Wolgaland - Lydia Steinbacher - E-Book

Wolgaland E-Book

Lydia Steinbacher

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Beschreibung

Das Leben in einer wolgadeutschen Kolonie, die Deportation der Familie nach Sibirien in den Vierzigerjahren und die Suche nach einem Ort, der eine neue Heimat werden könnte – all das kennt Alexandr aus eigener Erfahrung und aus den Erzählungen seines Vaters über die Vergangenheit. Tagein, tagaus begleitet ihn die Erinnerung an früher. Doch auch nach der Übersiedlung in die »Urheimat«, aus der einst die Vorfahren ausgewandert waren, fühlt Alexandr, nun schon im fortgeschrittenen Alter, sich fremd und unverstanden. Selbst die Musik, die ihn sein Leben lang begleitet hat, bringt ihm keinen Trost mehr. Als das Gefühl, verfolgt zu werden, immer stärker wird, fasst er einen Plan. Lana, die Tierärztin, die aushilfsweise im Dorfgasthof kellnert, ist Alexandr in stiller Sympathie verbunden. Sie wahrt nach allen Seiten hin ihre Unabhängigkeit und wird dabei doch aufgerieben zwischen dem ratlosen Bemühen um eine tiefere Beziehung zu ihrem Sohn, der weit entfernt bei seinem Vater lebt, und den mütterlichen Gefühlen, die sie für die Tochter ihres Freundes hegt. Als eines Tages eine weitere russlanddeutsche Familie ins Dorf zieht, weckt das zunächst kaum Interesse. Nur Jonathans Welt wird auf den Kopf gestellt. Der junge Mann, der, von künstlerischen Ambitionen getrieben, in der Enge des Dorflebens zu ersticken droht, sieht im Sohn der Familie schon bald seine Rettung. Doch die faszinierenden Ähnlichkeiten, die er zwischen sich und dem Neuankömmling zu entdecken glaubt, stürzen ihn in einen seelischen Taumel, der ihm zum Verhängnis wird.

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EPUB

Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autorin und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

1

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Wir bedanken uns für die finanzielle Unterstützung bei

Land Niederösterreich und der Stadt Wien.

© 2022, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-903061-91-0

Lektorat: Felix Mayer

Cover: Jürgen Schütz

Coverbild: Wolgaland © Lydia Steinbacher

Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen

ISBN: 978-3-99120-009-3

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.twitter.com/septimeverlag

Lydia Steinbacher

geboren 1993, lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich, studierte Deutsche Philologie an der Universität Wien. Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung sowie des Literaturkreises Podium. Sie wuchs in Hollenstein an der Ybbs auf und sammelte schon früh Erfahrungen im Schreiben, u. a. im Rahmen der Schreibakademie Niederösterreich. Steinbacher ist Trägerin zahlreicher nationaler und internationaler Aufenthalts- und Literaturstipendien. 2017 sorgte ihr Lyrikband Im Grunde sind wir sehr verschieden (Limbus Verlag) für großes mediales Interesse, es folgte die Teilnahme am Poesiefestival Treci Trg in Belgrad. Ihre Erzählungen erschienen in zahlreichen Anthologien. Ihr Erzählband Schalenmenschenerschien 2019. Wolgaland (2022) ist ihr erster Roman. 

Klappentext:

Das Leben in einer wolgadeutschen Kolonie, die Deportation der Familie nach Sibirien in den Vierzigerjahren und die Suche nach einem Ort, der eine neue Heimat werden könnte – all das kennt Alexandr aus eigener Erfahrung und aus den Erzählungen seines Vaters über die Vergangenheit. Tagein, tagaus begleitet ihn die Erinnerung an früher. Doch auch nach der Übersiedlung in die »Urheimat«, aus der einst die Vorfahren ausgewandert waren, fühlt Alexandr, nun schon im fortgeschrittenen Alter, sich fremd und unverstanden. Selbst die Musik, die ihn sein Leben lang begleitet hat, bringt ihm keinen Trost mehr. Als das Gefühl, verfolgt zu werden, immer stärker wird, fasst er einen Plan.Lana, die Tierärztin, die aushilfsweise im Dorfgasthof kellnert, ist Alexandr in stiller Sympathie verbunden. Sie wahrt nach allen Seiten hin ihre Unabhängigkeit und wird dabei doch aufgerieben zwischen dem ratlosen Bemühen um eine tiefere Beziehung zu ihrem Sohn, der weit entfernt bei seinem Vater lebt, und den mütterlichen Gefühlen, die sie für die Tochter ihres Freundes hegt.Als eines Tages eine weitere russlanddeutsche Familie ins Dorf zieht, weckt das zunächst kaum Interesse. Nur Jonathans Welt wird auf den Kopf gestellt. Der junge Mann, der, von künstlerischen Ambitionen getrieben, in der Enge des Dorflebens zu ersticken droht, sieht im Sohn der Familie schon bald seine Rettung. Doch die faszinierenden Ähnlichkeiten, die er zwischen sich und dem Neuankömmling zu entdecken glaubt, stürzen ihn 

LYDIA STEINBACHER

WOLGALAND

ROMAN | SEPTIME VERLAG

1

Die Fliege landete direkt auf dem Aralsee. Auf dieser Karte hatte er noch seine einstige Größe und verschwand dennoch zur Gänze unter dem schwarzen Insektenkörper. Sie machte ein paar Schritte nach Nordosten, da kam der hellblaue Fleck wieder zum Vorschein, vielleicht schon ein bisschen kleiner als noch vor einem Augenblick.

Nicht mehr als ein armseliger Schwarm Fliegen wäre der Chor ohne ihn gewesen, der Zusammenklang im Summen kaum ertragbar. Alexandr Niebel legte hohe Maßstäbe an die Sänger an, vor allem aber verlangte er sich selbst viel ab. Und seinen Arrangements. Er wischte mit der Hand über die Weltkarte, um das Tier zu verscheuchen – die tausenden Ommatidien sahen die Bewegung lange vor der Berührung kommen, der Körper hob ab und verlor sich im Raum, suchte sich ein Fenster, prallte gegen das Glas, fünfmal, fünfzigmal. Manchmal war es ein Zufall, so wie die Wahl dieser Fliege, sich für ein paar Sekunden in der Steppe niederzulassen, diese Stelle in der Welt zu wählen, der Alexandrnäher zu seinem alten Leben brachte. In seinem Gesicht stand ein genügsames Lächeln. Es war unauffällig wie seine gesamte körperliche Erscheinung, die Unauffälligkeit war auf beschwerlichem Wege zu erwerben gewesen. Er strich sich die grauen Haare nach hinten, eines der Härchen sichelte wie vom Mond gefallen hinter ihm zu Boden. Draußen war es längst dunkel, da nahm Alexandr wieder beim Pianino Platz, einem alten Lauberger&Gloss. Jegliche von Klavierstimmern unternommenen und nicht ganz billigen Versuche, das Instrument in seinen einstigen Klangzurückzuführen, waren vergebens gewesen. Doch war dieser frühereKlang selbst nur etwas Angedichtetes, eine Vorstellung, denn Alexandr hatte ihn nie gehört. Er strich über den geöffneten Tastendeckel, als könnte er verstehen, dass es sich nicht verändern lassen wollte von fremder Hand – das hatte immer etwas Grausames. Der Tastenanschlag war schwerfällig und träge. Schuld war aber nicht das Instrument, es kam nicht für die Schwäche der Menschen auf, die es zu spielen nicht in der Lage waren. Wer es spielen wollte, brauchte eine Stärke in den Fingern. Und wie die Stärke in den Fingern brauchte er im Geist die Vorstellung eines großen blauen Flusses, kleiner gepflegter Höfe und von Kindern, die im Übermut stolperten, die Alexandr sich immerzu vergegenwärtigte in der Musik, in all ihren Facetten, was aber niemand außer ihm wusste. Auch diese Unauffälligkeit hatte er auf beschwerlichem Weg erworben.

Lana klopfte mit ihren Ringen, die sie alle an der linken Hand trug, gegen das Rauchglas der Tür. Alexandr wandte sich abrupt in ihre Richtung. Fast klang es, als würde die Scheibe zerspringen, aber es war ihre übliche Begrüßung am Dienstagabend. Zuerst das Klopfen mit den Silberringen gegen das Glas, gleich darauf öffnete sie dieTürzum Proberaum, der eigentlich der Veranstaltungssaal des kleinen Gasthauses war. Es war ihre Art, die Männer vorzuwarnen, denn sie beherrschte auch die Kunst, unvermutet und lautlos aufzutauchen. Die Fliege huschte unter ihrer Achsel aus dem Zimmer in den Gang, so hatte ihr Lana unversehens ein Schlupfloch geöffnet. Ihre Schicht begann um fünf, die Chorprobe um acht Uhr abends, für gewöhnlich mit einer Viertelstunde Verspätung, weil ein paar Sänger sich stets die Freiheit nahmen, die anderen warten zu lassen. Lana war eine schlanke Frau, ihr Alter unterlag großen Schwankungen wie ihr Gemüt, einmal sah sie aus wie gerade einmal dreißig und an einem anderen Tag, es konnte auch der darauffolgende sein, hätte man sie nach einem flüchtigen Blick ins Gesicht auf gut fünfundvierzig schätzen wollen, die Wahrheit war in ihrer Gegenwart unaussprechlich. Jede Woche bot sie Alexandr etwas anderes zu trinken an und immer wünschte er sich nur das Übliche. Lana warf den Kopf auf eine Seite, sodass man ihren Pferdeschwanz über die Schulter fliegen sah. Festhalten unmöglich – alle Lasten, alle ihr lästig Fallenden, ehe man sich’s versah, wieder abgeworfen. Lana, die das Endgültige verabscheute. Sie schaute Alexandr noch eine Weile an, obwohl der Dialog schon abgespult war. Jede Woche trug er denselben grauen Anzug, der dennoch faltenfrei war, vorbildlich gebügelt und ohne Makel. Dahinter stand ein penibles Zeitmanagement, bis zum nächsten Probenabend hatte er seine Kleidung immer rechtzeitig gewaschen und gebügelt. Jonathan ist übrigens auch schon da, ist noch vorn an der Bar, kommt gleich, sagte Lana, verließ den Proberaum und ging zur Schank, ohne die Tür zu schließen. Es war Gelächter zu hören und die Beine der Barhocker, die über den Boden kratzten. Der Zigarettenrauch wuchs langsam in das Glas der Tür.

Lana erinnerte Alexandr an jemanden, ohne dass er sagen konnte, an wen. Seltsam, dass ihm der Gedanke erst jetzt kam, wo er sie schon so lange kannte. Es konnte sich nur um ein winziges Detail handeln, vielleicht die Anordnung der Falten auf ihrer Stirn, die ihn an seine Tante denken ließ und natürlich auch an die Mutter, von der er nicht einmal ein Bild besaß, nur unendliche Vorstellungen. Dachte er aber an die Zeit in Sibirien zurück – denn an die Jahre vor der Deportation konnte er sich kaum erinnern und fast war ihm, als hätte die ersten Jahre seiner Kindheit jemand anderer für ihn gelebt und er wäre erst nachher hineingeplatzt –, dann hörte er immer die Stimme seines Vaters, vielleicht war sie auch notwendig, um sich überhaupt zu erinnern. Nach der Zwangsarbeit in der Trudarmee hatte er, sobald es dunkel wurde und an nebeligen Tagen, nur über eines gesprochen, über die Heimat, die Wolgarepublik, im Flüsterton. Aber was mit den Falten auf der Stirn der Tante, was nun? Im ersten Lebensjahr hatte sie Alexandr angeblich mit verdünnter Ziegenmilch gefüttert, und weil er sich dennoch normal entwickelt hatte, war sie so stolz gewesen, dass sie bei jeder Gelegenheit davon berichtet hatte, es noch Jahrzehnte später bei Treffen mit ihren Freundinnen immer wieder ansprach. Wahrscheinlich war es nur die Art, wie Tante Nelly ihn damals skeptisch angeschaut hatte, wenn er nachmittags von der Schule heimkommend seine Hefte auf demKüchentischaufgeschlagen hatte, um Hausaufgaben zu machen, die man sehr ähnlich auch in Lanas Gesicht bemerken konnte. Nur diese drei besonders angeordneten und gar nicht tiefen Falten auf der Stirn, mehr nicht. Falten für Sorgen, Zweifel, Unverständnis. Tante Nelly hatte über seine Schulter in seine Hefte gelugt, als hätte sie bei jedem Umblättern Angst gehabt, da einen Vermerk des Lehrers zu entdecken–nicht die Texte betreffend, die Alexandr in schönster kyrillischer Schreibschrift in die Zeilen setzte, sein Russisch war perfekt, annähernd zumindest. Sondern etwas Grundlegendes bemängelnd, was nicht richtig war, was aus der Reihe tanzte. Oft war Alexandr traurig von der Schule heimgekommen, dann hatte sie ihm die Hand auf den Kopf gelegt, seine Haare zurückgestreichelt wie das Fell eines dummen Hundes, aber sie meinte es so: Du kannst das noch nicht richtig verstehen, aber du musst keine Sorge haben, du bist kein Faschist. Dann hatte sie ihm etwas zu essen gebracht und egal was es war, es fühlte sich an wie ein Lindenblatt im Magen, etwas, das dazu imstande war, fast alles wieder gut zu machen. Ob es nur genügend Blätter gab? Er hatte die Tante sehr geliebt.

Die Stunden nach der Chorprobe waren für Alexandr leere Nacht ohne Schlaf und ohne Beschäftigung. Erschöpft vom Dirigieren, aber vor allem von den Gesprächen und dem aufgesetzten Lächeln wie ein Riss durch eine Mauer, saß er auf der Bettkante vor seinem Bücherregal und starrte die Buchrücken an. Er besah sich genau, welche Beschriftungen nach links und welche entgegengesetzt ausgerichtet waren, unwillkürlich kippte er den Kopf dabei ganz leicht – eine Bewegung, für die man verspottet würde, er verspottet würde. Da stand Lore Reimers Senfkorn, ihr unlängst erschienener Band, zwischen den Vielen guten Kameraden von Nora Pfeffer und – ja, was sollte das? – Schumanns Waldszenen gleich rechts daneben. Der unverhältnismäßig große, aber umso dünnere Notenband hatte den ihm eigentlich zugewiesenen Platz nicht in diesem Regal. Wer käme auch auf die Idee, Noten aufrecht zwischen irgendwelche Romane und Gedichtbände zu zwängen? Wahrscheinlich war er übernächtigt gewesen, oder es war, wie leicht dahingesagt, das Alter, das sich in kurzen Augenblicken in einer merkwürdigen Verwirrung der Sinne zeigte und wieder hinter einem Fleck auf der Haut versteckte. Etwas irritierte Alexandr jedoch. Weil er sich auch nach längerem Überlegen nicht daran erinnern konnte, den Notenband zwischen die Bücher gesteckt zu haben, und auch keinen Sinn darin entdecken konnte, nahm er ihn heraus und ging damit die paar Schritte auf die andere Seite des Raums, wo sich ein kniehohes Regal nur für die Musik befand. Im Halbdunkel legte er das Heft auf das dritte Brett. Alexandr machte immer nur so wenig Licht wie nötig, und obwohl ihm diese Angewohnheit oft das Ärgernis seiner Mitmenschen eingebracht hatte, änderte er sie nicht. Gleich darauf ließ er sich wieder auf der Bettkante nieder, studierte weiter die Bücher, hoffte, es würde ihn müde machen, zum Einschlafen bewegen. Er dimmte das Licht der Stehlampe noch ein bisschen weiter, legte den Polster auf seine Oberschenkel und die Arme darauf. In Gedanken ging er zum wiederholten Mal die Probe des heutigen Abends durch, verfuhr dabei nach Stimmlagen und vergegenwärtigte sich jedes einzelne Mitglied – auch die nicht erschienenenSänger, die schmucke Ausreden erfunden hatten. Mit den Jahren war Alexandr besser darin geworden, seine Ansprüche zu untergraben.

Die kleingedruckten Titel konnte er nicht alle lesen–er konzentrierte sich nun wieder ganz auf dieBücherwand–, aber er wusste ja auch so, um welchen Autor und welches Werk es sich jeweils handelte, alles war fein säuberlich sortiert. Auf dem zweiten Regalbrett, dem für Sachbücher, neben einem Büchlein über die Porzellanmanufaktur Zsolnay, das er einst von einer Ungarnreise mitgebracht und nie gelesen hatte, mutete ihn etwas komisch an. Konnte es sein, dass auch dort ein Notenband stand? Alexandr beugte sich vor, um genauer sehen zu können. Der dunkelgrüne Einband, das mussten die gesammelten Kinderlieder sein. Jetzt warf er den Polster zur Seite, sprang auf und zog den Band heraus, wog ihn in den Händen. Bei genauerer Betrachtung fand er, dass das Grünblau hinter den weißen Buchstaben doch ein bisschen anders aussah, als er es in Erinnerung hatte, aber er hatte schon lange kein Stück mehr daraus gespielt, geschweige denn gesungen, außerdem war es viel zu dunkel im Zimmer, um die Farben beurteilen zu können. Er wollte sich schon wieder umdrehen, um auch diesen Band an den richtigen Platz zu räumen, da bemerkte er aus dem Augenwinkel noch andere Werke, die irgendjemand – aber wer, wenn nicht er selbst, sollte das gewesen sein? – falsch einsortiert haben musste. Einen um den anderen Band zog er zwischen den Büchern hervor und trug sie hinüber zum Notenregal, wo er sie an die richtigen Stellen legte. Gerade als er glaubte, mit allem fertig zu sein, entdeckte er noch ein letztes Notenheftchen in seiner Bücherwand, Schumanns Waldszenen. Erneut. Verwundert und mit steifen Fingern brachte er es auf die andere Seite des Zimmers. Jetzt schaltete er die große Deckenleuchte doch ein und besah sich seine Notensammlung genauer. Nachdem er mit dem ersten Stapel fertig war, fühlte er seine alte Zunge trocken im Mund liegen, als hätte er seit Tagen nichts getrunken. Wie konnte es sein, dass er diesen einen Zyklus von Schumann gleich elf Mal besaß? Er ging auch die anderen Stapel durch und kam bald nicht auf elf, sondern auf siebenundzwanzig. Eiskalt und bleiern zog das bedruckte Papier an seinen Händen nach unten. Der Schweiß rann seinen Körper hinab, Schneewasser über die Lenden. Die ganze Nacht überbrachte er mit dem Sortieren derBücher und Notenbände zu und hastete von der einen Seite des Raums auf die andere in einem merkwürdigen Gefühl der Ohnmacht und Enteignung. Er rannte, bis er endlich aufwachte.

Das Telefon klingelte. Eine Stimme, die tiefer war als noch am vorigen Abend im Gasthaus, womöglich auch ein klein bisschen heiser. Es war Lana. Den ersten Satz beendete ein Knackgeräusch wie von einem Schnalzen mit der Zunge oder dem Öffnen einer winzigen Schatulle. Man konnte das Gefühl haben, alle Verbindungen führten zu dieser Frau, als flöchte sie in ihr Haar jeden Morgen einen Knotenpunkt. Alexandr hörte ihr nur stumm zu. Sie bat ihn, noch einmal ins Lokal zu kommen, Jonathan wolle etwas von ihm und würde ihn dort erwarten, aber er habe selbst nicht anrufen können. Na ja, du kennst ihn ja, sagte sie. Ein Seufzen. Lana telefonierte von zuhause aus, Alexandr hörte ein Klirren hinter ihrer Stimme, wahrscheinlich von einem Löffel, der in einer Kaffeetasse kreiste, doch klang es, als sei diese ganz leer. Im Gasthaus sah er sie nie etwas trinken. Ihr Anruf hatte ihn überrumpelt. Jetzt sofort?, fragte er. Wieder ein leises Knackgeräusch. Ja, so wie ich ihn verstanden habe. Du wohnst ja gleich dort. Ich kann mir schon denken, was er von dir will – er hat uns alle gefragt –, aber das soll er dir selbst erklären. Alexandr schüttelte den Kopf. Er hatte den Burschen ganz gern, das war ein anständiger junger Mann, aber er konnte sich partout nicht vorstellen, was Jonathan um diese Zeit am Herzen liegen mochte, was sich nicht gestern bei der Probe hätte besprechen lassen oder eben nächsten Dienstag – Probenabende, die sich für Alexandr aneinanderreihten, kein Leben, das dazwischen passte, nur ein ewiges Hervorholen von Vergangenem. Lana hatte schon aufgelegt, weil er nichts weiter gesagt hatte. Noch ein Abschiedswort mehr überhört. Wann hatte er Lana eigentlich seine Telefonnummer gegeben? Ins Telefonbuch hatte er sie nicht eintragen lassen.

Der Stoff seiner Kleidung fühlte sich nach jahrelangem Tragen und Waschen so dünn an, dass jederzeit mit einem Riss zu rechnen war, aber dann hätte Alexandr Nadel und Faden zur Hand genommen. Die Tante hatte ihm das beigebracht, da war er noch ein Kind gewesen. Erst wenn er fürchtete, die Leute könnten sich mokieren, schnitt er seine alten Hosen oder Hemden in kleine Fetzen zum Putzen – für alles war noch Verwendung. Im Winter, wenn er, über der gewöhnlichen Kleidung nur mit Filzmantel und seinen Halbschuhen bekleidet, Spaziergänge durch die nassen Straßen machte, mochte auch ein kalter Wind gehen, wurde er manchmal gefragt, ob er nicht schrecklich fröre, aber was waren schon diese Winter. Nicken. Weitergehen. Alexandr zog die Tür hinter sich zu und schritt die Treppe nach unten. Er hatte die kleine Wohnung im oberen Stockwerk des Holzhauses ganz für sich, der Mietpreis war vertretbar. Die Wohnung ein fünfunddreißigQuadratmeter großer Raum – Küche, Wohn- und Schlafzimmer in einem. Die jungen Leute flohen aus dem Dorf in die Städte und nannten das allen Ernstes eine Flucht. Frau Seiger, die unter ihm gewohnt hatte, war vor ein paar Wochen gestorben. Seitdem suchten ihre erwachsenen Kinder, denen das gesamte Haus gehörte und demnach auch seine Wohnung, einen neuen Mieter für das Erdgeschoß– oder wollten sie die Wohnung verkaufen, es war Alexandr egal. Einen Augenblick sah es so aus, als würde entlang der Küchenzeile unten ein Licht brennen, als hätte Frau Seiger vergessen es abzuschalten, bevor sie gestorben war. Es musste eine Spiegelung sein. Sie hatte etwas Ärmliches. Dort wo er herkam, drehte man die Spiegel um, wenn jemand starb.

Es waren nur ein paar Steinwürfe bis zur Gaststätte, wo auch die Chorproben stattfanden, der Eingang befand sich im Hof. In der Stube saß Jonathan als einziger Gast – für einen Mittwochvormittag durchaus nicht ungewöhnlich – an einem Ecktisch. Auf dem rosafarbenen Tischtuch vor ihm stand nur ein großes Glas Wasser, nicht einmal ein Salzstreuer oder Servietten waren da. Das ließ den jungen Mann sehr zierlich wirken. Jonathans linkes Augenlid zuckte nervös, als Alexandr neben ihm auf der Bank Platz nahm. Die Männer schwiegen eine Weile. Weißt du, ich habe überlegt, ob ich dich einmal ein Solo singen lasse, fing Alexandr an, um irgendwie das Gespräch zu beginnen, er fühlte sich dazu fast in der Pflicht neben dem schüchternen Burschen, aber da sprudelte es plötzlich aus dem heraus: Ich habe mir den Vormittag in der Firma extra freigenommen, weil – also du weißt ja, dass ich manchmal an kleinen privaten Projekten arbeite… Alexandr zog die Augenbrauen hoch, natürlich hatte er davon Kenntnis, auch wenn es ihn nicht wirklich interessierte, aber diese Alltagsgeschichten waren Zerstreuung – vielleicht nicht so schlecht für einen älteren alleinstehenden Mann, wie er es war. Sich bei gutem Wetter aus dem Fenster lehnend konnte er an manchen Vormittagen mitanhören, was man sich auf der Straße erzählte. Die Leute hier hatten laute Stimmen,die meisten. Jonathan gehörte nicht dazu. Er war im Betrieb der Eltern untergekommen, in dem Geräte für die Landwirtschaft hergestellt wurden. In den Stunden nach der Arbeit war er Künstler oder wäre es zumindest gern gewesen. Er fertigte so eine Art Skulpturen – das war bekannt – und neuerdings hatte er allem Anschein nach die Fotografie für sich entdeckt. Jetzt umfasste Jonathan mit einer Hand das Wasserglas und zog es ein Stück näher zu sich heran, ein paar Perlen stiegen darin auf. Und obwohl er normalerweise ein sehr schweigsamer Zeitgenosse war, erzählte er nun langwierig von seinem neuen Projekt – er gab dem Worteinen sonderlichen Klang, womit er alles ins Lächerliche zog, aber wahrscheinlich wollte er damit nur einem abschätzigen Blick oder einem mitleidigen Lächeln zuvorkommen. Irgendein Fotoprojekt, verstand Alexandr, der durstig war und sich während des Geredes nach dem Wirt umsah, der ihm etwas zu trinken bringen würde. Jonathan wollte alte Fotos sammeln. Bilder, die Personen, Gegenstände, einprägsame Situationen aus dem Leben seiner Freunde zeigten, die jenen also eine bestimmte Erinnerung konservierten. Nichts Gewichtiges, nur Kleinigkeiten, die sie bereit seien, ihm zu schenken, versicherte er. Nur ein paar Bedingungen gebe es – so wolle er sicher sein, dass er selbst die gezeigten Personen, Orte und Gegenstände nicht wiedererkennen würde, und die Bilder sollten ihm anonym übergeben werden. Vielleicht hast du auch ein paar alte Fotos, die du nicht mehr brauchst?, fragte Jonathan schließlich. Er kam endlich auf den Punkt.

Alexandr schaute einstweilen hinaus und verschaffte sich Zeit. Es würde ein dunkler Tag werden, der Nebel hing irgendwo fest. Kein Loskommen. Schweigen. Als er sich umdrehte, sah er Jonathans fragenden Blick auf sich ruhen und versuchte, ihn mit einer Geste abzuwehren. Jonathan sah ihn zweifelnd an, aber dann spielte ein Lächeln um seine Lippen, er nickte ebenfalls, hob das Glas vom Tisch und trank in kräftigen Zügen. Nur ein unbedeutender Rest blieb übrig, als setze sich mit der Zeit in jeder Flüssigkeit etwas ab, das man besser nicht zu sich nahm, als hätte sich da schon etwas eingenistet, das auch fortan klirrend seine Kreise ziehen würde. Wenig später hatten sich die beiden Männer schon ihre Mäntel übergezogen und verabschiedeten sich voneinander. Jonathan schien es plötzlich eilig zu haben. Alexandr nahm die Hände aus den Taschen und spürte die feuchte Luft auf der Haut. Er machte einen langen Spaziergang und wusste doch nichts mit sich anzufangen, fast schon wollte er Lana anrufen, aber allein der Gedanke war derartlächerlich.

2

Lana stand noch eine Weile neben dem Bett, betrachtete den Faltenwurf des Leintuchs und fand, dass sich seltsame Formen darin zeigten, gar nicht so, als wäre sie gerade noch hier gelegen, Buchstaben eines fremden Alphabets. Gregor saß auf dem Stuhl und zog sich die Socken über die rissigen Füße. An Lanas Mikrofaserbettwäsche blieb er in regelmäßigen Abständenhängen, sie verzieh keine raue Hornhaut, keinen eingerissenen Nagel. Es waren die alltäglichen Gegenstände, die sich irgendwann gegen einen verschworen. Und Lana hatte das Gefühl, als spielten viele Dinge, die sie umgaben, bereits mit dem Gedanken der Verschwörung oder hätten sich in Wahrheit schon gegen Gregor und sie entschieden. Oder nur gegen einen von ihnen beiden. Er wollte noch rauchen und sie warf ihm ein Feuerzeug zu – einmal hatte sie versehentlich Feuerwerk dazu gesagt, jetzt tat sie das öfter. In der Wohnung roch es wie immer nach einer eigenartigen Mischung aus Feigen, Flieder und Rauch. Gregor machte die Balkontür auf. Lana mochte den schweren Geruch und wollte lieber im Warmen sitzen, aber er war wieder in dieser Stimmung, für die sie noch kein Wort hatte. Sie presste ihren nackten Bauch und die Brüste gegen das Glas des geschlossenen Flügels der Tür, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, doch Gregor hatte von einem Moment auf den anderen keine Augen mehr für solche Spiele. Lana hatte keine Lust auf ein Gespräch und ließ sich zurück aufs Bett fallen. Der Abdruck ihrer bloßen Haut auf dem Glas würde erst viel später sichtbar werden, wenn das Licht aus einer anderen Richtung ins Zimmer fiel. Sie schaute dem Wind hinterher, der hereinkam und sich im Schwingen der feuchten Kleider am Wäscheständer verlor. Am liebsten wäre sie jetzt geschwommen – ein paar Bahnen in einem Becken mit blaugrünen Fliesen ziehen, kurz in einem Hochglanzurlaubskatalog verschwinden, fünf Minuten fünf Sterne. Gregor hatte den Zigarettenstummel irgendwo verschwinden lassen. Er rauchte nur, wenn er bei ihr war. An ihm haftete die Kälte, als er die Tür hinter sich schloss. Dieser Abend war kühler als die der vorhergehenden Wochen, vielleicht war es doch nicht zu früh für den Winter – aber war es nicht seine eigene Schuld, dass man ihm im November noch nicht traute? Ließ er sich doch jedes Jahr mehr Zeit.

Fragst du dich eigentlich nie, was Tom so treibt?, sagte Gregor und machte eine kurze Pause, ehe er hinzufügte: So ein junger Bub, der braucht dich doch. Und er setzte wieder neu an: Meinst du, er denkt nicht an dich? Wenn er nun auf einmal vor deiner Tür stehen würde. Wenn er dich einmal fragenwürde, warum du dich nicht mehr kümmern willst? Lana schaute ihn an. Was war es doch für eine Anmaßung, immer mit diesen Fragen daherzukommen, Gregor ging ihr in seinem Glauben, ihr mittlerweile näher zu sein als noch vor ein paar Wochen, schön langsam auf die Nerven. Auch dass er fast immer im Konjunktiv sprach – eine Krankheit. Wie ihn jetzt verscheuchen? Sie brachte keinen Kaffee, kein Wasserglas, brachte keine verliebten Blicke auf, nichts auf dem Tischchen zwischen ihnen, was das Schweigen nur eine Spur bekömmlich gemacht hätte. Lana band sich die Haare zusammen, begann eine uninspirierte Bewegung nach der anderen wie Gregor seine Fragesätze. In der Leere ausbleibender Antworten fing er schließlich an, von seiner Tochter zu reden. Wohl tat er ihr ein bisschen leid in dem Moment, aber Lana fiel dazu nichts ein. Stattdessen steckte sie die Ringe an ihren Fingern um. Was er erzählte, klang wie ein Tagebucheintrag. Geschrieben, um nie gelesen zu werden. Sarah wolle ein Instrument spielen lernen, vielleicht Klavier, aber er sei sich da nicht so sicher, immerhin konnte sie die rechte Hand noch immer nicht gut bewegen, in der Früh war sie merkwürdig verquollen. Und außerdem sei sie doch schon zu alt dafür. Das bringt doch jetzt nichts mehr. Meinst du nicht? Lana zog sich während seiner Sätze an und ordnete schon ihre Instrumente im Arztköfferchen, allzu viel brauchte sie meist nicht für ihre Besuche. Sie hörte mehr auf den Klang seiner Stimme als auf Gregors Worte, hörte, dass er gereizt war. Er wollte sie auf Teufel komm raus an allem beteiligen, an Gewinn, Verlust – der Moment war zu fürchten, an dem sich herauskristallisieren würde, wie viele Fehlinvestitionen man getätigt hatte im Leben. Ihr fielen die Musikinstrumente im Haus ihrer Großeltern ein. Posaune, Tuba, Trompete – Relikte eines Vorzeigebläsers, mit denen heute der Staub sein Spiel trieb. Aber warum stellte Gregor sich so an? Lana kam neben ihm zu stehen wie ein Kreisel, scheinbar starr in rascher Bewegung. Sie kamen sich gegenseitig immer öfter vor wie Kinder und sahen einander auch so an. Der eine blickte spöttisch auf den anderen herab, von oben den Atem ausstoßend, dann wieder war es genau umgekehrt und der andere wuchs über den Kopf des ersten. Was soll ich sagen?, murmelte Lana schließlich und schlüpfte in ihre Schuhe. Warum lässt du sie nicht einfach machen? Machen, was sie sich wünscht. Ein kurzer Blick über die Schulter, ehe sie sich in ihren Terminkalender vertiefte. Hast du überhaupt zugehört?, fuhr Gregor sie an. Weil er so schnell aufgestanden war, zuckte sie zusammen. Er schnaubte. Ich sehe, du hast zu viel zu tun, keine Zeit, ich weiß schon. Aber ich werde auch gebraucht! Wie?, wollte Lana fragen, nicht wozu oder von wem.

Von den unsichtbaren Türen, hinter denen sich die verworrenen Erinnerungswege wie ein Labyrinth ausnahmen, hatte er zu viele grob geöffnet. Eigenmächtig öffnete er jetzt auch die Wohnungstür, seine Schuhe standen draußen am Gang, das war bei Lana so üblich. Ihre Hausregeln waren eine zweiseitige Broschüre in ihrem Kopf. Anhand der Schuhe vor ihrer Wohnungstürkonnten die Hausbewohner mutmaßen, wer bei ihr ein- und ausging, sie spielte mit den Fantasien der unbekannten Nachbarn.

Im Auto begann die Zeit zu rauschen. Eine merkwürdige Müdigkeit wohnte in dem Geräusch und in den Kurven – das Bewegt-Sein ohne Anstrengung, eine Strömung, gegen die sie nicht anzukämpfen brauchte. Lana fuhr auf der Landstraße durch die umliegendenDörfer, die Bezirkshauptstadt, dann wieder Dörfer und Felder mit braunen Kühen, alles einander sehr ähnlich und doch nicht ganz gleich, aber jedenfalls friedlich. Sie erinnerte sich an eine Geschichte, die Alexandr ihr einmal erzählt hatte. Es musste an einem der ersten Probenabende überhaupt gewesen sein, da hatte er den Chor gerade übernommen. Sie hatten einander noch nicht öfter als ein- oder zweimal gesehen, aber der eigenwillige Chorleiter, der Zugereiste, hatte sie auf sehr eindringliche Art und Weise gemustert, als hielte er sie, in ihrer schwarzen Hose, der schwarzen Schürze und mit dem klebrigen Servierbrett in der Hand, für eine Schlüsselfigur im Dorf. Das hatte ihr gefallen. Nachdem die Probe vorüber gewesen war, die Sänger gegessen und getrunken hatten, war er noch an der Bar gesessen, allein, und Lana hatte sich gewundert, dass ein Mann wie er so lange wach und nüchtern bleiben konnte. Vor allem, wo er doch ein halber Russe war. Wieso er ihr diese Geschichte erzählt hatte, wusste sie nicht mehr zu sagen, auch waren ihr die Zusammenhänge nicht klar. Vielleicht war er doch betrunken gewesen. Und ein bisschen hatte es gewirkt, als läse er diese Episode vor, als hätte er sie zuvor aufgeschrieben oder schon etliche Male in Gedanken entworfen. Ziemlich sicher sogar. Die Kühe auf der Weide, die ihrem Auto hinterherschauten, riefen sie ihr jetzt in Erinnerung.

Sie müssen sich das so vorstellen. Ein kleines Dorf, nicht so groß wie dieses, kleiner, nur ein paar Familien, allesamt waren sie Bauern. Es gab eine Schule, ein Kirchlein mit einem Küster, und der Fluss war nicht weit. Mein Vater hat sein Leben lang von diesem Ort gesprochen, manchmal so laut und aufgeregt, als erwarte er ein Echo aus irgendeiner Richtung, wenn schon nicht von seinen Freunden oder dem eigenen Kind, der toten Frau, alle waren verstummt, und häufig – und immer öfter im Alter – sprach er kaum hörbar leis, nur schweigen wollte er nicht. Er hat so oft davon erzählt, dass ich es lange gar nicht für wahr hielt, nichts von alldem. Für mich waren die Geschichten wie Bilder, die er mir in den Kopf zeichnete und die die eigenen blassen Kindheitserinnerungen absorbierten. Die Leute hatten Angst. Der schwarze Rabe kam nachts in die Häuser. Als Kind sah ich den Vogel ganz deutlich vor mir, ich sah in ein schwarzes Auge und bemerkte den Wind, der von hinten kommend das Federkleid leicht anhob. Die wandernde Pupille. Dass mit dem schwarzen Raben kein Tier, sondern das Auto der Leute vom NKWD gemeint war, verstand ich erst später. Selbst kann ich mich nicht erinnern, den Wagen je gesehen zu haben. Aber vielleicht ist er mir nur nicht im Gedächtnis, weil ich nicht auf der Straße suchte. Ich dachte lange, es wäre dieser Rabe gewesen, der, wie mein Vater erzählte, in die Häuser eingedrungen war, alle Schubladen der Kommoden, sogar die Küchenschränke, durchwühlt und nach Namen und Geständnissen verlangt hatte. Es wurden wahllos Menschen verschleppt, nur ganz wenige von ihnen kamen wieder zurück. Und dann mussten schließlich alle das Dorf verlassen, alle nemcy. Hof und Vieh mussten dem Staat abgetreten werden, dafür bekam man irgendein Dokument in die Hand gedrückt. Ich war sechs Jahre alt, ich hatte mich auf die Schule gefreut. Ich weiß noch, dass Tante Nelly weinte und ich Angst hatte, sie würde blind davon. Das war so eine Geschichte, die man den Kindern erzählte. Die Denunzierten öffneten vor der überstürzten Abreise die Ställe und Gatter, sodass wenigstens das Vieh freikam und nicht hinter Gittern verhungern musste. Die wenigen Männer und Frauen, die in dem Dorf verblieben, trieben die Kühe auf dem Friedhof zusammen, die eigenen und die der Zwangsumsiedler. Sie verstanden die Sprache der Tiere und melkten sie, wenn ihnen die Euter zu schwer wurden. Aber stellen Sie sich das kurz vor, die Kühe auf dem Friedhof, ich habe mir das immerzu vorgestellt. Hier und da fiel wohl ein Tropfen Milch auf ein Grab.

Es war zwanzig vor vier, sie würde sich verspäten. Vor ihr rollte ein Traktor, aber in den Kurven traute Lana sich nicht zu überholen. Gregor hatte seinen Stoffbeutel bei ihr vergessen. Einen Aquarellmalkasten und ein paar Pinsel hatte sie darin entdeckt, außerdem irgendein Buch über Landschaftsmalerei. Sie wusste natürlich, dass er diese Dinge für seine Tochter besorgte, die sich nach dem Unfall aufs Malen und Basteln verlegt hatte. Angeblich hatten das die Physiotherapeuten fürs Erste empfohlen, um die Geschicklichkeit der Hand zu verbessern. In einem Alter, in dem die meisten Menschen die Lebensphase des Klebens, Schneidens, Malens für immer hinter sich gelassen hatten. Eigentlich war sie auf dem besten Weg gewesen, Leichtathletin zu werden, hatte mit fünfzehn Jahren bereits mehrere Jugendwettbewerbe gewonnen. Ob sie je wieder diesen Sport ausübenwürde, war nicht klar, Gregor sagte, man dürfe darüber nichtspekulieren. Das sei ja kein Berufswunsch, sondern ein Traum. Ganz etwas anderes. Lana hatte es respektiert. Die Monotonie des Trainings auszuhalten und sich dadurch zu verbessern in Bewegungen, die im besten Fall so gleichförmig waren, dass man verschiedene Zeitebenen übereinanderlegen könnte und es wäre dennoch nichts anderes als die Gegenwart zu erkennen – mit sechzehn Jahren, mit siebzehn, achtzehn, achtundzwanzig, nur ein bisschen Haut, Haar, Stoff, die sich unterschieden, der Sprung immer der gleiche, der höchste und beste. Lana bewunderte es, wenn Leute das auf sich nahmen. Wie lange war es her? Vielleicht sechs Wochen, dass Gregors Tochter in der Sporthalle gestürzt war, aus fast vier Metern Höhe in den Einstichkasten. Ein komplizierter Schulterbruch, die Hand hatte es nicht minder schwer erwischt, und ein gerissenes Kreuzband obendrauf. Die Lokalzeitungen waren voll mit Genesungswünschen gewesen. Den Sturz seiner Tochter hatte Gregor aus nächster Nähe miterlebt, hatte selbst den Notruf gewählt, war die ersten drei Wochen nach der Schulter-OP nicht von Sarahs Seite gewichen, als sei so etwas lebensgefährlich. Die Tatsache, dass sich auch der Bruch der rechten Hand als komplizierter herausstellte als gedacht und schließlich operativ behandelt werden musste, hatte seine Sorge um die Tochter noch verstärkt. Lana hatte sich die eigene Traurigkeit eingestehen müssen, als er an den Dienstagabenden nicht zur Chorprobe im Gasthof erschienen war, drei Mal in Folge nicht. Für ein kleines Dorf war das viel, alle redeten über ihn. Der Chor klang auch ohne den siebten Sänger im ersten Bass ausgewogen, aber Alexandr hatte sich dennoch jede Woche beklagt. Es waren Nuancen, die sonst niemand hörte, außer dem alten Spinner – Lana wusste, dass viele ihn dafür hielten. Sie hatte Alexandr in dieser Zeit gefragt, für wen er denn eigentlich die Musik mache. Nur für dich selbst in Wahrheit? Er hatte den Kopf geschüttelt.

Lana zog sich die Spange aus dem Haar. Die Plastikzähnebohrten sich durch die Haare in die Haut, wenn sie die Kopfstütze auch nur leicht berührte. In dem Moment bog der Traktor vor ihr endlich in eine Einfahrt. Sie blinzelte und stieg aufs Gas. Die nassen Felder glänzten im einbrechenden Licht. Die Wolken waren ein ausgeworfenes Netz. Der nächste Hausbesuch stand an, ein neuer Kunde. Natürlich waren es wieder Kois, was sonst, dachte sie, als sie die Einfahrt sah, die armen modernen Tierchen. Der aus Weidenruten geflochtene Kranz an der Eingangstür, in dem ein paar trockene Rosenblüten steckten, passte nicht ganz ins vorgefertigte Bild. Mit dem Zeigefinger berührte sie eine Blüte. Die einzelnen Blätter fühlten sich ein bisschen an wie Schuppen. Ihr Job als Fachtierärztin fürFische war keine so glitschige Angelegenheit, wie die Leute dachten, häufig beriet sie ihre Kunden nur, beantwortete Fragen zur Haltung, analysierte das Wasser. Wenn Tierhalter eine Einsendung machten, dann saß sie vormittags am Arbeitstisch und sezierte die kühlen Fischleiber. Gregor hatte das einmal mitangesehen, seitdem rief er immer an, bevor er kam, um mit ihr zu schlafen. Das machte er lieber ohne Fisch im Haus. Das stundenweise Kellnern im Gasthaus brauchte Lana als Ausgleich, es war wie ein zweiter Lebenslauf. Aber sie arbeitete nie mehr, als sie wollte, in beiden Berufen – diesen Grad der Selbstbestimmung hatte sie erreicht.

Als sie die Autotür zuzog und den Motor startete, war es schon finster. Die Tage werden so kurz und dunkel, hatte sich ihre Großmutter früher jeden Herbst beschwert und dabei ein ängstliches Gesicht gemacht. Da war Lana noch ein Schulkind gewesen, kleiner und frecher als ihre Freundinnen. Dafür waren die anderen hübscher gewesen – auf diese gewöhnliche Art, wie man sich das Hübschsein vorstellte. Die Tage sind schon so dunkel und kurz. Dieser oder ein ähnlicher Satz über die Dunkelheitwurde wahrscheinlich hunderte Male pro Tag, ja, vielleicht noch öfter auf der Welt gesprochen, in verschiedenen Sprachen, trotzdem war er für Lana ein ganz intimer Teil ihrer selbst. Manchmal stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sie zu ihrem Sohn sprechen könnte wie ihre Großmutter einst zu ihr, wenn sie so eine samtige Stimme hätte oder zumindest ein passendes Register ziehen könnte. Für Tommi. Aber sie fehlte dem Kind nicht als Mutter. Bernard war ein guter Vater, war zweisprachig und auch nicht arm. Welches Kind würde nicht in Nizza aufwachsen wollen? Oder: Welcher Erwachsene würde nicht gerne von seinen Jugendtagen in dieser Stadt erzählen? Lana kramte mit der rechten Hand aus der Mittelkonsole einen Kaugummi hervor. Das hasste sie an Gregor – seinen Blick, der oft Vorwurf war. Es war ja nicht so, dass sie keine Gefühle für ihren Sohn hatte, und außerdem würde sie ihn bald wieder besuchen. Sie würde einen Flug nach Nizza buchen, Ende Mai, der Frühling schien ihr immer eine geeignete Zeit. Die Idee des Kind-Großziehens trug sie tagein, traumaus mit sich herum, sie hatte sich im Nacken festgesaugt wie ein Blutegel. Eine Stelle, die sie nur mit Mühe erreichte, ein Zustand, auf den sie wenig Einfluss zu haben glaubte. Wenn sie schon dachte, es sei ihr gelungen, den Egel endlich abzuziehen, ohne ihn zu sehr zu drücken, dann setzte ihn Gregor wieder an seinen Platz. Wie heute. Aber das Kapitel war abgehakt, Tom hatte eine schöne Kindheit, am Telefon klang er glücklich, Tommi, genau. Manchmal war die Verbindung schlecht, dann hörte sie das Glück im Rauschen.

Lana fuhr gerade eine langgestreckte Linkskurve der Autobahn aus, als der Wagen an Geschwindigkeit verlor. Sie hatte den Fuß nicht vom Gaspedal genommen – im Gegenteil versuchte sie im ersten Reflex, mehr Gas zu geben, aber es war zwecklos. Die Warnblinkanlage schaltete sie ein, obwohl es gar nicht nötig gewesen wäre, so wenige Autos waren unterwegs. Sie ließ den Wagen auf dem Seitenstreifen ausrollen. Da sie einen weißen Pullover trug, würde sie für die anderen Fahrer gut zu sehen sein, wenn sie ausstieg, um das Auto zu inspizieren. Doch konnte sie die Tür nicht öffnen, irgendetwas hielt sie davon ab. Kurz dachte sie daran, jemanden anzurufen, nicht den Pannendienst, das würde wahrscheinlich ohnehin sein müssen, sondern jemanden, dem sie hätte sagen können, dass sie erst spät zuhause sein würde. Im Kopf ging sie die eingespeicherten Kontakte durch. Ein Großteil der Bekanntschaften war wohl verjährt.