Wo wir hingehören - Barbara Lutz - E-Book

Wo wir hingehören E-Book

Barbara Lutz

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Beschreibung

Ein Herrschaftshaus, eine elegant gekleidete Mutter: An mehr erinnert Angelika sich nicht. Sie und ihr Bruder wurden als Kleinkinder mit gefälschten Pässen in die Schweiz gebracht, ihre Herkunft kennen sie nicht. 1947 werden die Geschwister nach Österreich ausgewiesen und landen bei Pflegeeltern auf einem vorarlbergischen Hof mit Gemischtwarenladen. Warum gerade hier? Und woher kommen sie eigentlich? Die strenge, aber fürsorgliche Mutter und der verschwiegene Vater wollen keine Fragen beantworten. Die Kundinnen, die jeden Tag klagend im Laden stehen, der Stallgeruch, der sich in den Kleidern festsetzt, die argwöhnischen Blicke der anderen: An all das kann man sich gewöhnen. Die ungeklärte Herkunftsfrage aber macht Angelika bis ins Erwachsenenalter zur Zuschauerin in einem Leben, das sich nie ganz richtig anfühlt. Zwischen Pflichtgefühl und dem Wunsch nach Eigenständigkeit hadert sie mit den Erwartungen, die junge Frauen in den 1950er- und 1960er-Jahren zu erfüllen haben. In klarer, einfühlsamer Sprache entfaltet dieser Roman eine vielschichtige Erzählung über Vergänglichkeit und die Suche einer Frau nach ihrem Platz in der Welt.

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Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ein Herrschaftshaus, eine elegant gekleidete Mutter: An mehr erinnert Angelika sich nicht. Sie und ihr Bruder wurden als Kleinkinder mit gefälschten Pässen in die Schweiz gebracht, ihre Herkunft kennen sie nicht. 1947 werden die Geschwister nach Österreich ausgewiesen und landen bei Pflegeeltern auf einem vorarlbergischen Hof mit Gemischtwarenladen. Warum gerade hier? Und woher kommen sie eigentlich? Die strenge, aber fürsorgliche Mutter und der verschwiegene Vater wollen keine Fragen beantworten.

Die Kundinnen, die jeden Tag klagend im Laden stehen, der Stallgeruch, der sich in den Kleidern festsetzt, die argwöhnischen Blicke der anderen: An all das kann man sich gewöhnen. Die ungeklärte Herkunftsfrage aber macht Angelika bis ins Erwachsenenalter zur Zuschauerin in einem Leben, das sich nie ganz richtig anfühlt. Zwischen Pflichtgefühl und dem Wunsch nach Eigenständigkeit hadert sie mit den Erwartungen, die junge Frauen in den 1950er- und 1960er-Jahren zu erfüllen haben.

In klarer, einfühlsamer Sprache entfaltet dieser Roman eine vielschichtige Erzählung über Vergänglichkeit und die Suche einer Frau nach ihrem Platz in der Welt.

Barbara Lutz, 1959 in Dornbirn geboren, studierte Ethnologie in Wien und Bern. Sie arbeitete und forschte auf verschiedenen Kontinenten in der Entwicklungszusammenarbeit und im Migrationsbereich. Im Limmat Verlag sind zwei Romane von ihr erschienen, «Russische Freunde» (2013) und «Keinen Seufzer wert» (2017), für letzteren wurde sie mit dem Berner Literaturpreis ausgezeichnet. Barbara Lutz lebt bei Bern.

BarbaraLutz

Wo wirhingehören

Roman

Limmat Verlag

Zürich

1947–1948

Den Rhein zumindest hatten sie sich breiter vorgestellt. Sie überquerten ihn zu Fuß, beladen mit Rucksäcken und Taschen, Karl trug den schweren Koffer. Sie schleppten sich über die Brücke und weiter bis zum Zoll, unter sich den grauen Fluss, unfreundlich in seinem Bachbett aus spitzigen Steinen und Schlamm.

Zwei österreichische Beamte empfingen sie, die Franzosen hielten sich im Hintergrund. Später trat ein Zivilist hinzu, ein hagerer und schweigsamer Mann, Herr Nachbaur, der sie zu einem Wagen führte. Im Auto, einem Opel mit Holzvergaser, saß ein weiterer Mann. An seiner Hand, die auf dem Lenkrad ruhte, fehlten drei Finger.

Eine kurze Fahrt durch das Land, die Straßen voller Löcher, die Häuser grau. Schließlich ein Bauernhof am Stadtrand, ein wenig erhöht und abgesetzt von der Straße. Der Wagen hielt. Der Fahrer half ihnen beim Aussteigen und fuhr weiter. Herr Nachbaur bat sie zu warten und verschwand im Haus.

Angelika ist bald elf, Karl dreizehn.

Sie stehen am Straßenrand, neben dem Koffer, den Rucksäcken und Taschen. Die Straße ist menschenleer, aber sie werden aus den trüben Fenstern der gegenüberliegenden Häuser angestarrt, aus staubigen Scheiben, die sie wie erblindete Augen gleichgültig mustern und trotzdem jede ihrer Bewegungen verbuchen.

Karl hat sich auf den Koffer gesetzt, die Beine übergeschlagen. Angelika bleibt in seiner Nähe.

Das Haus hinter ihnen, ein verwahrlostes Bauernhaus, ist etwas schräg zur Straße in den Hang gebaut. Davor ein gepflasterter Platz, von dem aus ein paar Steinstufen zu einem Geschäft hinunterführen. Gemischtwaren Nachbaur. Links am Haus Scheune und Stall, daneben ein Miststock, schief und ungleich aufgetürmt.

Karl verschränkt seine Arme vor der Brust.

«Melken lernen müsst ihr bei uns nicht», sagt Herr Nachbaur, als er zurückkommt und ihre Blicke bemerkt. Hinter ihm tritt eine Frau hervor. Sie ist groß und kräftig, hat braune, tief liegende Augen, etwas schiefe Zähne, dunkles, am Hinterkopf geknotetes Haar und eine bleiche Haut. Ohne Umarmung oder Handschlag schiebt sie die Kinder über einen Kiesweg hinters Haus, wo eine Tür direkt in die Küche führt.

«Geht Hände waschen und kommt dann an den Tisch.»

Ein weiß gestärktes Tuch, schwere Schüsseln. Als Karl sich setzt, trägt er die Haare ordentlich gescheitelt und an den Kopf gepresst, er hat sie dafür feucht gemacht. Angelika legt ihre fürs Gebet gefalteten Hände auf den Tisch.

«So, wie war eure Reise?», Frau Nachbaurs Lächeln ist freundlich, als sie ihnen schöpft.

Nach dem Essen folgen die Kinder Frau Nachbaur in die Küche. Karl steht neben der Tür, und Angelika wird ein Geschirrtuch in die Hand gedrückt. Sie wird zum Abtropfbrett geschoben, zu nahe neben der fremden Frau, die, kaum fertig mit Spülen, die Küche wieder verlässt. Aus der Stube ist eine Stimme zu vernehmen. Jemand ist gekommen, ein Mann.

Karl setzt sich auf einen Hocker und sieht Angelika beim Abtrocknen zu. Ein Korb mit Nüssen steht auf dem Küchentisch. Karl zieht ihn zu sich heran und beginnt die Nüsse zu ordnen, die hellen links, die schwarz verfärbten rechts.

«Lass das. Die gehören uns nicht», sagt sie.

«Sieht aber so doch schöner aus», antwortet Karl und schiebt den Korb zurück an seinen Platz.

Weil Angelika nicht weiß, wo das Geschirr zu versorgen ist, hilft ihr Karl beim Suchen. Sie öffnet die Schränke um einen schmalen Spalt, bevor sie es wagt, richtig hineinzuschauen. Die Schublade, in der ein Portemonnaie liegt, schlägt sie sofort wieder zu.

Aus der Stube Stimmen.

«Unser sauberes Ländle, beschenkt sind wir», sagt der fremde Mann.

«Gott Lob und Dank», hören sie Frau Nachbaur antworten, «es ist vorhanden, was man braucht.»

«Unser Ländle, gesegnet», fährt der Mann fort.

«Das ist bestimmt der Pfarrer», murmelt Karl.

Sobald das Geschirr versorgt ist, schieben sich die Kinder zurück in die Stube. Als der Pfarrer sie sieht, kommt er auf sie zu. Karl bemüht sich um einen geraden Blick, während er ihm die Hand gibt. Angelika macht einen Knicks.

«Wisst ihr», fährt der Pfarrer fort, als wären sie vorhin schon Teil des Gesprächs gewesen, «der Krieg, hier sind wir ihm ausgewichen. Wir machten es ganz wie die Schweiz, wir duckten uns und hielten still. Gottlob sind wir verschont geblieben.»

Angelika meint, die Augen des Pfarrers seien feucht geworden. Sie nickt ihm freundlich zu. Trotzdem. Ihr erscheint sein Land erbärmlich.

«Es wird hier bald besser gehen», sagt Karl, bevor sie sich am Abend in ihre Zimmer zurückziehen. «Die Schweizer haben in einer Sammlung vierzig Millionen gespendet, die sind zwar für Holland und Frankreich gedacht, aber ein bisschen auch für Österreich. Außerdem werden wir von drüben Päckli erhalten, das haben sie uns versprochen.»

Angelika denkt an die Schweizer Zeitungen, in denen Inserate für den Versand von Liebesgaben werben. Speisefett, Milchnährpulver, Bohnenkaffee, Zigaretten oder Ölsardinen werden verschickt und den Empfängern direkt ins Haus geliefert, in alle vier Besatzungszonen.

«Es wird hier bald besser gehen», sagt Karl noch einmal und fasst nach ihrer Hand, bevor er hochsteigt in seine Kammer unterm Dach.

Angelika wurde ein Raum zugewiesen, in dem zwei Betten stehen, das Mädchenzimmer. Sie hat sich eben erst hingelegt, als Frau Nachbaur hereinkommt. Mit einem Tiegel in der Hand setzt sie sich auf die Bettkante, schiebt ihr die Haare aus der Stirn und besieht sich die vernarbte Stelle.

Ein ranziger Geruch entsteigt dem Gefäß, in das Frau Nachbaur nun ihre Finger taucht, bevor sie das Fett mit rauen Fingern auf Angelikas Stirn verteilt.

«Arnika», sagt sie, «das hilft.»

Angelika denkt an ihre Mutter, an die sie sich nicht erinnert.

Sobald Frau Nachbaur gegangen ist, reibt sie sich zuerst mit den Händen und dann mit dem Nachthemd die Stirn ab. Dadurch verbreitet sich der ranzige Geruch im Bett, er haftet nun auch an ihren Fingern. Dabei ist die Brandwunde von damals längst verheilt, auch wenn die Haut am Haaransatz noch spannt und fleckig geblieben ist.

Das neue Bett. Ungewohnt und hart. Sie schnuppert an den Leintüchern, sie riechen nach Kernseife, das ist ihr vertraut. Das steife Duvet aber liegt schwer und wie ein Stein auf ihr.

Wir betreten gemeinsam den Laden.

Staub auf den Stufen, auf der Theke und auf den Gestellen. Staub auch auf den Steinfliesen, auf denen wir Spuren hinterlassen.

Wir sehen uns um und stellen fest, das Lebensmittelgeschäft wurde nicht aufgeräumt, bevor man es verließ. Ein rückwärtiger Raum ist mit Möbeln und Kisten dermaßen vollgestopft, dass wir keinen Schritt hinein machen können.

«Wüsstest du jemanden, der uns helfen kann?», frage ich Sandro, «weil momentan hängt die Geschichte an uns zweien.»

«Man müsste eine Firma beauftragen», meint er.

«Liegt laut meiner Tante nicht drin», sage ich.

Sandro zuckt mit den Schultern und geht zu einem großen Koffer, der auf der Verkaufstheke liegt. Er wischt Staub vom Deckel und öffnet die Schnallen. Wir blicken auf Papier, auf Briefe und auf Schachteln, lauter vergilbtes Zeug.

Ganz obenauf liegt ein Schulheft mit Aufsätzen.

Am nächsten Morgen bringt Herr Nachbaur die Kinder zur Schule. Als sie ankommen, ist der Pausenplatz leer, und drinnen im Gebäude wirken die Gänge wie ausgestorben. Künftige Mitschülerinnen und Lehrer hinter verschlossenen Türen, als hielten sie sich verschanzt, als duckten sie sich weg. Angelikas Schritte hallen auf den Steinfliesen wider. Nach einer Weile nimmt sie aus einem der Klassenzimmer eine monotone Lehrerstimme wahr.

Herr Nachbaur führt sie in den oberen Stock und dort in einen engen Raum, das Büro des Schuldirektors. Als sie eintreten, steht dieser auf und kommt auf sie zu.

Herr Nachbaur holt ihre Zeugnisse aus seiner Ledermappe hervor.

«Sie sind aus der Schweiz? Haben sie drüben die Schule ordnungsgemäß besucht oder fehlen Jahre?», fragt der Direktor über ihre Köpfe hinweg, kaum haben die beiden Männer sich begrüßt.

«Die Schule hat drüben sicher regelmäßiger stattgefunden als hier», sagt Herr Nachbaur.

«Keine Klassen versäumt? Keine verpassten Semester, Sonderurlaube, Kohleferien?», fragt der Direktor nun an die Kinder gerichtet. Angelika schüttelt den Kopf und Karl antwortet mit fester Stimme, alles sei normal gewesen.

«Karl und Angelika Stein», der Direktor blättert in ihren Zeugnissen.

«Weiß der junge Herr», wendet er sich an Karl und zögert, «wie die Hauptstadt des Vereinigten Königsreichs heißt?»

Karl zuckt zusammen, das junge Herr gefällt ihm nicht, und dann diese Frage. Es gibt keinen, der London nicht kennt. BBC, Winston Churchill, alle kennen das. Trotzdem antwortet er höflich.

«Und die Dame hatte bereits ein bisschen Französischunterricht, wie ich sehe. Parlez-vous Français, Mademoiselle?»

«Oui, un peu», antwortet sie mit dem Trotz in der Stimme, der ihr beim Bruder gefehlt hat.

Der Direktor nickt. «Die Schulbücher werden ihnen vielleicht bekannt vorkommen», sagt er zu Herrn Nachbaur, «die Schweiz hat uns Schulbücher geschenkt. Hier war ja nichts mehr vorhanden.»

Der Direktor geht zum Schreibtisch und versorgt ihre Zeugnisse in einer Schublade.

«Meldet euch morgen um acht Uhr bei den Klassenlehrern. Sie werden euch sagen, was ihr an Heften braucht, vorläufig bringt ihr nur die Federschachteln mit. Werdet ihr euch zurechtfinden?»

«Ja, sicher», antwortet Karl schnell.

«Sicher, sicher», wiederholt der Direktor, Karls Aussprache imitierend. Die beiden Männer lachen.

«Sie schweizern halt», sagt Herr Nachbaur.

Natürlich werden sie sich in diesem Schulhaus zurechtfinden. Natürlich finden sie ihre Klassen, auch wenn das Schulhaus lange Gänge hat. Nur das von den Federschachteln hat Angelika nicht verstanden. Sie wird sich aber keine Blöße geben vor dem Herrn Direktor. Der sich auf seine ehrwürdige Schule nichts einzubilden braucht. Dass einzelne Gangfenster nur notdürftig mit Brettern vernagelt sind und richtige Scheiben fehlen, ist nichts, worauf er stolz sein kann.

Auf dem Rückweg, während sie hinter Herrn Nachbaur heimwärts trotten, erklärt Karl Angelika die Zeitfallen. Beim Warten kann man in Zeitfallen geraten, behauptet Karl, die sind wie Erdlöcher, in denen die Zeit stillsteht. Das ist lustig, aber wenn man nichts unternimmt, bleibt man drin stecken. Um wieder hinauszufinden, müsse man auf die kleinsten Geräusche und Bewegungen achten und gut an ihnen dranbleiben.

Den Rest des Tages bemüht sich Angelika darum, eine Zeitfalle zu entdecken, aber bei ihr läuft alles geradeaus und bleibt nicht stehen. Wenn schon, dann möchte sie zurück. Die Zeit umdrehen. So weit, bis sie da ankommt, wo ihre Erinnerung aufhört.

Zu Hause werden sie von Frau Nachbaur erwartet. Streng und steif steht sie in der Stube, in schweren Wollsachen, die weit über das Knie reichen, in dicken Strümpfen selbst jetzt im Mai. Sie riecht nach Lavendel, der gegen Motten helfen soll. Angelika wartet darauf, Ungeziefer über ihren Rock laufen zu sehen. Ohne Worte wird sie zu einem Schrank geschoben, in dem sich das Geschirr für das Mittagessen befindet. Angelika deckt den Tisch, während Frau Nachbaur in der Küche verschwindet und wenig später mit vollen Schüsseln zurückkommt. Sie bewegt sich sparsam, aber ihre Augen sind überall. Sie ist Angelika fremd.

Angelika hat andere Frauen aus Österreich getroffen, geschwätzig und lustig die meisten, manche etwas würdelos, aber keine so seltsam altertümlich fremd wie diese Frau. Herr Nachbaur ist weniger unheimlich, aber er spricht nicht. Selbst während er mit ihnen bei Tisch sitzt, schweigt er versunken vor sich hin. Kaum ist das Geschirr abgeräumt, sieht man ihn über etwas gebeugt, was er flickt.

Die Nachbaurs leben von ihren Kühen, einem kleinen Kartoffel- und Maisacker und dem Gemüsegarten. Dazu kommt der Verdienst aus der Gemischtwarenhandlung, die Frau Nachbaur führt. Es reiche, um durchzukommen, erfahren die Kinder bei Tisch, und dass ein Teil der Wiesen deshalb verpachtet sei an Familien, die weniger gut dran sind und die so wenigstens Kartoffeln haben. Kleinbauäckeraktion heiße das und es helfe gegen den Hunger.

Nach dem Essen und Abwasch werden sie wie kleine Kinder für einen Mittagsschlaf in ihre Zimmer geschickt. Angelika legt sich auf ihr Bett. Astlöcher, Risse und Wasserflecken im Täfer, sie spielt mit den Fransen ihrer Decke und denkt an den Schlafsaal im Institut. Als sie kleiner war, lag Sarah neben ihr. Wenn sie nicht schlafen konnten, sahen sie sich an und lachten, Gekicher, Geflüster und Grimassen, bis ihr Gelächter zu laut wurde und sie unter ihre Decken tauchten. Damit keine der Schwestern kam.

Als Frau Nachbaur an die Tür klopft, schreckt Angelika auf. Sie hat geträumt. Sie weiß nicht was, aber es war für einmal nicht ihr Albtraum, in dem jedes Mal die Häuser brennen, wohin sie auch läuft. In dem, wenn sie weiterrennt, die Straßen hinter ihr in Flammen stehen, und an jedem weiteren Ort, an den sie flüchten will, bricht Feuer aus.

«Meine Mutter, mein Vorbild. Ich sitze auf dem Schoss der Mutter. Karl steht neben ihr. Vater sitzt. Karl hat einen Bären und der Bär heißt Theo und gehört Karl. Der Bär ist zahm, aber nachts muss er in einen Käfig. Tagsüber sitzt er im Springbrunnen und hält sein Maul offen, Karl sagt, damit ihm das Wasser in den Rachen rinnt. Man sieht seine spitzen Zähne. Aber er ist zahm, sagt Karl. Die Mutter ist auf einem Stuhl und hat mich auf dem Schoss. Der Vater ist auch auf einem Stuhl und hat einen Spazierstock. Seinen großen Schnautz kann man gut sehen, die Augen nicht. Die Diener müssen stehen. Sie blinzeln wegen der Sonne. Karl ist so klein wie Sarah damals. Sarah rennt schnell, die Mutter auch. Ihr schwarzer Zopf hat sich gelöst und pendelt und Sarah rennt ihm nach. Der Vater war langsam wegen seinem steifen Bein. Unsere Diener sind kein Pöbel. Vor ihnen hatten wir keine Angst. Zu Mutter sage ich Maman und ihre Locken sind prechtig.»

Sandro drückt mir das Schulheft, aus dem er vorgelesen hat, in die Hand.

Bereits am ersten Schultag findet Angelika heraus, was eine Federschachtel ist und dass sie schon eine hat. Obwohl sie keine braucht, die Kinder halten nur Kreidegriffel in den Händen und schreiben auf Schiefertafeln. Die wenigen Federschachteln, die sie auf anderen Pulten entdeckt, sehen alt und abgegriffen aus. Angelika ist froh, ihr glänzendes Etui, prall gefüllt mit Buntstiften und einem richtigen Füller, in der Tasche gelassen zu haben. Es reicht, dass sie mit einem neuen Schulsack ins Klassenzimmer getreten ist, in dem sie von verlausten Kindern mit laufenden Nasen empfangen wurde. Neugierig angestarrt von einer Klasse, die viel zu gedrängt sitzt und die ihr widerwillig einen Stuhl abtrat.

«Das Wörtertrennen können sie gut», kommentiert Karl, als sie ihn in der Pause trifft und sie einer Gruppe Kinder beim Spielen zusehen. In Karls Klasse gibt es Schreibhefte, man muss aber sparsam damit umgehen. Klein schreiben, bis zum Rand, und die Seite bis zur untersten Zeile brauchen. Papier ist Mangelware.

Er sitze neben einem, der Hermann heiße und Verwandte in der Schweiz habe, erzählt Karl, und der Hermann sei in Ordnung. Angelika hat in ihrer Klasse noch kein Kind entdeckt, das sie mag. Sie sitzt neben einem kurzen, stämmigen Mädchen, das rote Haare hat und in der Nase bohrt. Außerdem riecht man die Milchwirtschaft an ihr, von der die Familie wahrscheinlich lebt.

«Vo wo biasch? Was wellond dr do?», fragte das Mädchen, noch bevor Angelika ihren Namen nennen konnte. Sie sagte, dass sie aus Zürich komme, aber eigentlich Österreicherin sei, und dass sie jetzt, wo der Krieg geendet habe, die Schweiz verlassen musste. Als das Mädchen sie weiter abwartend ansah, fuhr sie fort, sie sei vielleicht nicht für lange hier, vermutlich ziehe sie bald weiter. Das war gelogen, vielleicht nach Wien, sagte sie trotzdem noch, oder nach Bariloche, was in Argentinien liege.

Obwohl Angelika recht groß ist, hat die Lehrerin sie in die erste Bank gesetzt. Sie wolle sie im Auge behalten, hat sie dazu gesagt, und es klang, als wäre Angelika ein Schmuckstück. Sie ist froh, dass sie nicht nach hinten zu den ungewaschenen Kindern muss, trotzdem hat die Bemerkung sie gestört. Fräulein Strehle scheint zu denken, sie ginge leicht verloren.

Nach der Stunde suchte die Lehrerin das Gespräch mit ihr, sie lobte ihr Sommerkleid und wollte über Schnittmuster und Stoffe sprechen. Die einheimischen Mädchen in ihren geflickten Strümpfen und verblichenen Schürzen verließen das Klassenzimmer nur zögerlich, sie drückten sich beim Eingang herum und blieben stehen, um zuzuhören. Angelika wurde gemustert. Ihr Kleid ist tatsächlich hübsch, aus blau-weiß gestreiftem Leinen geschneidert und eigens angefertigt für die Übersiedelung. Nur an Schürzen hat die Schneiderin in Zürich nicht gedacht. Frau Nachbaur hat ihr welche gegeben, genug für das ganze Jahr. Eine davon trägt Angelika nun über ihrem Kleid, und sie ist froh darum.

In der Pause spielen die Kinder Krieg. Hinter einem Busch, der eine Panzersperre darstellen soll, robben Buben hin und her, und ab und zu springt einer auf, um eine Panzerfaust zu werfen. Die kleineren Buben und ein paar Mädchen bringen Steine, Nachschub an Munition. Karl und Angelika haben sich an eine Mauer gesetzt und sehen den Kindern zu. Als sie nach der Pause zum Schulhaus zurückkehren, prahlen ein paar Buben mit ihren Heldentaten. Wie sie Gräben gegraben und Panzersperren errichtet haben. Wie sie die Handgranaten, die man ihnen einige Tage vor dem Einmarsch der Franzosen in die Hand gedrückt hatte, bedient hätten. Hätten. Falls.

«Hier gab’s gar keine Kämpfe», sagt ein groß gewachsener Bub zu Karl und begleitet sie zum Schuleingang zurück, «die Franzosenpanzer rollten einfach in die Stadt und wurden mit weißen Fahnen empfangen.»

Vor dem Schulhaus warten die Lehrer, bis sich die Kinder in ihren Klassenreihen zurechtgefunden haben. Dass sich einige Buben gegenseitig mit imaginären Maschinengewehren beschießen, scheint die Lehrer nicht zu stören. Nur eines der Fräulein sagt leise, die Buben sollen ihre Gefechte nun beenden. Es ist die Hämmerle, die Religion unterrichtet, erfährt Angelika von einem der Mädchen.

Der Turnunterricht findet gemeinsam mit den Buben statt, in einem großen Klassenzimmer im Erdgeschoss. Ein Lehrer hüpft über wadenhohe Bänke, die Kinder hinterdrein, und es werden Übungen mit Keulen gemacht. Weil es warm genug ist, spielen sie anschließend auf dem Schulplatz Völkerball. Wie in der Schweiz machen auch hier die Buben das Spiel untereinander aus.

Den Heimweg tritt Angelika alleine an, Karl hat erst später Schule aus. Als sie zu Hause ankommt, steht Frau Nachbaur in der Küche. Sie wirft in Eile geviertelte Kartoffeln in einen Topf, in dem schon Bohnen schmoren, und gibt etwas Salz dazu. Frau Nachbaur hat die Bohnen gestern Abend vorgekocht. Weil die Zeit am Mittag sonst nicht reicht, sie steht bis zwölf Uhr im Geschäft.

«Früher hatten wir ein Mädchen, vor allem, als die Kinder klein waren», erklärt sie Angelika und hält ihr einen Salatkopf hin. «Jetzt aber sind wir froh, nicht zu viele Esser am Tisch zu haben. Und es geht auch so.»

Angelika wäscht den Salat und deckt den Tisch. Sie fragt sich, was Frau Nachbaur wohl sagt, wenn sie bemerkt, dass sie nicht kochen kann.

Man erkennt sie an der Sprache. Ein paar Tage später weiß Angelika, in ihrer Klasse gibt es neben den einheimischen Kindern auch solche aus dem Südtirol und viele Flüchtlingskinder, die meisten von ihnen Vertriebene aus dem Osten. Von manchen weiß man fast nichts, sie stehen nur für kurze Zeit auf dem Schulhof herum, bevor sie wieder verschwinden, sagt ihre Sitznachbarin, und Angelika denkt, dass sie zu denen gehören möchte. Die Kinder der Südtiroler sind keine Flüchtlinge, wie die Einheimischen sind sie trotzdem nicht. «Die betteln», Angelikas rothaarige Nachbarin dreht sich nach hinten um, als sie das sagt.

In der Fensterreihe sitzen zwei Mädchen, die besser gekleidet sind als die anderen und die Fräulein Strehle selbstbewusst ins Gesicht blicken. Fabrikantentöchter, weiß Angelika, ohne dass es ihr gesagt wird. Dass sie anders sind, zeigt sich auch in ihrer Art zu reden. Weniger klumpig und rau, verständlicher auch als die übrigen Mädchen.

Nach einer der Stunden kommen sie auf Angelika zu.

«Mein Papa war früher oft in Zürich», sagt eines der beiden Mädchen zu ihr.

«Seids ihr eigentlich Schweizer?», fragt die andere, «oder was habts drüben gemacht? Seids ihr Flüchtlinge gewesen?»

Angelika beantwortet die Fragen. Sie wird gemustert, und die beiden blicken sich an, bevor sie weitergehen und auf dem Pausenplatz verschwinden. Zum Dazugehören hat es nicht gereicht.

In den ersten Pausen hat sich Angelika in die Nähe ihrer Sitznachbarin gestellt. Sie blieb in einiger Entfernung zu den Mädchen stehen, mit denen die Rothaarige sich unterhielt. Lange Zeit unbemerkt, dann aber schauten plötzlich alle zu ihr her.

«Warum siand ihr furt us dr Schwiz?», fragte eines der Mädchen unvermittelt.

Angelika erklärte, dass sie Österreicherin sei.

«Aber warum kommand ihr denn grad zu üs?»

Angelika sagte nichts. Sie war froh um das Läuten der Pausenglocke.

Auch nach der Schule kamen sie wieder auf sie zu. Warum sie weggegangen und weshalb sie zurückgekommen sei, ob sie drüben Verwandte habe oder hier und wo sie jetzt wohne. Fragen nun auch im Turnen, auf dem Pausenplatz, in der Religionsstunde, in der mehr geschwätzt wird als sonst im Unterricht, und auf dem Weg nach Hause. Ob sie in einem Lager gelebt habe, und als sie das verneint und vom Institut spricht, was es dort zu essen gab und wo sie zur Schule ging. Ob sie in den Pausen Milch erhielten und ob sie Wandertage machten. Ob sie schwimmen könne oder die Ferse stricken. Warum sie kurze Haare habe und ob es stimme, dass sie noch nie beim Metzgen dabei war, nicht einmal bei einem Hasen. Das haben sie von den Buben und von Karl gehört.

Warum sie hier sei, immer wieder, und ob sie lange bleibe. Darauf hat Angelika keine Antwort. Sie weiß ja selbst nicht viel. Nicht einmal an ihre Einreise in die Schweiz kann sie sich erinnern, damals war sie zwei. Sie hat nur Karls Berichte.

«Wir sind aber keine Flüchtlinge, gell?», fragt sie ihn, als sie ihn später sieht, «weil, wir sind ja Österreicher?»

Karl bleibt ihr die Antwort schuldig.

Nach den Eltern fragen die anderen Kinder niemals. Man wird ihnen gesagt haben, dass die Neuen Waisenkinder sind.

«Meine Mutter, mein Vorbild», lese ich und muss lachen, während ich den Aufsatz noch einmal überfliege.

«Der Bär war zahm», sage ich.

«Na, hoffentlich war er zahm», meint Sandro.

«Vielleicht ein Teddybär», sage ich.

«Ein nasser Teddybär», sagt er, «einer, der in einem Springbrunnen versenkt wurde.»

Jemand hat mit Rotstift den «Schnautz» und die «prechtigen Locken» angestrichen und daruntergeschrieben, vom Vorbild erfahre man nicht viel, es sei ungünstig gewählt. Ich blättere nach hinten, zu «Mein schönster Ausflug», «Herbst» und «Ein treuer Freund». Was das Kind zu «Meine Lieblingsbeschäftigung» geschrieben hat, schaue ich mir an. Anscheinend strickte es gern, das gefiel der Lehrperson besser als die Geschichte mit dem Bären. Brave Aufsätze, sie war mit dem Kind zufrieden, wie die roten Kommentare zeigen. Gut, sehr gut, hübsch und sauber, schrieb man ihm ins Heft.

Hinten steckt ein Stück Papier. Ein aus einem Magazin herausgerissener und zusammengefalteter Artikel, den ich öffne und überfliege. Es geht um die Ermordung des Zaren. Auf einer Fotografie sieht man ihn stolz und aufrecht bei seiner Familie stehen. Jemand hat die Namen der Zarentöchter neben ihre Köpfe gekritzelt, Olga, Maria, Tatjana und Anastasia. Ich lege das Schulheft in den Koffer zurück.

Den Kindern etwas bieten. Sie sind seit gut zwei Wochen hier, als Frau Nachbaur am Sonntagnachmittag mit ihnen den Lunapark besucht, der, wie in der Zeitung angekündigt, für ein paar Tage in der Stadt gastiert. In der Schule ist darüber gesprochen worden. Buben aus Karls Klasse haben beim Aufbau geholfen und sie stehen, als Karl und Angelika ankommen, um das Gelände herum. Neugierig sehen sie zu, wie Frau Nachbaur ihre zwei Pflegekinder zum Kassahäuschen schiebt und sich nach den Preisen erkundigt. Zwei Fahrten für jedes Kind, hat sie ihnen zu Hause versprochen.

Jetzt, so kurz nach der Mittagszeit, ist der Lunapark nicht gut besucht. Karl und Angelika drehen auf dem Gelände eine Runde, ein paar Buben aus Karls Klasse laufen ihnen hinterher, bereit, sie zu beraten.

«Das Autodrom taugt, der Rest ist Kinderkram», sagt einer zu Karl, er sieht dabei zur Seite und spuckt auf den Boden.

«Jedenfalls die Todesfahrt im Höllenglobus, die klingt nach mehr, als ist», sagt ein anderer, freundlicher.

Karl und Angelika entscheiden sich für das Autodrom. Nach der Fahrt laufen sie zurück zu Frau Nachbaur, die, sehr aufrecht in ihrem dunklen Wollzeugs, im Schatten eines Baumes steht.

«Die Autos sind gepolstert? Mit Kautschuk?», fragt sie bloß, als Karl ihr von den Zusammenprallen berichtet. Kautschuk ist rar und selbst Fahrradreifen sind fast nicht zu kriegen.

Für die zweite Runde will Angelika ein weiteres Mal zum Autodrom. Karl wünscht sich stattdessen eine Fahrt im Kettenkarussell. Als sie von den Autos zum Karussell hinüberwechseln, sind die Buben zurück. Sie laufen ihnen hinterher und sehen zu, wie Karl sich in einen viel zu engen Sessel zwängt.

Als sich das Karussell in Bewegung setzt, tritt Frau Nachbaur zu Angelika. Karl steigt mit jeder Runde höher, bald fliegt er über ihren Köpfen, er lehnt sich weit hinaus aus dem zu kleinen Sitz. Mit ausgestreckten Armen und flatternden Haaren lässt er seinen Oberkörper schwingen und hält sein Gesicht dem Wind entgegen.

«Bleib sitzen! Halt dich fest!», schreit Angelika ängstlich.

Frau Nachbaur sieht sie an.

«Der fällt schon nicht herunter. Er hat doch eine Stange überm Bauch.»

Frau Nachbaur, Mutter, mit ihr wird es gehen. Schlimm ist nur das Schweinefett am Abend, der Tiegel, in den sie ihre Finger taucht, um Angelikas Narbe einzureiben. Das darf nur eine Mutter.

Zurück am Boden, erklärt Karl, was ihm am Karussell gefällt. Es ist das Kreisen, sagt er, denn die Zeit kreist mit, sie läuft in Runden. Alles, was vorbeizieht, kommt ein zweites Mal zurück. Angelika versteht Karl nicht, Frau Nachbaur aber sieht ihn mit Interesse an. Schließlich meint sie, am besten gehe man aber immer geradeaus. Mit Gott vor Augen.

Herr und Frau Nachbaur. Vater und Mutter in Zukunft, wie soll das gehen. Dabei sind sie freundlich. Für die Süßspeise, die es bei ihrer Ankunft gab, haben sie bestimmt wochenlang Zucker gespart. Den Kindern das Gleiche bieten, was sie von der Schweiz her kennen. Es soll euch hier nicht schlechter gehen als drüben in der Schweiz. Gleich ist hier aber nichts, nicht das Brot, das nach Pappe schmeckt, und auch nicht die trockenen Kartoffelspeisen.

Sie lügen, loben das Essen und Karl erfindet Dinge. Er habe seit ewiger Zeit keine Beeren mehr gegessen, sagt er. Was stimmt, weil es im Winter nirgendwo Beeren gibt.

Sie müssen keinen Hunger leiden, wie es ihnen in der Schweiz angekündigt worden ist, das Haus ist nicht zur Hälfte weggebombt und es ist auch nicht zerfallen. Nur wird hier nichts geflickt, und auch was davongetragen wurde, wird nicht ersetzt.

Was wirklich stört, ist, dass man nicht weiß, woran man ist. Dass diese neuen Eltern so eigenartig sind. Dass die Straßen hier viel leerer scheinen als in der großen Stadt. Dass man nicht weiß, was zu unternehmen wäre. Nicht einmal weiß, was man unternehmen darf. Man sieht die französischen Soldaten zwar kaum, aber Österreich ist ein besetztes Land. Sie haben bisher keine Nazis gesehen, nur leere Straßen. Die Kinder schleppen Milchkübel vom Stall in die Küche und helfen in den Gärten. Wenn Angelika mit Karl durch die Gegend geht, sieht man ihnen nach.

Karl ist inzwischen immer öfter mit Buben unterwegs, er treibt sich mit ihnen auf der Suche nach Knochen im Wald herum. Sie nehmen Karl mit, denkt Angelika, weil er ihnen seine Beute überlässt. Für Knochen, bei der Sammelstelle abgeliefert, gibt es Kernseife. Weil die Buben aber nur selten solche finden, stecken sie auch Tannzapfen ein, was eigentlich verboten ist.

An anderen Tagen treffen sie sich bei einer Brache, einem sandigen Stück Land, das neben einem Schuppen liegt. Sie spielen Fußball und Karl beteiligt sich voll Eifer, obwohl er das Tor nur selten trifft. Karl ist hier nicht mehr so fremd wie sie. Angelika weiß nicht, wohin sie gehen könnte, deshalb hilft sie Frau Nachbaur im Laden. Die meisten Mädchen aus ihrer Klasse haben nachmittags zu tun.

Als Karl seine Hosensäcke von Tannzapfenresten und dürren Ästchen befreit, hilft ihm Angelika dabei. Das Harz der Zapfen hat Spuren hinterlassen, sie kratzen es gemeinsam weg.

«Die Buben, was wollen sie von dir wissen?»

Weil Karl keine Antwort gibt, legt Angelika nach: «Was wirst du so gefragt?»

Karl versteht, zuckt aber nur mit den Schultern.

«Was machst du, wenn sie Fragen stellen?»

«Antworten, was denn sonst», sagt Karl und fügt an, dass die Buben nur selten etwas wissen wollten.

«Wir sind keine Flüchtlinge», sagt Angelika.

«Nein», sagt Karl, «natürlich nicht, nur fremd hier, wir sind halt noch fremd hier.»

«Noch?», fragt Angelika zurück.

Karl ist seit jeher anders. Er merkt es nicht, wenn andere über ihn lachen, Angelika schämt sich dann für ihn. Es gibt Dinge, die sie ihm schon in Zürich sagte. Schau Karl, die Buben grinsen und die Mädchen kichern. Karl fragt zurück, was daran falsch sei, und sieht sie gleichgültig an.

Unter dem Aufsatzheft entdecke ich weitere Schulhefte.

«Rechnen», sage ich zu Sandro, während ich eines davon aus dem Koffer hervorziehe, «und Heimatkunde. Klasse 1.b.»

Sandro nickt uninteressiert. Er sieht sich im Laden um. Der Raum ist zugemüllt mit Ramsch, überall steht alter Plunder.

«Was denkst du, wie lange brauchen wir fürs Räumen?», frage ich ihn.

Er zuckt mit den Schultern.

«Zehn Tage, falls es bei uns zweien bleibt. Aber vielleicht gibt es ja doch noch andere, die uns beim Entrümpeln helfen? Dann ginge es natürlich schneller.»

Sandro ist hier, weil er ein günstiges Lokal sucht für ein Fahrradgeschäft, das er eröffnen möchte. Im Tausch gegen einen Mieterlass wird er beim Räumen helfen. Das hat er mit meiner Tante ausgemacht. Sie kümmert sich um das Haus und seine Mieter.

Nach dem Mittagessen geht Angelika nun manchmal mit der Mutter hinunter in den Gemischtwarenladen. Sie mag den Raum, wo es nach Putzmitteln und Sauberkeit riecht und wo es selbst an den Nachmittagen behaglich dämmrig bleibt, durch das verhangene Schaufenster dringt nur wenig Licht.

Sie schaut sich um und öffnet einen Schrank.

«Die Zuteilungen sind viel zu klein», sagt Frau Nachbaur, als sie Angelika bei den spärlich gefüllten Regalen sieht, «der letzte Winter war schlimm, schlimmer noch als der Krieg. Für viele fast nicht durchzustehen. Aber auch jetzt sind die Gestelle leer, sieh sie dir an, manches fehlt seit Monaten. Nur vom Gemüse hat’s genug, wenigstens das, das wird nun täglich mehr.»

Angelika öffnet ein paar Schubladen und findet dort Seife, Maggiwürfel, Backpulver und Kunsthonig. Erhältlich vermutlich nur gegen Bezugsscheine.

Im Laden darf sie sich in ihren besseren Sachen zeigen, denjenigen, die sie sonst bei Gängen in die Stadt oder in der Schule trägt. Keine Sonntagskleider, aber fürs Geschäft braucht sie nicht in das vergilbte Hauskleid zu schlüpfen, das sie daheim sonst anhat. Die Kundschaft bedient man in guten Kleidern, unter einer Schürze, versteht sich.

Angelika mag den Laden, wenn er menschenleer und ausgestorben ist. Am liebsten begleitet sie Frau Nachbaur zum Aufräumen hinunter, an den Abenden und an den Mittwoch- und Samstagnachmittagen. Wenn der Laden geöffnet ist und Kundschaft kommt, zieht Angelika sich in das hintere Zimmer zurück.

Die Kundinnen sind Frauen mit Kopftüchern, zu großen Schürzen und ausgetretenen Schuhen. Neugierig sind sie, und sie reden viel. Vielleicht, weil sie ihre Männer verloren haben, vielleicht sind sie zu oft allein. Jedenfalls bleiben sie mit ihren vollen Einkaufskörben im Laden stehen und treten sich lieber gegenseitig auf die Zehen, als dass eine das Geschäft verlassen würde.

In Zürich haben solche Frauen die Gänge im Institut geputzt. Die Mütter in Zürich trugen Schuhe mit Absätzen und elegante Hüte, wenn sie zu Besuch kamen, sie hielten weiche Lederhandschuhe in den Händen, und wenn sich eine hinunterbeugte zu ihrem Kind, so tat sie das anmutig, sie ging dafür ein wenig in die Knie und machte keinen krummen Rücken wie die Frauen hier, wenn sie nach ihren Körben greifen.

Angelika mag es nicht, wenn die Frauen sie bemerken, wenn sie plötzlich fragen, wie es Frau Nachbaur mit den Schweizerkindern gehe. Sie sieht dann nicht auf und gibt vor, sie habe die Frage nicht gehört. Die Frauen betrachten sie, wie wenn sie in einem Vogelbauer säße oder als Schmetterling aufgespießt in einem flachen Kasten. Mit einem kleinen Lächeln reden sie, als wäre sie nicht da. Die Frauen mögen die Fremden nicht. Über die Schweizer aber wird mehr gelächelt als geschimpft.

Dann auch, dass die Frauen jeden Tag über das Gleiche jammern. Dass es nun zwar wieder Arbeit gebe, aber nichts zu kaufen. Dass man eingepfercht wie Tiere lebe seit dem Krieg, eingekeilt und eng auf eng, mit Kindern, Schwiegereltern oder Großmüttern, die aus den Betten fallen. Und mit Fremden, die stehlen, selbst von der Wäscheleine und aus dem Garten hinterm Haus. Dass das Land voller Flüchtlinge und Franzosen sei und dass es für die Inländer keinen Platz mehr gebe.

Wenn sie nicht klagen, sprechen die Frauen davon, was in Bälde an Schlimmem geschehen wird. Gerüchte, die sich hartnäckig halten. Die russischen Truppen warten in Ungarn an der Grenze. Jugoslawien wird einmarschieren, weil Tito sein Stück Kärnten will. Die Russen, mit ihrer Rache war zu rechnen, sie meinen es mit Österreich nicht gut. Den letzten Nagel und die letzte Schraube werden sie sich nach Russland holen. Dabei sind wir doch überfallen worden von den Nazis. Nur die Russen wollen das nicht glauben.

«Hier fällt das manchen aber auch noch schwer», diejenige, die das vor Kurzem sagte, war nicht von hier. Eine schlecht gekämmte, bleiche Frau mit sprödem Haar und fremdem Akzent. Die anderen wurden still und schauten vor sich hin.

«Bald soll es neue Zuteilungen geben», sagte schließlich eine dicke Frau, nach einer längeren Pause.

Andere Frauen kommen ins Haus. Sie erscheinen spätabends und bleiben in der Stube stehen. Nur auf ein Wort.

Gewisper. Gemurmel. Angst.

Warten, hört Angelika sie flüstern.

Man muss warten. Sich gedulden auf bessere Zeiten, auf dass es wieder Butter gebe oder dass die Besatzer gehen. Die Frauen warten auf Heimkehrer, auf vermisste Söhne, sie fragen sich, wo ihre Söhne liegen, Kreuzsteckungen ohne Sarg. Sie flüstern von Toten, angeschwemmt vom Rhein, am Bodensee im Schilf, zwischen Steinen eingeklemmt, mit Rechen aus dem Wasser gefischt.

Kein Wunder, gehe mancher ins Wasser, murmeln sie.

«Sind das jetzt die Nazis, die sich umbringen?», fragt Angelika ihren Bruder, obwohl sie inzwischen weiß, dass es hier fast keine gab. Der Krieg fand an anderen Orten statt.

«Ein paar vielleicht schon», antwortet Karl, «aber den anderen geht’s doch auch nicht gut.»

«Glaubst du, gibt es wieder Krieg?», fragt sie weiter.

Karl zuckt mit den Schultern.

Vielen geht es nicht gut. Manch einem fehlen die Zähne und er riecht. Es gibt Kinder, die auch bei Regen barfuß laufen, mit Schorf am Kopf und ungewaschen.

Warten auf jemanden, der vielleicht nicht kommt, denn sicher ist es nicht. Angelika kann die Angst der Frauen riechen, wenn sie, stimmlos vor Beklommenheit, nachts in der Stube stehen. Dabei wartet doch auch sie. Ein anderes Warten. Eines, bei dem keiner kommt. Ein Warten auf nichts. Sie wurde hier abgegeben. Abgeladen, abgestellt. Karl sagt, vielleicht wird es später richtiger hier. Es soll richtiger werden, denkt Angelika, aber nicht hier.

Ich war schon da, als Sandro angeradelt kam. Ich saß im Auto, wartete und sah durch die Windschutzscheibe, wie er sein Fahrrad über das Kopfsteinpflaster bis zum Ladeneingang schob und es dort gegen die Hauswand lehnte.

Gemischtwaren Nachbaur, das Schild in Schwarz und Gold ist über dem Eingang angebracht. Darunter ein Schaufenster, hinter dessen staubiger Scheibe eine vergessen gegangene Reklametafel liegt, auf einem verblichenen Stoff. Von der Hauswand bröckelt Putz und links von den Stufen, die zum Geschäft hinunterführen, hängt ein alter Kaugummiautomat.

Sandro trat einen Schritt zurück und betrachtete die Ladenfront, ging dann zum Kaugummiautomaten hin und spielte mit der Drehmechanik. Als ich aus dem Auto stieg, linste er ins Ausgabefach.

Er hielt mich für die Frau, mit der er telefoniert hatte, für meine Tante Sidonie.

«Sie ist achtzig», erklärte ich ihm, «da schleppt man keine Kisten mehr.»

Stattdessen werde ich mich ums Entrümpeln kümmern. Gemeinsam mit meinen Geschwistern, Tanten und einer größeren Schar von Großcousinen und Cousins gehöre ich zu den Besitzern der Liegenschaft.

Angelika ist seit einigen Wochen im Land, als plötzlich alle von Fronleichnam reden. Der Pfarrer kommt in die Schule, damit das bei der Prozession dann klappe, wie er in ihrer Klasse sagt, damit alle Kinder wissen, wo sie beim Umzug hingehören. Herr und Frau Nachbaur erklären ihnen, dass sie am Prozessionstag früh aus dem Haus müssten, Frau Nachbaur, um Blumenteppiche auszulegen, und Herr Nachbaur, weil er sich um den Himmel kümmern wird, den Baldachin über der Monstranz. Zur Kirche findet ihr allein, und dann geht ihr bei euren Klassenkameraden mit, sagt die Mutter und fügt an, dass man gottlob seinen Glauben wieder leben dürfe.

Am Vorabend der Prozession legt Frau Nachbaur ihnen gute Kleider hin, für Karl den schwarzen Anzug, für Angelika ein weißes Kostüm. Die Mädchen, allen voran die Erstkommunikantinnen, tragen Weiß.

Angelika betastet das fremde Kleidungsstück, ein altmodisches Deuxpièces aus steifem Brokat. Es gehörte Frau Nachbaurs leiblicher Tochter Inge. Für Angelika ist es zu groß, wie ein Sack hängt es an ihr herab und endet in der Mitte der Waden. Am schlimmsten sind die Ärmel, in denen ihre Hände ganz verschwinden. Als Frau Nachbaur sie so dastehen sieht, kommt sie zu Hilfe. Sie krempelt die Ärmel hoch und befestigt das Umgeschlagene mit Nadeln. Dadurch wird das Kostüm, das schwer wie ein Teppich an Angelika hängt, nicht besser. Außerdem riecht es nach altem Schrank und fremdem Schweiß.

Am nächsten Morgen peitscht der Wind Regenschwaden gegen die Fenster und es ist kalt. Angelika friert, sie schnuppert am kalt-glitschigen Stoff von Inges Kleid und zögert, dann holt sie ihren Lieblingsrock aus dem Schrank und steigt hinein. Er ist aus warmer Wolle, fast neu noch und zinnoberrot.

Vor der Kirche strömen von allen Seiten weiß gekleidete Mädchen zum Portal, die übrigen Kirchgänger tragen dezente Farben unter dunklen Schirmen. Die Männer stecken in abgetragenen Anzügen, die Frauen in alten Mänteln, die Buben in Jacken, die entweder zu kurz und eng oder zu groß sind. Die Mädchen aus Angelikas Klasse tragen Weiß, oft trübe und vergilbt, oder höchstens blasse Farben. Leuchtend rot zeigen sich nur der Pfarrer und die Ministranten. Angelikas Rock ist eine Flamme. Sie drückt sich lange hinten beim Eingang herum. Karl bleibt noch eine Weile bei ihr, dann verschwindet er auf die Bubenseite. Erst in letzter Minute zwängt sie sich in eine der hintersten Reihen, wo die alten Frauen sitzen. Trotz Wolle ist ihr kalt, ihre Schuhe sind nass geworden.

Sie hat nicht an die Kommunion gedacht. Die hintersten Reihen werden den weitesten Weg nach vorne haben, und sie bewegen sich als letzte durch das Kirchenschiff, wenn alle anderen wieder sitzen.

Die Messe, ein Hochamt, scheint nicht enden zu wollen. Der Pfarrer hält nach jedem Satz inne, wie wenn er darüber nachdenken müsste, ob er die Wahrheit gesagt hat. Eine Pause, dann ein bestätigendes Ja und ein Kopfnicken, bevor er weiterspricht. Angelika friert und wartet.

Als die Kommunion verteilt wird, stößt ihre Sitznachbarin sie an. Sie steht auf. Ein langer Gang durchs Kirchenschiff. Mit Schwindel im Kopf und Rauschen in den Ohren und einem Gesicht, das mehr leuchtet als ihr Rock.

Nach der Prozession wartet Angelika unter einem Dachvorsprung auf Karl. Der Umzug hat in strömendem Regen stattgefunden, die Häuserfronten beflaggt mit nassen Fetzen, die Blumenaltäre schwammen im Wasser. Nach jedem Segen wurde nur schnell ein Lied gesungen, schlecht abgestimmt und gestört von den großen Tropfen, die auf die Schirme trommelten. Keine Zuschauer am Straßenrand und keine Blicke, alle starrten zu Boden und wollten heim.

«Bist du eigentlich katholisch?», ein hoch aufgeschossenes Mädchen mit sehr hellen Augen und kinnlangen, geraden Haaren kommt auf Angelika zu. «Du kennst Fronleichnam nicht, gell?»

«Doch, doch, ich kenne das», verteidigt sie sich sofort. «Aber eigentlich bin ich jüdisch», fügt sie an. In Zürich mussten die jüdischen Kinder nicht mitsingen und nicht beten. Das Mädchen sieht sie entgeistert an und läuft weg.

Angelika fragt Karl, warum sie eigentlich in die katholische Kirche gehen.

«Was soll die Frage? Weil wir katholisch sind, wir wurden katholisch getauft.»

Karl ist gläubiger als sie, denkt Angelika. Karl betet ernsthaft, während sie selbst nur wartet, die Bilder betrachtet und an die juckende Strumpfhose denkt. Das war schon in Zürich so. Ihr fehlt ein Stück vom Glauben.

Was ihr heute gefiel, waren die Gebete für die Kriegsgefangenen, bei denen man mit Mitleid an sie dachte. Die Gottesmutter, sagte der Pfarrer, wird die unzähligen Bitten, die zu ihr hochsteigen, hören und sich beim eigenen Sohn einsetzen für unsere Söhne. Angelika wünscht sich, dass er recht hat. Die verlorenen Söhne tun ihr leid und ein bisschen auch die Mütter.

«An deine Erstkommunion erinnerst du dich aber schon?», fragt Karl.

«Es könnte doch auch sein, dass wir jüdisch sind.»

«Quatsch. Wie kommst du darauf?»

Ein paar Schritte später schiebt Karl nach, dass er dann ja beschnitten sein müsste. Jeder jüdische Knabe wird am achten Tag beschnitten. Angelika hat keine Vorstellung davon, was eine Beschneidung ist. Sie weiß trotzdem, dass weiterfragen unanständig wäre. So etwas kann sie auch Karl nicht fragen.

Im Heim in Zürich gab es ein paar jüdische Kinder, zarte, feingliedrige Mädchen, die sie mochte. Sie nahmen schüchtern ihren Platz ein, froh, der viel zu engen Notunterkunft in der Synagoge und den Schikanen der Behörden entgangen zu sein. Sie sprachen selten über ihre Herkunft und wussten oft genauso wenig wie Angelika und Karl, wo ihre Familien waren und wie es weiterging. Sarah, die neben ihr schlief, gehörte dazu. Solche Kinder behandelten die Schwestern anders. Schroffer und mit mehr Härte, vermutlich, weil sie den religiösen Unterweisungen fernblieben und in der Kirche fehlten. Die Schwestern dachten wohl, wem es an christlicher Orientierung fehle, brauche eine strengere Führung. Als sie mit Karl darüber sprach, behauptete der, die jüdischen Kinder würden nur wegen der Notlage und dem Krieg aufgenommen, und nur, solange jemand für sie zahlte. Das mit den Juden, wirklich verstanden hat Angelika es bis heute nicht. Nur, dass nicht alles in Ordnung scheint mit ihnen. Die Schwestern im Heim hatten seit jeher etwas Zurückhaltendes, wenn sie darüber sprachen, später zeigten sie Bestürzung. Hier im Laden vernimmt man nichts dergleichen, vermutlich weil es hier keine Juden gibt.

Als Angelika nach Hause kommt, hängt Inges weißes Kleid nicht mehr über der Stuhllehne. Zwei Tage später findet sie ihren roten Rock dort vor, getrocknet, frisch gebügelt, sorgfältig aufgehängt. Als sie ihn sieht, denkt sie, dass sie die neue Mutter vielleicht mag. Kein Wort hat Frau Nachbaur über ihre Kleiderwahl verloren.

«Und weshalb machst gerade du das, hier entrümpeln?»

Sandros Frage klingt vorsichtig, wie wenn er wissen möchte, ob ich später seine Vermieterin sein werde.

«Ich bin jobmäßig in einer Auszeit und habe grad nichts zu tun», erkläre ich ihm. «Frag mich nichts Genaues, aber hier im Haus lebten irgendwelche Verwandte von mir, und jemand muss sich um deren Hinterlassenschaft kümmern.»

Außerdem kann ich so etwas über sie in Erfahrung bringen. Meine Mutter erzählte nie viel von ihren österreichischen Verwandten.

Sandro schweigt für einen Moment, dann fragt er weiter: «Deine Großeltern? Haben deine Großeltern den Laden geführt?»

«Eher meine Urgroßeltern», sage ich, «meine Großmutter ist hier aufgewachsen.»

Als sie heiratete, zog sie fort. Hier geblieben sind andere Leute aus meiner Verwandtschaft, vielleicht irgendwelche Großonkel oder -tanten und später deren Kinder. Falls es welche gab, der Zweig von hier ist ausgestorben.

«Wer den Laden geführt hat, weiß ich nicht», sage ich zu Sandro, worauf er mir erzählt, das Geschäft habe seit Langem leer gestanden. Sandro stammt aus der Umgebung.

«Als ich ein Kind war», sagt er, «verkauften hier alte Leute abgelaufene Lebensmittel, ich erinnere mich an einen Mann und eine Frau. Und oben wohnten weitere Leute.»

Seit ein paar Jahren sind dort Syrer einquartiert, eine Familie, um die ich mich nicht zu kümmern brauche. Ich bin nur fürs Entrümpeln hier. Das sage ich auch Sandro.

Nach dem Abendessen steigt Angelika manchmal hinauf zu Karl in seine Kammer unterm Dach, ins Schwalbennest. Karl liegt auf seinem Bett, ein Bündel Zeitungen neben sich. Er ist zur Hälfte unter die Decke gekrochen. Seit Tagen fällt kalter Regen.

Bisher haben sie keine Liebesgaben erhalten, stattdessen ist ein Paket mit Schweizer Zeitungen eingetroffen. Ausgelesene Exemplare, die Karl sich erbeten hat, neben den Nahrungsmitteln, die ebenfalls in Bälde eintreffen sollten. Wegen des Papiermangels geraten die einheimischen Zeitungen zu dünn, behauptet Karl, und der Zensur sei auch nicht zu trauen.

«Im Moment befinden sich rund 3000 österreichische Kinder in der Schweiz», Karl hat eine der Zeitungen aufgeschlagen. «In der letzten Woche sind 439 Kinder aus Wien und Niederösterreich eingereist und nach verschiedenen Kantonen weitergeleitet worden. 400 Kinder verließen die Schweiz, sie haben durchschnittlich sechs Kilogramm an Gewicht zugenommen.»

«Ferienkinder», sagt Angelika. Sie setzt sich neben Karl aufs Bett.

Bei ihnen ist alles verkehrt. Andere Kinder aus Österreich werden in die Schweiz gebracht, um sich satt zu essen und gesund zu werden. Sie werden an der Grenze entlaust und erhalten frische Kleider, umringt von helfenden Frauen und Presseleuten, die in den Zeitungen darüber berichten. Sie selbst wurden aus der Schweiz weggeschickt und keiner nahm Notiz davon. Sie reisten in die falsche Richtung.

«Einreise zweier Mitglieder des Hauses Habsburg», liest Karl nach einer Weile aus einer anderen Zeitung vor, legt sie dann aber gleichgültig zur Seite.

Angelika zieht sie zu sich und schaut den Artikel an, schließlich