Wo die Liebe dich findet - Katy Turner - E-Book
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Wo die Liebe dich findet E-Book

Katy Turner

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Beschreibung

Das Herz macht, was es will!

Holly ist selbstbewusst und voller Energie, nur in der Liebe geht sie auf Nummer sicher – ein gebrochenes Herz tut einfach zu weh. Als die Tierärztin unverhofft in die schottischen Highlands versetzt wird, muss sie sich nicht nur an große Tiere gewöhnen, sondern auch an eigenwillige Dorfbewohner. Derart abgelenkt, vergisst sie auf ihr Herz aufzupassen. Und ehe Holly sich’s versieht, ist sie verliebt. In einen Mann, bei dem früher sämtliche Alarmglocken geschrillt hätten und der nun ihr Leben komplett auf den Kopf stellt ... 

Charmante Figuren vor der Traumkulisse Schottlands: der perfekte Feel-good-Roman für alle, die dringend eine Auszeit brauchen.

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Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

Eigentlich hatte sich Holly alles ganz anders vorgestellt: Statt in einer mondänen Kleintierpraxis als Tierärztin zu arbeiten, wird sie in ein Dorf an die schottische Küste versetzt und muss sich nicht nur mit erschreckend großen Tieren, sondern auch einem knurrigen Chef rumschlagen. Gut, dass ihr ihre Kollegen Chloe und Paolo zur Seite stehen, und ihr dabei helfen, die Höhen und Tiefen des Alltags zu meistern. Aber auch sie sind machtlos, als Hollys Herz, auf das sie doch so gut aufpassen wollte, plötzlich macht, was es will …

Über Katy Turner

Katy Turner arbeitete in einer Literaturagentur in London, bevor sie Lehrerin für Geschichte wurde. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern in Hampshire. »Wo die Liebe dich findet« ist ihr erster Roman.

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Katy Turner

Wo die Liebe dich findet

Roman

Aus dem Englischen von Marie Rahn

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Impressum

Wer von diesem wunderbaren Roman begeistert ist, liest auch ...

Für Jake

Kapitel 1

Kennt ihr das, wenn man denkt, es würde einem der Teppich unter den Füßen weggezogen? Genau so fühlte sich Holly gerade – wenn ihr Teppich nicht schon aufgerollt wäre, bereit in den Umzugswagen geladen zu werden.

»Ein Jahr in Schottland?«, wiederholte sie und schaute Judith ungläubig an.

»Das wird wie im Flug vergehen«, versicherte ihre neue Chefin. »Die Tierärztin, deren Stelle Sie übernehmen sollten, bleibt nun doch in Ascot und zieht erst nächstes Jahr nach Manchester. Dann wird die Stelle wieder für Sie frei.«

Holly ballte die Hand zur Faust, um vor lauter Frust nicht loszuschreien. Sie musste unbedingt weg aus London! Und bis vor fünf Minuten hatte sie auch gedacht, es würde klappen. Der neue Job bei VetCo in Ascott war die Antwort auf alles gewesen. Als ihre letzte Stelle in London so desaströs endete, hatte Judith, ihre ehemalige Dozentin und Mentorin an der Uni, sie, ohne zu zögern, für die Stelle in Ascot empfohlen. Es hatte einfach perfekt geklungen.

Als Holly nicht reagierte, fuhr Judith fort:«Außerdem ist Eastercraig einer der idyllischsten Orte auf den Britischen Inseln. Wirklich, ein kleines Paradies.«

Das mochte ja gut und schön sein, aber – das sah Holly, nachdem sie hastig eine Karte auf ihrem Laptop aufgerufen hatte – Eastercraig lag auch unendlich weit von Ascot entfernt, das heißt, eigentlich unendlich weit von allem, was man als Stadt bezeichnen konnte. Hilflos schaute sie sich im Zimmer um, in dem sich die Kistentürme, die ihre gesamte Habe enthielten, stapelten.

»Aber ich wollte doch nächste Woche bei Ihnen anfangen. Und direkt loslegen …« Holly bemühte sich krampfhaft, ihre Fassung nicht zu verlieren. »Außerdem … habe ich schon alles für den Umzug gepackt.«

Sie biss sich auf die Unterlippe. Ob mit oder ohne Teppich: Ihr wurde der Boden unter den Füßen weggerissen. Als vor zehn Minuten ihre neue Chefin anrief, hatte sie ein paar freundliche Tipps erwartet. Stattdessen wurde ihr eröffnet, dass sie nicht in der höchst angesehenen VetCo Ascot in Berkshire arbeiten sollte, sondern dass sie in ein entlegenes Kaff in den Highlands verfrachtet wurde, von dem sie noch nie gehört hatte. Für ein ganzes Jahr.

»Ich habe Ihnen gerade den Vertrag gemailt. Sie müssen Ihn nur ausdrucken, unterschreiben und eingescannt wieder zurückschicken«, sagte Judith.

Holly verfluchte sich. Den Vertrag. Bisher hatte sie noch gar nicht offiziell bei VetCo unterschrieben, aber fest geglaubt, dass das nur eine reine Formsache sei.

Dabei war es nicht das erste Mal, dass sie glaubte, eine Stelle wäre ihr sicher, die ihr dann doch durch die Lappen ging. Wie dumm von ihr! Sie hatte einfach so dringend aus London weggewollt, dass sie alle Vorsicht vergessen hatte.

Schweigen. Als Judith wieder zu sprechen begann, klang sie herzlich, aber entschieden. »Ich weiß, es kommt ein wenig überraschend. Aber zu Ihrer Stelle gehört ein vollständig möbliertes Cottage. Wir können alles, was Sie nicht mitnehmen wollen, hier solange in einem Nebengebäude einlagern. Und Sie sagten ja, Sie hätten seit der Uni nicht mehr mit größeren Tieren gearbeitet. Da dachte ich, Sie würden sich über die Gelegenheit freuen, bevor Sie hier anfangen.«

Holly schnappte nach Luft. »Ich dachte, es ginge um den Kleintierbereich der Praxis.«

»Holly, meine Liebe, die Stelle ist für eine leitende Tierärztin ausgeschrieben, und eine leitende Tierärztin muss alles aus dem Effeff beherrschen. Ein Empfehlungsschreiben oder ein gutes Zeugnis wird Wunder wirken, wenn die Stelle in Ascot wieder frei wird. Außerdem handelt es sich bei der Stelle in Eastercraig um einen Gefallen für einen alten Studienfreund. Seine letzte Assistentin ist unerwartet gegangen, und er braucht kurzfristig Ersatz.«

Holly schloss kurz die Augen. Im Grunde bleib ihr nichts anderes übrig, als die Stelle anzunehmen. »Tja, vielleicht wird es ja ganz nett«, presste sie hervor.

»In Ihrer Bewerbung haben Sie geschrieben, Ihnen würden Herausforderungen liegen.«

Verdammt! Jetzt wurden ihre eigenen Argumente gegen sie verwendet! »Das stimmt auch. Aber …«

»Und da steht, Sie wären gern in der freien Natur.«

»Auch das stimmt. Nur …«

»Dann werden Sie Eastercraig lieben! Soll ich Hugh Bescheid geben, dass Sie nächste Woche anfangen können?«, fragte Judith.

»Ja, schon.« Holly versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Schließlich war ein Job ein Job. Und das Wichtigste war, dass sie aus London wegkam. »Danke, Judith. Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen.«

»Tut mir leid, dass ich Sie so überrumpelt habe, umso besser, dass sich alles so gut fügt. Ich freue mich darauf, Sie nächstes Jahr zu sehen, melde mich aber hin und wieder mal, um zu fragen, wie es in Eastercraig läuft. Es war sehr schön, mit Ihnen zu sprechen, Holly. Einen angenehmen Abend noch.«

Sehr schön? So hätte Holly ihr Gespräch nicht gerade bezeichnet. Was sollte sie jetzt bloß machen? Ihr Selbstvertrauen war am Boden.

Nachdem Judith aufgelegt hatte, blieb Holly starr vor Schock auf ihrem Bett sitzen. Sie schloss die Augen und versuchte, die Neuigkeiten zu verdauen. Sie würde bald in Schottland leben, auf dem Land. Sie würde nicht mit Kleintieren arbeiten, mit denen sie sich auskannte, sondern mit Farmtieren, wovon sie wirklich keine Ahnung hatte. Sie bekam nicht den heiß begehrten Job in einer erfolgreichen Tierklinik, auf den sie sich gefreut hatte, sondern einen, vor dem ihre Vorgängerin anscheinend die Flucht ergriffen hatte.

Sie war sich so sicher gewesen, alles unter Kontrolle zu haben. Doch sie hatte sich geirrt, und zwar gründlich. Sie warf erneut einen Blick auf die Landkarte.

Eastercraig lag wirklich am Ende der Welt. Am hintersten Ende der Welt. Obwohl ihr nach dem demütigenden Fiasko mit ihrem letzten Job ein bisschen Distanz – nein, kein bisschen, sondern verdammt viel räumliche Distanz – guttun würde. Also war Eastercraig vielleicht doch kein schlechter Plan.

Und so fand sich Holly Anderson an einem eisig kalten Tag im Januar in Eastercraig wieder. Die MacDougal-Tierarztpraxis im Rücken, blickte sie aufs Meer und fragte sich, wie kalt das Wasser war. Frisch wäre wohl stark untertrieben, dachte sie, dennoch spürte sie den Drang, sich ins Wasser zu stürzen. Denn als sie erst einmal den Schock überwunden hatte, für so lange Zeit in den Norden verbannt worden zu sein, hatte sie beschlossen, das Beste aus dieser Erfahrung zu machen.

Am Tag zuvor war sie mit dem Wagen von London her gefahren, hatte bei Freunden in Edinburgh übernachtet und war früh aufgebrochen, um noch am Vormittag in Eastercraig anzukommen. Als sie die Lowlands hinter sich ließ, wurden aus den Schnellstraßen schmale, gewundene Landstraßen

Nachdem sie sich schließlich ihren Weg über gewundene Passstraßen durch Heidemoor und dunkle Nadelwälder gebahnt hatte, war sie einen weit gestreckten Hügel hinuntergefahren und an der Küste gelandet. Sie stellte ihren Wagen auf dem öffentlichen Parkplatz von Eastercraig ab und spazierte über einen breiten Fußweg neben der Hauptstraße am Ufer entlang.

Da war die Nordsee, so friedlich, wie sie nur sein konnte. Die Wasseroberfläche war fast glatt bis auf eine sanfte Dünung, die die Fischerboote am anderen Ende des Hafens sanft hin und her wiegte. Am strahlend blauen Himmel wurden ein paar vereinzelte bauschige Wolken kaum merklich von der leichten Brise bewegt. Holly holte tief Luft und atmete die stechend kalte Meeresluft ein, die im Vergleich zum Großstadtsmog erfrischend salzig schmeckte.

Sie zog ihren Mantel enger um sich. Hinter ihr lag die Stadt selbst – wenn es denn eine Stadt war, denn sie wirkte nicht besonders groß. Eher wie ein größeres Dorf. Jedenfalls war es etwas ganz anderes als Milton Keynes, wo sie aufgewachsen war. Oder London, wo sie die letzten Jahre verbracht hatte. Oder auch Ascot, wo sie hatte arbeiten wollen. »Zum Teufel mit Ascot«, sagte sie laut.

Eastercraig sah tatsächlich aus wie ein kleines Paradies, das musste sie Judith lassen. Es war unglaublich hübsch, geradezu pittoresk mit seinen weiß getünchten Cottages und einigen stattlichen Sandsteinhäusern. Die Uferpromenade säumten Reihenhäuser in allen Farben des Regenbogens, und am Ende des Hafens sah sie einen Pub, einen Gemischtwarenladen, eine Apotheke und ein Café mit Pyramiden aus Gebäck in der Auslage. Beim Anblick von Kuchen und Teilchen war sie gleich nicht mehr so unglücklich über ihre unerwartete Verbannung nach Schottland.

Offiziell war Hollys erster Arbeitstag erst am Montag, doch sie hatte vor dem Wochenende ankommen wollen, um ihre Mitarbeiter und die Umgebung kennenzulernen. Sie hatte geplant, sofort nach dem Auspacken ihre Joggingklamotten anzuziehen und eine lange Runde zu laufen. Und wenn das Wetter am Wochenende es zuließ, doch würde sie ihr Standup-Board nehmen, an der Küste entlangpaddeln und vielleicht sogar die eine oder andere Seerobbe sichten. Hauptsache irgendwas tun.

Sie drehte sich um und beäugte nervös die Praxis. Judith hatte ihr nur eine kurze E‑Mail von Hugh weitergeleitet, in der er schrieb, wann sie in Eastercraig anfangen sollte und wo sich die Praxis befand, aber ansonsten wusste Holly rein gar nichts. Ihr Magen schlug einen Purzelbaum.

Sie holte tief Luft und redete sich ein, dass es keinen Grund gab, Angst zu haben. Sie war eine gute Tierärztin. Sie kannte sich aus. Und was sie nicht wusste, würde sie lernen, oder nicht? So lang war es auch nicht her, dass sie zur Uni gegangen war! Die meiste Zeit würde sie Kleintiere behandeln, und vielleicht war Hugh bereit, die Aufgaben so aufzuteilen, dass er zu den Farmen fuhr und sie in der Praxis blieb. Allerdings ging es bei ihrem Empfehlungsschreiben darum, dass sie umfassende Erfahrungen hatte. Sie spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte.

Mit einem Anflug ihres alten Selbstvertrauens beschloss sie, es endlich hinter sich zu bringen. Sie straffte die Schultern und marschierte mit hoch erhobenem Kopf über die Straße zur Praxis. Als sie die Tür aufdrückte, ertönte eine Klingel, und eine hübsche Brünette mit leuchtend rosa Lippenstift blickte von der Empfangstheke auf.

»Guten Morgen, kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie mit lustigem Highlander-Akzent. Erwartungsvoll lächelte die junge Frau sie an. Holly schaute sich um. Der Empfangsbereich wirkte ziemlich schäbig, von der abblätternden Farbe an den Wänden bis zu den Sofas, aus denen an einigen Stellen schon die Füllung herausquoll. Erneut überkam Holly ein Anflug von Panik. Wurde sie überhaupt erwartet?

»Ich bin Holly Anderson. Die neue Tierärztin?«

Das klang eher wie eine Frage. Diesmal war die Welle der Panik noch größer. Wo war bloß ihre Entschlossenheit geblieben?

Die junge Frau strahlte, stand auf und bot ihr die Hand. »Chloe MacKenzie-Ling, Empfangskraft. Wir haben Sie schon erwartet.«

Erleichtert atmete Holly auf, ergriff Chloes Hand und schüttelte sie. »Schön, Sie kennenzulernen. Ich wollte nur kurz vorbeischauen und ›Hallo‹ sagen. Außerdem haben Sie meinen Hausschlüssel, oder?«

Chloe wühlte in einer Schublade und holte einen Umschlag heraus. »Genau. Es ist direkt hier an der Uferpromenade: Sea Spray, das hübsche blaue Haus mit der Bank davor. Ich bin echt neidisch. Fabien hat es erst vor Kurzem renoviert. Handbemalte Fliesen, Armaturen aus antikem Messing, neutrale, aber nicht zu neutrale Einrichtung. Kann ich mir’s mal ansehen, wenn Sie sich eingelebt haben?«

Holly schwirrte der Kopf, aber sie wollte unbedingt ein paar Freunde finden. »Natürlich, kommen Sie doch gleich dieses Wochenende auf einen Tee vorbei. Ich hab sonst nichts vor.«

Chloe kritzelte etwas auf einen Notizzettel. »Gern. Hier ist meine Nummer.«

Holly fragte sich gerade, was sie wohl im Cottage erwarten würde, als sich eine Tür öffnete und ein Mann mit dichten schwarzen Locken und blitzenden braunen Augen vor ihr stand. Er zog sich den Praxiskittel straff, lehnte sich an den Empfangstisch und verschränkte die Arme.

»Ah – die Neue«, bemerkte er und zog eine Augenbraue hoch. »Was machen wir denn jetzt mit Ihnen? Direkt an die Einheimischen verfüttern?«

Was? Mit so einer spontanen Abneigung hatte sie nicht gerechnet. Holly spürte, wie ihr vor lauter Nervosität die Finger prickelten.

»Sei nicht so gemein«, sagte Chloe und warf dem Mann einen mahnenden Blick zu. »Das ist Paolo Rossini, unser Arzthelfer«, stellte sie ihn dann vor.

Paolo steckte glucksend die Hände in seine Taschen. »War nur ein Spaß. Weil ich mich freue, dass jetzt ein anderer der Neue ist. Ich musste vierzehn Monate lang verstohlene Blicke und unverhohlenes Getuschel ertragen. Aber jetzt sind Sie hier und werden das öffentliche Interesse auf sich ziehen. Schon allein, weil Sie aussehen, als kämen Sie direkt aus einem Wikingerboot in einer nordischen Heldensage.«

Holly bemerkte kaum noch, wenn sich die Leute nach ihr umdrehten: Daran hatte sie sich schon vor Jahren gewöhnt. Dabei kam es ziemlich oft vor. Mit ihren eins achtzig überragte sie ihre zukünftigen Kollegen um einiges. Außerdem hatte sie eine wilde blonde Mähne, die sie in einem unordentlichen Zopf trug, und leuchtend blaue Augen. Paolo hatte also recht: Mit Tunika und Harnisch hätte sie eine überzeugende Wikingerin abgegeben.

»Das nehme ich mal als Kompliment«, sagte sie.

»Aye«, nickte er. »War auch so gemeint. Außerdem werden Tierärzte von allen geliebt.«

»Na dann hoffe ich mal, dass Sie recht haben und mich keiner mit einer Mistgabel davonjagt«, erwiderte Holly, und Paolo grinste.

»Sie wollen bestimmt erst mal auspacken, aber hätten Sie vielleicht Lust, heute Abend mit uns in den Pub zu gehen?«, erkundigte sich Chloe.

»Im Ernst?« Holly war dankbar für die Einladung und den Themenwechsel. »Ja, gern!«

»Wir sind gegen acht da«, erklärte Paolo. »Umziehen ist unnötig, Jeans und Pullover reichen völlig. Falls Sie sich gefragt haben, was Sie anziehen sollen. Wo Sie doch aus der Stadt kommen und so weiter. Bloß nicht aufbrezeln, sonst würden Sie auffallen wie ein bunter Hund.«

Holly blickte an sich herunter: alter Pulli und Skinny Jeans. »In den Klamotten wohne ich. Sind die gut genug?«

»Perfekt«, nickte Chloe.

»Dann sehen wir uns später«, sagte Holly. Sie wollte schon gehen, drehte sich in der letzten Sekunde aber noch mal um. »Moment: Ist Hugh da?«

»Nein, er ist heute in Ullapool, alle vierzehn Tage operiert er dort«, erklärte Chloe. »Ich glaube, er wollte am Montag die Termine so aufteilen, dass Sie die Umgebung kennenlernen. Sie werden ihn dann treffen.«

»Toll. Ich freue mich schon drauf«, sagte Holly. »Bis später.«

Kaum war sie aus der Tür, stieß sie vor lauter Erleichterung einen Riesenseufzer aus.

Vor ihrem inneren Auge tauchte VetCo Ascot mit dem imposanten Vestibül und den automatischen Türen auf. Bei diesem Anblick hatte sie geglaubt, die Zukunft, für die sie so lange geschuftet hatte, läge in greifbarer Nähe. Aber die schäbige Praxis hier gab ihr das Gefühl, einen Riesenschritt rückwärts gemacht zu haben. Hör auf, ermahnte sie sich selbst, man sollte ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen. Schließlich ging es nicht nur darum, wie schick die Praxis daherkam, sondern es kam auch darauf an, wie sympathisch ihre Kollegen waren.

Und jetzt, wo sie Chloe und Paolo kennengelernt hatte, lösten sich die Ängste und Zweifel, die ihr Hirn vernebelt hatten, langsam auf. Die beiden waren so freundlich gewesen. Und ein Besuch im Pub schon am ersten Abend würde ihr alle nötigen Informationen über ihre neue Heimat liefern.

In der Praxis sah Chloe Paolo fragend an.

»Und, wie findest du sie?«, fragte sie, kaum dass Holly ins Freie getreten war.

»Groß«, antwortete Paolo.

»Nein, jetzt mal im Ernst. Komm schon!«

Paolo ließ sich auf einen der Stühle im Warteraum sinken und streckte die Beine aus. »Keine Ahnung! Wir können sie später im Anchor in die Mangel nehmen.«

Bevor Paolo noch etwas hinzufügen konnte, wurde er vom Telefon unterbrochen. Es klingelte zweimal, dann hob Chloe den Hörer ab.

»Tierarztpraxis MacDougal, Chloe am Apparat …«, sagte sie ihr Sprüchlein auf. Sie hatte es so perfektioniert, dass sie gleichzeitig professionell, aber auch kleines bisschen sexy klang. Wie eine schottische Marilyn Monroe.

Die schroffe Stimme am anderen Ende war unverkennbar.

»Hey Chlo! Wollte kurz nachfragen, ob Hugh nächste Woche vorbeikommt. Hab’s nicht notiert.«

»Angus! Ehrlich, du brauchst einen Terminkalender«, sagte Chloe und wechselte nahtlos in ihre normale Sprechweise.

Als sie kurz zu Paolo schaute, sah sie, dass er ihr einen vielsagenden Blick zuwarf, dann wild gestikulierte, als wollte er sagen Los, mach schon. Chloe spürte, wie ihre Hände feucht wurden, während sie fahrig den Terminkalender im Computer aufrief. Der verdammte Paolo! Jetzt sah er, wie flusig sie wurde, bloß weil Angus anrief!

»Ich schau mal nach.« Sie blickte wieder zu Paolo, der so wilde Bewegungen machte wie ein Dirigent beim dramatischen Höhepunkt einer Symphonie. »Wie geht es denn, Angus? Bist du später im Pub?«

Damit erntete sie zwei erhobene Daumen und ein Zwinkern von Paolo. Chloe biss sich auf die Unterlippe, während sie auf die Antwort wartete.

»Kann sein.«

»Wir bringen die neue Tierärztin mit.«

»Aye.«

Chloe wusste nicht, was sie sonst noch sagen sollte. Angus war nicht gerade der redseligste Mann in Eastercraig. Nicht im Entferntesten. Und mit dieser einen Silbe hatte er das Gespräch beendet. Im Keim erstickt. Chloe unterdrückte einen Seufzer und fuhr geschäftsmäßig fort: »Hugh kommt am Montag zu dir. Nach dem Mittagessen.«

»Danke, Chlo. Bis später.«

»Bye, Angus«, sagte sie und fragte sich, ob er die Sehnsucht in ihrer Stimme bemerkte.

Sie legte auf und presste stöhnend die Hände auf ihre heißen Wangen. Eines Tages würde sie ihre innere Holly Golightly heraufbeschwören und ein Feuerwerk an Selbstbewusstsein sein. Aber im Moment fühlte sie sich nur wie ein rot leuchtender Leitpfosten.

»Tja, das war ein Reinfall«, sagte sie dann und zog die Stirn kraus.

»Kommt er in den Pub?«, erkundigte sich Paolo.

»Vielleicht. Er klang nicht, als wäre die Aussicht, mich zu sehen, besonders verlockend.«

»Du musst aggressiver vorgehen, Chloe.«

Chloe starrte ihn böse an. Es gab niemanden, der weniger aggressiv war als sie: Sie war so unaggressiv wie ein Siebenschläfer. Auch wenn Paolo sie anfeuerte, fiel es ihr schwer, nicht zu resignieren, wenn derjenige, mit dem man am Liebsten ein echtes, bedeutsames Gespräch führen wollte, ein Mann so weniger Worte war.

»Danke, dass du mein Cheerleader bist«, brachte sie hervor. »Aber vielleicht sollte ich weiterziehen.«

»Weiterziehen? Du bist ja nicht mal gelandet!«

Das war schmerzlich, aber leider wahr.

»Musst du dich nicht um irgendwelche Tiere kümmern?«

Paolo grinste. Sie lächelte matt, weil sie dankbar war, dass er sie unterstützen wollte, obwohl sie ans Aufgeben dachte.

»Hoch mit dir! Los! Ich meine zu hören, dass Tiddles nach dir ruft«, fuhr sie fort. »Es ist Zeit für seine Tropfen.«

»Schon gut, ich habe verstanden.« Paolo stand auf und wedelte mit zwei imaginären Pompons. »Sei aggressiv, sei aggressiv«, stimmte er an.

Chloe sah ihm nach, als er in den hinteren Bereich der Praxis tänzelte. Wenn es doch nur gereicht hätte, sich ein paar Mantras aufzusagen!

Kapitel 2

Immerhin war Sea Spray ein Lichtblick. Das hübsche Cottage wirkte, als wäre es einem Einrichtungsmagazin entsprungen. Holly wollte am liebsten zu Hause bleiben und es sich vor dem Kamin gemütlich machen, aber das wäre ungesellig.

Nach dem Auspacken zog sie sich gegen die Kälte ihren langen Daunenmantel an und ging an der Uferpromenade entlang bis zum Pub, der The Anchor hieß. In der Dunkelheit konnte sie nur die Schaumkronen der Wellen sehen, die gegen die Kaimauer schlugen. Von außen war The Anchor eher nichtssagend, aber innen herrschte eine gemütliche, trubelige Atmosphäre. Die Wände waren mit Fischernetzen dekoriert, von der Decke hingen Bojen, und das Stimmengewirr war für Holly wegen des ausgeprägten Akzents vollkommen unverständlich.

Paolo winkte sie zu einem kleinen Ecktisch und stürzte sich sofort in eine Unterhaltung, ihm schien daran zu liegen, sie möglichst schnell kennenzulernen.

»Wir überlegen gerade, wie wir uns dir am besten vorstellen. Du hast doch nichts dagegen, wenn wir uns duzen, oder? Und wir haben beschlossen, dass Chloe mich beschreibt und ich Chloe«, verkündete er und goss Holly ein gefährlich großes Glas Wein ein. »Mit einer Mischung aus Fakten und Meinungen.«

»Halt mal! Meinungen? Dann bleib aber nett«, unterbrach ihn Chloe.

»Bin ich das nicht immer?«, konterte Paolo.

»Du tust immer nur so unschuldig, aber wehe du verrätst meine dunklen Geheimnisse.«

Holly zog eine Augenbraue hoch. »Hast du denn viele?«

Chloe schüttelte den Kopf. »Nein. Eigentlich nicht.«

Paolo hob mahnend die Hand. »Hallo, nicht den Fokus verlieren, Leute! Du zuerst, Chloe. Du darfst Holly über mich erzählen, was du willst. Ich habe nichts zu verbergen.«

»Seine besten Attribute«, setzte Chloe an, »sind: besonnen, großzügig und geistreich. Allerdings möchte man nicht das Opfer seiner grausameren Witze werden.«

»Ach, du bist eine Mimose«, erwiderte Paolo, »aber im besten Sinne. Und du riechst genauso gut wie eine Blume. Außerdem liebt Chloe altes Zeug, vor allem alte Filme und alte Klamotten, in denen sie sehr schön aussieht.«

»Danke, Rossini – aber du bist auch nicht gerade verlottert«, gab Chloe zurück. »Im Gegenteil, unser Paolo ist ziemlich penibel. Geschniegelt und gestriegelt, obwohl die Uniform hier in der Gegend eigentlich aus wollenen Pullovern und Socken besteht, die schon vor Jahrzehnten in den Müll gehört hätten.«

»Aber Jeans tragt ihr beide nicht«, bemerkte Holly.

Sie hatte sich, wie angewiesen, nicht umgezogen, aber Paolo hatte seine Praxiskluft gegen Kleider eingetauscht, die an einen französischen Landadligen erinnerten, mit Weste und Halstuch. Chloe trug noch dasselbe wie in der Praxis: ein tailliertes Blümchenkleid mit Gürtel.

»Aye. Chloe besitzt keine Hosen. Und ich trage keine Jeans«, erklärte Paolo. »Wir haben unsere Standards.«

»Moment mal«, protestierte Holly und wies auf ihr Outfit, in dem sie sich jetzt ein bisschen schlampig vorkam. »Ihr habt doch gesagt, das wäre in Ordnung!«

»Ist es auch. Du solltest nur nicht den Eindruck kriegen, du müsstest ein Schlauchkleid mit hohen Schuhen anziehen«, sagte Paolo.

»Sehe ich so aus, als würde ich so etwas tragen?«, fragte Holly.

»Eigentlich nicht«, antwortete Chloe. »Aber man weiß ja nie.«

»Und dann kommst du rein, und plötzlich wird es im ganzen Pub still – ganz still, und du verspürst mit einem Mal den Drang, auf der Stelle zu verschwinden. Zum Beispiel zurück nach Aberdeen«, fuhr Paolo fort.

»Okay. Zur Kenntnis genommen«, nickte Holly. »Eine Schande aber auch! Dann muss ich das Schlauchkleid im Schrank lassen.«

Chloe riss die Augen auf. »Aber du hast doch gesagt … Wir wollten dich nicht kränken.«

»Reingefallen«, grinste Holly. »Ich besitze nur zwei Kleider, und die sehen höchst selten das Tageslicht.«

Paolo lächelte, und Chloe seufzte erleichtert.

Nachdem Holly die nächste Flasche besorgt hatte, stellte sie das Tablett auf dem Tisch ab und schenkte ein. Wie empfohlen hatte sie sich Mhairi vorgestellt, der Wirtin, einer Frau in den Vierzigern, die große Tattoos auf den Armen und wilde Rosenranken auf dem Dekolleté trug und dazu mindestens sechs Ohrringe auf jeder Seite. Paolo hatte gesagt, mit Mhairi müsse man sich gut stellen, denn dies sei der einzige Pub im Ort.

»Übrigens, ist Eastercraig eine Stadt?«, erkundigte sich Holly. »Besonders groß ist es ja nicht.«

»Oh, aye.« Chloe nickte eifrig. »Die besten Dinge kommen in kleinen Päckchen, und Eastercraig ist winzig. Aber trotzdem eine Stadt.«

Bislang fand Holly ihre Kollegen und ihr munteres Geplauder sehr sympathisch. Sie bestärkten sie in der Hoffnung, die Atmosphäre in der Praxis würde angenehm sein. Wenn Hugh ähnlich nett war, würde die Arbeit das reinste Vergnügen werden. Sie merkte, wie sie sich mehr und mehr entspannte. Aber vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass sie bereits bei ihrer zweiten Flasche Weißwein waren.

»Besten Dank«, sagte Paolo und hob sein Glas. »Und? Wie findest du das Haus?«

»Perfekt«, erwiderte Holly und dachte an das schlichte, helle Interieur von Sea Spray, das ihrem Ordnungssinn entsprach. »Die untere Etage ist offen gehalten, mit einer hübschen neuen Küche und einem gemütlichen Sofa mit Blick aufs Meer. Oben unter dem Dach gibt es ein großes Schlafzimmer und ein kleines Bad mit Dusche. Aber das Beste ist, dass im Schlafzimmer eine große weiße Badewanne direkt am Fenster steht, so dass man baden und gleichzeitig das Meer betrachten kann.«

Sie hatte großes Glück gehabt. Ihr neues Zuhause, ein winziges Fischerhäuschen in einer langen Reihe ähnlich gestalteter Cottages, war nur etwa vier Minuten von der Praxis entfernt. Vor lauter Begeisterung hatte sie ein paar Fotos für ihre Freunde in London gemacht und eines sogar an ihre eigenwillige Mutter geschickt.

Paolo drückte seine Hand aufs Herz. »Dieser verdammte Fabien.«

Holly blickte ihn an. »Diesen Namen höre ich jetzt schon zum zweiten Mal. Was ist los mit ihm? Wer ist er, und wieso hat er ein so tolles Haus aufgegeben?«

»Er war Paolos große Liebe«, erklärte Chloe und legte Paolo die Hand auf den Arm.

Der runzelte die Stirn. »Bis er einfach so abgehauen ist, der kleine Schisser. Ich bemühe mich zwar, es nicht persönlich zu nehmen, aber es fällt mir schwer.«

»Wart ihr zusammen?«, fragte Holly.

»Fabien und ich hatten eine Beziehung. Oder eine Affäre, ich weiß es nicht. Aber kaum einer in Eastercraig wusste davon, also erzähl’s nicht weiter.«

Chloe lehnte sich vor. »Ihr beide hattet definitiv eine Beziehung, Paolo, auch wenn sie nur ein paar Monate dauerte. Aber es war schwierig, weil Fabien, so toll er auch ist, sich gegenüber seinen sehr konservativen Eltern nie geoutet hat. Anstatt endlich den Mut aufzubringen, ihnen Paolo vorzustellen, hat Fabe die Beziehung beendet und sich verpflichtet, für zwei Jahre in einer Schweizer Bank zu arbeiten. In der Schweiz.«

»Wo er lauter tolle Typen aus aller Welt trifft, die nur Maßanzüge tragen. Außerdem ist er ganz weit weg von den wachsamen Blicken seiner Heimatstadt«, bemerkte Paolo.

»Du triffst bestimmt auch noch den Richtigen«, sagte Holly betont munter. »Wie ist die Schwulenszene in Eastercraig denn so?«

»Sie sitzt vor dir«, erwiderte Paolo. »Ich bin die ganze Szene. Welch ein Klischee!«

»Paolo ist deswegen ziemlich geknickt«, sagte Chloe. »Aber schau dich um, Holly: Alle Typen sind hier hundertprozentig hetero.«

Während Holly mit dem Blick den Pub überflog, fragte Paolo: »Lasst uns das Thema wechseln. Was ist mit dir, Holly? Hast du jemanden in London?«

»Nein. Ich interessiere mich nicht für Männer«, erwiderte sie.

Sofort schien Paolo sein Elend zu vergessen, denn seine Miene hellte sich auf. »Was? Dann können wir gemeinsam die Schwulen- und Lesbenszene vertreten und Eastercraig übernehmen.«

»Für Frauen auch nicht«, schob sie nach.

Chloe neigte den Kopf zur Seite. »Du stehst auf niemanden? Oder willst du nicht verkuppelt werden?«

»Was? Nein. Keins von beidem. Ich bin momentan nur nicht auf der Suche.«

Sowohl Paolo als auch Chloe wirkten betroffen, wenn auch wohl aus unterschiedlichen Gründen.

»Ich will keinen Freund«, erklärte Holly. »Bevor ich mich binde, will ich Karriere machen.«

Diese Begründung musste erst mal reichen. Sie wollte sie nicht mit ihrer Lebensgeschichte belasten. Jedenfalls nicht mit den unschönen Details.

Paolo beugte sich verschwörerisch zu ihr. »Aber man kann doch beides haben.«

Holly nickte. »Ich weiß, aber ich hab’s oft genug gesehen: Man verliebt sich, man verliert sein Ziel aus den Augen, man endet mit einem gebrochenen Herzen. Und gerät dadurch noch mehr ins Trudeln. Ich habe zu hart gearbeitet, um das zu verlieren, was ich bislang erreicht habe. Außerdem ist es schwer, jemanden zu finden, wenn man aussieht, als käme man direkt aus einer nordischen Heldensage.«

»Das habe ich als Kompliment gemeint!«, protestierte Paolo, worauf Holly ihm beschwichtigend zulächelte.

»Wie wär’s dann mit einer kleinen Affäre?«, schlug Chloe vor, und ihre Augen blitzten vor Vergnügen. »Ich kenne hier jeden. Sag mir, worauf du stehst, dann arrangiere ich was.«

»Ich glaube, eine Affäre will ich auch nicht«, erwiderte Holly und rutschte unbehaglich auf ihrem Sitz hin und her.

»Was denn!«, warf Paolo ein. »Du bist für ein Jahr hier! Ich könnte dir einen der Fischer vorstellen. Sie sind echt sexy.«

»Herrgott, Paolo«, sagte Chloe mit gespieltem Entsetzen. »Du machst ihr ja Angst!«

»Warum?«, wehrte sich Paolo. »Du kannst ihn ja schnell wieder vom Haken lassen.«

»Gott, jetzt auch noch Wortspiele?«, stöhnte Holly.

»Ja, gut, oder?«, erwiderte Paolo.

»Danke für das Angebot. Aber momentan komme ich klar.«

Sie konnte wirklich keine Ablenkungen gebrauchen. Sie musste sich auf die Arbeit konzentrieren. In ihrer Jugend war das Geld immer knapp gewesen, und sie wollte sich einfach keine Sorgen mehr über fehlende Rücklagen machen. Männer brachten einen doch bloß vom Kurs ab. Dazu musste man sich nur ihre Mum anschauen. Holly liebte ihre Mutter, aber was Männer betraf, so war Jackie Anderson eine Pandora in Stilettos, die nur Chaos und Zerstörung hinterließ. Sollte Holly bei einer Beziehung und deren zwangsläufigem Ende auch nur ansatzweise wie ihre Mutter sein, dann wäre ihr Schicksal besiegelt.

Seit Holly denken konnte, hatte Jackie eine Beziehung nach der nächsten in den Sand gesetzt. In ihrer Kindheit hatten sich die Liebhaber die Klinke in die Hand gegeben, ihre Mutter war die verkörperte Verantwortungslosigkeit, und ihre Beziehungen waren von Anfang an dem Untergang geweiht. Manche waren friedlich beendet worden, dann winkten die Liebhaber ihr noch freundlich zu, bevor sie verschwanden. Andere lieferten sich Rückzugsschlachten mit gemeinen Anschuldigungen und ohrenbetäubendem Geschrei. Und der schlimmste … Nein, daran wollte Holly jetzt nicht denken.

Sobald sie sich ein finanzielles Polster geschaffen hatte, würde sie über eine Beziehung nachdenken. Aber bis dahin hatte sie die Absicht, sich vom anderen Geschlecht fernzuhalten.

»Sag Bescheid, wenn du es dir anders überlegst«, bemerkte Chloe. »Dann ziehe ich dir einen Fisch an Land.«

Holly grinste. »Petri Heil«, gab sie zurück.

»Siehst du, du kannst schon mit den Besten mithalten. Du bist zwar gerade erst angekommen, aber ich bin mir schon jetzt sicher, dass du perfekt hierher passt«, sagte Paolo und hob eine Hand. »High Five? Ganz ohne Ironie?«

Holly tat ihm den Gefallen. Paolo hatte recht. Sie war erst seit wenigen Stunden in Eastercraig, glaubte aber, dass sie klarkommen würde. Mehr als das, wenn sie ehrlich war.

»Danke«, sagte sie. »Heeey, wer ist das denn?« Chloe starrte wie hypnotisiert auf jemanden, der gerade in der Tür erschienen war.

Paolo wandte sich um. »Na, wenn der schwul wäre, würde ich zu einer Affäre nicht Nein sagen.«

Holly betrachtete den Neuankömmling. Er war groß und muskulös, hatte einen kantigen Kiefer, einen wilden Haarschopf und dunkelbraune Augen. Mit einer schmutzigen Wachsjacke und schweren Stiefeln stampfte er so energisch zur Bar, dass Holly spürte, wie der Boden erzitterte, als er an ihnen vorbeikam.

»Hey, Chlo!«, sagte er beiläufig, als er an ihrem Tisch war.

»Also, den wirst du noch oft sehen. Angus Dunbar von der Auchintraid-Farm: Rinder und davon ziemlich viele«, erläuterte Paolo. »Erde an Chloe, alles in Ordnung?«

Chloe blinzelte: »Was?«

»Angus abgecheckt?«

Chloe wurde rot und murmelte etwas Unverständliches. Aber ihr Gesicht sprach Bände.

»Läuft da was?«, fragte Holly.

»Da könnte was laufen, wenn Chloe nur den Mut aufbringen würde, mit ihm zu reden. Aber zufälligerweise verliert sie immer dann die Nerven, wenn er auftaucht«, erklärte Paolo. »Achte mal auf ihre Oberlippe. Das arme Mädchen braucht ein Schweißband.«

»Schsch, Paolo«, flüsterte Chloe entsetzt. »Können wir bitte das Thema wechseln?«

»Na gut.« Paolo verdrehte die Augen und wandte sich an Holly. »Dann wollen wir Hols – darf ich dich Hols nennen (Holly bekam nicht mal die Chance, sich dazu zu äußern) –, dann wollen wir Hols mal eine kurze Zusammenfassung des Jahresverlaufs in Eastercraig geben. Mit allen Höhe- und allen Tiefpunkten.«

»O ja, bitte!«, rief Holly.

»Während du hier bist, wird es als Erstes den Ball auf Glenalmond Castle geben. Er ist zwar noch nicht angekündigt, aber normalerweise findet er im späten Frühling oder Frühsommer statt«, begann Paolo.

»Schade, dass du das Burns’ Supper verpasst hast«, warf Chloe ein. »Aber das könnten wir für dich nachholen.«

»Außerdem gibt es im Herbst den Halbmarathon. Der geht über die Hügel, aber wenn du nicht ganz unsportlich bist, kannst du mitmachen«, fuhr Paolo fort.

»Oder du kannst dich zu mir an die Seitenlinie gesellen«, fügte Chloe hinzu. »Also, wenn du gar nichts mit Sport am Hut hast. Wie sieht’s aus?«

»Ehrlich gesagt, laufe ich für mein Leben gern«, sagte Holly, die die Aussicht begeisterte.

»Im nächsten Monat gibt es einen Basar für Handarbeiten und Gartenprodukte«, verkündete Paolo, als wäre das der Höhepunkt des Jahres, und auch Chloe wirkte auf einmal ganz aufgeregt. Holly legte fragend den Kopf schräg. Was fanden die beiden daran nur so toll?

»Guck nicht so skeptisch«, erklärte Chloe. »Letztes Jahr hat Janet Murray vor lauter Wut Doreen Douglas’ Karottenkuchen ins Meer geschleudert. Und dann gingen sie aufeinander los, und es stellte sich heraus, dass Janets wunderschöne langen roten Haare, um die sie in ganz Eastercraig beneidet wird …«

»Extensions sind!«, rief Paolo dazwischen. »Ich verstehe dich, Hols. Letztes Jahr war ich genauso skeptisch wie du. Aber es war saukomisch. Es gab auch eine echte Schlägerei. Jemand wollte die Polizei rufen, aber Mhairi ging dazwischen und trennte die Kampfhähne.«

»Wenn es so wild zugeht, komme ich auf jeden Fall«, versprach Holly. Es klang abgefahren, aber sie würde sich das definitiv nicht entgehen lassen.

»Und was ist mit dir, Hols?«, fragte Paolo und schaute sie direkt an. »Wir haben von uns und von Eastercraig erzählt. Aber jetzt, wappne dich, kommt die Spanische Inquisition.«

Offenbar sah Holly so erschrocken aus, wie ein Reh im Scheinwerferlicht, denn Chloe hob beschwichtigend die Hand. »Sachte, Paolo. Nett sein, ja? Keine Angst, Holly. Er wird langsam betrunken.«

»Nein, nur mutiger«, berichtigte Paolo sie und verdrehte die Augen. »Na schön. Aber wenn man keine unbequemen Fragen stellt, hört man nie die ganze Wahrheit.«

Holly lächelte. »Wo soll ich anfangen?«

»Beim Anfang, natürlich«, gab er zurück.

Es war wie ein Vorstellungsgespräch, wenn auch eins mit ein paar Drinks. Sie fragte sich, ob sie es auch vermasseln konnte.

»Was machst du in deiner Freizeit?«, wollte Chloe als Erstes wissen.

Puh! Eine harmlose Frage. »Ich treffe mich mit Freunden und bin gerne im Freien. Ich mag Wandern, Joggen und Radfahren und habe gerade mit dem Standup-Paddeln angefangen. Ich hab mir für hier oben sogar einen extradicken Neoprenanzug gekauft.«

»Ich bin dran«, sagte Paolo. »Was ist dein Lieblingsbuch?«

Auch das war leicht. »Ich mag Krimis. Zum Beispiel von Agatha Christie. Und als Kind habe ich natürlich James Herriot geliebt.«

»Ich werde dich nicht allzu sehr verurteilen«, bemerkte Paolo.

Chloe blickte entnervt zur Decke. »Paolo ist ein literarischer Snob. Aber weiter: Wieso hast du bei deiner letzten Stelle aufgehört?«

Holly zögerte. Sie hatte einen Riesenstreit mit Rob Francis gehabt, ihrem letzten Chef, weil er seinen Sohn Peter zum Partner gemacht hatte, obwohl der frisch von der Uni kam und nie Interesse daran gezeigt hatte, mit seinem Vater zusammenzuarbeiten. Sie hingegen arbeitete seit acht Jahren für ihn, und Rob hatte ihr oft versichert, sie sei so gut, dass sie irgendwann die Praxis übernehmen könnte.

Besonders schlimm war es, dass sie nach Robs Erklärung, er würde in Ruhestand gehen, auf einer Party von ihrer potenziellen Beförderung erzählt hatte. Sie hatte nicht geprahlt, und es war nur ihr engster Freundeskreis gewesen … Sie hatte sich einfach nicht beherrschen können, weil sie so hart dafür gearbeitet und sie sich so darüber gefreute hatte. Und dann zwei Wochen später die Schlappe. Rob hatte in der Praxis verkündet, dass Peter die Leitung übernehmen würde. Die Ankündigung traf sie wie ein Schlag und kränkte sie zutiefst, umso mehr, als Rob ohne schlechtes Gewissen auch noch behauptete, es wäre immer sein Traum gewesen, seine Praxis an seinen Sohn zu übergeben. Sie fühlte sich so gedemütigt und betrogen, dass ihr gefühlsmäßig keine andere Wahl blieb, als zu gehen. Sie hätte einfach nicht jeden Tag mit ansehen können, wie Peter selbstgefällig herumstolzierte, obwohl er bei Weitem nicht so gut war wie sie.

Aber es war nicht nur die Praxis, die sie hinter sich lassen wollte. Sie musste auch raus aus London. Sie musste zur Ruhe kommen, aus der Stadt fliehen, weit weg von ihren Kollegen, die alle die Karriereleiter erklommen und sie abhängten. Tatsächlich schienen selbst die Tiere, die sie behandelte, sie komisch anzusehen. Es war klar, sie musste irgendwo anders ihr angeknackstes Selbstvertrauen wieder aufbauen.

Nach einem Telefonat mit Judith, bei dem sie ihr die Stelle in Ascot anbot, reichte Holly ihre Kündigung ein. Peter hatte nur genickt und ihr alles Gute gewünscht. London zu verlassen war ein für Holly ziemlich dramatischer Schritt, aber sie hielt es einfach nicht mehr länger dort aus.

»Ich hatte eine Meinungsverschiedenheit mit meinem Chef«, sagte sie jetzt nur knapp.

»Faszinierend. Darüber wollen wir bei Gelegenheit mehr erfahren«, erwiderte Paolo. »Wovor hast du am meisten Angst?«

Jetzt begann das Verhör. Wie in einem Rolodex des Schreckens blitzten all die Dinge auf, vor denen sie sich fürchtete: Beziehungen, kein Zuhause zu haben, Nutztiere (die erst seit Neuestem auf der Liste standen). Nichts davon wollte sie preisgeben. Glücklicherweise ging in diesem Moment die Tür auf, und ein älterer Mann kam herein. »Sporran ist schon wieder im Hafenbecken. Muss sich mal jemand drum kümmern«, grummelte er, an niemand Bestimmten gerichtet.

Paolo und Chloe sprangen auf und zogen Holly mit. »Keine Zeit für eine Antwort. Nimm deinen Drink mit«, sagte Paolo.

Verwirrt ließ sich Holly ins Freie ziehen und schaffte es gerade noch, ihren Mantel mitzunehmen. Da es Freitagabend war, ging sie davon aus, ein Betrunkener wäre vor dem Pub ins Wasser gefallen. Stattdessen sah sie zu ihrem Entzücken eine riesige Robbe vor sich.

Sie blickte sie erwartungsvoll an, und Paolo hob grüßend die Hand. »Hallo, alter Freund.«

Die Robbe drehte sich im Wasser, bis sie auf dem Rücken lag, und wedelte mit den Flossen. Dann bellte sie zweimal, als würde sie antworten.

»Ist das hier etwa Sporran?« Holly spähte über den Rand der Kaimauer.

»Ganz genau. Hugh hat sich um ihn gekümmert, als er mal in ein Netz geriet. Man erkennt ihn an der langen Narbe über der Schnauze. Außerdem bettelt er gerne um Fritten«, erklärte Paolo.

»Die sind aber nicht gut für ihn«, erwiderte Holly.

Langsam ging sie in die Knie, um näher an die Robbe heranzukommen. Aus solcher Nähe hatte sie noch nie einen Seehund gesehen. Die onyxschwarzen Augen, die im Mondlicht glitzerten, wirkten ein bisschen unheimlich. Der Blick erinnerte an einen Welpen, der nach Hause gebracht werden will. Fast hätte Holly die Hand ausgestreckt, um ihn zu tätscheln.

Chloe kniete sich neben sie. »Weil die Touristen ihm immer was zu essen zuwerfen, ist er ziemlich dick geworden. Wir haben schon Verbotsschilder aufgestellt, aber Sporran ist so niedlich, dass die Leute es trotzdem tun.«

»Das ist der Hauptgrund, warum wir sofort zu ihm stürzen, wenn er auftaucht: Wir passen auf ihn auf. Er ist ein dummer Kerl, aber wir lieben ihn«, erklärte Paolo. »Die meisten Einwohner hier sind vernünftig, aber den einen oder anderen Idioten gibt’s immer.«

Holly nickte. Sie konnte sich gut vorstellen, dass man Sporran füttern wollte. Chloe neben ihr gähnte.

»Halten wir dich wach?«, fragte Paolo.

»Ich musste heute Morgen früh in die Praxis«, erwiderte Chloe. »Papierkram. Du weißt ja, wie Hugh ist …«

Sie verstummte. Holly drehte sich um und sah sie an, weil sie auf das Ende des Satzes wartete. »Wie Hugh ist?«

»Vergiss es«, sagte Chloe rasch. »Ich hab’s nur gern ordentlich. Jedenfalls gehe ich jetzt besser.«

Sie stand auf und ging zu einem Rad, das am Pub lehnte. Es war ein pinkfarbenes Hollandrad mit einem Korb. Während sie ihr nachwinkten, fragte sich Holly, was genau Chloe ihr über Hugh hatte verschweigen wollen. Bei der Aussicht, ihrem neuen Chef am Montag gegenüberzutreten, krampfte sich erneut ihr Magen zusammen. Sie biss sich auf die Unterlippe.

»Soll ich dich nach Hause bringen?«, fragte Paolo und wies auf die Straße vor ihnen.

»Gern«, nickte sie. Es war ein langer Tag gewesen, und sie wollte ihren Job lieber ausgeschlafen und nach einem entspannten Wochenende antreten.

Langsam schlenderten sie zum Cottage. Holly bemerkte, dass alle Häuser am Hafen Lichterketten hatten, als wären tausend Sterne vom Himmel gefallen.

»Sag mir, was Chloe mir nicht über Hugh verraten wollte«, bat sie Paolo nach einer Weile.

Paolo lächelte. »Chloe ist sehr loyal. Sie wollte dir verschweigen, dass Hugh ziemlich … angriffslustig sein kann.«

»Ist die letzte Assistentin deswegen wieder gegangen?«, fragte Holly, eher im Scherz.

»Man könnte sagen, sie hatte eine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Chef.«

Holly sah Paolo an, der vielsagend lächelte. »Na gut. Das habe ich herausgefordert.«

»Wie landet ein Mädchen wie du an einem Ort wie diesem?«, fragte Paolo. »Ich meine, es ist nett hier, aber du wurdest von einer völlig anderen Stelle hierhergeschickt. Deine alte Praxis in London steht doch für hochtechnologisierte Tiermedizin. Chloe und ich haben es gegoogelt.«

»Hatten wir uns nicht geeinigt, dass ich mit einem Wikingerboot gekommen bin?«

»Wirst du mir das je verzeihen?«

»Lass mir ein, zwei Wochen, dann bin ich drüber hinweg. Und du?«

Paolo wirkte erleichtert. »Ich liebe die Natur, und nach meiner Ausbildung habe ich zwei Jahre zu Hause in Glasgow gearbeitet, aber dann fing ich an, mich zu langweilen, und wollte mal was Neues. Als ich also die Stellenausschreibung von einer kleinen Praxis direkt am Meer sah, habe ich mich sofort beworben. Zwar habe ich nicht damit gerechnet, abserviert zu werden und keinen neuen Mann zu finden, aber davon abgesehen ist es super hier.«

Paolo schaute aufs Meer, sie folgte seinem Blick. Die Wasseroberfläche spiegelte das Mondlicht, und die vor Anker liegenden, schattenhaften Boote schaukelten in der sanften Dünung.

Als er ihr seinen Arm bot, hakte sie sich bei ihm ein. »Danke, mein Herr«, kicherte sie.

»Ist mir eine Ehre, Mylady«, erwiderte er und führte sie weiter. »Weißt du, es ist so nett, mal ein neues Gesicht in der Stadt zu sehen. Vielleicht kannst du ja für ein bisschen Drama sorgen und mich von meiner gescheiterten Romanze ablenken?«

»Ich sagte doch schon: Affären sind nichts für mich.«

»Nicht mal eine kleine? Ein Affärchen?«

»Netter Versuch, aber du kannst es nennen, wie du willst … Wenn du dich langweilst, warum gehst du nicht morgen mit mir Standup-Paddeln?«, erwiderte Holly. »Du wirst es super finden, versprochen. Halb neun. Bei Sonnenaufgang?«

»Wenn du Kaffee mitbringst, bin ich dabei«, sagte er. »Ich wohne am Ende des Hafens, aber wir können uns hier treffen.«

Sie hatten Hollys Cottage erreicht. Holly winkte Paolo zum Abschied, und als er gegangen war, blieb sie noch kurz auf der Schwelle stehen, um ein letztes Mal aufs Meer zu blicken.

Paolo schloss seine Jacke, wickelte sich den Schal enger um den Hals und ging mit großen Schritten die letzten paar hundert Meter bis zu seiner Wohnung. Während er sich fröstelnd über die Arme rieb, fragte er sich, ob es ein Fehler gewesen war, Hollys Angebot anzunehmen. Verdammt, es war Januar!

Trotzdem brauchte er Ablenkung. Jede Stunde, in der er sich nicht fragte, was Fabien machte, war eine gute Stunde. Er hatte kein Problem mit dem Alleinsein. Aber wenn man am Wochenende einen ganzen Tag allein war, freute man sich doch, jemanden zum Reden zu haben. Für einige Monate war Fabien dieser Jemand gewesen.

Und Paolo war sich so sicher gewesen, dass es gut lief. Zugegeben, Fabien wollte nicht, dass irgendjemand von ihnen erfuhr. Das war nicht gerade ideal gewesen. Aber er hatte sich an die Hoffnung geklammert, Fabien würde eines Tages den Mut finden und seine Liebe zu Paolo von den Dächern Eastercraigs zu rufen. Mit einem riesigen Megaphon.

Doch dieser Tag kam nie. Stattdessen hatte Fabien den Flieger nach Genf genommen. Ohne Rückflugticket. Das war für Paolo wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. Und Toblerone mochte er seitdem auch nicht mehr.

Irgendwann würde sein Prinz auftauchen. Wie er schon zu Holly gesagt hatte, war es zwar unwahrscheinlich, dass er hier in Eastercraig erschien, aber Wunder gab es immer wieder. Warum nicht auch hier?

Kapitel 3

Holly betrat das Cottage und hängte ihren Mantel an einen Haken. Als sie sich umschaute, fiel ihr erneut auf, wie hinreißend das Haus war. Winzig, aber wunderschön. Das genaue Gegenteil der schäbigen Tierarztpraxis. Als sie sich ihre Mütze vom Kopf zog, fiel ihr wieder ihre Mutter ein, und sie griff zum Handy.

Es klingelte länger als üblich. Also war Jackie im Ausland, hatte sich aber nicht die Mühe gemacht, ihr Bescheid zu sagen. Natürlich nicht! Sie war bekannt dafür, einfach unangekündigt abzuhauen. Holly fragte sich, ob sie Urlaub machte oder ihren neuesten Job gekündigt hatte. Sie hielt es meist nie länger als sechs Monate in einer Stelle aus.

Da sich niemand meldete, hinterließ Holly eine Nachricht. »Hi, Jackie! Ich bin’s. Ich vermute, du bist irgendwohin gejettet und hast vergessen, es mir zu sagen. Trotzdem hoffe ich, du hast Spaß. Pass mit den Piña Coladas auf. Und tu nichts, was ich nicht auch tun würde.«

Sie drückte den Ausknopf. Ein frommer Wunsch! Jackies Beziehungen waren nicht das Einzige in ihrem Leben, das für Chaos und Verderben sorgte. Während Holly vernünftige, wohl durchdachte Entscheidungen traf, war Jackie impulsiv und verschwendete ihr Geld (wenn sie denn welches hatte) für Dinge wie neue Schuhe, anstatt damit die sich häufenden Rechnungen zu bezahlen. Manchmal ging sie auch spontan auf Reisen (wenn sie das Geld nicht zuvor für Schuhe ausgegeben hatte) und ließ Holly, als sie noch klein war, bei den Nachbarn und später allein. Als Holly mit dreizehn einmal von der Schule kam, fand sie zu Hause nur ein bisschen Geld und die Nachricht vor, dass ihre Mum für eine Nacht mit Richard nach Bournemouth gefahren war: Sie solle sich Pizza holen und sich an die Nachbarn wenden, wenn sie etwas bräuchte. Dies war das erste von etlichen ähnlichen Vorkommnissen. Holly fragte sich oft, wie sie trotz solcher Umstände so normal geworden war.

Sie streifte ihre Schuhe ab und nahm sich vor, sich am nächsten Tag noch mal nach Jackies Befinden zu erkundigen. Als ihre Füße den Holzboden berührten, überkam sie ein Frösteln. Sie musste sich aufwärmen.

»Ach ja!«, rief sie aus, als ihr die riesige Badewanne in ihrem Schlafzimmer wieder einfiel. Die war wie geschaffen für so einen Abend!

Zwei Stufen auf einmal nehmend, sprang sie nach oben, um sich ein Bad einlaufen zu lassen. Während das geschah, rannte sie wieder hinunter und fragte sich, während sie von einem Fuß auf den anderen hüpfte, um warm zu bleiben, ob sie lieber Tee, Wein oder Whisky trinken sollte. Letzteren hatte sie eigentlich nie gemocht, aber die Frau im Gemischtwarenladen hatte erklärt, er käme von einer hiesigen Destillerie, daher hatte sie eine Flasche auf Vorrat gekauft, falls sie einmal Besuch bekam. Aber jetzt schenkte sie sich selbst ein großes Glas ein und sauste wieder nach oben.

Sie drehte die Hähne zu, zog sich aus, zündete eine Kerze an, stellte den Whisky auf einen Hocker neben die Wanne und stieg hinein. Die Badewanne war ein Traum: groß genug, um sich auszustrecken, und herrlich tief. Sie glitt in das heiße Wasser und lehnte ihren Kopf an den Rand.

Ja, der Umzug war nicht geplant gewesen und sabotierte ihren geradlinigen Karriereplan. Aber die wunderschöne Gegend, ihre netten Kollegen und ein fröhlicher Abend im Pub hatten ihre Vorbehalte etwas gemildert. Sie beglückwünschte sich selbst, und weil sie in ihrem beschwipsten Zustand den Eindruck hatte, die Sterne blickten wohlwollend auf sie herab, zwinkerte sie ihnen zufrieden zu. Durchs Fenster drang das sanfte Schlaflied des Meeres, und sie schloss die Augen, um sich zu entspannen.

Doch bevor es dazu kam, meinte sie plötzlich, ein seltsames Geräusch zu hören. Wie ein Schlüssel, der sich im Schloss drehte. Sie spitzte die Ohren. Da war es wieder! Ein leises metallisches Scharren. Sie riss die Augen auf, als die Haustür erst aufging und dann wieder zuknallte. Schritte ertönten auf dem Holzboden.

Holly erstarrte. Was zum Teufel … Ihre Haut prickelte, und ein Schauer überlief sie.

Und plötzlich hörte sie es von unten: »Was zum Teufel …?«

Eine Männerstimme. Da war ein Mann in ihrem Haus!

Ein Einbruch? Hektisch schaute sie sich im Zimmer um, auf der Suche nach irgendetwas, womit sie sich verteidigen konnte.

Die Stufen knarrten, als der Eindringling die Treppe hinaufstieg. O Gott! Er kam nach oben!

Holly sprang aus dem Bad und warf sich den Bademantel über. Sie stellte den Whisky auf den Boden und packte den Hocker. Mit nassen Füßen patschte sie über den Boden und versteckte sich hinter der Tür.

Die Schritte verharrten. Stille. Holly presste sich an die Wand. Langsam schwang die Tür auf. Jetzt!

»Was in aller Welt …?«

Das Deckenlicht ging an, und Holly sprang hinter der Tür hervor. Laut brüllend wollte sie den Hocker auf den Kopf des Eindringlings schmettern.

»Jesus …« Der Mann duckte sich, und der Hocker krachte auf den Boden. »Was soll das?«

»Hau ab oder ich ruf die Polizei«, sagte Holly so gebieterisch, wie sie nur konnte. Sie nahm den Hocker und hob ihn erneut, um im Fall der Fälle wieder anzugreifen.

»Hey, halt! Ganz ruhig.« Der Mann richtete sich langsam und mit erhobenen Händen auf. »Ich wollte hier nur übernachten. Aber was machst du hier?«

»Ich wohne hier!«

Ihr Ausruf verriet eine Mischung aus Angst und Empörung, genau das also, was sie empfand. Aufgeputscht vom Adrenalin starrte Holly ihn finster an.

Der Mann trat einen Schritt zurück und dachte nach. »Verstehe. Fabien hat die Wohnung vermietet.«

»Genau! Und zwar an mich! Und ich habe gerade ein Bad genommen, als du mich zu Tode erschreckt hast!«

Holly drückte den Hocker fest an die Brust. Sie war noch nicht bereit, sich von ihm zu trennen. Außerdem hielt er ihren Bademantel zusammen. Der Fremde fing an zu grinsen.

»Das ist gar nicht komisch!«, fauchte sie. »Du könntest auch irgendein Eindringling sein.«

»In Eastercraig? Unwahrscheinlich. Ich wusste ehrlich nicht, dass hier jemand wohnt. Fabien hat mir vor einer Ewigkeit verraten, wo der Ersatzschlüssel liegt.«

Vorsichtig senkte Holly den Hocker. Sie zog ihren Bademantel zusammen und ging zurück zur Wanne, nahm das Whiskeyglas und trank einen großen Schluck. Zwar schien der Mann sie nicht angreifen zu wollen, doch wenn, dann konnte sie ihm den Rest ins Gesicht schütten.

»Gibt’s davon noch mehr?«, fragte er und wies nickend auf das Glas.

Was? Der hatte vielleicht Nerven! Holly kochte vor Wut.

»Verzeihung«, knurrte sie. »Ich sagte zwar, du könntest auch irgendein Eindringling sein, aber eigentlich meinte ich: Wer zum Teufel bist du, und was willst du hier?«

Der Mann warf den Kopf in den Nacken und brach in Gelächter aus. Holly bezwang sich, ruhig zu bleiben. Er wagte es, hier einfach aufzutauchen, sie zu Tode zu erschrecken und sich nicht mal zu entschuldigen? Und jetzt wollte er auch noch Whisky? Was für ein Arschloch!

Da streckte er ihr die Hand entgegen. »Gregor Dunbar.«

Holly ignorierte sie »Und weiter?«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Ich sitz ein bisschen in der Klemme, weil ich nicht weiß, wo ich heute übernachten soll, und Fabien hat nicht daran gedacht, mir zu erzählen, dass die Wohnung vermietet ist. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich natürlich niemals gekommen. Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe. Aber lange kannst du noch nicht hier sein, oder?«

»Erst seit heute. Ich bin die neue Tierärztin.«

»Dann kannst du Hugh anrufen. Oder Chloe. Die werden sich für mich verbürgen. Hör mal, ich weiß nicht, wo ich sonst hin soll. Hättest du was dagegen, wenn ich …?«

»Wenn du hier bleibst?«

Holly entspannte bewusst ihre Schultern und spürte, wie der Adrenalistoß verebbte. Irgendwie wirkte dieser Kerl vertrauenswürdig.

»Aye. Ich bin ganz brav. Versprochen.«

»Wehe, wenn nicht.« Doch kaum hatte sie das gesagt, kamen ihr wieder Zweifel.

»Ehrlich, ich weiß nicht, wo ich sonst hin sollte. Und ich wäre dir auf ewig dankbar.«

»Hör zu«, sagte sie und blickte ihm direkt in die Augen. »Mag sein, dass du Gregor Dunbar bist, aber ich kenne dich nicht. Eigentlich bin ich dagegen, aber du kannst trotzdem auf dem Sofa schlafen. Ich verriegle meine Tür und stelle dieses Deospray« – sie zeigte zur Seite – »neben mein Bett. Wenn ich höre, dass du dich hier raufschleichst, kriegst du eine volle Ladung in die Augen.«

»Und du bist dir sicher, dass du nicht noch was mit mir trinken willst?«

Dieser Kerl hatte sie doch nicht mehr alle!

»Nein, danke. Aber nur zu, halt dich nicht zurück. Wenn du betrunken bist, fühle ich mich sicherer.«

»Das weiß ich zu schätzen«, sagte Gregor. »Dass du mich hier übernachten lässt, meine ich. Und bitte, nenn mich doch Greg. Wo wir uns jetzt besser kennen.«

»Danke«, sagte Holly matt. »Und Gute Nacht.«

Sie schickte sich an, die Tür zu schließen. Da sich ihr Puls wieder normalisiert hatte, betrachtete sie Greg zum ersten Mal genauer. Er war groß, wesentlich größer als sie, hatte dunkelbraune Haare und einen Bartschatten auf seinem kantigen Kiefer.

»Moment«, hielt er sie auf. »Ich hab dich noch nicht nach deinem Namen gefragt. Sehr unhöflich von mir.«

Das holte sie unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück. »So was betrachtest du als unhöflich? Nicht den Einbruch und die Bitte um Bett und Whisky?«

Wenigstens hatte er den Anstand, beschämt das Gesicht zu verziehen. »Ich kann mich nicht genug dafür entschuldigen.«

»Also gut«, sagte sie, ansatzweise besänftigt. »Ich bin Holly. Holly Anderson und fange beim …«

»Tierarzt an. Das weiß ich noch. Aber jetzt lass ich dich mal in Ruhe. Gute Nacht, Holly Anderson.«

»Gute Nacht, Greg Dunbar.«