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Als Eden nach zahlreichen Klinikaufenthalten dem „normalen“ Leben den Rücken kehrt, beginnt für ihre Mutter eine schmerzhafte Suche nach ihr und den Ursachen ihres Verschwindens. In einem bewegenden Brief rekonstruiert sie das Leben ihrer einst hochbegabten, sportbegeisterten Tochter: glückliche Kindheitstage, leise Warnzeichen, erste Brüche ...
Während die Mutter versucht, den Alltag in Berlin zwischen ihrem Job, der Familie und ihrer Beziehung zu meistern, kreisen ihre Gedanken um ihr verlorenes Kind. Was hat Eden in die Psychose und in die Abhängigkeit getrieben und was kann sie retten? Was bleibt von der Mutterrolle, wenn das Kind ein destruktives, fremdes Leben wählt? Und was bedeutet es wirklich, eine erwachsene Tochter zu haben – und sie gehen zu lassen?
Ein eindringlicher Roman über bedingungslose Liebe, Ohnmacht und das qualvolle Ringen um Nähe in einer Welt, in der jede Freiheit ihren Preis hat.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2025
Für meine Kinder
periplaneta
JESSE FALZOI: „Wo dein gebrochener Flügel weilt“
1. Auflage, August 2025, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta
© 2025 Periplaneta – Verlag und Medien Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.com – [email protected]
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat: Marion A. Müller Cover: Thomas Manegold Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-95996-300-8 epub ISBN: 978-3-95996-301-5
Roman
periplaneta
„Der Ausfall des Thalamus erklärt, warum Traumata primär nicht als Geschichte erinnert werden, als Erzählung mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende, sondern als isolierte sensorische Eindrücke: in Form von Bildern, Geräuschen und physischen Empfindungen, die mit starken Emotionen verbunden sind, meist solchen des Schreckens und der Hilflosigkeit.“
Das Trauma in dir, Bessel van der Kolk
„Ich liebe mein Gehirn.“ Deine Worte.
Wir wollten nach Mexiko fliegen, um D.s Familie zu besuchen. Dreimal waren wir wegen der Einschränkungen gezwungen gewesen, die Reise zu verschieben, doch schließlich kamen wir am neuen Flughafen an und warteten mit all unseren Koffern – einer davon bis zum Bersten mit Geschenken für seine Familie gefüllt – vorm Check-in, nur um schließlich von der Iberia Air-Mitarbeiterin zu hören, dass ich mit meinem Personalausweis nicht weit kommen würde.
Es war von Anfang an klar, dass ich es zeitlich niemals schaffen würde, meinen Reisepass von zuhause zu holen, aber ich wollte nicht sofort aufgeben. Ich ließ D. mit unserem Gepäck am Schalter stehen, rannte aus dem Gebäude, sprang in das nächste Taxi und bat den Fahrer unter Tränen, mich so schnell wie möglich in die Innenstadt zu bringen. Dann rief ich deinen Bruder an, der mit Freunden unterwegs war; wo, wollte ich gar nicht wissen, noch viel weniger, was er tat. Zu meiner Überraschung erklärte er sich bereit, nach Hause zu gehen, meinen Pass zu suchen und griffbereit auf meinen Schreibtisch zu legen (er hatte all seinen Freunden erzählt, dass er zwei Wochen sturmfreie Bude haben würde). Aber als ich zuhause angekommen das weinrote Mäppchen aufschlug, las ich, dass er seit einem halben Jahr ungültig war.
Ein paar Tage später verreiste auch dein Bruder, was mich erleichterte, weil ich nicht mehr so tun musste, als sei ich okay. Es gab keinen Grund für mich, das Bett oder die Wohnung zu verlassen. Da ich allen von der Mexikoreise erzählt hatte, traute ich mich nicht, jemanden zu kontaktieren; ich fürchtete mich vor dem Moment, zugeben zu müssen, dass ich nicht daran gedacht hatte, meinen Reisepass einzustecken, geschweige denn, zu kontrollieren, ob er noch gültig war – alles Dinge, die ich normalerweise als Erstes tat, schon bevor ich die Leiter aufstellte, um meinen Koffer von der Ablage zu holen.
Das Ganze kam mir wie meine größte Niederlage vor, die Zusammenfassung all meines Scheiterns. Ich rief noch nicht einmal deine Schwester an; ich erinnere mich, wie sie einmal an meinen Schreibtisch trat, als sie in der 10. Klasse war, und sagte, dass ich ihr bitte genau zuhören solle, dass das, was sie mir jetzt zu erzählen habe, wirklich wichtig sei (was es war, erinnere ich nicht) und sie schien so ernst, dass mir klar wurde, wie wenig sie in jener Zeit von mir erwartete.
Vielleicht erinnerst du dich wirklich nicht. Vielleicht, weil Erinnerungen verschwinden, wenn man so lange krank ist.
Ich dachte immer, dass ich die Stille mag, dass ich sie brauche. Es gibt verschiedene Arten von Stille; ich dachte, ich würde alle kennen. Es gibt die Stille, wenn ich nach einem langen Schultag auf meinem Fahrrad nach Hause fahre, am Fluss entlang. Oder die Stille, nachdem D. zur Arbeit aufgebrochen ist, an Tagen, wo ich nicht wie dein Bruder zur Schule gehen muss. Jene, wenn ich schon seit Stunden in der Dunkelheit liege, während D. neben mir und dein Bruder in seinem Zimmer tief schlafen. Oder die Stille, die einkehrte, als ihr noch klein und endlich eingeschlafen wart, die ich sehnsüchtig erwartete, damit ich Dinge tun konnte, die tagsüber nicht möglich waren.
Diese Stille jetzt ist neu. Sie ist laut, verstörend, ein schmerzhafter Druck, die Art Schmerz, die wir in Träumen fühlen, nicht wirklich körperlich und gleichzeitig körperlicher als im Wachzustand. Ich habe das Gefühl, dass diese neue Stille meine Zukunft definiert.
Nach ein paar für die Jahreszeit ungewöhnlich sonnigen Tagen, die ich hinter zugezogenen Vorhängen im Bett verbracht habe, regnet es ununterbrochen und ist so dunkel, dass ich selbst mittags das Licht anlassen muss. Von meinem Bett aus sehe ich die Straße nicht, aber ich kann Autos vorbeifahren hören; die neuen Fenster, für die ich monatlich hundert Euro extra zahlen muss, halten nicht wie in der Ankündigung versprochen den Verkehrslärm zurück, doch in meiner Einsamkeit lerne ich jeglichen Beweis zu schätzen, dass ich mich unter Menschen befinde: Schritte im Treppenhaus, das Bellen des Nachbarhundes, das Knallen der Tür nebenan, ein vorbeifahrendes Auto.
Zwischen Büchern und Netflix – ich habe ein paar interessante Serien entdeckt, eine über die Folgen des Genozids in Ruanda, eine über die unrechtmäßige Verurteilung von fünf Jugendlichen in New York und eine über eine junge Mutter, die versucht, einer toxischen Beziehung und der Armut zu entfliehen – durchstöbere ich eine Webseite, die Immobilien in Sassari auflistet. Ich kehre immer wieder zu der Seite zurück, um Grundrisse und Fotos zu vergleichen, und stelle mir vor, wie ich auf einer Terrasse sitze, in einer Hand eine Kaffeetasse, in der anderen eine Fritella con Crema.
Natürlich sind es meine Erinnerungen.
Der Sommer ist noch nicht lange vorbei, trotzdem scheint er in der fernen Vergangenheit zu liegen. Es ist nur wenige Monate her, dass die Krankenschwestern sagten, ich könne mit gutem Gefühl verreisen. Sie sagten, dass du nirgendwo hingehen würdest. Wir hatten eine Ferienwohnung am Strand gemietet, die genauso aussah wie jene, in der wir waren, als du das letzte Mal mitgekommen bist. Auch deine Schwester war dabei, das erste Mal seit drei Jahren, und dein Bruder mit seinem Freund.
Meine Befürchtungen bestätigten sich: D. trank, seitdem er zu uns gezogen war, nur noch einmal die Woche, aber wollte im Urlaub wieder seine tägliche Dosis; die Jungs ließen alles stehen und liegen, halfen nur widerwillig und kamen jeden Tag später nach Hause; deine Schwester litt unter all den offenen und unausgesprochenen Konflikten; ich war die ganze Zeit angespannt, dabei brauchte ich dringend Erholung.
„Mit zwei Männern zusammenzuleben, ist ungewohnt für Sie“, hatte meine Psychologin kurz vor der Abreise gesagt. „Sie haben sich mit Ihren Mädchen ein Schloss gebaut. Auch als Ihr Sohn noch klein war, störte er den Frauenhaushalt nicht. Aber jetzt sind Sie in der Unterzahl.“
Vermutlich nickte ich als Antwort.
„Sie und Ihre Töchter waren ein Team. Jetzt müssen Sie sich um alles kümmern.
„Und sie sagen noch nicht einmal danke“, sagte ich und zwang mich zu lächeln.
Sie lächelte zurück. Danach schwiegen wir für einen Moment.
„Ich wohne mit zwei Teenagern zusammen, die wissen, dass sie mich brauchen und sich gleichzeitig von mir befreien wollen“, sagte ich schließlich.
Sie antwortete nicht.
„Bei meinem Sohn kann ich es verstehen, sagte ich. In seinem Alter hat er das Recht dazu, oder?“
Als es verboten war, das Zuhause zu verlassen, wenn man nicht dazu gezwungen war, begleitete ich D. manchmal mit dem Fahrrad zur Arbeit, auch wenn wir durch die halbe Stadt fahren mussten. Es war kalt und die Straßen waren leer; von einem Tag auf den anderen war diese stressige Stadt in einen Dornröschenschlaf gefallen. Ich genoss unser schweigsames Nebeneinanderfahren und ich genoss den Rückweg allein.
Wenn ich nach Hause zurückkam, half ich deinem Bruder bei seinen Schulaufgaben oder gab Onlineunterricht. Später kochte ich und um vier Uhr kam D. zurück von der Arbeit. Wir aßen, danach machten wir Pläne, wie wir die Wohnung renovieren würden; wir sahen uns im Internet Kacheln und Dielen und Wandfarben an, verglichen Preise und bestellten, genauso wie ein Paar, das zusammenlebte. Der Lockdown war unsere Probezeit. Am Ende sagte D.: „War ich gut?“
„Ja“, sagte ich.
In den darauffolgenden Monaten renovierten wir das Wohnzimmer und jenes, das du dir mit deiner Schwester geteilt hast. Ich musste bei D. schlafen, weil alles außer dem Zimmer deines Bruders eine Baustelle war. Tagsüber rissen wir Wände ein und schälten Tapeten ab, danach spachtelten und strichen wir, schließlich kamen die Dielen und Türen dran. Er war gut, weil er mit mir zusammen war.
Als wir alles erledigt hatten, wollte er wieder in sein Zimmer in Schöneberg zurückziehen, das er zum Juli gekündigt hatte. „Um mich zu verabschieden“, sagte er, „und meine Sachen in Ruhe zu packen.“
Nach zwei Monaten war es meine erste Nacht ohne ihn. Es lag am neuen Bett, dass ich nicht schlafen konnte, redete ich mir ein.
Tags drauf wurde es das erste Mal richtig warm. Ich ging zum Monbijoupark und legte mich ins frühlingsweiche Gras, glücklich, dass ich endlich Zeit zum Entspannen hatte, als plötzlich mein Herz schnell und laut zu schlagen begann, mir heiß und schwindelig wurde, und ich keine Luft bekam. In Sekunden war ich schweißgebadet und wollte nur noch nach Hause, aber ich war unfähig, auch nur einen Finger zu bewegen.
Im Sommer, als ich dich sicher im Krankenhaus vermutete, entschied ich, in vier Jahren ein Sabbatical zu nehmen und auf dem Grundstück deiner Großeltern ein Haus zu bauen. Alle waren noch am Schlafen, ich lag seit Sonnenaufgang wach und dachte an das große Zelt, das jeden Sommer ein kleines bisschen mehr kaputtgegangen war, bis wir es im sechsten Jahr wegwerfen mussten. Ich erinnerte mich, wie ihr drei gespielt und im Meer gebadet hattet, an eure Freunde, die mitgekommen waren, an Strandpicknicks und euer Wispern nachts im Zelt und wie wir alle Angst hatten, wenn wir aufwachten, weil unsere Blase voll war oder wir meinten, dass sie es sei, und uns gegenseitig weckten, damit wir nicht allein gehen mussten, um sie zu leeren. Dann wurde mir bewusst, dass eure Großmutter bereits vierzehn Jahre tot war, und ich dachte an ihr trauriges Grab am anderen Ende der Insel, was uns zwei kostbare Urlaubstage kostete, wenn wir es besuchen wollten.
Als D. aufstand, um die anderen zu wecken (es war mein Geburtstag), stellte ich mir vor, wie anstelle eurer Großmutter ich die Gießkanne halten würde, wie ich mich um die Bäume und Pflanzen und Blumen kümmern würde, und dann dachte ich an dich im Krankenhaus (ich wusste nicht, dass du schon wieder abgehauen warst) und vermisste dich so sehr, dass ich meine Augen aufriss, um die Tränen zurückzuhalten, denn ich hörte schon das Flüstern und Kichern und Geschirrklappern nebenan, gleich würden sie singend hereinkommen. Ich rechnete, wie viel ich zusammensparen und wie viel von der Bank leihen müsste; es schien wirklich möglich, ein ZuFluchtsort für dich, wo du so verrückt sein kannst, wie du willst. Dann hörte ich das Klopfen an der Tür und sie kamen alle ins Schlafzimmer, beladen mit Kaffee und Kuchen, Geschenken und Blumen, und es folgten Umarmungen und Küsse, und als ich wieder mit D. allein war, erzählte ich ihm von meinem Plan.
Schreib über den traurigsten Moment deines Lebens, lautet eine Aufgabe in meinen Workshops. Beim letzten Mal hatte ich über den Anruf von eurem Großvater geschrieben, als er sagte, dass ich sofort einen Flug buchen müsse, wenn ich eure Großmutter noch einmal sehen wolle. Es gab mehrere traurige Momente danach, wie das Sitzen zwischen all den erwartungsvollen Urlaubern im Flugzeug, während ich mir einzureden versuchte, dass er wie immer übertrieb, dass ich nur zur Vorsicht hinfuhr. Oder wie ich, als ich aus dem Flughafengebäude trat, den Oleander sah, dessen weiße, rosa und rote Blüten die ganze Insel einnehmen, wie mir die Mischung aus Frühling, Cappuccino und Mittelmeer in die Nase stieg. Als deine Tante sich als Trauerexpertin beweisen wollte, oder als dein Großvater plötzlich den liebevollen, sich kümmernden Ehemann spielte. Aber für mich begann all das mit seinem Anruf bei unserer Rückkehr aus Buckow, wo ich das Gefühl gehabt hatte, endlich eine Atempause zugestanden zu bekommen, zusammen mit euch, und wenn ich heute daran zurückdenke, wäre das der Moment, von dem ich sagen würde, dass mein Leben bis dahin trotz allem noch in Ordnung gewesen war.
Der Moment, in dem ich entdeckte, dass mein Pass seine Gültigkeit verloren hatte, würde auf Platz 2 kommen.
Wenn ich etwas vergesse, folgt eine Panikattacke. Wenn ich Angst habe, etwas zu vergessen, auch. Genauso wie du habe ich mein Gehirn geliebt.
Dein Haus auf dem Grundstück ist von einer Wohnung in der Altstadt von Sassari abgelöst worden, weil es billiger ist und schneller geht. Es muss eine Terrasse geben, ansonsten ist mir der Zustand egal. Je renovierter, umso geschmackloser, dazu gehen die Preise in die Höhe. Ich will keine bezugsfertige Wohnung kaufen, die schon perfekt ist, um dann für die Länge meines Sabbaticals herumzusitzen, sondern die Zeit damit verbringen, sie perfekt zu machen; ein heruntergekommenes Loch, das ich in ein gemütliches, mediterranes Zuhause verwandeln kann, um es auf Airbnb zu vermieten, bis du einziehst.
Ich schaue mir Hunderte von Wohnungen an, Tausende von Bildern und Grundrissen, nichts kann mich schockieren, im Gegenteil, je schäbiger, desto mehr Spielraum für meine Phantasie: welche Kacheln, welche Dielen für welches Zimmer, größere Fenster, weniger Wände. Diese Gedanken schaffen es von Zeit zu Zeit, mich von D. abzulenken, davon, dass er jetzt vergnügt von seiner Familie umringt am Strand von Acapulco im Sonnenstuhl sitzt, während ich allein im Bett liege und es draußen in Strömen regnet.
Ein halbes Jahr lang warst du, zumindest für mich, unerreichbar gewesen, als deine Betreuerin mich zurückrief, nachdem ich Dutzende von Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Ich fragte sie, ob es nicht möglich sei, dir wenigstens ein Paket zu schicken. Weil sie nicht befugt war, mir zu sagen, wo du dich gerade aufhieltest, gab sie mir eine Telefonnummer.
Die Frau, mit der ich dann sprach, buchstabierte bereitwillig deine Adresse, dann hielt sie inne, wahrscheinlich war ihr klargeworden, dass sie sie nicht einfach weitergeben durfte. „Ich muss das erst mit meinem Vorgesetzten besprechen“, sagte sie. „Warten Sie bitte, bis ich Sie zurückrufe.“
Es war Ende Mai und noch sehr kalt; meine Entschuldigung, vor allem mir selbst gegenüber, mich nicht sofort auf den Weg zu machen.
„Wovor haben Sie Angst?“, fragte meine Psychologin.
„Ich weiß nicht. Dass sie mich anschreit?“
„Ist möglich“, sagte sie.
„Vielleicht kommt sie auch gar nicht raus“, sagte ich.
„Raus von wo?“
Der Raum hat eine ganze Fensterfront, die auf den Monbijoupark blicken lässt. Als ich das erste Mal hier war, brachte mich das sofort zum Weinen. Die Erinnerungen an dich, wie du hier Ostereier gesucht hast, halbnackt und voller Sand auf dem Spielplatz herumgetobt bist, Drachen steigen lassen und deinen Schlitten den Zwerghügel hinaufgeschoben und Geburtstage gefeiert hast, wie du hier als Baby, Kleinkind und Teenager ganze Tage verbracht hast, erschwerten mir das Atmen. Die Geräusche und Stimmen, die vom Fußballplatz zu mir hochdrangen, jenem, wo auch du fast täglich gespielt hast, lenkten mich so sehr ab, dass ich nichts von dem wahrnahm, was die Psychologin erzählte, auch nicht, nachdem sie das Fenster geschlossen hatte. „Atmen“, sagte sie damals und jetzt sagte sie es wieder.
Ich atmete ein und aus und ein und aus.
„Sie können hinfahren und es sich ansehen.“ Sie lächelte und sagte: „Wenn Sie wollen.“
„Sie will mich nicht sehen. Sonst würde sie anrufen, oder?“
Das erneute Lächeln meiner Psychologin wurde begleitet von dem für sie so typischen Halbschulterzucken. Sie wartete darauf, dass ich selbst herausfand, was ich wollte und brauchte. Es war ihr Job, sich um mein Wohlbefinden zu kümmern, nicht um deines.
„Ich weiß nicht, was ich tun soll“, sagte ich.
„Haben Sie Geduld mit sich“, sagte sie.
Ich war schon ein Jahr bei ihr, die Krankenversicherung zahlt zwei. (Der Gedanke, dass ich eines Tages nicht mehr in diesen Raum kommen darf, sorgt ebenfalls für eine Panikattacke.) „Ich weiß nicht, ob ich es schaffe“, sagte ich.
Sie nickte in Richtung der Taschentücher auf dem Tisch. Legte sie sie nur für mich bereit oder gehörten sie zur Ausstattung? „Ich denke, Sie sollten hinfahren, wenn Sie mit jeder Reaktion umgehen können.“
„Was, wenn ich nie so weit bin?“
„Das werden Sie sein“, sagte sie.
Auch wenn du das Hauptthema an jedem Mittwochnachmittag bist, denke ich den Rest der Woche kaum noch an dich. Ich unterrichte online und helfe gleichzeitig deinem Bruder bei seinen Aufgaben, dann kommt D. nach Hause und ich lenke mich mit Ballett und anderen sinnvollen und -losen Tätigkeiten ab, bis ich neben ihm einschlafe. Du kommst nachts zurück, in meinen Träumen, wenn ich nach einer oder zwei Stunden wieder aufschrecke, deinen Namen rufend, und danach nicht mehr schlafen kann.
Fast jede Nacht stehe ich schließlich auf, gehe ins Wohnzimmer und sehe Serien, auf dem Sofa liegend, das ich kurz vor deiner Geburt gekauft und für viel Geld aufarbeiten lassen habe, das eines Tages in deinem eigenen Zuhause stehen sollte. Oft bleibe ich wach, bis D.s Handywecker im Nebenzimmer ertönt, dann klappe ich schnell den Laptop zu und stelle mich schlafend, wenn er auf dem Weg zum Bad nach mir ruft.
Beim Einkaufen versuche ich, Menschen, die ich kenne, aus dem Weg zu gehen, damit sie nicht nach dir fragen können. Einmal habe ich zu spät gemerkt, dass die Mutter einer Freundin vom Fußballverein hinter mir an der Kasse steht.
„Wie geht es Eden?“, fragte sie und ich zuckte mit den Schultern.
Dann sagte ich: „Im Moment hat sie sich dafür entschieden, drogenabhängig auf der Straße zu leben.“
Ihr Lächeln verschwand. „Was ist passiert?“
Fünf Menschen standen noch vor mir, darunter ein Mann mit zwei kleinen Mädchen, der Einkaufswagen voll bis zum Rand. Ich fasste es so sachlich wie möglich zusammen.
„Das tut mir sehr leid“, sagte sie.
Ich zuckte erneut mit den Schultern.
„Ich würde durchdrehen“, sagte sie. „Wenn einem meiner Kinder so etwas passieren würde, wäre ich längst in der Klapse.“
Ich habe eine Art Schrein auf dem Wohnzimmertisch hergerichtet. Ein vergrößertes Foto von dir mit langen Haaren steht neben einem Zitat (auch gerahmt) aus dem Buch des Journalisten, der mit seiner Tochter eine ähnliche Geschichte erlebt hat. Dazwischen liegt eine Zeichnung, die du für mich gemacht hast, als ich vorhatte, einen Schreibworkshop in Spanien zu geben (zeichnest du noch oder singst du noch oder schreibst du noch Gedichte? Hast du die Möglichkeit, Klavier zu spielen?) Es ist das mit den zwei Stühlen und dem Tisch neben dem Pool, mit der alten Backsteinwand und der Bougainvillea im Hintergrund. Ich erinnere mich daran, wie du es gemalt hast und wie ich es betrachtet habe, als du fertig warst, und dich bat, Aquarellfarben zu benutzen und nicht wie sonst nur schwarze Fineliner und Kohle, und wie du dann hier und dort ein bisschen Gelb und Blau und Pink hinzugefügt hast.
Vor die Bilderrahmen habe ich die Duftkerze gestellt, die ich dir letztes Jahr zu Weihnachten gekauft hatte. Es standen auch für dich Geschenke unter dem Baum, weil ich bis zum Schluss hoffte, dass du auftauchen würdest; nachdem wir ihn entsorgt hatten, packte ich sie in eine Papiertüte, die seitdem hinter dem Nähtisch steht, sodass ich sie nur sehe, wenn ich etwas nähen muss, aber auch nicht vergesse, wo ich sie hingetan habe.
Deine Betreuerin hatte mir am Telefon gesagt, dass du in einem Containerdorf lebst, aber ich hielt mich daran fest, dass du es dir, egal wo du bist, innerhalb von kürzester Zeit gemütlich machen könntest, lediglich mit einer Kerze, einem bunten Tuch auf dem Bett und deinen Zeichnungen an der Wand.
Ich mag es, hier zu sitzen und Musik zu hören oder zu lesen und dabei eine Kopie von Pimboli im Arm zu halten, der dich bei deinem Heranwachsen begleitet hat, selbst nachdem du ausgezogen bist.
„Sie ist nicht tot“, sagte D. einmal.
Ich drehte mich erschrocken um. „Woher weißt du das?“
Er stand im Türeingang und sah mich eine Weile schweigend an, dann sagte er: „Wo ist die schöne, junge Frau, die ich vor drei Jahren kennengelernt habe? Ich vermisse sie.“
Ich antwortete nicht, aber auch ich vermisste sie.
Es dauerte lange, bis ich akzeptieren konnte, dass du krank bist. Ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass es nur temporär sei. Als du mich gebeten hast, dir dabei zu helfen, ein Krankenhaus zu finden, war ich mir sicher, dass man dich dort bald wieder entlassen und das Ganze irgendwann Geschichte sein würde. Eine leise Stimme in mir flüsterte, dass du nur Aufmerksamkeit brauchtest. Deine in jenem Jahr beste Freundin hatte die Aura einer Depressiven, ich mochte sie noch nie, allein aus Angst, sie könnte dich anstecken, dich, die stets von Freundinnen und Verehrern umringt war, die Fußball spielte oder mit dem Skateboard durch die Straßen düste, in langen, transparenten Kleidern und Doc Martens.
Einmal warnte mich ein Freund; er hatte dich im Monbijoupark gesehen und beobachtet, wie ein semiberühmter Musiker mit gierigen Blicken um dich herumjoggte. „Es war einfach nur ekelhaft“, sagte der Freund. „Ich kenne ihn, er hat selbst eine Tochter, die so alt ist wie Eden.“
„Der Monbi ist voller junger Mädchen“, sagte ich.
„Ich würde es nicht gut finden, wenn jemand meine Tochter so ansehen würde“, sagte er.
Wir haben Eyeliner für D.s Schwester gekauft, er ist noch hier, zusammen mit ein paar anderen Geschenken und fast all seinen Klamotten. Er hat den Koffer mit dem Taxi zurückgeschickt, sobald klar war, dass ich nicht mehr kommen würde, weil er nur einen mitnehmen durfte. Ich rührte ihn tagelang nicht an, bis mir einfiel, dass ein paar Tafeln Schokolade drin waren, und als ich danach suchte, fand ich den Eyeliner.
D.s Schwester hatte sich ihn gewünscht, also waren wir in eine Drogerie gegangen, um eine Verkäuferin zu fragen. Sie zeigte uns, wo sie lagen, und sagte: „Das ist alles, was wir haben.“
D. und ich starrten auf das Meer von Farben und Formen. Ich zog einen heraus.
„Mach ihn auf“, sagte er.
„Darf man das?“
„Komm schon.“
Kurz darauf betrachteten wir beide die Striche auf meinem Handrücken und nahmen am Ende einen, der weder der teuerste noch der billigste war. Es gab kein anderes Kriterium, nach dem wir entscheiden konnten.
Als wir zuhause unsere Koffer im Wohnzimmer auf dem Boden ausbreiteten, sagte er: „Pack Wäsche zum Wechseln in deinen Handkoffer, falls die großen verlorengehen oder später kommen.“
Aber am Ende war er es, der sich über seine Wechselwäsche gefreut haben muss, denke ich, während ich auf die Hemden und T-Shirts und Shorts blicke, über dessen Auswahl und Anzahl er tagelang gebrütet hatte.
Seit einiger Zeit fühle ich mich alt. Ich war viele Male bei mehreren Ärzten, um mich über meine Gelenke zu beklagen, meine Muskeln, meinen Rücken. „Alles tut weh“, sagte ich immer wieder und dann wollten sie, dass ich mich nach vorn beugte, und weil ich meine Handflächen auf den Boden legen konnte, führten sie die restliche Untersuchung nur noch halbherzig fort.
Ich erzählte meinem Hausarzt von dir.
„Ein Freund von mir hatte auch so eine Tochter“, sagte er. „Da kann man nichts machen. Eines Tages kriegt man den Anruf von der Polizei und die sagen einem, dass sie an einer Überdosis gestorben ist.“
Ich bat ihn um Antidepressiva und fragte, ob sie immer dick machten. Er zuckte mit den Schultern und schrieb mir die Adresse eines befreundeten Psychiaters auf einen Zettel, den ich bis heute in meinem Nachttisch versteckt halte.
Was, wenn es keine Geschichte gibt, sondern nur Fragmente? Oder zu viele Geschichten, die nicht zusammenpassen? Was, wenn es nur „und dann und dann und dann“ gibt statt „und die Königin starb an Trauer“?
Man kann nicht an Trauer sterben.
Eine Woche nach dem verpassten Flug zwinge ich mich aufzustehen, zu baden und die Haare zu waschen, mich anzuziehen und zu schminken. Das erste Mal in meinem Leben benutze ich Eyeliner, anschließend betrachte ich mein ungewohntes Gesicht im Spiegel und versuche zu lächeln.
Deine Großmutter verließ nie das Haus ohne, noch nicht einmal der Postbote durfte sie ungeschminkt sehen. Wenn ich von der Schule zurückkam, saß sie noch immer am Küchentisch, auf dem zwischen den Resten unseres Frühstücks der Inhalt ihrer Kosmetiktasche ausgebreitet lag.
Ich fahre mit der S-Bahn zum Shopping-Center am Potsdamer Platz. Es hat aufgehört zu regnen; als ich auf die Straße trete, scheint sogar die Sonne. Die Menschen sitzen draußen, haben aber schon Winterjacken an und eine Decke über den Knien ausgebreitet (während D. sich am Strand von Acapulco sonnt).
Vielleicht bin ich hier, weil Ocean Vuong geschrieben hat, dass seine Mutter ihn zu Shopping-Centern mitnahm. Ich beende meine Tour mit Kaffeetrinken und einem Anruf bei deinem Bruder, der erst rangeht, als ich schon aufgeben will. Bevor ich etwas sagen kann, teilt er mir mit, dass er beschäftigt ist, sein Normalzustand in letzter Zeit, trotzdem halte ich das Telefon noch an mein Ohr, nachdem er das Gespräch beendet hat, als könnte ich auch ihn damit bei mir halten.
Mit deiner Schwester kommuniziere ich per SMS; wenn ich sie anrufe, wird sie es sofort merken. Es gibt nichts Schlimmeres als eine einsame Mutter. Als sie auszog, sagte sie: „Ich würde mich besser fühlen, wenn du einen Freund hättest.“
Jetzt habe ich einen.
Du warst im zehnten Jahrgang, als deine Lehrerin mich ein paar Wochen nach der Klassenfahrt in die Schule bat. Ich hatte keine Ahnung warum, alle Lehrer schwärmten von dir und du brachtest nur gute Noten nach Hause. Ich lächelte vermutlich, als ich fragte, was du denn Schlimmes verbrochen hättest, aber wurde nur eines ernsten Blickes bedacht.
Sie schien auf etwas zu warten, vielleicht darauf, dass du als Erste sprechen würdest, aber da du schwiegst, sagte sie schließlich: „Es gab einen Vorfall in der Jugendherberge.“ Sie blickte zu dir. „Vielleicht kannst du uns erzählen, was du im Badezimmer getan hast?“
Als du dreizehn Jahre alt warst, riet mir die Kinderärztin, mit dir zu einem Psychologen zu gehen. Sie fand dich zu dünn, aber damals warst du jeden Tag Fußball oder Basketball spielen, stundenlang, und zwischendurch mit deinem Skateboard unterwegs, nicht eine Sekunde konntest du stillsitzen, wie sollte man da Fett ansetzen, dachte ich, außerdem warst du dein Leben lang dünn gewesen. Dennoch rief ich einen nach dem anderen an, bis jemand einen Termin für dich hatte, wo du ein paar Wochen regelmäßig hingingst. Beim letzten Mal wurde ich dazu geladen und die Psychologin fragte mich, ob die Kinderärztin dick sei. Sie lächelte und sagte: „Die denken, dass alle dünnen Menschen magersüchtig sind.“
Dann sagte sie, dass mit dir alles in Ordnung sei, du überdurchschnittlich beim obligatorischen IQ-Test abgeschnitten habest, genauso wie bisher weitermachen sollest und wünschte uns alles Gute. Ich vergaß das Ganze wieder, sodass die jetzigen Worte deiner Lehrerin noch immer keinen Sinn für mich ergaben.
Sie versuchte es noch einmal: „Es gibt einen Wettbewerb unter den Mädchen. Erst recht, seitdem eine Model geworden ist.“
Ihr wart unzertrennlich, habt euch geliebt und gehasst; schon in der Grundschule gab es Prügeleien zwischen euch, blutig, mit Faustschlägen und Köpfen, die gegen Wände gepresst wurden. Vielleicht erwartete ich deswegen noch immer etwas ganz anderes, bis deine Lehrerin sagte: „Sie vergleichen ihre Körper.“
In jenem Moment hattest du deinen ersten Ausraster, aber er war noch zu sanft, um mich den Ernst der Lage erkennen zu lassen.
Der Journalist schrieb, dass James Joyce auch eine verrückte Tochter hatte1. Er versuchte, zu jedem Zeitpunkt in ihrer Nähe zu sein, auch noch, als sie erwachsen war, tolerierte jede Laune und verkaufte ihre Verrücktheit als Begabung. In einem Museum in Dublin haben sie sein Schlafzimmer nachgebildet. Welches der vielen, die er hatte, weiß ich nicht.
Ich betrachtete lange das schmale Bett, fragte mich, ob er darin liegend geschrieben hat, vielleicht die ganze Zeit, wie Proust, ob dieses Bett, weil er darin so gut schreiben konnte, immer wieder mitkommen musste, wenn er umzog, zusammen mit dem Nachttisch; alles war aus dunklem Holz und wirkte winzig wie eine Puppenstube, das ganze Zimmer glich einer Schreibhöhle, das genaue Gegenteil vom Heinrich-Böll-House, wo ich die folgenden Wochen verbringen sollte. Es war kurz vor deinem achtzehnten Geburtstag; ich hatte gedacht, dass du dich über meine Abwesenheit freuen würdest, aber du hast mich gebeten zu bleiben. Du wolltest mit mir feiern, nicht mit deinen Freundinnen.
„Ihr könnt zusammen eine große Party organisieren“, versuchte ich dich zu trösten.
Du fingst an zu weinen. Ich hätte dich fragen können, ob du mitkommen willst, es gab zwei Schlafzimmer, sogar ein Atelier; der Mann, der mir ein paar Wochen später aufschloss und mich herumführte, wunderte sich, dass ich ganz allein in dem großen, recht einsam gelegenen Haus bleiben wollte, aber ich war noch nicht einmal auf die Idee gekommen, dich zu fragen, ob du mitkommen möchtest, vielleicht, weil ich Angst hatte, dass du mich beim Schreiben stören würdest, vielleicht, weil ich Urlaub vom Muttersein brauchte.
Danach las ich das Buch einer Frau, die einen erwachsenen schizophrenen Sohn hat, und auch wenn zu viel von Gott die Rede war, half es mir, etwas mehr zu akzeptieren, wie du geworden bist. Ich hörte auf, Wunder zu erwarten; eine seltsame Ruhe überkam mich.
Kurz darauf fanden die Wahlen statt. Ich stand mit deinem Bruder, den ich nur mit Druck dazu bringen konnte, mich zu begleiten, in einer langen Schlange, genau hinter dem Vater eines Jungen aus deinem Kindergarten. „Wie gehtes Eden?“, fragte er.
„Lange Geschichte“, sagte ich.
Er grinste. „Wir haben genug Zeit.“
Mit wenigen Worten umriss ich meine Fahrten zum Containerdorf, wie dein Bruder und ich dich schließlich nach Berlin mitnahmen, du aus dem fünften Krankenhaus wieder abgehauen bist und am Ende von der Hamburger Polizei festgenommen wurdest, wie man dich nach Berlin zurückbrachte, um dich eine Woche später wieder gehen zu lassen.
„Wo ist sie jetzt?“, fragte er.
„Keine Ahnung.“
Er sah deinen Bruder an, dann wieder mich und sagte: „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.“
Kurze Zeit später verschwand er hinter einer Wahlkabine. Dein Bruder war als Nächstes dran. Auf dem Hinweg hatte ich ihm geraten, die Grünen zu wählen, aus Angst, dass er, weil er es schnell hinter sich bringen wollte, irgendetwas ankreuzte; seine Antwort war: „Die wollen Autos abschaffen.“
„Du hast noch nicht mal einen Führerschein“, sagte ich.
„Ich werde einen haben, wenn ich achtzehn bin. Und ein Auto.“
Ab und zu sagt meine Psychologin: „Ihre Tochter ist kein Teenager mehr.“
„Ich weiß“, sage ich dann.
„Auch wenn sie sich wie einer benimmt“, sagt sie.
„Ja“, sage ich.
„Vielleicht entscheidet sie sich irgendwann für Gesundheit, so gesund, wie es für sie geht.“
„Aber sie hat sich für Krankheit entschieden“, sage ich wie eine folgsame Schülerin.
„Im Moment, ja.“
1 Sie war eine Zeitlang bei C.G. Jung in Behandlung, der in einem Brief schrieb, dass James Joyce sich weigere, die Krankheit zu akzeptieren, weil er sich dann quasi miteinweisen müsse, allein schon wegen seines Stils, aber weil er im Gegensatz zu „normalen“ Patienten, die ohne es zu wollen, sich so artikulieren wie er, jenes willentlich tut, ist er laut Jungs Brief nicht „over the border“ gegangen. Aber vielleicht befand Joyce sich schon in gefährlicher Nähe zu ebendieser oder war sogar schon kurz davor, sie zu übertreten, was blieb ihm also übrig, als auch seine Tochter mit aller Kraft zurückzuziehen. Ihre erste Psychose hatte sie, nachdem sie sich in Beckett verliebte und von ihm zurückgewiesen wurde. Machte Joyce ihn verantwortlich, hasste er ihn genauso wie ich deinen Freund? Oder ist sowohl dein Freund als auch Beckett austauschbar? Sie starb in der Psychiatrie, vier Jahrzehnte nach ihrem Vater. Fand er sich vor seinem Tod damit ab, war er vielleicht sogar erleichtert, weil er wusste, dass Beckett sich um sie kümmerte, da er selbst es nicht mehr tun konnte?
Lass uns zu einem möglichen Anfang zurückkehren (jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende), zu dem Nachmittag, an dem ich erfuhr, dass du auf der Klassenfahrt gekotzt hattest, ein Detail unter vielen aus jenem Jahr. (Ich weiß, dass es zu nichts führt, mir die Schuld2 zu geben oder etwas rückgängig machen zu wollen, um eine zweite Chance zu bekommen, dennoch kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken.)
Du hast zuerst geschrien und dann zu weinen begonnen, und erst dann hörte deine Lehrerin auf, abstrakt zu sein. Ich kann mich nicht an ihre Worte erinnern und auch nicht, was danach kam, aber ich muss versprochen haben, mich erneut nach einer Psychologin umzusehen, die ich bald darauf fand, was mich sehr erleichterte, weil mein zweites Semester begonnen hatte und dein Bruder erst seit kurzem in der Lage war, richtig zu hören.
Ich versuche, deine Schwester im Glauben zu lassen, dass alles okay ist. Sogar jetzt, wo ich das erste Mal allein in der Wohnung bin, in der immer Kinder waren, du, deine Schwester, dein Bruder, eure unzähligen Freunde und Freundinnen, die alle vor meinen Augen älter wurden, wo jetzt alles viel zu leise ist. Ich würde sie gern anrufen, um ihre Stimme zu hören, stattdessen schicke ich ihr eine SMS: „Süße, wie geht es dir? Du musst unbedingt Black Earth Rising auf Netflix sehen!“
Keine Geschichte kann hintereinander weg erzählt werden. Immer wieder tauchen andere Geschichten wie aus dem Nichts auf, drängeln sich dazwischen, werden wichtiger als die ursprüngliche, als alle vorherigen. Was, wenn dein Bruder „normal“ geboren worden wäre? Wenn ich ihn nicht fünf Mal die Woche zur Therapie hätte begleiten müssen?
„Wann war das?“, fragte meine Psychologin.
„In jenem Jahr sang er zweimal die Woche im Kinderchor der Deutschen Oper. Ich brachte ihn hin und wartete in der Cafeteria, bis er fertig war, dann aßen wir dort zu Abend, weil ihm das typisch deutsche Essen so gut schmeckte. Er sang wie ein Engel“, sagte ich. „Nach all dem Stress, den wir mit seinen Ohren hatten, war das wie ein Wunder.“
Sie lächelte. Sie mag es, wenn ich über deine Geschwister rede. Alles, was nicht über dich ist, gefällt ihr.
„Wir mussten immer noch zur Therapie gehen“, fügte ich schnell hinzu. „Es gab tausend Sachen, die er aufzuholen hatte, ich sollte jeden Tag Übungen mit ihm zuhause machen. Dann musste ich auch arbeiten, ich war damals noch Klassenlehrerin. Und mein Studium kam noch dazu. Für Eden blieb nicht viel Zeit übrig.“
„Wie alt war sie?“
„Siebzehn.“
Dann war die Sitzung vorbei. Wir wollten die folgende Woche weiter darüber reden, aber andere Dinge passierten, welche, weiß ich nicht mehr, vielleicht hatte ich Stress mit D. oder mit deinem Bruder. Vielleicht war er wieder festgenommen worden. Er und seine Freunde hatten angefangen, sich in Parks zu treffen. Ich wusste nie, wann er nach Hause kommen würde, auch wenn ich drohte, ihn von der Polizei suchen zu lassen.
„Du darfst nicht nach Mitternacht auf der Straße sein, schrie ich ihn an.
„Jeder macht das“, schrie er zurück.
„Du bist nicht jeder.“
„Ich will Spaß haben.“
„Indem du deine Zukunft zerstörst?“
„Meine Zukunft interessiert mich nicht.“
Die Psychologin hörte sich solche Berichte lächelnd an. Um deinen Bruder machte sie sich keine Sorgen.
Dido stirbt nicht an Trauer. Sie tötet sich selbst.
Ich muss mich regelrecht zwingen, zu dem Sommer zurückzukehren, den ich als Versuch eines Anfangs bezeichnet habe, jener, als deine Lehrerin uns zum Gespräch bat. Deine Schwester machte gerade ihr Abitur, sie war entweder am Lernen oder auf Reisen mit ihren Freundinnen. Ich saß am Schreibtisch, wenn ich nicht zur Schule gehen musste oder deinen Bruder zur Oper oder zur Therapie brachte. Noch hatte ich nicht meinen Roman begonnen, aber es gab trotzdem viel fürs Studium zu tun; jeden Monat musste ich eine neue Geschichte abgeben, dazu kam der riesige Stapel Bücher, über die ich anschließend mehrseitige Essays zu schreiben hatte.
Ich war die meiste Zeit zuhause, aber mein Kopf war so viel wie möglich mit dem College beschäftigt. Ein großer Traum ging für mich in Erfüllung, ich studierte wieder und meine Professoren waren von mir und meinen Ergebnissen begeistert, das Muttersein und alles, was damit zu tun hatte, erledigte ich, aber meine Leidenschaft galt in jenen zwei Jahren dem Schreiben (auch hier lässt sie sich gut anwenden, die Parallelwelttheorie, die Frage, was passiert wäre, wenn ich mich mit einem Studium zufriedengegeben hätte wie die meisten Menschen).
Du warst den ganzen Tag draußen, meistens zum Fußballspielen. Am Wochenende hattest du noch immer Spiele, aber dir schien es egal zu sein, ob ich dabei zusah, und wenn ich es tat, warfst du mir anschließend vor, dass ich nie hinsehen würde, wenn du ein Tor schosst. Was stimmte, aber nicht, weil ich desinteressiert oder abgelenkt war, sondern weil ich Angst hatte, dass du nicht treffen würdest, weil ich Angst vor dem Ende des Spiels hatte, wenn du nicht wenigstens einmal getroffen hattest, weil ich Angst davor hatte, dass du heulend nach Hause kommen und in deinem Zimmer verschwinden würdest.
(Die Wahrheit ist, dass ich mich nicht erinnere, was in jenem Jahr wirklich passierte. Ich kann ein paar Fakten auflisten: Deine Schwester bekommt in der Aula ihr Abiturzeugnis überreicht, du schaffst deinen Mittleren Schulabschluss wie erwartet im Einserbereich, dein Bruder singt in La Bohème, ich überarbeite eine Kurzgeschichte, die bald darauf der erste Teil meines Romans wird. Dann ziehe ich in das Zimmer deiner Schwester, das direkt neben deinem liegt. Einmal die Woche hast du Therapie und einmal im Monat werde ich eingeladen, um über deine Fortschritte zu sprechen. Du bist fast nur noch in deinem Zimmer, allein. Ich zwinge mich weiterhin, an eine temporäre Sache zu glauben, und erkläre mir deine Traurigkeit mit dem Auszug deiner Schwester. Dann lädt mich die Psychologin ein, um mit mir über deinen Wunsch zu sprechen, die Klasse zu wechseln. Auch wenn ich kein gutes Gefühl habe, erkläre ich mich am Ende einverstanden. Ich will nur, dass du wieder glücklich bist.)
Anfangs wollte D. ständig wissen, ob es mir gut geht, alle paar Minuten fragte er nach, was mich trotz Verliebtheit irgendwann so nervte, dass ich es ihm verbat. Als wir zusammen eine mexikanische Serie sahen, wurde mir klar, warum er das tat, auch dort wurde diese Frage ständig gestellt, selbst wenn offensichtlich war, dass es einem nicht gut ging, und es wurde immer bejaht.
„Estás bien?“, musste ich mir den ganzen Urlaub lang auch von seinen Verwandten anhören, als ich sie das letzte Mal sah, obwohl sie über dich Bescheid wussten, obwohl sie selbst eine Tochter haben, mit der etwas Ähnliches passieren könnte, mit der es vielleicht schon passiert ist.
Wenn D. mich, glücklicherweise nur noch selten, fragt, wie es mir geht, sage ich: „Estoy bien“, weil es die Antwort ist, die er hören will.
Es war auch das Jahr, als du das erste Mal im Leben zugenommen hast. Ich bot an, mit dir einkaufen zu gehen, du durftest so viele neue Hosen aussuchen, wie du wolltest. Am Ende ranntest du heulend aus dem Laden. Danach bist du kaum noch aus deinem Zimmer gekommen und nicht mehr zur Schule gegangen.3
„Bring mich in eine Klinik“, hast du gesagt, als ich versucht habe, mit dir zu reden.
Ich erinnere mich an die Charité und das Virchow und Friedrichshain, an unser Warten in Gängen, daran, wie zuerst du und dann ich zu den Ärzten gerufen wurden. Wie sie uns anschließend nach Hause schickten. Im Dezember 2015 hattest du endlich ein Bett im Krankenhaus Friedrichshain. Dort, wirst du mir später leicht vorwurfsvoll erzählen, hat es richtig mit dem Kotzen begonnen. Und mit dem Kiffen.
