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Hast Du auch ein Herz für Wölfe, oder fließt in Deinen Adern gar Wolfsblut? Dann begleite Klaus Keller doch einfach auf die Pirsch; Keller versteht was von Wölfen! Wundere Dich dann aber nicht, wenn Du mit ihm unversehens in der Wolfsschlucht landest – jenem schaurigen Ort in Webers Oper "Der Freischütz". Denn Du wirst Dich in einer Gesellschaft wiederfinden, von der es heißt: "sie überschreiten Recht und Plicht". Dabei fällt auf, dass eine Handvoll korrumpierter Politiker, längst Marionetten einer oligarchisch gelenkten Basisdemokratie, die wieder eingewanderten Wölfe als willkommenen Blitzableiter einer in Angst und Schrecken versetzten Gesellschaft missbrauchen. Probates Mittel reaktionärer Machtcliquen im Umgang mit Einwanderern, Fremden, Minderheiten. Als es zur Begegnung der Wölfin F 14, Hauptfigur der Novelle "Wolfsmeldungen", mit ihrem ärgsten Widersacher, Oswald Freigänger, seineszeichens konservativer Staatsrat im Wallis kommt, endet das Zusammentreffen zwischen Jäger und Gejagter für beide im Desaster. Und auch für Klaus Keller steht keinesfalls fest, ob er aus der Geschichte, in die er da reingeraten ist, mit heiler Haut davonkommt. Immerhin scheinen weibliche Intuition und ein Apell zurück zur Natur und Menschlichkeit ein Ausweg aus dem sich abzeichnenden Fiasko zu eröffnen; nach uns die Sintflut war gestern. Auch wenn ein glücklicher Ausgang nur noch im Märchen möglich erscheint – in einem Wolfsmärchen eben. Und dazu bilden die grandiose Bergwelt des Wallis und die dunkle Hintergrundmusik aus dem "Freischütz" Kulisse und Dramaturgie gleichermaßen. Solltest Du aber, wie eine dumpf in ihrer Angst vor sich hinbrütende Minderheit, die Ausrottung der Wölfe fordern, dann könnten die "Wolfsmeldungen" vielleicht doch zu Besinnung und Umdenken beitragen. Es wäre uns, künftigen Generationen – und den Wölfen zu wünschen.
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Rudi Kynast
Wolfsmeldungen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Wolfsmeldungen
Editorische Angaben
Widmung
Vorwort
I Wolfsschlucht
II Wölfin und Steppenwolf
III Wolfskinder
Danke
Autor
Impressum neobooks
Homo homini lupus, Plautus 250–184 v. Chr.
nichts kann dich
retten vom tiefen Fall,
nichts
(Unterkapitel aus:
Der Freischütz
Carl Maria von Weber
Text: Friedrich Kind)
Erstausgabe © by Rudi Kynast, 2016
www.wolfsmeldungen.com
Alle Rechte vorbehalten
Gestaltung: Sonja Greb, Meilen
Umschlagbild: Bea Waldera-Kynast
meinen Schweizer Freunden
Wenn der in die Jahre gekommene Wirtschaftswissenschaftler, Jäger und – eher unfreiwillige – Schriftsteller Klaus Keller gewusst hätte, dass seine Altersflucht in die Schweiz auf direktem Wege in die Wolfsschlucht führt, hätte er sich diesen Schritt reiflich überlegt. Zumindest hätte er sich der weisen Worte des Hofnarren Hans Kuony aus Stocken aus dem Jahre 1315 erinnern sollen, der vor der legendären Schlacht am Morgarten seinen Habsburgischen Kriegsherrn mit den Worten gewarnt hatte: «Ihr geratet wohl, wie ihr wollt in das Land Schwyz hinein kommen, jedoch geratet keiner, wie ihr wieder wollt heraus kommen.» Und so sieht sich denn Keller zuerst unversehens mit der leidigen «Wolfsfrage» konfrontiert, der er im Auftrag eines lokalen Käseblattes als Gelegenheitsschreiber nachzugehen hat, um dann unversehens inmitten der globalen Wolfsökonomie zu landen, die auf Schweizer Nährboden, getragen von einer Clique rechtskonservativer und neoliberaler Politgrössen wahre Urständ‘ feiert. Und so fühlt sich Klaus Keller berufen, am Ende seines Lebens angekommen, die Geschichte mit den Wölfen und der Wolfsökonomie aufzuschreiben. Dabei bringt er dem Leser die Wölfe näher und kratzt am Hochglanzlack der umsichgreifenden Wolfsökonomie. Um dieser Einhalt zu gebieten, bedarf es allerdings eines Leitwolfes, der mit Mut und Entschlossenheit die Geschicke in die Hand nimmt. Auf einen solchen aber wartet die Gesellschaft wohl immer vergebens. Immerhin steigt Keller, verzagt zwar in die Wolfsschlucht ab und wird Zeuge, wie immer noch perfidere Freikugeln gegossen werden. Wie und ob er aus der Wolfsschlucht und überhaupt aus dem Land Schwyz wieder herauskommt, bleibt offen. Sicher aber ist eines: Die gierigen Wölfe in ihrer Mordlust sind allemal sympathischer als die der Geld- und Machtgier verfallenen Eliten.
Rudi Kynast 2016
Als sie seine Fährte gekreuzt hatte, wusste sie, dass er ihr folgen würde. Lange hatte sie das Grünerlengestrüpp, wo er zuletzt seine Duftmarke gesetzt hatte, geprüft, bis für sie feststand, dass er erst den alten Wolfswechsel Richtung Griespass, jener «grünen» aus Fels, Eis und Schnee einst willkürlich gezogenen Grenze zwischen dem oberen Wallis und Italien eingeschlagen hatte, um dann wenige hundert Meter unterhalb der Gletscherzunge die Blockhalden zu queren und dann die Baumgrenze zu erreichen. Sie nässte, als sie sich entschloss, parallelversetzt unterm garstig aufgekommenen Föhnsturm den Wolfspass anzunehmen. Dabei hielt sie im Gegensatz zum Rüden kaum Abstand zur Endmoräne des Gletschers, so dass sie sich bald im Spaltengewirr der weit nach Osten ausfransenden Gletscherzunge bewegte. Schon war sie versucht, den Weg über die weiten Firnflächen, in Richtung der im Mondlicht blinkenden Gratlinie einzuschlagen, um den messerscharfen Eiskristallen des Gletscherstroms auszuweichen, als eine innere Warnung sie davon abhielt, die sanften Wellenzüge der mit butterweichem Firn überzogenen Spalten weiter zu queren. Sie verliess den ausapernden, sterbenden Gletscher über die linke Seitenmoräne. Am Rand der oberen von Altschnee bedeckten Felsblöcke hielt sie inne und leckte die wunden Pfoten, als ihr ein neuerlicher Sturmangriff den äusserst feinen, verführerischen Duft von Beute zutrug. Schräg oberhalb des Blockriegels, unter dem sie kurz Rast und Deckung vor den wütenden Sturmattacken gesucht hatte, eräugte sie eine Steingeiss, die ein schwaches, im letzten Juli erst spät gesetztes und nur mit Mühe über den Bergwinter gebrachtes Kitz säugte. Die Wölfin machte sich flach und schob sich Meter um Meter in Richtung der sicheren Beute, stets das Gelände im Auge behaltend, wo weitere Stücke des Steinwildrudels ihrer gewahr werden konnten und in wilder Flucht ihren Angriffsplan vereiteln würden. Aber das Muttertier war mit ihrem Nachwuchs allein und sicherte nur gelegentlich gegen den immer stärker aufkommenden Südföhn. Als die Wölfin noch zehn, fünfzehn Gänge entfernt war, gab sie die Deckung auf und war in drei Riesensätzen über ihrer Beute, während das Muttertier polternd die Steinrassel herunterpreschte. Sie schüttelte das verendende Jungtier, von dessen Äser Milchschaum vermischt mit hellrotem Lungenschweiss auf die dichten Polster der Krähenbeeren spritzte, ritzte mit ihren Fangzähnen die zarte Decke zwischen den Hinterläufen des Steinkitzes auf und frass sich mit gierigem Heisshunger in die dampfenden Eingeweide des noch schwach zuckenden Beutetiers. Dann zog sie den Kadaver mühelos hinter einen Steinblock und leckte sich die rote Wolfsschnauze, nässte erneut und verschwand bald in der Deckung der alpinen Hochstauden und im Erlengestrüpp des Chietals. Dort rastete sie diesmal ausgiebiger, bis sich erstes Morgenlicht über den weiten Firnfeldern des Rhonegletschers zeigte. Wenn der Rüde jetzt unterhalb ihres Einstands auf Beutezug war, musste ihm der Wind ihre Witterung zutragen. Sie wurde unruhig und gewann im zügigen Troll die lichte Baumzone des hochalpinen Lärchenwaldes, in dem sie immer weiter westwärts schnürend bis zum Einbruch der Dämmerung weitere zehn Tageskilometer gedeckt von Unterholz und weit ausladenden Traufbäumen des Lärche- Fichtenhochwalds zurücklegte. Als sie den steingrauen Schatten schräg unterhalb des von ihr eingeschlagenen Wechsels wahrnahm, unternahm sie ein paar rasche Fluchten steil bergauf. Mit Abstand folgte der Wolfsrüde. Dann mit einem Ausfallschritt, der einen Angriff vorgab und von einem heiseren Bellen begleitet war, stellte sie sich dem zurückprellenden Rüden entgegen. Annäherung und Abwehrattacken wechselten mehrfach bis sie duldete, dass der Rüde mit hoch erhobenem Fang, den er sich immer wieder leckte, dicht hinter der Wölfin einschwenkte. Dann blieb sie abrupt stehen, drehte die Lunte beiseite und liess sich vom starken Wolfsrüden besteigen. Mehr als eine Stunde hingen die Tiere aneinander, bis sich der Rüde seitlich abgleiten liess. Beide Tiere schienen jetzt unbeteiligt abwarten zu wollen, bis die Schnalle der Wölfin endlich ihren Zangengriff löste. Der Rüde verharrte noch einige Minuten unschlüssig in der Nähe der Wölfin, hob dann an niedrig hängendem Geäst ausgiebig das Bein und trollte sich. In den nächsten Wochen aber blieb er unsichtbar in ihrer Nähe.
Vor der Eingangstür, die zwei Stufen tiefer als das Trottoir lag, was mit dem Hinweis rot auf weiss «Vorsicht Stufe» kommentiert war, hatte sich eine Wand aus Stimmengewirr und kaltem Rauch gebildet. Letzteres war mit einem provisorischen Hinweisschild, laminiert schwarz auf rot und der Einladung «fumoir» erklärlich, obwohl der Spätwinterföhnsturm, vergeblich zwar, für Verwirbelung der selbst für Schweizer Wirtshäuser ungewohnten Duftmarke sorgte. Das Stimmengewirr, das beim Öffnen der schweren, dunklen Eichenholztür zum an- und abschwellenden Lärm wurde, in das sich Wortfetzen mischten, kam von mehreren Wirtshaustischen, an denen ausschliesslich Männer in olivgrünen Joppen und camouflagebekleckerten Hosen sassen. Und obwohl Klaus Keller die «vorsichtigen Stufen» registriert hatte, war er beim Eintreten doch noch ins Stolpern geraten und fiel so, als wolle er die Mauer aus Schall und Rauch durchbrechen, buchstäblich mit der Tür ins Haus, wo ihn eine weitere Wand aus Bierdunst und abweisenden Blicken auffing. Worauf das Stimmengewirr immerhin abschwellend reagierte und sich dem Vorsitzenden, der als solcher erkennbar war, weil er am Kopf des Tisches mit dem schmiedeeisernen Stammtischschild sass, Gelegenheit bot, die Sitzung mit den Worten zu eröffnen: «Mi fa a», was Keller unmissverständlich mit «wir fangen an» interpretierte.
Zwei Monate später brachte die junge, eher schmächtige Wölfin F 14 zwei kräftige Welpen zur Welt. Sie war im März letzten Jahres in die Talregion unterm Grimsel an der jungen Rhone und ihren wild zerklüfteten Seitentälern eingewandert und hatte sich dort mit M 28, über den es mehrere gesicherte Nachweise gab, gepaart. Wollten sie und ihr Nachwuchs überleben, so galt es jetzt nach der Schneeschmelze rasch an Beute zu kommen. Wolfsmilch war in den ersten Wochen gefragt. Anders als manche ihrer Artgenossen, mied die Wölfin Menschen, deren Siedlungen und das Nutzvieh. Ja selbst bei der Welpenaufzucht billigte sie dem starken Rüden nur eine Nebenrolle zu, die sich darauf beschränkte, dass er sein Revier markieren und von anderen Artgenossen freizuhalten hatte. F 14 war ursprünglich ein Gehegewolf, ausgebrochen aus einem Wildpark in der Nähe von Winterthur. An Menschen gewohnt und trotzdem oder gerade deswegen von panischer Angst gegenüber den Zweibeinern beseelt, fristete sie ihr Dasein im Verborgenen. Da bot die Waldzone an den Taleinhängen die besten Verstecke. Und Beutetiere, die wann immer es ging die offenen Flächen mieden, gab es hier auch. In den Bachbetten am Rand der grauweissen Lawinenkegel wurde manchmal noch Fallwild vom letzten schneereichen Winter frei. Dann hatten sich in der Nähe vom Aas Kolkraben niedergelassen, die bei der Annäherung der Wölfin rasch von ihrer Beute abliessen und abwartend in den nahen Fichtenwipfeln aufbaumten. Kaum hatte aber die Wölfin einen Fetzen aus dem verendeten Stück herausgerissen und war in Richtung des umgestürzten Wurzeltellers verschwunden, unter dem die Welpen, bald schon mit geöffneten, blauen Augen das Muttertier erwarteten, da hatten sich die blauschwarzen Vögel mit dem beeindruckenden Schnabel auf der Beute wieder niedergelassen und schon nach zwei, drei Tagen waren selbst von einem starken Hirsch nur noch Gerippe, Deckenfetzen und das abgetrennte Haupt mit dem Geweih, an dem mancher Jäger seine Freude gehabt hätte, übriggeblieben. Dann galt es, selbst wieder auf Beutefang zu gehen. Aber ohne Rudel, das bei Wölfen eine effiziente Jagdgemeinschaft bildet, waren selbst die aus den tieferen Tallagen zurückkehrenden und vom langen Winter ausgezehrten Rothirsche keine einfache Beute. Die leichte Wölfin indessen war sich ihres Jagdvorteils, der in einer explosiven Schnelligkeit bestand, bewusst. Während das Wolfsrudel ein schwächeres oder krankes Stück aus einem Sprung Rehe, einer Rotte Sauen oder aus einem Rotwildrudel fixierte, dann lang über steile Hänge, durch dichtes Unterholz oder entlang der Talaue hetzte, die Jäger sich dann teilten und in einer weit ausholenden Zangenbewegung der Beute den Weg abschnitten, um es dann von der Flanke her anzufallen, hatte sich die Wölfin den Überraschungseffekt, der sich in engen Schluchten bietet, zu eigen gemacht. Dort wo die Wechsel der Beutetiere einen Bachlauf schnitten, holte sie zu einer kurzen Hatz aus und oft gab es kein Entrinnen aus dem tosenden Dobel. Diese Jagdmethode hatte sie schon im Gehege angewandt, um vor den in vorderster Reihe auf den Wärter wartenden Alphatieren einen Happen zu schnappen und vor der wütend anstürmenden Meute in der hintersten Ecke ihres Unterstandes zu verschwinden. Dort, geborgen von drei Seiten des Bretterverschlags, wusste sie sich der Angriffe zu wehren und selbst die Leitwölfin konnte der sich entschlossen stellenden schmächtigen Wölfin die Beute nie streitig machen.
Es wäre ohnehin irgendwann an der Zeit gewesen, dass sie sich diesen immer wiederkehrenden Angriffen stellen und mit einem entschlossenen Zupacken, bei dem es bei Wölfinnen nicht selten um Leben und Tod geht, ihren Anspruch auf eine Alphatierrolle anmelden würde. Der Leitwolf, der oft auch eine Wölfin ist, bestimmt sich nämlich nicht nach Alter und Stärke eines Tieres, sondern nach der Rolle, die in der Gemeinschaft eingenommen wird. Und da hatte sich die Wölfin inzwischen gehörigen Respekt verschafft. In diesen Unterstand verkroch sie sich auch immer dann, wenn Gehegebesucher in die Nähe des doppelt gespannten Sicherheitszauns kamen. Es geschah nicht selten, dass die Wölfe mit Steinwürfen einer Horde wild gewordener Schulklassenkinder aus ihrer Tagesruhe aufgeschreckt wurden und, wenn gar eines der Tiere getroffen wurde und aufheulte oder wütend knurrend sich zum Scheinangriff den Störenfrieden näherte, die kreischenden Quälgeister in wilder Flucht auseinanderstoben. Diesem Treiben hielt sich die Wölfin immer fern. Als eines Tages die Gattertür, warum auch immer, offen stand, verschwand das Rudel in die Freiheit. Für die meisten Tiere währte diese allerdings nicht lange und da sich die Wölfe nicht einfangen liessen und nur ein älterer Rüde mit dem Narkosegewehr ins Reich der Wolfsträume geschickt werden konnte, aus dem er sich bald in der Realität eines privaten Geheges eines vernarrten Schäferhundehalters zwecks «genetischer Aufwertung» wiederfand, wurde das stets in Siedlungsnähe anzutreffende Rudel Stück um Stück zusammengeschossen. Die Wölfin aber blieb verschwunden und da nach einigen Wochen die Suche eingestellt wurde, galt sie fortan als herrenloses Wildtier und unterlag somit dem fragilen Schutz der Berner Artenschutzkonvention. Davon konnte die Wölfin aber ebenso wenig wissen als vom Umstand, dass ihr genetischer Fingerabdruck anhand von Kot- und Haarproben, die man schon zu früherer Zeit im Gatter festgehalten hatte, feststand. Und so wurde ihr die Kennung F 14 verliehen. F 14 aber war und blieb unsichtbar und hinterliess weit und breit keine weiteren Spuren.
Allerdings hatte eben auch ein Klaus Keller die Fährte der Wölfin gekreuzt - um der Genauigkeit Genüge zu leisten, man hatte ihn auf sie angesetzt - und obwohl er sie nie zu Gesicht bekommen sollte, stand für ihn fest, dass er ihr bis zum Ende dieser Geschichte folgen würde. Für uns als deren Leser mag manches in der Geheimsprache unverständlichen Jägerlateins verborgen bleiben; bei näherer Betrachtung geht es ziemlich banal um die Grundfragen des Lebens von Fressen und Fortpflanzung. Worauf sich andererseits, Klartext gesprochen, auch die menschlichen Beobachtungen Kellers mühelos reduzieren lassen.
Der Vorsitzende des sich eben in konstituierender Sitzung formierenden «Antiwolfkomitees» hiess Georg Schnoddrig. Er begrüsste in unverfälschtem Walliser Ditsch die «anwesenden Damen und Herren», obwohl weder Abwesende noch Damen anwesend waren. Klaus Keller war versucht, diese kleinen Bonmots in bissigen Randnotizen festzuhalten, die er später in seinem Bericht vielleicht vermerken würde. Aber dann liess er davon ab, weil er als Pressevertreter extra begrüsst wurde, obwohl, wie der Vorsitzende festhielt, die Versammlung zwar öffentlich sei, man aber dennoch nicht vorgehabt habe, die Öffentlichkeit durch Medienpräsenz herzustellen. Wenn aber der Herr Keller nun schon mal da wäre… Herr Keller konnte es sich nicht verkneifen, wenigstens diese Sonderform von Öffentlichkeit zu vermerken.
Man wolle entsprechend der Traktandenliste, die auf den Tischen ausliege, zuerst die «Formularien» abhandeln, bis sich die Vertreter aus der Politik einfinden würden. Ja, gewiss, Staatsrat Freigänger habe sein Kommen ganz fest zugesagt. Bevor er nun in die Tagesordnung eintreten werde, und dabei richtete er seinen Blick aus schweinchenkleinen Augen, deren Lider durch rote Pausbacken zusätzlich noch schräg stirnwärts gedrückt waren, auf Keller, möchte er die Presse ersuchen, um eine objektive Berichterstattung bemüht zu sein. Die Versammlung quittierte diesen Aufruf mit unmissverständlich artikulierten Unterstreichungen. So sollte es zumindest später im Protokoll des vorab per Akklamation bestimmten Protokollführers nachzulesen sein. Keller hatte anstatt Unterstreichungen Grunzlaute notiert, strich das aber dann auch. Ja doch, er hatte sich vorgenommen, objektiv über die Gründungsversammlung des «Komitees zur Jagd auf Grossraubwild» zu berichten. Schliesslich war das sein Auftrag als „Berichterstatter“ und mit solchen kleinen Aufträgen hielt er sich gerade so eben über Wasser.
Als die Wahlen nach einer qualvoll langen halben Stunde endlich gelaufen waren, bei denen dann der Vorsitzende in seinem Amt einstimmig bestätigt worden war, ebenso wie sein Protokollführer, der als Verrichtungsgehilfe für klare Verhältnisse im Sinne des Vorstands zu sorgen hatte (was sich später im Vergleich zwischen den Notizen des Pressevertreters und dem Protokoll herausstellte), war für Keller, der natürlich in der hintersten Reihe im «Kühlen Krug» Platz genommen hatte, der Vorstandstisch aus den Rauchschwaden heraus nur mehr undeutlich wahrnehmbar. Traktandum drei nach Namensgebung des Vereins befasste sich mit dem Logo, das man sich geben wolle. Keller wollte diese Marginalie am Rande eigentlich in seinem Bericht auslassen. Nach allerhand gängigen Vorschlägen, die allesamt der Heraldik ortsüblicher Banner entliehen waren, brachte einer der bis dahin nicht in Erscheinung getretenen Grünröcke, der nur zwei leer gebliebene Stühle neben Keller Platz genommen hatte, den Vorschlag «Wolfseisen» ein. Keller horchte auf. Dort wo er herkam, war der Begriff verfassungsrechtlich verboten worden, weil sich einschlägige neonationalistische Gruppierungen mit diesem Emblem «geschmückt» hatten. Und Keller erinnerte sich daran, dass das alte Nazisymbol, wenn man es um 90 Grad drehte, im Entfernten der Darstellung eines Hakenkreuzes glich. Aber das, so vermutete er, war den hiesigen Anwesenden wohl gar nicht bewusst, geschweige denn hatten sie von der Verwendung als Nazisymbol wohl kaum je gehört. Vielmehr konnten einige der anwesenden Jäger auf Nachfrage bestätigen, dass es sich beim Wolfseisen um ein früher sehr gebräuchliches Fanggerät für die Bestien gehandelt haben soll, das einem doppelten, spiegelbildlichen Angelhaken nicht unähnlich sah und ebendiese Wirkungsfunktion innehatte. Keller schauderte beim Gedanken, wie die Wölfe, die auf den Köder hereingefallen waren, unter jämmerlichen Qualen zugrunde gegangen sein mochten. Ihn schauderte derweil noch mehr bei der Symbolik, die vom Logo ausging, das nach den Erklärungen eines Jagdfunktionärs begeistert angenommen worden war. Allerdings, und das notierte Keller auch, war dann die Verwendung des Logos bei einigen Vertretern der Jägerschaft doch auf Bedenken gestossen; nicht ganz zu Unrecht wohl hatten sie eingewandt, dass sich selbst Leute, die dem Wolf hier kein Lebensrecht einräumten, nicht gerne in die Ecke von Tierquälern stellen wollten. Abschuss ja, Vernichtung mit Feuer und Schwert auch – aber mittelalterliche Torturen? Und, meinten die Bedenkenträger, gäbe es ja im Wallis noch einige, die selbst im Wolf eine Kreatur, eine Schöpfung Gottes sehen könnten und auf diese besonders verlässlichen Mitstreiter gelte es Rücksicht zu nehmen. Da stand einer der Hobby-Schafhalter auf und erinnerte daran, dass die Bestien, und um nichts anderes handele es sich bei den Wölfen, auch kein Pardon kennen, wenn sie in ihrer Blutgier solange Schafe reissen, solange sich noch etwas im Schafspferch rege. Die Wenigsten wären da gleich tot und ob das dann keine sadistische Tierquälerei sei? So setzte sich das Wolfseisen als Logo des «Komitees zur Jagd auf Grossraubwild» schliesslich bei einigen Enthaltungen durch.
Keller dachte plötzlich an Fremde, Flüchtlinge, Asylanten – sie hatten sich in seiner Heimat vor dem Symbol zu fürchten. Hier würde man «nur» ein Zeichen gegen Wölfe setzen. Aber galt die Ablehnungsfront nicht längst auch hier denselben Feindbildern? Zugewanderten, Andersartigen, Männern mit wilden Blicken, oft allein eingereisten Jugendlichen, dem ganzen üblich verdächtigen «Diebesgesindel»? Kurz nach dem Krieg, Keller erinnerte sich noch gut, hatte man ihn als Sohn einer aus Schlesien vertriebenen Familie des Öfteren mit dem üblen Spruch geärgert: Was haben Engerlinge und Flüchtlinge gemeinsam? Und obwohl Keller die Pointe dieser Metapher schon bis zum Überdruss kannte, wurde er dennoch jedes Mal, wenn die Frage an ihn gestellt wurde, rot bis hinter die Ohren. Dann musste er sich die triumphierende Antwort anhören, die ihm meist von Erwachsenen, Eltern seiner Schulfreunde oder deren älterer Geschwister gegen den Latz geknallt wurde: Beide sind Schädlinge! Und hier war es nun wieder so: Beide, da die vierbeinigen Eindringlinge und dort die über Drittstaaten eingewanderten Flüchtlinge, beide sind Schädlinge. Keller kam darüber ins Grübeln, in wie weit die Ressentiments ein und denselben menschlichen Urängsten gegenüber allem Fremden entstammen, obwohl doch nur die Assimilierung fremder und damit neuer Einflüsse und Gedanken die Menschheit weiter bringen – E Pluribus Unum - und ihr eingebettet sein in eine von Vielfalt und Artenreichtum geprägte Natur ihr Überleben überhaupt sichern würden. Denn nur die Kultur des Zusammenlebens in einer vernetzten Umwelt hat seit jeher dazu beigetragen, dass der Mensch sich seiner Rolle, die er in einem funktionierenden Netzwerk spielt, bewusst wird. Kein geringerer als Hegel hatte doch seinen Glauben an die Menschheit so eng mit dem Gedanken verbunden, dass sie nie von der Natur loskommen werde und der Mensch nur im «Natürlichen» zu sich selber finden könne. Darin liege, tief verborgen in ihm, der Funke des Göttlichen, den es immer wieder zum Feuer zu entfachen gelte. Und dazu gehört eben auch die Gastfreundschaft, uralter Schutzgedanke, dessen sich einst jeder Fremde sicher sein konnte, eine Willkommenskultur dem Fremden gegenüber, eine wenigstens in Ansätzen erkennbare Geste, die in seiner, Kellers Heimat, in diesen Tagen gegenüber Flüchtlingen geübt und gelebt wird. Und sei es nur von einer Minderheit verantwortungs- und wertebewusster Menschen, die sich der jüngeren Geschichte der Deutschen bewusst geworden war. Und sei es nur als Antwort auf blinden Fremdenhass, der sich in seiner widerlichsten Form, dem Brandschatzen von Flüchtlingsunterkünften äusserte und dem Ausruf gipfelte: Weg mit dem Dreck!
Was musste wohl im menschlich- zwischenmenschlichen Bereich zerbrochen sein, fragte sich Keller, dass diese Form der Abschottung und der Ablehnung sowohl zu Fremdenhass, zur masslosen Überhöhung der eigenen, nationalen Identität einerseits, als auch zur unerbittlichen Zerstörung von Natur und Artenvielfalt in einer aufgeklärten, modernen Zivilgesellschaft führt? Mochten beim zunehmenden Fremdenhass die Gründe auf der Hand liegen. Wer sich zu kurz gekommen fühlt, möchte das Wenige nicht weiter teilen. Eine Gesellschaft, die sich innerlich entsolidarisiert hat, wird nach aussen hin, Fremdem gegenüber, wenig geneigt sein, Solidarität zu zeigen. Und wer ohnehin zu viel hat, will in seiner Gier immer noch mehr; es drohen Verlustängste. Despoten in aller Welt überbieten sich darin, Teilungs- und Verlustängste mit immer neu hervorgebrachten Warnmeldungen zu schüren, wenn von Sozialschmarotzern und dem Einwandern in die sozialen Netze die Rede ist. Das Boot sei voll, heisst es gebetsmühlenhaft und mit Mauern und Zäunen, ersatzweise mit der Forderung nach Obergrenzen, werden der ängstlich aufgescheuchten bürgerlichen Mitte Beruhigungstropfen verabreicht; neuerdings übrigens und konsequenterweise wird die Obergrenze auch für Wölfe gefordert. Und aus wesensverwandter politischer Nachbarschaft wird gar die Forderung laut, auf Flüchtlinge- oder na ja, auf Kinder vielleicht nicht, aber jedoch – an Grenzen zu schiessen.
Der Raubbau an der Natur, den natürlichen Lebensgrundlagen, scheint damit auf den ersten Blick nichts gemein zu haben. Auf den zweiten sehr wohl. Denn aller je entstandene Wohlstand gründet auf der Nutzung der natürlichen Ressourcen dieser einen Welt. An diesem Kuchen will jeder teilhaben: Diejenigen, die auch hier zu kurz gekommen, lassen sich mit Almosen schon lange nicht mehr abspeisen. Denn wie man dank der in die letzten Banlieues und jämmerlichsten Blechhütten der Slums dieser Welt vorgedrungenen Bilder sieht, scheint für einen kleinen, privilegierten Teil der Menschheit mehr, nein alles zu haben. So denken die Menschen in allen Schwellenländern zu allerletzt daran, nachhaltig oder wenigstens zurückhaltend im Umgang mit den Lebensgrundlagen umzugehen. Die Ärmsten der Welt und auch die Menschen an der Armutsschwelle in den Wohlstandsstaaten sind für den Gedanken der Nachhaltigkeit geradezu verloren. Lange genug hat man ihnen vorgemacht, dass Ressourcenausbeutung billiger ist. Und harmlos. Oder wer kann schon was gegen Palmöl und Soja einwenden? Und die Wohlhabenden? Sie könnten sich eigentlich nachhaltiges Wirtschaften leisten. Und dort, wo sie sich niedergelassen haben, sieht die Welt, oberflächlich betrachtet, zumeist noch intakt aus. Seht her, scheinen sie uns zuzurufen, an unserem Wesen könnte doch die Welt genesen! Dabei beträgt der Verbrauch an Energie und Lebensgrundlagen der „Ersten Welt“ ein Vielfaches des Prokopfverbrauchs der Habenichtse. Der Wettbewerb um das Grosse Fressen der verbliebenen Früchte des einstigen Paradieses aber ist in die Endphase eingetreten: Die soeben erworbenen Finanzprodukte, die im Nanosekundentakt gehandelt und gehebelt werden, zielen geradewegs auf schnellstmögliche Ressourcenausbeutung. Denn das Maximum an Cashflow, gepaart mit dem Minimum an Zeiteinsatz gewährleistet den höchsten Zins. Neid und Gier um das Erbe unseres Planeten sind üble Antriebe der Menschheit; wehe wenn sie sich auch noch verbrüderten. Und Keller glaubte in den hier düster dreinblickenden Gesichtern beide Wesensmerkmale vereint zu erkennen.
Aus diesem Sinnieren wurde er beim Eintreten des Herrn Staatsrats herausgerissen. In seinem Gefolge hatte sich unter anderem der Präfekt auch noch eingefunden, was mit besonders herzlichem Applaus der Versammlung quittiert wurde. So stand es jedenfalls im Protokoll. Demgegenüber hatte das Protokoll darauf verzichtet zu berichten, dass beim Eintreten der Classe Politique, die einem kleinen Triumphzug glich, eine Abordnung von Jagdhornbläsern die «Begrüssung» intonierte, was Keller schliesslich ganz aus seinen Gedankenspielen riss. Und als Zugabe gab es «Aufbruch zur Jagd», dass die vergilbten, fabrikgefertigten falschen Butzenscheiben im «Kühlen Krug» nur so klirrten.
Im Berghaus gab es auch noch einige Butzenscheiben. Die Bleieinfassungen waren im Laufe der Jahrhunderte schon etwas spröde geworden und hatten einen aschegrauen Überzug aus Bleiweiss angesetzt. Die Landschaft erschien mit dem Blick aus dem Facettenauge eines übergrossen Insekts segmentiert in blaugrünlich getönte konzentrische Kreise, deren Mittelpunkt die Stube ihres «Berghiesle» zu bilden schien. Esther war hier in Münster geboren und nach dem Tod der Eltern hatte es sie nicht mehr im ehemaligen Kirchspiel des Tales, das nun den Hauptort bildete, gehalten. Das Elternhaus liess sich schnell verkaufen an Touristen aus der «Üsserschwiz», die den Bergwinter ein paar Jahre und da auch wieder nur für ein paar Wochen in seiner Ursprünglichkeit erleben wollten. Die kurzen Tage, an denen Kerzenschein den Übergang in die lange Winternacht ausflackerte, das Heulen des Schneesturms unter dem Dachfirst, die Eisblumen, die Morgen für Morgen neue Ornamente auf das Fensterglas zeichneten, bis die erst spät am Vormittag über die Grathöhen kletternde Sonne ihren Zauber zu Nichts zerrinnen lies und sich der ganze Winterzauber bald als Schwindel entpuppte, weil die Zentralheizung wieder mal streikte, der Schneepflug nicht rechtzeitig die Tiefgarage freigelegt hatte und die von zuhause nachgesandte Tageszeitung mit den Börsenberichten nicht rechtzeitig auf dem Frühstückstisch lag, auf dem die im Laden vis à vis gekauften und kurz zuvor noch frisch aufgebackenen Gipfeliteiglinge aus Südostasien falsch und verführerisch dufteten. Dann reihte man sich in die plastikbekleidete Einheitsfront der Skifahrer in pink, orange und lindgrün ein und lies sich in eisige Höhen liften oder hechelte, ebenso bunt verpackt, auf breiten Loipen den Nachfahren der Elchjäger auf schmalen Brettern hinterher und addierte bis zum Ende der endlich vorbeigehenden Ferienwoche, in der man tausend Handytelefonate mit dem Büro geführt hatte, die Summe der absolvierten Downhill- oder Loipenkilometer, um dann im vollgepackten SUV die Heimreise anzutreten und Tal und Dorf mit seinen dreckigen Schneeresten dem unabwendbaren Aussterben auszuliefern. Aber immerhin hatte man seinen Beitrag geleistet und die Landschaft mit «Leben» erfüllt.
Diesem falschen Pulsieren der Touristengezeiten, den stets aufgeregten Luftschnappern, die ihre Stippvisiten für ein authentisches Bergwelterleben hielten, war Esther entflohen und hatte sich in die Einsamkeit des hoch am Hang unter dem Trauf der Lärchenwälder geborgenen Berghiesle zurückgezogen. Und wenn sie später mal fort wollte, gab es noch die Bahnstation mit Anschluss in die weite Welt nach beiden Seiten. Esther hatte zwei Ziele: Erstmal sich die Welt erobern und dies mit einem Studium zu verbinden, das ihr ein erfülltes Berufsleben eröffnen würde. Und anschliessend ihr Wissen, ihr Können und ihre ganze Hingabe dem Überleben ihres Tals zu widmen, das ihr Mikrokosmos bleiben und in dem sie sich wohlfühlen könnte. Der Exodus der jungen Menschen musste endlich gestoppt werden und Esther würde den Anfang machen. Ihr Plan war, nach dem Abitur Medizin zu studieren und dann irgendwann eine Stelle unter den niedergelassenen Ärzten zwischen Visp und Andermatt anzutreten. Die Situation in der Versorgung durch Hausärzte hatte inzwischen fast prekäre Züge angenommen und so mancher Allgemeinmediziner, der in Deutschland schon längst aus Altersgründen Skalpell und Tupfer beiseite gelegt hatte, fühlte sich, zitternd zwar, immer noch berufen, die fränkliempfangende Hand angesichts einer horrenden Honorarforderung auf zu halten. Dann, kurz nach dem Tod des Vaters war auch die Mutter krank geworden und Esther hatte die Vollzeitpflege übernommen. Der Traum vom Studienbeginn direkt im Anschluss an die Schulzeit war erstmal geplatzt. Die Pflegetätigkeit aber war immerhin eine gute Basis. Dann war sie schwanger geworden und stand plötzlich mitten im Leben, das ihr dann schon gleich mit dem Tod der Mutter einen weiteren Realitätsbeweis liefern sollte. Das Elternhaus, in dem sie so behütet aufgewachsen war, war plötzlich kein Hort der Geborgenheit mehr. Aber oben am Winterhang stand das Berghiesle leer und da wollte sie den Neubeginn für sich und das neue Leben, das sie in sich trug, wagen. Da sie von einem Fernstudiengang Medizinpädagogik gehört hatte, würde dies der adäquate Einstieg in die ursprünglichen Berufspläne bedeuten und sich Ausbildung und ihr künftiges «Familiendasein» unter einen Hut bringen lassen. Vorläufig liessen sich der Lebensunterhalt und die horrenden Studiengebühren mit Bedienungsjobs als Aushilfe in Hotelrestaurants an den Tessiner Seen verdienen und über den Winter hinweg vielleicht noch bei den hiesigen Gastronomiebetrieben. Mit dem Spätwinter und dem Schnee, der einfach nicht gehen wollte, brach dann eine harte Zeit für die junge Frau an. Aber mit dem Sommer kam das Glück zurück aufs Berghiesle und das lag gerade schlafend im Reisekinderbettchen auf der Steinterrasse im Halbschatten einer weit ausladenden Lärche. Die Kleine war der Mittelpunkt im Leben der Esther Ineichen. Und da es keinen Mann, zumindest jetzt nicht und wohl auch auf weitere Sicht (mehr) geben würde, galt dem kleinen, vor sich hinschlummernden Wesen ihre ganze Hingabe. Im kurzen Bergsommer aber galt ihre Leidenschaft der geradezu mit Besessenheit betriebenen Sammelsucht nach wertvollen Heilkräutern. Das sei sie wiederum der Vorvorvorbewohnerin des Berghiesle schuldig, die man gegen Ende des 16. Jahrhunderts wegen Hexerei in Ernen auf den Scheiterhaufen gebracht hatte. Aber gottlob waren ja heute die Gesellschaft im Allgemeinen und die Medizin im Speziellen ein ganzes Stück weiter. Denn eine grosse Reise zum Abschluss ihres Studiums hatte dann Esther Ineichen doch noch irgendwann vor: Sie träumte, an den Oberlauf des Orinoko im Amazonasgebiet zu fahren und an einem «Forschungsprojekt Wildpflanzen» eines schweizerischen Pharmakonzerns teilzunehmen. Nichts wäre einfacher, als ein Kleinkind auf Reisen mit zu nehmen. Wer weiss, vielleicht würde aus dem Auslandssemester sogar ein längerer Lebensabschnitt in den Weiten der Amazonaswälder werden. Esther war frei und wenn sie in ihr Hochtal zurückkehrte, würde dem Zusammenleben dort nichts besser tun, als neue Eindrücke aus der weiten Welt mit zubringen. Und gerade ein Kind unter Kindern dann würde dazu beitragen, die Enge in den Köpfen zu brechen. Aber vorläufig war Esther alles andere als weltoffen. Sie war sogar ein wenig menschenscheu geworden, eine Suchende, aber es störte sie nicht, dass sie ihrem Leben einen Lauf gab, der ins Ungefähre führte. So wie der Blick durch die Butzenscheiben des Berghiesle, der die Welt mit den sehenden Augen eines Blinden allenfalls erahnen liess.
Keller hatte seinen Bericht für die Rhonezeitung fertig getippt und mit der Sendetaste an die Redaktion geschickt. Erst durch das Gedudel des Abmeldesignals war er aus seinen Gedanken gerissen worden. Und dabei hatte ihm der Bericht aus der Versammlung des Antiwolfskomitees kaum grosse Gedankengänge abgenötigt. „Objektive Berichterstattung“, wie sie Schnoddrig, der Vorsitzende der Kommission, eingefordert hatte, bedeutete für die Chefredaktion des Walliser Regionalblattes, die seit kurzem den raz, den Rhoneanzeiger als kostenloses Wochenblatt mit anbot, vor allem die Meinungen der Leserschaft instinktiv und zielgenau zu treffen. Und so wiederum zur gewollten Meinungsbildung beizutragen. Daran hatte man sich zu halten.
Nein, die Abfassung des Berichtes hatte Keller nicht zum Grübeln gebracht. Er musste selbst über sich staunen, wie leicht es ihm fiel, mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten. Nicht nur in der leidigen Wolfsfrage. Aber die Redaktion war der Meinung, dass man das Thema Wolf im Wallis am Köcheln halten müsse. Während in der Üsserschwiz, also der Restschweiz ausserhalb des Kantons Wallis, die Mehrheit der Befragten dem Lebensrecht der etwa 20 in der Schweiz vorkommenden Wölfe – vielleicht waren es auch derer 30, wer wollte das schon so genau wissen? – zustimmten, gab es im Wallis eine von breiter Mehrheit getragene Ablehnungsfront. Das Regionalblatt, für dessen Beilage er hin und wieder Kommentare, Glossen und eben kleine Reportagen verfasste, war an dieser Stimmungsmache gegen den Wolf nicht ganz unschuldig. Und Keller, dessen war er sich bewusst, eben auch nicht. Aber wes’ Brot ich ess‘, heisst es, des’ Lied ich sing. Und wenn es auch schon keine Lieder anzustimmen galt, so verschaffte sich Keller eben mit Wolfsgeheul ein Zubrot. Und dieses, obwohl er sich schäbig vorkam, hatte er bitter nötig. Keller wäre nächstes Frühjahr sechzig geworden.
