Wo wir uns berühren - Lauren John Joseph - E-Book

Wo wir uns berühren E-Book

Lauren John Joseph

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Beschreibung

Ein queerer Bildungsroman Mexico City an einem 29. Februar. Es ist der Geburtstag von Thomas, JJs Liebhaber, der nach Ende der turbulenten Beziehung verunglückt ist. Getrieben von dem Wunsch, den Tanz von Anziehung und Abstoßung, der die beiden jahrelang verbunden hat, endlich zu verstehen und die Trauer zu verarbeiten, taucht JJ in Erinnerungen ein, schreibt fieberhaft und sucht den Toten als Gegenüber wiederauferstehen zu lassen. Und erzählt dabei zugleich eine Geschichte der Selbstfindung fern aller gesellschaftlicher Konventionen, deren Schlüssel der künstlerische Ausdruck ist. ›Wo wir uns berühren‹ ist vieles auf einmal – ein literarisches Feuerwerk, eine ungewöhnliche Liebesgeschichte und eine sprachliche Selbstermächtigung.

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Seitenzahl: 533

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Mexico City an einem 29. Februar. Es ist der Geburtstag von Thomas, JJs Liebhaber, der nach Ende der turbulenten Beziehung verunglückt ist. Getrieben von dem Wunsch, den Tanz von Anziehung und Abstoßung, der die beiden jahrelang verbunden hat, endlich zu verstehen und die Trauer zu verarbeiten, taucht JJ in Erinnerungen ein, schreibt fieberhaft und sucht den Toten als Gegenüber wiederauferstehen zu lassen.

London, zehn Jahre zuvor. Im Sommer nach dem Universitätsabschluss muss JJ sich klar werden, wohin die weitere Reise gehen soll – sowohl, was die berufliche Zukunft, als auch die eigene geschlechtliche Identität angeht. In der queeren Subkultur trifft JJ auf Thomas James, einen arroganten aufstrebenden Fotografen. Es folgt eine Affäre, gleichermaßen leidenschaftlich wie toxisch, die in einer Tragödie endet.

›Wo wir uns berühren‹ ist eine messerscharfe Geschichte der Selbstfindung fern aller gesellschaftlicher Konventionen, deren Schlüssel der künstlerische Ausdruck ist – literarisches Feuerwerk, ungewöhnliche Liebesgeschichte und sprachliche Selbstermächtigung zugleich.

Lauren John Joseph

Wo wir uns berühren

Roman

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

 

 

Für Peter

TEIL EINS

»Ich schreibe ausschließlich, um herauszufinden, was ich denke, was ich anschaue, was ich sehe und was das bedeutet. Was ich will und wovor ich mich fürchte.«[1]

 

– Joan Didion

Prolog

Wann hast du gewusst, dass du tot bist?

Ich stelle dir eine Frage, von der ich weiß, dass du sie niemals beantworten kannst.

Es ist jetzt zehn Jahre her, dass wir uns kennengelernt haben, sechs Jahre, dass wir zum letzten Mal miteinander gesprochen haben, vier Jahre, dass du gestorben bist, und ich schreibe dir dies aus Mexico City, in Erfüllung einer schwerwiegenden Pflicht. Dies ist kein Brief, da ich weiß, dass du nicht antworten kannst; vielleicht ist es ein weiterer Monolog, jedenfalls erfordert es keine zweite Stimme; nennen wir es also Cantus planus. Dies ist der Gesang, der dein Leben in Erinnerung ruft, er ist Fiktion, er ist Biografie, er ist eine Verklärung.

Gestern Nacht ging ich ein paar Stunden vor Tagesanbruch auf dem Nachhauseweg durch Tacubaya, mein Stadtviertel. Bei mir war ein sehr gut aussehender amerikanischer Junge, den ich bei einer Hausparty aufgegabelt hatte, und wir waren unterwegs zu der Taqueria, die die ganze Nacht geöffnet hat, um zu frühstücken. Weil wir betrunken und high waren und weil Tacubaya morgens um halb fünf ziemlich unsicher ist, beschleunigten wir unsere Schritte, sodass unser flirtendes Dahinschlendern eher zu einem entschlossenen Fußmarsch wurde. Es war kühl, und es hatte den Anschein, als hätten wir uns verlaufen, aber wir waren beide stur, und anstatt zur Orientierung ein Handy zu zücken, taten wir lieber so, als würden wir uns in der Stadt bestens auskennen.

Mein neuer Freund und ich bogen bei unserem ziellosen Gestolper durch das heruntergekommene Wohnviertel mehrmals falsch ab und stießen unversehens auf eine riesige sechsspurige Schnellstraße, die uns verriet, dass wir zu weit gegangen waren. Gargantuanische Schwertransporter, klotzige Tankfahrzeuge und gewaltige Coca-Cola-Laster donnerten durch die sterbende Nacht, röhrten Dieseldunst in die Stadt und brachten das Pflaster unter unseren Füßen zum Rumpeln. Benommen, geschockt, blieben wir wie angewurzelt vor einer Autowerkstatt mit heruntergelassenem Scherengitter stehen und sahen uns, vom Anblick dieses undurchdringlichen Verkehrs überrumpelt, ratlos an.

Ein paar Türen weiter schlummerte eine Apotheke unter einem beleuchteten smaragdgrünen Kreuz, das an die Fassade geschraubt war und grelles Grün in die schwindende Dunkelheit ergoss. Über den waagerechten Balken des Kreuzes lief Text – ¡Medicamentos, suplementos, descuentos y mas! –, der unaufhörlich abrollende Jargon des Drogeriehandels, am Ende jeder Runde freundlich interpunktiert von einer sehr zuvorkommenden Verkündigung von Uhrzeit, Datum und Temperatur.

Ich stehe da und sehe völlig verstört zu, wie die Information mehrmals vorüberzieht, ehe ich die Kraft aufbringe, laut zu fragen: »Stimmt das?«

Der amerikanische Junge sagt: »Ja, ich weiß. Kommt einem kälter vor als zwölf Grad, was?«

Ich schüttle den Kopf. »Nein. Das Datum. Ist das das Datum von heute?«

Er nickt. »Ja, heute ist der neunundzwanzigste.«

»Februar?«, frage ich.

»Ja«, erwidert er.

»Das kann nicht sein«, sage ich ungläubig.

»Ist wohl ein Schaltjahr«, sagt er und lacht nervös.

Genau da spürte ich es.

»Ich muss gehen«, sage ich.

»Wohin?«, fragt er.

»Nach Hause«, sage ich. »Habe ich deine Nummer? Ich rufe dich morgen an, später, heute Abend.«

Er macht ein verwirrtes Gesicht und sagt: »Okay …«

Ich merke, dass er verärgert ist. Er hat gedacht, er kriegt einen Fick, aber das ist mir ziemlich egal, ich haste bereits davon.

Denn es hat mich gepackt wie ein Zwang, wie eine Lebensmittelvergiftung, wie ein Schrei im Dunkeln, der mich gewaltsam aus einem Traum gerissen hat: der dringende Appell, dies endlich zu Papier zu bringen.

Ich stürme in meine Wohnung, lasse meine Jacke auf den Boden fallen, stürze, immer noch betrunken, zum Küchentisch. Ich weiß, dass ich hier und jetzt, morgens um Viertel nach fünf, beginnen, wenigstens einen Anfang machen muss, wenn ich jemals aus dieser Verdammnis hervorkriechen will. Mit einer ausladenden Handbewegung fege ich ein Durcheinander aus Post und halb gelesenen Zeitschriften von der Tischplatte, greife mit der Linken nach meinem Laptop und beginne zu schreiben.

Ausgebettet, exhumiert, aus einem derart frühen Grab emporgeholt, erscheint die Schriftstellerin, die ich praktisch aufgegeben hatte, und schreibt den ersten Satz: Wann hast du gewusst, dass du tot bist? Die Schriftstellerin, die all die Jahre stillgehalten, an den Schatten von Scham und Furcht festgehalten hat, die Schriftstellerin, die zugesehen hat, wie sich die anderen Akteure beim Amoklaufen verausgabten, das medial begabte Ich tritt jetzt sein Erbe an. Wer sonst besitzt die Autorität und Beharrlichkeit, die vielen Monate der Einsamkeit auf sich zu nehmen, die zur Erfüllung dieser Aufgabe erforderlich sein werden? Nur die Schriftstellerin. Nur die Schriftstellerin kann die Geschichte unseres Lebens und deines jämmerlichen Todes erzählen. Die Priesterin, die Malerin, die Sopranistin, die ich vielleicht auch bin, haben nicht das Zeug dazu. Nur die Schriftstellerin.

Die Bedeutung des Datums hat gleichsam das Tor zum Manischen aufgestoßen. Das Phantasmagorische seiner Offenbarung, das sich bei diesem einsamen Neonkruzifix vor mir materialisierte, treibt mich in eine Raserei von Verzweiflung, Zerknirschung und Zorn. Was ist jetzt, nach so langer Zeit, noch damit zu gewinnen? Hoffe ich etwa, hier auf der Seite einen Akt der Reue zu vollbringen? Das kann ich nicht beantworten. Ich setze mich und schreibe, ich gebe mich hin. Ich wende mich nach innen und versuche mich zu erinnern, wie ich dich das erste Mal sah, damals, als du bloß einer von vielen schweißüberströmten Goldjungen warst.

Ich schreibe ohne Unterbrechung bis zur Mittagszeit, als die Wirkung von Drogen und Alkohol schließlich nachlässt und nur Kopfschmerzen bleiben. Ich gehe in mein Zimmer, hole deine Briefe aus ihrem Versteck unter meiner Matratze hervor und muss feststellen, dass meine Augen zu sehr brennen, als dass ich sie lesen könnte. Frustriert, erschöpft werfe ich mich ins Bett, ziehe mich jedoch nicht aus, schließe nicht einmal die Vorhänge; ich lasse mich einfach ins gedämpfte Licht eines Zimmers sinken, das nie richtig Sonne bekommt, um etwas Ruhe zu finden, obwohl ich weiß, ich werde so lange nicht richtig schlafen können, bis alles heraus- und niedergeschrieben ist und von der Seite aus auf mich zurückstarrt. Während ich döse, träume ich von Wohnsilos, die gesprengt werden und in emporquellende, heiße graue Rauchwolken stürzen. In meinem Traum sehe ich aus sicherer Entfernung zu, aber ich fürchte mich trotzdem und sage das auch laut, im Schlaf.

Schräg gegenüber und oberhalb von mir reißt ein Nachbar ein Fenster auf, und der flüchtige Widerschein der Sonne im Glas erleuchtet das Zimmer wie ein Blitzlicht. Ich werde schlagartig wach, aufgeschreckt und desorientiert, vom Schlafmangel so verwirrt, dass ich noch ein paar Sekunden lang meine, zurück in London zu sein, komme an jenem unabänderlichen Nachmittag vor vier Jahren zu mir, an dem ich alleine aufwachte und erfuhr, dass du tot warst. Nur dass ich diesmal instinktiv weiß, was passiert ist, ohne dass man es mir sagen muss; ganz kurz glaube ich, dass ich von einer prophetischen Vision geweckt worden bin. Zerzaust und benebelt, setze ich mich langsam auf, die Briefe fallen vom Bett, ich lasse den Blick durchs Zimmer schweifen und begreife nur ganz allmählich, wo ich bin. Dann verfalle ich in Panik. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe, ich habe schreckliche Angst, dass ich diesen kostbaren Tag komplett vertan habe. Auf der Suche nach dem Wecker krabble ich auf dem Boden herum und bin ungeheuer erleichtert, als ich feststelle, dass es erst Viertel vor zwei ist – ich habe so gut wie gar nicht geschlafen. Es ist Gott sei Dank immer noch heute, es ist immer noch der 29. Februar. Mit Übelkeit kämpfend, dehydriert und gerädert, kehre ich in die Küche zurück. Ich breite deine Briefe auf dem Tisch aus und beginne wieder, an diesem Buch, dieser Kraftanstrengung, dieser Lobrede zu arbeiten. Das ist für dich, nur für dich, Schaltjahrkind, alles Gute zum Geburtstag.

I

Du warst verrufen, und schon bevor wir uns kennenlernten, hast du Raum in meiner Vorstellung eingenommen. Du bist aus dem Nichts aufgetaucht, du bist vollständig ausgeformt erschienen, wie in der alten Joan-Baez-Ballade, und warst, einfach so, überall, ein Hyperobjekt. Ich sah dich auf Partys, bei Vernissagen, auf dem Laufsteg, beim Modeln für einen gemeinsamen Freund in dessen letzter Saison, bevor er den großen Job in Paris bekam, wie du auf deine typische Art hereingestapft kamst. »Wie kann jemand, der so schlank ist, so schwer sein?«, fragte ich mich. Es war, als hätte das Straßenpflaster schon immer deinen Namen gerufen. Ich hatte dich Gedichte lesen sehen, in Galerien, Cabarets und bei anderen zwielichtigen, nächtlichen Zusammenkünften, wo du deine schlaksige Gestalt, sperrig wie ein Fahrradgestell, auf eine provisorische Bühne hievtest. In einem ungebügelten Hemd und einer Comicfigur-Krawatte hast du mit so etwas wie Eifer Verse rezitiert. Einiges war von dir, einiges war großzügig entliehen, und alles war in Kathy Acker-Manier zusammengestrickt, ohne dass du die Verfasser nanntest, während du durch das Ganze hindurchpflügtest und dabei im Scheinwerferlicht leicht hin und her schlurftest. Gelegentlich traten wir auch gemeinsam auf, und ich glaube, das waren die einzigen Momente, in denen ich dich von Leidenschaft bewegt sah – nicht, dass es dir an Emotionalität fehlte –, aber sie äußerte sich fast immer in dumpf brütendem, pubertärem Schmollen statt in Ausbrüchen von Überschwang oder Begeisterung. In dieser Hinsicht glichst du einer Katze, bedürftig, aber außerstande, es zuzugeben. Das geschriebene Wort allerdings schien irgendeine belebende Macht über dich auszuüben, es brachte deinen Leichnam zum Tanzen.

Du warst kein Paradiesvogel, nein, sondern fast unverschämt salopp, aber du kanntest offenbar jeden, oder vielmehr kannte jeder dich. Du warst allgegenwärtig. Wie oft hatten wir, ehe wir überhaupt ein Wort miteinander wechselten, Blickkontakt aufgenommen? Unzählige Male. Über eine Tanzfläche hinweg, im Gedränge an einer Bar, oder wenn wir während eines Come-downs im Schlafzimmer irgendeines Bekannten schlaff in gegenüberliegenden Ecken hockten – aber wir waren trotzdem noch Fremde. Und aus dieser sicheren Distanz schwelgte ich mit entschieden voyeuristischem Vergnügen in deiner grausamen Schönheit, der griechischen Nase, dem wuscheligen blonden Haar und den blauen Augen, und jedes besondere Merkmal war ein Hinweis zur Entschlüsselung der Warnung: Lass die Finger von diesem gut aussehenden Mistkerl. Nicht, dass ich viel tun musste, um nicht in Schlagnähe zu geraten, denn deine Zeit war bestens ausgefüllt mit einer ständig wechselnden Schar knackiger Bewunderer und Bewunderinnen. Ich sah zu, wie sie dich umschwärmten.

Du hast immer so ausgesehen, als wärst du geschändet worden; du glichst einer gefundenen Schwarz-Weiß-Fotografie von einem kleinen Jungen, den seine verzweifelte Mutter mit dem Kindertransport verschickt hat. Du sahst aus, als wärst du aus den Beständen eines Flüchtlingshilfswerks eingekleidet worden, nichts als obskure Fußballtrikots, Großvaterpullover aus Acryl, billige formelle Kleidung, Sportklamotten aus den Neunzigern (bislang noch nicht wieder angesagt), hilflos, ohnmächtig, als hättest du Unsägliches durchgemacht. In Wirklichkeit war es ebenso sehr diese Aura von Traurigkeit, die du ausstrahltest, wie dein körperlicher Reiz, von denen sich deine Lover zu dir hingezogen fühlten, der Zorn und der Schmerz, die unwillkürlich über dein Gesicht huschten. Oder vielmehr, es war die tragische Verknüpfung von beidem – des Kaputten und des Sinnlichen –, welche die eifrigen Masochisten ansprach, die sich dir anboten. Umgekehrt spieltest du eine Zeit lang mit jedem, und alle waren sie vollgepumpt mit Speed und Ego, jeder so sicher, der Eine zu sein, auf den du gewartet hattest. Wie Großkatzenfreunde waren sie ausnahmslos überzeugt, sie hätten das Gespür, das sie vor Gefahr bewahrte, und jeder legte bereitwillig den Kopf in deinen Rachen; du musstest kaum etwas tun.

Wir hatten viele gemeinsame Freunde, und mit einundzwanzig respektive dreiundzwanzig waren wir Kommunarden, wild entschlossen, die Nacht zu erobern, sie für uns zu befreien, und wir erschienen auf jeder Party, die unserer selbstverliebten Brillanz wert war, rattenscharf angezogen oder zumindest darum bemüht. Ich in Elsas schwarzem Pelzmantel und einem lila Balconette-BH, du in Radlerhosen und Slogan-T-Shirt, so tasteten wir uns im Dunkeln einander entgegen, den Menschen entgegen, zu denen wir uns entwickelten. Jahrelang machten wir in geselliger Distanz Party, auf Booten, in besetzten Häusern, in Nachtclubs, auf Hausdächern, umgeben von jeder nur vorstellbaren Art von Aufmerksamkeit heischendem Verhalten, wo Fotografen ständig den Finger am Auslöser hatten, unsere zugedröhnten Zeitgenossen selbstvergessen umherwankten, in schon drei Nächte getragenen Klamotten, und gelegentlich ein Supermodel oder ein Filmstar vorbeischwebte und augenzwinkernd »Toller Look, Mädels« sagte.

Inmitten all dieser Boulevard-Ikonen und minderjährigen Pillenschlucker umkreisten wir einander eine sich sehr hinziehende Weile; unser Liebeswerben war lang und langsam, ein Brandsatz mit Verzögerungszündschnur. Tatsächlich sprachen wir erst miteinander, als es schon fast zu spät war, erst ganz am Ende meines letzten Trimesters an der Universität, kaum einen Monat, bevor ich London endgültig verlassen sollte. Beinahe verpassten wir einander gänzlich, Schaltjahrkind, ist es nicht seltsam, sich das jetzt vorzustellen? Der Schauder, den ich rückblickend verspüre, wenn ich daran denke, dass wir uns womöglich nie kennengelernt hätten, kann diese Verbindung fast mystisch erscheinen lassen. Andererseits aber war jeder Lover einmal ein Fremder. Im Grunde ist das einzige Detail unserer ersten Begegnung, das als verkehrt oder prophetisch hervorsticht, der Umstand, dass es Lulu war, die uns einander vorstellte.

Es ist spät, aber nicht so spät. Wir sind alle auf einer Party für ein Modemagazin, in einem Restaurant in Mayfair, eine schicke, aber öde Angelegenheit, der Sommer schon so weit fortgeschritten, dass eine Party drinnen schlichtweg zum Ersticken ist. Lulu sagt: »Tom, das ist JJ«, dann zeigt sie ein breites, sehr zufriedenes Grinsen und fährt mit kühler Berechnung fort: »Und JJ, das ist Thomas James.« Sie präsentiert dich wie den Hauptgewinn einer TV-Gameshow, sie will eine Reaktion, will vielleicht schlicht für Wirbel sorgen, um etwas Leben in die Bude zu bringen, aber keinem von uns ist nach Drama. Es ist zu heiß, wir sind alle am Eingehen. Ich lächle höflich, du lässt kein besonderes Interesse an mir erkennen, sondern nickst nur kurz und machst ein irgendwie irritiertes Gesicht, und wir drei stehen eine Zeit lang leicht verlegen herum, ohne dass sich etwas tut. Das Ganze ist ziemlich bieder, aber bis jetzt hat sich nichts Besseres ergeben, und noch sind die Getränke gratis, also bleiben wir, wenn auch ohne große Begeisterung.

Ein paar Minuten später entschuldigt sich Lulu und verspricht, gleich wieder da zu sein. Du siehst ihr nach, wie sie den tiefen Flor des Teppichbodens überquert, sie ist ungemein gebieterisch und anmutig, nur ein ganz kurzes Zucken ihrer Finger verrät ihre Kribbeligkeit, ihre Nervosität. Vielleicht aus Langeweile, vielleicht auch aus schlichter Boshaftigkeit probierst du, wie weit du bei mir gehen kannst. Natürlich tust du das. Mir ist bewusst, dass du das bei jedem tust, und sei es nur, um dich zu vergewissern, dass du begehrt wirst, also fühle ich mich nicht geschmeichelt, obwohl ich zugeben muss, dass es mich neugierig macht, dich hier mit Lulu zu sehen. Du überragst mich trotz deiner fürchterlich krummen Haltung und reißt ein paar fade Witzchen darüber, warum Rothaarige gut im Bett sind. Ich verdrehe die Augen und kapiere, dass dein Ruf als Disco-Don-Juan sich hauptsächlich dem Umstand verdankt, dass ein Gespräch in einem Nachtclub fast immer unmöglich ist. Du bist nicht in deinem Element, aber das bin ich ehrlich gesagt auch nicht, das haben wir gemeinsam.

Ich lasse den Blick durch den Raum wandern, in der Hoffnung, vielleicht Elsa oder Jovian zu sehen, damit mir diese Erfahrung erspart bleibt, aber sie sind beide noch nicht gekommen, wahrscheinlich haben sie gehört, was für ein Reinfall diese Party ist. Inzwischen ist es offiziell zu spät, um noch auf irgendeine Besserung zu hoffen, also beschließe ich, Schadensbegrenzung zu betreiben und abzuhauen.

»Wärst du so nett, Lulu von mir auf Wiedersehen zu sagen?«, frage ich.

Du gibst keine Antwort, sondern zuckst nur irgendwie rüde die Schultern.

Eine Woche später, auf einer Party an der Themse, erzählst du mir, während du dich ganz beiläufig an mich drängst, dass du vorhast, Chef einer großen politischen Partei zu werden, welcher, scheint dir im Grunde egal zu sein. Ich konnte dich nie als stimmiges Produkt all deiner Bestandteile sehen, aber das liegt vielleicht daran, dass ich nie wusste, wann du es ernst meintest. Du sagst, du wirst das Land in Ordnung bringen, du erzählst mir, die Nation brauche einen starken Mann, du zeigst mir die Konturen deines Denkens, du hast die Taktik gewechselt.

Als jemand, der seine Studentensommer in Kommunen im acidgetränkten Norden Kaliforniens verbracht und an experimentellen Performances als Formen von politischem Protest teilgenommen hatte, fand ich dich unverzeihlich abgehoben, fand alle deine Ideen halbgar, und dabei war ich natürlich vollkommen blind gegenüber dem peinlichen Anachronismus meiner eigenen Weltsicht. Wir litten beide an einer für Millennials typischen kognitiven Dissonanz und glaubten, die gängigen politischen Rezepte, die das zwanzigste Jahrhundert bot, könnten die explosiven neuen Übel des einundzwanzigsten lindern. Wir klammerten uns an den verblassenden Glanz der parlamentarischen Demokratie, des globalen Kapitalismus und des liberalen Sozialismus, und das mit einer Inbrunst nicht unähnlich der, mit der ich nun an deinen Briefen, der sich verflüchtigenden Erinnerung an dich festhalte.

Als ich dich kennenlernte, war ich selbst drauf und dran, zu verschwinden. Ich wollte unbedingt zurück in die Vergangenheit. Ich wollte nach Kalifornien zurückkehren und für immer in den Wohlfühl-Flower-Power-Traum von der Kunst als transformierender Kraft gehüllt bleiben. Es war der Sommer, in dem ich, so war es vorgesehen, der Kränkung meiner Kindheit und Jugend endgültig entkommen und in eine goldene Zukunft des Beifalls und der Selbstverwirklichung fortreiten würde, in ein Morgen, wie es nur die Vereinigten Staaten vor einem halben Jahrhundert bieten konnten. Und du, du solltest eigentlich nur eine unbedeutende Gestalt bleiben, bloß jemand, den ich in London kannte, ein gut aussehender Bursche, den ich da und dort sah und mit dem ich einmal verlegene zehn Minuten verbrachte, kurz bevor ich die alte Heimat verließ.

Und doch.

Ich hatte einen achtbaren, guten Universitätsabschluss, für den die schriftliche Bestätigung noch ausstand, und das unablässige Verlangen, England zu entfliehen. Ich verspürte eine immer stärker werdende Angst, dass ich, wenn ich nicht so rasch wie möglich wegginge, aufgefressen werden würde wie all die anderen Kids, mit denen ich groß geworden war: gescheit, aber beziehungslos, mit Haut und Haaren verschlungen von schlechten Drogen oder traumzerstörenden Jobs in Supermärkten. Dass ich es auf die Universität geschafft hatte, war Wunder genug. Meine frühen Jahre kennzeichnete die Art von Armut und Gewalt, wie man sie etwa in Marguerite Duras’ Schriften über Saigon findet: genauso viel Mangel, genauso viel zunichte gewordene Illusionen, aber ohne den Zauber der Sonnenuntergänge. Ich hatte sogar eine depressive Lehrerin zur Mutter – nun ja, Teilzeit-Hilfslehrerin, aber warum eine so redliche Fantasie stören?

Ich lernte schon sehr früh, dass Bedürftigkeit die einzige unverzeihliche Sünde ist; dass ich mich durch Bildung, durch räumliche Distanz, durch meine Arbeit davon lösen musste oder allen ihren Lastern ganz und gar erliegen würde. Ich glaube, das ahnte auch meine Mutter, weshalb sie nach ihrer zweiten Scheidung mit uns von Liverpool in eine namenlose Kleinstadt in Lancashire zog, wo sie sich neu erschaffen und wo meine Unzufriedenheit erst so richtig aufblühen konnte. Dieses Gefühl von Entfremdung durchzog mein Leben, türmte sich vor mir auf wie die Berliner Mauer, trennte alles, was ich kannte, von allem, was ich wollte. Der unbegreifliche graue Beton von Klassenzugehörigkeit, Beziehungen, Macht, er schien vollkommen unüberwindlich. Ich konnte nur weiterkommen, dachte ich, wenn ich wegkam, die Mauer untertunnelte, mich im Kofferraum eines Trabants über die Grenze schmuggelte, das, was ich hatte, in einem schmeichelhafteren Kontext vorteilhafter nutzte.

Zum Studieren ging ich nach London, aber die Hauptstadt war nur der erste Zwischenstopp auf einer längeren Reise. Schon seit meiner Kindheit, als ich nach Westen über den Mersey schaute, hatten der Atlantik und, jenseits davon, Amerika meinen Blick auf sich gezogen. Mag sein, dass es die Stonewall-Unruhen oder David Hockneys Swimming-Pools, das Bild von Bogie und Bacall, wie sie sich eine Zigarette teilten, oder all die Sitcoms der 90er aus der Konserve waren. Ich ging dem Rätsel nicht auf den Grund, ich akzeptierte es einfach; so wie alle Schmetterlinge sich an ihre vorherbestimmten Wanderwege halten, lag das in meinen queeren Genen. Ich suchte nach einem Ort für meine Wiedergeburt, warum sonst hätte ich mich für San Francisco entscheiden sollen? Warum nicht das bewährte New York oder L.A., wenn San Francisco nicht den Ruf hätte, dass es (wie Wilde formuliert) von jedem, der verschwindet, heißt, er sei in jener Stadt gesehen worden?

Ich hatte jedes akademische Jahr damit zugebracht, den rechten Augenblick abzuwarten, hatte viel mehr Partys als Vorlesungen besucht, mich mit minimalem Aufwand durchlaviert und nur das an Arbeit geleistet, was erforderlich war, damit ich die Summer School an der University of California in Berkeley absolvieren konnte. Wenn ich nicht auf dieses von Tiefkühlkost-Philanthropen finanzierte Austauschprogramm gestoßen wäre, hätte ich wohl niemals an die Zukunft geglaubt. Es waren weiß Gott nicht die Kurse in Soziologie und amerikanischer Geschichte, die mich daran glauben ließen. Es war nicht die auf dem Campus herrschende Fröhlichkeit und auch nicht die bekifften Bündnisse von Aktivisten der gleichgeschlechtlichen Ehe, die meinen Glauben beförderten. Nein, Hoffnung machten mir die psychedelisierten Seelen, die ich dort kennenlernte; die Aussteiger, die Träumer, die Königinnen des Neuanfangs, denen ich jeden Tag begegnete, wenn ich mit der Bahn der BART durch die Bay Area fuhr.

Ich war entschlossen, dorthin zurückzukehren, sowie ich alle universitären Anforderungen in London erbracht hatte, obwohl es nun, da ich einen Abschluss besaß, keine Summer School mehr geben würde, was aber eigentlich auch nie der Zweck der Übung gewesen war. Noch bevor die Tinte meiner letzten Hausarbeit in Theologie getrocknet war, verließ ich London, um die Rückreise nach Kalifornien anzutreten. Ich ging aus dem Examensraum hinüber zur Euston Station, blieb meine Miete schuldig, ließ die Zerstreuungen, die Beteuerungen fortdauernder Freundschaft und die Jahre durchgefeierter Nächte, wo ich dich – und zahllose andere wie dich – gefunden hatte, hinter mir. Ich bin mir sicher, dass ich keinen Gedanken an dich verschwendete, und wenn doch, drückte mich ganz bestimmt weder Bedauern noch Kummer nieder ob der Aussicht, dich für immer in die Vergangenheit entschwinden zu lassen. Warum auch? Wir hatten ja gerade mal etwas miteinander getrunken.

Ich ging nach Hause zu meiner Mutter im desolaten Nordwesten und wartete in einer Art kärglichem Schwebezustand auf die letzte Überweisung meines Studentendarlehens (die unlogischerweise stets nach dem Ende der Vorlesungszeit eintraf), damit ich mir mein Ticket nach Amerika kaufen konnte. Meine Mutter war skeptisch.

»Wie wär’s mit einer zusätzlichen Lehrerausbildung? Das ist ein guter Job«, sagte sie.

»Es ist einfach nicht das, was ich will«, erwiderte ich.

Sie wurde gereizt. »Warum musst du es dir selbst immer so schwer machen? Du hast noch nie einfach akzeptieren können, was du hast, und dankbar sein, wie?«

Ich gab keine Antwort.

»Und überhaupt, was gibt es in Kalifornien, was es hier nicht gibt?«, fragte sie, aber das war nicht ironisch gemeint.

Am liebsten hätte ich »Gute Drogen« oder »Hoffnung« geantwortet, aber das tat ich nicht. Ich sagte einfach: »Avocados.«

Damals hielt ich den Widerstand meiner Mutter gegen meine Sehnsüchte für egoistisch und fantasielos, und das machte mich wütend, ganz so, wie ich es auch gewesen war, als ich meiner Familie eröffnet hatte, dass ich kein Junge mehr sein wollte, und Tante Vic sagte: »Ich werde für dich beten.« Sie betete nicht um Vergebung für meine Seele, sie bat Gott nicht, diese Heimsuchung ungeschehen zu machen, sondern sie betete darum, dass mein Anderssein mir nicht das Leben schwer machen würde. Doch ich weigerte mich voller unverdientem Stolz, ihr Gebet zu verstehen. Genauso wenig konnte ich zugestehen, dass meine Mutter die erforderliche Lebenserfahrung besaß, meine Entscheidungen zu Recht anzuzweifeln und zu fragen, ob jemandem wie mir jemals etwas anderes als Intoleranz und Gleichgültigkeit entgegenschlagen würde, wenn ich mich auf einen so unplausiblen Weg durchs Leben machte.

Meine Brüder und Schwestern waren damals noch sehr jung, im Grundschulalter, und so holte ich sie jeden Nachmittag um drei Uhr ab, vier kleine blonde Schönheiten, die eher wie deine Kinder als wie meine Geschwister aussahen. Mit Schulranzen und Blazern bepackt, begleitete ich sie nach Hause, sah zu, wie sie in der strahlenden Nachmittagssonne vor mir her hüpften und rief ihnen alle dreißig Sekunden nach: »Vorsicht, Straße! Nicht zu weit weglaufen – verstanden?« Während wir an der Hauptkreuzung, zwischen der Tankstelle und dem Discounter, ordnungsgemäß auf das grüne Männchen warteten, hörte ich zu, wie sie sich darüber stritten, wer mit Meerschweinchen-Füttern dran war, und stellte mir vor, wie schön es doch wäre, wenn ich nur akzeptieren könnte, dass dies mein Leben war. Wenn ich lächeln und mich einer unscheinbaren Existenz in dieser abgetakelten Kleinstadt in Nordengland beugen könnte. Wenn ich mich von meinen schmutzigen Ambitionen verabschieden könnte, vielleicht wäre dann Glück mein Lohn.

Ich gab den Kindern gestiftelte Möhren und Erdnussbutter, die vermutlich größtenteils geradewegs an Ernie und Bert gingen, und beobachtete vom Küchenfenster aus, wie sie im Garten umhertollten, golden, vollkommen und unverdorben. Ich klopfte ans Fenster, wenn ihr Spiel zu ruppig wurde, und wenn sie im Gras etwas Aufregendes fanden, winkten sie mir zu und hielten es hoch, den Stock, den vergessenen Eimer mit Schaufel, die Schnecke. Ich wusste, dass ich etwas Kostbares miterlebte, dass diese Sommer nie wiederkehren würden, dass sie bald zu groß, zu cool, zu stoned sein würden, um noch zu wollen, dass ich Möhren für sie stiftelte. Schon damals erschienen mir die durchs Glas gesehenen Bilder wie Erinnerungen, die man noch einmal Revue passieren lässt, wenn die Familienvideos endlich digitalisiert werden. Warum konnte mir das nicht reichen?

Normalerweise half mir mein unbegründeter Optimismus so gerade eben bis Sonnenuntergang, bis zur Schlafenszeit über die Runden. Danach jedoch, während ich zusah, wie sich der Himmel stetig von blau über lila zu schwarz verfärbte, überkam mich Panik – alle meine kleinen Incubi und Succubi kamen hervorgekrochen, um mich zu piesacken und zu quälen. Die Nacht ist schon immer mein Reich gewesen, schon seit ich ein sündiger Teenager war, der um elf unbemerkt aus seinem Zimmer schlüpfte, aber hier, jetzt, weit weg von London, fühlte ich mich, weil ich dem verschnarchten Nachtleben, der Sonnenstudiobräune, älteren Männern und frühen Sperrstunden längst entwachsen war, entthront.

Während ich in der sich verdichtenden Dämmerung auf der Couch lag, wurde mir aufs Schrecklichste bewusst, dass ich nirgendwohin konnte. Zermürbt von der endlosen Warterei auf Geld, gelangweilt und ohne jede Anregung außer irgendwelchen Kinderfernsehprogrammen voller albtraumhafter singender Puppen und ein paar verstohlenen Rücksitz-Ficks mit einem Ortspolizisten, wurde ich übernervös. Mit fliegendem Puls und fast verrückt vor Ungeduld, kontrollierte ich jeden Tag um Mitternacht meinen Kontostand, um festzustellen, ob das Geld eingetroffen war, ob ich die Mittel hatte, wegzugehen, purpurrot im Gesicht, wenn diese höhnischen Zahlen mir ausdruckslos entgegenstarrten. »Ich kann hier keine Minute länger bleiben«, murmelte ich, großspurig und pissvornehm, vor mich hin. »Es kann nicht sein, dass mein Leben nur aus Kartoffelwaffeln und Bettgehzeit-Dramen besteht. Ich bin ein Mensch voller Tatendrang und Ambitionen.«

Ich wollte Schriftstellerin werden; das war schon vor meinem Wechsel auf die High School an die Stelle meines Kindheitstraums, die heiligen Weihen zu empfangen, getreten. Meine Mutter schüttelte den Kopf und verzweifelte, und du mit deiner unerbittlichen Mittelengland-Geisteshaltung hast immer nur gefragt: »Und womit willst du Geld verdienen, Bibby?« Obwohl ich dich persönlich mehr oder weniger ignoriert, dir in der Öffentlichkeit die kalte Schulter gezeigt und dich hatte abfahren lassen, fanden wir mühelos einen Draht zueinander, als wir während dieser Fegefeuerphase nach meinem Examen wieder auf Distanz waren. Die Verbindung in meinem Elternhaus war so schlecht, dass ich zur Bücherei hinübergehen musste, wenn ich erfolgreich eine Nachricht an dich verfassen und abschicken wollte. Diese Nachrichten begannen als belangloses Wie-geht’s-denn-so, eingequetscht zwischen Suchen nach Billigflügen und leichten Klapsen auf die Schulter vonseiten der älteren Bibliothekarin, wenn sie mich daran erinnern wollte, dass die mir zugeteilte halbe Stunde fast vorbei war. Aber meine E-Mails wurden rasch und bewusst immer schlüpfriger.

Zuerst, ganz ehrlich, war das für mich bloß ein Zeitvertreib, aber deine Reaktionen hatten etwas derart Verlockendes, dass ich auf mein eigenes Spiel hereinfiel. Wahrscheinlich verführte ich mich selbst, wenn ich in der Bücherei leise und mit meiner eigenen Stimme deine Nachrichten las und deinen Worten die von mir selbst gewählte Intonation verlieh. Persönlich warst du auf ungemein unattraktive Weise gehemmt, aber hier auf dem Bildschirm warst du unprätentiös und direkt.

Du schriebst: »Wann kommst du mich denn mal besuchen, Bibby? Wann lässt du deinen Worten endlich Taten folgen?«, und mein Körper reagierte.

Ich sagte meiner Mutter, ich würde wieder nach London gehen und mir einen Job suchen. In etwa einer Woche sei ich zurück. Sie sagte: »Na, hat uns mal wieder das Wanderfieber gepackt! Bei dir weiß man nie, ob du gerade kommst oder gehst.« Aber sie regte sich nicht auf, nein, ihr Gesicht zeigte eher so etwas wie Belustigung, als sie mich erneut verabschiedete.

Die Unvermeidlichkeit des Ganzen.

Der Megabus nach London brauchte siebeneinhalb Stunden, annähernd die Flugzeit über den Atlantik, aber er kostete nur acht Pfund. Dieser Impuls, spontan, kurzentschlossen zusammenzupacken und zu gehen, alle meine Pläne über den Haufen zu werfen und genau das Gegenteil von dem zu tun, was ich eigentlich vorhatte, ist zu einem mich bestimmenden Zug geworden. Das und mein Beharren darauf, geradewegs auf das zuzurennen, was mir aller Voraussicht nach schadet.

Ich fuhr nicht explizit nach London, um dich zu sehen, sondern einfach aus der Überlegung heraus, dass es ebenso leicht wäre, auf Elsas Couch in Westminster Toast zu essen und mir wegen Geld Sorgen zu machen, wie zu Hause. Und außerdem würde ich ja vielleicht von ein paar letzten Wochen in der Hauptstadt profitieren. Das V&A zeigte eine Ausstellung von Kostümen der Supremes, und im BFI lief Vertigo auf der großen Leinwand, obwohl ich im tiefsten Inneren akzeptiert hatte, dass ich weder das eine noch das andere sehen würde. Ich steuerte geradewegs auf dein Bett zu, und das wusste ich.

Elsa war meine älteste Freundin in London. Wir lernten uns ein paar Monate nach meiner Immatrikulation bei einem Fotoshooting für eine Jeansmarke kennen, für das keine von uns jemals hätte gebucht werden dürfen. Ich fühlte mich in den nietenbesetzten Jeansjacken ebenso unwohl wie sie sich, ihrem Gesicht nach zu urteilen, in den befransten Miniröcken, und die ganze unangenehme Geschichte schweißte uns sofort zusammen. Ihre Kindheit über hatte sie sich die Haare mit einer Papierschere kurz geschnitten, weil sie mehr wie ein Junge aussehen wollte; sie sprach Schwedisch, Spanisch, Französisch und Italienisch; sie war seit ihrem vierzehnten Lebensjahr Model und hatte sich Sprachen angeeignet, wie sich andere schöne Mädchen Verlobte zulegen. Ihre Wohnung lag in einem sehr gesetzten Häuserblock, der ansonsten von Parlamentsabgeordneten und wohlhabenden älteren Damen bevölkert wurde. Die Wohnung gehörte dem Freund eines Freundes, der sie ihr für vierhundert Pfund im Monat überließ; Elsas Leben fiel unter die Kategorie komisch und traurig, und wir sprachen dieselbe Sprache. Bei ihr zu Hause war alles voller Leinwände und halbfertiger Collagen, Kostümteile und ausklappbarer Seiten aus Zeitschriften, die sie noch nicht in ihre Mappe einsortiert hatte. Sie war in diesem unergründlichen alten Gebäude die einzige Bewohnerin in den Zwanzigern, was ihrem Leben dort stets einen Anstrich von Eloise im Plaza-Hotel verlieh.

Als sie mich vom Fenster aus kommen sah, riss sie es weit auf und sang die Arie der Königin der Nacht in den Junihimmel.

»Liza Minelli!«, rief sie. »Höre meinen Gesang von Zorn und Verführung!«

Ich schmunzelte und ging hinein. Ich weiß nicht mehr, wann es anfing oder warum, aber so weit ich zurückdenken konnte, hatten wir einander immer Liza Minelli genannt. Für viele Leute war das sehr verwirrend.

Jeden Nachmittag ging Elsa zu Costcutter, um die gleiche Handvoll Zutaten zu kaufen. Baba hinter der Kasse war in sie verliebt; er strahlte jedes Mal, wenn er sie sah, drückte ihr einen Topf Onken in die Arme und sagte: »Da! Dein Lieblingsjoghurt.« Sie kochte auch jeden Abend das gleiche Gericht, Pasta Arrabiata; das Rezept hatte sie gelernt, als sie in Mailand gewesen war, wo sie Castings geschwänzt und stattdessen lieber in Leonardos Weingarten gezeichnet hatte. Sie hieß mich mit einer Schüssel dieser berühmten Pasta in London willkommen; das Gericht war scharf und aromatisch, und ich habe es seither nie essen können, ohne daran denken zu müssen, wie Elsa sich Kissen unter den Rock stopfte und beim Kochen so tat, als wäre sie eine ältere Sopranistin namens Victoria Plum.

Nach dem Essen schrieb ich dir, dass ich in der Stadt sei, worauf du mich umgehend, als hättest du bloß darauf gewartet, zum Fußballgucken einludst. Als ich Elsa sagte, ich würde einen Freund besuchen gehen, sagte sie: »Mon Dieu, Liza! Du bist eine absolute Schlampe«, küsste mich auf beide Wangen und widmete sich dann wieder ihrem Skizzenblock.

Vielleicht war es die Weltmeisterschaft, vielleicht aber auch das Finale des FA Cups. Wie auch immer, das Spiel interessierte mich nicht. Ich wollte nur sehen, ob du es auch von Angesicht zu Angesicht, ohne den kaleidoskopischen Hintergrund des Nachtlebens, draufhättest, ob du auch ohne die Nebelwand des freien E-Mail-Verses bestehen konntest. Das konntest du nicht, und während ich steif und verlegen vor deinem winzigen tragbaren Fernseher saß, kam ich mir allmählich etwas albern vor, weil ich deinem Ruf zu diesem fruchtlosen Konklave gefolgt war.

Deine Wohnung war riesig. Ich glaube, du sagtest, sie habe vorher einen Radiosender beherbergt, der aus ihr herausgewachsen sei. Sie bestand aus einem großen Raum, den du mit Sperrholzplatten schlampig in eine Küche, zwei winzige, an unglückliche Bekannte vermietete Kämmerchen und dein eigenes, viel größeres Zimmer unterteilt hattest. In der Küche gab es einen Fotokopierer, und überall standen Regale mit Fotoabzügen, Flohmarktgerümpel und vivisezierten Videokameras herum. Die Linoleum-Bodenfliesen waren türkis und abgewetzt, die Möbel unbequem und bunt zusammengewürfelt, klobig und altmodisch, und aus einem Glaskasten betrachtete ein ausgestopfter Vogel das Ganze finster. Es war kühl, kalt trotz des Sommers, andererseits waren deine Mitbewohner nicht da, sodass wir die Wohnung für uns allein hatten, aber die slapstickhafte, abgeranzte Armesünder-Anmutung war beinahe romantisch.

Du hast mir Käse und Cider angeboten, als befänden wir uns in einem Pub in Kent, und so ließen wir nervös das Spiel über uns ergehen, den Kommentar in der Halbzeitpause, die zweite Halbzeit, die Verlängerung, die Diskussionsrunde nach dem Spiel, und jede Bewegung, die du auf mich zu machtest, war ungelenker als die letzte. Ich betrachtete dich und dein offensichtliches Unbehagen, als wäre ich anderswo, außerhalb meiner selbst, eine sich abseits haltende Beobachterin. Ich hätte sagen können: »Pass auf! Du musst dich nur ganz leicht in diese Richtung lehnen, dann kommt diese Hand ganz selbstverständlich hier zu liegen, so einfach ist das!«

Aber ich tat es nicht, ich überließ dich dir selbst und war mir ziemlich sicher, dass ich mich schon kurz nach Mitternacht verabschieden und nach Aldgate gehen würde, um die letzte Bahn zu erwischen. Vielleicht hast du das gespürt, obwohl ich weiß, dass es jetzt sinnlos ist, entschlüsseln zu wollen, was dir damals durch den Kopf gegangen ist. Aber wie auch immer, du hast plötzlich eine sehr freimütige Pose eingenommen und den Ton zurückgewonnen, an dem ich in deinen E-Mails solchen Geschmack gefunden hatte. Du bist aufgestanden, hast dir auf sehr unpassende Weise dein Gehänge zurechtgerückt, das sich, weil ständig halb startklar, von deiner Unterhose viel zu beengt fühlte, und mich mit einem eindringlichen, forschenden Blick bedacht. Das Kinn gereckt und die Augenbrauen gehoben, hast du den Kopf zurückgeworfen, mir zum ersten Mal dieses umgekehrte Nicken gezeigt, das ich noch so gut kennenlernen sollte.

Du hast gesagt: »Na, wie ist denn so die Stimmung, Bibby?«

Du hast nie meinen Vornamen benutzt, du hattest großbürgerliche Ansprüche, und außerdem war mein Name zu männlich für das, wofür du mich hieltest, oder vielleicht auch zu katholisch. Denn obwohl Gott dein Denken nur selten heimsuchte, empfand dein braves anglikanisches Selbst mein Katholischsein immer als skurril, irisch und bäurisch. Ich brachte dem für dich typischen Jargon die gleiche Verachtung entgegen und erwiderte mit spöttischem Schnauben: »Die Stimmung?«

»Stimmung«, fuhrst du fort, und dein Kopf deutete mit zwei kleinen Rucken auf die Schlafzimmertür. Oder vielmehr die nicht vorhandene Schlafzimmertür, denn da war lediglich eine Türöffnung, durch die ich dir gleichwohl folgte. Du hast die Höhle verschlossen, indem du eine weitere Sperrholzplatte vor den Abgrund zogst wie den vor Christi Grab gewälzten Stein, und wir verschwanden ins Zwielicht abgelegter Hemmungen. Es gab keine Vorhänge, bloß eine störrische Jalousie, die sich nur halb herunterziehen ließ, sodass es nur schummrig wurde und Licht aus sämtlichen Restaurants in der Straße ins Zimmer drang. Ich glaube, es war Ramadan, sodass dort – sehr zu deinem offensichtlichen und sofortigen Missvergnügen – reger nächtlicher Betrieb herrschte.

Dein Bett war sehr hoch, und die Laken waren ziemlich schmutzig. Du schienst dir etwas darauf einzubilden, schlampig zu sein, das war dein kleines Aufgebehren gegen die Verhältnisse, so sinnlos und unoriginell es auch war. Du hast mich geküsst wie ein Amateur, plump und mit schwerem Atem, wobei dein Mund den meinen jedoch viel zu zaghaft berührte, bis ich meine Finger in dein Haar wühlte und dich zwang, mich heftiger zu küssen. Das schien zu funktionieren, und du bist rückwärts auf dein Bett geklettert und hast dir dabei mit einem geschmeidigen Geschick, das ich überhaupt nicht erwartet hatte, die Kleider von den langen Gliedmaßen gezogen. Nackt, mit hartem Schwanz, aus dem schon etwas Schleimiges austrat, hast du auf dem Rücken gelegen und mich an dich, auf dich gezogen; jetzt überragte ich dich.

Meine Kleider fielen ebenso umstandslos, landeten in einer Kaskade aus Stoff, abgelegten Anstecknadeln und Broschen auf dem Boden, und ich lag flach auf dir. Ich spürte, wie deine Hüften sich hoben und dein knöcherndes Becken sich links und rechts empordrückte, und dann spürte ich dich, immer noch vollkommen still, nach meinem Schwanz greifen, die Finger darum schlingen und ihn fast schmerzhaft drücken. Du warst offenbar sehr zufrieden mit dir, wie du da in deinem dämmrigen Schlafzimmer vor dich hin gegrinst hast. Deine Beine spreizten sich, deine haarige Poritze rieb sich absichtsvoll an meinem steifen Schwanz, du hast dich mit deiner Spucke gefingert, und ich fing an, dich ohne Feinheiten und Formalien zu ficken.

Ich konnte sehen, dass dein Mund offen war und irgendetwas murmelte, Worte formte, aber du bliebst still und stumm. So war es die ganze Zeit, während ich dich hart und schnell, dann langsam und zärtlich fickte, ihn ganz herauszog, um dann wieder erbarmungslos in dich hineinzustoßen. Dass es dir gefiel, wusste ich, du hast deinen Schwanz wild und kräftig gewichst und dein Loch enger zusammengedrückt, um mir so viel Lust wie möglich abzugewinnen, und als ich dir sagte, dass ich gleich käme, hast du weit den Mund geöffnet und die Zunge herausgestreckt, und ich wusste, was du wolltest. Ich zog ihn gerade noch rechtzeitig aus deinem Hintern und entlud einen üppigen Strom von Sperma auf dein Gesicht und in deinen offenen Mund, bespritzte deine Wangen und kleisterte dir das blonde Haar an die Stirn. Ich küsste dich, während du dir weiter einen runtergeholt hast, und mit einem bloßen Wimmern in meinen Mund und vier weißen Strahlen dekoriertest du deinen Oberkörper mit einer weiteren Ladung.

Das Ganze hatte nichts Gefühlvolles, nichts Romantisches, nichts von schmelzend rehäugigen Blicken, und dennoch schlief ich tief und fest neben dir, und auch du warst total weg. Selbst als das Tageslicht ins Zimmer kroch und eine weitere Fastenperiode für die von dir so verachteten Nachbarn ankündigte, rührten wir uns kaum, bis die hochstehende Junisonne aufs Bett knallte, worauf du die Steppdecke zur Seite kicktest und ich deinen marmornen nackten Körper bestaunte.

Zwangsläufig begann ich, mit den Fingern durch dein helles Schamhaar zu streichen, und du hast wie schlafend stillgelegen und mich mit deinem sofort steif werdenden Schwanz spielen lassen. Deine Eier, bemerkte ich, waren prall. Im Halbdunkel der vorigen Nacht hatte ich dich nicht genau betrachten können. Du hattest ein komisches Bäuchlein oberhalb der Hüften, obwohl der Rest deines Körpers fast skeletthaft war. Ich küsste dich trotz deines grässlichen Morgenatems, und du hast gierig reagiert, wolltest nicht nur meine Zunge in deinem Mund, sondern auch meinen Schwanz so tief wie möglich in dir spüren.

Also hob ich deine Beine an und stellte mir deine Füße ins Gesicht, ich wollte sie riechen, sie waren verschwitzt und schmutzig und machten mich härter als je zuvor. Ich beugte mich zu deinem Loch hinunter, verblüfft darüber, wie vollkommen rosa es war, und leckte es mit all der Zärtlichkeit, die acht Stunden zuvor gefehlt hatte. Geduld hattest du allerdings noch nie, und meine liebevollen Berührungen waren vergeudet, zertrampelt von deinem Verlangen, deinem dringenden Bedürfnis, penetriert zu werden. Wieder fickte ich dich, deine Waden auf meinen Schultern, und deine großen, schönen Füße ragten hinter mir hervor wie des Teufels ausgebreitete Flügel. Diesmal bist du zuerst gekommen und hast alles über deinen Bauch ergossen, dann hast du dich herumgedreht, damit ich dich wie ein Hund ficken konnte, bevor ich auf deinem flaumigen Hintern kam. Keuchend sah ich zu, wie mein Sperma in Richtung Matratze rann und tröpfelte, während du dich bäuchlings träge in der Sonne strecktest, auf den Laken, denen das Morgenlicht nicht zum Vorteil gereichte.

Ich duschte nicht, wir machten keine Pläne für ein Wiedersehen, ich glaube, du botest mir nicht einmal Frühstück an, das ich ohnehin abgelehnt hätte. Als ich auf die Straße trat, flogen die Fenster der Sekretärinnenfachschule gegenüber auf, und ein mächtiger Sturm von Schreien brach daraus hervor. Zehn bis fünfzehn Ladys in legerer Geschäftskleidung hatten sich an den Fenstern versammelt und zugesehen, wie ich dich vögelte, und nun (da ihnen unser fremdartiges Begehren, durch das feste Objektiv ihrer starren Sexualität betrachtet, verborgen geblieben war) schrien sie: »Wir haben euch gesehen!! Was hast du mit ihr gemacht, eh? Eh? Wir haben dich gesehen!«

Sie lachten unbändig und nicht unfreundlich. Es war schrill, irgendwie auch schmeichelhaft und befremdlich, weil normalerweise ich diejenige bin, die als Frau gesehen wird. Ich reckte den Daumen, eine dümmliche Angebergeste, was eine weitere Welle ausgelassener Heiterkeit auslöste, die ich bis zum Ende deiner Straße hörte. »Wir haben euch gesehen!«, tönte es bis zur U-Bahn und, so kam es mir vor, den ganzen Weg zurück zu Elsas Wohnung.

Wie oft? Wie oft im Laufe unserer unbegreiflichen Bekanntschaft habe ich deine Wohnung nach ähnlichen Nächten verlassen? In wie viele sonnige Vormittage bin ich mit einem Grinsen im Gesicht getreten, an wie vielen Abenden bin ich, von unlogischer Wut gepackt, dort hinausgestürmt? Es sind unzählige. Bei dir gab es keinen Mittelweg, was deine endlose moralische Ambivalenz umso frustrierender macht, nun, da ich endlich darauf zurückblicke. Du hattest keinen verlässlichen ethischen Kodex, dennoch gab es für dich keine Zwischentöne. Es gab nur diejenigen, die du geschätzt, und diejenigen, die du verabscheut hast, und ich hatte das zweifelhafte Glück, zwischen beide zu fallen wie losgerissene Ladung an Deck, die auf stürmischer See zwischen Bug und Heck hin und her geschleudert wird. Ich bin mir nicht sicher, was ich je getan habe, um mir dein Verlangen zu verdienen oder deine Verachtung einzuhandeln, aber ich fand Trost in der Gewissheit, dass du so mit allen möglichen Leuten umgingst. Ich weiß, ich war nicht die Einzige, die vor Wut schäumend und fluchend von dir wegging und dich, um meine Mutter zu zitieren, das Hinterletzte nannte.

Wenn ich mich jetzt umblicke – zehn Jahre, nachdem wir uns kennenlernten, sechs Jahre, nachdem wir zum letzten Mal miteinander sprachen, vier Jahre nach deinem Tod – und dieses rastlose Zeitalter pueriler Fernsehgrößen zur Kenntnis nehme, die sich mit einer Litanei fabrizierter Aufreger zur Befeuerung ihrer verlogenen moralischen Empörung nach Kräften in Verruf gebracht haben, drängt sich mir der Gedanke auf, dass du für sie alle so etwas wie ein Johannes der Täufer warst. Das meine ich nicht als Kompliment, es ist nur ein Gedanke, der mir einfällt, wenn ich an die Welt denke, mit der wir es heute zu tun haben.

Aber das sind nicht die Dinge, die am deutlichsten hervortreten, wenn man verliebt ist, sondern es sind Wahrheiten, die sich mit der Zeit offenbaren wie die Knochen eines Skeletts, wenn das Fleisch wegfault. Irgendwie ist seit jenem ersten Fick ein Jahrzehnt vergangen, und ich frage mich, wo nur all die Zeit geblieben ist. Vielleicht hat die Hitze der Affäre sie komplett verzehrt? Es gleicht der traurigen Szene in Der blaue Engel, in welcher der einst würdevolle Emil Jannings Marlene Dietrich als Zofe dient und an den Seiten eines Wandkalenders die Temperatur eines Onduliereisens prüft. Er drückt die Enden des Eisens gegen das Datum und brennt Tag auf Tag, Monat auf Monat weg, bis in einer Montage, die nicht länger als eine Minute dauert, Jahre entschwunden sind. So sind die Jahre vorbeigegangen.

Die Lücke zwischen jenem Vormittag, an dem ich zum ersten Mal dein Bett verließ, und diesem extrasolaren Abend, an dem ich an meinem Küchentisch in Mexico City sitze und alles aufzuschreiben versuche, wird von einer Liebesgeschichte überbrückt, die so weißglühend ist, dass ich mir die Hände verbrenne, noch während ich mich bemühe, sie zu Papier zu bringen.

Unsere Briefe sind das einzige richtige Archiv. So gekünstelt, so antiquiert; wer schreibt nach dem Jahr 2000 überhaupt noch Briefe außer dir und mir und dir und ihm und ihm und mir? Sie sind unkompliziert und beim Wiederlesen stellenweile ziemlich peinlich, aber ich habe sie natürlich alle aufgehoben. Ich bin die geborene Sammlerin, ich bin fürchterlich sentimental, und mit einem Auge habe ich stets die Vorstellung im Blick, dass sich diese Dinge vielleicht eines Tages als nützlich erweisen. Also bunkerte ich sie zusammen mit meiner Geburtsurkunde, der Urkunde über meine Namensänderung, meinem Pass und den Briefen, die ich dir schrieb und die zu mir zurückgefunden haben, zusammen mit Entwürfen anderer Schreiben und unzusammenhängenden Seiten, die an mich adressiert, aber irgendwie bis nach deinem Tod auf deinem Schreibtisch vergessen worden waren. Jetzt sind sie alle zusammen auf diesem Tisch ausgebreitet, beide Seiten des Gesprächs, eine endlose Tundra, gesprenkelt mit Zigarettenasche und getüpfelt von Coladosen.

Während ich sie nun nachlese, erschließt sich mir allmählich der Verlauf, der sich darin darstellt – von jenen ersten gestohlenen Morgenstunden bis zu dem fatalen Augenblick, in dem ich die Nachricht hörte. Bis zu jenem Nachmittag, an dem ich, in einem anderen ungemachten Bett, meine letzten Momente der Unschuld verschleuderte, auf den Bildschirm starrte und die schreckliche Wahrheit erfuhr. Und das in ganz nüchternen Worten, nichts, worin der Geist deiner brutalistischen Persönlichkeit, der Stachel deines infantilen Zorns oder die sadistische Poesie mitschwang, mit der du um dich geworfen hast. Bloß eine nicht interpunktierte Mitteilung, kaum ein Satz, beiläufig hingeworfen vom Freund eines Freundes, der es irgendwie vor mir erfahren hatte. Wann hast du gewusst, dass du tot bist?

Natürlich glaubte ich es nicht, natürlich glaubte ich, es handele sich um einen Scherz, eine Verwechslung. Nackt griff ich ganz automatisch nach meinem Telefon und rief den einzigen Menschen an, der die Autorität besaß, es zu bestätigen. Zitternd, kaum imstande zu atmen, sagte ich nur: »Stimmt es?«

An seinem stoßweisen Atem, an dem Schmerz, der die Stille füllte, während er zu sprechen versuchte, erkannte ich, dass es stimmte.

»Ja«, sagte er. »Thomas ist tot.«

Aus diesem einzelnen Satz ergab sich der Auftrag, diese Geschichte aufzuschreiben, er kam in Gänze über mich, schwebte wie die Feuerzunge des Heiligen Geistes über meinem Kopf. Aber ich wollte ihn nicht annehmen. Ich glaubte, dass ich weder über das Talent noch über die moralische Souveränität verfügte, und deshalb rannte ich in die entgegengesetzte Richtung, weg von dieser Berufung, in den Mittleren Osten, den Fernen Osten, nach Südamerika. Aber überall, wo ich hinkam, fand ich – wie die in den Marmor der Hagia Sophia geritzten Wikingergraffiti – irgendeine Erinnerung an dich, eine Inschrift oder einen Bildtext, die mir verrieten, dass du vor mit hier gewesen warst. Von diesen Illusionen verfolgt, ging ich immer weiter und versuchte, einen Flecken unverdorbener Erde zu finden, irgendeinen Ort, der nicht versuchen würde, mich zum Sklaven deiner Geschichte zu machen. Ich streifte umher, bis ich mich hier in Mexico City wiederfand, wo ich überwintern wollte, einem Ort, der, wie ich glaubte, von deiner geisterhaften Präsenz unbehelligt war. Und hier war ich glücklich, glücklich und zufrieden, bis gestern Abend, als du vor mir auferstanden bist, als wolltest du Na, dann los sagen, und ich wusste, dass ich dich nicht länger verleugnen konnte.

II

Du warst Fotograf, du warst ein Widerling. Architektur hattest du studiert, aber deine Liebe galt der Fotografie. Ansichten von Nachkriegsgebäuden (die inzwischen kanonisch sind, damals aber nur hässlich waren) hast du die gleiche sklavische, rabelaissche Hingabe entgegengebracht wie Bildern junger Knaben beim Abstreifen ihrer Unterwäsche. Von beidem hattest du eine ungeordnete Sammlung Fotokopien, eselsohrig und aufeinandergestapelt, auf den Boden fallend, ein Aufruhr deiner beiden Obsessionen, ein Durcheinander, das bestimmt zu einem Archiv geworden wäre, hättest du nur lange genug gelebt, wärst du nur dieser berühmte Fotograf geworden.

Du hast ständig Fotos gemacht, hinterlistige Schnappschüsse auf Partys mit billigen Kleinbildkameras, hast Leute in Nachtclubs mit diesen aufflammenden Blitzen geblendet, die einen Schatten an die Wand warfen, gerötete Augen bloßstellten, Nachtschwärmer mit offenem Mund einfingen, ganz und gar preisgegeben. Natürlich hast du vorher nie gefragt.

Du hast Fotos von den Kreisen gemacht, in denen wir uns bewegten, und von der Welt, die du bereist hast. Du hast Osteuropa, Island, Südamerika, die Küste Chinas besucht; für jemanden, der Großbritannien so sehr liebte (nun ja, zumindest Kiplings Großbritannien), warst du ganz schön oft weg. Ich fragte mich, ob alle deine Reisen nicht nur dazu dienten, den faktischen Beweis für deine tief empfundene Überzeugung zu liefern, dass England das beste Land der Welt war. Unterdessen schaffte ich es, einmal im Jahr nach Kalifornien und zurück zu fliegen, und bildete mir ein, ich wäre diejenige, die etwas von der Welt sah. Wie der Rückblick uns blamiert. Es ist fast so, als wäre das seine einzige Funktion – nicht Reflexion, nicht Kontextualisierung, nein, bloß ein kurzes Bescheidgeben in privaten Momenten des Nachdenkens, bloß um mitzuteilen: »Sieh mal, Liebes, was für ein Idiot du damals gewesen bist.«

Inzwischen habe ich einige der Orte, die du fotografiert hast, mit eigenen Augen gesehen. Manchmal, besonders wenn ich mich durch die Hauptstädte Lateinamerikas bewegte, war ich kurz davor, zu glauben, ich würde dort vielleicht auf dich stoßen, du hättest das Ganze wie ein Nazigeneral fingiert und wärst nach Buenos Aires geflohen. Die gleiche unheimliche Empfindung von Übelkeit erregendem Begreifen stellte sich ein, wenn ich ein Gebäude von einem deiner Abzüge erkannte, zum Beispiel, als ich zum ersten Mal das Foto des Falling Man sah, der vom Nordturm des World Trade Center herabstürzt, und mir einfiel, dass ich als Kind in den Neunzigern selbst dort oben gewesen war. Alles Disparate schießt in solchen Momenten zusammen, sodass es mir vorkommt, als gäbe es unter mir nichts mehr, als stürzte ich selbst hinab wie dieser fallende Mann, der seine schöne Pose einnimmt, einem Pfeil, einem Tänzer gleicht und dessen letzte Sekunden nun für immer außerhalb der Zeit gebannt sind.

Du hast Fotos mit Kameras von zweifelhafter Funktionstüchtigkeit gemacht, sogar wenn du die Hochzeit eines Freundes oder irgendeinen anderen wichtigen Moment, in dem Streiche nicht sonderlich angebracht waren, festgehalten hast. Ja, das war verantwortungslos, sogar egoistisch (und damit für dich Motivation genug), aber es war darüber hinaus auch ein Experiment in Sachen Blick auf die Welt. So ergaben sich etwa Bilder in seltsamen, geisterhaften Grüntönen oder Doppelbelichtungen, gespenstische Unschärfen oder aber überhaupt nichts, sodass dir nur achtundzwanzig schwarze, glänzende Flächen blieben, über die sich gelegentlich, wie bei einem entzündeten Augapfel, rote Spuren zogen.

Du hast seltsame Straßenszenen fotografiert, Freier und Liebespaare, den Dschungel und stets die gleichen eckigen, unvermeidlichen Gebäude – brutalistisch, Bauhaus –, die für mein Unterschichtenauge immer nur von Sozialwohnungsbauten und Betonsilos sprechen konnten, dir jedoch (dem auf den Kricketfeldern von Kent Geborenen) so kühn, klar und ehrlich erschienen, frei von jeder Leichtfertigkeit, maskulin, maßgebend.

Mein Geschmack war schon immer barock, ja blumig. Ich wollte immer alles in Blattgold, auf Louis-XV-Absätzen, kandierte Früchte und Marzipan, gezupfte Augenbrauen, türkisblaue Wände, Tee auf dem Rasen, antike Perlen, Sadismus in Lippenstift und Rouge, Jazz-Age-Verlassenheit, bröckelnden Hochmut, vornehme Verachtung und eine rokokohafte Einstellung zum Tragen von Accessoires. Also war klar, dass ich mit deiner Begeisterung für nüchterne graue Gebäude nichts anfangen konnte. Ich konnte diese Betonklötze ebenso wenig würdigen, wie mich dein Vorrat schlanker, haarloser Jungen, die nackt für unsichtbare, unbekannte Pornografen posierten, zum Sabbern brachte.

Ich wohnte in einem dieser gnadenlosen Klötze der Moderne, die du verehrt hast, bis ich ins Grundschulalter kam, bis irgendwelche Junkies bei uns einbrachen und die Kommune uns in einer neuen Siedlung in der Nähe der Docks unterbrachte. Meine Großeltern wohnten auch so, nämlich im vierzehnten Stock eines schäbigen Betonsilos aus den Sechzigern. Von ihrem Wohnzimmer aus konnte man über den Mersey schauen, und als Kind träumte ich davon, aus dem Fenster zu etwas Neuem zu fliegen. Das Kinn auf die Fensterbank gelegt, pflegte ich dazustehen, wie hypnotisiert von dem sublimen Grauen, mich so hoch über den kleinen Häusern unten zu befinden, und voller panischer Angst, ein Windstoß könnte mich packen und auf die Straße schleudern. Vor Schrecken wie betäubt, aber von irgendeiner protoerotischen Empfindung besänftigt, starrte ich stundenlang aus dem Fenster und malte mir aus, wie lange es wohl dauern würde, bis ich auf dem Boden aufschlug.

Voller Angst und Lust fragte ich meine Großmutter, was passieren würde, wenn es nachts brannte. Weil ich wusste, dass wir den Fahrstuhl im Notfall nicht benutzen durften, lähmte mich die heilige Furcht, dort oben in der Falle zu sitzen, mit Großmutter im Rollstuhl und meinem Großvater, der mit Ende fünfzig zwar noch rüstig, aber wohl kaum in der Lage war, sie über tausend in Flammen stehende Treppenstufen nach unten zu tragen.

»Dann musst du mit deinem Großvater hinuntergehen«, sagte sie, ungerührt strickend, »und die Feuerwehr zu mir heraufschicken.«

»Das könnte ich nicht«, sagte ich, von der Vorstellung entsetzt. »Wir können dich doch nicht allein lassen.«

»Das müsstet ihr aber, Liebes«, sagte sie und schaltete um, sodass sie ihre Antworten in eine ihrer geliebten Quizsendungen hineinrufen konnte.

Als jemand, der in diesen Gebäuden gelebt und der gefürchtet hat, in ihnen zu sterben, konnte ich sie nicht so lieben wie du; für mich war die Ästhetik des sozialen Aufstiegs durch moralische Disziplin alles andere als fotogen. Ich denke oft an meine Großmutter, wie sie sich, während ihre Doris-Day-Schallplatten liefen, einer Jukebox-Rapunzel gleich das taillenlange graue Haar kämmte, wie sie beim Warten auf den Krankenwagen an einem Herzinfarkt starb, und inzwischen frage ich mich, wessen Geschichte ich eigentlich zu erzählen versuche. So wie das alles zusammenkommt und jeder frühere Schmerz den Weg zu dir ebnet, dem, wie Agnès Varda es formuliert, Geschätztesten der Toten.[2]

Du hast deine Sammlung von Softporno-Archivbildern magerer nackter Jungen gern mit den Fotos verquickt, die du von gewichtiger sowjetischer Architektur gemacht hattest. Die Jungen waren aus Zeitschriften herausgerissen, dem Internet entnommen und auf DIN-A4-Büropapier gedruckt, von Fotos abfotografiert, in Graustufen fotokopiert. Sie nahmen durchweg Haltungen von derart naiver Laszivität ein, dass sie doppelt anstößig wirkten. Dieser Augenblick vor dem lüsternen Objektiv, der ihrer Unschuld (und gleichzeitig deren Zerstörung) ein Denkmal setzte, war es wohl, worin du das Erotische verortet fandest. Sie waren minderjährig oder sahen zumindest so aus, weswegen du sie gern zur Schau gestellt, vergrößert, an deine Wand gepinnt, ausgeschnitten und auf Umschläge geklebt, sie in gefundene Bilder von längst nicht mehr bestehenden ukrainischen Forschungsinstituten hineincollagiert hast. Jungen, die wenig überzeugend als Soldaten oder Boxer posierten, mit hochgedrehtem Kontrast oder gebleicht und damit aller Details beraubt, zusammengeklatscht, dann erneut kopiert und vergrößert, sodass der ganze Monolith aus weichen Schwänzen und düsterem Beton monumental und lächerlich wirkte.

Inzwischen sind die jungen Knaben und die brutalistischen Gebäude untrennbar miteinander verknüpft, und wenn ich an dich denke, drängen sich diese deine Fixierungen in den Vordergrund und buhlen um den Vorrang mit Bildern deines eigenen nackten Körpers, mit deinem Fahrrad, deinem blauen Plastikkamm, deinen handgeschriebenen Briefen, deinen Videokassetten, deinen erratischen E-Mails, deinem kleinen Ekzem, deinen Morrissey-Platten, deiner hochgezogenen Augenbraue, deinem schiefen Grinsen, deiner unbekümmerten Großtuerei. Eine Erinnerung, wie du an einem trostlosen Samstagmorgen in der Brick Lane einen Bagel isst und dich dabei durch Tische voller Trödel wühlst, verliert den Vorrang gegenüber den Schnappschüssen, die du dort fandest, ausgesonderte Abzüge von klassischen Teenies in Unterwäsche, aufgenommen von einem anderen, längst vergessenen Perversen.

Diese Bilder, diese Akte von Twink-Verehrung, entstammten einer Tradition, an der ich nicht teilhatte: einer Abstammungslinie schwuler Goldjungs, wie ein kühler lockender Wasserlauf, neben – nicht in – dem ich stehe. Dein Verlangen nach ihnen befremdete mich, denn ich wusste, ich war ganz gewiss kein Junge – aber verspürte ich nicht auch Neid? Jedenfalls war es mir unangenehm, wenn du mir diese Bilder zeigtest, doch ich sah, wie es dich zum Grinsen brachte, wenn ich schief guckte, also versuchte ich, ein desinteressiertes Gesicht zu machen. Ich wollte nicht prüde erscheinen, so, als ob ich es nicht kapierte. Kann ich diese Obsession mit heranwachsenden Jungen einem (bei dir allgegenwärtigen) unreifen Verlangen zuschreiben, konventionellen Sitten die Zunge herauszustrecken und dich dafür einer Bildsprache zu bedienen, vor der wir zurückschrecken, in stummer Empörung zurückzucken, wenn wir damit konfrontiert werden? Ich bin mir nicht einmal sicher, dass das etwas Sexuelles für dich war. Genauso gut könnte es bloß ein weiterer dummer Scherz gewesen sein, eine weitere Methode, die Leute zu provozieren. Oder bin ich jetzt lediglich ein Apologet, hat mich die Zeit zum Apostel deiner Päderastie und zu nichts weiter gemacht? Bin ich zum Vorsitzenden deines Fanclubs geworden, bereit zu allen möglichen geistigen Verrenkungen und halsbrecherischen logischen Kunststückchen, um deinen Namen reinzuwaschen? Wie ein alter Peronista, der Jahrzehnte später am Grab von Evita weint, die Willkür ignoriert, den wirtschaftlichen Ruin vergessen hat, und die spirituelle Führerin des Landes nach dem Text von Andrew Lloyd Webber betrauert, der groteskerweise tatsächlich ihr Grab ziert.

Vielleicht ist es auch ganz einfach so: Meine offenkundig romantische Ästhetik gründet ebenso sehr auf Sentimentalität wie auf Dekadenz (gewiss sind das zwei Seiten einer Medaille), und nun, da du nicht mehr da bist, ist alles, was dich zu dem schroffen, unausstehlichen Mistkerl gemacht hat, der du warst, mit dir verschwunden, und alles, was bleibt, ist das Narrativ, das sich in deiner Abwesenheit verbreiten soll. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich, nachdem ich gelesen hatte, was die Zeitungen über dich schrieben, den verzweifelten Wunsch verspürte, dich wiederzubeleben, indem ich den heimtückischen, sensationsheischenden, homophoben Müll (der dich kurz einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte) von deinem Ruf abkratzte. Mit diesem ganzen Dreck, diesem ganzen SCHWULER MODEFOTOGRAF PARTYDROGE TODESSTURZ SEXSKANDALwird man beworfen, wenn man jung und gut aussehend auf einer Party in einem Haus von jemand sehr Berühmtem stirbt. Vielleicht hättest du das komisch gefunden, vielleicht hätte dir die Unterstellung, dass dein sexuelles Verlangen unmittelbar an deinem Tod schuld war, einen Kick verschafft. Aber verschwende einen Gedanken an uns, die wir das lesen, die wir das erleiden mussten, in dem Wissen, dass wir nichts tun konnten, um diese Klatschblätterlügen aus der Welt zu schaffen. Die wir anfingen, herumzuwuseln, dich seligzusprechen, deine Kanonisierung zu erbitten und dich der sehr, sehr langen Liste von Mistkerlen hinzuzufügen, die in den Heiligenstand erhoben wurden.

Nichts davon ergibt einen Sinn. Ich versuche, diese Szenen aus einem Leben zusammenzuheften, ich versuche, die Kunst der filmischen Collage zu meistern, muss jedoch feststellen, dass das Material amorph geworden ist. Ich kann das, was wahr ist, und das, wovon ich möchte, dass es wahr ist, nicht mehr auseinanderhalten. Es erinnert mich an einen Film, den ich gesehen habe, als ich high war. Die Bilder schimmern irgendwo in den schummrigen Tiefen, ich weiß, ich habe diesen Film schon einmal gesehen, aber ich kann mich bei nichts, was ich zutage fördere, darauf verlassen, dass es sich um ein echtes, wahres Detail handelt, weil alles von