Verlag: Fehnland-Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 237

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung WohinWohin - Lisa Weichart

Wohin nur, wohin mit den Gedanken, die da sprudeln? Sie dienen dem Zweck, sich daran zu erfrischen und warten in gedruckter Form in diesem Büchlein auf Sie. Neue Short Stories aus der Feder von Lisa Weichart laden zu schrägen Perspektiven ein, zur träumerischen Sicht auf vermeintlich Reales – und zum realen Blick auf Nebulöses. Sie wollen unterhalten, aber auch fragen, wohin der Lesende denn überhaupt möchte mit den Gedanken und liefern mögliche Antworten gleich mit. Mal melancholisch, aber überwiegend heiter. Ein Geschichtenbuch voller überraschender Einsichten.

Meinungen über das E-Book WohinWohin - Lisa Weichart

E-Book-Leseprobe WohinWohin - Lisa Weichart

WohinWohin

33 kurze Geschichten

Lisa Weichart

Erstausgabe im Oktober 2018

Alle Rechte bei Verlag/Verleger

Copyright © 2018

Fehnland-Verlag

26817 Rhauderfehn

Dr.-Leewog-Str. 27

www.fehnland-verlag.de

Coverdesign: Scandals under Cover

gedruckt bei Bookpress.eu in Polen

Inhalt

Busfahrt

Lenkrad

Mauerdrücker

Rosarot

Wartezeiten

Handarbeit

Umgewandelt

Blechlilien

Apart

Eiskaffee

Jolene

Die Falte

Versteckspiele

Passt schon

Donauwellen

Die Traumklopferin

Einkehrtage

Winterküche

RotHäppchen

Que Será

Satt

Delfin

Honig

Krähengespräche

Krähengespräche, fortgesetzt

Wohin

Wohin, weiter

Die Burg

Regenstück

Badetag

Evis Geschichte

Spinat

Oktovember

Busfahrt

Wie: »Für so was«? Babs und ich krin­gel­ten uns vor La­chen, als der Bus an­fuhr, wir schleu­der­ten mit den Hüf­ten an­ein­an­der, das heißt: Mei­ne Hüf­te ge­gen ih­re Ober­schen­kel, denn sie war um ei­ni­ges grö­ßer als ich, ob­wohl wir gleich alt waren und die­sel­be Klas­se des Gym­na­si­ums be­such­ten. Un­se­re Schul­taschen waren Um­hän­ge­beu­tel aus Leder, wir tru­gen ähn­li­che Je­ans, auf die wir mit Ku­li ge­malt hat­ten, meis­tens wäh­rend Re­li­gi­on. Oder Mat­he, egal – die Welt war uns zu eng, zu klein und vor al­lem zu alt, und wir ahn­ten, dass Zu­kunft et­was völ­lig an­de­res ist als das, was uns Leh­rer und Eltern uns zu sug­ge­rie­ren ver­such­ten. Babs heißt Bar­ba­ra, und das Pein­lich­ste, was ihr je wi­der­fah­ren konn­te, war, von ih­rer Mutter ir­gend­wo mit­ten un­ter Leu­ten »Bär­bel« ge­ru­fen zu wer­den. Ein­mal hat­te ich es ge­hört, es klang wie der Ruf nach ei­nem Bau­ern­mäd­chen auf Post­kar­ten, ei­nem »Mä­del« mit Milch­kan­ne und Melk­sche­mel, das adrett (wie man sag­te) war und nicht Tee­na­ger wie wir. Ein­fach ganz nor­ma­le Tee­na­ger im Ver­gleich zu den Idealen, die sie im Kopf hat­ten, es war grau­sig, da­rüber nach­zu­den­ken. Wir ver­mie­den es.

»Für so was!«, der Al­te bro­del­te weiter sein Zi­schen im vor­de­ren Drit­tel des Bus­ses, sein stren­ger Schei­tel kreis­te, ei­nem Zei­ger gleich, über Dut­zen­den von wir­ren Schüler­köp­fen, wäh­rend Babs und ich ver­such­ten, oh­ne fest­zu­hal­ten Stand zu be­kom­men. Es klapp­te, denn der Bus war voll. Auch Jungs, sie tru­gen da­mals ko­mi­sches Zeug: Cord­ho­sen, lap­pi­ge Turn­schu­he, Käm­me in den Ge­säß­taschen und sie ro­chen nach Schweiß oder Kau­gum­mi oder ei­nem Ge­misch da­raus. Nach Turn­beu­teln stan­ken sie, und ih­re Stim­men klapp­ten von Hoch bis tief in ge­mei­ner Lauts­tär­ke, wie Foh­len klan­gen sie, und ih­re Bei­ne sa­hen auch so aus wie de­ren dür­re Bei­ne. Bis auf ein paar Di­cke, wir be­ach­te­ten sie nicht.

Bei der näch­sten Hal­tes­tel­le stie­gen ei­ni­ge Leu­te aus, neue ein. Da­mals waren na­he­zu alle Men­schen Re­gens­bur­ger Ein­hei­mi­sche, Aus­län­der ei­ne Sel­ten­heit. Oder wir er­kann­ten die we­ni­gen nicht als sol­che, ich weiß es nicht mehr. Aber es liegt nah an der Wahr­heit, wenn die Er­in­ne­rung die­se Tat­sa­che als sol­che ab­ge­spei­chert hat, da bin ich mir si­cher. Babs und ich muss­ten fast bis zur End­hal­tes­tel­le fah­ren. Ir­gend­wann leer­te sich der Bus ein we­nig, wir sa­hen, wen der al­te Mann an­zisch­te:

Gre­gor. Der Typ aus dem Pindl-Gym­na­si­um thron­te auf dem Schwer­ver­sehr­ten­sitz. Sei­ne Haa­re strahl­ten blon­der als mei­ne zu die­ser Zeit, al­so fast weiß. Et­was Her­ri­sches haf­te­te ihm an, wie er mit ste­chend blau­en Augen zum Fens­ter hin­aus sah, als be­ob­ach­te er Wild­pfer­de oder als hiel­te er Ver­fol­ger mit pu­rer Wil­lens­kraft in Schach. Sei­ne Schul­tern: Zum Hin­ein­sprin­gen kräf­tig, so­gar von hin­ten be­trach­tet. Wir waren Jungs nicht ge­wöhnt an der Mäd­chen­schu­le, al­so schau­ten wir im Bus ge­nau hin, wenn wir ei­nen sa­hen. Nor­mal­er­wei­se läs­ter­ten wir dann, Läs­tern ist ei­ne stun­den­fül­len­de Be­schäf­ti­gung in dem Al­ter, und ich den­ke, da­ran hat sich bis heu­te nicht viel ge­än­dert. Aber jetzt ver­ga­ßen wir es, denn er war ein Gott, ein­fach ein Gott. Ich sah Babs sich hoch auf­rich­ten und ih­re küm­mer­li­che Brust her­aus­stre­cken, als näh­me er sie wahr. Ich sah sie ko­misch lä­cheln, ihr Haar ge­künst­elt her­um­wer­fen, hör­te sie la­chen, als kä­me ih­re Stim­me aus ei­ner be­son­ders wit­zi­gen Ra­dio­sen­dung und wuss­te nicht, ob sie noch bei mir war mit die­sem Humor oder ein­fach nur Sig­na­le sen­de­te, da­mit Gre­gor end­lich her­schau­te.

Ich ließ mich dicht hin­ter ihr durch die Men­ge drü­cken, immer weiter nach vor­ne, bis wir in der Nä­he des Al­ten zum Ste­hen ka­men. Ich hör­te mei­ne eige­ne Al­bern­heit ki­chern, viel zu hoch; ich un­ter­hielt mich mit Babs, da­mit er mich hö­ren konn­te, sich end­lich um­dreh­te. Gre­gor na­tür­lich, aber wer dreh­te sich um? Der Al­te. Von vor­ne sah er aus wie der Mond. Kra­ter sei­ne Nar­ben, Silber­schein die Bart­stopp­eln. Ein Mund wie ein Loch, er war schief und zit­ter­te grau­sig. Gott­sei­dank wen­de­te er sich gleich wie­der in Fahr­trich­tung, sein Na­cken: ei­ne Leder­schwar­te, so braun wie mein Fe­der­mäpp­chen. Wie er roch, kann ich nicht mehr sa­gen, aber in der Er­in­ne­rung waren es Teer und Pul­ver, wie zu Sil­ves­ter die Kra­cher ro­chen, so stank er aus dem Man­tel, den er trug, ob­wohl Som­mer war.

Die Hal­tes­tel­le vor un­se­rer: Gre­gor stand schlak­sig auf, schau­te gla­sig über den al­ten Mann hin­weg (ob­wohl sie gleich groß waren oder fast), und er grins­te ge­nau so, dass man nicht wis­sen konn­te, ob er über­haupt grins­te oder ob es nur ein Zäh­ne­ble­cken war, wie bei Hun­den sah das aus, es war häss­lich in sei­ner Schief­heit, ob­wohl Gre­gor sonst wirk­lich hübsch wirk­te. Bäh, er hät­te so­gar mei­ner Mutter ge­fal­len, ich bin mir si­cher. Schon ver­warf ich den Ge­dan­ken, denn ich mach­te mich lang und schlank, in­dem ich mich auf die Ze­hen­spit­zen stell­te und den Hals her­vor steck­te, bis er schmerz­te, mein Haar nach hin­ten schleu­der­te (wie Babs vor­her) und ga­cker­te:

»Ach, ist das höl­lisch heiß«, wo­bei ich ver­zwei­felt Augen­kon­takt such­te zu dem Stahl­blau, zu dem Fla­ckern zwi­schen Männ­lich­keit und Lä­cher­lich­keit. Er sah mich nicht, er sah nicht Babs. Aber der Al­te schrie auf ein­mal sei­nen gan­zen Satz, be­vor er sich auf den nun frei ge­wor­de­nen Schwer­be­hin­der­ten­platz fal­len ließ:

»We­gen so was war ich im Krieg!«

Gre­gor stieg aus, und ich mei­ne, ein Zit­tern in sei­nen lan­gen Glie­dern wahr­ge­nom­men zu ha­ben, ein ganz fei­ges, doch selt­sam stol­zes. Doch, er ge­fiel mir noch immer, wie er zurück­blieb, als der Bus wie­der an­fuhr, in sei­nem zu en­gen schwar­zen To­ten­kopf-Shirt. Aber der Mann war direkt ne­ben mir, und ich sah, dass er sich die Augen ab­wisch­te, viel­leicht hat­te er die­se Alters­feuch­te, die­ses häss­li­che Zeug, das all die Grei­se eben ha­ben. Ir­gend­et­was wür­de es schon sein, ver­dammt, es muss­te et­was Krank­haf­tes sein, ich fleh­te fast, wäh­rend ich lach­te, um Babs ab­zu­len­ken, die Gre­gor hin­ter­her starr­te, die Lip­pen of­fen wie zum Pfei­fen.

Da sah mir der Mann direkt in die Augen, und ich blick­te zu Boden. Nicht die­sen Blick ab­be­kom­men, nicht die­sen Blick. Ich sah sei­ne Pro­the­se an ei­nem Bein durch die Ho­se ge­beult, un­na­tür­lich dick das Knie im Ver­hält­nis zum an­de­ren. Und über dem Schuh das Holz, er hat­te kei­ne So­cken an. Er hat­te sich gar nicht die Mü­he ge­macht, So­cken an­zu­zie­hen. Oder er hat­te sie ver­ges­sen, ein Holz­bein fror oh­ne­hin nicht. Viel­leicht hat­te er kein Ge­fühl. Kein Ge­fühl für die Zu­kunft. Ich stand bis zu­letzt ne­ben ihm, beim Aus­stei­gen half ich ihm kei­nes­wegs. Wo­zu auch, er war nicht aus un­se­rer Zeit, er exis­tier­te ge­wiss­er­ma­ßen über­haupt nicht hier in die­ser Zeit, er war im Panzer, an der Front oder im Gra­ben. Aber er traf mich noch ein­mal, der Blick. Jetzt mit tro­cke­nen Augen, es waren stahl­blaue, wie die von Gre­gor, und sie schwam­men in ei­nem Meer von Trau­rig­keit.

Lenkrad

Der Spiegel log, denn das Licht fiel nicht rich­tig ein an die­sem Ok­to­ber­nach­mit­tag, son­dern es zit­ter­te vor Schwäche, weil ihm die Kraft des Som­mers ab­hand­en­ge­kom­men war. Und doch lag die Im­per­fek­tion alles Ech­ten da­rin, sich so zu se­hen. Pia stand vor dem Spiegel­schrank im Schlaf­zim­mer, eigent­lich hat­te sie nur die Pull­over vom obe­ren Fach her­un­ter ho­len wol­len, die­se leich­ten, pas­tell­far­be­nen, für die Jah­res­zeit an­ge­neh­men. Dann war sie über die Hemd­chen mit Är­meln ge­kom­men, auch Woll­sa­chen. Wär­me such­te sie da, und Er­in­ne­run­gen ans Vor­jahr kro­chen aus Duft­kis­sen, als seien sie ein­fach mit et­was Atem wie­der frisch zu hau­chen. Ein­ge­näh­te Blüten in Ga­zes­toff, klei­ne Bün­del mit Som­mer, ir­gend­wann mit Par­füm be­netzt, weil sie Pia zu scha­de waren zum Weg­wer­fen und weil es sinn­los war, neue Blät­ter hin­ein zu ge­ben. Wo­zu. Man konn­te die Din­ger im Dro­ge­rie­markt kau­fen, ein­fach be­sor­gen oder schi­cken las­sen konn­te man sie heut­zu­ta­ge. So schmal war Pia, so klein der Bauch, so flach ih­re Brust. Das Kind, das Kind. Es war so nah, als sei es da; es bohr­te in Pia he­rum mit Ge­len­ken wie Holz und Gum­mi. Schwar­ze Haa­re, flun­ker­te das Licht durchs Fens­ter, und sie sah ihr glä­ser­nes Lä­cheln sehr zer­brech­lich da­ne­ben, wuss­te sie doch: Mir­kos Flaum war hel­ler als die­ser tro­cke­ne Sand­strand da­mals auf Rho­dos, als sie merk­te, dass sie mit ihm schwan­ger war.

Man be­kommt sie so schnell, die Kin­der. Sie be­kam ihn schnell, den Sohn, er be­kam ihr gut. Sie hat­te ihn be­kom­men, er kam nicht mehr. Wort­spie­le im Spiegel, hin­ter des­sen Türen die Foto­al­ben. So et­was ge­hört in den Schlaf­zim­mer­schrank, dach­te Pia, das ist der Ort, den Ein­bre­cher zu­erst durch­su­chen. Viel­leicht wür­den da­bei die Al­ben her­aus fal­len. Man soll­te das Fens­ter of­fen­las­sen, sperr­an­gel­weit of­fen für Ein­dring­lin­ge, die beim Wüh­len die Al­ben aus dem Schrank auf den Boden wür­fen, die Sei­ten könn­ten auf­klap­pen. Pia konn­te es nicht. Und doch wuss­te sie, was sie se­hen wür­de.

Mir­ko war ein Pum­mel­chen mit kräf­ti­gen Glied­ma­ßen und stäm­mig. Ein gro­ßer Kopf für ein klei­nes Ba­by. Er be­hielt die Pro­por­tio­nen. Kin­der­gar­ten­bil­der zeig­ten ihn la­chend, sei­ne Lip­pen: der Saug­mund, Bus­si, jetzt Pausen­bro­te und er­ste Chips ein we­nig spä­ter. Ir­gend­wann der Män­ner­blick in der Grund­schu­le, von un­ten her­auf und doch von oben he­rab, et­was Schlit­zäu­gi­ges, Her­ab­las­sen­des hat­te sich ein­ge­schli­chen. Und doch war sein La­chen ihr Le­ben. Die Bil­der an­zu­se­hen wür­de ihr die Kraft rau­ben, sein An­blick wür­de da­ran sau­gen wie da­mals er selbst an ih­rer Brust. Wie­der zog in ihr das in­ne­re Glo­cken­seil, dass sie schwank­te, die Hand an den Spiegel leg­te. Über­all waren da­mals sei­ne Fin­ger­ab­drü­cke ge­we­sen. Patsch­hän­de an Mö­beln, Tür­stö­cken, Türen. Spiel­zeug auch über­all, das bat­te­rie­be­trieb­ene Lenk­rad mit drei Sounds (Hu­pe, Quiet­schen und Brem­sen) war das Schlimm­ste ge­we­sen. Sie hat­te es immer wie­der ver­steckt, ein­mal hat­te er es ge­fun­den und in die Du­sche ge­legt, ab­ge­braust, dann war es end­lich ka­putt. Sei­ne Trä­nen waren immer als Bub­ble-Tea-Kugeln, nie als Tröpf­chen ge­perlt.

Das Lenk­rad lag ganz hin­ten im Schrank. Un­sinn, den Müll auf­ge­ho­ben zu ha­ben, ver­dammt. In ei­ner Pu­der­wol­ke um­ne­bel­ten Er­in­ne­run­gen Pi­as Ge­dan­ken, und in je­der da­von schweb­te ein Ko­se­na­me für Mir­ko. Es waren so viele, und je­der Ein­zel­ne fiel ihr ein, sie konn­te kaum at­men in die­sem Staub, so schwer wur­de sie da­rin. Wie der Spiegel log, in­dem er Son­nen­strah­len bün­del­te und ihr in die Augen warf, dass sie leuch­te­ten! Grü­ne Kie­sel mit Moos. Grün ist die Hoff­nung, grün ist der Frosch, grü­ne Augen hat er immer noch, der Sohn ist ein Mann, aber die Zeit hat ihn ein­ge­gos­sen mit­ten in Pia, die da stand und an alles, alles den­ken woll­te, nur nicht an das Herz. Herz ist Kitsch, Herz ist ab­ge­dro­schen, Herz ist Schmerz, ist ein Mus­kel­klum­pen. Es zog sich zu­sam­men und schlug aus­ein­an­der, röt­li­che Lap­pen im Be­mü­hen, Blut zu ver­tei­len, den Körper auf­recht zu hal­ten, das blö­de Ding schlug bis zum Hals, und Pia wein­te. Zu­cker­per­len­trä­nen, Gro­schen­roman­trop­fen. Schluck für Schluck Salz­was­ser, all­mäh­lich dün­ner, sie riss die Schie­be­tür auf und riss die Pull­over her­aus, zerr­te die Tür wie­der zu und bleck­te dem Spiegel die Zun­ge.

»Ich bin nur ver­gan­gen«, sag­te auf ein­mal die Zeit, und Pia frag­te:

»Bist du tot?«

Die Zeit schwieg, dann schlug die Uhr.

Ver­gan­gen bist du, Zeit. Heu­te bist du an­ders als ge­stern, man hat we­ni­ger. Aber wenn sie kommt, die Se­kun­de, in der man die Zeit end­lich pa­cken kann, dann muss man um­ar­men, es ist ei­ne hei­li­ge Pflicht, dann muss man um­ar­men, was man liebt oder mag oder we­nigs­tens hal­ten will. Pia be­schloss, Mir­ko zu schrei­ben. Am Tele­fon plap­per­te ih­re Stim­me nur Blech, sie kann­te das. Immer da­nach hör­te sie den Nach­hall ih­rer Höf­lich­keits­flos­keln. Heu­te aber war neu. Ist neu. Sie schrieb auf Brief­papier, aber weil neu­er­dings eben alles an­ders­he­rum funk­tio­niert, tipp­te sie den In­halt dann als Email ab. Lä­cher­lich, ein Lä­cheln. Es blieb am En­de ganz we­nig vom Text, wie Kaffee­satz im Fil­ter, zu­sam­men­ge­fal­len:

»Komm bit­te Diens­tag­abend. Ich hab was für dich, wich­tig.«

Der Text war re­du­ziert, um ehr­lich zu klin­gen. Der gan­ze Brief: ge­schrumpft. Das Ori­gi­nal mit »Lie­ber Mir­ko, bit­te komm am Diens­tag­abend zu mir, mein Sohn. Ich ha­be et­was Wich­ti­ges für dich …« (Es waren zwei Sei­ten) fal­te­te sie zu­sam­men und leg­te es bei­sei­te.

Das Lenk­rad. Es war der ein­zi­ge Ge­gen­stand von ihm, den sie noch bei sich hat­te. Na­tür­lich war das Gan­ze ei­ne ein­zi­ge Aus­re­de, um ihn herz­ulo­cken, nach dem Krach vor Jah­ren. Pi­as Schei­dung, Mir­kos Hei­rat mit Zwan­zig. Pi­as Feh­ler: Hun­der­te. Mir­kos Feh­ler: kei­ne. Aber da waren die Bil­der in ihr, die auf­leuch­te­ten wie ei­ne alt­mo­di­sche Dia-Show, Vor­wür­fe als Licht­bil­der in der Schwär­ze. Immer wie­der, auch im Traum, so­gar tags­über. Sie hät­te nichts ge­gen sei­ne Frau sa­gen sol­len.

Als er kam, war er fremd. Ein Mann mit Bart und Augen wie Pia, je­doch un­ter bus­chi­gen Brau­en. Aber schroff war er nicht, nur ein zy­ni­sches Lä­cheln trug er um den Mund, den Mund, ih­ren Mund, sei­nen Mund, sie konn­te nichts sa­gen, Pia ließ ihn in ih­re Woh­nung und schluck­te ih­re Wor­te Buch­sta­be für Buch­sta­be, bis er end­lich nach ei­nem »Hi Mom« frag­te: »Was hast du?«

Und Pia hol­te das ka­put­te ro­te Plas­tik­ding, das Lenk­rad gab sie ihm stumm, ihr Hals war sau­er von Scham, schmeck­te die Sze­ne nicht nach Me­tall? Ja, so muss­te sie schme­cken: nach Blut, Ver­let­zung und Scher­ben.

Mir­ko nahm das Spiel­zeug, es lag klein in der Hand, die immer noch die Mir­ko-Fin­ger hat­te, nur grö­ßer. Alles war grö­ßer ge­wor­den, auch der Schmerz. Und der wuchs noch immer, Pia woll­te zu ih­rem Sohn hin­auf­se­hen, aber sie starr­te auf das Ding und auf sei­ne Turn­schu­he. Der Frem­de roch nach Ziga­ret­ten und dem Par­füm sei­ner Frau. Mit ihr wür­de er nie nach Kin­dern rie­chen, sie hat­ten nur Kat­zen und das wür­de so blei­ben. Ge­nau: Nach Kat­zen­streu roch er, wo­mög­lich par­fü­miert, et­was wie Zi­tro­neng­ras stach durch. Das mit den Kin­dern war der Grund für den Krach ge­we­sen, der An­fang vom En­de. Man müss­te ein­fach spre­chen kön­nen, gar nicht kom­pli­ziert re­den, in Kin­der­spra­che ver­har­ren müss­te man. Man könn­te die Zeit zurück­spu­len, nicht in der Ge­gen­wart tor­keln. Man soll­te nicht den­ken beim Füh­len. Mir­ko, nach dem Zäh­ne­put­zen kei­ne Gum­mi­bär­chen. Mir­ko, ich pus­te, dann ist’s gleich bes­ser. Satz­fet­zen als ein Spuk auf der Zun­ge. Und nun stand er da, nahm doch tat­säch­lich das Lenk­rad und mach­te »brumm« wie da­mals, lach­te kurz auf und dreh­te sich gleich wie­der zur Tür. Mein Jun­ge, mein Jun­ge, mein Jun­ge, Pia stand starr, als wä­re er im Be­griff, über die Stra­ße zu ren­nen, direkt vor die Autos und als wä­re er noch ihr Klei­ner. Da­bei sah sie ihm zu, wie er die Klin­ke drück­te. Das Zeit­zahn­rad knirsch­te und lähmte alles Le­ben­di­ge. Pia war Stein. Aber es gibt ihn, den Zu­fall. Ge­wohn­heits­ge­mäß muss­te sie den Schlüs­sel her­um­ge­dreht ha­ben, wie ganz frü­her, als er nicht hin­aus­lau­fen soll­te und selbst noch nicht auf­sper­ren konn­te.

Da dreh­te Mir­ko sich um. Er ließ das Lenk­rad nicht los, als er Pia um­arm­te, drück­te ih­re See­le ins Herz hin­ein, als er sie so pack­te mit sei­nem neu­en Körper. Was war das, was ist es, wie nennt man den Un­sinn? Es ist Lie­be, und sie ist kür­zer als die Na­bel­schnur, län­ger als die Schwan­ger­schaft, sie ist häss­lich in ih­rer Wein­er­lich­keit, so er­bärm­lich wie die Nacht auf der Müll­hal­de. Manch­mal stinkt sie so­gar nach Angst, sie zit­tert vor sich selbst, als sei sie ihr ei­ge­ner Tod. Aber wenn sie ei­nen Men­schen um­armt, weil sie über­haupt nichts an­de­res mehr kann, dann zer­lau­fen ih­re Farb­fle­cken und bil­den ei­nes die­ser Him­mels­ge­mäl­de aus Bar­ockkir­chen, so­dass man als Mensch da­run­ter zur Ker­ze wird und lie­ber schmilzt an der Flam­me des An­de­ren, als nur auf­ge­spießt vor Al­tä­ren zu ste­hen.

Mir­ko blieb noch ei­ne Wei­le bei sei­ner Mutter. Die ein­fach­ste Form des Zu­sam­men­seins ist Es­sen, es gab nur Pas­ta und To­ma­ten­so­ße. Ein­ein­halb Stun­den dau­er­te es, bis sie zu­sam­men ge­al­tert waren, um wie­der jün­ger zu sein. Pia hol­te die Foto­al­ben aus dem Schrank, gab sie Mir­ko mit nach Hau­se – zum Scan­nen, er wür­de sie wie­der­brin­gen. Sie sa­hen sich nicht oft an beim Durch­blät­tern, doch die Augen auf den Bil­dern blick­ten ernst­haft auf die Bei­den. In­dia­ner be­haup­ten, je­des Foto, das von ei­nem Men­schen ge­schos­sen wird, neh­me ihm ein Stück sei­ner See­le. Die Ul­tra­schall­fotos gab Pia ih­rem Sohn nicht mit, Mutter­pass bleibt Mutter­pass. Nur den Brief steck­te sie ihm noch zu.

Mauerdrücker

Wie lan­ge kann­ten sie sich schon, Ste­fan und An­ge­la? Sie zähl­ten nach, es waren fünf­und­zwan­zig Jah­re, die Un­ter­bre­chung mit ein­ge­rech­net. Die Un­ter­bre­chung war, ge­nau ge­nom­men, län­ger ge­we­sen als ih­re Freund­schaft; wie sagt man: Sie waren ver­schie­de­ne Lebens­we­ge ge­gan­gen. Da­mals hat­ten sie zu­sam­men bei der Post ge­ar­bei­tet, jetzt war Ste­fan schon in Pen­si­on und An­ge­la halb­tags im Büro ei­ner Spe­di­tion tä­tig. Ein­fa­che Sa­chen, we­gen der Klei­nen – ent­spre­chend nie­drig fiel das Ein­kom­men aus. Die Klei­ne, das ist El­lie, sieben. Grund­schu­le, neu­es Um­feld. Der Vater nimmt sie an den Wo­che­nen­den. Ein Jahr lag die Schei­dung zurück, seit ei­nem Jahr hat­te An­ge­la ih­ren al­ten Freund wie­der. Als gu­ten Freund, nicht mehr. Ki­no, Be­sich­ti­gun­gen, Stadt­fes­te. Bil­lard, Wan­dern, Vor­trä­ge. Mu­seen, in de­nen sie oh­ne Be­glei­ter ein­sam her­um­ge­schlurft wä­re – mit Ste­fan mach­te alles mehr Sinn. Spaß wä­re über­trie­ben, sein Humor war eher stau­big. Außer­dem woll­te er nichts von ihr, wie man so schön for­mu­liert, und die­ser Um­stand ver­schaff­te An­ge­la zu­nächst ein Si­cher­heits­ge­fühl, das dem Schau­keln in ei­nem fa­brik­neu­en Boot gleicht. An­ge­la ru­der­te, Ste­fan war das Boot.

Nie­mals gin­gen sie Hand in Hand, höch­stens ein­mal Arm in Arm (bei Glat­teis), aber die Nä­he allein war schon ein Pol­ster, so be­ru­hi­gend wie die ge­mein­sa­men Er­in­ne­run­gen. Ihr stum­mes Ein­ver­ständ­nis in Ge­schmacks­fra­gen glich dem Schwei­gen al­ter Ehe­paa­re, und si­cher wur­den die Bei­den von vielen Leu­ten für ein sol­ches ge­hal­ten, wie sie da­hin gin­gen mit ähn­li­chen Be­we­gun­gen. Denn An­ge­la nahm Ste­fans Lang­sam­keit all­mäh­lich an, sie tat ihr gut. Viele hiel­ten sie für hek­tisch, zu­wei­len war sie das auch. Aber in ihr steck­te auf­grund ih­rer ver­hält­nis­mä­ßi­gen Jugend mit über Vier­zig noch mehr Le­ben, mehr Zu­kunfts­gier als in dem zehn Jah­re äl­te­ren Jung­ge­sel­len. Auch das tat wohl. Ein gut­aus­se­hen­der Mann mit grau­em Haar, schlank bis zur Ha­ger­keit, mit ei­ner aris­to­kra­ti­schen Na­se und wis­sen­dem Blick. Was moch­te er alles er­lebt ha­ben – sie frag­te nicht, sie war­te­te – und tat­säch­lich kam mit je­dem Tref­fen ein we­nig Neu­es zu Ta­ge. An­ge­la hin­ge­gen spru­del­te hin­ge­gen vor Mit­tei­lungs­drang. Allein die Zeit vor ih­rer Tren­nung hat­te Po­ten­zi­al für zwei Stun­den des Mo­no­lo­ges ih­rer­seits. Ste­fan war ein gu­ter Zu­hörer, er un­ter­brach sie kaum, und wenn, dann mit an­re­gen­den Fra­gen. Manch­mal war er zu direkt, sie dach­te für sich, eigent­lich un­roman­tisch. Und zu Hau­se über­leg­te sie, ob sie ihn an­ru­fen soll­te, da­mit sie ihn fra­gen könn­te, ob er viel­leicht näch­stes Mal mit zu ihr kä­me. Aller­dings ver­schob sie die­se Idee immer wie­der, es pass­te nicht am Tele­fon, es pass­te nicht, am Tele­fon zu sa­gen, es pass­te nicht, am Tele­fon zu sa­gen, dass – ach, sie ließ es eben blei­ben.

Wir er­in­nern uns an man­che Din­ge nicht, wir tra­gen sie nur wie ei­nen Stem­pel ir­gend­wo im Leib. Dort ver­ge­hen sie lang­sam oder wer­den zum Brand­mal, man­che zu ei­ner Blü­te, als hät­te man sie uns aufs Herz tä­to­wiert. Zum Bei­spiel ei­nen Kuss. An­ge­la war da­mals kaum Zwan­zig und le­dig, es war in ih­rer Aus­bil­dungs­zeit. Spät abends, sie waren da­mit be­schäf­tigt ge­we­sen, letz­te Din­ge in der Fi­lia­le auf­zu­räu­men. Ste­fan hat­te sich mit ei­nem Kas­ten vol­ler Brief­marken an ihr vor­bei ge­drückt, und plötz­lich war da die­ser Kuss ge­we­sen. Kein spek­ta­ku­lä­rer Film­kuss, An­ge­la hat­te ihn ein­fach auf sei­nen Mund ge­presst, wie man ei­nen Stem­pel auf ein Ku­vert gibt. Nichts weiter. Und doch war er noch da, ir­gend­wo in An­ge­la steck­te der Kuss oh­ne Er­in­ne­rung und trieb ei­ne fei­ne Wur­zel, von der sie nichts ahn­te.

Ei­nes Abends im Juni ent­fal­te­te sich ei­ne je­ner lau­en Som­mer­näch­te, in de­nen sich Klei­dung an­fühlt wie die Be­rüh­rung ei­ner Feen­hand, in de­nen Blu­men­duft so schwer wird, dass sich die Ver­nunft um­stülpt zu et­was wie Herz­blät­tern. Ei­ne von den Näch­ten, in de­nen Ster­ne vom Himmel ge­holt und Mehr­lin­ge ge­zeugt wer­den, in de­nen Gei­gen aus Hin­ter­hö­fen selbst Ge­hör­ge­schä­dig­te in Fla­men­co­tän­zer ver­zau­bern. Der In­nen­hof des fran­zö­si­schen Res­tau­rants war in wein­ro­tes Lam­pi­on­licht ge­taucht, un­ter­bro­chen von sand­gol­de­nem Fla­ckern der Ker­zen auf den Ti­schen. Je­mand spiel­te ir­gend­wo auf der Stra­ße Gei­ge hin­ter dem Rund­bogen, der zwi­schen Drin­nen vom Drau­ßen lag. Der Salat war her­vor­ra­gend ge­we­sen: Lau­war­me Hüh­ner­brüst­chen an Man­gold mit Pi­nien­ker­nen und ei­nem un­ver­gleich­li­chen Bal­sa­mi­co-Dres­sing; fran­zö­si­sche Aus­drü­cke flo­gen zwi­schen An­ge­la und Ste­fan hin und her, die sie bei­de nicht recht kann­ten und da­rüber lach­ten wie Kin­der. An­ge­la sah Ste­fans Augen fla­ckern, den schma­len Mund über dem kan­ti­gen Kinn zu ei­nem Lä­cheln schwel­len, das Wor­te der Zärt­lich­keit ver­sprach. End­lich. An­ge­la streng­te sich an, nicht zu nie­sen, ir­gend­ein Ge­würz oder der Rauch vom Ne­ben­tisch reiz­te ih­re Na­se, und in­dem sie rück­wärts zu zäh­len be­gann, schaff­te sie tat­säch­lich, den Nies­reiz zu un­ter­drü­cken. Ih­re Tochter war beim Vater. Wenn sie an die Bei­den dach­te, ver­ging der Nies­reiz. Er ver­lor sich in Ver­gan­ge­nem, in der Har­mo­nie der er­sten Jah­re.

Aus­ge­rech­net jetzt. An­ge­la starr­te ih­re Nach­ba­rin an, die in ei­nem Pulk von zwei Kol­le­gin­nen oder Freun­din­nen durch den Tor­bogen ge­schwemmt wur­de. Cla­ris­sa, ganz in Li­la, mit ih­rem lan­gen blon­den Haar und vor al­lem mit Bal­lon-Bu­sen, in Sei­de ge­presst. Drall wä­re der fal­sche Aus­druck, sie war ei­ne Sinn­lich­keits­göt­tin, so viel stand fest. Was nun, wenn sie Ste­fan an­flir­ten wür­de, sie tat das immer, grund­sätz­lich – wie­so nicht auch jetzt? Aber Ste­fan hat­te nur Augen für die Spei­se­kar­te. Cla­ris­sa wink­te las­ziv her­über, blin­zel­te viel­sa­gend und ließ sich zwei Ti­sche weiter nie­der. Sie konn­te so un­glau­blich ge­lang­weilt schau­en, an­ge­ödet von al­lem um sie he­rum, und ge­nau das tat sie auch jetzt. Der Ober eil­te her­bei, kaum hat­te ihr Hin­ter­teil den Stuhl be­rührt, die Be­flis­sen­heit in Per­son. So­gar ei­ne Ver­beu­gung deu­te­te er an, die Cla­ris­sa oh­ne Wor­te hin­nahm, in­dem sie die Kar­te for­der­te. Ja, for­der­te, und der Ober flitz­te augen­bli­cklich los, oh­ne Fra­gen zu stel­len. Ob sie re­ser­viert ha­be zum Bei­spiel, von An­ge­la hat­te er das immer­hin wis­sen wol­len. Und Ste­fan. Oh, Ste­fan. Er saß leicht nach hin­ten ge­neigt und blick­te jetzt zu den Ster­nen. Was er wohl fühl­te, wel­che Ge­dan­ken wohl hin­ter sei­ner Stirn lagen? Jetzt die rich­ti­gen Wor­te zu fin­den, es ihm zu er­leich­tern, selbst et­was zu sa­gen, An­ge­la sah über die Lam­pi­ons zum Mond – und nies­te, wie sie noch nie im Le­ben ge­niest hat­te. Din­ge, die im Salat ge­we­sen sein muss­ten, ver­fehl­ten Ste­fan nur knapp, nur ei­ne Fran­se Man­gold streif­te sein Kinn und blieb an sei­nen noch Grüb­chen kle­ben, was den Drang, die­se zu be­rüh­ren, emp­find­lich un­ter­brach.

Cla­ris­sa und An­ge­la ka­men gleich­zei­tig zu Hau­se an, An­ge­la mit dem Rad, Cla­ris­sa na­tür­lich mit dem Ta­xi. Es war ziem­lich spät, aber An­ge­la frag­te trotz­dem, wie »er« ihr ge­fal­len ha­be. Sei tausch­ten sich oft aus, und auch An­ge­la hat­te oft ih­re Mei­nung ab­ge­ben müs­sen, die je­doch meis­tens gnä­dig aus­ge­fal­len war, denn Cla­ris­sa ver­lieb­te sich nicht, son­dern wähl­te erst aus, ta­xier­te, ent­schied – und ließ fal­len. Ih­re Ga­la­ne waren alles­amt höchst at­trak­tiv, das ließ sich nicht schlech­tre­den.

»Na ja, ich weiß ja nicht«, surr­te eben die­se ver­wöhn­te Cla­ris­sa mit der­sel­ben Stim­me, die sie be­nutz­te, wenn ein Par­füm nicht süß ge­nug roch, Body­lo­tion klump­te oder Schmuck un­ge­nü­gend glit­zer­te. Da­bei be­trach­te­te sie ih­re per­fek­ten Fin­ger­nä­gel und senk­te die Wim­pern, dass sie an ex­tras­tar­ke Zahn­bürs­ten er­in­ner­ten. Oder an Hum­meln, je­den­falls an et­was Di­ckes, das grund­sätz­lich recht hat.

»Die­se Wolfs­kin-San­da­len, und auch noch So­cken …«, fuhr sie gäh­nend fort, wohl um die Schär­fe ih­rer Be­ur­tei­lung zu mil­dern. Woll­te sie An­ge­la scho­nen, in­dem sie die­ses Gäh­nen über das Ge­mei­ne der Wahr­heit hauch­te, über die Nie­der­tracht, die nur der Rea­li­tät in­ne­wohnt? Denn sie hat­te recht, es waren San­da­len an Ste­fans Fü­ßen ge­we­sen, nur An­ge­la hat­te sie nicht be­ach­tet an­ge­sichts der Sze­ne, die ihr vor we­ni­gen Se­kun­den noch als Ku­lis­se im Ge­dächt­nis ge­stan­den hat­te, be­reit für die Traum-In­sze­nie­rung die­ser Nacht. Das Büh­nen­bild zer­fiel, ro­he Bret­ter blie­ben, da­rauf San­da­len und So­cken. Der ima­gi­nä­re Theater­vor­hang riss un­ter ro­hem Ge­läch­ter ge­spens­ter­haf­ter Kri­ti­ker in per­fek­tem Out­fit.

»Du kannst nur läs­tern.«

Kaum hör­bar war An­ge­las Stim­me, und sie zuck­te die Schul­tern, als sei ihr die gan­ze Sa­che mit Ste­fan egal.

»Hat er denn nicht an­ge­grif­fen?«, goss Cla­ris­sa Öl ins Feu­er, wäh­rend sie ei­nen Schmoll­mund zog. Und sie traf ins Schwar­ze, denn An­ge­la platz­te, alle Vor­sät­ze ver­ges­send, her­aus:

»Er ist eben schüch­tern, nicht alle sind so hek­tisch wie dein Letz­ter!«

Das hat­te ge­ses­sen. Der »Letz­te« Cla­ris­sas war ein so­ge­nann­ter Nest­flüch­ter ge­we­sen, nichts wie heim zu Weib und Kind, mit­ten in der Nacht. An­ge­la hat­te die Woh­nungs­tür ne­ben­an sehr wohl ge­hört, auch Cla­ris­sas Heu­len. De­ren Schmol­len wich nun ei­nem Schutz­grin­sen, dann ließ sie die Freun­din ein­fach ste­hen, und je­de ging in ih­re eige­ne Woh­nung.

Wenn Wün­sche auf dem Boden der Il­lu­sio­nen wach­sen, wer­den sie zu Ran­ken, die sich an al­lem fest­klam­mern, was ih­nen Halt bie­tet. Im Trotz nach oben stre­bend, su­chen sie das Licht, ge­nau wie die or­dent­li­chen, die aus der Ver­nunft trei­ben­den Wün­sche. Krumm­stän­gel sind sie, Un­kraut, das nie­mand pflü­cken wür­de. Wil­der Wein viel­leicht. Un­auf­fäl­lig ge­nug, ver­nich­tet sie sel­ten je­mand und wenn, dann blei­ben oft Haft­füß­chen an den Mau­ern hän­gen, Pünkt­chen als Zeichen für wo­mög­lich fol­gen­de Tex­te.

So träum­te An­ge­la trotz­dem von Ste­fan, ver­wor­ren und wild, sie er­wach­te am Mor­gen mit Un­ru­he in den Hän­den, aber in ih­rem Bauch war Hun­ger, den Es­sen nie stil­len kann. Hun­ger nach Lie­be. Ein Zer­ren und Zie­hen, ro­te Ge­dan­ken an Haut an Haut, Na­se an Hals, Lip­pen auf Brust, Kaffee zu zweit, dass ihr Schweiß auf die Stirn trat, als ha­be sie Fie­ber und als sie ihn weg­wisch­te, waren es Trä­nen. So konn­te es nicht weiter­ge­hen. Mor­gens sind die Ge­dan­ken am ehr­lich­sten, und sie trie­ben An­ge­la zum Han­dy, sie schrieb ihm, sie müs­se ihn se­hen, gleich heu­te Abend. Es sei wich­tig. Fe­rien­zeit, ei­ne Wo­che war ih­re Tochter dies­mal beim Vater. Wenn nicht jetzt – wann dann?

Be­reits um neun, sie hat­te die er­sten Auf­trä­ge ge­tippt, lösch­te An­ge­la mit ei­nem ein­zi­gen fal­schen Tas­ten­druck die Ar­beit der er­sten Stun­de. Das Han­dy war stumm, kei­ne Nach­richt. Ge­gen Zehn war sie ei­ni­ger­ma­ßen auf dem Lau­fen­den, der Chef schien nichts von ih­rer Un­ru­he zu be­mer­ken. Nur ein­mal, als sie das Licht an­schal­te­te statt den Kaffee­auto­ma­ten zu ak­ti­vie­ren und ein zwei­tes Mal, als sie be­hut­sam ih­ren Tee in die Stech­pal­me goss, wäh­rend die Gieß­kan­ne auf ih­rem Schreib­tisch war­te­te, da sah er sie ta­delnd an und schüt­tel­te den Kopf. Ein gu­ter Chef. Ge­schie­den, viel­leicht wuss­te er mehr, als ihn an­ging, aber er hat­te den Vor­zug des Schwei­gens an sich – der ihm in der Ehe wo­mög­lich zum Ver­häng­nis ge­wor­den war. Oh! End­lich kam ei­ne Nach­richt:

»Pa­pa Snea­kers«, da­ne­ben alles gelb und ro­sa von Smi­le­ys.

Die Schu­he, aha. Die Tochter. So­so. Cool. Wo blieb Ste­fans Ant­wort? Mit­tags kam sie. Er wol­le oh­ne­hin ins Ki­no, ein Film über ei­nen grie­chi­schen Ein­öd­bau­ern und des­sen Le­ben in­mit­ten sei­ner Ziegen. Erst dach­te An­ge­la, es sei ein Scherz, aber dann fiel ihr ein, dass die­ses Ki­no, in das er woll­te, tat­säch­lich sol­che Fil­me im Pro­gramm hat­te. Ori­gi­nal­ton, kei­ne Hand­lung, Ziegen eben. Egal. Um­so bes­ser, Ki­no! Der Tag ver­ging et­was flot­ter, denn An­ge­la über­leg­te krampf­haft, was sie an­zie­hen soll­te. Immer schnel­ler ver­rann die Zeit, als sie end­lich zu Hau­se an­ge­kom­men war. Das Kleid mit dem Rutsch-Trä­ger, ei­nen himmel­blau­en BH, kein Par­füm. Halt. Doch Par­füm, et­was En­gels­glei­ches! In­zwi­schen kam die näch­ste sms ih­rer Tochter an. Fotos der neu­en Snea­kers, Lo­bes­hym­nen auf Pa­pa. An­ge­la ent­schied sich da­rauf­hin für ho­he Schu­he, die man leicht ab­strei­fen kann. Die Haa­re zum lo­cke­ren Zopf ge­floch­ten, was­ser­fes­tes Augen-Ma­keup.

»Es ist wich­tig«, hat­te sie ge­schrie­ben und all­mäh­lich äng­stig­te An­ge­la die eige­ne An­kün­di­gung. Aber es gab immer Ret­tung: Im Wohn­zim­mer­schrank la­ger­ten El­lies Gum­mi­bär­chen. An­ge­la riss ei­ne Tü­te her­aus («ex­tra­sau­re Pom­mes«) und stell­te fest, dass die Far­be in et­wa ih­rem ei­ge­nen Ge­müts­zu­stand glich: Neon­grün. Sie öff­ne­te die Pa­ckung und stopf­te den In­halt in ein Seiden­tuch, band es mit Haar­gum­mi zu und leg­te zu­gleich die Wor­te für die Über­rei­chung zu­recht:

»Die woll­te ich dir un­be­dingt ge­ben. Selbst­ge­mach­te Gum­mi­bär­chen!«, wo­bei sie be­schloss, noch kurz zu goo­geln, wie man die Din­ger über­haupt her­stellt. Es gibt nichts, was es nicht gibt.