Wolfszone - Carola Schiller - E-Book

Wolfszone E-Book

Carola Schiller

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Beschreibung

In den Wäldern des beschaulichen Städtchens Övenhorst hat sich ein Wolf niedergelassen. Was zu Beginn nur die Bewohner der kleinen Gemeinde beschäftigt, zieht zunehmend weite Kreise und ruft Naturschutzverbände, Grundstücksspekulanten und Aktivisten auf den Plan. In der Hoffnung auf eine spannende Story reist die Journalistin Anja für einen regionalen Fernsehsender in ihre alte Heimat Övenhorst. Zusammen mit Wolfsberater Hewitt, Förster Martin Brehme und ihrer früheren Mentorin Ida findet sie heraus, dass mit dem begleitenden Wolfsmanagement etwas nicht stimmen kann. Jemand scheint die Entwicklung zu steuern. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem die unterschiedlichsten Interessen aufeinander prallen.

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Seitenzahl: 342

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die Rückkehr der Wölfe sorgt vor allem im ländlichen Raum für Konflikte. Weidetierhalter werden vor große Herausforderungen gestellt und fürchten um ihre Tiere, manchmal auch um ihre Existenz. Naturschützer sehen in der Rückkehr der großen Beutegreifer eine dringend notwendige Bereicherung der Natur. Die sachliche und lösungsorientierte Auseinandersetzung ist deshalb in manchen Regionen schwierig geworden. In diesem Roman sollen alle zu Wort kommen.

Zum Roman:

In den Wäldern des beschaulichen Städtchens Övenhorst hat sich ein Wolf niedergelassen. Was zu Beginn nur die Bewohner der kleinen Gemeinde beschäftigt, zieht zunehmend weite Kreise und ruft Naturschutzverbände, Grundstücksspekulanten und Aktivisten auf den Plan. In der Hoffnung auf eine spannende Story reist die Journalistin Anja für einen regionalen Fernsehsender in ihre alte Heimat Övenhorst.

Zusammen mit dem Wolfsberater Hewitt, dem Förster Brehme und ihrer früheren Mentorin Ida findet sie heraus, dass mit dem begleitenden Wolfsmanagement etwas nicht stimmen kann. Jemand scheint die Entwicklung zu steuern. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem die unterschiedlichsten Interessen aufeinanderprallen..

Carola Schiller ist von Beruf Journalistin. Neben ihrer Tätigkeit für eine Tageszeitung ist sie ehrenamtlich für das Aktionsbündnis Pro Pferd e.V. aktiv. Im Rahmen dieser Aufgabe hat sie an vielen Wolfsinformationsveranstaltungen teilgenommen. Mal als Vertreterin des Vereins, aber auch als Moderatorin. Dieser Perspektivwechsel und die vielen Gespräche mit den Fachverbänden waren Impulsgeber für den Roman Wolfszone.

Danksagung

Danke an den Wolfsberater Thomas Pusch, der die Idee zum Buch hatte und mir mit seinem Fachwissen und seinen Impulsen geduldig zur Seite gestanden hat.

Ort, Namen, Personen und Handlung sind frei erfunden. Als Inspiration diente die Teilnahme an zahlreichen Informationsveranstaltungen, Workshops und Podiumsdiskussionen über Herdenschutzkonzepte, Naturschutz und weitere Herausforderungen, die mit der Rückkehr der Wölfe verbunden sind.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

In den Wäldern von Övenhorst

Martin Brehme

In der Schenke

Thore

Lewis Hewitt

Anja

Frieder Altmanns

Der Wolf

Altmanns plant

Die Podiumsdiskussion

Im Övenhorster Forst

Talkshow über Övenhorst endete im Eklat Immobilienkonzern im Visier des Zolls

Epilog

Prolog

Das Reh auf der Lichtung war ein Geschenk. Martens hob das Fernglas und suchte den dahinter liegenden Waldrand ab. Heute würde es klappen. Ganz sicher. Das Reh zupfte zaghaft an den Gräsern. Eine junge Ricke. Unerfahren, risikobereit und neugierig. Vielleicht ein dreiviertel Jahr alt schätzte Martens, während er einen schnellen Blick auf sein Gewehr warf. Es stand neben ihm im Hochsitz an die Wand gelehnt. Die Region, in der er sich befand, war ihm kaum vertraut. Der zuständige Jagdpächter hatte ihm deshalb auf seine Bitte eine Liste mit allen Ansitzen geschickt und diesen einen besonders empfohlen. Im Auftrag des Ministeriums kletterte Martens seit zwei Wochen täglich und mühsam drei Meter die Leiter hinauf, in der Hoffnung, den Auftrag erfüllen zu können.

Seufzend ließ er das Fernglas sinken. Nichts. Das Reh war ruhiger geworden, doch die Lauscher bewegten sich weiter, um die Geräusche der Umgebung zu erfassen. Auch die Augen des Rehs blieben aufmerksam. Die Wachsamkeit der Wildtiere faszinierte den Jäger schon sein ganzes Leben. Entspannung gab es für dieses Wild offensichtlich kaum. Jetzt erst recht nicht mehr. Seit ein paar Monaten war das Wild in dem riesigen Waldgebiet deutlich vorsichtiger geworden. Doch das hatten die Naturschutzbehörden vorausgesagt. Die Rückkehr eines so großen Beutegreifers, wie sie ihn nannten, würde das Verhalten aller Wildtiere verändern.

Der 70-jährige griff erneut zum Fernglas und ließ den Blick langsam schweifen. Da sah er ihn. Flach und geduckt hatte sich der Wolf der Lichtung genähert. Gegen den Wind, wie Martens feststellte. Das Reh konnte ihn nicht wittern. Sehen hingegen schon, wenn sich das Raubtier zu einer zu schnellen Bewegung hinreißen ließ. Doch der Wolf war erfahren. Er verharrte in seiner Position und wartete. Martens hielt die Luft an und streckte seine Hand vorsichtig nach der Waffe aus. Fast hätte er sie umgestoßen, weil er das Fernglas nicht sinken lassen wollte. Der Wolf war kaum zu sehen, wie er flach auf dem Boden an eine Baumwurzel gedrückt am Rande der Lichtung kauerte. Sein graues Fell hob sich kaum von der Umgebung ab. Martens hob die Waffe und legte an. Es gab keine Chance auf einen sauberen Schuss aus diesem Winkel, trotzdem visierte er den Rüden durch das Zielfernrohr an. „Na los, steh auf'', flüsterte er leise und hoffnungsvoll. Doch der Wolf rührte sich nicht. Martens hob den Kopf. Das Reh war noch da. Es äste, bewegte sich aber in kleinen Schritten zum Rand der Lichtung. Das war zu erwarten. Die vorsichtigen Tiere blieben nie länger als unbedingt nötig ohne Deckung. Der Jäger blickte zurück zur Baumwurzel. Der Wolf war verschwunden. Mit Mühe unterdrückte Martens ein Fluchen, er war gescheitert. Mit einem Rest vager Hoffnung ließ er das Gewehr mit Blick durch das Zielfernrohr entlang der Lichtung wandern. Das Reh hatte den schützenden Wald schon fast erreicht. Martens wollte die Waffe gerade sichern und abstellen, als der Wolf wenige Meter von seinem ursprünglichen Platz entfernt unter einem Busch hervorsprang. Mit nur zwei Sätzen hatte er das Reh erreicht, das sich reflexartig geduckt hatte, um möglichst viel Kraft auf die Hinterbeine zu bringen. Augen und Ohren waren auf den Angreifer gerichtet, der Körper bereits im Sprung, weg vom Wolf. Mit einem gewaltigen Satz sprang das Reh voran. Martens drückte ab.

Der Knall war ohrenbetäubend. Der Wolf hatte das Reh am Hinterbein erwischt. Sein Kiefer schloss sich fest um den zarten Knochen, doch das Reh riss kräftig, es stürzte, wand sich und rappelte sich auf im Kampf um sein Leben. Der Wolf versuchte nachzufassen, doch sein linkes Hinterbein baumelte nutzlos hin und her. Er verlor den Halt und fiel zur Seite, den Kiefer immer noch um das Bein des Rehs geschlossen. Die junge Ricke unternahm einen letzten Versuch, sich zu befreien. Mit aller Kraft sprang sie voran und riskierte, dass der Wolf ihr das Rückgrat brach oder das Bein abriss. Der Wolf ließ los. Martens starrte auf das Drama, das sich innerhalb von Sekunden vor seinen Augen abspielte. Er war unfähig, zu reagieren. Dann war die Ricke verschwunden. Viel zu schnell für die Augen des Jägers. Mit einem ungelenken Satz sprang der Wolf auf drei Beinen zurück in den Wald. Martens riss die Waffe hoch und feuerte erneut. Doch er konnte sehen, dass die Kugel das Tier verfehlte und in einen Baum einschlug. Die großen Splitter der Buche verrieten es ihm, als sie rechts und links versprengt in die Büsche flogen. Martens war allein und starrte auf die Lichtung. Immerhin, er hatte ihn schwer getroffen. Nach kurzem Nachdenken sicherte er das Gewehr. Den Rest würde die Natur erledigen. Mit einer so schweren Verletzung würde es wohl nicht lange dauern. Der Auftrag war erfüllt, beschloss er für sich. Das Landesamt konnte die Akte GW 98M, so die wissenschaftliche Kennung des Wolfs, schließen. Kurz zögerte Martens erneut, als er die Leiter herunterstieg. Eigentlich war er zur sogenannten Nachsuche verpflichtet. Aber inzwischen setzte die Dämmerung ein und ein verletzter Wolf, der sich zum Sterben zurückgezogen hatte, könnte auch für Menschen gefährlich werden. Der Jäger schulterte das gesicherte Gewehr und wandte sich von der Lichtung ab. Noch bevor er den Geländewagen erreicht hatte, den er unweit auf dem breiten Waldweg hatte stehen lassen, malte er sich die Aufregung unter den Wolfsfreunden aus, wenn der Tod des Wolfs bekannt wurde. Schon als die Zeitungen das erste Mal über die bestätigte Wolfssichtung berichteten, hatten sie sich in Internetforen zu Interessensgruppen zusammengeschlossen und schließlich den Schäfern die Schuld gegeben, als es zu den ersten Rissen kam. Als dann der Bescheid zum Abschuss des Wolfs öffentlich wurde, hatte die Gruppe zum Protest aufgerufen. Kein Wunder, dass das Landesamt den unliebsamen Wolf so schnell wie möglich loswerden wollte, bevor der Widerstand noch weiter anwuchs.

Sogar einen Namen hatten sie ihm gegeben. „Arthur". Martens schüttelte bei der Erinnerung daran den Kopf, während er den Geländewagen aufschloss. Schließlich war dann auch noch die überregionale Presse dazu übergegangen, den Wolf bei seinem Spitznamen zu nennen. „Was wird aus Arthur?" Oder „Arthur zum Tode verurteilt." Martens gluckste bei dem Gedanken, wie die nächste Schlagzeile lauten könnte. „Unbekannter Jäger hat Arthur hingerichtet" oder „Wer ist der Wolfsmörder?" Die Gazetten würden sich schon etwas einfallen lassen. Das Landesamt jedenfalls würde Martens' Namen nicht herausrücken. Mit der Bekanntmachung, dass der Wolf tot ist, würde deshalb vermutlich den Jagdpächter die Wut der Wolfsschützer treffen. Da war sich Martens sicher. Auch wenn der Pächter nichts damit zu tun hatte, aber die Erfahrung hatte gezeigt, dass einige Gruppen der Wolfsfreunde sehr bemüht sind, die Namen der Jäger vor Ort herauszufinden. Martens selbst wohnte rund 100 km entfernt. Auf ihn würden sie sicher nicht kommen. Jetzt musste er sich nur noch die Lorbeeren abholen und das Unbehagen der letzten Tage beiseiteschieben.

Allein der Tag, an dem alles angefangen hatte! Martens schüttelte sich bei der Erinnerung. Eigentlich wollte er nur mit dem zuständigen Biologen im Landesamt für Naturschutz über sein Bauvorhaben am Demenstädter Wald sprechen, als das Gespräch unvermittelt auf den Wolf kam. Offenbar hatte man sich über ihn informiert und kannte seine Jagdbefähigung, die auch für große Raubtiere gilt. Hektisch war dieser Dr. Lauber. Das hatte Martens vom ersten Moment angestrengt. Jetzt im Ruhestand wollte er mit diesen übereifrigen Verwaltungsbeamten möglichst nichts mehr zu tun haben. Trotzdem brauchte er die Behörde und sie ganz offensichtlich ihn. Dennoch würde er sich kaum jemals wieder zu so einem Auftrag überreden lassen. Die 1000 Euro Honorar waren auch nicht der Anreiz gewesen. Eher die Chance, leichter an eines der begehrten Grundstücke zu kommen. Die Zeit drängte. Schon bald würden die schönsten Flächen direkt am Landschaftsschutzgebiet zu Bauland erklärt. Jetzt, mit der Rückkehr der Wölfe stiegen die Bodenpreise auch noch merklich an. Vor allem Naturfreunde aus der Stadt hatten ihr Herz für die Region entdeckt. Ein Stück weit konnte Martens vor allem die Naturromantiker verstehen. Der Wald am Rande des Landkreises Demenstadt lag in einem Tal. Wer hier ein Grundstück ergatterte und genug Geld für große Fensterfronten mitbrachte, konnte sich auf einen fantastischen Blick auf das riesige Waldgebiet freuen. Aber der Weg zum Baugrundstück führte nun einmal über Umweltverträglichkeitsgutachten und die lagen in der Kompetenz des Landesamtes für Naturschutz. Grund genug, einen Fuß in der Tür zu haben. Martens war sicher, dass Dr. Lauber genau wusste, dass er mindestens ein Grundstück unbedingt kaufen wollte und über das nötige Kapital verfügte. Dass die Grundstückspläne mit den besten Flächen schon auf seinem Schreibtisch lagen, als Lauber ihn bat, den auffällig gewordenen Wolf abzuschießen, konnte kein Zufall gewesen sein. Er habe ja neben der Befähigung zum Abschuss auch ausreichend Zeit, so Lauber.

Lust hatte Martens keine gehabt, wenn auch Verständnis. Schließlich hatte der Wolf immensen Schaden bei den Schäfern der Region angerichtet. Die Abschussgenehmigung war deshalb nur eine Frage der Zeit gewesen. Als Martens einen Blick auf die Baupläne warf, hatten Laubers Augen kaum merklich aufgeblitzt. Während er mit dem Zeigefinger den Waldrand nachzeichnete und er mit blumigen Worten die Vorzüge der Region pries, glaubte Martens, leisen Spott herauszuhören. „Was für ein widerlicher Mensch", war ihm durch den Kopf geschossen. Trotzdem hatte er sich auf den Deal eingelassen. Laubers Frage, welches Grundstück er bevorzugen würde, war selbst Martens zu direkt. Liebend gern hätte er sich umgedreht und wäre gegangen, sosehr ärgerte ihn die immer plumpere Vorgehensweise von Lauber. Stattdessen schwieg er. Lauber tippte grinsend mit dem Zeigefinger auf eine besonders schöne Stelle. Ein hochgelegenes Grundstück, das als einziges auf einer Ebene lag und laut Plan auch keine weiteren Nachbarn haben würde. „Je länger die Suche nach dem Wolf dauert, umso mehr berichten die Zeitungen über dieses schöne Fleckchen und umso mehr berichtet wird, umso teurer werden die Grundstücke." Laubers Ansage war deutlich und Martens fühlte sich unter Druck gesetzt, auch wenn die stillschweigende Vereinbarung ihm einen Riesenvorteil versprach. „In spätestens einer Woche dürfte das Problem sicher beseitigt sein." Lauber grinste, während er Martens auf die Schulter klopfte und ihn gleichzeitig Richtung Bürotür schob, was den Jäger zusätzlich verärgerte. Ohne ein weiteres Wort verließ er das Landesamt, fest entschlossen, den Wolf schnellstmöglich abzuschießen, den Grundstückskauf abzuwickeln und in Zukunft einen Riesenbogen um Lauber zu machen. Trotzdem hatte der Biologe recht. Die gesamte Region war eine Goldgrube. Je mehr mediale Berichterstattung, umso deutlicher wurde das. Und nun noch der Wolf als Medienspektakel. Doch all das konnte Martens jetzt egal sein. Er hatte abgeliefert. Der Weg zum Traumhaus war frei.

Lauber versuchte, dem unheilvollen Blick der Umweltministerin standzuhalten, die ihm nur bis zur Schulter reichte. "Noch immer kein Abschuss?" Lauber kochte innerlich. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich die Gutachten für die Freigabe der neuen Baugebiete. Dieses Wolfstheater ging ihm zunehmend auf die Nerven. Er hastete der hochamtlich wirkenden Ministerin hinterher, die mit ihrem Mitarbeiterstab an ihm vorbei über den Flur zum Besprechungsraum eilte. Er wusste, dass sie eine Antwort erwartete und sah sich gezwungen, hinter ihr herzulaufen. Das machte ihn noch wütender. Vor der schweren Eingangstür blieb sie so abrupt stehen, dass er fast in sie hineingerannt wäre. Schwungvoll drehte sie sich zu ihm. „Da drinnen sitzen über 200 Landwirte, Jäger und Journalisten. Wenn ich denen wieder mit irgendwelchen Ausflüchten komme, nageln die mich an die Wand, mein lieber Herr Dr. Lauber!", zischte sie, während Lauber sich um Fassung bemühte. Als ob ihn irgendeine Schuld treffen würde. „In drei Monaten sind Wahlen. Wenn mich dieser Wolf die Wählerstimmen der Landwirte kostet...". Sie stockte, als Laubers Telefon klingelte und der aufgeregt mit den Händen fuchtelte. „Das ist der Jäger!" Mit einer kurzen Handbewegung schickte die Ministerin ihre Mitarbeiter voran in den Sitzungssaal, bevor sie sich aufmerksam Lauber zuwandte, der mittlerweile das Gespräch angenommen hatte. „Fassen sie sich kurz," schnauzte der in sein Smartphone. Selbst durchs Telefon konnte er spüren, wie Martens zusammenzuckte. So gefiel ihm das Machtgefüge deutlich besser. „Ich habe ihn erwischt, aber...", setzte Martens an und Laubers Stimme wurde noch härter. „Das wurde auch Zeit und verschonen Sie mich mit den Einzelheiten, die Ministerin steht neben mir." Lauber legte einfach auf und wandte sich seiner Dienstherrin zu, die ihn jetzt deutlich milder ansah. Er genoss den Moment seines Triumphes. „Der Jäger hat den Wolf erlegt. Sie können ganz entspannt in die Versammlung gehen, Frau Ministerin." Mit dem anerkennenden Schlag auf die Schulter, für den sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, hatte er nicht gerechnet. Sein Seelenfrieden war wieder hergestellt. „Gut gemacht! Sie haben Ihren und meinen Job gerettet," grinste sie, wandte sich ab und betrat den Sitzungsraum.

Es wurde noch schlimmer, als Martens befürchtet hatte. In den nächsten Tagen ließ sich der Demenstädter Bote lang und breit über den geschossenen Wolf aus und ergab sich in Spekulationen, wer der Schütze gewesen sein konnte. Diese Frage hatten die Wolfsfreunde wiederholt aufgeworfen und auch in den Kommentarspalten hagelte es Vorwürfe gegen den Abschuss des streng geschützten Tieres. Stirnrunzelnd las Martens die Worte einer Leserin, die sich „Wolfs-Lady" nannte und für die Jäger sowieso alle Mörder seien. Ein anderer Kommentar stammte von jemandem, der sich als Administrator eines Wolfsforums zu erkennen gab und ankündigte, das Umweltministerium wegen des Verstoßes gegen die strengen Naturrichtlinien anzuzeigen und dass die Rache für Arthur schon noch kommen werde. Martens beschloss, sich nicht weiter damit zu befassen.

Per E-Mail verabredete er sich mit Lauber, um über den Grundstückskauf und die nötigen Gutachten zu sprechen. Der Biologe wohnte nur wenige Ortschaften von den begehrten Flächen entfernt. Lauber hatte ihn zu sich nach Hause eingeladen, um die Pläne und „die Bedingungen", wie er es nannte, im „vertraulichen Rahmen" zu besprechen. Martens vermutete, dass es um Schmiergeld ging. Das nun auch noch. Lauber war wohl noch korrupter, als er es vermutet hatte. Dr. Manfred Lauber, Biologe am Landesamt für Naturschutz, schien es finanziell gut zu gehen. Das langgestreckte Gebäude war ein umgebautes Bauernhaus. Das Haupthaus schien neu, die Nebengebäude, allesamt Fachwerk, sorgfältig renoviert und die Zufahrt ordentlich gepflastert. Martens pfiff durch die Zähne, als er auf den Gebäudekomplex zurollte. „Ein schönes Fleckchen!" Martens zwang sich zu einem höflichen Gesprächseinstieg. Lauber war aus der Haustür getreten und deutete bestätigend mit weit ausholenden Armbewegungen über sein Grundstück. „Ihr zukünftiges Land aber auch". Er zwinkerte verschwörerisch und deutete auf seinen Sportwagen, der mit angelehnter Fahrertür vor der Garage stand, während Martens sein Auto auf dem Hof parkte. „Wir fahren raus zu den Grundstücken, ich nehme Sie mit." Während Lauber schwungvoll in den Wagen sprang, musste Martens sich mit der rechten Hand am Dach des Wagens festhalten, nachdem er das linke Bein im Fahrzeug untergebracht hatte. Mühsam ließ er seinen wuchtigen Körper in den tiefen Sitz fallen und fürchtete schon jetzt das Aussteigen. Lauber, fast 30 Jahre jünger, fiel das sichtlich leichter. Er nahm die Abkürzung durch den Wald. Martens hatte starke Zweifel, dass das erlaubt war. Nach wenigen Kilometern über festen Waldboden hatten sie das Ziel erreicht. Das Aussteigen gelang Heiner Martens besser als befürchtet. Lauber war mit den gefalteten Bauplänen bereits vorangegangen. „Es ist wirklich schön hier", rief er aus und ausnahmsweise nahm Martens ihm ab, was er sagte. „3000 qm sind das." Lauber faltete umständlich den Plan auseinander und wies auf die Felsenkante vor ihnen. „Der Fels ist zwar sicher, zu nah sollte das Haus da aber nicht stehen." Er ging voran und deutete auf die Bäume am Abhang. „Die dürfen nicht gefällt werden" mahnte Lauber. Die Wurzeln der alten Eichen und Buchen stabilisieren das Erdreich an dieser Stelle." Die Männer schritten die Bäume ab. „Vielleicht wäre hier ein Zaun nicht schlecht", warf Lauber ein und blickte mit erkennbarem Unwohlsein über den Steilhang. Martens schwieg. Einerseits ging ihm Lauber auf die Nerven und andererseits war er hingerissen von seinem zukünftigen Grundstück. Es war Zeit, Tacheles zu reden.

„Wie geht's weiter?" Martens schob die Hände in die Hosentaschen. Die Situation machte ihn nervös. Sein ganzes Leben war er ehrlich gewesen. Seinen Reichtum hatte er hart erarbeitet. Dass er jetzt auf einen korrupten Beamten angewiesen war, um an das Grundstück zu kommen, das er zuerst entdeckt hatte, widerte ihn an. Lauber nickte kaum merklich. „Die Gutachten werden Ende des Monats fertig sein. Sie müssen vorher kaufen. Danach wird sich der Preis hier verdoppeln. „800.000 müssen Sie anlegen". Martens fühlte seinen Blutdruck steigen. Das lag deutlich über dem geplanten Budget allein für das Grundstück. Dennoch ließ er sich nichts anmerken. Laubers Worte machten deutlich, in welche Richtung das Unterfangen ging. „Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie den Vorvertrag unterschrieben haben. Bis dahin halte ich das Gutachten zurück. Aber beeilen Sie sich. Mehr kann ich nicht tun." Martens nickte. „Und Sie müssen den Wolf noch ins Labor bringen". Laubers Hinweis fiel beiläufig. Martens zuckte mit den Schultern. „Der ist Wurmfutter. Irgendwo im Wald ist er verreckt". Lauber starrte ihn fassungslos an. „Sie haben doch gesagt, Sie haben ihn erwischt". Martens fühlte sich unbehaglich. „Habe ich ja auch, aber er war nicht tot. Sie haben das Telefonat abgebrochen, bevor ich..." Lauber starrte ihn schweigend an. Es war offensichtlich, dass er fieberhaft nachdachte. Natürlich musste das Landesamt den Tod des Wolfs dokumentieren. Als Jäger wusste er das und ohne Kadaver war die Untersuchung natürlich nicht möglich. Auch die weiterführenden Analysen der Proben waren wichtig für das Wolfsmonitoring. Vor allem Verletzungen und Krankheiten gehörten dazu. Martens zog es vor, zu schweigen. Plötzlich packte Lauber mit der rechten Hand seinen Kragen. „Was zum Teufel ist passiert?" Martens wich zurück. „Ich habe ihn erwischt, sagte ich doch. Aber er konnte noch weglaufen. Der machts nicht mehr lange und jagen kann er damit auch nicht mehr. Ein Hinterbein ist hinüber." Martens Stimme wurde hektischer. Der Biologe war weiß wie eine Wand. „Haben Sie eine Ahnung, wie überlebensfähig Wölfe sind". Seine Stimme klang jetzt eisig und er zitterte vor Wut. „Wenn das Vieh wieder auftaucht und ich meinen Job verliere..." Lauber stockte. Seine Dienstherrin würde ihm den Kopf abreißen. Die Pressemitteilung war längst veröffentlicht, der Wolf für tot erklärt, die Landwirte besänftigt. Der Biologe rückte näher an den Jäger heran. Martens ging einen Schritt zurück. Lauber griff erneut nach Martens Jacke, doch der wich mit einem weiteren, großen Rückwärtsschritt aus. Lauber starrte in Martens entsetzten Gesichtsausdruck, als der rückwärts über eine Wurzel fiel. Sein behäbiger, rundlicher Körper kullerte auf dem jetzt abschüssigen Gelände auf den Abhang zu. Martens griff wild um sich und bekam einen Ast zu fassen. Für einen Augenblick stoppte das seinen Absturz, während Lauber sich vorsichtig zu ihm hinunter zu angeln versuchte. Martens gelang es, sich hochzuziehen und aufzurichten, als der Ast brach. Er verlor erneut das Gleichgewicht und fiel hintenüber. Direkt über den Abhang in die Tiefe. Das Geräusch eines auf Wasser aufschlagenden Körpers war alles, was noch zu hören war. Dann herrschte Stille. Lauber starrte entsetzt zwischen den Bäumen hindurch.

Vorsichtig tastete er sich über einen von Steinen gesäumten Umweg an den Rand. Er kannte die Böschung, denn die Gefahrenstellen waren Teil des Gutachtens. Eine der Eichen, die nah am Abhang stand, bot genug Halt und die Möglichkeit, in die Tiefe zu schauen. Martens Körper schwamm auf der Oberfläche des Sees, nah am Ufer. Fast hätte er ihn nicht entdeckt. Aber das Wasser hatte Niedrigstand und die Wurzeln der Bäume, die sonst im See standen, lagen nun teilweise über Wasser. Martens Hemd hatte sich bereits verfangen. Laubers Gedanken rasten. Der Mann war offensichtlich tot und ihn traf keine Schuld. Wenn er jetzt die Polizei rief, würde sie wissen wollen, in welcher Verbindung er und Martens standen. Spätestens dann würden unangenehme Fragen aufkommen, ganz besonders weil Martens kürzlich im Auftrag für das Ministerium tätig war. Und jetzt befanden sie sich an einem der begehrtesten Grundstücke der Region. Der finanzkräftige Martens und der Mann, der den Zeitpunkt in der Hand hatte, wann die Grundstückspreise explodieren. Lauber wandte sich ab. Die Wurzeln würden den toten Körper noch eine ganze Zeit festhalten und frühestens nach den nächsten Regenfällen stieg die Wahrscheinlichkeit, dass Martens weitergeschwemmt wurde. Genug Zeit, um verräterische Hinweise zu beseitigen.

Martens' Jacke lag noch auf dem Beifahrersitz. Lauber durchwühlte die Taschen und fand Autoschlüssel, Handy und Geldbörse. „Perfekt," schoss es ihm durch den Kopf, was ihn zugleich erschreckte. Der Tod des Jägers ließ ihn schon wieder kalt. Er lenkte den Sportwagen zurück zum Hof. Den Martens'Geländewagen fuhr er in die hintere Scheune, direkt neben einen alten VW, den er eigentlich hatte restaurieren wollen. Nach kurzem Zögern durchsuchte er das Handschuhfach und fand dort weitere Schlüssel. Offenbar für Martens' Haus. Er schraubte die Nummernschilder des Geländewagens ab und schob sie hinter einen Stapel Bretter, die von Renovierungsarbeiten übrig waren. Die Jacke stopfte er in den Mülleimer, zog sie aber gleich wieder raus, nahm sie mit ins Haus und warf sie in den Kamin. Den würde er später anzünden. Handy und Schlüssel wanderten in eine Schublade am Küchentisch. Lauber setzte sich und dachte nach.

Martens lebte allein und war oft auf Reisen, wie er ihm erzählt hatte. So schnell würde ihn niemand vermissen. Trotzdem musste er den Wagen loswerden. Er wartete ein paar Tage, dann schaltete er eine Anzeige für einen älteren Kleinwagen zum Ausschlachten. Schon kurze Zeit später meldeten sich die einige Exporteure. Innerhalb weniger Stunden stand der erste Händler auf seinem Hof und begutachte den Kleinwagen. Sein Preisangebot war wie erwartet unverschämt niedrig, aber Lauber gab sich ahnungslos und verhandlungsbereit. Der Plan ging auf. Längst hatte der Händler den Geländewagen entdeckt und lockte mit einem Gesamtpreis. Laubers vorsichtige Erklärung, dass er nichts von Autos versteht und ihn eigentlich von jemandem bekommen hätte, der ihm Geld schulde, dann aber nie die Papiere erhalten habe, nahm sein Gegenüber verständnisvoll nickend zur Kenntnis und versprach eine unkomplizierte Übernahme. Lauber wusste, dass der Händler ihm kein Wort glaubte und längst begriffen hatte, dass mit dem Geländewagen etwas nicht in Ordnung war. Entsprechend niedrig war der Preis. Aber Lauber stimmte zu, drückte dem Händler die Schlüssel in die Hand, nahm das Geld entgegen und sah später aus seinem Wohnzimmerfenster zu, wie der Mann beide Autos auf den Anhänger zog und den Geländewagen mit dunkler Folie abdeckte. Lauber atmete tief ein, als der Transporter vom Hof rollte. „Auf Nimmerwiedersehen." Er wandte sich ab und zündete den Kamin an.

In den Wäldern von Övenhorst

Die einsetzende Dämmerung hatte ihn aufgeweckt. Prüfend hob er die Nase in den Wind und lauschte auf das Stimmgewirr, das jetzt bis zu ihm in den Wald drang. Getrieben von einer Mischung aus Neugier und Unruhe erhob er sich und trabte in die Richtung, aus der die ungewohnten Geräusche kamen. Am Waldrand blieb er stehen und sah auf das hell erleuchtete Haus am unteren Teil des Hügels. Normalerweise war es dort ruhig. Jetzt gingen viele Menschen aus und ein. Autos fuhren vor. Früher hatte er sich im Schutz der Dunkelheit näher an Häuser herangewagt, doch seit dem lauten Knall fiel ihm das Laufen nicht mehr so leicht. Das hatte ihn vorsichtiger gemacht. Langsam zog er sich in die Dunkelheit des Waldes zurück. Es wurde Zeit, auf die Jagd zu gehen.

„Bitte bewahren Sie Ruhe!" Bürgermeister Altmanns beschwichtigende Gesten blieben ungesehen, sein zunehmend lautes Rufen ungehört. Rund zwei Dutzend Bürger diskutierten aufgeregt im Hinterzimmer der Dorfkneipe „Zum Lohmanns." Frieder Altmanns reckte den Kopf und sah hilfesuchend zu Martin Brehme, der neben dem Eingang stehengeblieben war. Doch der Förster zuckte nur mit den Schultern und nippte seelenruhig an seinem Bier. Mal wieder hatte Altmanns das Gefühl, seine Autorität litt unter seiner eher geringen Körpergröße. Brehme hätte sich nur räuspern müssen und hätte sofort jede Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Hochgewachsen, breitschultrig, mit sorgfältig gestutztem grauem Vollbart und seiner ihm eigenen Besonnenheit war er für viele Övenhorster eine Respektsperson. Die Uniform des Forstamtes tat ihr Ûbriges. Zum wiederholten Male fragte sich Altmanns unsicher, ob er sich einen Bart wachsen lassen sollte. Aber seine Frau Silvi war strikt dagegen.

Es war Ida Wernsten, die schließlich durchgriff. Die Lokalreporterin hatte sich gekonnt selbstbewusst durch die Menge geschoben und den lautesten aller Schreihälse vorgeknöpft, indem sie ihn mit ein paar Fragen ins Gespräch verwickelte. Altmanns war zwischen Ehrfurcht und Verärgerung hin- und hergerissen. Ida war eine geborene Övenhorsterin, nicht so wie Altmanns, der erst vor wenigen Jahren mit seiner eleganten Frau aus der Großstadt hergezogen war. Die Menschen mochten Idas direkte und unverblümte Art. Da fast jeder Alteingesessene in Övenhorst Mitglied in irgendeinem Verein war, der Sommer-, Herbstund Winterfeste veranstaltete, die Thema im Lokalteil der Zeitung waren, kannte Ida furchtbar viele Leute und war mit den allermeisten auch per Du. Altmanns seufzte und widerstand dem Drang, sich zu ihr zu gesellen. Es wäre unklug, sich genau jetzt in den Vordergrund zu drängen, denn er war schlecht auf den Abend vorbereitet. Zu albern war ihm das Thema erschienen. Angesichts der Aufregung im Raum wurde ihm allerdings bewusst, dass er die Entwicklung mal wieder falsch eingeschätzt hatte. Daran musste er dringend arbeiten. Der Övenhorster Bote hatte das brisante Thema zuerst aufgegriffen und Ida war weitaus besser informiert als er, der Bürgermeister. Altmanns beschloss, dass es eigentlich ein Glücksfall war, dass immer mehr Övenhorster jetzt auf Ida achteten und dabei ruhiger wurden. Eine Stunde zuvor hatte Silvi ihm schnell noch eine knappe Zusammenfassung als Sprachnachricht geschickt. Altmanns wusste deshalb, dass einer der Landwirte einen Wolf gesehen haben wollte, der durch das Waldgebiet lief, in deren Mitte das 300-Seelendorf lag. Der Övenhorster Bote hatte mit Symbolbildern gearbeitet, weil es vom Övenhorster Wolf kein Foto gab. Außerdem hatte Ida den Landwirt mit der Sichtung und Förster Brehme zu Wort kommen lassen. Dieser Abend war schon deshalb eine gute Gelegenheit für Ida, ein paar Meinungen aus der Bürgerschaft einzufangen. Der Wolf war Gesprächsthema Nummer eins beim Bäcker, an der Wursttheke oder in der Kneipe. Weitaus heftiger tobte die Debatte aber im Internet. Davor hatte Silvi, die sämtliche Social-Media-Kanäle genau im Blick hatte, ihn besonders gewarnt. Bislang hatte niemand bei den Diskussionen den Bürgermeister erwähnt, doch wenn Entscheidungen fallen sollten, würde das passieren und so etwas könnte einen Kommunalpolitiker mit großen beruflichen Plänen schnell die Karriere kosten. Das hatte er verstanden. Losgegangen war der Ärger auf der Internetseite des Övenhorster Boten, zog sich dann durch die kleinen regionalen Social-Media Gruppen, bis in die stark vernetzten Internetforen, die sich mit Natur- und Wolfsschutz befassten, kaum dass die Lokalpresse den Verdacht ausgesprochen hatte. Fotos, die das Wildtier zeigen sollten, wurden fast stündlich neu über die sozialen Netzwerke und Messenger Dienste verbreitet. Jeder wollte plötzlich den Wolf entdeckt haben. Ida hatte alle Bilder, an die sie herankam, an den Förster weitergeleitet. Bei den meisten konnte er den Wolf ausschließen. Vor allem Füchse waren darauf zu sehen und einmal hatte jemand einen Waschbären mit dem Wolf verwechselt. Sogar Fälschungen waren darunter, von irgendwelchen Menschen auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Die Fotojagd auf den Övenhorster Wolf hatte sich zu einem Wettbewerb entwickelt und eines war klar, wer ihn zuerst ablichtete, würde jede Menge Applaus bekommen.

Der Förster hatte alle Fotos, bei denen er sich nicht sicher war, an das zuständige Landesamt für Naturschutz weitergeleitet. Manche Aufnahmen waren verwackelt. Die meisten zeigten sogar nur schemenhaft ein größeres Tier. Das Landesamt folgte dann seinem offiziellen Auftrag aus dem Wolfsmanagement und ließ alle Wolfshinweise von einem Expertenteam des regionalen Instituts für Wildtierbiologie begutachten und einschätzen. Bei eingesandten Fotos setzten die Biologen und Tierärzte auf den Vergleich mit ähnlichen Bildern, die bereits an anderer Stelle aufgetaucht waren und in gar keinem Zusammenhang mit den Sichtungen in Övenhorst standen. Brehme war immer wieder fasziniert, was für einen Aufwand die Fachleute betrieben und wie erfolgreich sie dabei waren.

Viele der angeblich aus Övenhorst stammenden Aufnahmen ließen sich so Wolfs-Meldungen aus Niedersachsen zuordnen. Sie zeigten Wölfe aus einem Rudel, das sich hunderte Kilometer entfernt auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz niedergelassen hatte und dort weitgehend unbehelligt und ohne nennenswerte Zwischenfälle lebte. Brehme war nicht der einzige Övenhorster, der sich über die Fantasie der Menschen wunderte und deren Motivation, unbedingt mit einem Foto vom Wolf in die Öffentlichkeit zu gelangen. Vor wenigen Tagen hatte das Landesamt erneut Rückmeldung gegeben. Keines der eingeschickten Fotos zeigte einen Wolf. Allerdings stand ein weiteres Untersuchungsergebnis noch aus.

Die Nachricht der Falschmeldungen aus dem Institut hatte der Övenhorster Bote brandaktuell aufgegriffen und damit brach der Shitstorm erst richtig los. Ida Wernsten hätte die Kommentarfunktion auf der Social-Media-Seite des Boten liebend gern deaktiviert, doch der Redaktionsleiter in der Kreisstadt Waidenbrunn hatte sie überredet, nichts zu unternehmen. Die Reichweite sei wichtig und der Övenhorster Bote das entscheidende Medium, über Fakten zum Wolf zu berichten. „Was bringt das, wenn es keiner liest und die Leute sich woanders austauschen und informieren?" Ida lenkte ein und löschte weiter zähneknirschend im Stundentakt allzu arge Beleidigungen, die sich Wolfsgegner und Wolfsbefürworter im Schutz des Internets an den Kopf warfen. Silvi Altmanns hatte die Diskussionen im Internet verfolgt und ihren Mann davor gewarnt, das Wolfsthema nicht ernst zu nehmen. Deshalb hatte er sich fest vorgenommen, mit seinen Fraktionskollegen darüber zu sprechen. Spätestens in der nächsten Ratssitzung. Die Sorgen der Landwirte schienen ihm irgendwie nachvollziehbar. Auch hatte er Verständnis für die Wolfs- und Naturfreunde und seiner Ansicht nach gab es in dem riesigen Waldgebiet ausreichend Natur für alle.

Nur zu lebhaft waren ihm die Diskussionen über eingewanderte Waschbären, die Vogelnester ausräuberten und übe Wildschweine, die Vorgärten verwüsteten, in Erinnerung. Solche zeitraubenden Debatten mit Naturschützern, Jägern und Landwirten konnte er bei seiner umfassenden Verwaltungsarbeit wirklich nicht brauchen. Doch nicht nur Frieder Altmanns hoffte, dass sich die Aufregung bald legen würde. Auch Ida stellte der Wolf täglich vor neue Herausforderungen. Mittlerweile hielt sich offenbar jeder für einen Experten, der sich für den Wolf interessierte. Immer noch fügten die Leser neue Bilder von Wölfen und gerissenen Tieren in die Kommentarspalte ein, die sie aus anderen Social-Media-Platt-formen irgendwo heruntergeladen hatten. Mit jedem neuen Foto brandete die Diskussion erneut auf und mit ihr das Rätselraten, ob das abgelichtete Tier ein Wolf ist und das getötete Tier eines seiner Rissopfer. Ida Wernsten verließ sich bei Rückfragen auf den Förster. „So oft wie in den letzten Wochen hast du mich noch nie interviewt", hatte er gewitzelt, als sie ihn am Telefon mal wieder mit den Worten begrüßte, „Ich bin es schon wieder." Dennoch wurde er nicht müde, ihr zu erklären, dass die Begutachtung und Einschätzung, die Verifizierung, wie er es nannte, Aufgabe von Fachleuten sei. Aber mit jedem neu auftauchenden Foto fühlten sich mehr Leser berufen, ihr Urteil abzugeben.

Mittlerweile hatte es vermutlich jeder große, dunkle Hund aus dem Dorf zu zweifelhaftem Ruhm gebracht, für einen Wolf gehalten zu werden. Vor allem die Wolfshunde des Lebenskünstlers Thore Meierhans schürten die Unruhe. Seine wolfsähnlichen Hunde lebten mit ihrem Besitzer in einem abseitsstehenden Holzhaus. Offenbar hatten sich gleich mehrere Övenhorster einen Scherz erlaubt und die Tiere, die nie allein unterwegs waren, heimlich zu fotografieren und als vermeintliche Wolfsbilder ins Netz zu stellen. Martin Brehme kannte die Hunde. Sie waren ihm zwar genauso suspekt wie ihr Besitzer, aber bei genauem Hinsehen ließen sich die Tiere identifizieren und waren vermutlich harmlos. Ida tat ihm mittlerweile Leid. Zwar hatte sie grundsätzlich große Freude an Themen, die wirklich alle bewegten, aber das hier ging eine Spur zu weit. Erst recht, seit die Leser auch noch aufgebracht zum Telefon griffen. Brehme ging gar nicht erst ran. Wer ihn sprechen wollte, musste seine Mobilnummer kennen oder eine E-Mail schicken. Und auf die gab es eine automatische Antwort, dass bei Fragen zum Wolf das zuständige Landesamt Ansprechpartner sei. Brehme grinste bei dem Gedanken, wie Dr. Lauber mit aufgeregten Wolfsgegnern und Befürwortern wohl umging. Der Mann war Experte für Umweltgutachten, dass der Wolf als Teilbereich in seiner Zuständigkeit lag, passte ihm überhaupt nicht. Mit jedem Foto, das Brehme ihm zur Identifikation schickte, wurde Laubers Bearbeitung langsamer und ungenauer. Brehme fragte sich, wie lange es noch dauerte, bis Lauber, den er fachlich für komplett inkompetent hielt, der Kopf platzte.

Idas Geduld war am Ende, als Naturfreunde wutentbrannt beim Boten anriefen und den sofortigen Stopp der Berichterstattung zum Schutz des Wolfes forderten, denn mit der vermeintlichen Sichtung liefen immer mehr neugierige Övenhorster durch die Wälder. Hinzu kamen Touristen, bewaffnet mit Kameras und voller Hoffnung das scheue Wildtier zu entdecken. So zumindest die Befürchtung der Naturfreunde. Ob das so zutraf? Ida hatte mit Brehme darüber gesprochen und er hatte die Aussage zu ihrer Überraschung bestätigt. „Die sind doch alle verrückt geworden." Brehme wiederholte sich, wenn Ida ihm ihr Leid klagte. Die Freude über ein neues Thema und die viele Aufmerksamkeit war verflogen.

Für einige Tage hatte sich die Stimmung beruhigt. Es gab eine neue Rutsche im Waldkindergarten, gesponsert von der örtlichen Bank, das Dorfgemeinschaftshaus lud zum Grillfest und die jährliche Säuberungsaktion der wasserführenden Gräben mit anschließender Kartoffelsuppe im „Lohmanns" stand an. Doch dann gerieten die Dinge erneut außer Kontrolle. Auslöser waren dieses Mal Vertreter des Jagdverbandes, die sich mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit gewandt und die Besitzer von Weidetieren aufgerufen hatten, ihre Zäune deutlich aufzurüsten. Während die Landwirte und Hobbytierhalter öffentlich einsehbare Listen über die Kosten des geforderten Zaunbaus erstellten, wurden von Seiten der Wolfsschützer Befürchtungen laut, die Jäger könnten sich auf die Lauer legen, um den Wolf abzuschießen, der doch ein direkter Konkurrent der Jägerschaft sei. Das wisse man ja wohl. Martin Brehme hatte staunend und kopfschüttelnd bei einer erneuten Stellungnahme in der Lokalzeitung erklärt, dass der Wolf nach europäischer Verordnung, der sogenannten FFH-Richtlinie, dem Flora-Fauna-Habitat, strengstens geschützt sei, der Abschuss folglich eine Straftat. Er hatte der Redakteurin, Ida Wernsten versichert, dass der einzige Jagdpächter auf Övenhorster Gebiet erstens Rechtsanwalt und zweitens ein umgänglicher Naturfreund sei. Dass er selbst die Hand für wenigstens zwei der Landwirte mit Jagdschein hingegen nicht ins Feuer legen würde, behielt er für sich.

Bis vor wenigen Wochen waren sich die Övenhorster bei den üblichen Naturschutzthemen einig gewesen. Es gab keine wilden Müllkippen und jeder achtete ein wenig mit darauf, dass keine Schäden an der Natur entstanden. Der Wolf hatte sie gegeneinander aufgebracht. Vergessen war sogar der gemeinsame Kampf gegen den Bau der Umgehungsstraße und gegen den Windpark. Jetzt gab es Wolfsgegner und Wolfsbefürworter und einige wenige Menschen, die sich wunderten.

Martin Brehme

Martin Brehme beobachtete Ida, wie sie mit den Landwirten sprach. Seiner Einschätzung nach waren sie die Einzigen, deren Aufregung verständlich war. Sie mussten in Zäune investieren und wahrscheinlich ihre Tierhaltung im Außenbereich infrage stellen. Als er selbst im Övenhorster Boten auf Idas Fragen in knappen Sätzen das eher scheue Wesen der Wölfe beschrieben hatte und dabei ausführte, dass die Wahrscheinlichkeit, sie zu Gesicht zu bekommen, einem Sechser im Lotto gleichkäme, gab es für ein paar Tage keine Einladung zum Feierabendbier im „Lohmanns". Vielleicht hätte er sich nicht zu der Bemerkung über Rotkäppchen hinreißen lassen sollen. „Rotkäppchen lügt", hatte er irgendwann einmal in einem Nebensatz erklärt, als ihm ein Landwirt an den Kopf geworfen hatte, dass die Gefahr durch Wölfe seit Jahrhunderten bekannt ist. Mit dem lockeren Spruch hatte er die Landwirte vorübergehend irritiert. Dabei hatte er nur deutlich machen wollen, dass es keinen Grund für Ängste gab, solange man sich an neue wissenschaftliche Erkenntnisse hielt und nicht Schlüsse aus alten Geschichten zog.

Noch konfuser waren Anrufe derer, die erst kürzlich aus der Stadt zugezogen waren und ein Hausschaf nicht von einem Wildschaf, dem Mufflon, zu unterscheiden wussten. Sogar eine Gruppe von Wolfsverehrern hatte sich gemeldet, die ihm weismachen wollte, der Wolf sei ihr Totemtier. Darauf hatte er sich zum ersten Mal in seinem Leben am helllichten Tag einen Whisky eingegossen und den Arbeitstag für beendet erklärt, nachdem er den Anrufbeantworter abgestellt und die automatische Antwort für E-Mails eingerichtet hatte.

Als er später mit seiner Daisy, einer älteren Jagdhündin, zum abendlichen Waldspaziergang aufbrach, waren die Wolfstouristen, wie er sie inzwischen nannte, immerhin verschwunden und er war allein unterwegs. Dass der Wolf bei dieser Unruhe – falls es überhaupt einen gab – noch in der Nähe war, konnte er sich kaum vorstellen. Trotzdem beobachtete er den Jagdhund aufmerksam. Einen sich nähernden Wolf würde Daisy anzeigen, daran hatte er keinen Zweifel. Hunde und Wölfe waren gefährliche Gegner, denn ein Wolf duldet keine Hunde in seinem Revier. Das hatte er sich vorsichtshalber von niedersächsischen Kollegen nochmal bestätigen lassen, denn die hatten inzwischen viel Erfahrung mit Wölfen sammeln können. Gerieten die beiden Arten aneinander, war das ein Kampf auf Leben und Tod, bei dem meist der Hund den Kürzeren zog. Doch Daisy trottete entspannt vor ihm auf dem ausgetretenen Pfad, der sie über die gewohnte Abendrunde führte. Am Ende des Weges angekommen, verließen Herr und Hund für wenige Meter den Wald, um über die angrenzende Wiese den Heimweg anzutreten. Ein kurzer Blick auf die Hügellandschaft stimmte Brehme wie jeden Tag nachdenklich. Er liebte die Aussicht auf das Grünland. Die sanften Hügel von Övenhorst hatten einen besonderen Charme. Viele Nutztiere gab es nicht mehr, aber die letzte Berufsschäferin der Region sorgte weiter zuverlässig dafür, dass die Flächen nicht verbuschten und damit auch passierbar für die Wildtiere blieben. Die Arbeit der Schafe schaffte außerdem Platz für empfindliche Kräuter, die ihrerseits Nahrungsgrundlage für seltene Insekten waren, die wiederum Vögel anlockten, darunter Bodenbrüter und bedrohte Singvögel. Auch Eidechsen und einige Schlangenarten hatten hier eine Heimat wiedergefunden. Oft genug fragte sich Brehme, wie der Mensch den Blick für die Einzigartigkeit solcher Flächen verlieren konnte. Seit einiger Zeit hatte ein Immobilienhändler ein Auge auf die 18 Hektar geworfen, die der Gemeinde gehörten und ursprünglich nur als Gesamtfläche verkauft werden sollten. Zumindest wurde das gemunkelt. Der Immobilienmakler hoffte vermutlich auf viele Käufer aus den umliegenden Städten. Seit die Gemeinde aber das erste Baugebiet am Ortsrand mit Blick auf die Tallandschaft bis hin zur Övenhorster Schlucht ausgewiesen hatte, war die Zahl der Anwohner zum ersten Mal seit über 100 Jahren deutlich angestiegen. Nach nur vier Wochen waren alle vorbereiteten Bauplätze verkauft. Nur acht Monate später konnten die ersten Familien einziehen. Deshalb reisten an den Wochenenden Menschen aus den umliegenden Städten nach Övenhorst. Allerdings nicht, um im Wald spazieren zu gehen oder im „Lohmanns" etwas zu essen. Stattdessen klapperten sie die Häuser ab und versuchten, die Bewohner zum Verkauf zu überreden. Rund 10 Hauseigentümer hatten sich bislang bereiterklärt. Kein Wunder bei den gebotenen Preisen. Fehlte nur, dass Övenhorst auch in den umliegenden Großstädten als attraktiver Wohnort bekannt wurde. Schließlich hatte Altmanns mit seiner Fraktion den Plan einer eigenen Autobahnauffahrt für Övenhorst, damit Bewohner und Investoren nicht mehr den 30 km langen Umweg über Waldenbrunn nehmen mussten. Eine ungastliche Strecke mit vielen engen Kurven. Brehme wusste, Övenhorst war ein Kleinod und er fürchtete, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte, bis die bereits zu Bauland erklärten Flächen nicht mehr reichten und sich das Bauland bis zum See am unteren Waldrand erstrecken würde. Rein rechtlich war das möglich, solange an anderer Stelle wieder aufgeforstet wurde. Auf ähnliche Weise war der hübsche Ortsteil des mittelgroßen Waldenbrunn in Westfalen zur neuen Heimat für gut betuchte Familien geworden, die mit ein paar Hühnern, wahlweise auch Laufenten und Pony hinterm Haus das Landidyll leben wollten, inklusive Waldkindergarten in der Nähe und Markengrill im Garten. Und jetzt strich ein Wolf durch die Landschaft.

In der Schenke

Die aufgeregten Gespräche im „Lohmanns" waren zu leisem Gemurmel abgeebbt. Einige Anwohner waren noch verspätet eingetroffen und hatten nach lautem Stühlerücken einen Platz gefunden. Jetzt blickten sie alle ungeduldig auf den Bürgermeister, den sie vor drei Jahren mit überragender Mehrheit gewählt hatten, weil er – kürzlich zugezogen – der Einzige war, der sich zur Wahl stellte.