken mussten, wurde aus dem Hass ein Waffenstillstand und schließlich die tiefste Freundschaft, die man mit einem Menschen aufbauen kann. Dann kam Papas Karriereaufstieg als Diplomat, und für Ella begann das Wanderleben. Unzählige Länder und Städte, in denen sie zeitweilig gelebt hatte, reihten sich wie eine Perlenkette in ihrer Erinnerung aneinander. Sie hatte geglaubt, dass mit ihrer Heirat das rastlose Leben endlich ein Ende finden würde. Wie sehr sie sich doch getäuscht hatte!
Sie erinnerte sich an das gestrige Telefongespräch, in dem sie Maria unter Tränen von der Trennung erzählt hatte. Und nun stand Maria vor der Tür und wartete auf sie. Sie hatte alles stehen und liegen lassen und war von ihrer Wahlheimat in Südtirol aufgebrochen, um ihr zur Seite zu stehen.
Sven hatte Maria nie gemocht. Das hätte ihr schon damals eine Warnung sein sollen.
»Maria wird mich fahren«, sagte sie noch einmal und rang sich ein tapferes Lächeln ab. Schließlich war da draußen jemand, der ihr zur Seite stand.
Sie nahm den Griff ihres Rollkoffers in die Hand, drehte sich um und trat aus der Küche, hinaus aus dem Haus, in dem sie die letzten fünf Jahre verbracht hatte. Sie nahm nur das mit, was in diesen Koffer passte, alles andere aus diesem Leben ließ sie zurück. Als sie in Marias Wagen stieg, sah sie sich kein einziges Mal um und vermied auch tunlichst den Blick in den Rückspiegel. Ihr Leben auf dem Winzerhof Edelstein gehörte mit diesen Sekunden der Vergangenheit an.
»Glaub mir, Schatz, die erste Scheidung ist immer die schlimmste.« Maria zwinkerte ihr hinter dem Steuer zu und grinste aufmunternd.
Ella setzte ein langsames, träges Lächeln auf. Ihre beste Freundin wusste, wovon sie sprach. Sie selbst war bereits dreimal glücklich verheiratet und noch glücklicher geschieden. Stets war es die Liebe fürs Leben gewesen. Maria war ein Mensch, der brennen wollte. Immer. Sie kam schlecht damit klar, wenn das alles verschlingende Gefühl der Verliebtheit nachließ und die Gewohnheit Einzug in ihre Beziehungen hielt. Es war ein langer Weg, bis Maria das für sich erkannt hatte. Nun ließ sie sich nur noch auf Beziehungen ein, die nie über diesen Status hinausgingen.
Abgesehen von einem etwas komplizierten Lebenslauf, den sie mit ihren nicht ganz fünfunddreißig Jahren vorzuweisen hatte, waren die drei gescheiterten Ehen nicht ihr Schaden gewesen. Maria hatte einen guten Scheidungsanwalt, der sich mit dem Aufsetzen von Eheverträgen auskannte. Und so hatte sie sich ein hübsches kleines Trachtengeschäft aufgebaut und sich voll und ganz ihrer Leidenschaft widmen können: der Schneiderei. Maria hatte einen Punkt in ihrem Leben erreicht, von dem Ella nur träumen konnte.
Ella dagegen fühlte sich wie bei einem Monopoly-Spiel, in dem sie die Karte »Gehe zurück auf Los« gezogen hatte. Sie seufzte leidvoll auf. »Alles, was mir von den fünf Jahren bleibt, passt in diesen Koffer.«
»Immerhin ist es ein ziemlich großer Koffer.« Maria warf ihr mit ihrem umwerfenden Lächeln einen Seitenblick zu.
Ella betrachtete ihre älteste und einzige Freundin. Sie war schon immer eine Schönheit gewesen. Nun war sie braun gebrannt und strahlte eine Frische aus, die Ella vor Neid erblassen ließ.
»Ich werde dich nicht fragen, wie es dir geht«, entschied Maria. »Dafür reicht mir dein Anblick.« Sie nahm eine Hand vom Steuer und beugte sich nach vorne zum Handschuhfach, aus dem sie eine Packung Feuchttücher herauskramte. »Hier, wisch dir wenigstens mal die verlaufene Schminke aus dem Gesicht.«
»Ich bin froh, dass du da bist«, sagte Ella dankbar.
Maria warf ihr ein warmes Lächeln zu und tätschelte ihr den Oberschenkel. »Ich auch.«
Es war schön, die Freundin wieder in der Nähe zu wissen. Sie hatten sich seit über einem Jahr nicht mehr gesehen; das letzte Mal war kurz vor Weihnachten gewesen. Maria hatte in der Nähe neue Stoffe für ihre Trachtenkleider besorgt, die sie selbst schneiderte. Sie war nur eine Nacht auf dem Winzerhof geblieben und viel zu schnell wieder abgereist. Sie hatte es nie ausgesprochen, aber der Grund für ihre schnelle Abreise waren Sven und dessen Familie gewesen, bei denen sie sich einfach nicht wohlfühlte. Das Gefühl kam nicht von ungefähr. Ella wusste, dass Sven tatsächlich ein Problem mit Maria hatte, weil sie dieses wenig konservative Leben führte. In dieser Hinsicht konnte Sven sehr altmodisch sein. Maria hatte schon immer ihr Ding durchgezogen und sich dabei einen Dreck um die Meinung anderer geschert. Zumindest der Erfolg gab ihr recht.
Ella beobachtete ihre Freundin, die hinter dem Steuer eines monströsen Schlachtschiffes saß. Es war die neueste Modellvariante des Porsche Cayenne. Die reinste Dreckschleuder – allerdings eine mit einem ziemlich großen Kofferraum. Maria hatte keine Mühe gehabt, den riesigen Koffer im Heck zu verstauen.
»Also!« Maria trommelte aufgeregt auf dem Lenkrad herum. »Erzähl mir alles von dieser Schlampe! Ich will jede Einzelheit hören. Ist sie dumm? Hässlich? Fett?«
Ella seufzte. »Die Schlampe heißt Nina. Sie ist blutjung und äußerst intelligent. Sie hat ihr Studium mit Bravour abgeschlossen. Sie modelt nebenbei und hat es vor zwei Jahren sogar unter die besten zwanzig bei Germany’s next Topmodel geschafft. Damit erübrigt sich also auch Frage Nummer drei.«
Maria drehte ihren Kopf zur Seite. »Ernsthaft?«
Ella nickte missmutig und kniff die Augen fest zusammen, um keine weiteren Tränen zuzulassen.
»Und wie kommt sie dann an Sven?«
»Ihre Eltern sind Kunden von uns.« Sie hielt kurz inne, als ihr klar wurde, dass es dieses Uns gar nicht mehr gab. »Sie und Sven haben sich wohl auf einer Weinprobe kennengelernt und …« Ihre Stimme versagte. Nina war seitdem ein steter Dauergast auf dem Weingut, und das Schlimme war: Ella mochte sie. Sie konnte ja nicht ahnen, dass ausgerechnet sie ihr einmal den Mann ausspannen würde.
»Also doch dumm. Wie sonst kann man als gestandene Frau an solch einem niederträchtigen TV-Format teilnehmen?«
»Ach, darum geht es doch überhaupt nicht«, beschwerte Ella sich.
»Natürlich nicht. Ich will dir jetzt wirklich nicht zu nahe treten, aber dein Sven ist nun wirklich nicht unbedingt die Krone der Schöpfung.«
»Vor allem ist er nicht mehr mein Sven«, stellte Ella klar. »Und ob du es glaubst oder nicht, es soll tatsächlich Frauen geben, die ihn äußerst attraktiv finden.«
Maria hob so ruckartig den Kopf, dass ihr eine blonde Haarsträhne ins Gesicht fiel. »Schätzchen, Attraktivität kommt von innen heraus. Und da ist dein Sven so blass wie eine eierschalfarben gestrichene Wand. Bloß weil er ein ansehnliches Äußeres hat, ist er noch lange nicht attraktiv.« Sie lachte tonlos. »Da gehört schon mehr dazu.«
Ella fasste nach Marias Hand, die auf der Mittelkonsole ruhte, und drückte fest zu. »Was würde ich bloß ohne dich anfangen?«
Maria erwiderte nichts, doch in ihrem Gesicht stand das gutmütige Lächeln, das Ella sagen sollte: Alles wird gut.
Ella drückte sich tief in den Ledersitz. Auf einmal verspürte sie den Drang, Maria alles zu erzählen. Als könnte sie sich damit die Last von der Seele reden: »Es fing damit an, dass Sven unbedingt die Marketing-Aktivitäten von Edelstein steigern wollte. Du weißt schon: Social Media, Suchmaschinen-Optimierung, Google Ads, das ganze Zeug.«
»Igitt!«, befand Maria.
Ella betrachtete sie skeptisch. »Wie ist das denn bei dir? Du hast doch auch deinen eigenen Laden. Kümmerst du dich da selbst drum? Ich meine, es scheint ja enorm gut zu laufen, wenn du dir solch einen Schlitten leisten kannst.«
Maria schüttelte den Kopf. »Ach was, der ist doch bloß geleast.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich persönlich würde mich auch mit einem kleineren Wagen zufriedengeben, aber es ist leider so, dass die Leute das schon bewerten und darauf achten. Ich kann bei meiner Kundschaft schlecht mit einem ausgebeulten Polo aufkreuzen.« Sie tätschelte liebevoll das Lederlenkrad. »Außerdem ist so ein Wagen wirklich praktisch. Ich habe viel Platz, sodass ich alles bequem transportieren kann. Zudem wohnen manche meiner Kunden derart abgelegen, dass ich ohne einen Allradantrieb echt aufgeschmissen wäre. Einige wohnen quasi mitten in den Bergen.«
Sie stieß ihr herrlich überdrehtes Lachen aus, während sie die Landstraße verließ und in Richtung City abbog. »Ehrlich gesagt, kann ich mir mehr Kunden momentan überhaupt nicht leisten. So, wie es gerade läuft, läuft es perfekt. Und das darf liebend gerne so bleiben.«
Ella bewunderte ihre beste Freundin. Das hatte sie schon immer getan. Maria stand mit beiden Beinen im Leben und stellte sich selbst an erste Stelle, bevor sie diesen Platz einem Mann einräumte. Vermutlich war genau das der Grund, warum sie nach drei intensiven Beziehungen mit Traumhochzeit und rasch folgenden rosenkriegwürdigen Scheidungen allein war. Andererseits, Ella hatte es stets andersrum gehalten und war nun auch allein. Wie man es dreht und wendet, dachte sie bekümmert, immer macht man es falsch.
»Weißt du, diese Affäre aufzudecken war schlimm. Aber wirklich übel war es, dass er sich mit ihr vergnügt hat, während ich auf Marthas Beerdigung war.«
Maria warf ihr einen langen Blick zu.
»Die hättest du kennenlernen müssen«, sagte Ella. »Ihr hättet euch blendend verstanden.«
Marthas Verlust schmerzte Ella in jeder Sekunde. Sie war eine Kundin des Weinguts gewesen und mit ihrer ruppigen Art gefürchtet beim Personal. Ella mochte sie vom ersten Augenblick an. Über die Jahre hatte sie sich mit der alten Frau angefreundet und ihr dabei geholfen, die Wohnung aufzulösen, als sie ins Altersheim ziehen musste, weil es allein nicht mehr klappte. Ella hatte ihr sogar ein Zimmer auf dem Weingut angeboten, doch davon wollte Martha nichts wissen. Ella hatte sie regelmäßig besucht und sie in den letzten Monaten, als sich ihr Zustand mehr und mehr verschlechterte, mit dem Rollstuhl durch die Landauer Gassen geschoben. Sie hatten nie darüber gesprochen, aber für Ella war diese Frau zu einem Oma-Ersatz geworden. Und dann war sie gestorben, und Ella hatte sich so allein gefühlt wie noch nie zuvor.
Wieder projizierte sich das Bild auf ihre Netzhaut. »Ich komme von der Beerdigung und höre diese untrüglichen Geräusche aus dem Camper, den Sven sich ganz frisch zugelegt hatte. Ich wusste, dass ich die Tür nicht aufziehen sollte. Aber ich musste es einfach tun.«
»Dieses Schwein«, fasste Maria die Situation perfekt zusammen.
»Kannst du dir das vorstellen? Er hat mich betrogen – in dem Wissen, dass ich auf Marthas Beerdigung bin.« Wieder schossen ihr die Tränen in die Augen.
Maria reichte ihr ein Taschentuch, in das sie herzhaft hineinschnäuzte. »Und du musst wirklich heute schon wieder los?«, fragte sie mit tränenerstickter Stimme. Die Vorstellung, schon bald ganz allein in einem fremden Hotelzimmer zu sitzen, schnürte ihr die Kehle zu.
»So leid es mir tut, Schätzchen. Ich habe einen Kundenauftrag, wenn ich den noch länger aufschiebe, bekomme ich die Hölle heißgemacht. Aber ich rufe dich gleich morgen an und sehe zu, dass wir beide am Wochenende etwas zusammen unternehmen. Du musst mit zu mir kommen, das wird dich auf andere Gedanken bringen.«
»Klingt toll. Aber wie stellst du dir das vor? Von Landau bis nach Südtirol ist es nicht gerade ein Katzensprung.« Ella verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr graute bei der Vorstellung, schon gleich alleine zu sein und sich mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Bislang hatte sie jede Menge Ablenkung gehabt. Das Zertrümmern des Roadcampers, das Packen des Koffers …
Maria setzte den Blinker und verlangsamte die Fahrt. Schließlich bog sie von der Straße ab und fuhr in eine breite Hofeinfahrt.
»So, da wären wir.« Sie stieß einen leisen Pfiff aus. »Das ist doch eine hübsche Absteige.« Sie parkte direkt vor dem Eingang und stellte den Motor ab.
Mit müden Augen warf Ella einen Blick aus dem Fenster und betrachtete die Hotelfassade. Ihre neue Heimat für ungewisse Zeit. Von hier aus würde sie sich eine Wohnung in der Innenstadt suchen und versuchen, ihr neues Leben auf die Reihe zu bekommen. Irgendwie. Vor ihrem Studium hatte sie eine Ausbildung zur Köchin absolviert. Vielleicht konnte sie daran anknüpfen. Damals war ihr das zu wenig gewesen, weshalb sie das Studium drangehängt hatte. Hatte womöglich damit das ganze Unglück angefangen? Zumindest hatte sie an der Uni Sven kennengelernt. Wieder kullerte ihr eine Träne aus dem Auge.
»Ach, Ella.« Maria strich ihr mitfühlend über die Wange.
Ella konnte nicht verhindern, dass ihr erneut die Stimme versagte. Sie sah ihre beste Freundin an und zerbrach an dem traurigen Blick, mit dem sie sie bedachte.
»Alles wird gut.« Es waren nur drei Worte, und bei jedem anderen Menschen hätten sie geklungen wie eine belanglose Floskel. Nicht bei Maria. Sie sprach die Worte mit einer Entschlossenheit aus, die gar keine andere Möglichkeit zuließ, als dass eben wirklich alles gut werden würde. »Du wirst den Idioten schneller vergessen, als du dir vorstellen kannst.«
Dann gab sie ein Seufzen von sich. Laut und innig. Ella blieb stumm und beobachtete Maria dabei, wie sie sich eine verirrte Lockensträhne aus dem Gesicht pustete.
»Ach«, sagte Maria plötzlich. »Drauf geschissen.« Dann drückte sie einen Knopf, woraufhin der PS-starke Motor erneut zum Leben erwachte. Breit grinsend trat sie das Gaspedal so fest durch, dass der Wagen einen Satz nach vorne machte. »Du kommst jetzt erst mal mit zu mir.«
Ella protestierte nicht, als die Hotelfassade an ihr vorbeizog. Im Gegenteil, sie spürte eine unendliche Erleichterung in sich aufsteigen. Beinahe so, als würde ihre beste Freundin das Unvermeidliche ein Stückchen hinauszögern.
Ohne ein Wort fuhr Maria die Straße entlang. Raus aus dem Zentrum. Raus aus der Stadt. Auf der Landstraße drehte sie das Radio laut auf und sang jeden Song mit, so als wäre sie ganz allein unterwegs. Ella saß stumm neben ihr und ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen. Sie sank immer tiefer in den bequemen Sitz und lauschte Marias Stimme, die den Soundtrack ihrer Flucht zum Besten gab. Ihre Freundin war weit davon entfernt, eine begnadete Sängerin zu sein, aber sie sang mit Inbrunst und Hingabe.
Ella schwieg noch immer, als der Porsche den Weg auf die Autobahn fand. Aus dem Schweigen wurde ein Verstummen. Alles rauschte an ihr vorbei – nicht nur die Landschaft. Auch die Gefühle.
Maria trat das Gaspedal durch und abonnierte die linke Spur. Mit einem Mal überkam Ella das Gefühl, als bewegte die Welt sich zu schnell für sie. Aber niemand hatte ihr verraten, wo sich die Bremse befand. So ließ sie sich hineinziehen in den Strudel aus Trauer und Niedergeschlagenheit. Ihre Gedanken kreisten um Martha, die für immer fort war. Um Sven, den sie nie wieder sehen wollte. Um ein Leben, das nicht mehr das ihre war.
Irgendwann veränderte sich die Landschaft. Das flache Land verschwand, die ersten Hügel zeichneten sich ab. Aus den sanften Erhebungen am Horizont wurden nicht enden wollende Bergketten. Schroff und steil, mit schneebedeckten Gipfeln.
Trotz des unerbittlichen Schmerzes, der in ihrer Brust tobte, erkannte sie die Schönheit rundum.
Mit der Landschaft veränderte sich auch das Wetter. Die Sicht wurde diesiger, der Himmel verdunkelte sich. Kaum hatten sie die Grenze zu Südtirol erreicht, begann es zu regnen.
An irgendeiner Ausfahrt verließ Maria die Autobahn, und die Fahrt ging weiter über schmale Pässe und steile, enge Straßen. Die Scheibenwischer schabten stoisch über die Windschutzscheibe und bildeten mit dem dicken Regen, der auf das Dach prasselte, einen einlullenden Klangteppich. Eine zunehmende Müdigkeit überfiel Ella. Maria warf ihr immer wieder forschende Seitenblicke zu. Für Ella glich sie einem zauberhaften Wesen, das in seinem grenzenlosen Optimismus Hoffnung und Zuversicht ausstrahlte. In diesem Moment fühlte sie sich geborgen und verspürte eine unendliche Dankbarkeit.
Unsere Seelen sind miteinander verbunden.
Sie schloss die Augen. Für eine kurze Sekunde. Als sie sie wieder öffnete, war ihr Blick unscharf. Die Sicht aus dem Fenster offenbarte nichts weiter als formlose Schemen, die sich an ihr vorbeibewegten. Sie schloss sie wieder …
»Aufwachen, wir sind da!«
Maria stieß die Fahrertür auf und ließ eine klirrende Kälte ins Fahrzeuginnere. Orientierungslos riss Ella die Augen auf. Sie fror und sah irritiert dabei zu, wie ein lockenköpfiger Pferdeschwanz vor der wuchtigen Motorhaube auf und ab hüpfte.
Als sich die Beifahrertür wie von Geisterhand öffnete, zuckte sie erschrocken zusammen. Ein erneuter Schwall kühler Luft kroch ihre Beine empor.
Sie roch den Regen, der schwer in der Luft hing. Und sie vernahm noch etwas anderes. Zunächst ließ es sich nicht näher einordnen. Aber es war … eigenartig vertraut.
Mit einem Schubser verfrachtete die Erinnerung sie zurück in ihre Kindheit. Zu den gemeinsamen Urlauben mit den Eltern. Es war der Geruch von saftigen Wiesen, von Kühen, endlosen Spaziergängen, Freibädern, Eis am Stiel und – ihr fiel kein anderes Wort ein – purem Glück!
»Schau doch nur«, entfuhr es Maria vor Begeisterung. »Ist das nicht traumhaft?«
Ella betrachtete ihre Freundin, die vor dem Kotflügel ihres nachtschwarzen Schlachtschiffes stand, die Arme weit von sich gestreckt, und sich einmal tänzelnd im Kreis bewegte. Den Blick in die Ferne gerichtet, sagte sie: »Das ist meine neue Heimat.«
Zunächst verstand Ella den Gefühlsausbruch ihrer Freundin gar nicht – bis sie neben sie trat und ihrem Blick folgte. Der Nebel hatte sich gelichtet und gab den Blick auf eine Landschaft preis, die einem Bilderbuch entsprungen zu sein schien. Gigantische Bergspitzen ragten in den grauen Himmel. Der Nebel lag wie Watte in Tälern und Schluchten. Die kräftig grünen Farben der endlos erscheinenden Wälder dominierten die Landschaft.
Sie stand da mit offenem Mund und glaubte nicht, was sich vor ihren Augen offenbarte. »Das … das ist atemberaubend.«
Ellas Blick hing an den Berggipfeln am Horizont fest. Unter einer steil aufragenden Felsenpyramide entdeckte sie eine winzige schneeweiße Kapelle, die sich förmlich an den Berg krallte. Direkt vor ihrer Nase schlängelte sich ein türkisfarbener Fluss durch das Tal. Inmitten dieser Idylle tauchte die dahingeworfene Silhouette einer Stadt mit unzähligen terrakottafarbenen Dächern auf, eingebettet in ein sanft hügeliges Tal. Und über all dem ragte ein spitz zulaufender Turm in den Himmel.
Maria nahm Ella in den Arm und drückte sie innig. »Ich halte hier jedes Mal an, bevor ich ins Tal hinunterfahre. Von hier aus hat man einfach den schönsten Blick auf die Stadt. Gefällt es dir?«
Ella war noch immer stumm wie ein Fisch. Nicht vor Liebeskummer, sondern vor Ergriffenheit. Selten hatte sie solch etwas Schönes gesehen. Dabei hatte sie in ihrem jungen Leben viele Orte bereist. Doch diesem Flecken Erde haftete etwas geradezu Unwirkliches an.
»Na, los, steig ein. Jetzt zeig ich dir den Laden und mein Zuhause.«
Viva Maria. Es gab keinen passenderen Namen für das kleine Dirndlgeschäft. Der Laden lag in einer verwinkelten Gasse inmitten der Fußgängerzone – was Maria nicht daran hinderte, mit dem schweren SUV direkt vor der Tür zu parken.
»Das machen hier alle Geschäftsinhaber so«, erklärte sie souverän. »Ich park den gleich um. Jetzt will ich dir aber erst mal mein Reich zeigen.« Weder scherte sie sich um die vielen Fußgänger, die unterwegs waren, noch um die Fahrradfahrer, deren Radweg sie versperrte und die sich nicht wenig fluchend einen Weg an ihrem Monstrum vorbei suchten. »Wochentags ist die Neustadt glücklicherweise nicht ganz so überlaufen wie an den Wochenenden.«
Ella stieg aus und betrachtete den Turm, der sich direkt über ihr weit in den Himmel erhob.
Maria schien ihren Blick zu bemerken. »Das ist der Zwölferturm. Hübsch, nicht wahr? Er ist das Wahrzeichen der Stadt. Wart mal, bis du seine Glocken hörst.« Grinsend nahm sie Ella an die Hand und führte sie direkt vor den Laden, dessen Front aus zwei breiten Spitzbogenfenstern bestand. Über der Eingangspforte prunkte eine Tafel, auf der ein zweizeiliger altdeutscher Schriftzug in einem knalligen Rot aufgemalt war: Viva Maria. In der Mitte der beiden Wörter stach eine Alpenblume heraus, mit weißen Blütenblättern und einer blauen Dolde. Ella betrachtete die beiden Schaufenster, hinter denen zwei Schaufensterpuppen in hinreißenden Trachtenkleidern posierten. Drum herum waren auf kleinen Etageren Accessoires wie Kropfbänder, Schuhe und Schmuck ausgestellt.
Maria schloss die Tür auf und bat Ella mit einer ausladenden Geste, einzutreten. Ella wagte ein paar behutsame Schritte auf dem Natursteinboden und ließ den Blick durch das kleine Geschäft schweifen. Im Inneren setzte sich die bogenförmige Optik in einer weiß verputzten Gewölbedecke fort. Sie seufzte begeistert auf. Oft hatte sie sich das Geschäft in ihren Gedanken vorgestellt; nun tatsächlich hier zu sein und Marias Wirkungsstätte mit eigenen Augen zu sehen, war einfach unglaublich.
»Gefällt es dir?«, hörte sie Maria hinter sich fragen. Sie klang ungewohnt unsicher.
Ella nickte atemlos. »Du hast hier etwas Traumhaftes geschaffen.« Und genauso meinte sie es. Ella kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sogleich überfiel sie ein schlechtes Gewissen, weil sie noch nie hier gewesen war. Sie kam sich mies vor.
Aber sie hatte doch so viel Stress um die Ohren gehabt. Der Umbau des Weinguts, das Führen der Destille, die Arbeit in den Weinbergen …
Ella brach den Gedanken ab, weil sie erkannte, dass es bloß Ausreden waren. Als sie ihre Maria gebraucht hatte, war diese sofort gekommen, hatte alles stehen und liegen lassen und sich kein bisschen um die stundenlange Autofahrt geschert, die sie beide voneinander trennte. Sie selbst hatte es im letzten Jahr nicht mal zur Eröffnungsfeier geschafft, weil ihr wieder irgendeine Arbeit wichtiger war. Auf einmal war sie maßlos enttäuscht von sich selbst. Aber sie wollte nicht weinen. Nicht schon wieder. Schon gar nicht in dieser Situation. Tapfer wischte sie sich mit dem Handrücken den Anflug einer Träne aus dem Gesicht und zwang sich zu einem Lächeln, während sie mit erstickter Stimme fragte: »Und die schneiderst du wirklich alle selbst?«
»Natürlich!« Maria stemmte die Hände in die Hüften. »Alles, was du hier siehst, sind Unikate.«
Sie winkte Ella zu sich heran und drehte sich um die eigene Achse. »Da oben geht’s zu meiner Wohnung.« Rückwärts gehend und breit lächelnd berührte sie mit sanften Strichen ihre Kleider – so liebevoll, als wären es ihre Kinder.
Maria war schon immer eine talentierte Schneiderin gewesen. Bereits in der Grundschule hatte sie auf der Nähmaschine ihrer Mutter ihre eigenen Kleider angefertigt, die sie voller Stolz getragen hatte – und das zu einer Zeit, wo es kein Vorbeikommen an Markenkleidung gab, wenn man dazugehören wollte. Maria war das egal. Trotz des Spotts der Mitschüler zog sie ihr Ding durch und ließ sich von niemandem beirren. Ella hatte damals wenig Verständnis für Marias Modebegeisterung aufgebracht. Doch als sie sich später wiederfanden und wieder mehr Zeit miteinander verbrachten, war sie richtiggehend neidisch auf ihre Freundin, die bereits in so jungen Jahren wusste, was sie mit ihrem Leben anstellen wollte, und akribisch darauf hinarbeitete. Ihr Faible für Dirndl kam jedoch erst mit einem Camping-Kurztrip an den Tegernsee, den sie spontan mit Marias altem Polo auf sich nahmen.
Dort hatten sie aus einer Laune heraus eines dieser typischen Dorffeste besucht. Ella erinnerte sich noch gut daran, wie fasziniert ihre Freundin von den Trachtenkleidern gewesen war. Gleich am nächsten Tag hatte sie ihr gesamtes Urlaubsgeld in einem Trachtenladen ausgegeben und sich eines dieser Kleider gekauft – als Vorlage für ihre eigenen Schnittmuster.
Und nun hatte sie ihr eigenes Geschäft und lebte ihren Traum.
»Ach, Maria.« Ella seufzte schuldbewusst. »Eine Freundin wie dich habe ich nicht verdient.«
Maria blieb ruckartig stehen und presste ihren Zeigefinger auf Ellas Lippen. »Red nicht solch einen Unsinn. Ich würde dich niemals im Stich lassen.«
»Aber ich habe das Gefühl, dass ich dich alleingelassen habe.« Ella sah sich im Laden um. »Wo war ich, als du all das hier geschaffen hast?«
»An der Seite deines Mannes im Weingut.« Maria zwinkerte ihr zu. »Alles gut, entspann dich. Du hättest mir eh nur im Weg herumgestanden.«
Damit hatte Maria vermutlich recht. Im Nähen war Ella eine richtige Niete. Und allem Anschein nach nicht nur darin. Sie holte tief Luft und spürte das Herz hart in ihrer Brust pochen. »Wie soll es denn nun weitergehen?«
»Fürs Erste bleibst du bei mir.«
»Aber für wie lange?«
»Keine Ahnung.« Marias Schultern zuckten gleichgültig auf. »Solange es eben dauert.« Sie betrachtete sie forschend: »Oder hast du das Gefühl, in Landau läuft dir irgendetwas weg?«
Ella schüttelte energisch den Kopf. Allein der Gedanke an diese Stadt bereitete ihr Beklemmungen. Schließlich war es nicht ihre Heimat, sondern die von Sven.
»Nein«, sagte sie entschieden. »Da gibt es nichts, was mir nicht schon längst weggelaufen wäre.«
Die große Liebe. Mein Leben …
Maria schlang die Arme um sie. »Du wirst dir die Zeit nehmen, die du brauchst, damit du wieder zu dir selbst finden kannst. Und eines verspreche ich dir schon jetzt: Es wird dir nirgendwo besser gelingen als an diesem bezaubernden Ort.«
Ella bewunderte Maria für den Weg, den sie so gradlinig verfolgt hatte. Es war aber auch einfach ein Genuss, ihr dabei zuzusehen, wie sie mit den Stoffen hantierte und sich ihren Kleidern mit voller Leidenschaft hingab, wenngleich Ella selbst dieses Faible für Mode völlig fremd war. Sie hatte stets dieselben Klamotten am Leib, in denen sie sich wohlfühlte: Jeans, Sneakers, lässige Shirts und Pullis, und in der warmen Jahreszeit trug sie am liebsten Shorts und Kleider. Gerne weiblich, aber bloß nichts Enges und schon gar nichts Unbequemes. Ihr gefielen Sachen, die gut saßen und nicht zwickten, mehr Ansprüche stellte ihr modischer Geschmack nicht.
Entsprechend unwohl fühlte sie sich in der Umkleidekabine, in die sie Maria gezwängt hatte. »Hältst du das wirklich für eine gute Idee?«, fragte sie zaghaft durch den Leinenvorhang. »Ich meine, ich bin echt nicht der Typ für …«
»Du bist der Typ für alles«, fiel Maria ihr ins Wort. »Und ja, ich halte es für die beste Idee überhaupt.« Sie klatschte laut in die Hände. »Jetzt komm schon raus.«
Ella schnaubte zum stillen Protest auf. Dabei war sie selbst schuld. Wie hypnotisiert hatte sie vor der Schaufensterpuppe gestanden, die ein türkisfarbenes Dirndl trug. Sie wusste nicht, was sie daran so faszinierte, aber noch nie zuvor hatte sie solch ein wundervolles Kleid gesehen. Dieses Gefühl hatte sie zuletzt bei ihrem Hochzeitskleid gehabt. Aber das war noch lange kein Grund, sogleich in das Dirndl schlüpfen zu müssen. Wenigstens hätte sie sich gerne noch frisch gemacht, aber Maria hatte darauf bestanden, sie in diesem Kleid zu sehen. Augenblicklich!
Mit einem tiefen Seufzer der Resignation schob sie den Vorhang mit einem festen Ruck zur Seite, um sich ihrer besten Freundin zu präsentieren. Diese starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.
»Ich wusste es!«
Ella neigte ihren Kopf. »Was wusstest du?«, fragte sie skeptisch.
»Dass du der perfekte Dirndltyp bist. Wow!« Sie blies sich eine entschlüpfte Locke aus dem Gesicht und nickte anerkennend. »Andererseits ist das aber auch kein Wunder – bei deiner Figur.«
Ella sah zögernd an sich hinab. »Was ist mit meiner Figur?«
»Sie ist traumhaft.«
»Na, ich weiß nicht.«
»Schau dich doch mal im Spiegel an!«
Ella tat ihrer Freundin den Gefallen und betrachtete sich in dem schrankhohen Spiegel, der direkt neben der Umkleide angebracht war. Außerhalb der Garderobenenge fand sie auch, dass sie eine gute Figur abgab. Doch das lag ihres Erachtens weniger an ihren Maßen als an dem hervorragenden Schneidergeschick von Maria.
»Und?«, fragte sie erwartungsvoll. Sie hatte die Hände ineinander gefaltet und ließ die Daumen kreisen. Eine dumme Angewohnheit, die immer dann zum Vorschein kam, wenn Maria nervös war.
Ella zögerte mit ihrem Urteil. Sie betrachtete sich weiter im Spiegel. Dieses Dirndl verlieh ihr eine wahrhafte Traumfigur, betonte ihre Taille und verschaffte ihr ein Traumdekolleté. Ein klein wenig hatte sie Mühe, sich selbst in diesem Kleid wiederzuerkennen. Es war ein Dirndl aus türkisfarbener Seide mit angeschnittenem Mieder und einer bestickten weinroten Schürze. Maria hatte darauf bestanden, ihr ein Kropfband um den Hals zu legen, an dem ein Granat hing. Der wallende Rock reichte ihr bis über die Fußknöchel. Das gefiel ihr. Doch besonders mochte sie die verspielten dunklen Kugelknöpfe an Bluse und Mieder.
»Es ist perfekt«, lautete ihr Fazit, und sie bescherte Maria damit ein Strahlen, das von einem Ohr zum anderen reichte.
Doch dann spitzte die Freundin unschlüssig die Lippen. »Etwas fehlt noch. Hm …« Maria betrachtete sie skeptisch. »Haferlschuhe?«, murmelte sie gedankenversunken. »Nein.« Sie schüttelte energisch den Kopf und eilte zum Schuhregal. »Hast du noch immer Größe siebenunddreißig?«, fragte sie, kam aber bereits mit einem Paar dunkelroter Pumps in der Hand zurück, ehe Ella auch nur zum Sprechen ansetzen konnte.
Ella schlüpfte hinein und betrachtete sich erneut im Spiegel.
»Wow!«, kam es gleichzeitig aus ihrem und Marias Mund. Sie sah schlichtweg perfekt aus, als hätte sie ihr Leben lang nie etwas anderes getragen. Sie schwang die Hüften hin und her und beobachtete grinsend, wie der Rock fiel, dessen Zierband am Saum für ein tolles Volumen sorgte.
Maria klatschte begeistert in die Hände. »Ich glaube, ich engagiere dich als Model für den nächsten Katalog.«
Ella kicherte bloß und fühlte sich tatsächlich geschmeichelt.
»Weißt du was?« Maria trat ganz dicht an sie heran, verschränkte die Arme um sie. »Es steht dir so ausgezeichnet, ich glaub, das schenke ich dir.«
»Was?« Ella blies die Backen auf und löste sich aus der Umarmung. »Aber … das Teil kostet doch ein Vermögen. Das kann ich unmöglich annehmen.« Doch während sie sprach, betrachtete sie sich weiter im Spiegel.
»Du hast wirklich die perfekte Dirndl-Figur, hat dir das schon mal jemand gesagt?«
Ella zögerte. »Nein, so direkt noch nicht.«
»Es gehört dir«, sagte ihre Freundin. »Und damit hast du auch sogleich das passende Outfit für den Sommerblütenzauber.«
Ella sah sie verständnislos an. »Für was?«
Maria grinste überlegen: »Nächste Woche finden die Blütenfesttage statt. Das ist eine echt große Sache hier. Der gesamte Marktplatz und die angrenzenden Straßen verwandeln sich in ein Meer aus Blumen. Und abends findet auf dem großen Platz eine Party statt.« Maria nickte eifrig. »Der Sommerblütenzauber.«
»Party«, echote Ella tonlos.
»Mhm, mit Live-Musik, regionalem Essen und den heißesten Single-Männern, die das Eisacktal zu bieten hat.« Sie zwinkerte Ella vielsagend an.
Doch Ella schlug nur die Augen nieder. »Ich habe gerade meinen Mann verlassen«, sagte sie. »Oder er mich, wie man’s nimmt. Du glaubst doch nicht wirklich, dass mir da der Sinn nach einer Party steht. Geschweige denn nach anderen Typen.«
Maria lachte auf. »Wer hat denn gesagt, dass ich dabei an dich gedacht habe?« Wieder zwinkerte sie, ungleich doppeldeutiger diesmal.
Ella konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Maria war nun schon seit zwei Jahren geschieden und hatte seitdem keine feste Beziehung mehr gehabt. Ella dachte an Sven, wie es sich damals an der Universität zwischen ihnen ergeben hatte. Ein belangloser Zusammenstoß auf einem der unendlichen Flure der Uni. Ein Blick in diese grünen Augen hatte gereicht, und sie war hoffnungslos verloren. »Trotzdem.« Sie sah Maria entschlossen an. »Ich glaube wirklich nicht, dass mir der Sinn nach einem Fest steht.«
»Das ist nicht irgendein Fest«, beharrte Maria. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie die Stadt an diesem Tag wirkt.« Sie senkte den Blick und lächelte verträumt. »Es ist wie eine Art Magie, die sich durch die Straßen zieht. Alles ist bunt, und es duftet so herrlich.« Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah Ella eindringlich an. »Außerdem brauche ich eine Frau, die mein neuestes Kleid präsentiert. Sieh es halt als Teil unserer Mietvereinbarung.«
Ella hob skeptisch eine Braue. »Ich dachte, ich dürfte umsonst bei dir unterkommen.«
»Umsonst, aber nicht kostenlos. Zum Ausgleich fungierst du als mein Model.«
Ella lachte auf. »Wie stellst du dir das vor? Ich meine, ich fühle mich geschmeichelt, aber ich bin wahrlich nicht der Modeltyp. Dafür bin ich doch viel zu klein.«
»Und dein Becken ist zu breit und deine Brüste sind zu groß«, ergänzte Maria und ließ dabei jedwedes Taktgefühl vermissen.
»He!«, beschwerte Ella sich.
»Und genau damit hast du die perfekte Dirndl-Figur, Schätzchen.«
Maria wischte ihre Zweifel mit einer entschiedenen Handbewegung vom Tisch. »Mach dir mal keine Sorgen. Du hast das Aussehen, die Figur und bringst die Ausstrahlung mit.« Sie zwinkerte ihr zu, als wollte sie sagen: Glaub an dich.
Doch Ella suhlte sich noch zu sehr in Selbstmitleid, als dass sie bereits wieder so etwas wie ein Selbstwertgefühl zustande gebracht hätte.
»Das wird schon«, sagte Maria, jetzt wieder ganz einfühlsam. »Außerdem mag ich es, wenn meine Kleider von Frauen getragen werden, die authentisch rüberkommen. Aufgebrezelte Modepüppchen mit leerem Gesicht kann ich nicht brauchen. Und überhaupt hast du gar keine andere Wahl. Ich habe es so entschieden, basta! Und jetzt komm mit nach oben, ich zeige dir meine Wohnung und dein Zimmer.«
Ella blieb keine andere Wahl. Mit dem Dirndl am Leib folgte sie ihrer Freundin eine schmale geschwungene Treppe hinauf, die sich gleich hinter der Theke befand.
»Es gibt auch noch den Haupteingang von der anderen Seite der Straße. Du kannst ein und aus gehen, wann immer du möchtest, und musst dafür nicht den Laden betreten. Du bekommst den Zweitschlüssel, den ich bei meiner Nachbarin deponiert habe – für den Fall, dass ich mich mal aussperren sollte. Aber erinnere mich bitte daran, dass ich uns noch einen nachmachen lasse.«
Maria plapperte wie der sprichwörtliche Wasserfall drauflos. Ella folgte ihr mit vorsichtigen Schritten die Stufen hinauf, da sie weder hochhackige Schuhe gewohnt war noch in diesem wallenden Rock sah, wohin sie überhaupt trat. Schließlich fand sie sich in einem schmalen Flur wieder.
»Dort geht es in die Küche«, erklärte Maria mit routinierten Gesten, die einer Stewardess zur Ehre gereicht hätten. »Und da ist das Badezimmer – zugegebenermaßen etwas klein, aber es gibt auch eine Gästetoilette. Unsere Schlafzimmer liegen gegenüber, und zum Wohnzimmer geht es den Flur geradeaus durch.« Exakt diesen Weg schlug sie ein, und zu Ellas Überraschung war es ein richtig geräumiges Wohnzimmer mit einer großen Fensterfront, die einen imposanten Blick über die Dächer der Stadt inklusive Bergpanorama bot.
»Die Alpen.« Maria seufzte innig und verlor sich für eine Sekunde in dem Ausblick. »Ist das nicht traumhaft?«
Ehe sie ihrer Freundin die Zeit zum Staunen ließ, fasste sie sie am Handgelenk und zog sie hinter sich her. Sie führte Ella aus dem Wohnzimmer und legte die Hand auf die nächste Türklinke. »Tada!« Mit großer Geste riss sie die Tür auf. »Das wird dein kleines Reich.«
Ella schob den Kopf in das Zimmer. Es war ein quadratischer Raum, in dem eine Nähmaschine stand, eine geblümte Couch – und überall, wirklich überall, lagen Stoffbahnen und Nähutensilien herum. Die Couch wurde bereits in Beschlag genommen von dem Torso einer Schneiderpuppe.
»Das Zeug räumen wir natürlich alles raus«, sagte Maria entschuldigend. »Der Nähtisch und all das kommt erst mal in mein Schlafzimmer.« Ihre Hände umfassten Ellas Handgelenke und zogen sie sanft in das Zimmer. Sie strahlte so sehr, dass es ihr Gesicht beinahe in zwei Hälften teilte. »Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du bei mir bist. Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich all die Zeit über vermisst habe.« Sie sah ihr tief in die Augen, und Ella sah es förmlich in ihren Pupillen aufblitzen.
Ella jedoch war unfähig, das Lächeln zu erwidern. Genau in diesem Augenblick brach etwas in ihr durch, das schon lange unter der Oberfläche brodelte und nun in dem mit Nähutensilien vollgestopften Zimmer zum sintflutartigen Ausbruch kam.
Im verschwommenen Blick bröckelte Marias Lächeln in sich zusammen. Aber ihre Freundin ließ ihre Hände nicht los. Nein, ihr Druck verstärkte sich. Mut machend und Kraft spendend. Und dann gab es kein Halten mehr. Ellas Gefühle übermannten sie.
»Ey, es ist nicht gerade der Buckingham Palace, das weiß ich selbst. Aber es ist echt nicht so schlimm, dass man deshalb losheulen muss.«
»Ach, Maria.« Ella warf sich ihrer besten und einzigen Freundin schluchzend in die Arme und weinte sich hemmungslos an deren Schulter aus.
Ella hatte tief und traumlos geschlafen. Oder eigentlich – sie fühlte sich, als hätte sie gar nicht geschlafen, sondern wäre gerade aus einer tiefen Narkose aufgewacht. Ein Geräusch hatte sie geweckt. Ein Vogel? Sie brauchte einen kurzen Moment der Orientierung, doch mit dem ersten klaren Gedanken, der ihr in den Kopf schoss, war ihr die aktuelle Situation wieder klar.
An Schlaf war nun nicht mehr zu denken. Stocksteif lag sie da und betrachtete die Dachschräge, durch die sich dicke dunkle Balken zogen. Sie starrte einfach nur geradeaus und zerging in einem Selbstmitleid, das sie sonst überhaupt nicht von sich kannte. Wäre jetzt ein Mörder ins Zimmer gestürmt, Ella hätte sich ihrem Schicksal wehrlos ergeben.
Ihr Blick fiel auf eine alte Kuckucksuhr, deren monotones Ticken sie gestern Abend in den Schlaf begleitet hatte. Das Ziffernblatt zeigte kurz nach vier Uhr an – beinahe mitten in der Nacht. Unter anderen Umständen würde sie noch zwei Stunden tief und fest im Reich der Träume versinken, ehe der Wecker sie um sechs aus dem Schlaf reißen würde. Dann würde sie sich mit einem Hieb auf die Schlummertaste weitere zehn Minuten ergaunern und wäre um zehn nach sechs aus dem Bett gestiegen. Schließlich waren ihre Tage bestimmt von den vielen Tätigkeiten, die auf einem großen Weingut anfielen. Heute würde sie nichts von alldem tun. Heute würde sie … ja, was würde sie? Wie lautete der große Plan für ein Leben nach Sven? Sie schaffte es ja nicht mal raus aus diesem Bett.
Das Bett …
Es war Jahre her, dass sie in einem Einzelbett geschlafen hatte. Seit sie mit Sven zusammengezogen war, hatte es nur noch Doppelbetten für sie gegeben. Sie war an die Breite gewöhnt, und ganz besonders an das Gefühl, nicht alleine zu sein. Selbst sein Schnarchen fehlte ihr beim Einschlafen. Etwas zerrte sie tiefer in die Matratze hinein. Als würde eine unsichtbare Kraft an ihr ziehen in dem Versuch, sie dem Hier und Jetzt zu entreißen. Sie schnappte hektisch nach Luft, weil sie das Atmen vergessen hatte.
Ist es so einfach?, fragte sie sich. Man hört einfach auf zu atmen, und dann ist es vorbei? Die Wut, der Schmerz?
Erschrocken über ihre morbiden Gedanken schüttelte sie den Kopf. Das führte doch zu nichts. Außer zu noch mehr Wut und noch mehr Schmerzen. Sie konnte nicht einfach so daliegen und sich ihren Seelenqualen hingeben. »Steh auf«, befahl sie sich leise. Dann lauter: »Steh endlich auf.«
Doch ihr Körper wollte ihr nicht gehorchen.
»Nein!« Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und schlug damit auf die weiche Matratze.
Endlich gewann sie den Kampf, stand auf und stellte sich dem ersten Tag ihres neuen Lebens. Es war ein schöner Tag. Durch die Fensterläden stahl sich das Morgenlicht, schwach noch und leicht rötlich schimmernd.
Sie schlich aus dem Zimmer und bewegte sich wie eine Diebin auf Beutezug – aus Angst, Maria zu wecken. Ihr gefiel Marias Einrichtungsstil, doch es war eine kleine Wohnung. Zu klein für zwei erwachsene Menschen, die nicht das Schlafzimmer und das Leben miteinander teilten. Kurz überlegte sie, sich Frühstück zu machen oder wenigstens einen Kaffee. Doch bereits der Gedanke an Essen bescherte ihr Übelkeit. Keinen Bissen würde sie herunterbekommen. So war es schon immer gewesen. Ging es ihr nicht gut, rebellierte ihr Magen. In der Küche betrachtete sie die Fotos, die an der Kühlschranktür hingen. Zu ihrer Überraschung zeigten die meisten der Bilder sie und Maria gemeinsam: Erinnerungen an glückliche Tage, die weit in der Vergangenheit lagen.
Ziellos tigerte sie weiter durch die Wohnung, griff sich im Wohnzimmer eine Illustrierte und blätterte lustlos darin herum. Da sie schnell merkte, dass sie sich nicht auf die Artikel konzentrieren konnte, legte sie sie bald wieder zurück.
Sie zog sich rasch etwas an und verließ das Haus. Entschlossen, die Stadt bei einem frühmorgendlichen Spaziergang zu erkunden, streifte sie durch die Gassen mit dem regenglänzenden Kopfsteinpflaster und genoss die kühlklare Luft. Sie war ganz allein unterwegs, keine Menschenseele war weit und breit zu sehen.
Die Sonne schob sich zaghaft hinter dem Bergkamm hervor. Die ersten Strahlen ließen die Bergspitzen in einem Glutfeuer lodern. Das war überhaupt nicht vergleichbar mit den Sonnenaufgängen über den grünen Hügeln der Pfalz. Sie verstand sofort, dass Maria ihr Herz an diese Stadt verloren hatte. Auch sie fühlte sich von den Bergen, vermischt mit dem mediterranen Klima des Südens, magisch angezogen.
Sie erwischte sich bei dem Gedanken daran, wie Sven es hier wohl gefallen würde. Er liebte die Berge mehr als das Meer. Ein kurzer, aber heftiger Schmerz fuhr ihr in die Brust. Sie atmete tief ein, um ihn zu verbannen.
Sie schlenderte auf den Zwölferturm zu, hinter dessen Rücken sich ein bewaldeter Bergkamm erhob. Vor dem Turm reihten sich die Ladengeschäfte aneinander. Sie schlenderte vorbei an Boutiquen, Restaurants und Hotels und warf den Schaufenstern halbherzige Blicke zu. Sie betrachtete die Fassaden der Häuser, hinter denen die Menschen noch schliefen und träumten. Nur sie führte das Dasein einer streunenden Katze, die sich aus ihrem Zuhause davongestohlen und sich auf der Suche nach einem Abenteuer hoffnungslos verlaufen hatte. Zusätzlich zu ihrem Seelenkummer beschäftigte Ella die Sorge, womit sie in absehbarer Zeit ihren Lebensunterhalt bestreiten sollte. Noch gab es einen Notgroschen auf ihrem Konto, Erträge der Schnapsbrennerei und das Ergebnis der Auflösung einer Kapitallebensversicherung. Doch damit würde sie allenfalls drei Monate über die Runden kommen. Sie dachte an die Zeit zurück, als der Entschluss gefasst worden war, das Weingut zu übernehmen. Von Anfang an hatte Sven auf eine getrennte Kontoführung bestanden. Es gab ein gemeinsames Konto, von dem alle Ausgaben bezahlt wurden. Darüber hinaus verdienten sie beide ihr eigenes Geld. Damals empfand sie diese Regelung als hoffnungslos unromantisch, inzwischen war sie froh darüber. Die Vorstellung, in dieser Situation von Svens Geld abhängig zu sein, wäre unerträglich für sie gewesen.
Schon bald hatte sie auch von ihrem Morgenspaziergang genug und trat mit hoffnungsloser Resignation den Rückweg an. Die ersten Bäckereien waren bereits zum Leben erwacht und verbreiteten den Duft von frisch Gebackenem auf der Straße. Sie durchsuchte ihre Taschen nach Kleingeld und wurde fündig. Wenn sie schon selbst einen so kümmerlichen Start in den Tag hatte, konnte sie zumindest ihrer besten Freundin frische Brötchen mitbringen.
Zurück in der Wohnung, empfing sie das Tackern einer Nähmaschine. Ella folgte dem Geräusch und fand Maria im Schlafzimmer, dicht über den Nähtisch gebeugt.
»Hab ich dich geweckt?« Maria sah von ihrer Nähmaschine auf, als sie Ella im Türrahmen stehen sah.
Ella schüttelte den Kopf. »Von wegen, ich hab schon Brötchen besorgt.« Zum Beweis hielt sie die Tüte hoch.
Maria bedachte sie mit einem mitfühlenden Blick. »Tja, die erste Nacht in einem fremden Bett ist nie sonderlich erquickend. War die Couch nicht bequem?«
Ella nickte eifrig. »Doch, alles in Ordnung, wirklich.« Mit der Tüte in der Hand stand sie noch eine Weile im Türrahmen und sah ihrer Freundin zu, die gerade an einem dunklen Dirndl nähte.
Es war bewundernswert, wie leicht Maria die Arbeit von der Hand zu gehen schien. Mit routinierten Griffen legte sie sich den Stoff zurecht, um mit der Nähmaschine darüberzufahren. Ella hatte nie ein Händchen dafür gehabt und selbst in der Schule kläglich an der Nähmaschine versagt.
Was Maria mit der Maschine anstellte, grenzte dagegen an Zauberei.
Fasziniert von der Leichtigkeit, mit der Maria die Nähmaschine bediente, trat sie in das Schlafzimmer und schaute ihr über die Schulter. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich dabei auf das Kleid, an dem Maria arbeitete.
»Das ist echt hübsch.« Ellas Blick haftete förmlich am Stoff, der so gänzlich anders aussah als alles, was sie unten im Verkaufsraum zu Gesicht bekommen hatte. »Das ist aber keines von deinen, richtig?«
Maria hob den Kopf und blies sich eine Haarsträhne aus der Stirn, die sich aus einem provisorischen Dutt gelöst hatte.
»Himmel nein, könnte ich so nähen, würde ich mich mit von und zu anreden.«
Erst jetzt fiel Ella auf, dass Maria noch ihren Schlafanzug trug: eine pinkfarbene Satinhose und ein schwarzes T-Shirt.
Ella beobachtete sie neugierig. »Ich habe noch nie ein schwarzes Dirndl gesehen.«
»Das war früher gar nicht unüblich.« Maria drehte sich zu Ella, um ihr das Kleid in seiner ganzen Pracht zu präsentieren. »Das hier ist alt. Richtig alt. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht genau, wie
