Wohin kein Regen fällt - Amjad Nasser - E-Book

Wohin kein Regen fällt E-Book

Amjad Nasser

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Beschreibung

Adham wurde als junger Mann aus Hâmija ins Exil gezwungen, weil er an einem fehlgeschlagenen Attentat auf einen Militärherrscher teilgenommen hatte. Nach rund zwanzig Jahren im Westen kehrt er zurück in die Heimat. Er begegnet seiner Familie, Jugendfreunden, ehemaligen Kameraden und seiner ersten Liebe, vor allem aber setzt er sich mit seinem früheren Selbst auseinander, dem Menschen, den er zurückgelassen hat. Eine faszinierende Geschichte über politisches Engagement, Heimat, die Not des Exils und die Schwierigkeit der Rückkehr. Zeitlos und poetisch.

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2020

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www.lenos.ch

Amjad Nasser

Wohin kein Regen fällt

Roman

Aus dem Arabischenvon Regina Karachouli

Mit einem Nachwort von Elias Khoury

Der Autor

Amjad Nasser (1955–2019), aufgewachsen in Jordanien. 1977 Flucht in den Libanon. Studium an der Arabischen Universität Beirut und Arbeit als Kulturjournalist. Dozent für Politikwissenschaft in Aden. Ab 1982 Arbeit für palästinensische Medien in Zypern, ab 1987 für arabische Medien in London, darunter die Tageszeitung al-Quds al-Arabi. Amjad Nasser veröffentlichte neun Gedichtbände und zwei Romane, die mehrfach ausgezeichnet und übersetzt wurden. Er gilt als einer der Pioniere der modernen arabischen Poesie und des arabischen Prosagedichtes.

Die Übersetzerin

Regina Karachouli, geboren 1941 in Zwickau. Studium der Arabistik und der Kulturwissenschaften in Leipzig. Promotion über Dramatik und Theater in Syrien. Von 1975 bis 2002 Lehr- und Forschungstätigkeit am Orientalischen Institut der Universität Leipzig. Übersetzerin zahlreicher literarischer Werke aus dem Arabischen (u. a. von Mamdouh Azzam, Iman Humaidan, Sahar Khalifa, Alia Mamduch, Hanna Mina, Sabri Mussa, Tajjib Salich, Habib Selmi, Nihad Siris und Baha Taher).

Zur Erleichterung der Aussprache arabischer Namen wurden in der Übersetzung betonte lange Silben mit einem Zirkumflex (^) versehen.

Titel der arabischen Originalausgabe:

Ḥaithu lâ tasquṭu al-amṭâr

Copyright © 2010 by Yahia Awad

E-Book-Ausgabe 2020

Copyright © der deutschen Übersetzung

2020 by Lenos Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Lenos Verlag, Basel

eISBN 978 3 85787 982 1

Inhalt

Der Autor

Die Übersetzerin

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Gespaltenes Ich, verkarstete Zeit

Anmerkungen der Übersetzerin

I

NUN KEHRST DU ZURÜCK. Lange warst du auf der Flucht, vor dir und deinem Namen, vor den Folgen deines Handelns. Viel Zeit ist verstrichen seit deinem Weggang, der ohnehin nur für einige an dir Interessierte von Bedeutung gewesen war. Und auch diese wenigen werden, wie üblich, immer rarer. Du bist nicht gewiss, was noch blieb vom lodernden Feuer, das in den Tagen der Jugend und Hoffnung tief in deinem Innern brannte. Zahllose Schuhe haben deine Füsse seither beim Schlendern auf Bürgersteigen zerschlissen, beim Wandern auf staubigen Pfaden und gepflasterten Strassen. Wie viele Schritte werden sie noch zurücklegen müssen? Wie viel Aufruhr wird dein Herzmuskel noch verkraften können? Was vermag dich noch zu erregen? Verspricht nicht der Duft von Kaffee weiterhin helle Morgen, auch wenn sie nie kamen? Werden deine Augen, von denen das eine in diese und das andere in die entgegengesetzte Richtung schaut, endlich an einem einzigen Punkt zusammenfinden? Wie kannst du noch glauben, du hättest einen »hübschen Silberblick« – diese nette Flunkerei, eines fernen Tages dir aufgetischt von zwei Lippen wie Weinbeeren, die du als Erster kosten durftest? Deine Augen sind wie du. Wie du selbst müssen sie zu einem einheitlichen Blick gezwungen werden. Fast möchtest du dich fragen: Wer ist Verlierer, wer Gewinner auf diesem spiralförmigen oder kreisrunden Weg, der dich zurückführt zum Ausgangspunkt? Diese Frage lässt dir keine Ruhe. Und eine andere überfällt dich, eine Frage, der du sonst nie Gelegenheit gabst, sich ebenso in deinem Kopf zu verdichten: Hast du den Weg verfehlt? In einer Situation wie der deinen sind solche Grübeleien schwerlich zu vermeiden, obwohl du in deinem langen Exil gelernt hast, unliebsame Fragen zu unterdrücken oder ihnen durch Aufschub und Verharmlosung auszuweichen. Aber von heute an wird es kein Aufschieben mehr geben, kein Verharmlosen. Mochte früher die Zeit dahinschleichen, über die Erde, durch deinen Körper, es hatte dich nicht gekümmert. Jetzt ist ihr Schlurfen unüberhörbar geworden.

Alles ist endlos, und doch bleibt nichts, wie es ist. Eine Lehre, die deine Hand begriffen hat, bis in die Knochen, bis in die Nerven hinein, die Hand, die längst nicht mehr wie eine Bronzefaust durch die Luft fährt, die sich ratlos, mit hervortretenden Adern auf den Tisch niedersenkt. Deine Hand, die fortan alles neu bewerten muss: Dimensionen und Volumen, Schwere und Leichtigkeit. Hast du nicht bemerkt, wie unsicher sie wird, wenn sie Leute begrüsst, Richtungen anzeigt oder Dinge berührt? Vielleicht war es dir bisher nicht aufgefallen, denn im Getöse von Fleisch und Blut überhört man die Schläge jenes mysteriösen, perfiden Meissels, bis sich die Steine der Zitadelle bereits von innen her zu lockern beginnen. Aber nun kommt das Dröhnen deines Meissels schon direkt aus der Lunge und lässt sich nicht immer mit der blossen Hand oder einem Taschentuch dämpfen.

Wo sollst du beginnen mit deiner langen Geschichte, vielmehr deinen Geschichten, die ineinander verschachtelt sind wie Räume eines alten arabischen Hauses? Du weisst es nicht genau. Zeiten und Geschehnisse, Gesichter und Stimmen vermischen sich in deiner Erinnerung. Bei der Behörde für Nationale Sicherheit hatten dich die Offiziere zu einem Ablaufprotokoll der Ereignisse und Tatbestände genötigt. Möglicherweise sind sie in chronologischer Hinsicht jetzt besser geordnet. Du freilich kannst nichts anfangen mit all den Aufzeichnungen, die in einer speziell dir vorbehaltenen Schublade in jenem fünfzackigen sternförmigen Steingebäude vor sich hin schlummern. Abgesehen davon, dass es in diesen kalten bürokratischen Berichten gar nicht wirklich um dich geht, um deine innere Welt, deine Motive, die Sedimentschichten deines Selbst. In derlei Auflistungen finden sich weder Monologe noch Wach- oder Albträume, weder Echos noch subtile Verflechtungen, da ist nichts weiter als Gleichförmigkeit, Pedanterie und das lineare Abspulen von Vorfällen und Namen. Wo blieben die leichtfüssigen Schritte deiner Mutter, wenn sie nachts, zwischen den am Boden ausgebreiteten Matratzen umherhuschend, diesen Sohn oder jene Tochter zudeckte, die Fenster verschloss oder öffnete und frühmorgens vor allen anderen aufwachte, um ihre Lieben mit dem Duft von Kaffee und frischem Brot zu wecken? Wo wäre die lange, hagere Gestalt deines Vaters vermerkt, seine lässig im Mundwinkel hängende Zigarette? Seine Tinten, Schreibfedern und Kalligraphien, mit denen er das Labyrinth der Schöpfung erkundete? Sein gemächliches Tappen, mit dem er die zwölf Stufen in seinen unterirdischen Tempel hinabstieg? Wo steht etwas über das Lärmen deiner Brüder und die Sanftheit deiner Schwestern? Wo erscheint das geflügelte Schattenbild deiner Grossmutter? Oder dein Grossvater, wenn er stracks aufgerichtet dasass wie der Buchstabe Alif, Grossvater, dessen Hand keine Sprichwörter und Weisheiten mehr kalligraphiert hatte, seit sich Dunkelheit in seinen Augen einnistete? Was ist mit all den Gesichtern, deren Züge, du weisst nicht, wieso, sich für immer deinem Gedächtnis eingeprägt haben, und jenen anderen, deren Feinheiten ausgelöscht sind und die dich dennoch mit ihren gespenstischen Prozessionen über den Bildschirm deiner Erinnerung schlaflos machen? Wo sind sie, die Düfte, rätselhafte Aromaspeicher deiner geheimen Schätze an Bildern und Empfindungen? Wo blieben sie, die Bürgersteige, die Kälte, das Leben, wenn es nur noch glücklicher Zufall war, der niedrige Himmel, grau wie eine Wand aus Asche, die überlangen, durchwachten Nächte, der Husten, die hartnäckigen Hoffnungen, die tänzelnden Lichter der Heimkehr? Nichts davon steht in diesen Berichten, die vor lauter Trockenheit knistern. Denn all das sind Dinge, die sie nicht interessieren. Die nutzlos wurden, nachdem die Buchführung erledigt und die Ernte abgewogen war. Du wiederum hattest auf gewisse Fragen, die dir die Ermittler stellten, entweder gar nicht oder ausweichend geantwortet. Diese Themen beschäftigen dich nicht mehr. Deine Reaktion war kühl, als ginge es um eine andere Person. Doch wie auch immer, das war die Version, die sie haben wollten, um ihre Akten zu komplettieren und die Lücken in ihren Dossiers zu schliessen; deine detailreiche und zugleich verworrene Darstellung war ihnen gleichgültig.

Also beginn hier, obwohl es vielleicht nicht der passende Auftakt sein mag, aber jede Geschichte braucht irgendeinen Anfang.

Eines Tages wurde die Grau-Rote Stadt von einer Seuche heimgesucht; Schreckensbilder uralter Pestilenzen lebten wieder auf. Du erinnerst dich an das Entsetzen, das sich über die Metropole legte. An zügellose Enthemmung. Den Zusammenbruch von Recht und Ordnung. Eine gewaltige Erschütterung, die alles erfasste. Denn die Epidemie war beinahe ohne spürbare Vorzeichen gekommen. Manche führten sie zurück auf die Heerscharen von Immigranten, insbesondere solchen aus armen Ländern, auf ihre Einpferchung in Slums oder überfüllten Flüchtlingslagern. Andere meinten, die Krankheit habe bereits im Körper der Stadt geschlummert und nur noch eines Auslösers bedurft, um unter der Bevölkerung zu grassieren. Auch deine Frau, die du auf der Sonneninsel kennengelernt hattest, wurde vom schwarzen Flügel der Seuche gestreift. Und du selbst hättest mehr als einmal fast dein Leben durch die Hand von Banditen verloren. Aus dem Arbeiterviertel, wo du wohntest, waren die meisten deiner Nachbarn verschwunden. Du wusstest nicht, was mit ihnen passiert war. Ihre Türen waren aus den Angeln gerissen. Etliche Häuser wurden abgefackelt, etliche geplündert. Den eingewanderten Gemischtwarenhändler, der dir stets Kredit gewährt hatte, bis du »mal wieder bei Kasse« wärst – und das in einer Stadt, wo solche Praktiken eigentlich unbekannt sind –, fandest du vor seinem ausgeraubten Laden liegend, den Mund weit aufgesperrt, wie zu einem Schrei. Viele wurden hingerafft von dieser Epidemie, die ohne klare Ursache in der letzten Stadt deiner langen Reise ausgebrochen war. Unter ihnen auch einige deiner Berufskollegen und Stammtischfreunde in der Kneipe. Immer wieder siehst du die Bilder vor dir. Die Opfer, niedergestreckt von der Seuche, auf Strassen und in Quarantänestationen, an Bushaltestellen und in U-Bahn-Schächten. Deine Frau, wie sie dich hinter der Glasscheibe mit matten Augen anstarrt. Husten, der die Lunge zerreisst. Ausgespienes Blut. Nahezu urzeitliche Gefühlsausbrüche und Verhaltensweisen. Masken, die ihre Träger wie Strassenräuber erscheinen lassen. X-Zeichen, mit dicker schwarzer Farbe auf Wände geschmiert, um ein Haus zu markieren. Codierte Gespräche, von denen du nichts verstehst, und beklemmende Stimmen, die sich anhören, als kämen sie aus den Eingeweiden, nicht aus der Kehle.

Ein ums andere Mal kehrt diese Erinnerung zurück, vielmehr dieser Albtraum: Du nimmst die Nebenstrassen, um deine Frau auf einer Isolierstation in der City zu besuchen, wo im Vergleich zu den ausser Kontrolle geratenen Vororten immerhin noch eine gewisse Ordnung herrscht. Von irgendwoher stürzen sich drei Maskierte auf dich. Du trägst einen Beutel mit ein paar Lebensmitteln. Sie zücken Messer, die mit ihren scharfen Klingen den spannungsgeladenen Raum zwischen euch durchfunkeln. Sie befehlen dir, den Beutel auf den Boden zu legen. Sie sagen, wenn du deine Haut retten willst, sollst du ihn fallen lassen und beiseitetreten. Du tust es. Was sie im Beutel finden, reicht nicht aus, um ihren wilden Blick hinter den Larven zu besänftigen. Sie verlangen, dass du ihnen alles Geld aushändigst, das du bei dir hast. Du wirfst ihnen die Brieftasche von weitem zu. Anscheinend ist nicht genug darin, dass sie von dir ablassen. Sie bemerken den Ehering an deiner linken Hand. Sie fordern dich auf, ihn abzuziehen. Es ist schwer, ihn herunterzubekommen. Nicht nur weil sein Verlust für dich schmerzlich wäre, sondern auch weil deine Hände plötzlich anschwellen. Angst treibt dein Blut an, und sie quellen auf wie frische Bauernbrote. Du versuchst, den Ring abzudrehen, aber es gelingt dir nicht. Einer der Maskierten nähert sich vorsichtig. Er fuchtelt mit seinem Messer. Die Bewegung der Klinge ist unmissverständlich. Einer der beiden Banditen im Hintergrund hustet. Es hört sich an, als platzte ihm die Lunge. Gleich würde er ausspucken müssen. Er speit Blut auf den Boden. Du ahnst etwas von seinem Gesicht hinter der Larve. »Eure Hautfarbe ist ja wie meine!«, sagst du in der Landessprache zu dem Maskierten, der auf dich zukommt. Das war naiv, doch du konntest nicht anders. »Schnauze!«, fährt er dich an. »Halt bloss dein Maul!« Er schiebt die Messerspitze zwischen Ring und Finger und beginnt zu hebeln. Es tut höllisch weh. Du siehst das Blut tropfen, aber du unterdrückst deinen Schmerz. Der Ring rührt sich nicht, der Maskierte wird ungeduldig, er ändert seinen Plan, offenbar will er dir den Finger abschneiden. Da erscheint am Ende der Strasse ein Polizeiauto und bewahrt dich vor der Amputation. Als du die Isolierstation erreichst, verpassen sie dir eine Tetanusspritze und verbinden die Wunde. Die stumpfen Augen deiner Frau schauen dich hinter der Glasscheibe an, hoffend, verzweifelt, vorwurfsvoll. Du begreifst nicht, wie sich ihr Blick derart verändern kann, doch du wirst ihn nie vergessen. Das Betreten der verglasten Station, in der Dutzende Infizierte liegen, ist nicht gestattet. Du stehst hinter der Scheibe. Du sprichst zu deiner Frau. Sie kann dich nicht hören. Dir scheint, dass sie von deinen Lippen abliest, was du ihr mitteilen möchtest, denn sie nickt langsam. Ab und zu bekommt sie einen Hustenanfall. Du vernimmst nichts davon, nur an der Erschütterung ihres schmalen Körpers erkennst du, wie massiv er ist. Dann dreht sie den Kopf zur Seite. Du sagst ihr: Alles wird gut. Du bist nicht sicher, dass es so ist. Aber in solchen Situationen muss man das sagen. Wieder nickt sie schwach und lässt ihren matten Blick über dich hinweggleiten, bis er bei deiner verbundenen Hand stockt. Ach, das sei gar nichts, winkst du ab. Bloss ein Kratzer! Es ist dunkel geworden. Schon vor dem Auftreten der Seuche hatte die Nacht in der Grau-Roten Stadt unliebsame Überraschungen bereitgehalten – und wie erst danach! Von jeher hattest du es vermieden, zu später Stunde draussen herumzulaufen. In der Nacht, wenn die Leute in letzten Bussen und Zügen schliefen oder vor sich hin brabbelten, nachts, wenn der Alkohol ihre finsteren Geheimnisse an die Oberfläche spülte und ihre hinter der ehrbaren Maskerade des Tages angestaute Wut gegen andere losbrach, gegen Menschen, die sich nicht wehren konnten oder in fremden, ihren Ohren barbarisch und unverständlich anmutenden Sprachen redeten.

Die Mitarbeiter der Isolierstation, alle mit Gesichtsmasken geschützt, erlaubten dir, auf dem Flur zu bleiben. Dort hielten sich schon einige Leute deinesgleichen auf, die nicht wussten, wohin sie hätten gehen sollen. Am Morgen hast du dich hinausgeschlichen. Der neugeborene Tag – eine graue Kuppel. Wie leergefegt das Stadtzentrum, in dem es gewöhnlich rund um die Uhr von Passanten wimmelte. Nur wenige Geschäfte, die geöffnet hatten, vor ihren Türen wachsame Aufpasser. Geschlossen auch die meisten Cafés, in denen sonst Jugendliche ihren Kaffee tranken, rauchten und unbeschwert fröhlich lärmten. In den Schaufenstern starre Puppen, die mit götzenhafter Teilnahmslosigkeit Moden eines hypothetischen Sommers präsentierten. Eine Luft, so drückend, dass man sie mit Händen greifen konnte. Riesige Bäume, geduckt an ihren Plätzen hockend wie mythische Kreaturen, die zum Sprung ansetzten. Runde Gullys, Einstiege in die Unterwelt, die gusseisernen Deckel entfernt, üble Gerüche verströmend. Soldaten mit bizarrer Ausrüstung, Wache haltend vor sensiblen Regierungseinrichtungen. Schemen, die stockend und vorsichtig von einem Trottoir zum anderen huschten. Polizeiautos und Krankenwagen, die fast leeren Strassen durchpflügend. Ihre quietschenden Reifen, überlaut an diesem stummen Morgen.

In deinen schlimmsten Albträumen wäre dir nie in den Sinn gekommen, dass diese Stadt, deren enge Gehsteige und unterirdische Tunnel Menschen aus allen Ecken der Welt bevölkert hatten, in der sich junge Männer und Frauen mit bisweilen schon peinlicher körperlicher Freizügigkeit umarmten, in der die fröhlichen oder traurigen Weisen der Strassenmusikanten vor bombastischen Warenhäusern und Eingängen in die düstere Unterwelt erklangen – dass dieses Babylon in Grau und Rot, gekrönt mit dem Gold der Kolonialära, einmal von Grund auf verwüstet werden und eine Rückkehr zu vorzeitlichen Waffen erleben könnte, zu vergessenen Symbolen und zu Emotionen, die der Mensch auf seiner langen Reise überwunden geglaubt hatte.

Die trostlose Einsamkeit des grossen Platzes, von dem die Strassen wie ein Labyrinth aus Pflastersteinen abzweigten, erinnerte dich an einen alten Film, der die gleiche menschenleere Gegend nach irgendeiner Katastrophe zeigte, du weisst nicht mehr, nach was für einer, aber diese eine Gestalt siehst du genau vor dir: den Helden des Films, wie er durch die verlassenen Strassen rennt, über die Brücke mit den beiden steinernen Türmen, hinein in ein Gebäude, aus einem anderen heraus, wie sich plötzlich eine wilde Horde auf ihn stürzt und wie er doch entkommt. Den ganzen Film hindurch ist er auf der Flucht. Bilder wie eine frühe, schreckliche Prophezeiung, nur dass in der Realität, im Unterschied zum Film, ab und zu noch Menschen herumliefen. Einige trugen Larven und Handschuhe. Sie verhüllten alles, was auf Hautfarbe, Gesichtszüge oder Identität verweisen konnte. Vermummung gegen den Ansturm von Angst und Gefahr. War das hier so etwas Ähnliches wie damals, in der Stadt der Belagerung und des Krieges? Nein. Oder vielleicht doch. Du weisst es nicht. Die Albträume haben sich mit der Wirklichkeit vermengt. Dein Urteilsvermögen ist geschwächt. Du bist dir keiner Sache mehr gewiss. Zeiten sind verschmolzen, Ereignisse und Gesichter durcheinandergeraten.

DU BIST ALSO ZURÜCKGEKEHRT. Zwanzig Jahre sind vergangen, seit du aus Hâmija geflohen warst. Das weisst du natürlich, und du brauchst niemanden, der dich daran erinnert, wie lange das her ist. Trotzdem glaubst du – wie du es einmal in deinen grüblerischen Gedankengängen auf dem Balkon eures Familienhauses zwischen zwei Hustenanfällen formuliertest –, dass hier ein böser Streich vorliegen müsse, mit dem du nicht gerechnet hattest. Denn wie konnten Dinge überdauern, die verschwunden sein sollten, während die Feinheiten vieler Gesichter verloren sind? Dieses ganze Gerede ist freilich Spiegelfechterei. Anstatt »Zeit« zu sagen, sprichst du von »Dingen« und »Gesichtern«. Dabei ändert die Bezeichnung gar nichts. Wie du weisst – weisst du es wirklich? –, beugt sich die Zeit keinen Wünschen, seien sie noch so sehnlich, keinen Vorsätzen, wären sie auch gleich so fest wie Eisen. Zeit geht eigene Wege, direkte oder listige, um ihre Treffer zu landen, und niemals verfehlt sie das Netz. Kein Schuss an den Pfosten oder ins Aus. Zeit ist auch ein Zug, der keinen Lieblingsbahnhof hat, mag er mal hier verweilen, mal dort vorbeisausen. Vielleicht ist sein Pfiff erst zu vernehmen, wenn er bereits abgefahren ist, seine Spuren aber werden erkennbar, an Gesichtern und Händen, Gestalten und Bildern an der Wand. Die auf dich warteten, erblickten die komplette Karte einer langen Reise auf deinem Gesicht. Zwanzig Jahre, das ist keine blosse Zahl. Sie können, wie in deinem Fall, ein Leben sein, das seinen Kreis vollendet. Aber weisst du, was das Gute daran ist? Dass die Tage weiterrollen, wie auf Rädern, unaufhaltsam und für alle gleich. Sie schleifen und schaben und glätten, was immer sie berühren. Selbst dein anderes Ich, die Person, die du einmal warst, jener Gefährte, den eine rätselhafte Krankheit in seinen Zwanzigern erstarren liess, auch er hat begriffen, was das bedeutet.

VORZEITEN GALTEST DU entweder als Held oder als Verschwörer. Ein tapferer junger Mann, beteiligt an einer heroischen Tat, jedenfalls in den Augen einiger Ausländer, oder ein Grünschnabel, dessen Kopf, wiederum nach Ansicht von Einheimischen, durch importierte Ideen derart vergiftet wurde, dass er sich in eine unbesonnene Aktion verstrickte. Ihr beide, du und dein zweites Ich, die Person, die du einst warst, habt für dein Handeln bezahlen müssen. Er überdauerte – ein Geist, ein Mutant. Ohne zu altern, ohne sich zu verjüngen, behielt er Namen und Leben, die dennoch im Keim erstickten. Du indes wurdest zum Spielball für kalte Bürgersteige, für Stürme, die dein zerfetztes Segel in weite Fernen trieben. Nun, da die Dinge anders liegen, haben sich Namen und Taten auf der Waage nivellierender Vergänglichkeit ausbalanciert. Du bist kein Held mehr, kein Verschwörer. Nur ein halbvergessener alter Mann, zurückgekehrt nach zwanzig Jahren voller Kämpfe und Ideen, die nicht viel verändert haben in deinem Land und vermutlich nirgendwo sonst. Dein früheres Ich freilich, der andere, der du einmal warst, ging hart mit dir ins Gericht. Anscheinend hatte er schon ungeduldig auf diese Gelegenheit gewartet. In seinem Kopf gab es eine lange Liste gärender Fragen. Er trieb dich in die Enge. Verschränkte seine Arme über der Brust, noch immer auf die gleiche jungenhafte Art, und baute sich vor dir auf wie ein hartnäckiger Ermittler. Offenbar hielt er das Verhör, dem du bei der Behörde für Nationale Sicherheit unterzogen wurdest, für unzureichend. Ohnehin war das Urteil gegen dich infolge einer allgemeinen Amnestie, die selbst Delinquenten mit härteren Strafen einschloss, hinfällig geworden. Als du am Flughafen ankamst, hatten dich die Sicherheitsleute passieren und mit deinen Angehörigen ziehen lassen. Sie wussten natürlich, was damals vorgefallen war, äusserten gar Verständnis für deine Situation, baten dich jedoch, gelegentlich bei ihnen »vorbeizuschauen«. Dein Freund Sâlim, ehemaliger Offizier der Nationalen Sicherheit, erklärte dir mit Hilfe seines nur noch zur Hälfte intakten Gedächtnisses, dass sie in der »Firma« niemals eine Akte vernichteten, egal ob der Fall verjährt sei oder wie viele Verantwortliche kämen und gingen. Denn: »Die Behörde für Nationale Sicherheit ist ein Gehirn, das weder altert noch vergisst.« Er sagte das her wie einen auswendig gelernten Text. Also machtest du dich auf den Weg zu jenem fünfzackigen steinernen Stern. Nur zu gut kanntest du das Gebäude, das von weitem an ein eben gelandetes Raumschiff von einem fernen Planeten erinnerte. Aber wie verblüfft warst du über die Veränderung seines Umfeldes, das früher kein Passant zu betreten, kein Vogel zu überfliegen gewagt hätte. Jetzt wimmelte es dort von provisorischen Imbissständen, Notaren, die Verträge beglaubigten, Händlern, die kalte Getränke verkauften, Bittstellern und Schreibern offizieller Korrespondenzen, von Menschen unterschiedlichen Alters, in verschiedenartigster Kleidung, die sich vor der Behörde für Nationale Sicherheit versammelt hatten. Wie auch immer, du warst entschlossen, dich dem zwanzig Jahre verspäteten Verhör zu stellen. Sie hatten es nicht als Verhör bezeichnet, sie sagten nur: »Schauen Sie vorbei, trinken Sie eine Tasse Kaffee mit uns.« Anders als sonst hast du dich nicht provozieren lassen. Du bliebst kühl, ja distanziert, fast möchte ich sagen: abgeklärt. Als ginge es um irgendjemanden, nicht um dich selbst. Es gab auch nichts Neues, was du den dicken Akten, die sich vor den drei namenlosen jungen Offizieren in nahezu identischem Zivil stapelten, hättest hinzufügen können. Beim Anblick des kleinen Papierberges musstest du lachen. Fast hättest du einen Hustenanfall bekommen. Einer der Offiziere, vermutlich der Ranghöchste unter ihnen, fragte: »Worüber lachen Sie?« – »Habe ich das alles verbrochen?«, sagtest du und zeigtest auf den Haufen Dossiers. Du kanntest diesen Trick, hattest in deiner Organisation beim psychologischen Training für den Fall einer Vernehmung davon gehört. Dir sollte das Gefühl vermittelt werden, dass sie über jedes noch so kleine Detail deines Tuns und Lassens umfassend informiert wären: Hier, in diesen Akten, steht alles drin! Leugnen zwecklos! Anscheinend hatte die Firma einiges von den Gepflogenheiten der Vergangenheit beibehalten. Trotzdem war dir klar, dass sie eine Menge von dir wussten. Deine Tarnung hatte sie nicht lange täuschen können. Kurz nachdem du in die Stadt mit Blick auf das Meer geflohen warst, hatten sie dich aufgespürt. Auch dort hatten sie ihre Augen und Ohren. Es überraschte dich nicht. Dir war bekannt, dass die Behörde für Nationale Sicherheit in dieser Stadt, einem Tummelplatz für zahlreiche ähnliche Dienste, aktiv war. Vielleicht war sie sogar der aktivste. So bestand durchaus der Verdacht, dass es trotz aller Filter, die neue »Partisanen« passieren mussten, bevor sie die Mitgliedschaft in der Organisation erlangten, unter euch Spitzel geben könnte. Mit Infiltration ist im Untergrund immer zu rechnen, sie lässt sich nie völlig vermeiden. Politische Aktivisten in Hâmija wussten, dass die Behörde für Nationale Sicherheit in Abhörtechniken, in Überwachung und Ermittlung, in Propaganda und psychologischer Kriegführung weiterentwickelt war als andere ihresgleichen in den Nachbarländern. Denn dieser so gut wie fenster- und balkonlose steinerne Stern, der, fünfzackig gespreizt, unnahbar in der Einöde thronte, beherbergte Spezialisten für Psychologie, zuständig für das Lesen zwischen den Zeilen, das Ausstreuen von Gerüchten und Entlarven von Tarnungen. Seine Ermittler wandten nicht die herkömmlichen Vernehmungsmethoden an, um Politaktivisten Geständnisse und Informationen zu entreissen, vielmehr stützten sie sich auf raffinierte moderne Verfahren, die sie im Ausland erlernt hatten. Unterwanderung war immer eine gängige Praxis gewesen, aber die Behörde für Nationale Sicherheit perfektionierte sie, auch mit Flüsterpropaganda, um die Oppositionskräfte zu verwirren und an sich selbst zweifeln zu lassen.

Da gab es manch einen, der argwöhnte, dein alter Freund Machmûd sei von denen eingeschleust worden. Du hattest ihn nie verdächtigt. Du kanntest seinen Hang, im Rampenlicht zu stehen, sich hervorzutun und andere auszustechen. Doch misstraut hast du ihm nicht. Hattest ihn sogar nach Kräften verteidigt. Führtest Argumente und Einwände zu seinen Gunsten an, zum Beispiel, dass Machmûd von der Geflügelfarm gewusst habe, in der du dich vor deiner Flucht ins Ausland versteckt hieltest. Wäre er ein Maulwurf gewesen, hätte er dich denunziert. Die Skeptiker erklärten, das sei kein Beweis. Im Gegenteil. Machmûd hätte dir und ihnen gerade diesen Eindruck vermitteln wollen, um seine Auftragstätigkeit unangefochten im Ausland fortsetzen zu können. Jene Diskussion über Machmûd fiel dir in der Behörde für Nationale Sicherheit wieder ein, als sie bei ihrem Kaffeekränzchen anfingen, von der Stadt mit Blick auf das Meer zu reden, von dem Apartment, in dem du für kurze Zeit gewohnt hattest, den Waffen, die darin lagerten, den Landkarten für die Operation zur Erstürmung von Hâmijas Botschaft in einer asiatischen Metropole. Sie beschrieben dir die Wohnung in allen Einzelheiten, ihre genaue Position im Gewirr der Gassen, in welchem Stockwerk sie lag, aus welchem Metall der Türgriff war, aus wie vielen Zimmern sie bestand, welche Farbe die Vorhänge hatten. Du dachtest an den Verantwortlichen für externe Operationen in deiner Organisation; er war es gewesen, der dich in jenem Apartment untergebracht hatte. Flüchtig ging dir durch den Sinn, wie ihr euch damals in einem traditionellen Café getroffen hattet. Du sahst ihn wieder vor dir, sein helles, feingeschnittenes Gesicht, sein dunkelblondes Haar. Doch dann, als er aus irgendeinem Grund lachte, du weisst jetzt nicht mehr, worüber, waren seine kaputten Zähne zum Vorschein gekommen. Während einer der jungen Ermittler weiter über die Wohnung redete, überlegtest du, warum sich der »Chef für Auswärtiges« immer das Lachen verkniffen, ja kaum einmal gelächelt hatte – wahrscheinlich war es wegen seiner Zähne. Die sind sein Komplex gewesen!, dachtest du. Auch du hattest deinen Komplex. Das leichte Schielen des linken Auges. Deshalb schautest du deinen Gesprächspartner nie direkt von vorn an. Stattdessen hattest du eine genau berechnete Kopfhaltung entwickelt, bei der sich beide Augen parallel auf dein Gegenüber richteten. Dutzende Male hattest du diese Drehung vor dem Spiegel geübt, bis du sie perfekt beherrschtest. Deine Verlegenheit wegen des Schielens verlor sich erst, als es jene, die du liebtest, einen »hübschen Silberblick« nannte. Ausser Machmûd hatte dich, soweit du dich erinnern konntest, niemand in der provisorischen Wohnung besucht. Oder doch!, jetzt fiel es dir wieder ein. Da war diese Frau, die du in irgendeiner Bar in der Stadt aufgegabelt hattest. Machmûd war mit von der Partie gewesen. Du fragtest dich, wieso ihr zuletzt in dieser Bar gelandet wart. Ihr brauchtet noch einen Absacker. In einer Gegend, die infolge des Krieges wie ausgestorben wirkte, wart ihr bereits durch einige Kneipen gezogen, hattet mal hier, mal da ein Glas geleert. Jene schummrige Bar erinnerte euch an eine ähnliche, die ihr in Hâmija öfter aufgesucht hattet. An der Holztheke lungerten ein paar verdriesslich rauchende junge Frauen, in Dämmerlicht getaucht wie das ganze Etablissement. Du weisst nicht mehr, wie viele es waren. Vier oder fünf. Ausser ihnen hockten da noch zwei Gammler, die gedankenverloren vor sich hin tranken und rauchten, als weilten sie in einer fernen Welt. Sobald ihr die Bar betratet – zwei grosse junge Kerle, einer mit langen Haaren und hängendem Schnauzer, der andere mit Stoppelhaar und gestutztem Lippenbärtchen –, kam Leben in die dunklen Frauen. Ihr bestelltet ein Bier. Es war eure erste ausgedehnte Kneipentour in dieser Stadt, und ihr wolltet sie mit einem kühlen Blonden beschliessen. Ihr setztet euch gegenüber an einen Holztisch mit Bänken, ähnlich wie in der Schule. Zwei der Frauen näherten sich mit schwingenden Hüften und fragten, ob sie euch Gesellschaft leisten dürften. Ihr hattet nichts dagegen. Die sich neben dir niederliess, war älter als du. Schätzungsweise in den Dreissigern. An deinem starken Akzent merkte sie gleich, dass du kein Einheimischer warst. Sie fragte dich, aus welchem Land du stammtest, und du hast es ihr gesagt. Das war dein erster Fehler. Oder vielmehr der zweite. Denn die Instruktionen verpflichteten euch, aus Sicherheitsgründen zweifelhafte Kontakte wie diese von vornherein zu meiden. Sei es aus Trunkenheit, angestauter Begierde oder beidem zusammen, du nahmst die Frau mit in jenes Apartment. Du hast mit ihr geschlafen – insgeheim musst du jetzt beinahe lächeln, wenn du dich daran erinnerst, wie clever sie vortäuschte, erregt zu sein, und wie sie es genoss, dich damit hereingelegt zu haben. Du gabst ihr Geld, und sie ging. Das war dein dritter Fehler. Ist sie es gewesen? Wer weiss. Aber nein. Sie hatte dich ja nicht verfolgt. Du warst es, der von sich aus in diese dämmrige Bar gestolpert kam. Es interessiert dich auch nicht mehr, wer der Denunziant gewesen ist. Mit der Erstürmung der Botschaft hattest du jedenfalls nichts zu tun. Eigentlich standest du der Abteilung für externe Operationen nicht einmal besonders nahe. Zwar hattest du wie die anderen eine Grundausbildung absolviert, jedoch nie im militärischen Flügel gearbeitet. Deine Tätigkeit für die Organisation war im Ressort Aufklärung und Mobilisierung angesiedelt. Und als dich der Verantwortliche für externe Operationen in jenem Apartment unterbrachte, lag der Anschlag auf die Botschaft mitsamt seinen Nachwirkungen schon mindestens ein Jahr zurück. Sicherlich hatte die Aktion nicht zum Ziel gehabt, jemanden zu ermorden, sondern den Botschafter als Geisel zu nehmen und ihn gegen Gefangene aus eurer Organisation auszutauschen. Niemand weiss genau, wer das Feuer eröffnete: die Leibwächter des Botschafters oder einer aus dem Überfallkommando. Doch wer auch immer den ersten Schuss abgefeuert hatte – die Operation endete in einem Blutbad. Der Botschafter, zwei seiner Bodyguards und drei der Eindringlinge kamen ums Leben. Das Supportteam wurde verhaftet. Blieb aber nicht lange im Gefängnis, denn die Abteilung für externe Operationen der Organisation kidnappte den Botschafter des asiatischen Landes in geheimer Absprache mit einem befreundeten Staat in dessen Hauptstadt, und hinterher wurde er gegen das in seinem Land inhaftierte Team ausgetauscht. Du erklärtest den Offizieren, dass du überhaupt nicht an der Operation beteiligt warst. Der anscheinend Ranghöchste unter ihnen erwiderte, das sei ihnen bekannt. Sie hätten nur gern deine Version gehört. Und weiter sagte er, es handele sich um eine rein verfahrenstechnische Angelegenheit, denn sämtliche Urteile in der Sache seien inzwischen aufgehoben. Es gehe lediglich darum, die Akten zu schliessen. Du wandtest ein, der Verantwortliche für die Auslandseinsätze eurer Organisation sei aber verschwunden, nachdem er die Grenze zu einem mit euch sympathisierenden Staat überquert habe, und seither fehle jede Spur von ihm. Auch hierüber seien sie informiert, meinte er im Ton eines allwissenden Insiders, das sei ja schon vor zehn Jahren geschehen. Du konntest dir nicht verkneifen, ihm mit einem Anflug von Sarkasmus zu entgegnen, warum er dann nicht den Generalsekretär der Organisation befrage, der sei doch vor dir ins Land zurückgekehrt. Der vermutliche Vorgesetzte der Offiziere nickte. »Wir haben ihn gefragt«, sagte er im gleichen Tonfall. »Tatsächlich haben wir uns bei allen Ihren Genossen, die in den Schoss der Heimat zurückfanden, bereits umgehört!«

ICH BIN JÛNIS AL-CHATTÂT, der Mann, der dieser Zurückgekehrte vor zwanzig Jahren einmal war. Seit langem hatte ich auf diese Gelegenheit gehofft, die sich in jener Nacht bot, als wir auf dem Balkon unseres Hauses, unterbrochen von seinen Hustenanfällen und Schweissausbrüchen, das Gespräch eröffneten. Er tat mir leid, aber ich habe mein Mitgefühl unterdrückt. Ich erzählte ihm keine Geschichte, wie er sie erwartet hatte. Redete auch erst, nachdem er zu Ende war mit seiner Story von dem anderen Mann, der denselben Namen trug, den gleichen Beruf ausübte wie er. Sollte wohl eine Entsprechung zu meiner Geschichte über ihn sein, eine Art Gegenstück. Doch er wählte den falschen Einstieg mit dieser Fabelei, die mir ohnehin ziemlich konstruiert vorkam – ein Hirngespinst über einen, dessen Name zufällig genauso lautete wie sein eigenes Pseudonym, irgendjemand, von dessen Existenz er zuvor nichts geahnt und dessen Bekanntschaft nicht das Geringste am weiteren Verlauf seines Lebens geändert hatte. Eine dieser dummen Fügungen, wie sie Menschen immer wieder ereilen, ohne dass eine Gesetzmässigkeit dahintersteckt oder eine tiefere Bedeutung zu erkennen wäre. Ich erklärte ihm, seine Story genüge nicht als Vorwand, um behaupten zu können, damit wären die Dinge bereinigt. Ja, ich verhöhnte seine Verse, in denen er Vater und Mutter betrauerte, und jene anderen, in denen es um Rula ging. Ich fragte ihn: »Auf welchem Trottoir hast du dich denn gerade herumgetrieben, als dein Vater, noch immer die Kippe im linken Mundwinkel, tot in seinem Atelier aufgefunden wurde? In welcher Kneipe, welchem Café hast du dein Glas geleert oder deine Tasse Kaffee geschlürft, während deine Mutter in Hâmijas öffentlichem Krankenhaus vom Krebs aufgefressen wurde?« Ich sagte ihm: »Keine Worte, wie reumütig oder bedauernd sie auch sein mögen, können den Blick deiner Mutter gen Westen aufwiegen, hin zu jenem Schlund, von dem sie meinte, er habe dich für immer verschluckt.« Und weiter sagte ich, dass ihn Rula nicht verraten, Chalaf ihn nicht hintergangen habe. Ich berichtete ihm von Muchsins Selbstmord. Erzählte, dass die Genossin Hanân gestorben sei, Hâla einen Geschäftsmann geheiratet und Hassîb sich quasi in Luft aufgelöst habe. Teilte ihm mit, dass unser »Däumling« jetzt Anführer einer Schmugglerbande sei und Salmân, sein erster Lehrer in arabischer Dichtung, missionierend durch die Dörfer und Siedlungen ziehe. Ich erwähnte Namen, die ihn überraschten, und solche, an die er sich sofort erinnerte. Ich begegnete ihm mit einer Härte, die er nicht erwartet hatte. Ja, ich spielte mit ihm Teufels Advokat. Er sollte sich einmal etwas anderes anhören müssen als die Beteuerungen seiner Brüder und Schwestern, wie sehr sie sich nach ihm gesehnt hätten, wo sie doch in seiner Abwesenheit ganz gut zurechtgekommen waren. Alles war echt – ihre Erinnerungen, ihre Sehnsüchte, ihr herzliches Lachen –, aber wahr ist auch: Das Leben hier, fern von ihm, war, ohne seiner zu bedürfen, einfach weitergelaufen, denn das Leben wartet auf niemanden, und es bleibt nicht stehen, wenn jemand weggeht. Eine Binsenweisheit, dem Dummkopf bekannt wie dem Gelehrten – erstaunlich, dass er sie vergessen konnte. Rula hatte gewartet, solange sie es vermochte. Männer warben um ihre Zuneigung, manche wollten sie als Ehefrau, manche als Geliebte. Doch sie lehnte ab, wieder und wieder. Erfand zahlreiche Ausreden und Hinderungsgründe, einige überzeugend, andere nicht. Chalaf stand ihr die ganze Zeit zur Seite. Weder verheimlichte er seine Verbundenheit mit dem geflohenen Freund, noch distanzierte er sich von ihm, obwohl dergleichen für einen Sicherheitsmann in Hâmija nicht so leicht war. Einmal musste ihm doch jemand die Wahrheit sagen, und keiner kann das besser als ich. Solange noch ein Tropfen meines Blutes durch seine Adern fliesst, wird er wissen, dass ich der Einzige bin, der ihn niemals anschwindelt oder ihm schmeichelt. Denn wie könnte man sich selbst belügen? Natürlich, es gibt Leute, die das tun. Leute, die sich etwas vormachen. Aber ich meine, ein Augenblick ehrlicher Selbstbefragung dürfte genügen, um die Wahrheit über sich zu erfahren. Und da sind ausser mir noch andere, die ihn nicht angelogen haben. Sâlim zum Beispiel, jedenfalls sooft die wache Hälfte seines Gehirns imstande war, das entsprechende Signal zu empfangen, und er kapierte, wer die Person war, die mit ihm redete. Oder Wahîd, der ihm zudem eine Menge verlorener Erinnerungen an die Streiche ihrer Jugendzeit wieder ins Gedächtnis rief. Nicht einmal sein Bruder Schihâb scheute sich, ihm einige unerfreuliche Dinge an den Kopf zu werfen. Und er glaubte Schihâb; ohne seine unverblümte Grobheit wäre der eine Kopie seines Vaters. Einmal fragte mich der Heimgekehrte mit einem Blick in den Spiegel, ob er sich sehr verändert habe. Ich sagte: »Na klar hast du das, jeder ändert sich, was denkst du denn?« Dabei verschwieg ich ihm aus Mitgefühl, dass ihn seine Verwandten, die am Flughafen auf ihn warteten, zuerst gar nicht wiedererkannt hatten. Die ganze Familie war gekommen, natürlich ausser den Eltern, die inzwischen verstorben waren, und seinem älteren Bruder, der jetzt im Land der Palmen und des Erdöls wohnt. Als er die Zollkontrolle passiert hatte und seinen Gepäckwagen mit dem Koffer und ein paar Plastiktüten weiterschob, wäre er beinahe an ihnen vorbeigegangen, ohne dass sie ihn erkannten. Sie konnten kaum glauben, dass er derselbe Mensch sein sollte, der einst so gross gewesen war, so rank und schlank wie Bambusrohr. Eine züngelnde Flamme. Einer, der den Teufel im Leib hatte. Fröhlich. Laut. Hart und zärtlich. Zwar hatten sie Fotos von ihm in Magazinen und Zeitungen gesehen, doch Bilder sind die eine Sache, die Wirklichkeit ist eine andere. Mit ihren erwartungsfrohen Augen bemerkten sie, was die Werkzeuge der Zeit an seinem Gesicht, seinen Schultern, seiner Gestalt, in seinen Gesten angerichtet hatten, und sie hörten seinen Husten, den er mit einem bereitgehaltenen Taschentuch in seiner Hand zu dämpfen versuchte. Seine innerliche Ermattung schien ihnen offenkundig, seine Ratlosigkeit fest verwurzelt. Trotzdem beteuerten die Mitglieder seiner Familie, dass er jünger und gesünder aussehe als auf den Fotos. Was einfach nicht stimmte. Aber für sie war nur wichtig, dass er zurückgekommen war, und nicht, auf welche Weise und in welcher Verfassung. Einvernehmlich, ohne Absprache, ignorierten sie alles, was ihnen und ihm seine glückliche Heimkehr verderben konnte, zumal es ihm schwer genug fallen musste, sich wieder hier zurechtzufinden. Eine Zeitlang funktionierte ihre Übereinkunft. Er selbst ging bereitwillig darauf ein. An die Grau-Rote Stadt dachte er nur beim Vergleichen zwischen Hier und Dort, was Verhalten, Ordnung oder Entwicklung betraf, und seltsamerweise fiel dieser Vergleich meist zugunsten des letzten Ortes seiner langen Reise aus, jener Metropole, aus der er mit gebeugter Gestalt und rotgetupftem Taschentuch zurückgekehrt war. Das alles geschah tagsüber, inmitten der brennenden, provinziellen Neugier seiner Zuhörer. Nachts sah die Sache anders aus. Die Nacht hatte er für sich allein. Eine Nacht, die kein Rendezvous mit Husten und Schlaflosigkeit verpasste, mit ungeordneten, zusammenhangslosen Bildern, die ihm durch den Kopf schwirrten. Niemand kann die Erinnerungsmaschine an ihrer Tätigkeit hindern. Soviel ich weiss, gibt es keine Erfindung, die imstande wäre, das Gedächtnis zu bändigen und nach Wunsch und Bedarf arbeiten zu lassen … Selbst mir mit meinen wenigen aufgebauschten Erinnerungen gelingt es nicht, ihre schlimmsten Attacken abzuwehren.

EINES NACHMITTAGS STIEG ER