Wo Licht und Schatten ... - Winfried Bretz - E-Book

Wo Licht und Schatten ... E-Book

Winfried Bretz

0,0

Beschreibung

Die erste Liebe; Alfred und Christine, die Zieh Geschwister, kommen sich näher. Alfred heiratet nach erfolgreichen Studium Christine. Von Sepp, Josef Hartmann, erhält er die Wohnung und von seinem Vater, Freddy, ein Automobil. Auf anraten seiner Eltern arbeitet er in Augsburg im Roboter Werk Kuka. Er wechselt nach nach Neu-Ulm und später wird er als leitender Ingenieur nach Mühlbach geschickt. Hier lernt er Georgeta kennen, was zu ehelichen Komplikationen führt. Wo Licht und Schatten ist ein Wechselbad der Gefühle.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Wo Licht und Schatten

Titel SeiteRomanTitel3. Kapitel___________________4. Kapitel___________________8. Kapitel___________________

W. Bretz: Wo Licht und Schatten…

Wo Licht

und

Roman

Titel

Winfried Bretz

Impressum

Texte: Copyright © 2018 by Winfried Bretz

Umschlaggestaltung: Copyright 2018 by Winfried Bretz

Verlag: Winfried Bretz, Schleiermacherstr. 32A, 85165 Augsburg,[email protected]

Druck: epubli ein Service der neopubli GmbH Berlin

ISBN 978-3-****-***-*

Printed in Germany

„Das Gleiche lässt uns in Ruhe,

aber der Widerspruch ist es,

der uns produktiv macht.“

J. W. Goethe

Vorwort

Wo Licht und Schatten, wo Gut und Böse, wo Wasser und Feuer und wo Liebe und Hass aufeinandertreffen entspringt immer ein Funke neuer Entwicklung. In welche Richtung sich dieser Funke wendet, ist nicht voraussehbar. Sicher ist, dass Gegensätze sich anziehen und zur Weiterentwicklung beitragen. Doch wie überall gibt es auch einen Gleichklang, eine Übereinstimmung, der/die nicht von selbst kommt, sondern erarbeitet werden muss. Entscheidungen können spontan oder auch reichlich überlegt getroffen werden, doch welches die richtige Entscheidung ist, kann niemand vorhersagen. Allein die Zeit ist der Maßstab, mit dem gemessen werden kann. Zwischen Hell und Dunkel liegt immer eine Grauzone, die auch im übertragenen Sinne seine Richtigkeit findet.

Der vorliegende Roman „Wo Licht und Schatten…“, soll diese Thematik aufgreifen und veranschaulichen. Dass das Leben nur durch ständigen Kampf um den richtigen Weg, auf dem immer Stolpersteine liegen, zu bewältigen ist und dass manch einer auf seinem Weg zu Fall kommt, ist eine unleugbare Tatsache. Die meisten erkennen die Gefahren und lernen daraus. Sie wandeln Böses zum Guten und tragen so zum Fortschritt bei. Manche, jedoch, rennen blindlings in ihr Verderben ohne sich dessen bewusst zu sein, bis dass es zu spät ist. Unwissenheit und Leichtsinn können zur Falle werden und die, wie in einem Teufelskreis, immer weitere Kreise ziehen aus denen es oft kein Entrinnen gibt.

Dieser Roman ist im Grunde genommen die Fortsetzung von „Die Schwestern“ und „Heimat in der Fremde“. So wie „Die Schwestern“ und „Heimat in der Fremde“ ist auch dieser Roman in sich abgeschlossen, doch zum besseren Verständnis der Handlung ist es sinnvoll, auch die beiden anderen Bücher zu lesen. Die Personen des Romans sind frei erfunden und Namensgleichheiten so wie Ereignisse rein zufällig.

1. Kapitel______________________

Leni Schwarz fühlte sich glücklich. Glücklich, weil sie endlich am Ziel ihrer Wünsche angekommen war: Alfred, ihre Augenweide, hatte sein Studium mit Bravour abgeschlossen und Christine geheiratet; die Freundschaft mit Sepp, (Josef Hartmann), hielt noch immer, trotz mancher kleinen Auseinandersetzungen, wie sie in jeder Partnerschaft vorkommen. Auch in der Arbeit lief alles bestens. Was wollte man mehr? Was sie aber am meisten erfreute, war die Nachricht, die sie von Alfred so nebenbei im letzten Telefongespräch erfuhr: „Wir bekommen ein Baby“, hatte er gesagt und das so ganz beiläufig, als ob es eine Bagatelle wäre. „Ich werde Oma?“ hatte sie erstaunt gefragt, doch Alfred hatte bloß gelacht und kurz geantwortet: „Wir reden später darüber“ und dann aufgelegt. Natürlich hob diese Nachricht ihre Stimmung noch mehr. In Vorfreude musste sie sich gleich mit Tanja in Verbindung setzen. Doch noch bevor sie zum Telefon greifen konnte, läutete dieses. „Ich muss dich sprechen“, erklang Tanjas freudig erregte Stimme aus dem Hörer, „wir bekommen ein Baby!“, platzte es aus ihr heraus, noch ehe Leni die Möglichkeit hatte etwas zu erwidern. Rasch verabredeten sie sich zu einem Spaziergang am Lechufer, dem beliebten Treffpunkt, wenn es wieder mal etwas Wichtiges zu besprechen gab.

Tausend Gedanken wie ein Bienenschwarm erfüllten sie. Vor ihrem geistigen Auge lief ein Film ab, der ein viertel Jahrhundert in wenigen Minuten durchquerte. Von ihrer Ankunft in Deutschland, der Geburt Alfreds, vom Spielplatz am Lech, der Freundschaft mit Tanja, Sepp, alles lief rasend schnell an ihrem geistigen Auge vorbei bis sie zu Alfreds Hochzeit kam, wo ihre Gedanken länger verweilten. Sie hätte es so gern gesehen, wenn die Hochzeit der beiden in einem großen festlichen Rahmen stattgefunden hätte, so wie sie die Hochzeiten in Siebenbürgen kannte, allein das junge Paar hatte andere Vorstellungen. Nach der kirchlichen Trauung in der evangelischen St. Markus Kirche in Lechhausen, ging man gemeinsam zu einem Festessen zum Kirchenwirt gleich nebenan, an dem nur die Eltern und die Trauzeugen teilnahmen. Gleich nach dem Essen zog sich das junge Paar zurück und man hörte nichts mehr von ihnen, bis sich Christine und Alfred aus Venedig meldeten. Niemand hatte gewusst, dass eine Hochzeitsreise geplant war. Nicht einmal die Trauzeugen, Edgar und Susi, waren eingeweiht. Auf Lenis Frage warum sie kein schönes Fest in großen Rahmen feiern wollten, hatte Alfred nur erwidert: „Chrissi mag den Trubel nicht.“ Von den Plänen für die Flitterwochen, die das Pärchen hatte, erfuhren alle erst durch den Anruf aus Italien. Es folgten drei Ansichtskarten von der Lagunenstadt die an Tanja, Edgar und sie selbst gerichtet waren, alle mit demselben Wortlaut: „Wir sind gut in Venedig angekommen. Wir haben ein Bilderbuchwetter und sind wohlauf. Viele Grüße eure Christine und Alfred Schwarz!“ Dieses war das letzte Lebenszeichen bis zu ihrer Ankunft in Augsburg nach einer Abwesenheit von drei Wochen. Und jetzt ganz unerwartet die freudige Nachricht. Ich werde Oma, sagte sich Leni; bin ich schon so alt? Dann ein Griff zum Telefon. Die Schwestern mussten in Kenntnis gesetzt werden. Maria und Erika sollten an ihrem Glück teilhaben. Die Nachricht griff wie ein Lauffeuer um sich. Den vielen Fragen, die auf sie zukamen, konnte Leni kaum gerecht werden. Sie selbst hatte ja heute zum ersten Mal davon erfahren.

Dann war es Zeit aufzubrechen. Tanja war bestimmt schon am Lech. Und richtig, schon von weitem erblicke sie ihre Freundin, die ihr mit dem Fahrrad entgegenkam. Wie jedes Mal gab es eine Menge Gesprächsstoff. Alles drehte sich um das bevorstehende Ereignis, das noch in weiter Ferne lag. Namen wurden gesucht, vergeben und wieder verworfen. Da Leni auch Jungen Namen immer wieder in Erwägung zog, meinte Tanja, „es muss ein Mädchen werden, ich wünsche mir ein Mädchen.“

„Woher willst du das wissen“, konterte Leni, „hast du schon ein Ultraschallbild gesehen?“

„Soviel ich weiß, gibt es noch keines, aber ich habe das so im Gefühl, es wird ein Mädchen“, sagte sie mit einer Bestimmtheit die keine Widerrede zuließ.

Leni dachte sich ihren Teil, ohne weiter darauf einzugehen. wechselte sie das Thema: „Wir werden Oma; wer hätte das gedacht? Erst an den Kindern sehen wir, dass wir älter werden. Was wird uns die Zukunft bringen? Ob Junge oder Mädchen das ist mir gleich. Hauptsache ist: Mutter und Kind sind gesund.“

„Das ist auch mein Wunsch“, fügte Tanja hinzu. So drehte sich das Gespräch der beiden Großmütter in Spe um das werdende Baby, dem sie einen sorgenfreien Weg ins Leben bereiten wollten. Dass aber das Leben seine eigenen Wege geht, und dass Licht und Schatten einem Menschenleben viele Hürden bereiten, konnten beide zu der Zeit nicht voraussehen. Nach gut einer Stunde, trennten sich die Frauen innerlich aufgewühlt und blieben mit ihren Zukunftsträumen allein.

Als dann Sepp heimkam, (sie lebten schon seit Jahren in einer gemeinsamen Wohnung), erzählte Leni von der freudigen Nachricht und dem Gespräch, das sie mit Tanja geführt hatte. Sepp hörte ihr schweigend zu und schüttelte bedenklich den Kopf: „Woher will Tanja so sicher wissen, dass es ein Mädchen sein wird. In diesem frühen Stadium gibt es noch keinen Anhaltspunkt für so eine Behauptung. Außerdem kann noch allerlei geschehen. Zwar ist durch die medizinische Versorgung heutzutage eine Schwangerschaft nicht mehr so risikoreich wie früher, doch Komplikationen können immer noch auftreten.“

„Wir unken wie im Märchen ohne triftigen Grund. Wir sollten lieber abwarten. Kommt Zeit, kommt Rat! So sehe ich das. Christine ist nicht die erste Frau, die ein Baby bekommt. Ich sage nur, dass es mir, ob Mädchen oder Junge, gleich ist. Warum Tanja so stark darauf besteht, dass es ein Mädchen sein muss, verstehe ich nicht. Stell dir vor, wie kategorisch sie eine solche Möglichkeit abwies, als ich ihr sagte, es könne auch ein Junge sein.“

„Und wie begründete sie ihre Behauptung?“ fragte Sepp.

„Genau das habe ich auch gefragt und darauf bekam ich zur Antwort, dass es in ihrer Familie schon seit vier Generationen immer nur Mädchen gab. Und zwar immer nur ein Einzelkind. Ihre Oma war Einzelkind, ihre Mutter, sie selbst und Christine und immer waren die Einzelkinder Mädchen.“

„Aus diesem Grund muss auch Christine ein Mädchen zur Welt bringen?“ fragte Sepp lachend. „Das ist aber eine komische Ansicht. Noch komischer ist die Begründung. Nur weil es seit einigen Generationen Mädchen gab, so eine Behauptung aufzustellen, ist falsch.“

„Mich wundert nur, dass sie nicht ihre Karten befragt. Früher war es ihre Lieblingsbeschäftigung Karten aufzulegen.“

„Das höre ich jetzt zum ersten Mal. Glaubt sie wirklich daran? Seit ich sie kenne, wirkte sie nie so abergläubisch auf mich. Ich fand sie im Gegenteil immer sehr realistisch.“

„Ja, ja so kann man sich manchmal in der Einschätzung von Menschen täuschen. Aber zugeben muss ich doch, dass ich seit sehr langer Zeit nichts mehr von diesem Sport, (wenn ich das Karten-Auflegen so nennen darf), gehört habe. Gleich zum Anfang unserer Bekanntschaft gab es oft Abende, wo sie die Tarot Karten hervorholte, um sich in Zukunftsträume zu versetzen. Auch mir wollte sie mal aus den Karten lesen und die Zukunft voraussagen, doch beließ sie es bei dem einen Versuch. Ich lege nämlich keinen Wert auf Wahrsagerei. Und seit sie den Markus hat, habe ich nichts mehr davon gehört.“

„Markus, so behaupte ich, steht zu sehr mit beiden Füßen auf dem Teppich, um sich mit solchem Humbug abzugeben. Zufälle gibt es, aber einen realistischen Wahrheitsgehalt hat Wahrsagerei nicht“, sagte Sepp. „Ich erinnere mich noch genau an die Wahrsagerinnen auf den Jahrmärkten in Rumänien, die mit Handlesen den Leuten das Geld aus der Tasche zogen. Diese Wahrsagerinnen, Wanderzigeunerinnen aus Rumänien hatten eine blühende Phantasie und machten sich damit die Leichtgläubigkeit ihrer Opfer zunutze.“

„Daran kann ich mich auch noch erinnern. Was mir immer als Erstes ins Auge fiel, war der Münzhalsschmuck und in die Haare geflochtenen Münzen so wie ihre langen bunten Gewänder, die faltenreich bis zu den Knöcheln reichten. Ob die sich noch immer so traditionell kleiden?“ Leni stellte diese Frage in den Raum ohne wirklich auf eine Antwort zu warten. Umso mehr erstaunte sie Sepps Kommentar: „Ich denke, dieses Fahrende-Volk wechselt eher die Pferdewagen mit motorisierten Gefährten als die Kleidung. Hier habe ich schon mal so eine Sippe angetroffen. Sie hatten ihr Lager im Industriegebiet Mühlhausen aufgeschlagen. Dann waren sie genauso unerwartet, wie sie angekommen waren, wieder verschwunden.“

„Wie kommst du nach Mühlhausen? Soviel ich weiß, ist die Firma Kuka da nicht vertreten.“

„Das stimmt schon, aber eine Firma die Campingfahrzeuge wie Wohnanhänger und Campingbusse verkauft und vermietet war da angesiedelt. Und so kam es, dass ich zweimal hintereinander da war.“

„War das damals, als du deine Frau in Italien besuchen wolltest?“

„Ganz richtig! Nur gut, dass ich den Weg nicht gemacht habe, denn zu der Zeit hielt sie sich schon in Spanien auf. Aber, Gott sei Dank, hat diese Geschichte ein Ende gefunden. Hoffentlich geht es Alfred nicht auch so, wie mir damals.“

Mit weit aufgerissenen Augen sah Leni Sepp erschrocken an: „Mal den Teufel nicht an die Wand“, sagte sie, „Christine ist aus ganz anderem Holz geschnitzt, außerdem erwartet sie ein Baby. Bei euch war das in der kurzen Ehe nicht der Fall.“

Sepp wollte nicht widersprechen, doch noch während er sich umdrehte, um den Raum zu verlassen murmelte er nur für sich selber hörbar: „Es hat schon viel Unvorstellbares gegeben.“ Laut sagte er: „Ich sehe nach den Fahrrädern, die, so habe ich den Eindruck, brauchen wieder mal Luft. In letzter Zeit sind sie zu stark vernachlässigt worden. Du wolltest doch, dass wir zu Erika fahren!“

Leni fand diese Gesprächswendung sehr gut. Sie mochte nichts mehr über ungute Vermutungen hören, noch wollte sie solche, was die Kinder betraf, aufstellen. Viel wichtiger war ihr die seelische Vorbereitung auf die Großmutterrolle. Noch so jung und schon Oma, sagte sie sich und malte sich Bilder in den schönsten Farben aus. Sie nahm sich vor, ihr Enkelkind, nach allen Regeln zu verwöhnen; es zu behüten und ihm den Weg in das Leben so leicht wie möglich zu machen. Auch dem jungen Paar wollte sie mit ihrem Wissen und Können stets hilfreich zur Seite stehen. Ihre Entscheidungen respektieren und nie gegen diese agieren. Das waren sehr weise Gedanken ihrerseits, doch ob es auch immer gelingen würde, musste die Zeit entscheiden. Nüchtern und kurz streifte ihre Erinnerung die Vergangenheit und ließ sie erkennen, wie sinnlos vorgefasste Pläne oft sind. Das Leben eines jeden Menschen geht seine eigenen Wege. Wege, die gerade oder verschnörkelt verlaufen. Sie werden von solch unterschiedlichen Faktoren beeinflusst, die niemand voraussehen kann. Dann kam ihr ein Spruch in den Sinn, den sie einmal gehört hatte. An den genauen Wortlaut konnte sie sich nicht mehr erinnern, doch der Sinn hatte es in sich: Hilfe kann man nur anbieten, nicht aufdrängen. Wahre Hilfe ist die, die verlangt wird und uneigennützig gegeben wird. Nach diesem Motto wollte auch Leni handeln; so nahm sie sich vor. Die größte Gefahr für die Jugend sah sie in der digitalisierten Welt. Sie brachte Fluch und Segen. Christine und Alfred hatten einen Ausgleich in der Tanzgruppe gefunden. Was würde dem Enkel zum Ausgleich dienen? Wird es in die Fußstapfen der Eltern treten oder andere Wege beschreiten? Aus diesen Gedanken wurde sie durch Sepps Stimme gerissen, der in der offenen Türe stand: „Wir können losfahren. Die Fahrräder sind in Ordnung!“ rief er von draußen, „wir sollten losfahren, damit euch genügend Zeit zum Plaudern bleibt!“

„Moment, bin gleich so weit“, antwortete Leni und zog sich rasch die Radlerhose an. Dann ging sie hinaus und sagte: „Es kann losgehen.“

Seit sie in Hochzoll in der Oberländer Straße eine gemeinsame Wohnung bezogen hatten, war der Weg bis zu Erika etwas länger geworden. Sepp hatte es viel Überredungskunst gekostet, bis Leni zu diesem Schritt bereit war und sich von ihrer kleinen, schmucken Wohnung trennen konnte. Nun aber fühlte sie sich in dem neuen Eigenheim doch besser. Vor allem die Nähe zum Naherholungsgebiet Kuhsee hatte es ihr angetan. Was sie dennoch vermisste, war die Nähe zu Tanja und den Kindern, die sich in Sepps Wohnung eingerichtet hatten. Und wieder schweiften ihre Gedanken in eine neue Richtung, denn es herrschte ein lebhafter Verkehr auf Augsburgs Straßen, die überquert werden mussten. Zum Glück hatte sich für den Radfahrverkehr einiges getan. Die neuen Markierungen erlaubten einen beinahe ungehinderten Radverkehr durch die ganze Stadt.

Erika erwartete die Ankömmlinge schon gleich an der Haustür mit einer ganzen Fülle von Fragen. Fragen, die erstmals unbeantwortet bleiben mussten, weil Leni selber keine Antworten kannte. Freddy und Edgar kamen auch noch hinzu und die Fragerei ging erneut los. Warum so viel Aufhebens über eine Schwangerschaft gemacht wurde, konnte sich nachher niemand erklären. Eine schlichte zur Kenntnisnahme hätte vollkommen ausgereicht. Und dieses Mal war es Freddy, der dem ganzen Trubel ein Ende setzte, indem er sagte: „Was soll denn solch unnützes Geschwätz um ein ungelegtes Ei. Christine ist schwanger und damit basta! Und eine Schwangerschaft ist, soviel ich weiß, keine Krankheit. Oder?“

„Das sehe ich genauso“, beeilte sich Erika Freddy beizupflichten. „Christine ist eine starke, sportliche junge Frau und es gibt keinen Grund sich um ein ungelegtes Ei, wie Freddy eben sagte, Sorgen zu machen. Es wird so kommen, wie es kommen muss, auch ohne unser Zutun!“

Auf dem Heimweg, bei Sepps alter Wohnung, wo jetzt die Kinder wohnten, machten sie Halt, denn Leni wollte noch persönlich mit den Betroffenen sprechen. All die Mühe war jedoch vergebens. Es war niemand zuhause. Christine und Alfred machten abends gern einen Stadtbummel, wo sie sich mit gelegentlich mit Freunden und Bekannten trafen und in einem Café zusammensaßen. Oftmals war es für beide auch nur Mittel zum Zweck um zusammen die lauen Sommerabende zu genießen, oder nötige Einkäufe zu machen. Besonders beliebt war der Augsburger Plärrer Besuch im Frühjahr und im Herbst. Für beide war Schwabens größtes Volksfest eine ganz besondere Attraktion, die nicht ausgelassen wurde. Man konnte stundenlang die verschiedenen Stände besuchen und manch ausgefallene Schätze oder kulinarische Kostbarkeiten entdecken. Diesen Abend verbrachten sie mit einem befreundeten Ehepaar, das sie von der Tanzgruppe her kannten, in der City Galerie. Christine sollte der Freundin bei einigen Einkäufen beratend zur Seite stehen, während sich die Männer bei einem Bier die Wartezeit verkürzten. Die Wartezeit zog sich in die Länge und die Damen kamen nicht. Manfred, so hieß der Mann, wurde auch so ungeduldig wie Alfred: „Was meinst du“, sagte er, „sollten wir sie nicht suchen gehen? Wenn Frauen shoppen, vergessen sie alles“, sagte er schalkhaft.

„Ich denke“, antwortete Alfred, „es ist besser hier zu warten. Bei diesem Gedränge kann man nicht alles sehen und es könnte möglich sein, dass sie uns hier suchen, während wir in den verschiedenen Läden nach ihnen Ausschau halten.“ Noch während Alfred redete kamen Martha, und Christine mit ihren Einkäufen an. Die beiden jungen Frauen strahlten. „Wir haben alles gefunden, was wir haben wollten“, sagte Martha, „sogar Christine hat eingekauft, obwohl sie anfangs nur die Ratgeberin spielte.“ Dann wandte sie sich an Manfred ihren Mann: „Warum guckst du so böse, waren wir etwa zu lange fort?“

„Wir wollten euch schon suchen. Nur Alfred ist es zu verdanken, dass wir noch hier sind. Was habt ihr denn Schönes eingekauft?“

Eine Antwort erhielt er nicht mehr, denn die Ereignisse überschlugen sich. Ein schriller Heulton und aus Lautsprechern erklang die eindringliche Aufforderung zur Räumung des Gebäudes. Einen Moment lang Stille! Dann, als alle die Ansage begriffen, strebten die Leute, dirigiert von Ordnern, den Ausgängen zu. Was war passiert? Erschrocken fragte man sich das wieder und wieder. Dann, nach etwa zwanzig Minuten, klärte sich das Ganze auf. Es war nur eine Notfallübung. Für die jungen Paare war es sowieso die Aufbruchszeit. Ihre Wege trennten sich gleich vor der City Galerie. Martha und Manfred fuhren mit der Straßenbahn Richtung Haunstetten, während Christine und Alfred sich zu Fuß auf den Heimweg machten.

„Was habt ihr so lange in den Läden gemacht? Du wolltest nichts kaufen und hast dennoch etwas eingekauft. Das muss bestimmt etwas Besonderes sein. Ich schätze ein Kleidungsstück, wenn ich mich nicht irre. Was ist es?“

„Sei doch nicht so neugierig, so kenne ich dich gar nicht; hat dich Manfred mit seiner Neugier angesteckt? Es ist eine Überraschung!“ Für Alfred war dieses Gespräch damit abgeschlossen und er wandte sich einem anderen Thema zu. „Wie hat deine Mama auf die Ankündigung der Schwangerschaft reagiert? Meine Mutter war ganz aus dem Häuschen und wollte sofort eine Menge Fragen stellen. Doch die habe ich abgeblockt und sie auf ein persönliches Gespräch vertröstet. Wie ich sie kenne, hat sie bestimmt die ganze Verwandtschaft alarmiert.“

„Mama war sehr erfreut darüber. Sie meinte sofort, dass unser Kind ein Mädchen sein wird. Mir ist das aber egal. Ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, werden wir noch früh genug erfahren, die Hauptsache es kommt gesund zur Welt. Ich bin froh, dass mir zwei erfahrene Mütter zur Seite stehen werden, wenn es einmal so weit ist.“

Christines Einkäufe, die sie so geheimnisvoll gehütet hatte, waren für Alfred nichts Außergewöhnliches. Die zwei Blusen: Die eine, eine Trachtenbluse und die andere eine schöne elfenbeinfarbene, Kurzarm-Bluse saßen perfekt. Natürlich wollte Christine Alfreds Meinung nach der Vorführung hören. Dieser sah sie von allen Seiten an, nahm sie dann in die Arme küsste sie und sagte: „Guter Einkauf, passt zu dir, wunderbar!“ Christine merkte sofort am Ton seiner Äußerung, dass sich Alfreds Begeisterung in Grenzen hielt. Darum sagte sie etwas pikiert: „Wenn du auch nicht viel für meine Anschaffungen übrighast, mir gefallen diese Blusen sehr und ich finde sie hübsch. Ich liebe es, wenn die Farben dezent sind und zu den übrigen Kleidern passen.“

Geschickt gab Alfred dem Gespräch eine andere Wendung indem er nach den Einkäufen Marthas fragte, die Christines fachkundiger Hilfe bedurft hatten. „Ach, Martha wollte schicke Dessous kaufen. Doch diese fanden wir nicht. Darum habe ich ihr geraten in einer Boutique ihr Glück zu versuchen. Sie hat dann einen schönen Hosenanzug erstanden, der sie sehr gut kleidet. Wenn ich nicht selbst schon so einen ähnlichen besäße, hätte ich ihn gekauft. So gut sah der aus! Was ich noch sagen wollte; für Sonntag habe ich Karten für die Aufführung im Parktheater gekauft. Zwar sind es nicht die besten Plätze, aber immerhin annehmbare, die noch frei waren. Leni-Mama und Sepp kommen auch mit.“

„Das wollte ich gerade fragen. Wir waren schon lange in keiner Vorstellung mehr zusammen. Mama ist dafür leicht zu begeistern, nur bei Sepp habe ich das Gefühl, als ob er nicht so ganz dabei ist.“

„So würde ich das nicht unterschreiben, ich glaube viel mehr, dass er irgendwie Stress hat. Sein Kunstverständnis hat er schon oft unter Beweis gestellt und daran ist nicht zu rütteln.“

„Wenn du meinst …“ Alfred machte nur diese in der Schwebe liegende Bemerkung. Dann nach einer Weile sagte er: „Es könnte ja im Betrieb etwas nicht ganz nach Wunsch laufen. Vielleicht steht er auch aus diesem Grund unter Druck, was sein öfter abwesendes Verhalten natürlich erklärt.“

„Das kann stimmen, denn früher habe ich ihn nie so erlebt. Hast du mit Leni-Mama schon darüber geredet?“ Was Alfred antwortete hörte Christine nicht mehr, denn gerade in diesem Augenblick läutete das Telefon. „Ja Mama … gut Mama … ja, wir sind beide da … gut … wann? Ja, wir kommen sofort! Es ist etwas mit Sepp passiert. Mama sagt, dass er einfach zusammengebrochen ist. Sie meint, er hätte schon öfter gesagt, dass er sich müde fühlt.“

„Hat sie den Rettungsdienst nicht angerufen?“

„Doch, das hat sie. Sepp liegt schon im Krankenhaus. Mama möchte jetzt nicht allein sein.“

Schon bald darauf klingelten sie an Lenis Haustür. Sofort ertönte der Summer, die Tür ging auf und Leni trat ihnen entgegen. „Sepp hatte plötzlich so schwer geatmet und sich an die Brust gegriffen. Es war kurz nachdem wir zurückkamen.“ Leni redete sehr schnell doch Alfred unterbrach sie: „Nur schön langsam der Reihe nach. Was ist geschehen?“ Leni erzählte: „Wir fuhren zu Tante Erika und haben mehr als eine Stunde mit ihr und deinem Vater gesprochen, dann haben wir auf dem Rückweg bei euch geläutet. Da ihr nicht zu erreichen ward, ging es an meiner alten Wohnung vorbei an den Lech. Wir verstauten grade die Fahrräder, als es passierte. Erst wollte er von einem Arzt nichts hören. Ich ließ mich aber nicht beirren und rief den Notarzt. Er hat etwas mit dem Herzen, wie ich vom Arzt erfuhr. Dann war auch schon der Krankenwagen da.“

„Nur ruhig Leni-Mama“, mischte sich Christine ins Gespräch, „du hast alles richtiggemacht. Es wird wieder alles gut. Wir haben gute Ärzte, die tun bestimmt das Richtige für ihn. Man muss nicht immer gleich an das Schlimmste denken, du wirst sehen, wie ich schon sagte, alles wird wieder gut“, wiederholte Christine immer wieder beruhigend. Alfred nahm Leni in die Arme, streichelte sie beruhigend und begann seiner Mutter Mut zu zusprechen.

„Schön, dass ihr hier seid. Mir fällt die Decke auf den Kopf. Plötzlich so allein. Und das gerade heute, wo wir so glücklich waren. Gerade heute, als wir die freudige Nachricht bekamen, dass Nachwuchs in Aussicht ist. Komm, lass dich umarmen mein Kind! Weißt du schon, was es sein wird? Deine Mama meinte, dass es unbedingt ein Mädchen sein muss.“

„Dieses Thema habe ich schon abgehakt. Darüber sprechen wir nach der Ultraschalluntersuchung. Wir freuen uns über ein gesundes Baby!“ Der letzte Satz erklang doppelstimmig wie einstudiert. „Ich möchte keine weiteren Spekulationen. Wenn wir mehr wissen, werden wir es euch rechtzeitig sagen“, schloss Alfred dieses Gespräch.

Sie saßen noch lange auf der Terrasse an dem lauen Sommerabend nur um Leni aufzumuntern. Allerlei Erinnerungen wurden ausgetauscht. „Sepp hat nie geklagt und ich nahm an, dass er von der Arbeit so hergenommen aussah, wenn er abgeschlagen am Sofa lümmelte“, erzählte Leni und wechselte zu Geschichten aus der Zeit als die beiden noch ganz klein waren und am Lechufer zusammen im Sand spielten. „Schon damals haben wir, deine Mama und ich, uns gewünscht, dass ihr ein Paar werdet und nun dürfen wir sogar auf Enkelkinder hoffen. Wenn Sepp nur auch da wäre!“ Und wieder schellte das Telefon. Es war ein Anruf vom Krankenhaus. Sepp, so sagte der Anrufer, sei gerade noch rechtzeitig eingeliefert worden und sofort im OP gelandet. Glück hatte er, dass der Notarzt noch vor Ort gleich die lebenserhaltenden Maßnahmen ergriffen hatte. Dem Patienten gehe es den Umständen entsprechend wieder besser. In den nächsten Tagen dürfe er besucht werden. Leni fiel ein Stein vom Herzen und sie wurde sichtlich ruhiger. „Gott sei Dank!“ sagte sie, nachdem sie von dem Gespräch berichtete, „nun kann ich wenigstens ruhiger schlafen. Ich danke euch. Nett dass ihr Zeit für mich hattet.“

„Aber Mama, wo denkst du hin“, entgegnete Alfred mit empörtem Unterton, „für dich haben wir immer Zeit. Wenn du möchtest bleiben wir hier bei dir diese Nacht!“

„Nicht nötig. Der Anruf hat mich beruhigt. Wie ich schon sagte. Jetzt kann ich wenigstens etwas Schlaf finden. Macht euch keine Sorgen“, wehrte Leni Alfreds Anstalten einer Widerrede ab, „mir geht es schon viel besser!“

„Das war bestimmt ein Herzinfarkt“, sagte Christine, „ich bewundere Leni-Mama wie sie mit so einem schweren Schlag umgeht. Ich weiß nicht, wie ich mich in so einem Fall verhalten hätte. Sie ist eine starke Frau!“

„Ja, das ist sie. Wie hätte sie sich sonst ganz für sich allein durchsetzen können? Sepp ist nur seit einigen Jahren in unser Leben getreten und hat vieles verändert.“

„Verändert schon, aber zum Guten. Und das ist ihm hoch anzurechnen.“

Dann saßen beide schweigend im Auto und hingen ihren Gedanken nach, bis sie wieder zuhause waren, wo sie eine neue Überraschung erwartete. „Das Licht brennt! Hast du das Licht brennen gelassen?“ fragte Alfred. Tatsächlich, das Licht brannte in der ganzen Wohnung. „Ich weiß genau, dass nirgends Licht brannte. Wozu auch? Es war doch noch hell, als wir losfuhren!“ Dann sahen sie das ganze Ausmaß der Katastrophe: Die Tür war nur angelehnt und beschädigt. Deutlich waren Spuren eines Einbruchs zu sehen. Was wollten die Einbrecher denn holen? Geld war keines im Haus, Wertgegenstände, außer einem unhandlichen Ölgemälde von einem unbekannten Maler und Christines Modeschmuck von geringem Wert, gab es nichts Kostbares in der Wohnung.

Obwohl Alfred all dieses gedanklich überschlug, behielt er die Übersicht. „Nichts anfassen!“ sagte er, „wir müssen die Polizei verständigen.“ So ein Desaster, sie standen vor einer verwüsteten Wohnung und warteten untätig auf das Eintreffen der Polizei. Als das Martinshorn erklang, trat Alfred den Beamten entgegen und deutete auf die aufgebrochene Wohnungstür. Die Beamten begutachteten den angerichteten Schaden und begannen sofort mit der Spurensuche. Maßnahmen, die eventuell zur Aufklärung beitragen konnten. Dann mussten Christine und Alfred feststellen, was aus der Wohnung entwendet worden war.

Außer einer Schatulle in der Christine ihren Modeschmuck und eine goldene Armbanduhr aufbewahrte, die sie zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte, fehlte nichts. Das Ölgemälde hing schief. Die Wäsche lag auf dem Boden verstreut und die Schubläden waren durchwühlt. Im Schlafzimmer sah es aus, als ob Kinder eine Kissenschlacht veranstaltet hätten. Die Vitrine im Wohnzimmer, Christines ganzer Stolz, hatte an der barbarischen Vorgehensweise der Diebe an meisten gelitten. Was sie zu finden glaubten, dass wusste niemand. Bargeld befand sich keines im Haus und die Bankkarten trug Alfred immer bei sich in der Brieftasche. Dann entdeckte Alfred noch, dass auch sein Laptop, verschwunden war, den er erst eine Woche vorher gekauft hatte. Gesamt ergab der Einbruch einen für die Jungvermählten erheblichen Schaden, der sich nicht nur auf materielle Werte bezog.

Nachdem alles protokolliert, fotografiert und die sonstige Spurensuche abgeschlossen war, blieben Christine und Alfred mit dem ganzen Durcheinander völlig ratlos in der verwüsteten Wohnung zurück. Doch hielt dieser Zustand nicht lange an. Schon nach einer kurzen Denkpause sagte Christine: „Wir müssen etwas tun, ich rufe Mama an. Mama und Markus kommen bestimmt und helfen uns diesem Chaos Herr zu werden. Leni-Mama hat mit sich selber genug.“

„Hast du schon auf die Uhr geschaut? Weißt du wie spät es ist? Wir können doch um diese Zeit Markus und Mama nicht aus dem Bett holen. Wir verrammeln die Eingangstür so gut es geht, richten unser Schlafzimmer notdürftig her und legen uns schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag.“

„In der Aufregung habe ich ganz vergessen, wie spät es schon ist. Ich bin noch so fertig …“ und dicke Tränen rollten ihr bei diesen Worten über die Wangen. „ich zittere noch am ganzen Leibe.“

„Komm mein Schatz“, sagte Alfred und nahm sie zärtlich in die Arme, „niemand ist vor Dieben sicher. Dass es aber gerade uns passiert, wo nichts zu holen ist, ist mir auch irgendwie unverständlich. Und das, noch am frühen Abend. Es muss nach unserer Abfahrt geschehen sein.“ Alfreds Stimme war klar. Nur ein leichtes Vibrieren verriet seinen aufgestauten Ärger. „Wenn diese Banditen nur nicht so gewütet hätten; was haben sie zu finden gehofft? Hoffentlich werden sie gefasst. Wünschenswert wäre das.“

„Fingerabdrücke haben sie genügend hinterlassen. Mich wundert nur, dass keiner der Nachbarn aufmerksam geworden ist. Es muss doch einen ziemlichen Krach gegeben haben. Schon allein das Porzellan …“

Mit vereinten Kräften machten sie sich daran die Tür von innen zu blockieren. Nach getaner Arbeit gingen beide ermüdet zu Bett. Doch die Gedanken konnten nicht auf Knopfdruck abgestellt werden. Was hatten die Beamten gesagt? Der Wert der entwendeten Sachen lag, laut Polizei knapp bei dreitausend bis dreitausend zweihundert Euro, doch der ideelle Wert war nicht bezifferbar, denn die Uhr war ein Geschenk und ein Andenken von der Patentante Christines, die vor kurzem durch einen Unfall verstorben war. Der restliche Schmuck und das Laptop konnte leichter ersetzt und verschmerzt werden. Die kaputte Tür und das zerbrochene Porzellan kamen noch zu dem Schaden hinzu, was auf achthundert bis tausend Euro geschätzt wurde. Mit diesen umherkreisenden Gedanken fiel Alfred nach diesem ereignisreichen Tag endlich in einen unruhigen Schlaf.

Der nächste Tag begann mit Aufräumarbeiten. Während Alfred sich um die Eingangstüre bemühte, brachte Christine die Wohnung wieder in Ordnung. Dann rief sie bei ihrer Mutter an und erzählte von den gestrigen Vorfällen.

„Das ist ja schrecklich, erst Sepp und dann der Einbruch. Weiß Leni schon was euch widerfahren ist? Ich habe gerade mit ihr telefoniert und sie erzählte mir von Sepp. Von euch hat sie mir nichts gesagt. Habt ihr Leni nichts gesagt? Mich wundert das, sonst ist sie immer die Erste, die Neuigkeiten weiß.“

„Wir wollten sie mit unseren Sorgen nicht noch mehr beunruhigen und haben noch nichts gesagt. Alfred ist gerade unterwegs. Er muss die ganze Tür ersetzen lassen. So stark ist sie beschädigt. Vergangene Nacht haben wir die Tür mit anderen Möbeln verrammelt, weil sie nicht mehr verschlossen werden konnte. Die Diebe sind mit solch einer Brachialgewalt vorgegangen und niemand im Haus hat etwas bemerkt. Es muss doch einen gewaltigen Lärm gegeben haben. So ein Krach ist doch unüberhörbar Man sah doch deutliche Spuren des Brecheisens. Für mich ist alles noch immer so unfassbar.“

„So was! Chrissi, mein Kind, bist du wohlauf?“ Etwas in Christines Stimme ließ sie aufhorchen. „Deine Stimme klingt so sonderbar. Geht es dir schlecht? Ich komme vorbei. Warum habt ihr uns nicht gleich angerufen.“

„Es ist nur der Schock; so eine Dreistigkeit. Ich bin noch immer nicht darüber hinweggekommen. Du musst nicht kommen. Jetzt ist es doch Tag. Die Nacht war schrecklich. Immer wieder bin ich erwacht und dachte fremde Geräusche im Haus zu hören. Auch Alfred hat sich im Bett herumgewälzt. Er spielt vor mir zwar alles herunter und mimt den starken Mann, doch mir kann er nichts vormachen. Ich spüre wie nahe es ihm geht.“

„Ich bin in einer halben Stunde da. Tschüss!“ sagte sie und legte auf, noch ehe Christine eine Antwort geben konnte. Noch bevor Alfred mit einem Schreiner und dessen Gesellen eintrafen, war Tanja schon zur Stelle. Was sie zu sehen bekam, verschlug ihr den Atem. Das Schloss war buchstäblich aus der Tür herausgebrochen. Deutliche Hebelspuren eines Brecheisens an Tür und Zarge waren zu sehen. „Wie geht es dir, mein Kind? Du bist so blass.“ Fürsorglich nahm sie ihre Tochter in die Arme. „Der Schaden ist groß, aber euch ist, Gott sei Dank, nichts passiert, wie ich sehe. Komm, lass uns aufräumen!“ Dann erst sah sie sich um und stellte fest, dass es nichts mehr zum Aufräumen gab. Die Wohnung war bis auf die Eingangstür und dem fehlenden Porzellan wieder in bester Ordnung. „Wann hast du all das geschafft?“ fragte sie. „Wann seid ihr aufgestanden. Oder habt ihr die ganze Nacht gearbeitet?“

„Aber Mama, dies ist eine Dreizimmer-Wohnung kein Mehrfamilienhaus. Da ist das Wohnungs-Aufräumen kein Hexenwerk! Wir hatten schon gestern Abend einiges getan und heute habe ich den Rest erledigt. Ich musste nur mit jemandem sprechen. Darum habe ich angerufen!“ Zu einer Antwort kam Tanja nicht mehr denn die Tür wurde aufgestoßen und Alfred gefolgt von den Handwerkern betraten den Raum. Mit einem Zollstock bewaffnet ging der eine sofort an die Arbeit. „Die Maße stimmen“, sagte er. „Die Tür passt genau. Die alte Zarge muss raus.“

Fachkundig machten sich die beiden an die Arbeit. Es dauerte nicht lange und die neue Eingangstür war eingebaut. Übrig blieben nur noch ein paar Feinarbeiten. Als auch diese fertig waren, konnte man von dem angerichteten Schaden nichts mehr sehen. Die ganze Arbeit hatte nicht mehr als dreieinhalb Stunden gedauert und die anfängliche Skepsis wich aus Christines Gesicht. „Das war eine saubere Arbeit“, sagte sie. „Ich dachte, dass die Arbeit viel länger dauert. Und dass, es viel mehr Schmutz und Staub zu beseitigen gibt. Wie ich sehe haben wir jetzt eine viel solidere Türe als vorhin. Ist diese nun einbruchssicher?“

„Wie sicher eine Tür gegen Einbrüche ist, kann ich nicht sagen, aber unsere Wohnung ist nicht Fort Knox. Ich habe mich beraten lassen und dieses ist das Resultat.“ Alfred deutete auf die Tür. „Hoffentlich hält sie auch, was sie verspricht.“

„Wann wollt ihr deiner Mama davon sagen?“ fragte Tanja, die während der ganzen Zeit nicht dazu zu bewegen war, nach Hause zu gehen. Weil sie dachte, dass ihre Hilfe bei Reinigungsarbeiten noch gebraucht werde.

„Erst einmal sagen wir nichts, Mama hat mit Sepps Krankheit reichlich Kummer. Wir müssen sie jetzt nicht auch mit diesem Zwischenfall belästigen. Wenn die Zeit kommt, erfährt sie es immer noch früh genug. Wichtiger als der Einbruch ist Sepps Gesundheit. Ich muss anrufen und hören, wie es ihm geht.“

„Solange bleibe ich noch, Markus kommt erst später heim. Also werde ich nicht vermisst.“

Der Anruf erreichte Leni, gerade als sie das Krankenhaus verließ. Sepp lag noch auf der Intensivstation. Nach Aussage des behandelnden Arztes, teilte Leni mit, müsse er noch eine Nacht zur Beobachtung dortbleiben, ehe er auf ein Zimmer verlegt werden könne, aber er sei über dem Berg.“

Alfred suchte seinen Vater auf, der nicht begreifen konnte, was sein Sohn da erzählte. „Du sagst sie haben das Türschloss aus der Tür herausgebrochen und niemand hat das gehört? Wer hat den Dieben die Eingangstür geöffnet? Jemand muss sie reingelassen haben. Hat die Polizei da angesetzt?

„Soviel ich weiß, kann sich niemand im Haus daran erinnern. Man hat aber Spuren gefunden, dass das Schloss der Eingangstür abgeklebt war. Die meisten Nachbarn waren zu der Zeit nicht im Haus. Im Obergeschoss gibt es zwar ein älteres Ehepaar, das sich zu Hause aufgehalten hatte, aber die Leute haben nichts gehört. Sie gaben an, den ganzen Abend vor dem Fernseher gesessen zu haben. Außerdem sind sie auch noch schwerhörig und die Musiksendung war laut.“

„Damit ihr vor solch bösen Überraschungen gefeit seid, schlage ich vor, noch ein Sicherheitsschloss einbauen zu lassen.“

„Das ist nicht mehr nötig Papa, diese neue Tür hat jetzt eine Fünffachverriegelung. Die macht es Einbrechern schwer.“

„Wo hast du die gefunden?“

„Ich bin im Bauhaus fündig geworden. Schwieriger gestaltete sich die Suche nach einem Handwerker.“

„Was sagt deine Mama zu dieser Geschichte?“ fragte Erika. „Du hast ihr doch von diesem dreisten Einbruch bestimmt erzählt.“

„Mama weiß noch gar nichts. Sie hat jetzt andere Sorgen, die viel gravierender sind.“ Alfred sah in die bestürzten Gesichter seiner Zuhörer. „Also ihr wisst es noch nicht? Sepp ist gestern Abend ins Zentralklinikum eingeliefert worden. Er hatte einen Herzanfall. Ich dachte, ihr wisst es schon. Darum wollte ich sie nicht auch mit meinen Sorgen belästigen.“ Nach einigen belanglosen Sätzen rückte Alfred mit dem wahren Grund seines Besuches heraus. Die unvorhergesehenen großen Ausgaben hatten ein tiefes Loch in die Finanzen des jungen Paares gerissen. Nur zögerlich kam Alfred mit der Sprache heraus und bat, was er bei seinem Vater noch nie getan hatte, um finanzielle Hilfe.

„Du musst doch nicht gleich erröten, wenn du mal Geld brauchst. Ich verstehe, dass es dir peinlich ist. Es ist doch ganz natürlich, dass wir euch helfen. Wie viel braucht ihr? Für alle Fälle haben wir immer etwas Bargeld im Haus“, sagte Freddy und zückte die Brieftasche und entnahm ihr einige Scheine.

„Hundert Euro würden bis zum Ersten ausreichen, dann ist mein Geld bestimmt schon eingelaufen und ich kann es zurückzahlen.“

„Aber Kind, wo denkst du hin! Du musst uns nichts zurückzahlen. Wir sind froh, dass wir euch helfen.“

„Weißt du etwas Genaueres über Sepps Krankheit?“ wollte Erika wissen. „Ich kann mir vorstellen, wie sehr Leni sich sorgt.“

„So viel uns bekannt ist, wurde er schon gestern Abend operiert und ein Arzt hatte mitgeteilt, dass er auf der Intensivstation liegt und stabil ist. Weiteres werden wir heute erfahren, wenn Mama ihn besucht hat. Es ist mir noch immer rätselhaft, wie das passieren konnte. Er hat nie etwas gesagt. “

„Wie geht es Christine? Hat ihr die Aufregung nicht geschadet, jetzt wo sie schwanger ist? fragte Erika.

„Mama-Tanja ist jetzt bei uns. Sie ließ es sich nicht nehmen uns beim Aufräumen zu helfen. Chrissi sagte, als Mama-Tanja eintraf, war schon alles wieder auf seinem Platz. Dann, als ich fortging, waren die Arbeiten an der Tür abgeschlossen und es wurde gerade Staub gewischt. Ich glaube, schon allein die Gesellschaft der Mutter tut ihr nach all der Aufregung gut.“ Alfred bedankte sich herzlich, drückte seiner Tante einen Kuss auf die Wange und verabschiedete sich von seinem Vater mit einem kräftigen Händedruck. Zuhause erwarteten ihn Christine und Tanja mit einer Einladung zum Essen. „Wohin soll es gehen?“ fragte er, „Weit möchte ich nicht fahren, habt ihr schon ein bestimmtes Ziel?“

Die Wohnung war blitzsauber, ein feiner Geruch nach Neuem schwebte noch in der Luft. Nur in der Vitrine, dort wo einst das Porzellan stand, gähnte ein Loch. Christine folgte seinen Blicken: „Auch mir gefällt diese Leere nicht, Mama will uns ein paar Nippfiguren geben, die dieses Loch ausfüllen, dabei denke ich an einige Porzellanfiguren, die Mama übrighat. Ich kann mir immer noch nicht denken, was die Diebe zu finden hofften und was sie zu diesem Vandalismus veranlasst hat …“

„Mir scheint, als ob die Räuber gezielt auf euch angesetzt worden sind“, sagte Tanja, „oder hat dein neues Auto die Aufmerksamkeit auf euch gelenkt. Wer ein teures Auto fährt, muss in der Regel auch gut betucht sein. So werden die Strolche wohl gedacht haben.“

„Dass es der Großzügigkeit unserer Eltern zuzuschreiben ist, dass wir so ein Auto fahren dürfen, steht nicht drauf geschrieben“, meinte Alfred. „Aber Diebe haben eine eigene Ethik.

„Eigentlich“, sagte Christine, „hätte es auch ein anderes Auto sein können, nicht unbedingt ein Mercedes der Extraklasse. Aber Freddy hat darauf bestanden.“