Wohin die Reise geht - Marlies Ferber - E-Book
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Wohin die Reise geht E-Book

Marlies Ferber

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Beschreibung

Zum Leben ist es nie zu früh. Und selten zu spät. Der ehemalige Kaffeefabrikant Jakob macht sich mit 72 Jahren auf den Weg, um für seinen Sohn eine Million Euro Schwarzgeld in die Schweiz zu schmuggeln. Mit dabei: sein ahnungsloser Freund Matthias, Kriminalbeamter und stolzer Wohnwagen-Besitzer, sowie der ausgemusterte Polizeihund Eddie. Unverhofft treffen sie unterwegs auf die betagte Opernsängerin Tilda, die etwas orientierungslos wirkt. Und auf die junge Straßenmusikantin Alex, die ein gefährliches Geheimnis hütet. Es beginnt eine abenteuerliche Reise, die das bunte Quartett unfreiwillig zusammenschweißt.

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

Der ehemalige Kaffeefabrikant Jakob macht sich mit 72 Jahren auf den Weg, für seinen Sohn eine Million Euro Schwarzgeld in die Schweiz zu schmuggeln. Die geheime Aktion soll eine Wiedergutmachung dafür sein, dass er seine Familie einst in den finanziellen Ruin gestürzt hat. Mit dabei: sein nichts ahnender Freund Matthias, Kriminalbeamter und Wohnwagenbesitzer mit ramponiertem Herzen, sowie der ausgemusterte Polizeihund Eddie. Auf einer Autobahnraststätte treffen die beiden Männer zufällig auf die ehemalige Opernsängerin Tilda, die merkwürdig orientierungslos wirkt, und auf die junge Straßenmusikerin Alex, die ein wenig zu neugierig ist und offensichtlich etwas zu verbergen hat. Aber nicht nur Alex wird nervös angesichts der Polizeisperre auf der Autobahn ...

Aus der geruhsamen Reise in die Schweiz wird ein aufregender Abenteuertrip. Nur gemeinsam kann die kuriose Truppe heil ans Ziel kommen.

 

 

 

 

Für Dirk

 

 

 

 

»Strangers«, the Blue Man said,

»are just family you have yet to come to know.«

Mitch Albom, ›The Five People you Meet in Heaven‹

 

 

Der wahre Reisende weiß nicht, wohin die Reise geht,

der wahre Abenteurer weiß nicht, was er erleben wird.

Zhuangzi

1

Tilda wachte auf. Verwundert sah sie sich um. Himmel, das war ihr noch nie passiert: Sie war auf einer öffentlichen Toilette eingenickt! Vor ihr, an der Innentür, hing die Werbung einer Fluggesellschaft, eine Stewardess hielt einen Koala auf dem Arm, er schien zu lächeln. Tilda fiel ein, dass sie neulich einen Film über Australien gesehen und dabei erfahren hatte, dass Koalas im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht von allen Säugetieren das kleinste Gehirn haben. Was wohl mit ihrer Ernährung zusammenhing. Eukalyptusblätter, hieß es, brächten so wenig an Lebenskraft ein, dass die Tiere zwanzig Stunden täglich vor sich hin dämmerten, und auch ihr kleines Gehirn sei im Energieverbrauch äußerst anspruchslos. Was allerdings zu einer gewissen intellektuellen Begrenzung führe. Tilda lächelte dem Koala zu. Strohdoof, aber niedlich. Andererseits, hatte der Tierforscher gesagt: Zu dumm gibt’s nicht in der Natur. Koalas haben alles, was sie zum Überleben brauchen.

Tilda erhob sich mit etwas Mühe vom Toilettensitz, die Glieder waren in der unbequemen Stellung wie eingerostet. Dann brachte sie ihre Kleidung in Ordnung, nahm ihre Handtasche und den Mantel vom Haken, wollte die Toilettentür öffnen und erschrak: Sie war nur angelehnt. Hatte sie etwa vergessen abzuschließen? In dem menschenleeren Vorraum wusch sie sich die Hände an einem der Waschbecken und betrachtete sich im Spiegel. Sie sah müde aus. »Haltung, ma chère, Haltung«, murmelte sie ihrem Spiegelbild zu. Sie hielt die Hände unter den Händetrockner, dann zupfte sie ein blondes Haar vom Kragen ihrer dunkelblauen Chiffonbluse, kramte in der Handtasche nach ihrer kleinen, ausklappbaren Taschenbürste und brachte die Frisur wieder in Form. Dann ging sie hinaus, sah die vielen bunten Kiosk-Regale einer Autobahnraststätte, ging ein paar weitere Schritte an Getränken und Keksen vorbei, blickte sich um, sah zur Kaffee-Bar, zum Restaurant und schließlich zu einem gläsernen Greifarm-Automaten, vollgestopft mit Plüschtieren. Zögernd trat sie näher und betrachtete die aufgehäuften Tiere hinter der Glasscheibe. Eine kleine schwarze Katze schien sie direkt anzusehen, als könne sie ihr eine Antwort geben auf eine Beunruhigung, die sich in ihre Gedanken drängte. Tilda griff zu ihrem Portemonnaie, suchte die passende Münze und steckte sie in den Automaten. Wirst schon sehen, kleine Mietzi, dachte sie, gleich bist du frei. Sie brauchte drei Münzen, aber schließlich klappte es. Als sie die kleine Katze in den Händen hielt, freute sie sich so sehr, dass sie für einen Moment die Beunruhigung vergaß. Doch dann, plötzlich, ganz klar, waren sie da, die Fragen: Wo bin ich eigentlich? Was mache ich hier? Wie bin ich hergekommen? Und mit wem?

2

drei Tage zuvor

Beethovens Siebte zum Frühstück war eine Freude. Jakob griff zur Fernbedienung seines neuen Radios und drückte einige Male auf den Lautstärkeregler, bis die beschwingten Klänge die Küche ausfüllten. Er hatte einige Wochen umsichtig haushalten müssen, bevor er sich das Radio leisten konnte. Aber es hatte sich gelohnt. Es besaß eine vernünftige Antenne, die rauschfreien Empfang garantierte, und der Klang war exzellent. Dieses Radio war ein Juwel. Lieber ein paar Wochen auf teuren Aufschnitt und den Wein zum Abendessen verzichten als auf guten Klang. Jakob ging zum Herd, nahm den Milchtopf herunter und goss die heiße Milch vorsichtig über den Zwieback, der schon im Suppenteller bereitlag. Zum Schluss streute er einen Löffel Zucker darüber, stellte den Teller auf den Küchentisch und nahm Platz. Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah, dachte er, während er genüsslich seine warme Zwiebackmilch löffelte. Ja, Beethoven hören und Zwieback mit Milch und Zucker dazu genießen. Ein wohliger Morgen. Und am Abend würde er sich mit Matthias im Ratskeller treffen, wie jeden Dienstag nach der Chorprobe.

Er hatte gerade abgeräumt, da klingelte das Telefon. Es war Lukas. »Ich wollte nur fragen, ob du da bist, dann komme ich auf einen Sprung vorbei.« – »Natürlich bin ich da«, sagte Jakob. »Gut, Papa, bis gleich!« – »Schön, ich freue mich!«, sagte Jakob noch, aber da hatte Lukas schon aufgelegt. Papa, dachte Jakob verwundert, als er das Telefon an seinen Platz zurücklegte. Er versuchte sich zu erinnern, wann Lukas das letzte Mal Papa zu ihm gesagt hatte. Irgendwann, als an seiner Oberlippe der erste Flaum wuchs, hatte er im Scherz angefangen, Veronika und ihn mit »Vater« und »Mutter« anzureden, und dann war es irgendwie dabei geblieben.

Jakob sah sich um. Die Küche konnte so bleiben, außerdem würde er Lukas ohnehin ins Gute Zimmer führen. Er ging ins Wohnzimmer, seufzte und beschloss, dass es Zeit war für Trick siebzehn. So hatte Veronika das genannt, wenn plötzlich Besuch kam und keine Zeit blieb aufzuräumen. Er ging in die Abstellkammer, zog den Staubsauger hervor und stellte ihn mitten ins Wohnzimmer. Lukas sollte nicht denken, er käme nicht zurecht. Ich wollte gerade sauber machen, würde er sagen. Und dass die Putzfrau krank sei. Dann würde Jakob sich über den Zustand der Wohnung keine Gedanken mehr machen. Er war aber auch so ein Pingel. Schon mit vier Jahren hatte ihr kleiner Lukas seine Pantoffeln abends immer ordentlich vor das Bett gestellt.

Als Nächstes ging Jakob zur Bar und räumte die Flasche Jenever nach vorn. Gut, es war noch früh am Morgen, aber traditionell würde er seinem Sohn einen Drink anbieten, und in dem unwahrscheinlichen Fall, dass er tatsächlich einen nahm, würde er zu dieser Flasche greifen. Die anderen waren nur noch Dekoration, mehr oder weniger stark mit Wasser aufgefüllt, aber das brauchte Lukas nicht zu wissen. Zuletzt ging Jakob ins Schlafzimmer und band sich eine Fliege um, wie immer, wenn er aus dem Haus ging oder Besuch empfing.

Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, dachte Jakob wohlgefällig, als er Lukas wenig später den teuren Wollmantel abnahm und das Jackett aus Harris-Tweed zum Vorschein kam. Darunter trug sein Sohn ein farblich geschmackvoll abgestimmtes Polohemd, kombiniert mit lässigen Jeans einer teuren Marke. Dazu auf Hochglanz polierte Budapester. Eine noble Erscheinung. Jakob nahm den Hut entgegen. Es gefiel ihm, dass Lukas inzwischen dieselbe Hutmarke favorisierte, die er selbst gern trug. Was hatte der kleine Lukas sich gegen das Tragen von Mützen gesträubt.

Aus dem kleinen Lukas war der feine Dr. Lukas Hüfner geworden, ein erfolgreicher Unternehmer und hoch angesehenes Mitglied der Bremer Gesellschaft. In diesem Jahr war er sogar zum Schaffermahl eingeladen. Jakob selbst war diese Ehre nie zuteilgeworden. Jedes Jahr hatte er gehofft, aber dann nachher nur die Zeitungsberichte gelesen, die Fotos mit den vielen stattlichen Männern im historischen Ratssaal wehmütig betrachtet und sich gesagt, nächstes Jahr kommt die Einladung ganz bestimmt. Das Aussehen der Gesellschaft im Ratssaal hatte sich verändert im Laufe der Jahre. Frack wurde noch getragen wie eh und je, aber die heutige Stattlichkeit hatte nichts mehr mit Statur zu tun, mit den früher üblichen Wohlstandsbäuchen, vielmehr war jetzt der schlanke Körper das Insigne von Erfolg und Wohlstand. Auch Genuss natürlich, aber der war spektakulärer und schneller als früher. Hatten Jakob und Veronika sich damals am Samstagabend einen Babysitter geleistet, um in die Oper zu gehen, und am Sonntag Waldspaziergang, Schweinebraten und Mittagsschlaf, trainierten Lukas und Michelle für den Marathon, aßen Superfood im Golfclub und flogen mit Geschäftspartnern im Winter zuweilen frühmorgens nach Sankt Moritz, fuhren Ski, feierten in der Après-Bar und flogen am nächsten Tag, manchmal sogar am selben Abend, wieder zurück zu Kindern und Haushälterin.

Während Jakob den Mantel an die Garderobe hängte, ging Lukas schon voraus ins Wohnzimmer. Darin war er noch ganz Sohn: Er klingelte nur kurz der Form halber, benutzte dann seinen eigenen Schlüssel und bewegte sich so ungezwungen in der Wohnung, als wäre er hier immer noch zu Hause. Jakob war neugierig, was sein Sohn auf dem Herzen hatte. Als selbstständiger Bauunternehmer war er stark eingespannt, sein Leben ließ wenig Raum für spontane Treffen. Lukas ließ sich im Ohrensessel nieder und kam auch gleich zur Sache. »Ich wollte dich um etwas bitten. Um einen Gefallen für die Familie. Es ist nicht schwierig, kostet aber Zeit.« Er zuckte mit den Schultern, lächelte seinem Vater zu. »Und du weißt ja …«

»Mit Zeit kann ich dienen«, sagte Jakob, nun ebenfalls lächelnd. Er ging zur Bar. »Möchtest du etwas trinken?«

»Ich bin mit dem Auto da.«

»Oder einen Kaffee? Ich habe noch etwas von dem mexikanischen, die starke Röstung, die du so gern magst.«

»Nein, danke.« Das Handy klingelte, Lukas zog es hervor und drückte den Anruf weg. »Ich muss leider gleich weiter.« Dann wartete er, bis sein Vater sich gesetzt hatte.

»Also, wie kann ich dir helfen?«, fragte Jakob.

»Indem du für mich in die Schweiz fährst und eine Million Euro auf mein Konto bei der Banca Edmund de Rothschild in Lugano einzahlst.«

»Oh!« Jakob sah seinen Sohn an und wusste nicht, was er sagen sollte.

»Du solltest dein Gesicht sehen«, meinte Lukas und grinste.

»Warum überweist du das Geld nicht einfach?« Jakob hatte die Frage kaum ausgesprochen, als ihm die Antwort klar wurde. »An der Steuer vorbei?«

Sein Sohn zuckte erneut mit den Schultern, immer noch grinsend, und nickte.

»Bist du nicht ganz bei Trost, mein Junge? Da machst du dich strafbar.«

Das Grinsen wurde noch breiter. »Deshalb sollst du das ja für mich übernehmen.«

»Ich kann doch kein Schwarzgeld über die Grenze schmuggeln wie ein Ganove!«

»Doch, du kannst das, und nur du. Mich würden sie an der Grenze vielleicht durchsuchen, aber dir glaubt jeder, dass du nur Urlaub machst. Lugano ist ein Paradies für ältere Herrschaften, da ist die Zeit stehen geblieben, eine Postkartenidylle wie im vorigen Jahrhundert. Du passt dahin, als wärst du dort geboren.« Lukas schaute sich im Wohnzimmer um. »Lugano ist wie deine Wohnung: in Ehren alt geworden. Es ist nicht mehr so glanzvoll wie früher, aber es hat immer noch Stil und Klasse und seinen eigenen Charme. Oh, du als Gentleman wirst Lugano lieben, Papa. Die südliche Sonne wird dir guttun. Dort ist schon Frühling. Als Erstes bringst du das Geld auf die Bank. Das geht ebenso schnell und problemlos wie hier in Bremen, wenn du früher die Tageseinnahmen eingezahlt hast. Und dann machst du dir einfach noch ein paar schöne, unbeschwerte Tage. Allein das Essen ist die Reise wert. Und dann das Panorama aus Bergen und See – du sitzt vor einem Eiscafé an der palmengesäumten Promenade und schaust auf das glitzernde blaue Wasser und die weißen Segelboote … Natürlich kriegst du auch ein ordentliches Taschengeld für die kleine Reise. Sagen wir zweitausend Euro? Plus Spritgeld natürlich. Du kannst Michelles Auto nehmen.«

»Danke für das Angebot, aber nein.«

»Was meinst du mit Nein, das Auto oder das Geld? Also, wenn du lieber mit deinem eigenen Auto fahren willst, das ist mir gleich, aber wir bestehen darauf, dass du das Geld annimmst. Du tust uns schließlich einen Gefallen und sollst auch etwas von der Reise haben.«

Jakob fühlte einen Niesreiz, suchte nach einem Taschentuch und schnäuzte sich. »Nein, es geht nicht um das Auto. Auch nicht um die Kosten. Es geht um die Fahrt an sich.«

Lukas zog die Augenbrauen hoch, dann nickte er. »Verstehe, du traust es dir nicht mehr zu, die weite Strecke zu fahren. Oder hast du deinen Führerschein schon abgegeben? Nicht schlimm, wir kaufen dir ein Bahnticket erster Klasse. Deinen Koffer geben wir auf, der wartet dann bei deiner Ankunft im Hotel schon auf dich, du müsstest nur eine Reisetasche mitnehmen, für das Geld.«

»Ich habe meinen Führerschein noch. Aber das mit dem Geldtransport, das ist nichts für mich.«

Lukas sah seinen Vater prüfend an. »Es ist illegal. Das ist es, oder?«

»Was ist das überhaupt für Geld? Und warum willst du es an der Steuer vorbei in die Schweiz schmuggeln? Der Staat sind wir alle.«

»Oh, der Staat kriegt genug von mir, das kannst du mir glauben. Fast alles. Aber ich will nicht, dass es mir mal so ergeht wie dir damals. Wo war denn der Staat, als es mit unserer Kaffeerösterei den Bach runterging? Alles haben wir verloren, mit eurem eigenen Vermögen haben Mutter und du geradegestanden. Ich bin bereit, alles zu geben als Unternehmer, rund um die Uhr zu arbeiten, aber ich will nicht, dass mir einmal das Gleiche passiert wie Mutter und dir. Ich gehe so viele Risiken ein, ich will einen Notgroschen in Sicherheit, auf meinem Schweizer Bankkonto. Nicht für mich, aber für die Familie, für unsere Jungs. Der Gedanke an dieses Geld wird das Ruhekissen, das uns demnächst besser schlafen lässt.« Lukas stand auf und ging im Wohnzimmer hin und her. »Es kann so schnell gehen, dass man plötzlich vor dem Nichts steht. Du nimmst einen Großauftrag an, lieferst gute, ehrliche Arbeit, aber dann redet dein Auftraggeber plötzlich davon, dass er nur die Hälfte zahlen will, und führt Mängel an, von denen er wie ich wissen, dass sie nicht existieren. Aber er weiß auch ganz genau, dass es mich ruinieren würde, vor Gericht zu ziehen. Bis zum Urteil dauert es, und bis dahin wäre ich insolvent. Ich habe also keine Wahl, ich muss dem Preisnachlass zustimmen. Großaufträge sind ein schmutziges, erbarmungsloses Geschäft geworden.«

Jakob nickte, er hörte diese Beschwerden nicht zum ersten Mal. »Ich weiß, aber dass andere sich unehrenhaft verhalten, rechtfertigt doch nicht …«

»Und Michelle kriegt das alles mit«, unterbrach Lukas ihn. »Es macht sie verrückt. Was wird aus uns, aus den Jungs, wenn wir von heute auf morgen alles verlieren? Wir brauchen dieses Sicherheitspolster. Vor allem für Fiete und Klaas.« Lukas ging jetzt doch zur Bar und griff nach einer Flasche Gin. »Ich wollte es eigentlich selbst machen, aber Michelle meint, dass du das viel besser kannst. Sie hält große Stücke auf dich.« Er trank, setzte das Glas ab und sah seinen Vater verwundert an. »Sag mal, der schmeckt aber komisch.« Er nahm ein zweites Glas, schenkte ein und reichte es seinem Vater. »Irgendwie verwässert. Hier, probier mal.«

Jakob trank. »Mmh«, machte er ausweichend.

Lukas nahm selbst noch einen Schluck, hielt das Glas gegen das Licht und lachte plötzlich auf. »Putzt eigentlich immer noch Frau Fink bei dir? Dann war sie das womöglich, was? Hat sich hier und da bedient und Wasser nachgefüllt, damit du es nicht merkst.« Er begutachtete die anderen Flaschen, schraubte ein paar Deckel ab und schnupperte daran. »Die gute Frau Fink müsste inzwischen doch schon an die siebzig sein, oder? Sieh an – putzt auf ihre alten Tage nicht nur die Wohnung, sondern auch noch die Bar leer. Frau Fink, die Schnapsdrossel.«

Er lachte über seinen Scherz, und Jakob nahm sich vor, beim nächsten Friedhofsbesuch auch Frau Fink einen Blumenstrauß aufs Grab zu stellen.

»Also, Papa, was denkst du?«

»Ich weiß nicht.«

»Weißt du was, überleg es dir in Ruhe, ja? Wir würden natürlich dafür sorgen, dass niemand das Geld findet, selbst wenn sie dich an der Grenze durchchecken. Es wäre wirklich keine große Sache, so gut wie kein Risiko, aber wir wären dir ewig dankbar. Ein Riesenbenefit für die Familie wäre das. Es geht hier nicht um mich und Michelle, sondern in erster Linie um die Kinder. Du weißt ja, wie das ist, wenn man Kinder hat. Die Kinder sollen nicht leiden müssen, wenn was schiefgeht.«

Jakob brachte seinen Sohn zur Wohnungstür, reichte ihm Mantel und Hut und blieb noch kurz im Treppenhaus stehen, um zurückzuwinken, falls Lukas sich auf dem Weg hinunter noch einmal umgedreht hätte. Dann ging er in die Küche und stellte den Wasserkocher an. Ja, so ist das, dachte er, während er eine Handvoll Bohnen in die kleine Handmühle gab und mahlte: Für einen selbst ist es egal, aber die Kinder sollen nicht leiden. Er hatte das damals nicht geschafft. Lukas hatte gelitten, als es mit der Kaffeerösterei zu Ende ging. Jakob hatte alles versucht, um den Fall abzufedern, und war sich für keine Arbeit zu schade gewesen. Aber nachdem der soziale Abstieg durch den Umzug von der Bürgerpark-Villa in die Altbauwohnung offensichtlich geworden war, brachte Lukas keine Freunde mehr mit nach Hause. Er schämte sich. Die Scham ging so tief, dass er als Erwachsener nicht nur einen mächtigen Antrieb entwickelt hatte, Geld zu machen, sondern einen ebenso mächtigen, Sicherheiten anzuhäufen, damit sich die Geschichte nicht wiederholte. Jakob löffelte das Pulver in den Filter. Als das Wasser kochte, goss er es langsam hinein und wartete, bis die Tasse gefüllt und das braune Pulver zu feuchter, duftender Erde geworden war. Dann setzte er sich ans Fenster, wärmte seine Hände an der Tasse und nahm den ersten, köstlichen Schluck.

»Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh’n«, murmelte er und schaute auf die regenfeuchten, noch winterkahlen Bäume des Innenhofs. Er würde seinem Sohn beweisen, dass er diesmal auf ihn zählen konnte.

3

Matthias schaute auf die Armbanduhr, dann pfiff er nach Eddie und zog ein wenig an der Flexleine. Der Schäferhund sah von dem Laternenpfahl, an dem er geschnuppert hatte, auf und trabte wedelnd heran. In letzter Zeit brauchten sie länger für ihren Gang. Es lag nicht an Eddie, sondern an ihm selbst. Er bekam schlechter Luft. Man ist ja keine zwanzig mehr, hatte er das Problem zunächst heruntergespielt. Er würde abnehmen, mehr Sport machen, dann ginge es schon wieder. Aber sein Hausarzt hatte eine andere Meinung dazu: »Abnehmen ist schön und gut, aber leichtes Übergewicht ist keine Erklärung für Ihre Werte. Sie sind vierzig, Herr Brockmeyer, und keine achtzig!« Er überwies ihn an einen Kardiologen. Der hatte ihm gestern mit ernster Miene mitgeteilt, er brauche eine neue Herzklappe. »Warten Sie nicht, bis es zu spät und das Herz irreparabel geschädigt ist. Handeln Sie rechtzeitig. Solch eine Operation bringt heutzutage hervorragende Ergebnisse, besonders in Ihrem vergleichsweise jugendlichen Alter.« Zuletzt hatte er ihn darauf vorbereitet, dass es kein Spaziergang sei, sondern trotz aller medizinischen Fortschritte nach wie vor ein schwerwiegender Eingriff, und er solle sich auch auf eine anschließende Reha einstellen. »Aber es ist Ihre einzige Option, wenn Sie alt werden wollen.«

Matthias hatte keine Angst vor der Operation.

Was daran lag, dass er es generell ablehnte, Angst zuzulassen oder sich Sorgen zu machen. Wer das tat, der hatte gleich zweimal eine vermaledeite Zeit. Und wenn das befürchtete Ereignis nicht eintraf, war die Sorge sogar völlig überflüssig gewesen. Es war widersinnig, sich zu ängstigen über das Wenn und Ach und Wehe. Frauen taten das, sie verfielen in aberwitzige Sorgen. Seine Frau war ein gutes Beispiel gewesen. Äußerlich war Jessica kaum je etwas Schlimmes passiert, aber statt glücklich zu sein und ihr Leben zu genießen, hatte sie innerlich dramatische Höllenqualen durchgestanden, die für drei Leben gereicht hätten. Seinen Beruf als Marineoffizier hatte er ihr zuliebe aufgegeben. Aber dass er zur Polizei wechselte, hatte es auch nicht viel besser gemacht. War sie zuvor überzeugt gewesen, er würde früher oder später ertrinken, steigerte sie sich danach in Fantasien hinein, wie er erschossen oder erstochen wurde. An Kinder war wegen seines gefährlichen Berufs nicht zu denken gewesen. Als sie ihn verließ, quälten ihn nach der ersten Fassungslosigkeit Fragen, was er hätte anders machen, wie er besser auf sie hätte eingehen können, und er durchlief wie die meisten Verlassenen Phasen von Trauer und Wut. Ziemlich bald merkte er aber auch, dass das Leben nur mit Eddie und ohne Jessica unbeschwerter geworden war. Die Sorgen, die wie düstere Gewitterwolken ihren gemeinsamen Horizont verdunkelt hatten, waren mit ihr verschwunden.

Die gestrige Diagnose allerdings war eine neue Gewitterwolke, die nichts mit Jessica zu tun hatte. Matthias machte sich Sorgen um Eddie. Wo sollte der Hund hin, wenn er ins Krankenhaus ging? Er würde eine Woche vor der Operation aufgenommen werden, nach der Operation noch mindestens zwei Wochen im Krankenhaus bleiben und danach zur Reha müssen. Machte zusammen sechs Wochen, in denen er nicht zu Hause wäre. Und das im günstigsten Fall, ohne Komplikationen. Sechs lange Wochen, in denen Eddie nicht wusste, was los war. In einer Hundepension würde er sich verlassen fühlen, würde denken, es sei für immer, und die Welt nicht mehr verstehen.

Jakob wartete bereits in einer der Gewölbenischen des Ratskellers. Er hatte schon ein Bier für Matthias mitbestellt. Wie immer hielten sie sich nicht groß mit den Präliminarien auf. »Prost!« – »Prost!«

Eddie legte sich unter den Tisch und wärmte ihnen die Füße. Matthias hatte keine Lust, über die bevorstehende Operation zu reden. Er und Jakob trafen sich jeden Dienstagabend mit den anderen Männern des Schubert-Bundes zur Chorprobe und anschließend im Ratskeller, nur sie beide, immer auf zwei Bier. Das erste wurde in einem Zug getrunken, das zweite genossen, dabei plauderten sie über dieses und jenes. Beide schätzten ihren kleinen Stammtisch. Sie hatten vor zwei Jahren damit begonnen, kurz nach seiner Trennung von Jessica. Matthias war in den Männerchor eingetreten, um auf andere Gedanken zu kommen. Es hatte gutgetan, abends etwas vorzuhaben, in eine Welt einzutreten, die nichts mit seiner Exfrau zu tun hatte. Keine mitleidigen Blicke von gemeinsamen Freunden aushalten zu müssen, sondern einfach der neue Bass zu sein. Bald hatten die Chorkollegen ihn »Matjes« genannt, genau wie früher seine Marine-Kameraden, und er fühlte sich im Chor in manchen Augenblicken so zu Hause und gleichzeitig so frei wie damals auf der »Alliance«.

Jessica zuliebe hatte er nämlich nicht nur das Marineforschungsschiff gegen ein Büro bei der Polizei eingetauscht, sondern auch den Chor aufgegeben. »Männerchor, das ist so peinlich!« Matthias hatte vieles für Jessica aufgegeben. Auch Freunde. Sein eigener Freundeskreis war durch neue, gemeinsame Freunde ersetzt worden. Ehepaar-Freundschaften, die mit ihrer Ehe mehr oder weniger endeten.

Das Singen im Chor war das Einzige aus seinem früheren Leben, an das er wieder angeknüpft hatte und das ihm jetzt sogar noch mehr Freude machte als vorher. Er konnte sich einen Gesangverein aussuchen. Zwar gab es gewöhnlich keinen Mangel an Bässen, aber Matthias wusste, wie schön seine Stimme war. »Andere singen Bass, Matthias singt besser«, scherzte sein früherer Chorleiter, als er Matthias zum ersten Mal singen hörte. Matthias’ Wahl fiel auf den Schubert-Bund, weil er zu dessen Proben seinen Hund mitbringen durfte.

Jakob war Matthias von allen Gesangskollegen am sympathischsten. Weil er Eddie immer streichelte, und auch, weil er ihn an seinen Vater erinnerte. Dass Jakob stets eine korrekt gebundene Fliege und ein Jackett trug und bei jeder Gelegenheit Goethe zitierte, wurde von den anderen Chormitgliedern gutmütig belächelt, aber Matthias mochte die Ähnlichkeit zu seinem Vater, der ein ebenso liebenswürdiges, altmodisches Auftreten gehabt hatte. Eines Abends hatte Matthias Jakob nach der Probe beim Aufräumen geholfen, und sie waren anschließend noch auf ein Bier in den Ratskeller gegangen. Bald war das zur Gewohnheit geworden, und so wurden aus zwei Chorkollegen unterschiedlichen Alters Freunde mit einem Stammtisch im Bremer Ratskeller. Selten tauschten sie bei ihren Treffen wirklich wichtige Informationen aus, wer tat das schon. Der Ratskeller war vor allem ein Ort der gegenseitigen verbalen Fellpflege. Ein korrupter Kommunalpolitiker, das Wetter, die neuen Fahrpläne der Straßenbahn, die Finanzierungslücken beim neuen Bauprojekt in der Innenstadt, dazu zwei leckere Biere und der schöne Anblick der großen, dunklen Fässer im ehrwürdigen, heimeligen Gewölbe des Ratskellers. Sein Freund rezitierte unvermeidlich die eine oder andere Zeile von Goethe, das gehörte zum Ratskeller-Abend wie der Pinkel zum Grünkohl.

Der Kellner stellte die zweite Runde auf den Tisch. »Nächste Woche kann ich übrigens nicht kommen«, sagte Jakob beiläufig. »Ich fahre in die Schweiz.«

Matthias sah ihn erstaunt an. »Urlaub? So plötzlich?«

»Kein Urlaub im eigentlichen Sinn. Eher ein Gefallen, den ich meinem Sohn tue. Ich bringe etwas für ihn nach Lugano. Er selbst ist beruflich stark eingespannt, ich bin Rentner und habe Zeit, also warum nicht.«

Matthias sagte nichts dazu, machte nur ein abwartendes Gesicht. Jakob griff nach seinem Glas und trank einen Schluck. Offensichtlich hatte er nicht vor, mehr zu verraten. Doch Matthias’ Neugier war geweckt. »Was bringst du denn nach Lugano, das dein Sohn nicht mit der Post schicken kann? Ist es so schwer?«

»Nein, Matjes, aber wertvoll.« Im nächsten Moment presste Jakob die Lippen zusammen, als wünschte er, den Mund gehalten zu haben.

»Etwa Schwarzgeld?«, fragte Matthias.

Jakob stellte sein Glas so heftig ab, dass etwas Bier auf den Tisch schwappte. »Was du immer gleich denkst, nun lass mal den Kriminalkommissar im Revier. Außerdem: So etwas traust du mir zu?« Er wischte mit einer Serviette den Tisch trocken und vermied es, ihn dabei anzusehen. Offenbar fühlte er sich wirklich beleidigt.

»War doch nur ein Scherz«, sagte Matthias versöhnlich.

Sofort lächelte Jakob ihm wieder zu. »Es sind wichtige Unterlagen für einen Geschäftspartner«, erklärte er. »Zu wichtig, um sie mit der Post zu schicken. Und wie gesagt, ich habe ja die Zeit, und Lugano soll schön sein. Wenn ich schon mal dort bin, hänge ich ein paar Tage Urlaub dran. Es ist um diese Jahreszeit bereits recht warm dort, das wird meinen alten Knochen guttun. Einfach mal ein paar Tage Tapetenwechsel und die Sonne genießen.«

Matthias nickte, trank nachdenklich sein Bier und kraulte Eddie. »Beneidenswert«, sagte er. »Wie kommst du da hin? Mit deinem Auto? Du bist doch nachtblind, oder?«

»Mal schauen«, sagte Jakob ausweichend. »Zur Not mache ich eine Zwischenübernachtung. Wäre wohl ohnehin das Beste, die weite Strecke nicht an einem Tag zu fahren. Ich fahre ja kaum noch weiter als mal nach Bremerhaven, da kommt man aus der Übung. Vielleicht nehme ich auch die Bahn.«

»Da weiß ich eine Lösung!« Matthias’ Gesicht leuchtete auf. »Sag mal, wie wäre es, wenn wir mitkämen?«

»Wie?«

»Eddie und ich!« Matthias sah, dass Jakob Luft holte, um eine Antwort zu geben, und redete schnell weiter. »Und weißt du, was wir noch mitnehmen können? Meinen Wohnwagen!« Er nickte, zunehmend angetan von seiner Idee. »Jawohl, wir nehmen den Wohnwagen und machen ein paar Tage Urlaub in der schönen Schweiz!«

»Oh, nein, tut mir leid, Matjes, aber ich glaube, Wohnwagen, das ist wirklich nichts für mich.«

Matthias sah, dass Jakob vor Verlegenheit rot wurde, und nickte ihm verständnisvoll zu. »Du hast noch nie in einem Wohnwagen übernachtet, stimmt’s? Ich weiß, was du denkst. Keine Privatsphäre, kein Komfort in so einer Klapperkiste. Ich kenne die Vorurteile. Aber du täuschst dich. Du wirst überrascht sein, wie viel Luxus er bietet. Du kannst auch gerne das größere Schlafzimmer haben.«

»Der Wohnwagen hat zwei Schlafzimmer?«

Matthias nickte. »Modell Rossini. Mit Lattenrost und orthopädischer Matratze. Das Bad hat sogar eine Dusche. Also, was ist nun: Willst du allein stundenlang im Stau stehen oder einen kostenlosen Fahrservice bei mir buchen und einen geselligen kleinen Urlaub im Luxus-Wohnwagen verbringen? Wenn es dir wirklich zu eng ist, kannst du ja immer noch ins Hotel gehen, hast aber trotzdem eine entspannte Fahrt als Beifahrer.«

»Klingt wirklich verlockend, aber ich fürchte, es wäre zu knapp, ich soll ja schon übermorgen losfahren. So kurzfristig wirst du dir nicht Urlaub nehmen können.«

Matthias winkte ab. »Lass das mit dem Urlaub meine Sorge sein. Seit der Scheidung habe ich keinen mehr genommen. In der Dienststelle sind momentan auch alle Kollegen am Platz, keiner ist im Urlaub, Krankmeldungen gibt’s auch nicht.« Matthias betrachtete Jakob forschend. Wie ein gehetztes Tier, dachte er und schämte sich plötzlich. Wie kam er dazu, sich seinem Freund so aufzudrängen? »Hör zu, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht überfahren mit dem Vorschlag. Du willst allein reisen und deine Ruhe haben, und das ist völlig in Ordnung.«

»Unsinn«, sagte Jakob da. »Ich würde mich sehr freuen, wenn du mitkommst.«

Matthias sah seinem Freund in die Augen und versuchte herauszufinden, ob er es wirklich ernst meinte oder nur nicht Nein sagen konnte. Aber Jakobs Blick war nicht mehr gehetzt, sondern klar und freundlich. »Wir können auch am Wochenende losfahren«, bot er jetzt an. »So sehr eilt es auch wieder nicht.«

Es ging ihm einfach zu schnell, dachte Matthias erfreut, das ist alles. Jakob war schließlich nicht mehr der Jüngste, da brauchte man ein paar Sekunden länger, um sich auf neue Situationen einzustellen. In Hochstimmung bedeutete er dem Kellner, noch zwei Bier zu bringen. Als sie kamen, prostete er seinem Freund feierlich zu. »Auf unsere kleine Reise in den Süden! Na, ist das kein Goethe-Zitat wert?«

»›Wo wir uns der Sonne freuen‹«, zitierte Jakob prompt und erhob sein Glas, »›sind wir jede Sorge los; dass wir uns in ihr zerstreuen, darum ist die Welt so groß.‹«

Genau so ist es, dachte Matthias, als er später mit Eddie über die mondbeschienenen Wallanlagen nach Hause ging. Sie würden sich der Sonne freuen und die Sorgen zu Hause lassen. Sollte die Operation nur warten, erst einmal würde er sich in der großen, weiten Welt zerstreuen, unbeschwert und frei, mit seinem besten Kumpel und Jakob.

4

Alex schaute in den Spiegel. Sie fühlte nichts, keine Angst, keine Reue, schon gar keine Schuld. Ich bin ein Psycho, dachte sie. Eiskalt und gefühllos, aber man sieht’s nicht. Sie betrachtete ihre Augen, die Nase, die Wangen, das Kinn. Es war ein Gesicht wie das von vielen anderen jungen Mädchen. Je nachdem, wie sie sich zurechtmachte, konnte sie wie fünfzehn oder fünfundzwanzig aussehen. Lange, dunkelbraune Haare, ein hübsches Gesicht. Offen für Veränderung, bereit zur Täuschung. Sie fand ihren Lippenstift in der Hosentasche und malte sich die Lippen dunkellila. Ihre Haare waren völlig verklebt. Keine Zeit zum Waschen, nicht jetzt. Sie machte die Hände nass und strich sich mit den feuchten Fingern über die Haare, bis sie weicher wurden, kramte in ihrer Hosentasche nach einem Haargummi und band sie sich hoch über den Kopf zur Asi-Palme. Dann ging sie aus dem Bad zurück ins Schlafzimmer, machte Licht und musste es schon wieder denken. Alexa, mach das Licht an. Verdammt, dachte sie. Dennis hat gewonnen. Alexa, mach das Licht aus. Alexa, spiel meine Playlist. Alexa, reich mir das Salz. Alexa, räum den Tisch ab. Und die anderen hatten das sooo witzig gefunden. Dieser Gag verbrauchte sich nicht, er wurde jedes Mal lustiger.

Irgendwann hatte es ihr gereicht, sie hatte ihm ein Glas Milch ins Gesicht gekippt und ihn angeschrien: »Mein Name ist Alex, du Spast!« Dennis hatte nur gegrinst und gesagt: »Alexa, sei leise.« Sie verdrängte den Gedanken an Dennis und seine Mutter. Jetzt war keine Zeit für Selbstmitleid, sie musste hier raus.

Sie vermied es, zum Bett zu sehen. Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen, doch um es blind bis zur Tür zu schaffen, kannte sie sich in diesem Zimmer, das sie vor wenigen Stunden zum ersten Mal betreten hatte, nicht gut genug aus. Außerdem brauchte sie ihre Jacke. Sie schlug beide Hände vor die Augen und blinzelte hindurch. Scheiße, dachte sie, als sie das Blut auf dem Laken sah. Ein Geräusch ließ sie zusammenfahren. Hatte er sich bewegt? Sie zwang sich hinzusehen, doch er lag noch genauso regungslos auf dem Bett wie vorher, massig und aufgepumpt von Hanteltraining und Anabolika, die Augen geschlossen. Es war das Rauschen ihres eigenen Blutes in den Ohren gewesen. Oder doch nicht? Sie zwang sich, einen Schritt Richtung Bett zu machen. Sollte sie ihn anfassen? Würde er noch warm sein, oder würde er schon langsam kalt werden wie ein Kuchen, den man aus dem Backofen nahm? Ihr wurde übel, und sie stürzte zurück ins Bad und erbrach sich. Dann spülte sie sich den Mund aus, wusch das Gesicht und versuchte, wieder klar im Kopf zu werden. Sie musste hier raus, schnell, notfalls auch ohne Jacke. Fahrig griff sie nach einem frischen Handtuch aus dem Regal und erschrak, als etwas herausfiel und schwer auf dem Fliesenboden aufschlug. Eine Pistole.

Zögernd griff sie danach und hob sie vorsichtig auf. Sie klammerte sich mit beiden Händen daran fest und schlich wieder am Bett vorbei. Ihr Herz schlug wild, als sie es geschafft hatte und weiter in den Flur hastete. Nur raus hier! An der Garderobe fand sie ihre Schuhe, die Jacke, den Rucksack und ihre Gitarrentasche, und eine Erinnerung blitzte auf, wie er sie an den Haaren gepackt und in die Wohnung gezerrt hatte. Dann war er wieder für eine kurze Zeit normal gewesen, hatte ihr in aller Ruhe die Sachen abgenommen und hier aufgehängt und befohlen, die Schuhe auszuziehen. Sie zog die Jacke an, verstaute die Pistole im Rucksack, zog die Schuhe an und schaute durch den Türspion. Eine Frau kam aus dem Aufzug und ging zur Wohnung gegenüber. Alex wartete, bis sie verschwunden und der Flur menschenleer war. Dann ging sie hinaus und zog leise die Tür hinter sich zu. Sie überlegte, ob sie den Aufzug nehmen sollte, und entschied sich dagegen. Die Gefahr, dort gesehen zu werden, war größer. In einem Hochhaus mit zwanzig Stockwerken fuhren die meisten Leute mit dem Lift.

Als sie die ersten fünf Etagen hinuntergestiegen war, steckte sie sich einen Kaugummi in den Mund. Das Kauen beruhigte ihre Nerven, und als sie unten angekommen war, ging sie mit den zielstrebigen Schritten eines Schulmädchens aus dem Haus, das den Bus noch erwischen will.

5

Mit der schwarzen Katze in der Hand ging Tilda ein paar Schritte in die eine, dann in die andere Richtung und schaute sich um. Wo war sie? Was ging hier vor? Sie versuchte sich zu erinnern, wie sie hierhergekommen war. Das gab’s doch gar nicht. Eine Autobahnraststätte. Warum wusste sie das nicht mehr? Ich bin nicht dement, sagte sie sich. Aber der Zweifel stach wieder zu wie ein hinterhältiger Skorpion. Wie kam es sonst, dass sie so gar nicht wusste, was sie hier machte? »Nein, nein und nochmals nein«, sagte sie halblaut, während sie langsam an den Regalen mit Süßigkeiten und Gebäck entlangging. Ihr wurde schwindelig, und sie versuchte sich auf einen Punkt zu konzentrieren. Sie schaute auf das Keksregal. Die Marken kannte sie: de Beukelaer, Bahlsen, Leibniz. Ihr Blick streifte das Süßigkeitenregal darunter, und sie wusste, dass sie Haribo Colorado am liebsten mochte und davon das weiße Lakritzkonfekt mit Kokosgeschmack. Gummibärchen mochte sie auch, aber nicht so gern wie Lakritz. Sie ging weiter. Na schön, dachte sie. Ich weiß, dass ich Lakritz gern mag, aber das beweist nicht viel. Was für ein Tag ist heute? Donnerstag, fiel ihr ein.

Sie tippte einem kleinen Jungen, der neben ihr stand und nach einer Tüte Gummibärchen griff, an die Schulter: »Was für ein Tag ist heute?« Der Junge zuckte zusammen, sah sie mit großen Augen an und rannte dann zu seiner Mutter. »Freitag«, sagte ein älterer Herr mit Fliege, der auf dem Weg zur Kasse war, und lächelte ihr zu. »Heute ist Freitag.« Sie bedankte sich und lächelte zurück, nahm eine Tüte Haribo aus dem Regal und ging ebenfalls zur Kasse. Warum war schon Freitag? Sie musste eine Weile warten und kramte nach ihrem Portemonnaie. Ein Fünfziger, ein Zwanziger und ein Fünfer und im Münzfach noch vier Ein-Euro-Stücke plus ein Einkaufschip, dachte sie. Sie wusste immer Bescheid, wie viel Bargeld sie in ihrem Portemonnaie hatte. Sie stutzte, als sie ins Münzfach sah und außer dem Einkaufschip nur eine Ein-Euro-Münze fand. Dann fiel es ihr ein. Natürlich, der Greifarm-Automat, für die Katze. Der Ordnung halber schaute sie noch ins Scheine-Fach. Doch da stach der Skorpion wieder zu: ein einsamer Fünfer. Als sie den Fünfer auf den Tresen legte und die Süßigkeiten in ihrer Handtasche verstaute, versuchte sie sich zu erinnern, wo sie das Geld ausgegeben hatte. Was war vor der Toilette gewesen? Doch da war nichts. Sie wusste noch nicht einmal, wie sie dorthin gelangt war. Sie hatte doch zur Toilette gehen müssen? Und überhaupt, sie fuhr nicht mehr selbst. In wessen Auto war sie hierhergekommen? Oder war es ein Bus, eine Reisegruppe gewesen?

»Mietzi, wir haben ein Problem«, sagte sie leise zu der Katze, als sie aus dem Raststättengebäude trat und auf den großen Parkplatz blickte. Weiter vorn gab es eine Tankstelle, überall standen Autos und Lastwagen. Ein Mann führte seinen Hund auf einem Wiesenstreifen aus. Der Verkehr auf der dahinterliegenden Autobahn rauschte laut vorbei, es war kalt. Niemand beachtete sie, niemand winkte ihr zu und rief: »Ach, da bist du ja, wir haben dich schon gesucht!« Tilda ging wieder zurück ins Warme. Was nun? Ihr kam eine Idee. Natürlich: Sie warteten bestimmt im Restaurant auf sie. Sie ging in den Restaurantbereich, der nur durch Blumenkästen voller prächtiger Orchideen vom Kioskbereich abgetrennt war. Für ein paar Sekunden blieb sie stehen und genoss den Anblick der Blüten. Dann machte sie eine Runde an den Tischen vorbei. Ein paar Leute fingen ihren Blick auf – aber es waren Fremde, die kurz den Blick einer Fremden erwidern und im nächsten Augenblick vergessen. Tilda sah sich im Selbstbedienungsbereich um, blieb bei der Salattheke stehen, ging weiter, an den großen Suppenterrinen und der Kuchentheke vorbei zum Kaffeeautomaten. Es gab vielleicht zwanzig Reisende, die sich hier ihre Mahlzeit zusammenstellten, aber keiner beachtete sie, erkannte sie, auch hier rief niemand: »Ach, Gott sei Dank, da bist du ja, wir haben dich schon gesucht!«

Tilda fühlte Panik in sich aufsteigen und kämpfte sie nieder. Sei nicht albern, sagte sie sich. Du bist erwachsen und kein kleines Kind, das seine Mama verloren hat. Ihr fiel ein, dass sie einmal, es war auf einer Konzertreise nach Venedig gewesen, auf dem Markusplatz einen etwa zehnjährigen Jungen gesehen hatte, der seine Eltern verloren hatte und in Panik geraten war. Mitten im Menschengedränge drehte er sich wie ein Basketballspieler im Sternschritt um die eigene Achse und rief verzweifelt: »Mama! Papa! Mama! Papa!« Eine alte Italienerin in schwarzer Witwenkleidung hatte die Hand ausgestreckt und ihn so voller Mitgefühl und Herzlichkeit angelächelt, dass jeder wusste: Sie würde sich kümmern, er war nicht mehr verloren.

Hier kümmert sich keiner, dachte Tilda. Es gibt keine alte, mitfühlende Italienerin. Ich bin selbst so alt wie die Italienerin, aber verloren wie der kleine Junge. Im selben Augenblick fiel ihr etwas ein, das sie aufatmen ließ. Sie wusste, wer sie war, und sie wusste genau, wie alt sie war: siebenundsechzig. Das war eine weitere Sicherheit. Sie sah die Katze aus dem Automaten an und murmelte: »Ich bin Tilda und siebenundsechzig Jahre alt. Und jetzt trinke ich einen Kaffee, denn ich habe Kopfschmerzen und brauche dringend Koffein. Und weil ich nicht verrückt bin und mit Stofftieren rede, nicht böse sein, Mietzi, packe ich dich jetzt weg.« Entschlossen bettete sie die Katze in ihre Bügeltasche, griff nach einem Kaffeebecher und stellte ihn unter den Automaten. »C-a-f-f-e-e«, sang sie leise vor sich hin, während der Kaffee in die Tasse lief. Ein Gefühl von Erleichterung durchströmte sie, denn soeben war ihr beim Summen der Melodie auch der Text eingefallen.

»Trink nicht zu vie-hiel Ka-ha-fee«, setzte ein warmer Bariton hinter ihr das Lied leise fort. Sie drehte sich um und erkannte den Herrn mit Fliege. Herzlich erwiderte sie sein Lächeln. »Nanu, so klein ist die Welt!«

»Wir teilen offenbar die Vorlieben für Süßes und Kaffee«, sagte er.

»Darf ich?« Tilda nahm ihm seinen Kaffeebecher ab und stellte ihn neben ihren Becher unter die Maschine. »Schwarz?«

»Sie können Gedanken lesen.«

Tilda drückte auf den Sensor. Wie froh sie war, ein bekanntes Gesicht zu sehen, mit jemandem ein paar Worte wechseln zu können, auch wenn die Bekanntschaft nur so flüchtig war wie diese und erst fünf Minuten alt. Als der Kaffee fertig war, überreichte sie dem Herrn seine Tasse, schaute ihn prüfend an, sah ehrliche graublaue Augen, ein freundliches Lächeln, schütteres, zurückgekämmtes Silberhaar und die dunkelblaue Fliege über dem tadellos gebügelten weißen Hemd. Vielleicht kann er meine Italienerin sein, dachte sie und nahm ihren Mut zusammen. »Würden Sie mir bitte helfen? Mir ist etwas ganz Dummes passiert. Ich habe offenbar meine … Reisegruppe verloren.«

6

»Ich muss mal pinkeln«, sagte Alex, als sie das Schild sah, das in fünf Kilometern eine Raststätte ankündigte. Der Lkw-Fahrer gab einen unwirschen Laut von sich, stellte die Kochsendung leiser, die er am Bildschirm verfolgte, und hielt ihr einen Vortrag darüber, was ihn dieser zusätzliche Stopp kosten würde. Das ist jetzt nicht wahr, dachte Alex. Sie sah, dass die Ausfahrt näher kam. Als die 300-Meter-Marke erreicht war, unterbrach sie den Redeschwall. »Entweder du hältst an oder … Musst du selbst wissen, ist nicht mein Sitz.«

Er warf ihr einen bösen Blick zu, blinkte und fuhr ab. In einer der großen Parkbuchten brachte er den 42-Tonner zum Stehen und ließ den Motor laufen. »Nimm dein Zeug mit.« Alex griff nach der Gitarre und dem Rucksack, sie hatte nichts anderes erwartet. Wenn sie wiederkäme, wäre er weg. Sie sprang aus dem Fahrerhäuschen, knickte um und rieb sich den schmerzenden Knöchel.

»Wie wär’s mit Tür zu?!«, schrie er aufgebracht.

Alex zeigte ihm den Mittelfinger und humpelte zur Raststätte. Nach ein paar Metern drehte sie sich noch einmal um und reckte beide Mittelfinger in die Höhe.