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Die Sterne über New Mexico funkeln 1916 heller als das Leben von Cassie Barton. Nach einem Unfall liegt ihre Zukunft als Schneiderin in Trümmern, und doch findet sie neue Kraft: Sie sammelt Geschichten - Stimmen von Männern, die ihr Leben der Santa Fé-Eisenbahngesellschaft gewidmet haben. In einer Stadt, die zwischen Hoffnung und Revolution schwankt, kreuzen sich Cassies Wege mit denen von Brandon DuBarko. Er ist ein aufrechter Mann, doch eine Schuld aus vorangehenden Jahren lastet schwer auf ihm. Gemeinsam geraten Cassie und Brandon in ein Netz aus Intrigen und Verrat. Nur wenn sie lernen, einander zu vertrauen und ihren Glauben neu zu leben, können sie den Schatten entkommen. Ein Roman, der nicht nur erzählt, sondern fühlen lässt: von Verlust und Neubeginn, von Geschichten, die uns verändern, und von einer Liebe, die den Himmel berührt.
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Seitenzahl: 454
Veröffentlichungsjahr: 2026
Tracie Peterson
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Hahn
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilogue
Copyright 2022 by Peterson Ink, Inc.
Originally published in English under the title Under the Starry Skies by Bethany House Publishers, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A. All rights reserved.
Die Bibelstellen sind folgenden Übersetzungen entnommen:
Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung von Fontis – Brunnen Basel.
Bibeltext der Schlachter. Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft.
Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.
Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen.
Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.
© 2026 Brunnen Verlag GmbH Gießen
Die Nutzung von Bild-, Sprach- und Textdaten für sog. KI-Trainings und ähnliche Zwecke ist nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung erlaubt.
Redaktion: Alexandra Eryiğit-Klos
Umschlagfotos: Magdalena Russocka / Trevillion Images; Adobe Stock
Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger
ISBN Buch 978-3-7655-3373-0
ISBN E-Book 978-3-7655-7781-9
www.brunnen-verlag.de
San Marcial, New Mexico
August 1916
„Hallo, Mama.“ Cassie Barton setzte sich, ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich musste heute einfach kommen. Du fehlst mir so sehr!“ Sie beugte sich vor und legte einen kleinen Blumenstrauß auf das Grab ihrer Mutter. Dann wanderte ihr Blick nach links und ihre Miene wurde ernster. „Du fehlst mir auch, Papa.“
Erst vor wenigen Monate hatte ihr Vater diese Welt verlassen. Sie musste sich noch daran gewöhnen, dass auch er nicht mehr da war – ihre Mutter war bereits vor sieben Jahren gestorben.
„Mir kommt es vor, als wäre es erst gestern gewesen.“ Cassie unterdrückte die Tränen, die ihr in die Augen schossen. Ihre Eltern fehlten ihr so sehr; sie waren der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen.
„Heute wird es wieder sehr heiß“, erzählte sie nun, obwohl das Wetter sie nicht wirklich interessierte. „Manchmal wünschte ich, ich könnte auch schon bei euch sein. Nichts ist mehr so, wie es war, seitdem ihr gegangen seid. Ich muss immer wieder an euch denken. Als wir im Gottesdienst ‚Gott ist mein Hort‘ gesungen haben, habe ich daran gedacht, dass es eins von deinen Lieblingsliedern war, Mama. Besonders geliebt hast du die Worte: ‚Ein starker Fels im wilden Sturm! Ich fürchte nichts, mich schützt der Herr, ein starker Fels im wilden Sturm!‘ Ich habe heute noch deine schöne Altstimme im Ohr.“
Sie lächelte unter Tränen. „Und du, Papa, du hast bloß die Lippen bewegt, weil du keinen richtigen Ton rausbringen konntest. Ich musste deshalb immer kichern – alle um uns herum wussten Bescheid und trotzdem hast du stets stumm mitgesungen.“
Sie arrangierte die Blumen, legte sie zwischen die beiden Gräber und stand auf. „Ich habe so viel zu tun, aber am liebsten würde ich den ganzen Tag hier bei euch sitzen.“ Sie hielt inne und sah zum Himmel hoch. „Ich weiß, dass ihr nicht hier seid, aber der Gedanke, dass ich euch an verschiedenen Orten finden kann, tröstet mich. Jedes Mal, wenn ich in der Nähe einer Lokomotive bin, denke ich an dich, Papa. Wenn ich etwas koche, kann ich es beinahe hören, wie du mich anleitest, Mama. Ihr werdet immer in meinem Herzen sein. Egal wo ich bin, werde ich eure Nähe spüren.“
Sie wischte sich die Tränen ab und holte tief Luft. Ihre Eltern waren jetzt an einem besseren Ort. Aber sie war allein, ganz allein in der Welt – und das, obwohl sie eigentlich eine jüngere Schwester hatte. Doch diese Schwester wollte mit ihr nichts zu tun haben.
Cassie verließ den auf einem Hügel gelegenen Friedhof und ging am mexikanischen Lebensmittelladen vorbei in die Altstadt von San Marcial. Warum war sie immer noch hier? Warum ging sie nicht fort?
„Bitte hilf mir, Gott. Ich weiß nicht, wo mein Platz ist.“
„Was darf es denn heute sein, Miss Cassie?“, fragte Mr Brewster, der hinter der Ladentheke stand.
„Ich brauche Garn“, erwiderte sie und warf einen Blick auf ihren Einkaufszettel. „Zwei Spulen weißes, zwei Spulen schwarzes und zwei in Dunkelblau.“
Der ältere Mann holte die gewünschten Artikel und legte sie vor ihr auf den Ladentisch. „Brauchen Sie noch etwas?“
„Sind die Scheren, die ich bestellt habe, schon eingetroffen?“ Sie sah zu ihm hoch. Sie hoffte so sehr auf eine positive Antwort.
„Leider nicht, Miss Cassie“, antwortete er mit einem Kopfschütteln. „Ich weiß auch nicht, warum das so lange dauert.“
Cassie nickte. „Da kann man wohl nichts machen.“ Sie warf wieder einen Blick auf ihren Einkaufszettel. „Ach, ich brauche noch ein Päckchen Nadeln – die normalen Nähnadeln. Und auch eine gute Ledernadel.“
Rasch holte Mr Brewster die benötigten Nadeln. „Wie sieht es mit Stoffen aus?“
„Heute nicht. Ich mache momentan fast nur Änderungen und keine Maßarbeiten.“ Sie sah sich im Laden um. „Ich brauche allerdings noch ein paar Sachen für die Küche.“
„Selbstverständlich. An was haben Sie gedacht?“ Gemeinsam gingen sie zum anderen Ende des Ladens, Mr Brewster auf seiner und Cassie auf ihrer Seite der Ladentheke.
„Zwei Büchsen Pfirsiche, etwas Backpulver und Pfefferminzöl.“ Sie steckte den Einkaufszettel in die Tasche.
„Wir haben erst gestern eine Lieferung mit köstlichen weichen Bonbons bekommen – direkt aus San Francisco.“ Mit einem Schmunzeln holte er eines heraus und reichte es Cassie. „Hier, probieren Sie mal.“ Er wusste, wie gerne Cassie Süßigkeiten mochte.
„Wenn Sie darauf bestehen …“ Mit einem Zwinkern wickelte sie das weiche Bonbon aus dem Wachspapier und steckte die Delikatesse in den Mund. Sofort entfaltete sich auf ihrer Zunge das Aroma von Kirschen. „Mhmm.“ Mehr brachte sie nicht heraus, denn das zart schmelzende Bonbon schien in ihrem Mund zu wachsen, während sie kaute. Es schmeckte herrlich!
„Die sind gar nicht so teuer. Soll ich Ihnen eine Tüte zusammenstellen? Es gibt sie mit Kirsche, Zitrone, Pfefferminz und Lakritz.“
Sie schluckte die Delikatesse hinunter. „Lakritz? Tatsächlich? Wie seltsam, Lakritzbonbons herzustellen, wenn es doch Lakritzstangen gibt.“
„Vielleicht ist der Geschmack bei vielen Leuten beliebt.“
Cassie nickte zustimmend. „Dann geben Sie mir eine kleine Tüte mit Kirsch- und Zitronenbonbons.“
Mr Brewster nahm ihre Entscheidung beinahe überschwänglich zur Kenntnis. „Als die Lieferung kam, hab ich mir gesagt, dass Sie vielleicht zu den Ersten gehören, die welche kaufen, et voilà!“
„Na ja, ich sollte vielleicht nicht so viel Geld ausgeben und mich lieber auf den Heimweg machen. Dort wartet noch eine Menge Arbeit auf mich.“
„Aber es ist schon nach Feierabend, Miss Cassie. Sie dürfen nicht so viel arbeiten. Klar sind Sie seit dem Tod Ihres Vaters auf sich allein gestellt, aber wissen Sie, die Leute hier in der Stadt haben Sie wirklich gern. Sie werden nie Hunger leiden müssen. Außerdem sollten Sie endlich mal mit einem stattlichen Burschen ausgehen. Sie brauchen einen Ehemann, Miss Cassie.“
Die Leute wollten sie immer wieder mit jemandem verkuppeln, besonders jetzt, seitdem ihr Vater nicht mehr da war. „Danke für Ihre lieben Worte, Mr Brewster. Aber ich komme gut zurecht. Ich muss nur immer etwas zu tun haben, damit ich meinen Vater nicht zu sehr vermisse.“ Sie hielt inne, zögerte kurz und fuhr dann fort: „Und ein Ehemann … Ich weiß nicht, ob Gott will, dass ich heirate. Wenn ja, wird er mir schon den richtigen schicken.“
„Na klar. Trotzdem sind hier in der Stadt viele ehrliche Junggesellen aus Santa Fe. Vielleicht hat Gott schon einen für Sie ausgesucht.“
Cassie ließ die Angelegenheit auf sich beruhen. Sie strich eine verirrte Strähne ihrer blonden Haare aus der Stirn und wartete, bis der ältere Mann ihr sagte, welchen Betrag sie ihm schuldete.
Mr Brewster legte alle gewünschten Waren zusammen und schrieb eine Summe in sein Kassenbuch. „Ich setze es mit auf Ihre Rechnung.“
„In Ordnung. Dann begleiche ich die Rechnung nächste Woche.“ Sie legte ihre Einkäufe in den Korb. „Wie geht es Lydia inzwischen? Ich habe sie letzten Sonntag nicht im Gottesdienst gesehen, und ich habe gehört, dass sie eine leichte Sommergrippe hat.“
„Ja, das stimmt, aber es geht ihr wieder besser. Sie wissen ja, wie das bei solch einer Grippe ist. Sie dauert eine gute Woche und dann fühlt man sich wieder wie ein neuer Mann – oder in ihrem Fall wie eine neue Frau. Ich schätze mal, dass sie nächsten Sonntag wieder die Orgel spielen und aus voller Kehle singen wird.“
Cassie musste schmunzeln. „Ihre Frau hat eine schöne Stimme und ich war letzte Woche nicht die Einzige, der ihr Gesang gefehlt hat. Bitte richten Sie ihr aus, dass ich für ihre vollständige Genesung bete.“
Er nickte. „Das mache ich, Miss Cassie. Das mache ich.“
Als sie mit ihren Einkäufen zur Tür ging, musste Cassie ausweichen, als zwei kleine Jungen durch die offene Ladentür stürmten. Abrupt blieben die beiden stehen.
„Hallo, Miss Cassie“, sagte einer der beiden. Der zweite grüßte ebenfalls. Sie zogen höflich ihre Kappen, dann drückten sie sich an ihr vorbei. „Mr Brewster! Mr Brewster!“, riefen beide gleichzeitig.
„Lasst mich raten: Ihr seid hier wegen der neuen Baseball-Karten, die gerade reingekommen sind“, sagte der Kaufmann. Die Jungen reagierten mit einem begeisterten Kopfnicken.
Die Begeisterung der beiden war ansteckend; lächelnd verließ Carrie den Laden und betrat den mit Holzbohlen ausgelegten Bürgersteig.
„Hallo, Miss Cassie“, rief ihr ein weiterer kleiner Junge zu. Er sprang von der unbefestigten, staubigen Straße auf den erhöhten Bürgersteig.
„Hallo, Emmett. Wie war es heute in der Schule?“
„Es war viel zu lang. Ich mag nicht zurück zur Schule gehen. Für mich kann der Sommer nicht lang genug dauern.“
„Tja, schade, dass der Unterricht schon so bald wieder begonnen hat.“ Cassie hängte ihren Einkaufskorb über den linken Arm. Dann streckte sie die Hand aus, um dem Jungen über das wellige blonde Haar zu streichen. „Willst du zu Mr Brewster wegen der neuen Baseball-Karten?“
„Nö. Mein Papa sagt, Baseball-Karten sind Zeitverschwendung.“ Er senkte den Kopf und trat mit dem Fuß gegen die Bohlen des Bürgersteigs.
„Tut mir leid, das zu hören.“ Cassie hatte Mitleid mit dem Jungen. „Was hält er denn von ganz besonderen Bonbons?“
Mit einem Ruck hob er den Kopf. „Weiß nicht. Dazu hat er nichts gesagt.“
„Vielleicht hat er nichts dagegen, wenn ich dir eines gebe.“ Sie steckte die Hand in die Tüte mit den Bonbons. „Du musst mir aber versprechen, dass dir das nicht den Appetit aufs Abendessen verdirbt.“
„Das versprech ich!“
Lächelnd reichte sie ihm ein Toffee. „Am besten erzählst du den anderen Kindern nicht, woher du das hast. Ich habe nämlich nur ein paar davon.“
Er nickte zustimmend. „Ich sag nichts.“ Er steckte die süße Delikatesse in den Mund und augenblicklich wurden seine Augen vor Freude ganz groß. „Das … Das ist richtig … gut.“ Er versuchte, auch mit vollem Mund deutlich zu sprechen.
„Na, dann lauf los und iss es ganz langsam. Es hält länger, wenn du darauf herumkaust.“
Er nickte ihr noch einmal zu und lief dann in die entgegengesetzte Richtung. Cassie fiel auf, wie sich seine Schultern strafften und sein Gang sich veränderte. Er stolzierte plötzlich wie ein kleiner König. Was so ein Bonbon alles bewirken konnte …
Sie musste lachen. Das war ein gutes Ende für einen Freitag. Sie ging den hölzernen Bürgersteig weiter in Richtung ihres Zuhauses. Die Freitage waren viel interessanter gewesen, als ihr Vater noch lebte. Kurz vor seinem Tod hatte er sich das Recht auf einen arbeitsfreien Samstag verdient. Manchmal musste er zwar einen Kollegen vertreten, aber die meiste Zeit konnte er an Samstagen und Sonntagen zu Hause sein. Deshalb waren die Freitagabende zuletzt immer wie ein kleines Fest gewesen.
Cassie hatte immer versucht, ein Lieblingsgericht ihres Vaters zuzubereiten und für ihn warm zu halten. Wie sehr fehlten ihr diese schönen, gemeinsamen Abende und ihre Gespräche über alles, was ihr Vater während der Woche erlebt hatte! Gespannt hatte sie immer zugehört, wenn er erzählte, wie er den Zug hin und zurück steuerte auf der „Horny Toad“-Strecke von San Marcial bis El Paso und Albuquerque. Der Spitzname kam von den Toads, den Krötenechsen, die bis auf die Eisenbahnschienen gelangten. Viele von ihnen überlebten den Zusammenstoß mit den Zügen nicht, aber die meisten schienen die Gefahr zu spüren. Sie blieben zurück, wenn die großen Dampfloks über die Schienen brausten. Ihr Vater hatte ihr erzählt, wie er eine so große Menge von Krötenechsen gesehen hatte, dass es aussah, als bewegte sich der Boden unter den Schienen wie Wasser. Sie hatte sich immer gewünscht, so etwas auch einmal zu erleben.
Sie seufzte. Jetzt war ihr Vater nicht mehr da. Vor fünf Monaten hatte es einen Überfall von Pancho Villa auf die Stadt Columbus in New Mexico gegeben – zeitgleich mit der Entgleisung des Zuges, in dem ihr Vaters unterwegs gewesen war. Die meisten Mitarbeiter bei der Santa-Fe-Eisenbahngesellschaft glaubten, dass Villas Männer verantwortlich waren für die Zerstörung der Bahngleise, die den Unfall verursacht hatte. Papa und sein junger Heizer Archie Sullivan kamen ums Leben und die ganze Stadt trauerte gemeinsam mit Cassie. Ihr Vater Wesley Barton, den seine Freunde liebevoll „Bart“ nannten, war bei den Stadtbewohnern sehr beliebt. Viele Männer wollten freiwillig gegen Villa und seine Revolutionäre in den Kampf reiten, denn diese Bande sorgte entlang der Grenze immer wieder für Probleme.
Glücklicherweise versprach die Armee, den Rebellen das Handwerk zu legen. Der befehlshabende General „Black Jack“ Pershing versicherte den Bewohnern von New Mexico, er werde Villa gefangen nehmen und entsprechend mit ihm verfahren. Bisher war das nicht geschehen und die Leute waren beunruhigt wegen der immer häufiger auftretenden Vorfälle, hinter denen Villa steckte. Die Ängste wurden weiter geschürt durch ein Telegramm, das Pershing angeblich nach Washington geschickt hatte und in dem es hieß:
Villa ist überall und nirgends.
„Na, Cassie, bist du so in deine Gedanken versunken, dass du mir nicht mal Guten Tag sagst?“
Cassie blickte auf und sah, dass Myrtle Taylor, die Frau ihres Pastors, sie anstarrte. „Ach, Myrtle, entschuldige bitte. Ich war in Gedanken gerade bei meinem Vater und den vielen Problemen an der Grenze.“
Myrtle tätschelte ihren Arm. „Das geht schon in Ordnung, Liebes. Ich nehme dir das doch nicht übel.“ Mit einem Lächeln lugte sie in Cassies Einkaufskorb. „Ich sehe, dass du zu tun hast.“
„Ja, ich war einkaufen und habe ausgebesserte Kleidungsstücke ausgeliefert.“ Cassie lächelte die ältere Frau an. „Und du? Das Gerücht geht um, dass du für das Gemeindepicknick zwölf Dutzend Kekse gebacken hast.“
„Das ist kein Gerücht. Ehrlich gesagt habe ich die Nase jetzt erst mal voll. Aber diese Dinger scheinen einen Suchteffekt zu haben.“
„Das liegt daran, dass in dieser Stadt so viele Männer arbeiten.“
„Unverheiratete Männer“, ergänzte Myrtle. „Cassie, du musst dir unbedingt einen Mann suchen. Du bist jetzt 32 und eine sehr attraktive Frau. Außerdem kannst du noch Kinder bekommen. Jetzt, da dein Vater nicht mehr ist, brauchst du einen Mann, der dich beschützt und für dich sorgt.“
„Ich weiß. Das ist nicht das erste Mal, dass du mir das erzählst. Und du bist auch nicht die Einzige, die mich zu diesem Schritt ermutigen will.“
„Du liebe Güte – aber es ist wahr. Deine jüngere Schwester ist doch auch schon längst verheiratet und hat Kinder. Nimm dir ein Beispiel an ihr.“
„Ich habe nicht geheiratet, weil ich mich um Papa kümmern wollte“, erinnerte Cassie ihre Freundin.
„Aber er ist nicht mehr“, erwiderte Myrtle mit nun sanfterer Stimme, „und er fehlt uns sehr, aber er hätte nicht gewollt, dass du allein bleibst. Warum lässt du mich nicht mit John reden, damit wir herausfinden, welcher Mann gut zu dir passen würde?“ Mit einem Lachen fügte sie hinzu: „Aber du weißt ja schon, wen ich für dich aussuchen würde. Brandon DuBarko war wie ein Sohn für deinen Vater. Ihr beide wärt so ein schönes Paar.“
„Aber er hat mir nie gezeigt, dass er auch nur das geringste Interesse an mir hat“, meinte Cassie. Myrtle öffnete den Mund zu einer Erwiderung, aber Cassie fuhr rasch fort: „Du kannst natürlich tun, was du für richtig hältst, aber das heißt nicht, dass es funktionieren wird. Wir leben schließlich im Jahr 1916 und die Leute heiraten aus Liebe. Wenn ich einen Mann nicht liebe, kann ich ihn auch nicht heiraten. Und für den Fall, dass ich jemanden liebe, aber er mich nicht zurückliebt, werde ich ihn ebenfalls nicht heiraten.“
Myrtle lachte und nickte zustimmend. „Ich habe auch eine romantische Ader. Deshalb stimme ich dir von Herzen zu, dass eine Ehe nur Sinn ergibt, wenn beide sich lieben und respektieren. Denn was ist das Leben schon ohne Liebe?“
Cassie kannte die Antwort auf diese Frage. Ein Leben ohne Liebe war einsam. Man musste jeden Tag bewältigen, ohne jemanden an seiner Seite zu haben. Man hatte niemanden, mit dem man abends sprechen, niemanden, an den man sich wenden konnte, wenn man Angst hatte.
„Ich muss jetzt los, meine Liebe. John und ich sind heute Abend bei den Mackies zum Essen eingeladen.“
„Ich wünsche euch einen wundervollen Abend.“ Cassie umarmte ihre Freundin.
„Denk an das, was ich gesagt habe, Cassie. Ein Ehemann würde die Leere in deinem Leben füllen.“
„Ja, sicher.“
Cassie sah zu, wie Myrtle den erhöhten Bürgersteig entlangging und dann auf die Straße trat, um diese zu überqueren. Sie war Cassies beste Freundin, obwohl sie vom Alter her ihre Mutter hätte sein können.
Cassie erreichte die Schuhreparatur-Werkstatt und betrat das Geschäft. Sie dachte noch immer über das nach, was Myrtle zu ihr gesagt hatte. Große Güte – die Leute schienen wirklich fest entschlossen zu sein, ihr Leben noch komplizierter zu machen, als es sowieso schon war.
Sie achtete sorgfältig darauf, dass die Sachen in ihrem Einkaufskorb nicht umkippten, während sie den Stapel Hemden unter ihren Einkäufen hervorholte.
Beim Klingen der Türglocke kam Mr White eilig nach vorne. Als er Cassie sah, breitete sich ein Lächeln über seinem Gesicht aus. „Na, das ist ja mal eine schöne Überraschung, Miss Barton.“
„Ich bringe Ihre ausgebesserten Hemden, Mr White. Sie sind wieder so gut wie neu.“ Sie legte den Stapel auf die Ladentheke.
„Das ist wunderbar. Ich bin mir sicher, dass Sie hervorragende Arbeit geleistet haben.“
„Sie können gerne alle durchsehen, bevor Sie bezahlen.“
Er reagierte mit einem Kopfschütteln. „Sie haben mein volles Vertrauen, Miss Barton. Wie bei Ihrem Vater weiß ich, dass ich mich auf Ihr Wort verlassen kann.“
„Das können Sie wirklich.“
„Wie viel schulde ich Ihnen?“
„Die Hemden waren in einem ziemlich schlechten Zustand. Zwei Dollar und zweiundvierzig Cent“, antwortete sie. Hoffentlich war er wegen der hohen Summe nicht beleidigt.
„Das ist sinnvoll investiertes Geld. Ich hätte viel mehr ausgeben müssen, wenn ich mir neue gekauft hätte.“
Er griff in die Ladenkasse und nahm zwei Dollarscheine heraus. Dann suchte er das Kleingeld zusammen. „Kann ich Ihnen eine 2-Cent-Briefmarke geben?“
Cassie nickte. „Das ist in Ordnung.“
Er legte zu den beiden Scheinen noch vier Zehncentmünzen, dann fügte er die Briefmarke hinzu. „Bitte sehr. Alles gesetzliche Zahlungsmittel.“
Cassie sammelte alles ein und steckte Geld und Briefmarke in ihre Geldbörse. „Ich muss einen Brief an meine Schwester schreiben – da kommt mir die Briefmarke sehr gelegen.“
„Vielen Dank, Miss Barton. Bestimmt kommen wir bald wieder ins Geschäft. Ich habe die dumme Angewohnheit, immer wieder meine Sachen zu zerreißen.“
Mit einem Lächeln ging Cassie zur Tür. „Ich bin da, wenn Sie mich brauchen“, rief sie mit einem Blick über die Schulter.
Cassie hatte kaum zwei Schritte aus der Tür gemacht, als sie sich mitten in einer Gruppe junger Männer wiederfand. Sie geriet zwischen den ausgelassenen mexikanischen Bahnarbeitern ins Stolpern und verlor ihr Gleichgewicht. Einer der Burschen versuchte noch, sie festzuhalten, aber es war zu spät. Sie fiel seitlich vom erhöhten Bürgersteig, klammerte sich mit voller Kraft an ihrem Einkaufskorb fest und versuchte noch immer, den Sturz abzufangen, als sie auf dem festgetretenen Sand der Straße landete.
Sobald ihre Hand auf den Boden traf, wurde ihr klar, dass sie einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Der Schmerz durchzuckte ihren linken Arm. Mit der rechten Hand umklammerte sie ihr linkes Handgelenk. Ihr Einkaufskorb war ihr beim Sturz vom Arm gerutscht.
„Lo siento mucho“, entschuldigte sich einer der Burschen.
Cassie wollte antworten, aber sie bekam keine Luft. Der Schmerz in ihrer Hand stieg ins Unermessliche. Sie konnte nicht mehr atmen und sah nur noch Sternchen.
Brandon DuBarko verließ gerade das Gebäude der Bank, als er sah, wie Cassie Barton auf dem festgetretenen Sand der Straße lag, nicht weit des erhöhten Bürgersteigs. Um sie herum drängten sich sechs der neuen Arbeiter, für die Brandon verantwortlich war. Einige von ihnen sammelten gerade irgendetwas auf und legten es in einen Korb – Cassies Einkaufskorb.
„Was ist hier los?“, wollte Brandon wissen. Leichtfüßig und mit langen Schritten überquerte er die Straße.
Einer der jungen Männer plapperte auf Spanisch los. „Wir haben nicht auf den Weg geguckt, weil wir ein bisschen rumgealbert haben wegen dem Abendessen und einer Partie Billard danach. Dabei sind wir in sie reingerannt.“
„Aber jetzt helfen wir ihr“, meldete sich ein anderer Mann zu Wort. „Sie hat ihren Korb fallen lassen.“
Brandon ging neben Cassie in die Hocke. „Alles in Ordnung?“
Cassie reagierte mit einem Kopfschütteln. Es sah aus, als ob ihr das Atmen schwerfallen würde. Brandon umfasste ihre Schultern und zog sie sanft hoch. „Atme langsam ein und aus. Du stehst unter Schock.“ Sein Blick fiel auf den jungen Mann. „Ihr hättet sie umbringen können. Ist dir das klar?“
Die Arbeiter nickten schweigend und reumütig. Einer von ihnen – wenn Brandon sich richtig erinnerte, hieß er Javier – antwortete schließlich: „Wir wollten ihr nichts tun, Boss. Wir waren bloß ein bisschen aufgekratzt.“
Brandon warf Cassie einen besorgten Blick zu. „Bekommst du wieder Luft?“
Die junge Frau nickte. „Aber ich glaube, ich habe mir die Hand gebrochen.“ Schützend umklammerte sie ihre linke Hand mit der rechten. „Es tut furchtbar weh.“
Mit einem Stirnrunzeln wandte sich Brandon an die jungen Männer. „Jungs, Miss Cassie verdient ihr Geld mit Näharbeiten. Wenn sie sich die Hand gebrochen hat, zahlt ihr für die Behandlung und entschädigt sie für den verlorenen Arbeitslohn. Habt ihr mich verstanden?“
Die jungen Männer nickten. In ihren Gesichtern spiegelten sich Zerknirschung, Sorge und Gewissensbisse wider.
Brandon war klar, dass sie Cassie diese Verletzung nicht mit Absicht hatten zufügen wollen. „Ich bringe sie zum Arzt. Mal sehen, was er sagt.“
Cassie war kreidebleich, während sie noch immer ihre Hand umklammert hielt. Als sie versuchte, die verletzte Hand zu entlasten, zuckte sie vor Schmerz zusammen.
„Na komm“, ermutigte Brandon die junge Frau. „Wir finden schon raus, was los ist. Kannst du gehen?“
Cassie nickte zögernd. Der Strohhut war ihr in den Nacken gerutscht und sie sah nicht so adrett aus wie sonst immer.
„Warte kurz.“ Brandon setzte ihr den Hut wieder richtig auf, dann nickte er ihr aufmunternd zu. „Jetzt bist du wieder vorzeigbar.“
„Wo ist mein Korb?“
„Está justo aquí, Señorita.“ Einer der jungen Männer reichte ihr den Einkaufskorb.
Brandon nahm ihm den Korb ab. „Ich mache das schon, Cassie. Komm, lass uns gehen.“ Vorsichtig umfasste er ihren rechten Arm und führte sie zu dem Gebäude, in dem sich die Praxis des Werksarztes befand. Die jungen Männer schlossen sich ihnen mit niedergeschlagenen Mienen an und so wirkte die ganze Gruppe wie ein kleiner Trauerzug.
„Das tut mir wirklich leid“, sagte Brandon zu Cassie.
„Ich hätte besser aufpassen müssen“, erwiderte sie.
„Nein, dich trifft keine Schuld. Diese Jungs haben zu viel überschüssige Energie. Es sind anständige Kerle, aber das alles ist noch neu für sie. Sie arbeiten erst seit zwei Tagen für mich.“
„Sie scheinen ehrlich und anständig zu sein.“
„Das sind sie auch“, bestätigte Brandon. „Sie sind gute und gläubige Jungs, sie gehen regelmäßig zum Gottesdienst und arbeiten, um ihre Familien zu ernähren.“
Cassie musste lächeln. „Das klingt doch gut.“ Sie schnappte nach Luft und umklammerte erneut ihre verletzte Hand. „Hoffentlich fühlen die Jungs sich wegen dieser Sache nicht zu mies.“
„Ich habe das vorhin ernst gemeint. Wenn du nicht arbeiten kannst, müssen sie dir den Verlust ersetzen.“
„Ach, Brandon, das ist lieb von dir, aber das brauchen sie nicht.“ Cassie sah zu ihm hoch. „Ich habe ein bisschen was gespart. Damit kann ich mich über Wasser halten.“
„Trotzdem müssen die Jungs lernen, Verantwortung zu übernehmen“, erwiderte Brandon mit fester Stimme. „Ein Mann muss geradestehen für das, was er getan hat.“
Plötzlich schob sich eine Erinnerung aus vergangenen Zeiten wie eine dunkle Wolke in Brandons Gedanken. Verbissen kämpfte er dagegen an. Es war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um über sein eigenes Schicksal zu grübeln oder über Dinge, die er bereute.
„Da sind wir schon.“ Fürsorglich führte er Cassie in den Empfangsraum des Gebäudes. „Doktor?“, rief er laut und warf einen Blick in das vordere Büro. Die Türen zu den Untersuchungszimmern standen offen. Brandon bat Cassie zu warten, damit er Hilfe holen konnte.
Als er schließlich den Arzt fand, war der gerade dabei, die Wunden eines Mitarbeiters zu versorgen. Brandon wusste, dass sich der Arbeiter gestern in den Werkstätten verletzt hatte. Unter den Mitarbeitern der Santa-Fe-Eisenbahngesellschaft verbreiteten sich solche Nachrichten schnell, vor allem dann, wenn ein Unfall geschehen war.
„Schwester, bitte machen Sie hier weiter und wechseln Sie die Verbände“, wies der Arzt die Krankenschwester an, als er Brandons ernstes Gesicht sah. „Sam, das wird gut verheilen, solange Sie sich an meine Anweisungen halten.“
„Das mach ich, Doktor“, versprach der jüngere Mann.
Der Arzt wandte sich Brandon zu. „Und was kann ich für Sie tun? Haben Sie sich draußen auf der Bahnstrecke verletzt?“
„Nein, es geht nicht um mich. Cassie Barton hat Verletzungen davongetragen, als ein paar der Jungs sie vom Bürgersteig gestoßen haben.“
Der Arzt reagierte mit einem besorgten Stirnrunzeln. „Dann sehen wir uns das mal an.“
Brandon folgte dem Arzt bis zum Empfangsraum. Auf dem Weg dorthin betete er innerlich, dass die Verletzungen, die Cassie erlitten hatte, sich als weniger schlimm herausstellen würden, als es den Anschein hatte. Cassie war ein guter Mensch und sie hatte so etwas nicht verdient.
Als Brandon sein Gebet beendet hatte, war der Arzt schon dabei, Cassie zu untersuchen. Er drehte ihre Hand nach oben, nach unten und zur Seite. Brandon konnte sehen, dass diese Untersuchung bei Cassie wahnsinnige Schmerzen auslöste, aber seitdem er die junge Frau kannte, hatte er noch nie irgendwelche Klagen von ihr gehört.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Handgelenk und auch ihr Ring- und Mittelfinger gebrochen sind. Wir werden die Brüche schienen und einen Gipsverband anlegen. Es wird mindestens sechs Wochen dauern, bis alles verheilt ist.“
„Sechs Wochen?“, wiederholte Cassie erschrocken.
„Ja, und das bedeutet, dass Sie die Hand sechs Wochen lang schonen müssen. Sie dürfen sie nicht bewegen und erst recht nicht damit arbeiten, auch nicht an der Nähmaschine.“
Betroffen biss sich Cassie auf die Unterlippe. Brandon wusste nicht, ob sie gegen den Schmerz ankämpfte oder einen Protest gegen die Anweisung des Arztes unterdrückte.
„Sie wird Ihren Rat befolgen, Doktor. Ich werde dafür sorgen, dass es ihr an nichts fehlt und sie in diesen sechs Wochen nicht arbeiten muss.“ Brandon sah Cassie mit einem Blick an, der klar sagte: Ich mein’s ernst! Sie waren lange genug befreundet, dass sie es besser wusste, als ihm zu widersprechen.
„Sie können hier warten, Brandon“, sagte der Arzt. Mit einer Handbewegung forderte er Cassie auf, ihm zu folgen. „Wir machen zuerst ein Röntgenbild und dann werde ich die junge Dame ruckzuck verarzten.“
Brandon nickte zustimmend und setzte sich im Empfangsraum auf einen Stuhl. Lange bevor Cassies Vater bei dem Zugunglück verstorben war, hatte Brandon ihm versprochen, dass er auf Cassie aufpassen würde. Wenn es um seine Tochter ging, hatte Bart Barton nichts dem Zufall überlassen. Schließlich war Cassie ganz allein, seit ihre Mutter gestorben und ihre Schwester auf ein Pensionat geschickt worden war. Bart hatte Brandon erzählt, dass die jüngere Tochter mit der Familie nichts zu tun haben wollte und Cassie sehr unter dieser Ablehnung litt.
Cassie war in San Marcial geblieben, weil sie sich um ihren Vater und sein Haus kümmern wollte. Sie hatte für ihn gekocht, geputzt, ihn umsorgt und alle Pflichten einer gewissenhaften Tochter erfüllt. Bart machte sich Sorgen, dass sie ihm ihre ganze Jugend geopfert hatte. Und Brandon konnte sehen, dass er damit nicht ganz unrecht gehabt hatte …
Cassie war natürlich noch nicht wirklich alt. Sie war noch immer eine gut aussehende Frau und noch mehr als das. Obwohl sie auf den ersten Blick unscheinbar wirkte, war sie in Wirklichkeit sehr attraktiv. Brandon mochte diese Art von Schönheit bei einer Frau. Viele andere alleinstehende Männer fühlten sich ebenfalls zu Cassie hingezogen und versuchten, die junge Frau auf sich aufmerksam zu machen. Aber Cassie wollte ihren Vater nicht allein lassen und deshalb hatte sie keine Zeit für Verehrer.
Brandon bewunderte Cassies ausgeprägtes Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl. Er selbst hatte seine eigenen Gründe, warum er nicht heiraten wollte. Deshalb wusste er, was es bedeutete, wenn man sich zu diesem Weg berufen fühlte. Obwohl er das Alleinsein als sein Los in diesem Leben akzeptierte, fiel es ihm nicht leicht, seinen Wunsch nach einer Ehepartnerin und einer Familie so einfach aufzugeben. Bestimmt hatte Cassie ähnliche Zweifel und Sehnsüchte, die es ihr schwer machten, bei ihrer Entscheidung zu bleiben. Jetzt sah die Sache für sie natürlich anders aus; ihr Vater war tot und ihre Schwester verheiratet. Cassie konnte tun und lassen, was sie wollte, weil sie jetzt nicht mehr an ihr Versprechen, ledig zu bleiben, gebunden war.
Brandon stand auf und ging zum Fenster. Es war schon spät und es wurde langsam Zeit für das Abendessen. Vielleicht hatte Cassie noch nichts vorbereitet. Vielleicht könnte er für sie beide etwas zu essen holen. Er könnte Cassie zuerst nach Hause bringen und dafür sorgen, dass sie alles hatte, was sie brauchte. Dann könnte er im Café schnell ein paar belegte Brötchen besorgen oder eine andere einfache Mahlzeit. Notfalls könnte er sogar für sie beide kochen. Ein gebratenes Steak in der Pfanne, dazu ein paar Zwiebeln, das wäre schnell gemacht. Bei diesem Gedanken lief Brandon das Wasser im Mund zusammen. Er spürte plötzlich, wie hungrig er war.
Eine halbe Stunde später kam Cassie zusammen mit dem Arzt zurück. Ihre Wangen hatten wieder ein bisschen Farbe, aber sie wirkte erschöpft. Ihre Hand und das Handgelenk steckten in einem Gips und um ihren Arm lag eine Schlinge.
Der Arzt reichte ihr ein kleines Medizinfläschchen. „Bitte nur einen Teelöffel kurz vor dem Einschlafen. Das Zeug ist stark, also seien Sie vorsichtig. Viele Leute kommen nicht davon los, wenn sie das Medikament regelmäßig nehmen. Sie wollen dann immer mehr davon.“
„Ich nehme es nur, wenn die Schmerzen richtig schlimm sind“, entgegnete ihm Cassie. „Ich bin ziemlich hart im Nehmen.“
Ein schelmisches Lächeln umspielte die Lippen des Arztes. „Das weiß ich.“
„Doktor, die Jungs, die Cassies Unfall verursacht haben, bezahlen die Behandlung. Sobald Sie die Rechnung geschrieben haben, geben Sie mir bitte Bescheid. Ich sammle das Geld dann bei den Jungs ein.“
„So machen wir es, Brandon. Ich habe Cassie viel Ruhe verordnet. Hoffentlich sorgen Sie dafür, dass sie sich an meine Anweisungen hält.“
Brandon unterdrückte ein Schmunzeln. „Das werde ich. Ich habe schon einen Plan.“ Sanft nahm er Cassies Arm, dann bückte er sich nach dem Einkaufskorb. „Wenn es sein muss, setze ich mich auf sie drauf.“
Über diese Bemerkung musste der Arzt lachen. Skeptisch zog Cassie eine Augenbraue hoch und warf Brandon einen missbilligenden Blick zu.
Brandon amüsierte sich insgeheim, aber er gab sich unnachgiebig. „Wenn sie nicht brav ist, dann …“ Er drohte Cassie mit erhobenem Zeigefinger.
Cassie und Brandon machten sich auf den Weg zu Cassies kleinem Häuschen. Mit einer Kopfbewegung zeigte Brandon auf ihren Gipsverband. „Hat der Doktor dafür gesorgt, dass die Schmerzen nachlassen?“
„Ja. Es ist erstaunlich, aber ich habe tatsächlich weniger Schmerzen, seitdem die Hand ruhig gestellt ist. Die Schlinge hilft auch ein bisschen.“
„Was ist in dem Fläschchen, das der Doktor dir gegeben hat?“
„Laudanum. Er wollte mir Morphium spritzen, aber da habe ich mich geweigert. Ich habe erlebt, was dieses Zeug aus einem Menschen machen kann.“
„Aber es hilft gegen die Schmerzen.“
„Ja, aber um welchen Preis? Ein paar Schmerzen bereiten mir viel weniger Probleme als so ein starkes Medikament.“
Besorgt runzelte Brandon die Stirn. „Es gefällt mir gar nicht, wenn du dich quälst. Wenn du das Medikament brauchst, solltest du es auf jeden Fall nehmen.“
„Ich werde es nicht brauchen“, erwiderte Cassie zuversichtlich.
„Hast du Hunger?“, fragte Brandon. Am besten, er wechselte das Thema. „Sobald ich dich nach Hause gebracht habe, hole ich uns was zu essen aus dem Café oder gerne auch vom Harvey House.“
„Das wäre schön. Ich habe für das Abendessen noch gar nichts vorbereitet.“
„Stört es dich, wenn ich zum Essen bleibe?“
Cassie reagierte mit einem Kopfschütteln. „Überhaupt nicht. Du hast doch schon oft bei uns gegessen. Warum sollte es mich gerade jetzt stören?“
„Na ja, seitdem dein Vater nicht mehr ist, war ich nicht mehr zum Essen bei dir. Die Leute könnten über uns reden.“
Cassie musterte Brandon mit einem düsteren Blick. „Die Leute, die uns kennen, tratschen nicht über uns, und was die anderen sagen, ist mir egal.“
Die beiden kamen vor Cassies Haus an. Brandon fiel auf, dass es ein wenig vernachlässigt wirkte. Der Zaun müsste wieder einmal gestrichen werden und an den Fenstern war an einigen Stellen der Kitt herausgebrochen.
„Hast du den Hausschlüssel dabei?“, fragte er.
Cassie schüttelte den Kopf. „Die Tür ist nicht abgeschlossen.“
„Das ist viel zu riskant! Du bist jetzt ganz allein, Cassie! Denk dran, dass diese Stadt stetig wächst und du nicht mehr jedem hier vertrauen kannst.“ Er streckte den Arm aus, um die unverschlossene Tür aufzumachen.
„Du hast ja recht, aber ich denke irgendwie nie daran.“
„Dann fang jetzt damit an. Ich habe deinem Vater ein Versprechen gegeben, aber ich kann es nicht einhalten, wenn du auf dem besten Wege bist, dich in Gefahr zu bringen.“
Cassie schüttelte verständnislos den Kopf und betrat unbekümmert das Haus. „Aus dir wird noch ein richtiger großer Bruder.“
Brandon folgte ihr ins Haus und stellte den Einkaufskorb auf ein kleines Tischchen neben der Haustür. „Ich tue, was ich tun muss. Schließlich will ich deinen Vater nicht enttäuschen. Er hat sich Sorgen um dich gemacht.“
„Jetzt macht er sich keine Sorgen mehr, Brandon.“
Vorsichtig setzte Cassie sich auf den Schaukelstuhl, der vor dem offenen Kamin stand. Der Tag war zu warm für ein Kaminfeuer gewesen, aber später am Abend wäre es vielleicht angebracht. „Hast du noch Brennholz?“
Cassie verneinte mit einem Kopfschütteln. „Bis jetzt habe ich den Kamin noch nicht benutzen müssen. Wenn mir kalt wird, heize ich den Kochherd an. Papa hat sich noch kurz vor dem Unfall Kohle liefern lassen. Hinten im Schuppen liegt noch eine ganze Menge.“
„Der Winter steht vor der Tür und dann brauchst du einen Vorrat an Brennholz. Arnie Mitchell hat neulich erwähnt, dass er in die Berge gehen und dort ein paar Bäume fällen will. Ich werde ihn bitten, dir einen Klafter Holz vorbeizubringen. Du solltest jetzt schon anfangen, dir einen Vorrat anzulegen. Wie ich gehört habe, soll der Winter kalt und nass werden.“
„Das klingt nach einem guten Plan. Ich schaue nach, ob ich genug gespart habe, um das Holz zu bezahlen. Dann gebe ich dir Bescheid.“ Cassie lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Wenn du immer noch vorhast, uns was zu essen zu holen – im Küchenschrank liegt ein bisschen Geld.“
„Lass mal, ich übernehme das. Das ist ja wohl das Mindeste, was ich tun kann. Du ruhst dich derweil ein bisschen aus und ich bin so schnell wie möglich zurück.“
„Am besten nimmst du ein paar Teller und Schüsseln mit. Neben dem Herd steht ein Tablett. Nimm das auch mit. Dann brauchen die Leute im Café oder im Restaurant sich keine Gedanken zu machen, wie sie dir das Essen einpacken sollen.“
„Das ist eine gute Idee.“
Als er in die Küche kam, fiel sein Blick zuerst auf das Tablett. Er stellte es auf die Arbeitsfläche. Dann ging er zu den Küchenschränken, die er fast genauso gut kannte wie seine eigenen. Er holte zwei große Teller und zwei dazu passende Schüsseln heraus. Das Geschirr war aus schlichtem weißem Porzellan. In Cassies Küche suchte man vergeblich nach Luxus.
„Ich beeile mich“, sagte er zu Cassie, als er mit dem Tablett in der Hand ins Wohnzimmer zurückkehrte.
„Danke, Bran.“ Cassie saß noch immer im Schaukelstuhl. Erschöpft hatte sie die Augen geschlossen und den Kopf zurückgelehnt.
Brandon blieb kurz stehen und musterte sie besorgt. „Hast du Appetit auf etwas Bestimmtes?“
„Nein, mir ist alles recht. Ich bin bloß hungrig und müde. Dieser Tag – das war alles zu viel für mich.“
Obwohl Cassie ihn nicht sehen konnte, nickte er ihr aufmunternd zu. „Ich bin bald wieder da.“
Dann ging Brandon zum nächstgelegenen Café. In der Stadt gab es mehrere. Seitdem es immer mehr Menschen nach San Marcial zog und Büros sowie Werkstätten der Eisenbahngesellschaft erweitert wurden, gab es auch mehr Einrichtungen, die das Leben der Stadtbewohner angenehmer machten. Da in der Stadt viele unverheiratete Männer wohnten, waren Cafés und Restaurants besonders gefragt.
Millies Café war ein ruhiger Ort mit vielen Stammgästen, die vor allem freitagabends hierherkamen. Das Café war bereits voller Gäste. Brandon ging am Gastraum vorbei und direkt in die Küche.
„Hallo Brandon, willst du was essen?“, fragte Joe Lancaster, Millies Ehemann und der Chefkoch des Cafés. Er stand am Herd und rührte eifrig in einem großen Topf.
„Ich möchte für Miss Cassie ein Abendessen mitnehmen. Sie ist heute vom Bürgersteig gefallen. Dabei hat sie sich das Handgelenk und ein paar Finger gebrochen.“
Besorgt runzelte Joe die Stirn. „Dann kann sie wohl nicht arbeiten, oder?“
„Nein, aber die Jungs, die den Unfall verursacht haben, bezahlen ihr jede Woche, bis sie wieder gesund ist. Sie gehören zu meiner Truppe und es tut ihnen wirklich leid, dass sie schuld daran sind, dass Miss Cassie sich verletzt hat.“
„Aha, da bin ich ja beruhigt. Es wäre schlimm, wenn Miss Cassie jetzt in der Klemme stecken würde.“ Joe warf einen Blick auf das Tablett. „Gut, dass du dein eigenes Geschirr mitgebracht hast. Ich mach dir was fertig. Es dauert nur ein paar Minütchen.“
Brandon musste nicht lange warten, bis Joe die Teller vom Tablett wegnahm. Als er sie wieder hinstellte, befanden sich auf den Tellern Schweinekoteletts, Bratkartoffeln und ein Stück Maisbrot. Dann nahm Joe die Schüsseln und füllte sie mit Apfelklößen.
„Das sollte für euch beide reichen. Auf deinem Teller ist noch ein Kotelett mehr“, sagte Joe mit einem breiten Grinsen.
„Was bin ich dir schuldig?“
„Diesmal gar nichts. Das Essen spendiere ich Miss Cassie. Sag ihr, wie leid es uns tut, dass sie sich verletzt hat. Morgen bringen wir ihr ein Frühstück vorbei. Wenn die Frauen aus der Gemeinde hören, was Miss Cassie passiert ist, braucht sie sich bestimmt keine Sorgen mehr zu machen, wo sie was zu essen herbekommt. Aber bis dahin helfen wir gerne aus.“ Brandon griff in seine Jackentasche, holte ein paar Münzen heraus und legte das Geld auf das Büfett.
„Für Cassie ist das in Ordnung“, sagte er, „aber ich habe ja keinen Unfall gehabt und deshalb zahle ich für meine Mahlzeit.“ Er nahm das Tablett in beide Hände und hob es hoch, um den Duft der daraufliegenden Speisen einzuatmen. „Das riecht herrlich. Ich glaube, Cassie wird sich freuen. Und ich freue mich jetzt schon.“
„Du bist hier immer willkommen. Bitte richte Cassie aus, dass ich ihr morgen gegen acht das Frühstück vorbeibringe.“
„Danke, das mach ich.“
Brandon verließ das Café durch den Hintereingang, weil er nicht durch den voll besetzten Gastraum gehen wollte. Er war froh, dass Cassie ihm geraten hatte, das Tablett mitzunehmen, denn damit ließen sich die Teller und Schüsseln viel leichter transportieren.
Als Brandon zurückkam, hatte Cassie bereits den Tisch gedeckt. Eine Lampe tauchte das Besteck, die Gläser und die Stoffservietten in ein warmes Licht. Mit einem düsteren Blick musterte Brandon das Arrangement, bevor er das Tablett auf den Tisch stellte.
„Du solltest dich doch ausruhen.“
„Es war gar nicht so schwer, das Besteck und die Servietten rauszuholen. Die Gläser sind leer. Im Eiskasten ist die Zitronenlimonade, die ich noch nicht eingegossen habe.“ Mit einem Lächeln setzte sich Cassie an den Tisch. „Das überlasse ich dir.“
Brandon nickte zustimmend. Dann verteilte er die Teller und Schüsseln auf dem Tisch. „Joe lässt dir ausrichten, dass er dir morgen früh um acht Uhr ein Frühstück bringt.“
„Wie lieb von ihm. Hoffentlich meint er nicht, dass er dazu verpflichtet ist.“
„Ihm geht es nur darum, dass du alles hast, was du brauchst. Ich habe ihm erzählt, was passiert ist. Er meint auch, wenn die Frauen aus der Gemeinde erst mal Wind davon bekommen, werden sie dich mit Essen und Kleidung versorgen und dich jeden Abend ins Bett bringen.“
Über diese Bemerkung musste Cassie lachen. „Diese Frauen sind ganz feine Menschen. Wir helfen uns gegenseitig, wo wir können, und wir machen es gern.“
Brandon stellte das Tablett zurück auf den freien Platz neben dem Herd. Dann ging er zu dem Eiskasten, der in der Ecke der kleinen Küche stand. Er nahm den mit Limonade gefüllten Krug und brachte ihn zum Tisch. „Brauchen wir sonst noch was?“, fragte er, während er das Getränk in die Gläser füllte.
Cassie warf einen prüfenden Blick auf den Tisch. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich glaube, wir haben alles, es sei denn, du brauchst ein bisschen mehr Zucker für deine Limonade. Ich mag es lieber, wenn sie nicht zu süß ist.“
„Ich auch.“
Brandon stellte den Krug wieder in den Eiskasten. Dann setzte er sich zu Cassie an den Tisch. „Soll ich das Tischgebet sprechen?“
Ein freudiges Lächeln umspielte Cassies Lippen. „Ja, bitte.“
Brandon sah Cassie erstaunt an. Er war fasziniert. Sie litt unter Schmerzen, und doch schien sie von innen heraus zu leuchten, fast wie ein himmlisches Wesen. Einerseits wollte er sie zurechtweisen und ihr sagen, dass sie ruhig jammern und ihren Schmerz herausschreien sollte; andererseits war er zutiefst berührt, weil sie alles so geduldig zu ertragen vermochte. Bestimmt hatte der Tod ihres Vaters ihr denselben, vielleicht sogar einen noch heftigeren Schmerz zugefügt, trotzdem schaute sie nach vorn und fasste neuen Mut.
Plötzlich spürte Brandon, wie Cassie ihn prüfend musterte. Verlegen räusperte er sich. „Lass uns jetzt beten.“ Er neigte den Kopf und verdrängte jeden weiteren Gedanken an Cassandra Barton und ihre phänomenale Willenskraft.
„Amen“, murmelte Cassie, als Brandon das Gebet beendete.
Obwohl er es nicht wollte, fiel Brandons Blick immer wieder auf den freien Stuhl, auf dem Cassies Vater stets gesessen hatte. Seit seinem Tod hatte Brandon Besuche bei Cassie vermieden, weil sein Schmerz über den Verlust ihres Vaters zu groß war. Trotzdem hatte er sich nicht vor seiner Verantwortung für Cassie gedrückt. Wie er es versprochen hatte, nahm Brandon aus der Ferne Anteil an Cassies Schicksal. Der Pastor und seine Frau hielten ihn immer auf dem Laufenden.
„Hast du keinen Appetit?“, wollte Cassie wissen.
Brandon bemerkte, wie Cassies Blick auf ihm ruhte. „Ich habe gerade an deinen Vater denken müssen. Es fällt mir schwer, hier zu sitzen und nicht an ihn zu denken.“
„Das kann ich gut verstehen. Ich hatte gehofft, dass ich nicht mehr so oft an ihn denken muss, als ich umzog. Mein Vater hat schließlich nie in diesem Haus gewohnt. Aber ich habe natürlich dieselben Möbel mitgenommen und ich habe sie sogar fast genauso aufgestellt, wie wir im Haus von der Eisenbahngesellschaft eingerichtet waren. Deshalb sehe ich ihn nach wie vor überall vor mir.“
Brandon nickte zustimmend. „Tut mir leid, dass ich nicht öfter vorbeigeschaut habe. Ich muss auch ständig an den Tod deines Vaters denken.“
„Ich weiß, dass du ihn sehr gerngehabt hast.“ Cassie versuchte, mit dem Messer ein Stück von dem Kotelett abzuschneiden, aber es gelang ihr nicht. „Könntest du mir bitte helfen?“
Brandon nahm ihr das Messer aus der Hand. „Entschuldige bitte. Ich hab mir keine Gedanken darüber gemacht, wie schwer sogar solche Kleinigkeiten für dich sein könnten.“ Er schnitt das Fleisch in mundgerechte Stücke und legte den Knochen an den Tellerrand. „Hier – so sollte es jetzt klappen. Brauchst du sonst noch etwas?“
„Nein, danke. Das hilft mir schon sehr.“ Vorsichtig nahm Cassie die Gabel in die Hand, aber dann zögerte sie kurz.
„Bist du dir immer noch sicher, dass Pancho Villa mit dem Tod meines Vaters nichts zu tun hatte?“
Diese Frage kam für Brandon überraschend. Er dachte an den Fremden, der den Ort des Unglücks beobachtet hatte. Dieser Mann hatte sich oben auf einem Hügel versteckt, aber er war trotzdem zu sehen gewesen. Bevor Brandon zu dem Versteck gelangen konnte, war der Unbekannte bereits entkommen. Er hatte aber Spuren hinterlassen.
„Ich weiß nicht, ob du alle anderen von Villas Unschuld überzeugen kannst.“ Cassie biss herzhaft in ein saftiges Stück Fleisch.
„Wir müssen jetzt nicht darüber reden. Du solltest in Ruhe essen und dann ins Bett gehen. Wenn du Hilfe dabei brauchst, dich bettfertig zu machen, bitte ich Myrtle, dass sie zu dir kommt. Aber ich möchte nicht, dass du jetzt deswegen einen Streit mit mir anfängst, nur weil du tapfer sein willst.“
Cassie kaute, schluckte den Bissen herunter und nickte zustimmend. „Das habe ich auch nicht vor.“
„Ach du meine Güte, Cassie, wie ist das denn passiert?“, rief Myrtle entsetzt aus. Gleich nach dem Gottesdienst war die Frau des Pastors auf Cassie zugeeilt. Wie eine fürsorgliche Glucke stieß sie leise, aufgeregte Laute aus. Cassie berichtete ihr, wie es zu dem Unfall gekommen war. Während sie noch erzählte, gesellten sich weitere Frauen aus der Gemeinde zu ihnen. „Brandon war mir eine große Hilfe. Er hat sogar die Jungs, die für den Unfall verantwortlich waren, zusammengetrommelt, und die haben versprochen, mir jede Woche den Lohn zu bezahlen, den ich jetzt nicht verdienen kann. Ich habe Brandon gesagt, dass ich ein bisschen Geld gespart habe und die Jungs mir nichts bezahlen müssen. Aber er meinte, diese Lektion müssten sie lernen. Hoffentlich sind sie in Zukunft vorsichtiger.“
„Jungs sind nun einmal so, aber ich kann Brandon nur zustimmen“, entgegnete Myrtle. „In dieser Stadt gibt es zu viele junge Männer, denen man erst mal Manieren beibringen muss. Manchmal sind sie einfach zu wild und rauflustig.“
„Ja, so ist die Jugend von heute“, meldete sich Sarah Arnold zu Wort.
„Mir geht nicht aus dem Kopf, dass Brandon dir so vorbildlich hilft“, rief Millie Lancaster mit lauter Stimme. „An dem Abend, als der Unfall passierte, kam Brandon ins Restaurant und hat für sie beide was zu essen geholt.“ Mit einem verschwörerischen Lächeln fuhr sie fort: „Vielleicht kann Cassie das harte Herz von Brandon erobern. Vielleicht wird aus den beiden noch ein Liebespaar.“
Mit einem unwilligen Kopfschütteln verdrehte Cassie die Augen. „Für so was bin ich zu alt.“
„Ich bin 44“, protestierte Sarah, „und ich hab erst vor einem Monat geheiratet. Für die Liebe und romantische Gefühle ist man nie zu alt.“
„Brandon ist für mich wie ein älterer Bruder. Für meinen Vater war er wie ein Sohn.“ Cassie konnte förmlich sehen, was in den Köpfen ihrer Freundinnen vorging. „Wir beide verschwenden keinen Gedanken an romantische Gefühle.“
„Aber das kann ja noch kommen“, erwiderte Millie schmunzelnd. „Vor allem dann, wenn man ein bisschen nachhilft.“
Auf diese Worte reagierte Cassie mit einem vehementen Kopfschütteln. Schlagartig verzog sie das Gesicht, als das dumpfe Pochen in ihrem Kopf zu einem stechenden Schmerz wurde. „Ich muss mich jetzt wirklich auf den Heimweg machen. Die Hand tut mir inzwischen furchtbar weh.“
„Du Ärmste“, bedauerte sie Myrtle. „Und mach dir keine Gedanken, wie du alleine zurechtkommen sollst, Cassie. Ich trommle die anderen Frauen zusammen und wir bringen dir jeden Tag was zu essen, bis du wieder ganz gesund bist. Wenn Brandon und die Jungs dir deinen Lohn ersetzen können, dann können wir wenigstens dafür sorgen, dass du nicht verhungerst. Wenn du noch irgendwas anderes brauchst, gib John oder mir einfach Bescheid.“
Mit einem schwachen Lächeln nickte Cassie der anderen Frau zu. Pastor John und seine Frau waren für sie und ihren Vater stets gute Freunde gewesen. Nach dem Tod ihres Vaters waren sie immer für sie da, sodass Cassie sich nie einsam fühlen musste.
„Danke. Ich bin ganz gerührt, dass ihr euch so lieb um mich kümmert.“ Cassie legte die rechte Hand schützend um ihr Handgelenk, als Myrtle zu ihr trat und sie umarmte.
„Wir sind doch eine Familie. Erinnerst du dich noch, was John in seiner Predigt bei der Beerdigung deines Vaters gesagt hat? Die Gemeinde ist kein Gebäude, sondern ein Leib. Die wahre Gemeinde setzt sich zusammen aus vielen Gliedern, wie ein Leib, und wir sind füreinander da, wenn ein Glied des Leibes in Not ist.“
Mit einem zustimmenden Nicken trat Cassie einen Schritt zurück. Ihre verletzte Hand schützte sie noch immer in ihrer anderen Hand. „Ja, ich erinnere mich noch gut an die Predigt und ich bin sehr froh, dass ich zu dieser Familie gehöre.“ Wie oft hatte sie erlebt, wie die ganze Gemeinde mobilisiert wurde, wenn jemand Hilfe brauchte. Cassie war beeindruckt, dass die Menschen in dieser kleinen Kirchengemeinde so fürsorglich aufeinander achteten und immer füreinander da waren.
„Heute Abend kommen wir mit dem Abendessen vorbei“, versprach Myrtle und ließ ihren Blick durch das Kirchengebäude schweifen. „Los jetzt, meine Damen, wir rufen die anderen Frauen zusammen und verschaffen uns erst mal einen Überblick.“ Sie klatschte in die Hände und ging mit Sarah und Millie im Schlepptau zu den anderen.
Langsam machte sich Cassie auf den Heimweg. Noch immer hielt sie ihre Hand umklammert. Obwohl sie die Schlinge trug, hatte sie das Gefühl, diesen zusätzlichen Schutz zu brauchen.
„Cassie!“
Die junge Frau drehte sich abrupt um und sah, wie Brandon mit schnellen Schritten auf sie zulief. In Gedanken fragte sie sich, wie Brandon wohl reagieren würde, wenn sie ihm erzählte, was die anderen Frauen über eine Liebesbeziehung gesagt hatten. Beinahe hätte sie deswegen losgekichert wie ein kleines Schulmädchen.
„Ich wünsche dir einen gesegneten Sonntag, Brandon“, sagte Cassie stattdessen.
„Das wünsche ich dir auch.“ Brandon blieb neben ihr stehen. „Ich wollte bloß kurz nach dir sehen und dich fragen, ob du noch was brauchst.“
„Ich brauche tatsächlich noch etwas. Erinnerst du dich noch, wie du erwähnt hast, dass Arnie Brennholz schlagen will?“ Brandon nickte zustimmend und Cassie sprach weiter: „Letzte Nacht war es ziemlich kühl. Vielleicht kannst du woanders eine Ladung Brennholz auftreiben, nur so viel, dass es reicht, bis Arnie dir Bescheid gibt, ob er für mich einen Klafter Holz schlagen kann.“
„Ich hab schon mit ihm geredet. Morgen geht er in die Berge und er hat gemeint, dass er für dich gerne Holz schlagen wird. Aber ich kann für dich einen Vorrat besorgen, damit du genug Brennholz hast, bis Arnie zurückkommt“, erwiderte Brandon, während er und Cassie sich langsam in Bewegung setzten. „Tut mir leid, dass du letzte Nacht frieren musstest.“
„Das war nur halb so schlimm. Ich hab einfach noch eine Decke auf das Bett gelegt. Es war nicht so einfach, aber ich hab es irgendwie hingekriegt. Es ist schon komisch, wenn mir Dinge, die für mich sonst selbstverständlich sind, plötzlich so schwerfallen.“
„Ich finde es gar nicht gut, wenn du allein bleibst. Was ist denn, wenn du wieder hinfällst? Oder wenn du beim Feuermachen Hilfe brauchst? Vielleicht sollte eine unverheiratete junge Frau bei dir wohnen, bis du wieder ganz gesund bist.“
„Ich komme schon zurecht, Brandon. Es ist gar nicht so schwer, mit einer Hand Feuer zu machen oder Wasser zu pumpen.“
„Wasser pumpen kommt überhaupt nicht infrage. Ich mache das gern für dich. Ich pumpe heute noch so viel, dass es bis morgen Abend reicht, und dann komme ich nach der Arbeit und pumpe dir noch mal einen Vorrat. Holz und Kohle kann ich dir auch bringen. Außerdem bring ich noch ein paar von den Jungs mit, die dich vom Bürgersteig gestoßen haben. Die können dir ruhig helfen.“
„Diese Jungs sind in Ordnung. Ich spüre das. Das Ganze hat ihnen wirklich sehr leidgetan.“
„Ja, das weiß ich, aber trotzdem müssen sie den Schaden wiedergutmachen, und zwar nicht nur mit Geld. Nur so erkennen sie, was sie mit ihrem Leichtsinn angerichtet haben und was für Folgen so etwas haben kann. Manchmal können wir das, was wir tun, nicht mehr rückgängig machen. Das ist eine bittere Lektion für uns, aber wenn wir unser Verhalten nicht ändern, machen wir immer wieder dieselben Fehler.“
„Du klingst ja beinahe wie ein Philosoph.“
Brandon fühlte sich offenbar überrumpelt und so wich er Cassies Blick aus. „Ich will bloß nicht, dass so was anderen auch passiert.“
Cassie wollte Brandon nicht verunsichern. „Das kann ich gut verstehen.“
Mittlerweile waren die beiden vor Cassies Häuschen angekommen.
„Was gibt es bei dir zum Mittagessen?“, wollte Brandon wissen.
„Ich weiß nicht so recht. Aber mach dir keine Gedanken – ich habe noch genug zu essen da. Wenn du mir das Holz holst, tust du mir schon einen großen Gefallen.“
Brandon nickte zustimmend und machte sich auf den Weg zurück zur Hauptstraße. „Das mach ich jetzt gleich. Bin bald wieder da.“
Cassie schenkte ihm ein kurzes Lächeln, dann ging sie ins Haus. Auf dem Küchenbüfett stand noch das Fläschchen mit dem Laudanum. Cassie überlegte ernsthaft, ob sie nicht ein paar Tropfen gegen ihre Schmerzen nehmen sollte.
Lieber nicht. Wenn ich mich kurz ausruhe, lässt der Schmerz bestimmt nach. Es ist besser, wenn ich das Medikament nicht nehme.
Cassie musste daran denken, wie furchtbar sie sich gefühlt hatte, als sie das Laudanum am Freitagabend eingenommen hatte. Ihr war davon ganz schwindlig geworden und sie hatte schreckliche Albträume. Es war zwar angenehm, die Schmerzen nicht mehr zu spüren, aber auf die Begleiterscheinungen des Medikaments konnte sie gerne verzichten.
Kaum hatte Cassie auf ihrem Schaukelstuhl Platz genommen, als es an der Haustür klopfte. Brandon konnte es nicht sein, denn mit einem Armvoll Holzscheite würde er einfach zur Tür hereinkommen. Auf dem Weg zur Haustür hob Cassie ihre unverletzte Hand, um ihre Haare zu ordnen, da merkte sie, dass sie noch nicht einmal ihren Strohhut abgenommen hatte.
Als Cassie die Fliegengittertür erreichte, sah sie, dass Pastor John vor ihrer Haustür stand. „Komm doch rein“, rief sie ihm zu.
„Myrtle hat mich geschickt. Sie wollte dich zum Mittagessen einladen, hat es dann aber vergessen, weil sie so intensiv damit beschäftigt war, deine künftigen Mahlzeiten zu planen, dass sie den heutigen Tag übersehen hat. Seit gestern Abend steht ein herrlicher Schmorbraten im Backofen und brutzelt langsam vor sich hin. Das sollte für uns alle reichen.“
„Ich hab mir gerade überlegt, was ich für Brandon und mich zubereiten könnte.“
„Brandon ist auch hier?“ Der Pastor ließ seinen Blick durch das Haus schweifen.
„Nein, er holt mir gerade ein bisschen Brennholz. Letzte Nacht war es ziemlich kalt und mein Holzvorrat ist aufgebraucht.“
