Wofür ich bleibe - Lizzy Waters - E-Book

Wofür ich bleibe E-Book

Lizzy Waters

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Beschreibung

"Sie verlassen dich nie, die Gefühle. Sie schlafen nur, wenn du sie vergisst." Seit drei Monaten lebt Nara in Sicherheit auf dem Anwesen der Nevox. Doch die vergangenen Ereignisse geben ihr keine Ruhe und auch in den eigenen Reihen tauchen plötzlich Verbindungen zu den Athemar auf. Während Nara den Machenschaften der Clans immer weiter auf die Spur kommt, schenkt ausgerechnet Arek ihr keinen Glauben. Die einzige Hoffnung sieht Nara bei Tamena, einer schweigsamen Waldbewohnerin, welche einen jahrhundertealten Wissensschatz über Pflanzenkräfte und Naturenergien hütet. Diese werden bei den Nevox jedoch nirgends erwähnt. Je intensiver sich Nara damit beschäftigt, desto mehr Widerstände scheinen sich aufzutun. Wird das neu erlangte Wissen schlussendlich ausreichen, um dem Unheil durch ihren Vater ein für alle Mal ein Ende zu setzen? Das Finale der Romantasy-Dilogie von Lizzy Waters

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Seitenzahl: 448

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Für alle, die in sich nach Kraft suchen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Epilog

Danksagung

Lizzy Waters

1

Wenn es eines gibt, was ich im letzten Jahr gelernt habe, dann ist es, neu anzufangen. Trotzdem sorgt der Knoten in meinem Magen dafür, dass ich regungslos wie eine Steinstatue die Fassade des monströsen Trainingsgebäudes anstarre, anstatt hineinzugehen. Heute ist der Tag der Tage: Mein Leben als offizielle Campus-Bewohnerin beginnt. Immer mehr Auszubildende in meinem Alter laufen durch das Holztor nach innen und ich sehe an mir hinunter. Das beige Leinenhemd, das signalisiert, dass ich jetzt zu ihnen gehöre, steckt ordentlich in meinem Hosenbund. Tief atme ich ein.

„Gehst du jetzt rein oder nicht?“ Die Stimme hinter mir lässt mich zusammenfahren. Etwa zehn Meter entfernt sitzt ein Mädchen mit hohem braunen Pferdeschwanz und grinst. „Wir hätten wahrscheinlich beide nicht gedacht, dass du mal eine von uns wirst.“

Ich runzle die Stirn. „Kennen wir uns?“ Meine Stimme ist brüchiger als beabsichtigt.

Sie drückt sie sich von der Bank ab und schlendert auf mich zu. „Ach, ich bin nur eine kleine Nevok, die seit siebzehn Jahren hier rumhängt. Nichts gegen die Tochter des großen Athemar-Anführers.“ Sie deutet eine Verbeugung an. „Wieso startest du erst jetzt ins Training, wenn du seit Dezember hier bist?“

Was will sie von mir? „Ich war noch am Ankommen.“ Dass Henry, der Leiter des Campus, es für das Beste für alle hielt, wenn ich erst jetzt ins neue Trainingssemester starte, verschweige ich. Ich sei noch zu nah an meinen Erlebnissen dran und damit eine Zumutung für die anderen. Ein Krachen hallt über den Platz und ich linse hinüber zu dem Eingangstor, das gerade ins Schloss gefallen ist, und setze mich in Bewegung.

„Das heißt, du bleibst?“ Das Mädchen eilt neben mir her.

„Ich wüsste nicht, wo ich sonst hinsoll.“

Aus dem Augenwinkel meine ich zu sehen, wie sie die Augen verdreht. „Na dann leb dich mal gut ein“, sagt sie trocken und schreitet schnellen Schrittes an mir vorbei nach drinnen. Ich stoppe das Eingangstor gerade noch mit meinem Fuß, bevor es ins Schloss fallen kann, und lasse die Luft aus meinem Brustkorb entweichen.

Was meinte Arek gestern Abend zu mir? Die sind neue Leute einfach nicht gewohnt. Gib ihnen Zeit. Mit einem festen Ruck ziehe ich das Tor auf und trete in ein Foyer mit hohen Wänden, an denen meine Schritte widerhallen. Über der weit geöffneten Flügeltür zum Trainingssaal prangt die Inschrift: Nur wer sich selbst kennt, wird auch andere kennen.

Vertraute Leere kriecht in meinen Bauch und ich schlucke. Seit meiner Ankunft im Craft-Anwesen sind keine weiteren Erinnerungen zurückgekehrt, ich kenne also nur die letzten acht Monate meiner Selbst. Ich taste nach der Energie, die wie flüssiges Sonnenlicht durch meinen Körper fließt und meine Muskeln entspannen sich.

Ich bin nicht meine Erinnerungen.

Diese fünf Worte haben meine letzten Monate wie ein Mantra begleitet. Ich straffe die Schultern, streiche das Lehrlingshemd glatt und trete in die Trainingshalle, in der beige gekleidete Jugendliche durcheinander wuseln.

Ein hagerer Typ im blauen Hemd schreitet an mir vorbei nach vorn. „Setzen“, ruft er und die Nevox verteilen sich hektisch auf die Sitzkissen am Ende des Raums. Mit etwas Abstand folge ich ihnen. Hier hinten sind die Wände verglast und geben den Blick auf den Wald frei. Sanfte Nebelschwaden hängen zwischen den leuchtend grünen Fichten und ich lächle. Gedanklich versenke ich mich in die Natur und der Knoten in meiner Magengegend löst sich etwas.

Von links stupst mich jemand an der Schulter und ich zucke zusammen. „Hey, kannst du das weitergeben?“ Das jüngere Mädchen streckt mir einen Papierstapel entgegen und schiebt mit der anderen Hand ihr goldenes, dünnes Brillengestell zurecht.

„Klar.“ Ich nehme den obersten Zettel und gebe den Rest weiter. Campusregeln.

Der Typ rechts von mir stöhnt. „Nicht zu fassen, dass sie das jedes Mal aufs Neue austeilen. Ist ja nicht so, als wären wir damit aufgewachsen.“ Jetzt sieht er mich an. „Die meisten von uns.“

Mein Atem stockt, aber ich zwinge mich, zu lächeln. An ihrer Stelle wäre ich vielleicht auch skeptisch, immerhin ist mein Vater der Grund, weshalb sie auf diesem begrenzten Waldstück festsitzen.

„Einen schönen Freitag miteinander.“ Die feste Stimme des Trainers sorgt für Ruhe im Raum. Er lässt den Blick über unsere Gesichter schweifen, wobei er bei meinem einen Tick länger verweilt. Mein Körper versteift sich. „Ich bin Feor und das ist Stella, meine Co-Trainerin.“ Er deutet auf eine junge Frau neben sich, ebenfalls im blauen Hemd. „Wir verbringen ab sofort jeden Montag, Mittwoch und Freitag miteinander, also mache ich euch wie jedes Semester mit den Regeln vertraut. Wer diese nicht einhält, hat hier nichts zu suchen.“ Wieder sieht er mich an, blinzelt und wendet sich schnell ab.

Ein paar Köpfe drehen sich zu mir und ich spüre in den Raum hinein, um die gedämpften Stimmungen wahrzunehmen. Ich stoße gegen einige Mauern, doch aus den Ecken der Jüngeren schlägt mir Verachtung und Skepsis entgegen. In meinem Schädel rauscht es und ich schwanke nach hinten. Eine Hand an meinem oberen Rücken stabilisiert mich und ausgehend von der Stelle breitet sich Ruhe in mir aus. Mit zusammengezogenen Augenbrauen blicke ich nach links. Die Hand gehört zu dem Mädchen mit der Brille. Stumm und ohne die Miene zu verziehen, zieht sie ihre Finger zurück. Wie peinlich. Manchmal vergesse ich, dass auch andere auf diesem Campus Stimmungen wahrnehmen. Schnell ziehe ich meine inneren Schutzmauern höher.

Nach allgemeinen Infos über den Trainingsverlauf folgt die Vorstellungsrunde und während die anderen sprechen, beschleunigt sich mein Puls. Schon bei den Mahlzeiten im Speisesaal habe ich gemerkt, dass viele Bewohnende vom Campus mich anstarren, weshalb ich die letzten Monate hauptsächlich allein, mit Arek oder mit Caleb war.

Jetzt bin ich dran und alle Augenpaare im Raum richten sich auf mich. Schnell wische ich meine feuchten Hände an der Hose ab. „Hi, ich bin Nara.“ Meine Stimme zittert. „Ich bin sechzehn und im Dezember mit den Carters hergekommen.“

„Stimmt es, dass du bei deinem Vater eingesperrt warst?“, fragt ein Junge aus der Gruppe der Zwölfjährigen frei heraus und in meiner Brust sticht es.

„Linus“, herrscht Stella ihn an.

„Ist okay“, sage ich und blinzele die sich aufdrängenden Erinnerungen von Kälte und Dunkelheit zurück. „Es stimmt. Ich war einige Zeit bei Karan und bin nun froh und dankbar, hier sein zu dürfen.“ Fühle mich aber nach wie vor wie ein Fremdkörper.

Jemand in der ersten Reihe stöhnt, aber das Mädchen links von mir lächelt mich still an und ein Junge neben ihr beugt sich vor und nickt mir zu.

„Das ist Leo“, sagt das Mädchen laut und deutet auf den Jungen. „Er ist vierzehn, so wie ich. Und ich bin Sila. Wir sind seit sechs Jahren hier.“ Leo hebt kurz die Hand und ich lächle ihn an.

Nach der Vorstellungsrunde führen die beiden Ausbildenden uns durch den Raum. Stella deutet auf den mit Matten ausgelegten Teil der Halle. „Ihr beginnt und beendet den Trainingstag mit körperlichem Training. Der Fokus liegt auf Kampfsport und Muskelstärkung.“ Wir bewegen uns weiter zu zwei Glaskabinen, die frei am Rand des Raums stehen. „Wer die Waben betritt, kommuniziert ausschließlich über Energien“, sagt Feor. „Wen wir beim Sprechen erwischen, der kommt am nächsten Tag früher. Freiwillige vor. Ich will sehen, was der Stand von eurem Kurs ist.“ Ich ziehe instinktiv den Kopf ein.

Ohne zu zögern, macht die Sympathiekanone von draußen, die sich als Valeria vorgestellt hat, einen Schritt vorwärts, die Hände in den Hosentaschen.

Feor nickt. „Gut. Linus, du machst den Gegenpart.“

Diesem klappt der Mund auf. „Was? Das ist unfair, ich habe mich nicht gemeldet.“

„Überleg dir das, bevor du das nächste Mal dazwischenredest.“

Linus schnaubt, bewegt sich aber nach vorn.

„Valeria, du überträgst eine Stimmung auf ihn.“

„Irgendeine?“ Sie grinst und Feor nickt.

Die beiden Auserwählten begeben sich in die Wabe. Alle anderen drängen sich außenherum, um die beste Sicht auf das Geschehen zu erhaschen. Ich stelle mich zu Sila und Leo an den Rand.

Linus hält die Arme verschränkt und verfolgt wachsam jede von Valerias Bewegungen. Auch ich halte den Atem an und schicke innerlich drei Dankgebete ans Universum, dass Feor nicht mich gewählt hat.

Valeria geht einen Schritt auf Linus zu, legt ihre Hand auf seine Schulter und einen Moment stehen sie regungslos da. Jetzt weiten sich Valerias Pupillen, Linus’ Arme lösen sich wie von selbst von seiner Seite und hängen locker herunter. Plötzlich ballt er seine Fäuste, stößt einen Schrei aus, der nur gedämpft bei uns ankommt, und hechtet mit wutverzerrter Miene auf Valeria zu. Diese packt ihn mit einer einzelnen Bewegung am Arm und benutzt seine Kraft, um ihn hinter sich in die Ecke der Kapsel zu schleudern. Himmel. Das mit dem Kampfsport ist also ernst gemeint. Und wie schnell war sie bitte?

Zufrieden grinsend tritt Valeria aus der Kapsel und schließt die Tür hinter sich. Einige brechen in Beifall aus, andere recken ihre Hälse nach Linus, der schwer atmend in der Ecke hockt.

„Sehr gut“, sagt Feor nickend. „Ich denke, da können wir anknüpfen. Geben wir Linus einen Moment und treffen uns in drei Minuten draußen.“ Sobald er und Stella den Saal verlassen haben, bricht lautes Stimmengewirr aus. Ein paar der Jüngeren stürmen in die Kapsel und wollen Linus hochhelfen, der ihre Hände wegschlägt und sich selbstständig aufrappelt.

Ich sehe zu Sila, die an drei eng anliegenden Silberringen an ihrem Ohr herumspielt, und hebe eine Augenbraue.

„Keine Sorge, Valeria trainiert quasi jede freie Minute“, sagt sie. „Feor kann von uns anderen nicht das gleiche Level erwarten.“

„Ich hoffe es“, sage ich. Zumindest den Teil mit dem In-die-Ecke-Schleudern müsste ich definitiv üben. Wir lösen uns von dem Pulk und verlassen den Saal. Draußen schlägt mir frischer Wind entgegen und ich ziehe meine Arme enger um mich. Für März ist es eisig kalt.

NacheinpaarMinutenhabensichallewiederversammelt und wir folgen stillschweigend Feor und Stella über den Kiesweg, der vom Anwesen in den Wald führt, auf einen schmalen Pfad zwischen den Nadelbäumen hindurch. Auf den kahlen Heidelbeersträuchern schimmert Tau und im Unterholz hüpfen Amseln auf der Suche nach Nahrung umher. Tief atme ich den Duft von Fichten und feuchter Erde ein und lasse einen kleinen Funken in mir entstehen. Sofort ist es da, das vertraute Summen der Energien. Mir wird wärmer und mit dem Ausatmen vergrößere ich die prickelnde Kraft. Der Wald nimmt mich in sich auf und meine Muskeln entspannen sich. Aah.

Ich stolpere geradewegs in Leo hinein. „Huch. Sorry, warum bleiben wir stehen?“

Er hält mich an der Schulter, sodass ich nicht umfalle, lächelt stumm und löst sich von mir. Er spricht wohl nicht gern, aber das warme Glitzern in seinen Augen lässt mich ebenfalls lächeln.

Vor uns ragt ein Holzzaun auf, der durch schmale Lücken zwischen den Latten den Blick auf den Wald außerhalb des Craft-Terrains freigibt.

„Das hier“, sagt Stella und deutet auf den Zaun, „ist das Ende des Areals. Wir werden nicht müde, euch darauf hinzuweisen, wie wichtig das Einhalten der Grenzen ist. Dass wir versteckt bleiben, ist die einzige Möglichkeit sicher zu sein, das wisst ihr hoffentlich alle.“ Einige nicken, ein paar andere verdrehen die Augen. „Was wir euch eigentlich zeigen wollen, ist aber das dort drüben.“ Stella deutet ein Stück weiter nach rechts und wir folgen ihr entlang der Grenze. Vor einem etwa zwei Meter hohen begehbaren Holzwürfel, der in den Zaun integriert ist, bleiben wir stehen. Auch wenn das Fenster darin bestimmt seit Monaten nicht mehr geputzt wurde, sehe ich eine junge Frau mit kurzrasierten schwarzen Haaren im dunkelgrünen Hemd dahinter. Sie sitzt auf einem Stuhl in Richtung Außenareal, ihre Augen sind geschlossen.

„Ihr kennt sicher Erin, sie ist eine der Wachenden“, sagt Stella. „Dieses Semester lernt ihr eure energetische Barriere aufzubauen und zu kontrollieren. Es bedarf viel Bewusstsein und Konzentration, unsere Energien vor anderen Nevox abzuschirmen. Weitaus komplizierter ist es, sich vor Athemar zu schützen. Wer von euch kann die Aufgabe der Wachenden erklären?“

„Sie schirmen das Anwesen ab“, sagt Valeria.

„Richtig.“ Stella nickt. „Wachende sind so ausgebildet, dass sie nicht nur ihre eigenen Energien, sondern die eines gesamten Bereichs abschirmen. Alle fünfhundert Meter entlang des gesamten Zauns steht eine solche Kapsel, es sind also immer vierundzwanzig Wachende gleichzeitig aktiv, die sich über den Tag im Sechs-Stunden-Takt abwechseln. Dadurch verschmelzen wir mit dem Wald und werden von außen nicht wahrgenommen.“ Ich sehe blinzelnd nach oben, wo durch den leichten Nebelschleier die Sonne durch die Fichtenwipfel scheint. Kaum zu glauben, was sie sich hier für eine Parallelwelt aufgebaut haben. „Wer weiß“, fügt Stella hinzu, „vielleicht sind ein paar von euch irgendwann dazu berufen, diesen Posten einzunehmen. Es bedarf einiges an Fähigkeit, um dieser ehrenvollen Aufgabe nachzugehen.“

„Kommt auf die Bezahlung an“, murmelt Linus und seine Kumpels glucksen. Die Gruppe geht weiter, es gibt bald Mittagessen. Ich verharre jedoch, denn etwas hält mich zurück. Meine Aufmerksamkeit wandert zu Erin, die in ihrer Holzkapsel wie versteinert wirkt, die Stirn vollkommen glatt, der Mund leicht geöffnet. Sie ist höchstens Mitte zwanzig und ihr hochgekrempelter Ärmel gibt den Blick auf verschnörkelte Tattoos frei. Hat sie vor ihrer Zeit auf dem Campus woanders gelebt? Ich presse die Lippen aufeinander. Säße sie nicht wegen meines Vaters auf diesem Anwesen fest, ginge sie vielleicht zur Uni und auf Partys. In meiner Brust formt sich ein Knoten. Dass die meisten hier nicht wissen, welche Freiheit da draußen auf sie wartet, macht die Sache umso trauriger. Gleichzeitig sieht Erin anmutig aus, wie ein massiver Fels in der Brandung. Genießt sie das Leben hier? Und kann ich das auch?

Mein Atem geht flach und ich sehne mich nach einer festen Umarmung von Arek. Heute Abend sehen wir uns wieder.

„Komm schon, Nara“, ruft Sila. Die Gruppe ist weitergelaufen. „Heute gibt’s Spaghetti.“

Mein Herz hüpft. Wie cool, dass sie an mich gedacht hat. Ich reiße mich von dem Anblick los und folge Sila durchs Geäst.

2

Nach dem Mittagessen besuche ich Caleb. Noch immer frage ich mich, wie gerade er in den Fängen der Athemar gelandet ist, doch er spricht nicht über die Zeit vor Neujahr und ich bin die Letzte, die ihm das übel nehmen würde. Unsere Erlebnisse bei Karan verbinden uns.

Dass er um einiges länger bei meinem Vater gefangen war als ich, ist ihm deutlich anzumerken. Die ersten Wochen ist er ständig auf dem Flur zusammengeklappt, sodass Henry ihm strikte Bettzeiten auferlegt hat.

Vorsichtig klopfe ich an die Tür. Es kommt wie immer keine Reaktion, trotzdem drücke ich die Klinke nach unten und trete in den dunklen Raum.

„Hi“, flüstere ich, gehe zum Fenster und ziehe die Vorhänge auf.

„Hey“, grummelt Caleb, setzt sich im Bett auf und schützt stöhnend seine Augen vor dem hereinfallenden Licht. Die glatten braunen Strähnen fallen ihm tief in die Stirn. „Wie viel Uhr ist es?“ Er klingt verschlafen.

„Viertel nach eins. Ich muss gleich weiter zumTraining.“

„Fuck. Schon so spät.“

„Schon mal überlegt, einen Wecker zu stellen?“ Ich setze mich zu ihm auf die Bettkante.

Caleb murmelt etwas Unverständliches, reibt sich die Augen und blinzelt. „Wie ist das Training?“

„Es ist in Ordnung. Ich verstehe immer noch nicht, warum du nicht teilnehmen darfst. Wir sind gleich alt und es gibt auch einen Anfängerkurs.“

„Sie wollen keinen Freak dabeihaben.“ Caleb verschränkt die Arme vor der Brust und mein Blick fällt auf die vielen kleinen Narben auf seinem linken Unterarm. Bilder von einer dunklen, kalten Gefängniszelle prasseln auf mich ein und ich reibe mir über die Oberschenkel.

„Du bist kein Freak, Caleb, das weißt du selbst. Und du kannst nichts dafür, dass du die Bluttransfusion von Karan bekommen hast. Das macht dich nicht weniger menschlich.“

Caleb starrt auf den Boden und zieht zähneklappernd die Knie unter der Decke an seinen Körper. „Mir ist so kalt.“ Seine Stimme bricht und ich schlucke. Er ist die tägliche Erinnerung an die Grausamkeit meines Vaters.

Schweigend rutsche ich weiter nach hinten auf das Bett, lege eine Hand auf seine Schulter und streiche behutsam mit dem Daumen darüber. Caleb lässt seine Stirn auf meinen Unterarm sacken und verharrt schwer atmend. Eine Träne fällt von seinem Gesicht auf die Bettdecke. Manchmal spüre ich sie, die Kälte, die ihn überrollt.

„Du musst ihnen sagen, dass sie dich in die Aktivitäten einplanen sollen. Die Bettruhe macht deinen Zustand nicht besser.“

Caleb schüttelt den Kopf, weiter auf meinen Unterarm gestützt. „Sie können eine Person mit Karans Blut nicht in ihrem Alltag ertragen. Sie finden mich zu abstoßend.“

„Niemand findet dich abstoßend.“ Es schmerzt, wie er leidet. Tief atme ich ein und fokussiere die Wärme in mir. Der Funken weitet sich aus und ich versenke mich in der Energie, versuche sie auf Caleb auszuweiten, während ich die Stelle, an der wir uns berühren, fokussiere. Ich stelle mir vor, wie mit jeder Ausatmung flüssiges, warmes Sonnenlicht durch mich hindurchfließt und in ihn hineinströmt.

Wir sitzen oft so da, versunken in unsere Gefühlswelten, und ich warte geduldig, bis das Eis in ihm schmilzt und sein Kopf sich klärt. Niemals hätte ich gedacht, dass nur eine einzige Bluttransfusion reicht, um einem Menschen immer wieder so viel Kälte aufzuerlegen.

Scharf saugt Caleb die Luft ein, seine Schultern entspannen sich und er fährt sich über die feuchten Augen. „Danke“, flüstert er.

Ich löse mich von ihm, atme durch und lehne mich zurück.

„Ich hasse diese Schübe“, sagt Caleb. „Es ist, als ob eine kalte Hand nach mir greift und mich aus meinem Körper zieht. Ich erkenne mich selbst nicht.“

Ich nicke. Zwar bin ich der Transfusion um Haaresbreite entkommen, doch allein die Erinnerungen an die Momente, in denen Karan nach meinem Verstand getastet hat, lassen mich frösteln.

„Ich frage mich, wie es Zoey geht“, flüstere ich und Caleb nickt schweigend. Karans Trakt und Blutvorräte wurden zwar zerstört – seine Bedrohlichkeit und die Sorge um unsere engsten Leute bleiben aber. Zu gern würde ich mit Zoey kommunizieren, aber wir sind hier drinnen abgeschottet. Es gibt Fahrende, die die Lebensmittel bringen, die nicht auf den Ackerflächen hinter dem Gebäudekomplex angebaut werden, aber die sind meist unter sich und haben strikte Anweisungen, jeglichen Außenkontakt zu vermeiden. Ich will es lieber nicht riskieren aufzufallen und das würde ich ohne Zweifel, wenn ich jemanden von ihnen ansprechen würde.

Beim Blick auf die Uhr fahre ich zusammen. In zehn Minuten geht das Training weiter. „Tut mir leid, ich muss los.“

Caleb lächelt mich an und die Schwere auf meiner Brust hebt sich etwas. „Du rockst das. Grüß deinen Loverboy von mir.“

Ich stöhne. Na bitte, das ist der Caleb, den ich kenne. „Arek nimmt an einem anderen Training teil. Aber ich werde ihn heute Abend von dir grüßen. Danke.“ Ich boxe ihn an den Arm und richte mich auf. Gerade greife ich nach der Türklinke, da sagt er: „Da ist noch was.“

„Hm?“

„Ich war draußen heute Nacht.“

Abrupt halte ich inne und drehe mich langsam um. „Du warst was?“

„Draußen“, sagt Caleb. „Außerhalb des Geländes.“

Ich weite die Augen. „Was meinst du mit außerhalb?“

„Außerhalb der Grenze.“

„Wieso in Gottes Namen warst du außerhalb des Geländes? Und wie?“ Ich gehe auf ihn zu.

Caleb weicht ein Stück zurück und spielt mit der Bettdecke. „Ich kann nicht länger hier rumsitzen und mich bemitleiden lassen. Ich dachte, wenn ich helfe Karan zu finden, bin ich nicht mehr der bedrohliche Außenseiter und kann endlich am Campus-Leben teilhaben wie ein Nevok.“

Mit offenem Mund setze ich mich zurück auf sein Bett. Ein Teil von mir will ihn in den Arm nehmen, ein anderer möchte ihn anschreien. Hat er sie noch alle?

„Ich war vorsichtig“, sagt Caleb und hebt die Hände. „Wenn ich dir erzähle, was ich gesehen habe, wirst du verstehen, warum wir etwas tun müssen.“

„Etwas tun? Caleb, was redest du da?“ Ich lege meine Hand auf seine Stirn, doch er reißt sich sofort los und sieht mir direkt in die Augen. Sein Blick ist gläsern und mein Herz sackt in Richtung Magengegend. Das war ein Fehler von mir.

„Du hältst mich auch für durchgedreht“, sagt er trocken.

„Nein, Caleb, nein.“ Schnell schüttele ich den Kopf. „Ich …“ Seufzend raufe ich mir die Haare. Für ein paar Atemzüge schweigen wir. Jetzt sehe ich ihn an. „Es tut mir leid. Ich halte dich nicht für verrückt. Ehrlich. Ich möchte dir glauben. Aber was zum Geier meinst du?“

„Ich habe Athemar gesehen. Sie waren nur etwa einen Kilometer vom Anwesen entfernt und haben unter einem Hochsitz Pause gemacht. Ich habe in einer Kiefer gesessen und sie beobachtet. Verstehst du nicht, ich musste einfach raus hier.“ Er lässt seinen Hinterkopf gegen die Wand fallen.

„Okay, über die Athemar sprechen wir gleich. Aber musstest du dafür das Gelände verlassen? Neunhundert Hektar voller Wald und das reicht dir nicht? In einer verdammten Kiefer, ich fasse es nicht! Du bist gerade erst raus aus dem Athemar-Trakt, willst du geradewegs zurück?“

„Hörst du sie nicht, die Gespräche der Kids im Speisesaal? Nara, die haben noch nie in ihrem Leben etwas anderes gesehen als diesen verfluchten Palast. Selbst die meisten erwachsenen Nevox hier verlassen niemals die Grenzen. Willst du nicht wissen, was draußen abgeht?“

„Ich will ein sicheres Leben führen.“ Und vor allem möchte ich endlich irgendwo ankommen.

„Sie sind auf der Suche nach dir, Nara. Er wird nicht aufhören, bis er dich gefunden hat. Ich wette, sie bauen sich ein neues Lager auf, in dem Karan sich weiter sein Blut abzapft. Der Typ wird keine Ruhe geben, bis all die Menschen dieses Landes Athemar geworden sind, scheiß-egal, ob hier ein paar Teenager Taekwondo lernen oder nicht. Er weiß, dass er mit dir stärker ist, ob du einwilligst oder nicht.“

Mit jedem seiner Worte kriecht Panik meine Wirbelsäule hinauf und mein Puls schlägt heftig. „Und das alles hast du von Menschen im Wald gehört?“

Er nickt. „Die letzten drei Nächte war ich draußen und jedes Mal sind sie vorbeigekommen.“

Ich starre ihn an. „Drei Nächte? Verdammt, Caleb!“

„Hörst du nicht, was ich sage?“

Ich mustere ihn. „Wenn das stimmt, ist es umso wichtiger, dass du die Grenzen nicht verlässt. Du führst sie damit direkt aufs Areal.“

Caleb schüttelt den Kopf. „Ich falle ihnen nicht auf. Es muss etwas mit dem Blut zu tun haben. Ich habe schon in Karans Trakt gemerkt, dass sie mich sehen mussten, um zu wissen, dass ich da bin. Nur deswegen haben sie regelmäßig die Tür geöffnet. Ich bin ihnen durch die Transfusion energetisch zu ähnlich.“ Mit gehobenen Augenbrauen sehe ich ihn an und Caleb zuckt mit den Schultern. „Du bist nicht die Einzige, die sich eingelesen hat. Ich mag zwar nicht über eure Fähigkeiten verfügen, aber in die Bibliothek kann ich trotzdem.“

Ich sehe im Raum umher und massiere meine Fingerknöchel. Das darf nicht wahr sein. „Bist du sicher, dass das Athemar waren und nicht irgendwelche Spaziergänger mit blühender Fantasie?“

Er verzieht den Mund.

„Ist ja gut, ich glaube dir.“ Ich lege das Gesicht in meine Hände. „Verdammt, ich dachte, dass das langsamer geht. Oder, dass … keine Ahnung.“ Wahrscheinlich, dass ich nie wieder von diesem Mann hören will.

„Wir wissen beide, dass das klar war“, sagt Caleb leise.

Ich trete von einem Fuß auf den anderen. „Wenn es tatsächlich so ernst ist, werden die Nevox sich kümmern. Das Letzte, was ich tun möchte, ist irgendein Alleingang, der andere in Gefahr bringt.“ Ich versuche, das Zittern in meiner Stimme zu verbergen, und setze mich etwas aufrechter hin. Ich gehe nicht wieder da raus. Nicht nach dem, was Karan mir angetan hat. Und wenn Menschen mit der Athemar-Situation umgehen können, dann die, die dieses Anwesen leiten, oder?

Caleb schnaubt. „Einen Scheiß kümmern die sich.“

„Die Nevox verstecken sich hier seit Jahrzehnten. Sie wissen, was sie tun.“ Ich richte mich auf und streiche meine Hose glatt. Im Hinausgehen sage ich: „Und du bleibst auf den neunhundert Hektar, die uns erlaubt sind.“

Mit einem Klicken fällt die Tür hinter mir ins Schloss und wir wissen beide, dass er sich nicht daran halten wird.

3

Bis sechzehn Uhr sitzen wir in Teams in den Waben, um das Stimmungsübertragen zu üben, was ich mit Arek und Victor schon bei den Carters trainiert habe. Zwei Schülerinnen wurden bereits zum früher Kommen verdonnert, da sie in der Wabe gestritten hatten. Womöglich ist Wut nicht die beste Emotion zum Üben.

In der letzten Trainingsstunde joggen wir gemeinsam an der Außengrenze des Areals entlang. Alle fünfhundert Meter verlangsame ich mein Tempo und betrachte die Menschen, die in den Kapseln sitzen. Sechs Stunden.

„Müssen die nicht mal aufs Klo?“, frage ich Sila, die neben mir her joggt.

Ihr Kopf ist ganz rot vom Laufen. „Ich glaube, die meisten vermeiden es.“ Sie japst nach Luft. „Das Wichtigste ist, dass nicht mehrere Wachende gleichzeitig gehen, damit der Schirm hält. Sie spüren sich gegenseitig.“

„Abgefahren.“ Wie es wohl ist, einen ganzen Bereich abzuschirmen? Meine Gedanken wandern zu dem Tag vor einem halben Jahr im Museum, als Arek jemanden dazu gebracht hat, sich von uns abzuwenden und zu bezweifeln, dass er mich erkannt hat. Ich schüttele mich. Nicht vorstellbar, was alles möglich ist, Karan ist das beste Beispiel.

Wir biegen zurück auf den Kiesweg ab und Stella dreht sich um. „Das war’s für heute. Alle, die mit den Stimmungseinheiten Schwierigkeiten hatten, üben bis Montag. Die anderen bitte auch. Und jetzt genießt euren Abend.“ Sie und Feor joggen zurück zum Trainingsgelände und sobald sie außer Sichtweite sind, kommt die ganze Runde zum Stehen. Leo, der zu uns aufschließt, ist käsebleich und auch ich stütze mich schwer atmend auf meinen Knien ab.

„Sieht aus, als müsste jemand Ausdauer trainieren.“ Valeria stolziert an uns vorbei. Ihr straffer Pferdeschwanz thront ohne eine einzige lose Strähne auf ihrem Kopf.

„Du musst andere nicht runtermachen, um dich besser zu fühlen“, ruft Sila ihr hinterher.

Ich drehe ihr grinsend den Kopf zu. „Nicht schlecht.“

Sie zuckt mit den Schultern und wischt sich mit ihrem Ärmel den Schweiß von der Stirn. „Sie ist meine Halbschwester.“

„Mein Beileid. Weißt du, was sie für ein Problem mit mir hat?“

„Oder mit Menschen generell“, sagt eine helle Stimme neben mir und ich muss zweimal hinsehen, um mich zu vergewissern. Das war tatsächlich Leo.

„Ach, das hat was mit Bedeutsamkeit zu tun“, sagt Sila. „Es tut weh, dass mal jemand anderes im Rampenlicht steht.“

„Das ist das Letzte, was ich möchte.“

„Es geht sicher vorbei.“ Sila hakt sich bei Leo und mir unter. In meinem Bauch kribbelt es warm. Nehmen die beiden mich in ihr Zweiergespann auf?

„Hoffen wir’s“, murmele ich und wir schlagen den Weg zum Speisesaal ein.

Dort angekommen lassen wir uns mit unseren Tabletts an einem unserer Kurstische nieder. In dem großen Saal herrscht wie immer lautes Stimmengewirr, es sitzen bestimmt mehrere hundert Menschen an den Tischen.

„Bärlauch“, sagt Sila mit leuchtenden Augen und nimmt einen zweiten Löffel ihrer Suppe. „Das ist die erste Ernte.“

Die grüne Flüssigkeit schmeckt tatsächlich. „Wie ist das eigentlich mit den Feldern? Wie wird festgelegt, wer dort arbeitet?“

„Alle zwei Jahre werden die Tätigkeiten neu gewählt. Die meisten Erwachsenen haben einen Job in einem der fünf Bereiche: Landwirtschaft, Einfuhr, Reinigung, Energieversorgung und Lehre. Meistens bleiben die Leute in ihrem Job, aber theoretisch kann man jedes zweite Jahr tauschen. Es verteilt sich meistens ganz gut. Und wir Jüngeren haben das Ehrenamt.“

Ich halte inne. „Ehrenamt?“

Sila runzelt die Stirn. „Hast du davon noch gar nichts gehört? Neben der Ausbildung müssen wir in den Bereichen aushelfen. Die meisten sind irgendwie in die Ernte oder Reinigung involviert. Wahrscheinlich kommt bei dir alles nach und nach.“

Ich nicke und widme mich wieder der Suppe. Die Vorstellung, allein vor mich hinzuhacken und Gemüse auszuheben, klingt nach einer angenehmen Abwechslung zum Trainings- und Schulalltag.

Eilig löffle ich meine Suppe aus und hole mir noch eine zweite Portion. Der Tag hat mich ganz schön geschlaucht. Immer wieder linse ich zu Sila und Leo, die eng beieinandersitzen und in ein stilles Gespräch vertieft sind. Ich mag die beiden jetzt schon. Wenn ich Glück habe, beruht das auf Gegenseitigkeit.

Nach dem Essen und einer warmen Dusche schlüpfe ich aus meinem Zimmer und mache mich über die Treppe auf den Weg zu Raum 4.3. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, seit ich Arek das letzte Mal gesehen habe, dabei war er erst gestern Abend bei mir.

Wie immer spüre ich ihn, bevor ich ihn sehe. Lächelnd klopfe ich an seine Tür und schließe für einen Moment die Augen, um mich mit ihm zu verbinden. Wie ein Willkommensgruß fließt eine kurze, freudige Welle von ihm durch meinen Körper.

Manchmal, wenn wir schweigend nebeneinander über das Areal spazieren, ist es, wie wenn wir uns trotzdem unterhalten. Ihn zu spüren ist ein bisschen, wie ich mir Heimkommen vorstelle.

Die Tür öffnet sich und er streckt seinen dunklen Lockenkopf aus dem Zimmer. „Da ist sie ja, die frischgebackene Nevok-Schülerin.“ Grinsend greift er nach meiner Hand und zieht mich in sein Zimmer.

„Ich fühle mich wie ein anderer Mensch.“ Halbherzig lachend verdränge ich das dumpfe Drücken in meinem Bauch beim Gedanken an die Blicke der anderen.

Arek wohnt im Dachgeschoss und ich liebe es, wie abends das Sonnenlicht durch sein mit Holzbalken durchzogenes Zimmer scheint. Jetzt, da es Frühling ist, lässt sich der Sonnenuntergang endlich wieder bis nach dem Abendessen Zeit.

Ich befreie mich von meinen Schuhen, schmeiße mich auf das große Bett, das direkt unter dem Dachfenster steht, und beobachte Arek, der offenbar am Wäschemachen war. Er faltet ein paar letzte Socken ineinander, stopft sie in eine Holzkiste im Schrank und dreht sich zu mir. „Du siehst aus, als hättest du heute viel erlebt.“ Er lässt sich zu meiner Rechten auf das Bett fallen und dreht sich zu mir, den Kopf in die Hand gestützt.

„Zumindest fühle ich mich, als wäre seit heute Morgen eine Woche vergangen.“ Beim Blick in seine meerblauen Augen versiegt das flaue Gefühl in meinem Magen. „Schön, dich zu sehen.“

„Ebenfalls.“ Seine Stimme ist warm. „Wie war das Training?“

„Wenn ich mich dran gewöhnt habe, macht es sicher Spaß. Es tut gut, wieder eine Tagesstruktur zu haben.“

Er hebt eine Augenbraue, dreht sich dann aber auf den Rücken und sieht zur Decke, während er über meine Hand streicht. „Du wirst dich schon einfinden. Neuanfänge sind dein Spezialgebiet.“

„Ich hätte nicht noch einen Neuanfang gebraucht.“ Mein Ton ist verbitterter als gewollt und Arek schweigt. Mir ist klar, dass es nicht seine Schuld ist, dass ich schon wieder bei null anfange. Es waren seine Eltern, die uns weggeschickt haben, und ich wäre längst in Karans Armee, hätten wir nicht die Tage im Wald und diesen Zufluchtsort gehabt. Andererseits wäre vielleicht auch alles anders gekommen, hätten sie mir nicht alle, inklusive Arek, zuerst meine wahre Herkunft verschwiegen.

Tief atme ich durch. Für die nächsten drei Wochen sind Keyla und Mark mit Liv, der Schwester von Arek und Victor, in ihrem Kunstcamp in einem anderen Teil des Landes und bis sie wiederkommen, habe ich mich vielleicht schon etwas mehr eingelebt. Wie konnten sie das nur bei Henry durchbringen? Klar, Erwachsene dürfen sich jederzeit gegen ein Leben auf dem Craft-Anwesen entscheiden, aber soweit ich weiß, dürfen diese Menschen nicht wiederkommen. Für die Carters haben wohl schon immer Sonderregeln gegolten.

„Das wird schon“, sage ich, auch zu mir selbst. „Die Schonfrist über den Winter war gut, aber ich muss langsam irgendwas tun.“

Arek nickt.

„Da ist ein Mädchen, Valeria. Weißt du, warum sie mich nicht mag?“

Er zieht die Augenbrauen zusammen und seufzt. „Valeria ist speziell. Aber man kann ihr das nicht übel nehmen, ihr ganzes Leben dreht sich darum, den Laden hier irgendwann mal zu übernehmen.“

„Was hat das mit ihrem Verhalten zu tun?“

„Als Valeria klein war, hat sich ihr Vater für ein Leben in der Stadt entschieden – ohne sie und ihre Mutter. Ich glaube, seitdem leben die beiden hier in ihrem Tunnel, alles für die Nevox. Über Valerias Vater gibt es Gerüchte, dass er tot sei, aber ich habe nicht genug Kontakt zu ihnen, um das genau zu wissen.“

Ich nicke. „Komplizierte Elternsituationen kenne ich.“ Sowohl die Menschen, bei denen ich aufgewachsen bin, als auch meine Mutter sind nicht mehr am Leben. Der Einzige, der übrig ist, ist Karan. „Trotzdem soll sie mich in Ruhe lassen.“

Arek nickt. Sila meinte, sie sei Valerias Halbschwester. War es also auch ihr Vater, der fortgegangen ist?

„Wie war euer Profi-Training? Habt ihr schon Dinge schweben lassen?“ Ich grinse.

Arek schnaubt und pikst mit dem Finger in meine Wange. „Leider befinden wir uns nicht in einer Zauberschule, keine schwebenden Dinge also.“

Ich rücke näher an ihn heran. „Schade eigentlich. Es wäre alles etwas leichter mit Magie.“

Arek dreht den Kopf zu mir. „Was würdest du denn zaubern?“

Dass ich Eltern habe, die mich lieben. In meiner Brust zieht es und ich verdränge den Gedanken. Ich zucke mit den Schultern. „Täglich Pizza im Speisesaal, ist doch klar.“

Arek grinst. Wir wissen beide, dass das gelogen war und ich bin froh, dass er mich nicht drängt, meine Gedanken auszusprechen. Für heute will ich mich nur noch von diesem Tag erholen.

Er streicht mir eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht und zwirbelt sie schweigend zwischen Daumen und Zeigefinger zu einem dünnen Strang. Während seine Finger ihren Weg zu meiner Hand finden, schließe ich die Augen und lasse mich in die Berührung fallen. Auf meinem Handrücken prickelt es wohlig unter den Kreisen, die er darauf zeichnet, und ich fühle mich ihm unendlich nah, auch wenn es nur eine simple Berührung ist.

Ich verschränke meine Finger mit seinen und Arek saugt hörbar die Luft ein. Unsere durchdringenden Blicke begegnen sich und für einen Moment senke ich meine energetischen Mauern, innerlich nach seinen Schwingungen tastend. Auch er öffnet sich und unsere Energien rauschen ineinander. Wie immer, wenn ich ihn fühle, prasseln unzählige Emotionen auf mich ein. Zufriedenheit, Erschöpfung, Anspannung und tief unter einer dicken Schicht begraben ein wenig Traurigkeit.

Mit jedem Atemzug tauche ich mehr in ihn ein und seine Pupillen weiten sich, während ich eine warme Welle durch ihn hindurch schicke und er mich ebenfalls erkundet. Ich atme seinen vertraut herben Duft ein und meine Muskeln entspannen sich.

An vielen Tagen ist die Intensität unserer Verbindung mehr, als ich verarbeiten kann. Nach diesem Tag aber mag ich tiefer eintauchen. Vergessen, wie die anderen mich im Training beobachteten. Aufhören darüber nachzugrübeln, wie unser aller Leben ohne Karan oder die Athemar wäre.

Ich rutsche näher an ihn heran und lege meinen Kopf auf seine Brust. Während ich über seinen Oberarm streiche, breitet sich darauf Gänsehaut aus. Die Wärme, die von ihm ausgeht, hüllt mich ein und ich sinke tiefer in unseren Kontakt. Arek mustert mich wachsam und in seinen Augen liegt etwas so Liebevolles, dass mein Blick zu seinem Mund wandert. Er umfasst meinen Nacken und jetzt sind unsere Gesichter so nah, dass ich seinen warmen Atem auf meinen Lippen spüre. In seine Emotionen mischt sich etwas, das mit einem Schlag alle Gedanken aus meinem Gehirn pustet.

„Du fühlst dich so gut an“, raunt er und ich schließe die letzten Zentimeter zwischen unseren Mündern. Ein Gefühl von Vollständigkeit schwappt über mich, als würde etwas in mir einrasten, und die Härchen an meinen Armen stellen sich auf. Kurz löst sich Arek von mir, um durchzuatmen, führt seine Hand an meine Wange und presst seinen Mund fester auf meinen. Ich gebe mich unseren gemeinsamen Schwingungen hin und fahre mit der Hand durch seine dichten Locken und über seinen Nacken. Arek entfährt ein Keuchen und ich fange es mit einem weiteren Kuss auf, bis wir uns voneinander lösen und seine Stirn an meiner liegt. Sanft fährt er mit dem Daumen über meinen Wangenknochen und meine Unterlippe, und zieht mich in seinen Arm. Ich kuschele mich enger an ihn und seufze. Ich liebe es, ihm so nah zu sein. Für diesen Moment sind wir wieder zu zweit im Wald – fern von allem, was in den Tagen und Wochen danach geschah.

Es fühlt sich wie eine friedliche Ewigkeit an. Eng umschlungen, dem Herzschlag des anderen lauschend. Irgendwann erfüllt Areks tiefes regelmäßiges Atmen den Raum. Lächelnd löse ich mich aus der Umarmung und nehme, während ich mich auf den Rücken drehe, eine seiner Hände in meine. An der Zimmerdecke tanzen bunte Lichtflecken, die von dem kleinen Kristall vor Areks Fenster reflektieren. Lange beobachte ich die Lichtreflexionen und meine Lider werden immer schwerer.

4

Am Morgen sehe ich auf meine Armbanduhr. Schon Viertel nach sechs! Ich drehe mich auf die rechte Seite und betrachte Arek, dessen Brust sich langsam hebt und senkt. Vorsichtig schlüpfe ich aus seinem Bett und ziehe so leise wie möglich meine Schuhe an, die auf dem Fußboden liegen. Frühstück gibt’s ab acht, das heißt, ich habe Zeit, nach draußen zu gehen, solange auf dem Gelände noch nicht viel los ist.

Beim Hinausgehen schnappe ich mir eine von Areks Jacken vom Kleiderhaken und streife sie über. Einen letzten Blick auf ihn werfend, schließe ich die Tür hinter mir. Lächelnd steige ich die Treppe hinunter und laufe geradewegs in Henrys Arme.

„Guten Morgen, Nara. Schon so früh unterwegs an einem Samstag?“ Der Leiter des Craft-Anwesens mimt das Lupfen eines imaginären Hutes.

„Bin früh ins Bett gestern, ich gehe noch spazieren vor dem Frühstück.“

„Die Jacke wirst du brauchen“, sagt er. „Und du weißt ja – nur bis zu den Grenzen.“ Er nickt mir zu und führt seinen Weg nach oben fort.

„Mach ich.“ Verdammt, die Grenzen. Durch meine Freude, Arek zu sehen, und unsere Schlaftrunkenheit habe ich vergessen, ihm von Caleb zu erzählen. Das muss ich unbedingt heute nachholen. Calebs Berichte drängen sich in mein Bewusstsein und mir wird automatisch kälter. Ich ziehe den Reißverschluss am Hals etwas höher.

Die Eingangshalle ist menschenleer, auch wenn aus der Küche bereits das Klappern von Geschirr klingt. Ich öffne das große Eingangstor und schlüpfe hinaus. In der kühlen Luft der Morgendämmerung steigt mein Atem in kleinen Wölkchen vor mir auf. Es riecht nach nassem Laub und der Wald tritt nur schemenhaft aus dem Nebel hervor. Wie gewohnt schlage ich die Richtung des Kieswegs ein, bleibe aber stehen und drehe mich um. Die letzten Wochen habe ich mich nie getraut, den großen Gebäudekomplex zu umrunden – zu viele Menschen tummeln sich tagsüber in und um die Mauern. Abends lag ich meistens zu lange grübelnd wach, als dass ich früh morgens fit sein konnte. Erkundet habe ich generell noch nicht viel.

Das Hauptgebäude und das Trainingsareal verbindet ein großer Teerweg, welcher am Rand der Trainingshalle in einen schmalen Wiesentrampelpfad übergeht. Schnell drückt Feuchtigkeit vom nassen Gras durch meine Schuhe, doch die Neugierde siegt, und ich sauge den Duft nach feuchter Erde ein. Auch wenn am Haus hinter den Fenstern langsam die Lichter angehen, ist es hier draußen noch leer und wohlige Wärme breitet sich in mir aus. Als ob der Zauber dieses nebelverhangenen Morgens nur für mich wäre.

Hinter der nächsten Ecke ragt ein hölzernes Klettergerüst auf und ich gehe, mit einem kurzen Blick über meine Schultern, darauf zu. Vergeblich suche ich nach einer Erinnerung, je auf einem Klettergerüst gewesen zu sein, und atme gegen die Enge in meinem Brustkorb an. Das Holz an der Leiter ist glitschig und kalt. Trotzdem nehme ich eine Sprosse nach der anderen, ergreife das Geländer, das die Plattform begrenzt, und ziehe mich das letzte Stück hinauf. Bei dem beherzten Schritt nach vorn verliere ich kurz das Gleichgewicht, so rutschig ist das Holz. Mit dem Rücken gegen den Handlauf gelehnt, hauche ich eine Dampfwolke in die kühle Luft und lasse den Blick schweifen.

Wind bläst um meine Ohren und ich ziehe seufzend die Arme enger um mich. Das stetige Blätterrauschen hat etwas Tröstliches. Meine Aufmerksamkeit wandert zu einer Amsel, die am Waldrand aufflattert und verharre. Da ist doch was. Ich kneife meine Augen zusammen und schiebe den Kopf nach vorn. Zwischen den Kiefern, etwas weiter rechts bei den Bäumen, dringt ein helles Schimmern hervor. Alle paar Sekunden, wenn sich die Nebelschwaden für einen Moment lichten, leuchtet es ein wenig heller. Ist da jemand mit Taschenlampe unterwegs? Für ein Lagerfeuer wäre es eine ungewöhnliche Zeit. Einen Moment zieht sich mein Magen zusammen. Ob es … Nein. Selbst wenn da draußen Athemar unterwegs sind, dann nicht auf dem Gelände, dafür gibt es ja die Wachenden, oder? Gebannt starre ich auf die unscheinbare, aber beständige Lichtquelle. Hinter mir rattert es laut und ich schrecke herum, aber es ist nur ein Rollladen, der am Gebäude hochgezogen wird.

Wieder wandert mein Blick zum Waldrand. Geh hin, der Wald tut dir nichts Böses. Ich schließe die Augen und öffne meine energetische Barriere. Es wird schon niemand im Haus sein, der in mich hineinfühlt. Vorsichtig taste ich mit dem Verstand nach anderen Energien. Wie leise Stimmen aus der Ferne umhüllen sie mich und mit jedem Atemzug differenziere ich sie klarer voneinander. Da ist Müdigkeit, Neugierde, Wut und Nervosität. Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und versuche, die Energien zu lokalisieren. Seit ich es bei Karan geschafft habe, Arek zu lokalisieren, übe ich es immer wieder, doch hier auf dem Anwesen fällt es mir deutlich schwerer. Neben den greifbaren Gefühlen aus der Richtung des Gebäudekomplexes sind da eine Menge diffuser Schwingungen. Langsam atme ich aus und stelle mir vor, tiefer in den Untergrund zu sinken, mich in der Holzplattform zu verwurzeln.

Da ist ein leises Summen und jetzt, da ich es greife, intensiviert es sich. Vor mein Blickfeld schiebt sich ein nasser Schimmer und ich blinzle. Warum ist das so vertraut? Die Schwingung hebt sich von den anderen Energien ab und kurz schwanke ich. Der Rest rückt in den Hintergrund und Wärme breitet sich in mir aus, wie ein Sonnenstrahl, der über mich wandert.

Wie von allein bewegen sich meine Beine in Richtung der vom Tau nassen Rutsche, die ich rückwärts hinunterklettere, damit meine Hose trocken bleibt. Unten angekommen schleiche ich durchs feuchte Gras zum Wald. In meinem Kopf dröhnen Warnsignale, doch mein Körper hat sich verselbstständigt. Dieses wohlige Summen kommt eindeutig von dort vorn.

An dieser Stelle des Waldes gibt es keinen Pfad, also kämpfe ich mich durchs Gestrüpp, über weiches Moos, brüchige Äste und spitze Steinchen. Die Lichtquelle ist nun klarer und in mir ist nichts außer dem angenehmen Summen. Das ist etwas Größeres als eine Laterne. Schneller stolpere ich über die Äste und lasse den Hauptplatz mit den Gebäuden weit hinter mir.

Der Wald wird dichter und ein herber Geruch steigt mir in die Nase, vielleicht von Wild. Ich klettere über einen umgestürzten Baum und quetsche mich durch den dahintergelegenen Busch. Meine Hose ist an einigen Stellen durchnässt, aber die Kälte ist mir egal. Ich ducke mich unter einem Ast weg und kneife die Augen zusammen. Etwas Großes, Graues türmt sich dort vorn auf, genau bei der Lichtquelle, und das Summen zieht so sehr in meiner Brust, dass ich renne, als würde ich davon angezogen werden. Der Wald lichtet sich, und mit einem Mal stolpere ich auf eine Lichtung.

Ich weite die Augen. Am gegenüberliegenden Ende der freien Fläche ragt ein gigantischer Haufen aus runden, moosbewachsenen Felsbrocken auf. Es sieht aus, als hätte ein Riese ihn gestapelt. Mit angehaltenem Atem weiche ich ein Stück in den Wald zurück, wo ich mich hinter einer Fichte verstecke. Direkt in die Brocken eingebaut ist eine Hütte, deren gläserner Wintergarten die Lichtung erhellt. Es wirkt, als verschwinde der Großteil des Gebildes in dem meterhohen Felsenstapel.

Weiter rechts bewegt sich etwas und mein Kopf schnellt hinüber. Selbst mit zusammengekniffenen Augen erkenne ich nichts.

Wo ist das Summen hin? Ich fixiere den Wintergarten und taste nach Energien. Außer ein paar verwaschenen Schwingungen aus der Richtung des Anwesens ist da nichts mehr. Ich blase die Wangen auf und lasse die Luft entweichen. Hat mich jemand gesehen? Die Hütte ist groß genug für mindestens zwei Zimmer, plus der verglaste Anhang, in welchem ein paar Büschel von der Decke hängen. Ansonsten säumen große Stehpflanzen die mir zugewandte Seite des Raums und versperren den Blick ins Innere. Wer lebt dort? Mir wurde nie erzählt, dass außerhalb des Hauptkomplexes etwas ist außer Wald. Welchen Grund gibt es, so weit von den ganzen Familien, der Schule und dem Speisesaal entfernt zu wohnen? Hektisch sehe ich mich um. Habe ich das Gelände verlassen? Mein Puls rast und ich bohre meine Finger in die Baumrinde. Nein, ich habe keine Holzkapsel, geschweige denn einen Zaun passiert. Es ist unmöglich, aus Versehen das Craft-Anwesen zu verlassen. Oder?

Und was ist das dann? Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist mir Ärger einzuhandeln, aber ich kann nicht die Erste sein, die hier herumstreunt. Wahrscheinlich kennen alle den Ort und es ist nichts dabei. Ich löse meine verkrampften Finger, mache einen zaghaften Schritt auf die Lichtung und festige meine energetische Barriere. Wie ein Fels versinke ich gedanklich im Boden. Sonne blitzt zwischen den Fichtenwipfeln hervor und der Nebel hat sich fast vollständig verzogen, der Wald wirkt nun friedlicher. Ich sehe mich um und schleiche durchs Gras, das meine Sneakers bis auf den letzten Rest durchnässt, auf den Wintergarten zu. Etwa zehn Meter entfernt bleibe ich stehen und ein Vogel flattert vom Dach des Gebildes auf.

„Hallo?“ Meine Stimme klingt dünn.

Stille.

Ich nähere mich der Hütte. „Hallo?“

„Hier drinnen“, ruft eine tiefe Frauenstimme und ich fahre zusammen. Da ist ja tatsächlich jemand. Vorsichtig gehe ich die letzten Meter zur Tür des Wintergartens, die einen Spalt weit offensteht. In der Ecke des gläsernen Raums sitzt eine ältere Frau an einem schief stehenden Holztisch und sortiert dunkle Pflanzenblätter. Sie hebt den Blick und in ihren braunen Augen, die von unzähligen Falten umrahmt sind, liegt etwas Sanftes und zugleich Waches. In mir wird es warm. Woher kommt dieses Gefühl? Wie angewurzelt stehe ich da, die Hand auf der eisigen Klinke. Für einen Moment starren wir uns an.

Sie wischt sich die Hände an den Oberschenkeln ab und winkt mich herein. In meiner Kehle ist ein dicker Kloß und meine Beine reagieren nicht auf mein Kommando. Wer ist sie? Ihre langen grauen Haare hat sie in einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden, die Seiten sind rasiert. Zwei geflochtene Strähnen begrenzen rechts und links auf dem Kopf die Linien zwischen Stoppeln und zurückgebundenen Haaren und finden ihren Weg in den Zopf.

„Sieht ganz schön albern aus, wie du da rumstehst.“ Ihre tiefe Stimme klingt trocken, doch ihre Mundwinkel umspielt ein sanftes Grinsen.

„Ehm, ich“, stammele ich.

„Rein jetzt, du erkältest dich da draußen mit deinen nassen Hosenbeinen.“ Sie lacht röchelnd und ich sehe auf die dunklen Stellen an meiner Jeans. Kennt sie mich? Dass ich nicht weiß, wer sie ist, muss nichts heißen, denn im Training kennen mich ja auch alle. Warum wohnt sie nicht drüben im Haupthaus, wie alle anderen? Es gibt nur einen Weg, es herauszufinden, also trete ich ein.

Die Frau widmet sich wieder dem Stapel an Grünzeug auf der Tischplatte, befreit jedes der Blätter mit ihren faltigen Händen vom Stiel und bindet sie mit einem Faden zu kleinen Büscheln. Es sieht aus, als täte sie den ganzen Tag nichts anderes. In ihrem dunkelgrünen Wollpulli hängen ein paar grüne Teilchen. Nun blickt sie auf, zieht ein längliches Kissen von ihrem Schoß und streckt es mir entgegen. „Leg dir das auf die Beine, du kannst dich dort hinsetzen.“

Mit gerunzelter Stirn mustere ich es und nun schüttelt sie es auffordernd, wobei es leise raschelt, also greife ich danach. Es ist warm und duftet nach Getreide. Ein Wärmekissen. Ich tue, wie mir geheißen und die Wärme auf meinen Oberschenkeln entlockt mir ein Seufzen.

„Danke“, sage ich leise und schenke ihr ein Lächeln, das sie sicherlich nicht wahrnimmt, so vertieft ist sie in ihre Arbeit.

Sie winkt ab. „Nicht der Rede wert. Passiert nicht häufig, dass mir hier jemand einen Besuch abstattet.“

„Ich bin Nara.“

„Ich weiß,“ sagt sie, ohne aufzuschauen.

„Woher?“

„Man kennt dich eben.“

„Sind wir uns schon einmal begegnet?“

Sie hebt den Kopf. Kurz flackert etwas in ihren Augen auf und ihre Brauen zucken. Ich würde gern fühlen, was in ihr vorgeht, doch eine eiserne Mauer umgibt sie. Jetzt zuckt sie mit den Schultern. „Man begegnet so vielen Gesichtern im Leben.“

Ich lache trocken. Was soll das denn heißen? Sie sieht mich ausdruckslos an und ich verziehe den Mund. „Und bist du meinem schon mal begegnet?“

Sie seufzt und ihre Lippen bilden eine schmale Linie. „Möchtest du Tee?“ In ihrer Stimme liegt etwas Hartes, sodass klar ist, dass sie das Thema nicht weiter vertiefen will. In meiner Magengegend zieht es und meine Gedanken wandern zu den Carters. In den letzten Monaten habe ich gelernt, was es bedeutet, diejenige mit weniger Wissen zu sein. Es war zu deinem Besten. Wie ich es hasse.

Ich beobachte, wie sie flink die trockenen Bündel zusammenbindet. Ihre Statur wirkt jung und fit, aber die grauen Haare und ihre vielen Falten machen es mir unmöglich, ihr Alter zu schätzen. Sie könnte erst fünfzig, aber auch schon siebzig sein. „Tee klingt gut.“

Das letzte Blatt auf dem Tisch findet seinen Weg in ein grünes Büschel und die Frau erhebt sich, schnappt einen der Blätterhaufen, steigt über zwei hölzerne Stufen rechts vom Tisch in die Hütte hinein. Ich lausche dem Klappern von Metall, einem rauschenden Wasserhahn und nun zischt es. Ich lächle. Das Geräusch des Gasherds erinnert mich an die Nacht mit Arek in der Waldhütte. Wie zwei aufgeregte Kinder haben wir uns über die mit Essen gefüllten Konservendosen im Schrank hergemacht. Bei dem Gedanken, dass wir am nächsten Morgen aufgespürt wurden, geht mein Atem flacher und ich konzentriere mich auf die Wärme in meinen Beinen. Die Erinnerung abschüttelnd, lege ich das Wärmekissen auf meinen Nacken und kreise die Schultern. Leben noch mehr Menschen auf dem Areal verteilt? Ich muss unbedingt nach ihrem Namen fragen. Etwas pfeift und kurze Zeit später tritt die Frau zurück in den Wintergarten, eine eiserne Kanne in der einen und zwei Tassen in der anderen Hand. Während sie alles abstellt und den dampfenden Tee eingießt, fällt ihr langer grauer Pferdeschwanz nach vorn über ihre Schulter und ein Tattoo auf ihrem Hinterkopf erregt meine Aufmerksamkeit. Das kann nicht sein. Mein gesamter Körper versteift sich und ich reibe instinktiv über meine Arme, um Wärme zu erzeugen.

Die Frau streckt mir eine qualmende Tasse entgegen, wobei ihr Pferdeschwanz zurückrutscht, und ich versuche mit aller Kraft, mir nichts anmerken zu lassen. Die Lippen aufeinandergepresst ergreife ich den Tee und bringe ein „Danke“ hervor. Ich hätte nicht allein herkommen sollen. Diese Frau trägt das A für Athemar auf ihrem Hinterkopf. Nicht das klassische A, das auf meiner Haut prangt und das ich von den Anzügen der Fremden in Karans Trakt kenne. Ihres hat einen Zusatz, denn der Querstrich des Buchstabens ragt darüber hinaus und geht in ein N über. N wie Nevox. Nie habe ich gesehen, dass ein Mensch beide Zeichen trägt. Aber welcher Buchstabe war zuerst da? Ich stürze einen riesigen Schluck zu heißen Tee hinunter und verbrenne mir die Zunge. Scharf atme ich ein und ziehe meine energetische Mauer höher.

„Jetzt ist dir auf jeden Fall nicht mehr kalt.“ Sie hebt eins der Büschel. „Brombeerblätter. Die großen bleiben oft im Winter an den Sträuchern. Eignen sich bestens für Kräutertees, vor allem für eine lästige Bronchitis.“ Wie zum Unterstreichen des Gesagten hustet sie rasselnd in ihre Ellenbeuge. „Und gegen Durchfall sind die Dinger auch gut.“ Bedacht hebt sie die Augenbrauen. Sie wirkt nicht, als wolle sie mir etwas Böses. Zumindest im Moment nicht.

Ich zucke mit dem Mundwinkel. „Sie scheinen Pflanzen-Fan zu sein.“ Ich deute in den Raum, der mit all den Steh- und Hängepflanzen wenig Platz für Mobiliar lässt.

„Das kannst du laut sagen.“ Sie hält sich die Tasse an die Lippen und pustet hinein. Ich tue es ihr nach. „Um genau zu sein, sind Pflanzen meine stetigen Begleiterinnen.“ Sie lächelt sanft und nippt vom Tee.

„Inwiefern?“

„Morgens bin ich im Wald, um sie zu sammeln und zu trocknen oder direkt zuzubereiten. Jetzt zum Beispiel“, sie sieht mich für einen Moment an, „ist Fichtenspitzenzeit. Gestern Abend habe ich Sirup daraus gemacht. Ich lese über Pflanzen, ziehe meine Kraft daraus und esse sie. Mir fällt nichts ein, was mich mehr begleitet.“ Keine anderen Menschen? Mit flinken Fingern bindet sie die Büschel an einen langen Faden.

Ich ziehe meine Füße hoch auf den Stuhl. „Es hat sicher Vorteile, allein hier draußen zu leben. Wie lange wohnen Sie schon hier?“

Sie mustert mich, wobei ihr Augenwinkel zuckt. „Acht Monate. Die Stadt war nichts mehr für mich.“

„Wieso nicht?“ Die alte Nara hätte ihre Privatsphäre geachtet. Aber ich brauche Antworten, damit ich mich in diesem neuen Leben zurechtfinde. „Weiß Henry, dass Sie hier leben?“

Ein herzliches Lachen erfüllt den Raum und ich zucke zusammen. Sie platziert die Bündel auf die Tischplatte und legt eine Hand auf ihre Brust. Unzählige Lachfältchen umspielen ihren Blick. „Ob Henry Bescheid weiß? Du bist lustig, Nara.“

„Wieso bin ich lustig?“ Ich verenge die Augen.

„Weil Henry wahrscheinlich jede einzelne Kiefernnadel auf diesem Waldstück kennt. Es vergeht kein Tag, an dem er das Areal nicht nach Eindringlingen absucht. Wie soll eine alte Frau wie ich unbemerkt in einem Felshaufen leben?“

Von meiner Brust hebt sich eine Last. Sie ist kein Eindringling.

Ich zucke mit den Schultern und nehme einen großen Schluck vom Tee. „Dann hat er Ihnen die Hütte gegeben? Wieso leben Sie nicht im Haus, wie alle anderen? Und wieso habe ich noch nie von Ihnen gehört?“

Ein grummeliges Lachen entfährt ihr. „So viele Fragen am frühen Morgen. Ich habe noch nicht mal Hirsebrei gehabt.“ Sie zeigt auf mich. „Solltest du nicht längst zurück sein?“

Das Frühstück. Ich schaue auf die Uhr und sie hat recht, der Speisesaal ist nur noch zwanzig Minuten offen. Erwartungsvoll und mit einem Lächeln hebe ich die Augenbraue. „Sie hätten mich nicht reingebeten, wenn Sie sich nicht für Besuch interessierten.“

Sie kneift die Augen zusammen, nimmt einen tiefen Schluck aus ihrer Tasse und seufzt. Unterdrückt sie ein Grinsen? „Na gut. Eine Frage jetzt, eine morgen früh.“

Damit kann ich leben. „Wer sind Sie?“