Wo endet die Welt - Max Sternbauer - E-Book

Wo endet die Welt E-Book

Max Sternbauer

0,0

Beschreibung

Ein kalter Krieg zwischen weiterentwickelten Kraken und Menschen tobt; eine Frau wird von einer Maschine durch eine ausgebrannte Stadt gejagt; in einer rassistischen Utopie findet ein Mann Zeichen für eine vergrabene Vergangenheit, von der er nichts wusste - Geschichten voller düsterer Phantasien sind hier arrangiert, und jede Geschichte ist ein Labyrinth für sich.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Oktopus

Am Ende kam das Licht

Der Stern unter der Erde

Freakcorp

In einem Atemzug

Wo endet die Welt

Oktopus

Mcluhan

Das tiefblaue Wasser des Nordatlantiks schaukelte sich gegen die Pfeiler der Plattform.

Von weitem war, wegen dem Wetter, der Lärm des Helikopters nicht zu hören, dessen Ankunft schon lange hier erwartet worden war.

Mcluhan versuchte so stoisch wie möglich auszusehen und die Perlen des Regens einfach abprallen zu lassen. Für Beobachter wirkte sein Unterfangen erfolgreich. Aber im Inneren kochte er wie ein Geysir. Mcluhan war ein vierzigjähriger Veteran, der schon vor langer Zeit gelernt hatte, seinen angeborenen Hitzkopf unter Kontrolle zu halten. Aber jetzt starrte er in das graue Auge des Unwetters, und seine Wut kochte wiederholt hoch. Verdammt hohe Tiere hatten seinen Rat ignoriert, das Treffen zu verschieben. Eine Delegation der Regierung des Commonwealth, war unterwegs und hatte sich von einer „Wetterwarnung“ nicht abhalten lassen.

Anscheinend hatte der Mensch seine Arroganz über die Kräfte der Natur nicht ablegen können.

Mcluhan entstammte einem Geschlecht alter schottischer Seefahrer. Das Erste, was ein Mcluhan lernte, war, nicht gegen den Wind zu pissen. Gleich danach kam die Fähigkeit, einen Sturm zu riechen. In dem grauen Vorhang aus dichtem Regen näherte sich der Helikopter.

Mcluhan konnte zwar nicht das Gesicht des Piloten erkennen. Aber er schwor sich selbst, dessen Gefühle gut zu spüren. Bei diesem verdammten Gegenwind war eine Landung eine Herausforderung, selbst für einen geübten Piloten. Mcluhan wandte sich seiner Linken zu, wo eine andere Gestalt sich befand, aber die konnte seine Fragen auch nicht beantworten.

Das gelbe ungesunde Licht der Lampen schien auf das Wesen.

Es war der Botschafter der Kraken. Einen Namen kannte Mcluhan nicht. Er wusste nicht einmal, ob diese Rasse Namen überhaupt kannte. Für Mcluhan war es ein schlichter Oktopus, der das Denken gelernt hatte. Er hielt nicht viel von seinem Gast, und es war ihm auch herzlich egal, was dieses Wesen vom ihm hielt. Seine Aufgabe war es, sich um die Plattform Persephone zu kümmern.

Die Politik überließ er Politikern und diesem Oktopus, der auch ein Politiker war. Für Mcluhan war es aber dennoch nur ein Tier.

Der Botschafter musste, weil er keine Luft atmen konnte, in einem riesigen Ball hier oben auf der Plattform warten. Der Ball war aus einem transparenten Stoff gefertigt, der zusätzlich mit Sauerstoff angereichert wurde. Zum Fortbewegen schob der Botschafter den Ball mit seinen Tentakeln über die Oberfläche. Im Licht konnte er die Gestalt in dem Ball nur halb sehen. Was auch egal war, denn aus seiner Mimik oder Körperhaltung konnte er gar nichts herauslesen. Nur bestimmt geschultes Personal wusste aus den Gesten eines Oktopus etwas herauszulesen.

Der Dolmetscher der Station war nicht anwesend. Der Botschafter hatte es als unnötig eingestuft. Mcluhan wandte sich nun dem Helikopter zu, der sich gegen den Wind stemmen musste, um zu landen. Der Landeplatz wurde von einem hellen Kreis Licht markiert. Es war, als wolle ein Riese, der an einer langen Schnur zog, den Helikopter nicht landen lassen.

Schließlich gelang die Landung. Eine Seitenklappe wurde geöffnet. Zwei Gestalten betraten den Tunnel, der auf der Plattform zum Schutz gegen das Wetter errichtet worden war.

Mcluhan schnaufte, als er die beiden Gestalten im weißen Hintergrund des Tunnels auf ihn zurennen sah. Es waren eine Frau und ein Mann. Die Frau war etwas älter, dennoch attraktiv. Ehemalige Frau des Premierministers, der seine Karriere ihr zu verdanken hatte.

Wenn ihn seine Erinnerungen nicht trübten, dann war die Botschafterin des Commonwealth eine wichtige Person der Politik. Eine, bei der Scherze nach hinten losgehen konnten.

Ihr Begleiter war ein notgeiler Absolvent der Diplomatischen Akademie mit besten Kontakten nach oben. Denk daran, das sind hohe Beamte, kein falsches Wort. Mcluhan rief sich diese Worte immer wieder in Erinnerung. Aber etwas anderes machte ihm noch mehr zu schaffen. Es war die fremde Präsenz des Wesens neben ihm. Obwohl ihre Völker schon seit Jahrhunderten Kontakt pflegten, war eine Schwelle niemals überschritten worden. Mcluhan spürte eine mächtige und alte Kraft neben sich. Das verwirrte ihn, weil er diese Kraft einfach nicht verstand. Bald bist du deren Problem, dachte Mcluhan über den Botschafter, als er die beiden neuen Gäste auf der Plattform Persephone begrüßte. Dann ging er in seine Kajüte und machte mit einer Flasche Whiskey für diesen Tag Feierabend. Er war nicht der Intellektuelle, sondern nur der Kommandant einer Station.

Sybille

Sibylle war eine Frau die Karriere gemacht hatte. Dennoch unterspülten die plötzlich kommenden Erinnerungen ihrer Kindheit das Fundament ihres Selbstbildes. Der ganze Vorgang dauerte nur Sekunden. Für sie waren es aber Stunden.

Sie dachte an die Zeit zurück, als man versucht hatte, diese fremden Wesen im Meer zu verstehen.

Es war eine schwierige Zeit gewesen, wo die Menschen versucht hatten, ihre Kontakte mit einer anderen empathischen Rasse anders zu regeln als durch Krieg.

Ein halbes Jahrtausend waren ihrer beider Kulturen damit beschäftigt gewesen, sich auszulöschen.

Genozid war auf Genozid gefolgt. Krieg auf Krieg. Beide Seiten hatten sich gegenseitig fast ausgerottet. Nur, um sich zu erholen und dann neu anzufangen. Es wirkte aus den Geschichtsbüchern heraus wie ein großes Spiel, was keiner gewinnen konnte und auch nicht wollte. Aus einem perversen Grund heraus.

Die Gesellschaft der Menschen hatte aus dieser Geschichte heraus versucht, sich zu verändern.

Anstatt um diesen Planeten Krieg zu führen, versuchte man, mit den Kraken zu kommunizieren.

Was davor keiner gewagt hatte. Sybille war, als eine der ersten Generationen, in diesen Friedensbemühungen aufgewachsen.

Unter ihr lag die Landeplattform von der Station Persephone wie ein Schatten im Schatten. Wie eine alte mächtige Festung wirkte sie.

Es war dieser Ton. Früher, das Gebrüll nach Krieg. Nach Ausrottung. In ihrer Kindheit war es, als sich der Wind gedreht hatte. Der Wind der Geschichte. Sybille dachte an ihren Großvater, der diesen Konflikt am besten für sie dargestellt hatte.

Er war schon ein alter Mann gewesen, als sie noch ein ganz junges Mädchen gewesen war.

Ein altes Relikt, wie ein moosbewachsener Monolith. Ihr Vater hatte ihr erzählt, dass er schon lange vor seiner Zeit alt geworden war. Mit den Jahren sei nur seine Kauzigkeit dazugekommen.

Ein Gespräch mit ihrem Großvater war ihr am deutlichsten in ihrem Gedächtnis haften geblieben.

Sie hatte für einen Schulaufsatz gearbeitet. Ihr Platz war die helle Ecke in der Küche gewesen, den sie so geliebt hatte. Fleißig hatte Sybille über das Ende des letzten Krieges geschrieben. Bis ihr Großvater davon Wind bekommen hatte. Wie eine Urgewalt war er in das Zimmer gestürmt gekommen, von den Eltern mühselig aufgehalten.

„Die will was von dem Krieg lernen, dann lasst sie mich lehren. Lasst mich, lasst mich.“

Dann hatte er gebrüllt, wie brutal Kraken waren. Wie stark ihre Glieder.

„Sie hatten niemals Erbarmen für uns. Ein Krake umschließt dich, bricht deine Knochen. Und tötet dich.“

Später in der Nacht war er in ihr Zimmer geschlichen und hatte sie sanft geweckt.

In ihre Müdigkeit hinein hatte er erzählt. Aber nicht von dem Krieg. Sondern von einer anderen Geschichte. Als junger Mann hatte er einmal einen Tauchgang unternommen. Nur wenige Meter über dem Riff, wo er getaucht hatte, war er von einem Kraken attackiert worden.

„Ich habe ihn nicht provoziert. Aber er hat mich angegriffen. Nur damit du mich richtig verstehst, es war ein wilder Krake. Keiner von denen, die ihr als schlau bezeichnet. Aber bitte glaube mir eines, ich bin nicht hasserfüllt, wie deine Eltern glauben wollen. Wir Primaten, und was anderes sind wir Menschen nicht, haben mehr Erfahrung, uns abzuschlachten als die Tintenfische. Aber sie haben dazugelernt. Auch, zu hassen. Deswegen vertraue ich ihnen nicht.“

Plötzlich war Sybille wieder im Hier und Jetzt. Gerufen von einer Stimme.

Es war der Helikopter-Pilot, der ihnen mitteilte, dass sie zur Landung ansetzten. Auch, dass sie nicht sehr sanft sein würde. Der Pilot fluchte nicht, aber Sybille konnte seinen Ärger deutlich spüren. Keiner war von dieser Mission begeistert. Am wenigsten Sybille selbst. Aber die Mission war wichtig. Unendlich wichtig sogar. Sybille dachte, wie bei jedem Besuch, über die vorangegangenen Male, wo sie auf Persephone gewesen war. Ein Gefühl verging niemals.

Das Gefühl der Fremdartigkeit, das man in der Nähe der Kraken empfand. Man hatte nicht das Gefühl, mit einem Tier zu reden. Es gab nämlich nichts, an das man mit diesen Wesen anschließen konnte. Sybille dachte daran, dass es nicht nur an biologischen Gründen lag. Die Kraken schotteten ihre Welt unter Wasser ab. Niemals war einem Menschen ihre Kultur vor Augen gekommen.

Das beweist wenigstens, dass sie ihre Gesellschaft schützen wollen, dachte Sybille. Oder auch, dass sie paranoid waren. Sie seufzte innerlich und sah zu ihrem Assistenten Ian hinüber, der wahrlich schon bessere Zeiten gesehen hatte. Sein Erwachsensein wurde durch seine verkrampfte Körperhaltung verneint. Er wirkte wie ein großmäuliger Junge, der in der Achterbahn vor der erste Kurve schon ganz weiß geworden war.

Ian war ihr Dolmetscher. Man unterhielt sich mit den Kraken in Form einer Gebärdensprache.

Der Botschafter brauchte keinen Dolmetscher. Er war der Einzige seiner Spezies auf der Station.

Das grelle Licht der Scheinwerfer der Plattform wurde durch die Seitenfenster sichtbar. Sybille konnte den Tunnel sehen, den man auf der Landeplattform errichtet hatte, um sie vor dem Wetter zu schützen. Das konnte sicher nicht Mcluhans Einfall gewesen sein, obwohl es natürlich auf seinen Befehl hin geschehen war. Sie wusste von seiner Abneigung ihr gegenüber. Nicht nur weil sie eine Frau war, sondern auch, weil sie für die modernen Ideen stand, die Mcluhan selbst so ablehnte. Nur irgendein Gott wusste zu sagen, warum ausgerechnet so ein Reformverweigerer diesen Posten bekommen hatte. Sybilles Aufgabe war dadurch natürlich nicht leichter geworden. Ganz im Gegenteil.

Der Hubschrauber presste sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Sturm und konnte schließlich landen. Sybille merkte selbst die Wut der Elemente, als sie in den Tunnel hüpfte und nur wenige Sekunden vom Sturm berührt worden war. Im Kunststofftunnel hörte sich sein Brausen wütend an, weil er zuerst den Hubschrauber nicht daran hatte hindern können, durch sein Reich zu fliegen, sondern weil ihm auch diese Frau und ihr Begleiter als Opfer genommen worden waren.

Ian hakte sich freundschaftlich bei ihr ein, was ihren Mut ein wenig hob. Nicht viel, aber die Illusion dieser Sicherheit reichte ihr. Ihr Protegé Ian war gerade erst zwanzig Jahre alt. Aber doch der Beste für diese Aufgabe. Obwohl es eigentlich Höher- und Niedriggestellten des diplomatischen Corps nicht wirklich geziemte, waren doch beide so etwas wie Freunde geworden.

Auf Persephone waren die Dinge etwas anders, weil auch die Aufgaben sich als von etwas anderer Natur gestalteten. Ian beschwerte sich, dass er einen neuen Magen brauchte. Sybille gestattete sich dadurch einen kurzen Ausflug in andere Gedanken. Weg von den Problemen, die sie unentwegt beschäftigten. Die Lage, in der sich die Menschen befanden, war wieder ein Stück weit gefährlicher geworden. Der Angst vor einem neuen Krieg wurde wieder neue Nahrung gegeben, obwohl dieser Frieden doch so lange gehalten hatte. Sybille hatte den Grund ihrer Mission niemanden verraten dürfen. Auch Ian wusste nichts davon. Aber die Kraken hatten ein System aus orbitalen Waffen errichtet. Mit diesem Waffensystem konnten die menschlichen militärischen Ressourcen nicht mithalten. Sybille wurde mulmig bei dem Gedanken, wie groß die Panik bei dem Oberkommando und dem Premierminister gewesen sein musste. Denn Sybille war es natürlich gewohnt gewesen, bei Aktionen des Geheimdienstes, wo oft verschiedene Tätigkeiten kollidierten, nur soweit eingeweiht zu werden, wie es notwendig war. Diesmal war sie aber während einer Sitzung vom Premier persönlich informiert worden. Ihre Aufgabe war es, so schnell wie nur möglich mit der Regierung der Kraken in Kontakt zu treten. Eine Ära des Friedens drohte zu Ende zu gehen. Und auf ihren Schultern lastete eine so große Verantwortung. Da hast du dir aber echt ein gutes Blatt geben lassen, altes Mädchen, dachte Sybille bei sich.

Sie traten aus dem Tunnel und Sybille und Mcluhan begrüßten sich obligatorisch, mit passend falschem Lächeln. Sag mir, was hier los ist, sagten die Augen des alten schottischen Seebären über den tiefen Tränensäcken. Sybille ignorierte den Blick und widmete sich dem großen Ball, der neben Mcluhan wartete. Fast würde es witzig aussehen, ein roter Krake in einem durchsichtigen Fußball. Aber ein Blick auf die Kreatur darin machte jeden Spott sofort zunichte. Die Haut des Kraken schien leicht zu fluoreszieren. Vorsichtig streckte sie die Hand nach dem Ball aus. Der Botschafter berührte mit einer Tentakelspitze die Außenhaut des Balles. Beide Extremitäten wurden nur symbolisch ausgestreckt, aber es sollte den Versuch untermalen, dass beide Völker den Dialog anstrebten. Hoffentlich funktioniert es, dachte Sybille und betete.

Mcluhan

Die Schlampe hatte nichts zu ihm gesagt. Warum sollte sie auch. Frau Botschafterin war ja nicht dazu verpflichtet, ihn einzuweihen, worum es bei diesem ganzen Affenzirkus so ging. Ihn, einen Veteran der Marine. Er tanzte mit seiner Flasche Scotch durch sein Zimmer. Er hörte sich Musik von früher an, als er noch ein junger Mann gewesen war und diese Musik modern gewesen war.

Er tanzte aber nicht, um Spaß zu haben, sondern um wütend zu sein, deswegen trank er auch. Die Flasche enthielt die Farbe von Bernstein und segelte in sanften Bewegungen durch die Luft.

Er tanzte Walzer, ohne Walzer zu hören. Er wusste natürlich, dass sie ihm aufgrund von Geheimhaltung nichts sagen konnte. Im aktiven Dienst hatte er sich auch an diese Spielregeln halten müssen. Das war ein erhabenes Gefühl gewesen, nur so viel wissen zu müssen, wie man gebraucht hatte, um seinen Einsatz erledigen zu können. Nur Generäle in dunklen Konferenzsälen, über beleuchtete Karten gebeugt, sahen die ganze Schweinerei vor sich.

Los Mcluhan, segle dahin und kämpfe!

Segle dorthin und sehe zu, wie dein ganzes Schiff von einer Waffe der Kraken in tausend flammende Fetzen zerschossen wird. Sehe zu, wie deine Freunde ertrinken. Er sah sich im Spiegel und schüttelte mit verbissener Miene seinen Kopf. Nein, ihm konnte man nichts sagen.