Wolkenkopf - Georgine I. Coelho - E-Book

Wolkenkopf E-Book

Georgine I. Coelho

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Beschreibung

2020 - Frieda hat die Uni vor wenigen Monaten abgeschlossen. Mit einem Koffer voller Träume zieht sie von ihrer Studienstadt Köln nach Frankfurt. Dort wartet die große Freiheit auf sie: ihr erster Job, der sie auf Reisen in die ganze Welt schicken soll, die erste eigene Wohnung, finanzielle Unabhängigkeit und hoffentlich bald auch ein neuer Mann! Doch als eine Pandemie ungeahnten Ausmaßes anrollt, gleitet die Welt ab in ein finsteres Tal. Und Frieda mit ihr... "Wolkenkopf" ist ein Buch über Freiheit und die unwahrscheinlichen Orte, an denen man sie findet, eine Geschichte vom Scheitern, immer wieder Aufstehen und der nie endenden Suche nach einem besseren Ich, eine augenöffnende Reise durch unsere - trotz allem - magische, bunte Welt!

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für meine Mutter

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

KAPITEL 1

Köln

KAPITEL 2

Dallas

KAPITEL 3

Frankfurt

KAPITEL 4

Hongkong

Singapur

Frankfurt

KAPITEL 5

Frankfurt

KAPITEL 6

Frankfurt

Spessart

Kapitel 7

Aschaffenburg

KAPITEL 8

Frankfurt

KAPITEL 9

Aschaffenburg

Frankfurt

KAPITEL 10

Frankfurt

KAPITEL 11

Frankfurt

KAPITEL 12

Frankfurt

Benalmádena

KAPITEL 13

Frankfurt

An der hessisch-bayrischen Grenze

Frankfurt

KAPITEL 14

Mexico City

Puerto Escondido

KAPITEL 15

Frankfurt

KAPITEL 16

Rio de Janeiro

EPILOG

PROLOG

Am Anfang war das Wort.

Die Essenz.

Der Stoff des Lebens.

Dann wurde er gewoben, geflochten. Verworren, verbunden, gelöst.

Mit leuchtenden Farben und grauen Flecken, mit neuen Stoffen und alten Flicken, mit losen Enden und brüchigen Stellen, mit langen Fäden und kurzen Strängen, mit wiederkehrenden Mustern und überraschenden Bildern.

Wie ein Teppich, eine Leinwand, eine Patchworkdecke. Ein Kunstwerk, an dem jede Seele, jedes Leben arbeitet und werkelt. Jeder seinen eigenen Faden spinnend, das Gesamtwerk sich weiter entwickelnd. Immer komplexer werdend, sich ausdehnend wie das Universum, nach Unendlichkeit strebend.

So trägt jeder zum großen Ganzen bei. So hat jeder seinen Platz. So ergibt alles einen Sinn.

Am Anfang war das Wort. Logos. Die Vernunft. Der Sinn.

Der Stoff des Lebens. Er ist aus Worten gemacht, aus Geschichten. Aus unseren.

KAPITEL 1

August 2019

IM SOMMER KEIN KLEE

Köln

Licht drang durch Friedas geschlossene Lider und vertrieb langsam die Schatten der Nacht. Mit jedem Windhauch, der sanft den Vorhang bewegte, tanzten silber-rote Flecken auf ihrem Gesicht. Wärmende Sonnenstrahlen kitzelten ihre nackte Haut.

Lass mich schlafen, dachte Frieda. Doch je stärker sie gegen das Erwachen ankämpfte, desto erfolgreicher verdrängte ihr Bewusstsein den Traum. Gérôme, sein Lächeln, wie er ihr Schutz bietend die Hand reichte. Vertraust du mir? fragte er. Doch dann wachte sie auf.

Vor dem Fenster betätigte jemand eine Autohupe, Gelächter aus der Küche drang an ihr Ohr. Der Geruch schweißnasser Bettwäsche mischte sich mit dem ungewaschener Haare, in denen Zigarettenrauch und Fritteusen-Mief hängen geblieben waren.

Friedas Mund fühlte sich trocken an. Ihr brannten die Augen. Der schale Geschmack einer durchzechten Nacht lag auf ihrer Zunge. Ihr Kopf dröhnte. Sie brauchte ein großes Glas Wasser, eine Dusche, Kaffee und Aspirin. Gedankenverloren griff sie nach Gérômes Hand, doch dann erinnerte sie sich: Er war nicht mehr da. Sie verspürte einen Stich mitten ins Herz, drehte sich um und stöhnte leise. Sie wollte zurück in ihren Traum.

Eingelullt in die Geräusche des beginnenden Tages, fiel sie zurück in einen unruhigen Schlaf. Das Vibrieren des Handys ließ sie erneut aufschrecken. Reflexartig griff sie nach dem Telefon. War es Gérôme? Vermisste er sie auch?

Hey Süße, war ein cooler Abend! Hoffe, dir geht es gut. Mir dröhnt noch der Kopf. Später Lust auf Kaffee beim Milchmädchen? Ich arbeite heute ab 14 Uhr!

Es war Mara, ihre beste Freundin. Zumindest in Köln. 10:30 Uhr. Noch dreieinhalb Stunden. Langsam und vorsichtig stand Frieda auf, ging unter die Dusche, nahm eine Tablette, wickelte sich in ein Handtuch und betrat die inzwischen verlassene Küche.

Sie musste etwas essen, um ihren Kater zu vertreiben. Aber was half gegen den viel schlimmeren Schmerz? Es wäre gut, wenigstens zu wissen, wie ihr Leben sonst weitergehen sollte. Die Abschlussarbeit war abgegeben, zig Bewerbungen waren versandt. Bisher hatte es eine Absage nach der anderen gehagelt. Doch sie hatte eh nur einen großen Traum. Sie wollte zur Lufthansa, ins ProTeam, das Nachwuchsführungskräfte-Programm des Luftfahrtkonzerns.

Sie hatte die Noten, die Auslandserfahrung und das gewisse Etwas, das ihr Profil besonders machte. Und sie hatte die ersten Runden des Bewerbungsprozesses mit Leichtigkeit überstanden. Letzte Woche war sie zum Assessment-Center, dem letzten Auswahlschritt, nach Frankfurt gefahren. Jetzt hieß es nur noch abwarten. Wenn das nicht klappte, hatte sie nichts. Sie wollte unbedingt ins ProTeam. Es musste einfach gelingen! Es war ihr Schicksal. Es sollte so sein. In Frankfurt würde sie Gérôme vergessen, hier in Köln erinnerte sie alles an ihn. Es war Zeit zu gehen. Je früher sie ihren Jobvertrag in der Tasche hatte, desto eher konnte sie alles hinter sich lassen, neu anfangen, der Freiheit entgegengehen. Sie würde finanziell unabhängig von ihrer Mutter sein, eine eigene Wohnung einrichten und dort ohne nervige Mitbewohner leben, auf Dates und Partys gehen und vor allem reisen!

Dank ihres Jobs würde sie durch die ganze Welt fliegen. Das frisch verdiente Geld konnte sie in Traumurlauben mit neuen Freunden oder – noch besser – einem neuen Mann ausgeben. Das Leben, das auf sie wartete, war wunderschön. Es musste nur Realität werden. Sie wollte raus hier.

*

Wie geht es dir? frage Mara, als sie auf den umgedrehten Kölsch-Kisten im Innenhof hinter dem Milchmädchen saßen.

Ging schon besser. Ich vermiss ihn so sehr. Und die Ungewissheit macht mich auch fertig, antwortete Frieda mit gesenktem Kopf. Sie starrte in ihren Iced Coffee Latte, in ihren Adern floss immer noch Rest-Alkohol.

Es war die richtige Entscheidung, sagte Mara sanft und berührte sie leicht am Unterarm.

Frieda wusste nicht, ob das stimmte. Aber im Grunde ihres Herzens glaubte sie daran. Sie hatte den Ring in seiner Hand gesehen, um sie herum tausend Feuerwerkskörper, die in den Himmel geschossen waren. Trunkene Menschen hatten gegrölt und sich in den Armen gelegen, der Glanz der Lichter gespiegelt im Rhein. Geróme war vor ihr gekniet in seinem schweren Mantel. Sie hatte gefühlt, dass es nicht richtig war, doch »Nein« sagen war keine Option gewesen. Sie hatte in diesem bunten, feuertrunkenen Moment ja nicht einmal gewusst, was sie genau wollte. Sie hätte Zeit gebraucht, nachzudenken. Zeit, die in diesem Moment nicht gegeben war. Ihr Kopf war benebelt gewesen vom Alkohol und dem Rauch der um sie herum explodierenden Böller.

Vielleicht waren es nichts als Ausreden, aber sie hatte nicht gewagt, fünf Jahre einfach so wegzuwerfen, Gérôme so vor den Kopf zu stoßen und in dieser Neujahrsnacht zu verlieren. Die Zeit, die sie brauchte, hatte sie nur gewinnen können, indem sie »Ja« sagte. Wenn sie nun daran dachte und sich erinnerte, wie sehr sie insgeheim gewusst hatte, dass es die falsche Antwort war, beruhigte sie die Tatsache, dass es zwischen ihnen so sein musste, wie es nun war.

Ich hänge im Moment nur irgendwie in der Luft, erklärte Frieda. Als ob mein Leben auf Stand-by wäre. Ich hab immer noch nichts von der Lufthansa gehört. Ich will endlich, dass es weitergeht, verstehst du?

Ja, versteh ich total!, entgegnete Mara. Der Job hier lenkt mich ab. Ich hab mit der Besitzerin gesprochen und werde ab nächster Woche noch mehr Schichten übernehmen. Aber ich will auch endlich einen richtigen Job und wissen, wohin ich ziehen und wo ich leben werde.

Frieda nickte zustimmend. Wenigstens weiß ich schon, dass ich nach Frankfurt gehe. Ich will unbedingt dorthin. Aber solange ich nicht die offizielle Zusage habe, traue ich mich nicht, eine Wohnung zu suchen.

Mara sah sie aufmerksam und etwas nachdenklich an.

Was ist? fragte Frieda, die ihre Freundin zu gut kannte, um nicht zu wissen, dass sie etwas sagen wollte, aber noch überlegte, ob es eine gute Idee wäre.

Frieda, ich glaube an dich. Und ich bin mir sicher, dass du eine Zusage für das Trainee-Programm bekommst. Aber ich glaube trotzdem, dass du dir einfach mal Gedanken machen solltest, was sonst noch für dich infrage käme. Du musst dich ja noch nicht woanders bewerben. Aber so oder so, ist es doch immer gut, wenn man weiß, was es im Leben noch für Optionen für einen gibt. Jetzt ist der Moment, sich darüber klar zu werden. Jetzt, nach der Uni. Ich finde es auch schwierig. Aber ich hab mich auf total unterschiedliche Sachen beworben. Was, wenn es doch nicht klappt bei der Lufthansa?

Frieda runzelte die Stirn.

Danke, dass du an mich glaubst. Aber es klingt eigentlich nicht so.

Sei nicht so, Frieda. Es ist nur ein Gedankenaustausch. Dafür sind gute Freunde doch da.

Okay. Ich bin gerade einfach nicht in der Stimmung dafür.

Frieda war hierhergekommen, um sich besser zu fühlen. Der Gedanke, dass sie einen Plan B haben sollte, war nicht neu. Auch ihre Mutter hatte sie schon mehrfach gefragt, welche weiteren Bewerbungen sie nach den Absagen noch verschickt hätte. Aber Mara war ihre beste Freundin. Von ihr brauchte sie nicht auch noch solche Ermahnungen. Sie wollte aufgebaut werden. Die Trennung war schwer genug, die Zukunft in jeder Hinsicht ungewiss. Und alle schienen sie nur noch weiter verunsichern zu wollen.

Alles klar. Vergiss es. Es wird bestimmt alles gut! sagte Mara in versöhnlichem Ton und legte ihrer Freundin die Hand auf die Schulter.

Ich muss leider weitermachen. Soll ich heute Abend nach der Arbeit vorbeikommen und wir bestellen Pizza?

Ja, gern! Und danke für den Kaffee. Ich trink noch kurz aus und verschwinde dann, okay?

Keine Ursache. Lass dir Zeit, Süße!

Frieda blieb noch eine Weile im Innenhof sitzen. Hier störte niemand ihre Gedanken, sie sah niemanden und niemand sah sie. Sie wollte noch nicht nach Hause. Bis Mara zum Pizzaessen kam, dauerte es noch locker vier Stunden. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, was sollte sie in ihrem Zimmer sitzen? Vielleicht sollte sie zu Hause etwas essen, sich ein Buch holen und in den Park gehen, um dort zu lesen. Das wäre sicher ein guter Plan!

Frieda trank den letzten Schluck Eiskaffee, brachte das leere Glas ins Café zurück, verabschiedete sich mit einem Winken, um nicht weiter zu stören, und ging nach draußen. Es war wirklich heiß. Sie blickte aufs Handy. Keine Nachrichten. Gérôme, was machst du? dachte sie seufzend und ließ das Handy wieder in die Tasche gleiten. Ihr Herz fühlte sich eng an. Gleichzeitig spürte sie, dass ihr Magen zu knurren begann.

Sie machte sich auf den kurzen Weg nach Hause und versuchte, die Gedanken an Gérôme und das Gespräch mit Mara abzuschütteln. Aber je mehr sie es versuchte, desto mehr kreisten sie genau um diese beiden Themen. Als sie schon in ihre Straße eingebogen war und die Wohnung fast erreicht hatte, klingelte plötzlich ihr Handy. Friedas Herz machte einen Sprung. Sie fischte das Telefon aus der Tasche und blickte in Erwartung, Gérômes Namen dort zu lesen, aufs Display. Stattdessen stand dort eine unbekannte Frankfurter Nummer. Friedas Herz setzte einen Schlag aus.

Frieda Steube, hallo?

Guten Tag, hier ist Frau Lorsch von der Deutschen Lufthansa in Frankfurt, begrüßte sie eine freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

Guten Tag! rief Frieda und versuchte fröhlich zu klingen, fühlte aber, wie sich ihre Stimme vor Aufregung überstürzte.

Ich bin zuständig für die Personalauswahl beim Trainee-Programm ProTeam der Lufthansa, für das Sie sich beworben und es bis ins Assessment-Center geschafft haben. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir uns für drei andere Kandidat:innen entschieden haben.

Friedas Herz, das zwischenzeitlich wieder heftig zu schlagen angefangen hatte, machte einen Sprung Richtung Brustkorb und verursachte einen dumpfen Schmerz, als es ihr sprichwörtlich in die Hose rutschte. Sie versuchte zu denken, irgendetwas auf diese niederschmetternde Nachricht zu erwidern. Sie sah zu Boden, ihre Hand, in der sie das Telefon hielt, zitterte.

Plötzlich streifte ein Fahrrad sie fast. Der Fahrer drehte sich zu ihr um und schüttelte verärgert den Kopf. Frieda versuchte zu atmen.

Können Sie mir sagen, warum? brachte sie schließlich hervor, ohne sich zu erinnern, die Worte vorher bewusst gewählt zu haben. Ihr zitterten die Knie. Sie wollte sich setzen, stand aber mitten auf der Straße.

Leider darf ich Ihnen keine Gründe nennen. Aber im Großen und Ganzen denken wir, dass Sie nicht ganz zur Lufthansa passen.

Während Frieda sich bisher wie gelähmt gefühlt hatte, spürte sie jetzt ihren Herzschlag wieder einsetzen. Kräftig und schmerzhaft pochte der Muskel in ihrer Brust. Ihre Knie waren noch weich, aber sie begann wieder zu laufen. Sie nahm das Handy in die andere Hand, wischte die nun frei gewordene an ihrem Kleid trocken und sagte mit fester Stimme: Ich danke Ihnen für Ihren Anruf.

Natürlich, sehr gern. Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre weitere berufliche Laufbahn. Auf Wiederhören!

Wiederhören!

Frieda legte auf und lief nach Hause. Hastig suchte sie nach dem Schlüsselbund in ihrer Handtasche, fand ihn, drehte den Schlüssel fahrig im Schloss herum, trat vom heißen Asphalt in die Kühle des dunklen, mit Stein ausgelegten Hausflurs und griff nach dem Treppengeländer. Ihr brannte die Kehle. Sie ließ das Schluchzen heraus, das sie auf den letzten Metern mühsam heruntergeschluckt hatte, und verzog das Gesicht, als sie heftig zu weinen begann. Erneut schien jegliche Energie aus ihren Knochen und Muskeln zu entweichen, kraftlos und weinend zog sie sich die Treppe hinauf in den 2. Stock. Das durfte einfach nicht wahr sein. Das hielt sie nicht aus. Erst Gérôme und jetzt das. Ihr ganzes Leben, ihre Pläne, alles, was sie definiert und bestimmt hatte – einfach weg. Der Boden schien sich unter ihr auftun zu wollen. Die Erde schien sich nicht mehr zu drehen. Sie rang nach Atem, lehnte sich über das schmale schwarze Treppengeländer und schaute hinunter in den Hausflur, der einige Meter unter ihr lag. Sie könnte sich einfach herabfallen lassen. Aber das wäre hässlich und vermutlich nicht hoch genug.

Sie wollte weiter, lieber doch in ihre Wohnung im 3. Stock, in ihr Bett, aus dem sie heute besser gar nicht aufgestanden wäre. Doch sie bekam keine Luft. Sie spürte, wie sie immer wieder scharf ein-, aber kaum ausatmete. Ihr wurde schwindelig.

Ich muss mich beruhigen, dachte sie und umklammerte das Geländer, während der Tränenschleier ihre Sicht immer stärker trübte. Ihr Atem war außer Kontrolle. Das Blut pochte in ihren Schläfen. Sie ließ das Geländer los und sackte auf den Stufen zusammen. Auf dem kühlen Steinboden rang sie panisch nach Luft. Hilfe, so hilf mir doch jemand, dachte sie, während ihr Gesicht einen stummen Schrei formte. Endlich ließ sie mit einem lauten Heulen die hastig eingeatmete Luft heraus. Der Laut hallte im Treppenhaus wider und sie erschrak vor sich selbst. Weiter oben öffnete jemand eine Wohnungstür. Frieda griff nach den eisernen Stangen des Treppengeländers und zog sich daran hoch. Sie hob ihr Kleid, um sich das Gesicht zu trocknen, vergrub es für zwei Sekunden in dem warmen Stoff und presste mit beiden Händen fest gegen die Augen. Sie biss die Zähne aufeinander, bis sie knirschten, und ließ das Kleid dann wieder fallen. Jemand kam die Treppe herunter.

Hi! hörte Frieda Paul, ihren Nachbarn aus dem 5. Stock, schließlich sagen. Paul war wie sie und ihre Mitbewohner Student. Er trug einen schwarzen Rucksack auf dem Rücken, was Frieda darauf schließen ließ, dass er nicht von ihrem Heulen alarmiert aus der Wohnung geeilt, sondern auf dem Weg in die Uni oder zu einer Verabredung war.

Hi! antwortete Frieda, ohne Paul anzusehen. Sie spürte, dass er sie im Vorbeigehen neugierig musterte. Sicher sah er, dass etwas nicht stimmte. Aber er stellte keine weiteren Fragen und lief eilig davon.

Frieda war dankbar, dass Paul aufgetaucht war. Sein Erscheinen hatte sie aus einem furchtbaren Moment des Kontrollverlusts und der Lähmung befreit. Sie stützte sich wieder auf das Geländer und zog sich mit der letzten Kraft, die sie noch aufbringen konnte, bis in den 3. Stock hoch. Einmal in der Wohnung, kickte sie nur die Sandalen in die Ecke, ging direkt, ohne die Hände zu waschen, in ihr Zimmer und ließ sich aufs Bett fallen. Sie schluchzte nicht mehr. Sie atmete auch nicht mehr hastig. Sie drehte sich auf die Seite und war nun ganz ruhig. Draußen zwitscherte ein Vogel. Die Wohnung schien ruhig. Ihre Mitbewohner waren nicht da. Ein Auto fuhr vorbei. Im 4. Stock hörte man eine Tür schlagen und Wasser laufen. Frieda schloss die Augen. In ihr war alles still.

Es tat gut, Ruhe zu finden. Langsam und gleichmäßig zu atmen. Die Augen schließen zu können. Nichts zu denken. Eine Leere hatte sich in ihr breitgemacht, die ihre Angst und den Schmerz schluckte wie ein schwarzes Loch. Und die tiefe Erschöpfung wich endlich einem traumlosen Schlaf.

*

Als Frieda wieder erwachte, hörte sie als Erstes die Geräusche, die von der geschäftiger werdenden Straße heraufdrangen. Es musste bereits später Nachmittag sein, wenn der Feierabendverkehr Fußgänger, Radfahrer und Autos in die tagsüber ruhige Straße spülte und den Lärmpegel anschwellen ließ. Es war heiß in ihrem kleinen Zimmer, auch wenn am Nachmittag keine direkte Sonne mehr einfiel. Der Vorhang vor dem noch immer geöffneten Fenster bewegte sich nicht mehr. Die Luft schien zu stehen und sich mit einem Buttermesser zerschneiden zu lassen. Frieda spürte, dass ihr rechtes Knie, auf dem das linke lag, schmerzte. Sie wollte sich von der Seite auf den Rücken drehen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht. Er war wie leblos, schien ihr nicht mehr zu gehören und sich von ihrem Geist und Gehirn getrennt zu haben. Ihre Augen waren geöffnet, und sie schaute auf die weiße Bettwäsche, den beigen Vorhang und die Zimmerpflanze, die neben dem Fenster stand. Es war ein schöner Anblick. Der Ast einer Linde ragte in das Bild, das vom Fensterrahmen gebildet wurde. Er trug grüne Blätter, die unbewegt in der Nachmittagssonne ihr Dasein fristeten. Frieda hatte Durst. War es ihr Leib, der taub war, oder ihr Geist? Konnte ihr Hirn nicht mehr steuern oder der Körper nicht reagieren?

Sie dachte an den Moment auf der Treppe. Wäre Paul nicht gekommen, wäre sie immer noch da? Sie hatte wohl eine Panikattacke erlitten. Es wäre gut, wenn jetzt auch jemand kommen würde. Sie fühlte sich krank. Sie brauchte Hilfe. Wie spät war es eigentlich? Vielleicht würde Mara bald kommen. Wo war ihr Handy? Frieda spürte, dass die Handtasche, die sie über der Schulter getragen hatte, noch immer dort hing. Sie hatte sich, wie sie war, aufs Bett fallen lassen. Sie musste nur die Tasche öffnen und das Handy herausholen. Dann wüsste sie, ob Mara bald käme. Doch ihre Hände gehorchten der Aufforderung nicht. Selbst ihre Augen zwinkerten nicht. Sie starrten noch immer auf das gleiche Stillleben aus Bettwäsche, Vorhang, Pflanze, Fensterrahmen und Baumzweig.

Zwinker! befahl sich Frieda selbst. Doch es gelang nicht. Irgendwann fielen ihr die Augen einfach wieder zu. Draußen wurde es immer belebter. In ihr war alles ruhig.

Ein Mann rief energisch den Namen seines Kindes, das er zum Stehenbleiben aufforderte. Frieda stellte sich ein Kleinkind auf einem Laufrad vor, das zur nächsten Straßenecke flitzte und nur knapp vor dem Bordstein hielt, einen Vater mittleren Alters, der gerade aus dem Büro kam und mit seiner Aktentasche in der Hand schwitzend und rufend seinem Sprössling hinterherlief.

Irgendwo im Haus klingelte es an der Tür. Bestimmt ein Paketbote. Ein Hund bellte im Treppenhaus. Zwei Vögel begannen ein singendes Zwiegespräch. Die Wohnungstür öffnete sich. Ihre Mitbewohnerin Lucia trat in den Flur und rief laut Halloooo. Frieda antwortete nicht. Lucia schien anzunehmen, dass niemand in der Wohnung war. Sie ging ins Bad und anschließend in ihr Zimmer, ohne weiter nach Frieda zu rufen oder zu sehen. Da wich die Leere endlich einem ersten Gefühl. Wut. Wut, gefangen zu sein. Wut, hier zu liegen. Und Wut über die unverschämteste Absage, die sie sich nur hätte vorstellen können. Schlimm genug, dass ihr Traum zerplatzt war wie eine Seifenblase. Schlimm genug, dass alle, die sie ermahnt hatten, dass sie einen Plan B brauchte, recht behalten hatten. Und schlimm genug, dass sie nun mit absolut nichts dastand. Keine Beziehung, kein Job, vielleicht keine Möglichkeit mehr, nach Frankfurt zu ziehen. Sie konnte ihrer Mutter nicht ewig auf der Tasche liegen und wollte nach all den Jahren der Ausbildung nicht als Versagerin dastehen. Aber das Schlimmste an allem, was ihre Wut glatt überschäumen ließ, war die Art der Absage. Sie passen nicht zur Lufthansa. Sie war hochqualifiziert, hatte es nicht umsonst bis zum Assessment-Center, dem letzten Auswahlschritt im langen Bewerbungsprozess des Trainee-Programms, geschafft. Sie hatte bereits als Praktikantin bei Lufthansa gearbeitet und ein exzellentes Zeugnis erhalten. In dem riesigen Luftfahrtkonzern gab es so viele unterschiedliche Tätigkeitsbereiche, dass eine solch pauschale Aussage, die bereits miteinschloss, dass sie sich auch gar nicht auf andere Stellen zu bewerben brauchte, eine bodenlose Frechheit war. Wer war diese Frau überhaupt, die sie da angerufen hatte? Leider hatte sie nicht richtig auf den Namen geachtet. Am liebsten würde sie sich bei ihrem ehemaligen Vorgesetzten über sie beschweren. Auch aus personalpolitischer Sicht war ein solches Verhalten einfach unprofessionell.

Die Aufregung und Wut ließen Frieda heiße Tränen in die Augen schießen. Sie merkte, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte und die Fingernägel sich schmerzhaft in ihre Handflächen gruben. Sie öffnete Augen und Hände und wischte sich zornig die Tränen aus dem Gesicht. Die sollten sie nicht kleinkriegen! Das würde sie nicht auf sich sitzen lassen.

Endlich war sie wieder in der Lage, sich zu bewegen, wenn auch noch reichlich kraftlos. Aber das Handy konnte sie aus der Handtasche ziehen und nach der Uhrzeit schauen. 16:24 Uhr. Sie sehnte Mara herbei. Außerdem spürte sie nun, dass sie Hunger hatte. Bis auf das Frühstück und den Eiskaffee hatte sie noch nichts zu sich genommen. Steh auf und mach nicht so ein Drama, ermahnte sie sich selbst. Energielos, aber von ihrer Wut beflügelt, erhob sie sich schließlich und ging in die Küche. Sie wusch sich die Hände, nahm eine Banane aus dem Obstkorb, ein Glas aus dem Hängeschrank über der Spüle, hielt es unter den Wasserhahn und trank es in einem Zug aus. Sie brauchte Wasser, wenn sie wieder funktionieren wollte. Der Kater, der Liebeskummer, die Tränen, der unangenehme Besuch im Café, die Hitze, der Anruf und schließlich die Panikattacke im Treppenhaus, das alles hatte sie ausgelaugt und fertiggemacht. Ihr Kopf schmerzte und sie fühlte sich dehydriert. Obwohl sie gerade erst aufgestanden war, beschloss sie, dass es besser war, sich wieder hinzulegen. Sie füllte das Glas erneut mit Leitungswasser und trug es zusammen mit der Banane zurück in ihr Zimmer. Am besten würde sie noch etwas schlafen, bevor Mara kam. Sie zog das Kleid aus, legte sich wieder ins Bett, schloss die Augen und sehnte sich nach dem süßen Vergessen, das der traumlose Schlaf ihr kurz zuvor beschert hatte. Ihre Gedanken kreisten jedoch weiter. Was hatte sie im Assessment-Center falsch gemacht? Warum konnte man ihr das nicht genauer sagen? Wer sonst aus der Gruppe hatte einen der begehrten Plätze erhalten? Was würde sie nun tun? Wo sollte sie sich bewerben? Wo würde sie wohnen? Sollte sie zu Gérôme zurück? Ihr Magen fühlte sich an, als ob er mit jeder Frage, die sie sich stellte und nicht beantworten konnte, einen neuen Knoten produzierte. Neben den Kopfschmerzen machte ihr nun auch Übelkeit zu schaffen. Sie atmete schwer, aber kontrolliert. Mara würde kommen und ihr helfen. Mara, die sie vor wenigen Stunden noch gefragt hatte, ob sie nicht darüber nachdenken wollte, was sie sonst noch mit ihrem Leben anfangen könnte.

Frieda schämte sich, dass alle recht behalten hatten und sie so arrogant reagiert hatte. Aber Mara war ihre beste Freundin. Im Gegensatz zu ihrer Mutter würde sie ihr keine Vorwürfe machen oder eine Hab-ichsdoch-gleich-gesagt-Miene aufsetzen. Sie würde ihr helfen. Und das war genau das, was Frieda nun brauchte: Hilfe. Sich das einzugestehen und gleichzeitig zu wissen, dass sie nicht lange darauf würde warten müssen, tat ihr gut. Es ließ sie diese nächsten Stunden im Bett aushalten, ohne erneut die Kontrolle zu verlieren.

*

Frieda fühlte sich tatsächlich etwas ausgeruht und vor allem hungrig, als es endlich an der Tür klingelte und Mara eintraf. Lucia öffnete die Tür, während Frieda langsam aufstand. Von der Hitze, dem langen Liegen und dem wenigen Essen war sie etwas geschwächt, aber die Kopfschmerzen waren besser. Sie ging in den Flur und begrüßte Lucia, die dort an der Tür auf den Besuch wartete. Willst du mit uns essen? bot sie aus Höflichkeit an, hoffte aber, dass Mara und sie in Ruhe reden konnten.

Ah, danke, das ist lieb, aber ich gehe später noch in die Stadt, antwortete Lucia fröhlich. Viel Spaß euch!

Sie verschwand in ihr Zimmer, während Mara eintraf und Frieda umarmte. Hey, Süße!

Hey, sagte Frieda in einem Ton, der Mara sofort aufhorchen ließ.

Was ist los?

Komm erst mal rein.

Okay.

Mara zog ihre Sandalen aus und folgte Frieda auf den kleinen Küchenbalkon.

Erzähl. Ist was mit Gérôme? wollte Mara wissen.

Lass uns erst mal was zu essen bestellen.

Frieda fühlte einen Kloß in ihrem Hals. Sie wusste, dass sie, sobald sie erzählen würde, zu weinen beginnen müsste.

Schließlich aber konnte sie es nicht länger hinauszögern. Zum Teil war es sicherlich auch die Angst, es laut auszusprechen. Sobald sie Mara von der Absage erzählen würde, wäre es endgültig. Sie hatte es vermasselt.

Wie erwartet kullerten sofort die Tränen. Immerhin konnte sie aber sprechen, ohne zu schluchzen, und wirkte einigermaßen gefasst. Mara reagierte, wie nur sie es konnte. Ohne Vorwürfe, ohne sofort schlaue Ratschläge zu erteilen, ohne unnötige Fragen zu stellen. Sie hörte einfach zu und nickte ab und zu, um zu signalisieren, dass sie verstand.

Was soll ich jetzt machen? fragte Frieda, als sie alles erzählt hatte.

Jetzt essen wir erst mal, stellte Mara sachlich fest. Mit vollem Magen lässt es sich besser denken. Und dann schmieden wir Pläne!

So einfach war das, wenn man Mara war. Sie schaffte es tatsächlich, Frieda selbst in einem so furchtbaren Moment ihres Lebens zu motivieren. Ein kleines Fünkchen Hoffnung und Lust auf neue Ideen keimten in ihr auf. Pläne zu schmieden klang gut. Pläne zu schmieden machte Spaß. Zwar hatte sie keine Ahnung, was Mara im Sinn hatte, aber gemeinsam würde ihnen sicher etwas einfallen, und dann wüsste sie, was als Nächstes zu tun war. Jeder brauchte eine Freundin wie Mara! Welch ein Glück, dass sie sie hatte!

Nachdem die Pizzen geliefert worden waren, aßen und tranken die Mädchen nach Herzenslust, holten zur Nachspeise noch Schokoladeneis aus der Küche und begannen, Friedas nächste Schritte zu planen. Im Gespräch wurde klar, dass sie dabei bleiben wollte, nach Frankfurt zu ziehen. Also musste sie sich dort einen Job suchen. Mara schlug vor, dass, wenn es schon nicht bei der Lufthansa geklappt hatte, sie sich doch bei anderen Firmen, die auch mit der Fliegerei zu tun hatten, bewerben könnte. Das war eine gute Idee. Frieda würde gleich morgen anfangen, dass Internet nach Firmen und Stellenanzeigen zu durchforsten. Durch ihr Praktikum kannte sie sogar einige und hatte auch Kontakte, die sie nach weiteren Möglichkeiten und Anregungen fragen konnte. Sie würde ein paar Emails an ihr Netzwerk schicken und so hoffentlich etwas weiterkommen.

Zum Abschied umarmte Frieda ihre Freundin fest. Danke, flüsterte sie ihr ins Ohr. Mara wusste nicht, wie schlecht es ihr gegangen war, hatte keine Ahnung von ihrer Panikattacke oder den Lähmungserscheinungen. Aber sie hatte ihr geholfen. Ohne sie wäre sie verloren gewesen.

Frieda ging früh ins Bett, noch immer erschöpft von den Geschehnissen des Tages. Morgen war ein neuer Tag. Eine neue Chance. Ein Neuanfang. Neue Motivation hatte sie bereits dafür gewonnen. Nun brauchte sie nur noch frische Kraft.

*

Am nächsten Morgen fühlte sich Frieda meilenweit besser. Ihr war nicht übel, sie hatte keine Kopfschmerzen, sie war nicht mehr erschöpft und auch nicht verzweifelt. Bei der Erinnerung an den vergangenen Tag verspürte sie aber noch immer ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Die schlechte Nachricht war längst nicht verdaut und die Schande und Scham wegen ihres Scheiterns würde sie mit Sicherheit eine ganze Weile mit sich herumtragen. Die Vorstellung, auch noch ihrer Mutter und allen anderen, die von der Bewerbung gewusst hatten, von der Absage erzählen zu müssen, ließ sie innerlich aufstöhnen. Aber sie wusste, sie musste und wollte weitermachen. Einfach liegen zu bleiben, reg- und ziellos, war das schlimmste Gefühl, das sie kannte. Noch schlimmer als der Herzschmerz der Trennung.

In sich selbst gefangen zu sein war erniedrigend und besonders peinigend, da man sich niemandem mitteilen konnte und ganz allein die Schuld daran trug. Niemand anderes hielt einen fest als der eigene Geist. Wie also sollte man das erklären? Wie sollte man Mitleid oder Hilfe erwarten können?

Frieda wollte die Gedanken daran abschütteln. So etwas sollte ihr nicht mehr passieren. Sie musste sich um ihre Zukunft kümmern. Im Gegensatz zu gestern hatte sie heute nun wenigstens etwas zu tun. Statt zu Hause herumzusitzen, wollte sie lieber ins Uni-Café fahren und dort mit ihrer Recherche und dem Versand der ersten Emails beginnen. Nach einem schnellen Frühstück und einer kalten Dusche packte sie ihren Laptop ein und schwang sich aufs Fahrrad. Als sie den Grüngürtel entlangfuhr, den Fahrtwind in den Haaren, Blumen, Bäume, Kinder, Hunde und Sportler um sie herum, fühlte sie sich wieder frei. Sie hatte ihr Leben selbst in der Hand. Und wie Mara gestern so treffend festgestellt hatte: Eine einzelne Frau aus der Personalabteilung konnte sie nicht von ihren Träumen und Zielen abbringen. Wenn sie bei Lufthansa arbeiten wollte, konnten auch andere Wege zum Ziel führen. Vielleicht gab es neben dem Trainee-Programm noch andere Einstiegsmöglichkeiten. Oder sie arbeitete erst bei einer anderen Firma in der Branche und wechselte dann. Die Aussage, dass sie nicht zur Lufthansa passe, konnte und wollte sie nicht akzeptieren. Die Personalerin sprach nicht für den ganzen Konzern. Der Gedanke daran machte Frieda erneut wütend. Warum hatten solche Leute so viel Macht? Sie bestimmten ihren weiteren Lebensweg, obwohl sie sie praktisch gar nicht kannten. Aber sie durfte sich nicht wieder in die Opferrolle fallen lassen. Sie musste weitermachen.

Das Ziel nicht vergessen, den Weg nicht verlassen, den Mut nicht verlieren. Das waren die Worte, die ihr ihr Lehrer in der Abschlussklasse des Gymnasiums mit auf den Weg gegeben hatte, als er ihr ihre exzellente Abiturnote mitgeteilt hatte. Damals war sie vor Stolz über den glänzenden Abschluss fast geplatzt. Dem Spruch hatte sie wenig Beachtung geschenkt. Aber vergessen hatte sie ihn nicht. Und jetzt fiel er ihr aus irgendeinem Grund wieder ein.

*

Im Café machte Frieda es sich bei einer Zimtschnecke und einem Milchkaffee gemütlich und begann, nach weiteren Stellen bei der Lufthansa, in der Branche und in Frankfurt zu suchen. Ganz einfach war es nicht. Was sie fand und las, stimmte sie wieder etwas traurig. Sie hatte die für sie perfekte Stelle gefunden und nicht geschafft, sie zu ergattern. Nun musste sie sich womöglich mit etwas zufriedengeben, das sie nicht begeisterte oder überzeugte. Aber sie würde nicht aufgeben. Nur brauchte sie eine kleine Pause vom Durchforsten langweiliger Stellenbeschreibungen.

Sie klappte den Laptop zu und starrte auf das gerahmte Poster eines Traumstrandes an der gegenüberliegenden Wand. Fernweh erfasste ihr Herz und