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Ein schneidender Wind heulte durch den Wald... Diese Nacht wird Worix' Leben für immer verändern. Er begibt sich in das gefährliche Neirox-Gebirge, wo er von seinem Schicksal erfährt. Sein Abenteuer führt ihn durch das ganze Land, welches unter der Herrschaft eines dunklen Lords steht. Worix muss zahlreichen Gefahren trotzen, bis er dem mächtigen Herrscher schliesslich gegenübersteht. Doch alles kommt anders... Dieses Buch enthält eigene Illustrationen des Autoren. Du willst die Geschichte auf eine neue, einzigartige Art und Weise erleben? Dann lade dir im Play Store die "Worix" App herunter und schon tauchst du noch tiefer in die fantastische Welt ein. Bist du bereit dieses unvergessliche Abenteuer anzutreten?
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Seitenzahl: 553
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Dieses Buch ist für alle, die Fantasy lieben, gerne in fantastische Welten eintauchen und mit den Charakteren fesselnde Abenteuer erleben.
INHALT
Die
Worix
App
Prolog
Düstere Nacht
Das Geheimnis des Neirox-Gebirges
Große Entdeckung
Ein großes Ereignis
Blutroter Dorn
Gedanken in der Nacht
Die Nihada-Höhle
Alte Bekannte
Die große Bibliothek
Verstärkung
Das Geheimnis von Lamurien
Penron
Der Sternenprinz
Die Gefahr lauert überall
Im Wald der Elfen
Magische Lehre und Kampfkunst
Die Halle der Drachen
Das fünfte Element
Das Elementarritual
Die Geschichten der Elementarmeister
Lavablasen des Schreckens
Rüstungen und Waffen
Der Widerstand erhebt sich
Schlacht am Tarix-Vulkan
Große Feier
Königs Gefangener
Ein düsterer Ort
Dasselbe Schicksal
Kunde in der Nacht
Ein guter Tag zum Angeln
Der König aller Bäume
Zwischen Realität und Täuschung
Eine schwere Entscheidung
Ein Ort voller Überraschungen
Der Tag der Entscheidung rückt näher
Rote und blaue Flammen
Das Ende vom Anfang
Verhängnisvolle Nacht
Ein kleiner Mann namens Goldon
Eisenfaust
Verhör
Das geheime Loch
Zurück zum Lamurientempel
Zauberhafte Erscheinungen
Ein gefährliches Unternehmen
Neue Entdeckungen und alte Bekannte
Die Himmelssäule
Eine fremde Welt
Lebende Legenden
Am Rande des Nichts
Auf nach Alphea
Auf hoher See
Wenn zwei Herzen sich finden
Materie oder nur Illusion
Heiße Diskussionen
Stürmischer Ozean
Hämmer und Schwerter
Tronori
Ein neues Rätsel
Abschied und Zusammenkunft
Vogel und Wurm
Ein Zeichen setzen
Stein und Ei
Schlusswort und Danksagung
Die Sprache der Magie
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«Dann ist das das Ende! Das Ende für uns beide, doch nur für einen von uns wird der Tod definitiv sein!» Ein dunkler Schatten legte sich über die Welt, die einst so prächtig war und brachte nichts als Tod. Die Gier nach Macht, hatte das alte Volk gespalten und sie und alles was sie je errichtet hatten, unter der Erde begraben. Mit ihnen geriet auch ihr grösstes Geheimnis in Vergessenheit. Das Geheimnis über die fünf Elementarkräfte und einer Kugel, die alles verändern könnte. Eine Ära war zu ende, eine neue begann. Über Jahrhunderte siedelten sich neue Völker an. Es begann mit den Arix-Maro unter der Herrschaft von Goroth. Etwas mehr als hundert Jahre später kamen die Silkins, die Nurlins, die Arazus und die Spinndoxen. Ihre Ankunft läutete das zweite Zeitalter ein. Dieses begann mit heftigem Widerstand von Goroth’ Seite, der in einem blutigen Krieg endete. Fast zwei Jahrhunderte nach Goroth’ Untergang breiteten sich auch die Elfen, die Zwerge und die Zentauren über das Land aus. Es war die Zeit des Friedens, trotz der Vielzahl an verschiedenen Völkern. Zuletzt kamen die Menschen. Sie breiteten sich schneller aus, als jedes andere Volk zuvor und beanspruchten grosse Landstücke. Besonders als der gierige Lord Darbon an die Macht kam. Selbst aus Reihen der eigenen Rasse, wurde er verachtet und gehasst. So erhob sich ein Clan gegen den dunklen Herrscher und schließlich witterte ein tapferer Mann aus den Reihen der Menschen seine Chance, Darbon endlich zu töten.
„Es endet hier und jetzt! Gib uns endlich das Licht zurück, das du diesem Land geraubt hast!“ Seine Klinge hatte Darbons Brust fast erreicht. Allerdings kamen die starken Magier des Herrschers dazwischen. Sie rissen den Mann zu Boden. Eine rote Lichtkugel erschien über ihm. Dann war es vorbei. Die Explosion ließ die Erde erzittern und brachte auch die letzte Mauer zum Einsturz. Mit dem Tod dieses Mannes zersplitterte der ganze Clan und Darbons Herrschaft dauerte weiter an. Nun lag der letzte Funken Hoffnung in dem, noch unentdeckten, fünften Element. Doch sein Geheimnis reicht tiefer, als es scheint und bringt uralte Relikte mit sich.
„Nur für einen von uns, wird der Tod definitiv sein!“
Ein schneidender Wind heulte durch den Wald, der am nordöstlichen Fuße des Neirox-Gebirges lag. Inmitten dieses Waldes stand eine Hütte aus Holz, die von zwei Laternen beleuchtet wurde. Die Nacht wurde immer dunkler und auf einmal erzitterte die gesamte Erde unter einem ohrenbetäubenden Knall. Das Holz einer einfachen Hütte, die inmitten des Waldes stand, ächzte. Worix, ein sechzehn Jahre alter Junge, der hier alleine in dieser Hütte lebte, die er zum größten Teil selbst gebaut hatte, sprang erschrocken auf. Auch wenn er gerade noch geschlafen hatte, war er jetzt hellwach. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er an die Wand, die aus unterschiedlich großen Holzbrettern bestand, und lauschte.
Viel mehr, außer dem Heulen des Windes, war jedoch nicht zu hören.
Es vergingen mehrere Minuten, bis er sich beruhigt und wieder etwas entspannt hatte. Einschlafen konnte er jedenfalls nicht mehr. Er musste nachsehen, was da draußen los war. So tastete er sich durch die Dunkelheit, bis er auf die runde Kante eines Tisches stieß. Zum Glück war er das gewohnt und kannte die Einrichtung seiner Hütte praktisch im Schlaf. Denn hier im dichten Wald drangen auch am Tag nicht viele Sonnenstrahlen durch die einfachen Fenster. Indem er mit der flachen Hand über die Tischfläche fuhr, fand er die Streichhölzer, die er anschließend benutzte, um das Feuer in der Laterne vor ihm zu entfachen. Es war nicht viel Licht, aber es reichte aus, um die kleine Hütte auszuleuchten. So zog er seine schwarze Hose und seine braunen Stiefel an. Ebenso seinen dunkelgrünen Pullover. Darüber streifte er eine dunkelgrün gefärbte Lederjacke. Danach hängte er sich den Köcher mit rund dreißig Pfeilen um und holte seinen Bogen, der an der Wand neben seinem Bett hing. Zuletzt band er sich einen Gurt um die Hüfte, an dem sein Jagdmesser befestigt war. So trat er aus der Nische, in der sein Bett stand. Vor ihm befand sich der kleine, runde Tisch aus Holz sowie zwei Stühle. Auf der linken Seite standen eine Feuerstelle, ein Schrank und eine Truhe. Zu seiner Rechten hing ein Bild von seinen Eltern, an die er sich jedoch kaum noch erinnerte. Auch wenn er seinen Großvater oft nach ihnen gefragt hatte, hatte er nie eine klare Antwort bekommen. Er musste also wohl oder übel damit leben, so gut wie nichts über seine Eltern zu wissen. Die Hoffnung auf Antworten hatte er jedoch noch nicht völlig verloren.
Worix trat zum Tisch, nahm die Laterne und schritt zur Tür, die in der Mitte ein kleines, rundes Fenster besaß. Daneben lehnte sein Rucksack an der Wand. Er öffnete sie vorsichtig, wobei das Holz ächzte.
Vor ihm lag die Dunkelheit der Nacht. Durch den Schein seiner Laterne konnte er die Umrisse eines umgestürzten Baumes, der keinen Meter von der Tür entfernt lag, erkennen. Er trat, alle Sinne geschärft, ins Freie. Sein braunes Haar wehte leicht im Wind und seine violetten Augen glänzten im Mondlicht. Er setzte sich auf den umgestürzten Baumstamm. Da spürte er, wie etwas Fremdartiges sein Inneres berührte und über seine Seele zu ihm sprach: Das Neirox-Gebirge, Worix, das Neirox-Gebirge. Die tiefe, machtvolle Stimme hallte durch seine Gedanken wie ein Sturm, ehe sie sanft verklang.
So etwas hatte er noch nie erlebt. Er konnte die Worte nicht wirklich hören und doch nahm er sie ganz klar wahr. Wie war das möglich? Wer sprach zu ihm? Worix versuchte ebenfalls mit seiner Seele zu antworten, doch es gelang ihm nicht.
Auf dem höchsten Gipfel rufe: Adra.
Die Stimme verebbte und die fremde Seele löste sich von seiner.
Zurück blieb ein verwirrter Junge.
Er saß noch eine Weile da wie angewurzelt und versuchte herauszufinden, was diese fremde Seele gewesen war. Doch so lange er sich darüber auch den Kopf zerbrach, er konnte keine Lösung finden.
Schließlich ging Worix wieder in seine Hütte. Aber tief in seinem Innern sagte ihm etwas, dass er dem fremdartigen Ding Folge leisten sollte. Er dachte immer wieder über die Worte der Stimme nach und überlegte, ob er es wirklich wagen sollte, ins Neirox-Gebirge zu gehen. Schon viele, die in diese Berge aufgebrochen waren, sind nie wieder zurückgekehrt. Auch sein Großvater kam bei einem Kutschenunfall in diesen Bergen ums Leben. Da war Worix dreizehn gewesen. Seit diesem Tag war er auf sich allein gestellt. Er kannte weder andere Verwandte noch Freunde, denn sein Großvater war stets ein alter Einzelgänger gewesen. Also hatte Worix Noringrad, wo er zuvor mit seinem Großvater gelebt hatte, noch am selben Tag verlassen. Er wusste von dieser alten Hütte, die einst als Unterkunft während der Jagdzeit gedient hatte. Worix musste sie damals fast komplett neu aufbauen, so lange hatte sie keiner mehr genutzt. Deshalb war sie auch sein ganzer Stolz.
Viel mehr hatte er ja auch nicht.
Nach langem Hin und Her siegte schließlich seine Neugier und er konnte sich dazu überwinden, den höchsten Gipfel der großen Gebirgskette zu erklimmen.
Er packte drei Brote, vier Wasserflaschen und ein langes, dickes Seil in seinen Rucksack. Natürlich hatte er die Laterne, den Bogen und sein Jagdmesser auch dabei.
Und so schritt er nun hinaus in die immer noch dunkle Nacht, ohne zu wissen was ihn erwarten würde.
Unterwegs brachen immer wieder feine Äste unter seinen Füßen. Nach etwas weniger als einer Stunde erreichte er den
Fuß der langen Gebirgskette. Jetzt musste er also zum höchsten Gipfel gelangen. Man nannte diesen Punkt auch: die Wokorospitze. Ein flaues Gefühl legte sich über seinen Magen, aber er hatte sich entschlossen. Zurückgehen war keine Option.
Nachdem er zwei weitere Stunden zwischen den hohen Bergen hindurch gewandert war, wurde es allmählich hell. Er setzte sich auf das frische, etwas feuchte Gras und lehnte sich an einen Felsen, der so groß war wie ein Haus.
Worix öffnete seinen Rucksack und holte ein Brot heraus. Mit seinem Jagdmesser trennte er drei Scheiben davon ab, die er anschließend hungrig aß. Dann nahm er eine der Wasserflaschen und trank mit großen Schlucken. Das kühle Wasser war wunderbar erfrischend. Worix beobachtete, wie eine ganze Kolonie Ameisen, an ihm vorbei, zu einem Ameisenhügel, der mindestens so groß war wie er selbst, marschierte. Er bewunderte, wie die kleinen Tiere etwas so Großes bauen konnten. Außerdem erblickte er, in einem nahegelegenen Baum, ein Vogelnest. Darin befand sich gerade eine Vogelmutter, die sich um ihre drei kleinen Vögelchen kümmerte. Sie ließ in jeden der drei hungrigen Schnäbel einen fingerlangen Wurm fallen. Worix blieb noch etwas länger sitzen, genoss die frische Morgenluft und lauschte dem Gezwitscher vorbeifliegender Vögel, bevor er sich wieder auf den Weg zum höchsten Berg machte. Unterwegs dachte er über die Worte der fremden Stimme nach. Er rief sich das Wort, das er sagen musste, nochmal ins Gedächtnis: «Adra», flüsterte er vor sich hin.
Es verging eine weitere Stunde, in der es kein größeres Ereignis gab, bis er endlich am unteren Ende der Wokorospitze stehen blieb. Er blickte nach oben und sah, dass der Gipfel über den Wolken lag. Er zögerte kurz, ging dann aber einen schmalen, steilen Pfad hinauf. Immer wieder lösten sich Steine unter seinen Füßen und donnerten über die Felsen.
Sein Weg führte ihn schon bald durch einen dunklen, engen Tunnel. Fledermäuse flogen erschrocken herum, als Worix’ Schritte durch den Gang hallten. Worix war froh, als er den Tunnel endlich hinter sich gelassen hatte und nun ein gerader Weg weiterführte. Er konnte sich aber nicht lange erholen, denn schon bald musste er wieder steil hinauf wandern.
Er war bereits über vier Stunden auf dem steinigen Bergweg unterwegs. Allmählich brannten seine Beine und Füße.
Trotzdem ging er keuchend noch eine Stunde weiter. Dann hatte er endlich die Hälfte des Berges erklommen. Erschöpft setzte er sich an den Rand des Weges und trank etwas Wasser.
Schweiß glänzte auf seiner Stirn und lief ihm übers Gesicht.
Die Luft war schon spürbar dünner und kühler geworden.
Vom harten Boden, auf dem er gesessen hatte, tat ihm jetzt jedoch sein Hintern weh.
«Besser, ich hätte mich nicht auf die Steine gesetzt», stöhnte er leise. Aber welche Wahl hatte er denn schon? Er musste einfach weiter.
Unterwegs löste sich zweimal ein Stein aus der Felswand über ihm. Einmal verfehlte ihn der Stein nur knapp, und beim zweiten Mal hätte er seinen Kopf zertrümmert, hätte Worix sich nicht im letzten Moment weggeduckt.
Je näher er der Spitze kam, desto mehr Schnee lag auf seinem Weg, der ihn nun direkt durch einen großen Gletscher führte.
Er musste jeden seiner Schritte mit Bedacht wählen, um nicht in eine Spalte, die unter der Schneeschicht versteckt lag, zu fallen. Das erforderte seine volle Konzentration, denn inzwischen zog ein eisiger Wind auf, der den Schnee aufwirbelte und so die Sicht erheblich einschränkte.
Endlich, nach knapp fünf Stunden seit seiner letzten größeren Pause, kam der Gipfel in Sicht.
Oben angekommen keuchte er, als wäre er mehrere Kilometer gerannt. Die dünne Luft brannte in seinen Lungen. Er legte sich auf den Rücken, um sich zu erholen. Obwohl der Boden steinig und mit Schnee bedeckt war, fühlte sich Worix wohl.
Allmählich beruhigte sich sein Atem wieder und er stand auf.
Erst jetzt nahm er seine Umgebung richtig wahr. Um ihn herum war alles steinig, grau und mit Eis und Schnee überzogen. Kein Leben war hier oben zu entdecken, weder Tiere noch Pflanzen. Unter ihm lag ein Meer weißer Wolken.
Die Aussicht war überwältigend. Jetzt bemerkte er auch, dass es schon später Nachmittag war. Bald schon würde es eindunkeln.
Er wiederholte in Gedanken noch einmal das Wort, das er sagen sollte, bevor er schließlich den Blick zum Horizont richtete, tief durchatmete und rief: «Adra!» Augenblicklich schien der Berg zu vibrieren. Vor Worix öffnete sich der Boden. Schwere Steinplatten verschoben sich wie von Geisterhand. Hastig machte er einen Schritt zurück.
So schnell es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei, und Stille legte sich über den Gipfel.
Vorsichtig trat Worix zum Spalt im Gestein und beugte sich darüber. Er konnte etwa zwei Meter weiter unten eine massive
Tür aus Eisen erkennen, die links und rechts von je einer Fackel beleuchtet wurde. Ohne lange zu überlegen, sprang er durch die Spalte nach unten. Da erzitterte der Berg erneut.
Erschrocken stellte Worix fest, dass sich die Steinspalte über ihm wieder geschlossen hatte. Er versuchte ruhig zu bleiben.
Das letzte was er jetzt gebrauchen konnte, war, in Panik zu verfallen. Jetzt gibt es wohl kein Zurück mehr, dachte er.
Worix drückte die Türklinke runter, aber nichts geschah. Er versuchte weitere Male verzweifelt die Tür zu öffnen, doch so sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm nicht. Die Tür war verschlossen. Doch wie wollte er sie öffnen, ohne einen Schlüssel? Panik überkam ihn, als ihm bewusstwurde, dass er eingesperrt war. Irgendwie musste man die Tür doch öffnen können. Wieder und wieder rüttelte er an der Tür, doch jedes Mal ohne Erfolg.
«Adra!», rief er erneut, in der Hoffnung, dass sich entweder die Tür oder der Spalt über ihm öffnete, doch nichts dergleichen geschah.
Niedergeschlagen ließ er sich an der Felswand hinuntergleiten, bis er auf dem eiskalten Boden saß.
Was mochte ihm nur entgangen sein?
Noch einmal studierte er die Worte des fremden Wesens.
Doch auch das half ihm nicht weiter. Verzweifelt durchsuchte er den Raum nach irgendwas, was ihm hätte helfen können.
Doch auch da konnte er, außer der eisernen Tür und den grauen Felswänden, die ihn umgaben, nichts Besonderes entdecken. Erst als er schon fast aufgegeben hatte, sah er zwischen seinen Füßen etwas Silbernes durch einen kleinen Riss im Boden schimmern. Er versuchte es mit seinen Fingern hinauszunehmen, scheiterte jedoch kläglich. Der Riss war einfach zu klein.
Worix riss einen Faden aus seiner Hose. An einem Ende machte er eine Schlaufe. So versuchte er abermals den Gegenstand, der sich als Schlüssel entpuppt hatte, zu angeln.
Dutzende Versuche scheiterten, doch aufgeben war keine Option. Wenn er nicht früher oder später elend verdursten wollte, musste er es schaffen, den Schlüssel aus der Spalte zu holen.
Und endlich gelang es ihm.
Der Schlüssel war vollkommen aus Silber. Das obere Ende wurde von einem Drachenkopf verziert.
Worix stand wieder auf, ging zur Tür, schob den Schlüssel in das dafür vorgesehene Loch und drehte ihn nach links. Die Tür sprang auf und vor ihm lag ein langer, hell beleuchteter Gang.
Der Boden bestand aus schneeweißen Quarzplatten. Links und rechts standen, im Abstand von jeweils zwei Metern, violette Säulen. Jede Säule wurde durch einen goldenen Stern mit neun Zacken verziert. An der Decke leuchteten weiße Lichter, die jedoch nicht von einer Laterne oder Fackel kamen, sondern auf magische Weise leuchteten. Worix ging den Gang entlang, bis er vor drei Türen stand. Die rechte Tür war eine ganz normale Holztür, während die in der Mitte aus Eisen und mit Dornen versehen war. Die linke Tür hingegen war pechschwarz.
Worix hielt inne, schließlich trat er dann durch die Tür in der Mitte und landete in einem warmen Raum, dessen Boden mit einem blauen Teppich bedeckt war. In die Steinwände waren lauter Zeichen gemeißelt worden, die ihm zwar irgendwie entfernt bekannt vorkamen, doch ihre Bedeutung kannte er nicht. Vor ihm stand eine mit Gold beschlagene Holztruhe.
Ansonsten war der Raum leer.
Entschlossen ging er auf die Truhe zu. Knarrend hob er den Deckel. Zu seinem eigenen Erstaunen war sie nicht verschlossen.
Er traute seinen Augen kaum.
Vor ihm lag, umgeben von violett glänzender Seide, ein Ei. Es war ein Drachenei, wie Worix sofort erkannte. Denn aus den Geschichten und Büchern, die sein Großvater ihm erzählt hatte, wusste er, wie ein Drachenei aussah.
Sein Interesse für diese mächtigen Wesen war schon immer groß gewesen. Allerdings hatte er nie damit gerechnet, selbst mal ein Ei zu finden.
Das Ei war ungefähr dreißig Zentimeter hoch und hatte einen Durchmesser von schätzungsweise fünfzehn Zentimetern.
Vorsichtig hob Worix es aus der Truhe. Erfreut betrachtete er es eine Weile.
Es hatte einen violetten bis bläulichen Schimmer, abhängig davon, wie das Licht einfiel. Eine gräuliche Marmorierung zeichnete die Oberfläche. Worix war völlig fasziniert von seinem Fund. Er konnte es noch immer nicht glauben, tatsächlich ein Drachenei gefunden zu haben.
Er sah sich um, als würde er prüfen, dass ihn niemand beobachtete, bevor er das Ei in seinem Rucksack verstaute.
Dann trat er aus dem Raum und öffnete die linke Tür. Genau wie die Tür selbst war auch der Raum pechschwarz. Er wurde nicht beleuchtet und in der Dunkelheit konnte Worix nichts erkennen. Zum Glück hatte er seine Laterne dabei, die er mit Hilfe eines Flammendionites entzündete. Ein Flammendionit war ein Stein, der, wenn man ihn auf Holz oder an den Docht einer Kerze hielt (wie in diesem Fall), ein Feuer entfachte.
Doch das war noch längst nicht alles, was der Stein konnte.
Noch viel interessanter war, dass, wenn man ihn an einem anderen Stein rieb, er sich selbst entzündete und seine Flamme bis in alle Ewigkeit weiterbrannte. Es sei denn, man löschte ihn mit Quanwass. Das wiederum war eine seltene Flüssigkeit, die Worix bisher noch nirgends gesehen hatte. Deshalb vermied er es, ihn an einem anderen Stein zu reiben.
Anschließend schob er den rot-orangen, eckigen Stein zurück in den Rucksack und hob die Laterne auf.
Nun konnte Worix endlich den Raum in Augenschein nehmen.
Dieser war wesentlich kleiner als der, den er zuvor durchsucht hatte.
Es musste eine Art Bibliothek sein, denn an den Wänden standen überall Regale, gefüllt mit hunderten Büchern. Und in der Mitte des Raumes lag ein Buch auf einem steinernen Tisch, dessen Titel Magie war.
Worix konnte lesen. Sein Großvater hatte es ihm beigebracht, als er noch jünger war. Doch seit seinem Tod hatte Worix kein Buch oder Ähnliches in der Hand gehabt. Das hieß aber nicht, dass er nicht gerne las, ganz im Gegenteil: Die wenigen Bücher, die er mit seinem Großvater gelesen hatte, fand er stets spannend. Sie handelten meist von alten Geschichten und Legenden. Über Magie hatte er allerdings noch nicht viel gelesen. Deshalb weckte das Buch auf dem Tisch sofort sein Interesse.
Worix hob es auf und wischte mit seinem rechten Ärmel den Staub weg.
«Hallo Worix. Ich habe dich schon erwartet.» Worix schrak zusammen, als hinter ihm eine kräftige Stimme ertönte. Als er sich umdrehte, sah er einen alten Mann mit weißem Bart. Der Mann war in einen grauen Umhang gehüllt und hatte eine ebenfalls graue Kapuze über. Sein Gesicht war zerfurcht von Falten. Demnach musste er schon ziemlich alt sein. An seiner linken Wange prangte eine Narbe, die nicht zu übersehen war. In der Hand hielt der Mann einen hölzernen, knorrigen Stock, der so groß war wie er selbst.
«Wer sind Sie? Und woher kennen Sie meinen Namen?», fragte Worix mit zitternder Stimme.
«Ich bin Artan. Und was deine zweite Frage betrifft, Worix: Ich kenne dich, weil du der Auserwählte bist», antwortete der Mann mit ruhiger Stimme.
«Der Auserwählte? Von was?»
«Du, Worix, bist der Auserwählte des fünften Elements. Jeder kennt die vier Elemente: Erde, Luft, Feuer und Wasser. Jedes dieser Elemente hat einen Elementarmeister. Es gibt jedoch noch ein fünftes Element, das noch nicht entdeckt worden ist.
Und du bist derjenige, der das fünfte Element finden soll. Mit dir ist der Kreis geschlossen.»
«Aber was ist das fünfte Element?»
«Das kannst nur du herausfinden.» Der alte Mann kam näher.
«Und ich werde dir dabei helfen. Ich werde dich Magie lehren und dich im Kampf unterweisen, Worix!»
Worix war sichtlich verwirrt.
«Nun komm, eine Tür hast du ja noch gar nicht geöffnet.» Zusammen mit Artan trat Worix in den letzten der drei Räume.
In diesem waren Waffen gelagert.
«Wie ich sehe, hast du bereits einen Bogen. Such dir eine Waffe aus. Außerdem überreiche ich dir diesen Schild.» Artan reichte Worix ein rundes, mit Eisen beschlagenes Holzschild.
«Na los, nimm dir eine Waffe, Worix! Du wirst sie noch brauchen können, glaub mir.» Worix zögerte, ehe er den Raum betrat. Seit wann sollte er kämpfen? Was ging hier gerade vor sich. Eine Frage nach der anderen schoss durch seine Gedanken. Ein wirres Chaos. Das alles kam ihm so unwirklich vor, dass er gar nicht dazu kam, eine Frage zu stellen.
Er sah sich erstmal um. Neben Streitäxten, Keulen, Schwertern und Lanzen hingen auch Speere, Morgensterne und sogar Schwerter mit Doppelklinge an den Wänden.
Er hatte sich schnell für ein Schwert entschieden. Es war ein normales Schwert, das man sowohl mit einer als auch mit zwei Händen führen konnte. Es war das erste Mal, dass er ein richtiges scharfes Schwert in den Händen hielt. Auf eine Art gefiel es ihm und gab ihm Sicherheit, auf die andere Art war es auch ein beklemmendes Gefühl, wenn er darüber nachdachte wie es wäre, es ernsthaft benutzen zu müssen.
Worix ging zu Artan hinüber, hob das Schwert und sagte in einem gezwungen überzeugten Ton: «Ich nehme dieses hier.»
«So soll es sein, irgendwann, wenn die Zeit reif ist, wirst du dir dein eigenes Schwert herstellen. Doch vorher sollst du dieses tragen. Ich schlage vor, du ruhst dich jetzt mal aus, morgen werden wir trainieren. Dort oben, in diesem Raum, steht ein Bett für dich bereit. Dort kannst du schlafen.» Artan zeigte die Treppe hoch.
Bevor Worix sich aber schlafen legte, fragte er Artan: «Leben Sie hier? Und haben Sie über meine Seele zu mir gesprochen?»
Ganz kurz hatte er das Gefühl, einen Hauch von Unsicherheit in Artans Gesichtszügen zu erkennen. Das machte Worix stutzig. Konnte er Artan trauen?
«Ich lebe mal hier, mal dort. Ich habe alle Elementarmeister trainiert und deshalb werde ich auch dich trainieren.»
So wirklich beantwortet waren Worix’ Fragen damit zwar nicht, aber er war jetzt zu müde, um noch weiter zu diskutieren. Deshalb nickte er bloß und ging auf die Treppe zu.
«Gute Nacht», wünschte Artan.
«Gute …» Als Worix sich umdrehte, war der alte Mann bereits verschwunden. Irgendwie war dieser Artan merkwürdig, aber er war nett und Worix hatte das Gefühl, ihm vertrauen zu können. Er ging die Treppe nach oben. Rechts von ihm befand sich ein kleiner Raum, in dem bloß ein Bett stand. Er legte sich hin und dachte über das nach, was gerade passiert war.
Wer war dieser Artan? Und woher wusste er, dass er hierherkommt? War er es, der in Gedanken zu ihm gesprochen hatte? Und was hat es mit diesem fünften Element auf sich? Das Ganze ging Worix einfach zu schnell. Seine Gedanken kreisten um Fragen, die er nicht zu beantworten vermochte.
Nach einer Weile holte ihn die Erschöpfung des Tages ein und er schloss die Augen.
Schon früh am Morgen wurde Worix von Artan geweckt:
«Aufstehen, Worix! Es ist Zeit» Worix stand auf, rieb sich die Augen und zog seine Kleider an.
Zusammen mit Artan ging er durch den Flur gleich neben seinem Zimmer. Dieser führte sie zu einem Esszimmer, in dessen Mitte ein runder Tisch stand. Links davon befand sich eine Kochstelle. An den Wänden hingen neun Bilder von Drachen.
Worix setzte sich an die linke Seite des Tisches, während sich Artan an die rechte setzte. Auf dem Tisch standen bereits zwei Gläser, gefüllt mit Wasser, ein Brot, etwas Butter sowie ein Glas Erdbeermarmelade und Speck.
Mit einem Nicken eröffnete Artan das Frühstück. Worix hatte schon lange keine Marmelade mehr gegessen, daher genoss er sie in vollen Zügen.
Als beide mit dem Essen fertig waren, ging Artan zur Kochstelle und schob sie mittels Magie beiseite. Worix konnte nun nach draußen sehen. Er stand auf.
«Wir werden heute draußen trainieren», sprach Artan.
Gemeinsam traten sie hinaus. Sie befanden sich auf einer Lichtung mit Gras und ein paar Bäumen.
«Also, zuerst werde ich dir etwas über Magie erzählen. Das Wichtigste ist, dass du weißt, dass Magie Energie benötigt, genau wie körperliche Anstrengung. Solltest du jemals einen Zauber wirken, der mehr Energie braucht, als du hast, wird das deinen sicheren Tod bedeuten.»
Artan machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort:
«Um Magie anzuwenden, benötigst du die mächtige Sprache.
Zusätzlich darfst du an nichts anderes denken. Da du der fünfte Elementarmeister werden sollst, solltest du diese Sprache bereits irgendwo in deinem Unterbewusstsein kennen. Versuche doch mal diesen Stock nur mit Magie schweben zu lassen.»
Artan reichte ihm einen kleinen Ast.
«Du musst in dich gehen und die richtigen Worte finden.» Worix zog sich in sein Inneres zurück und suchte nach der mächtigen Sprache, doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte nichts finden.
«Es tut mir leid, aber da ist nichts. Ich glaube nicht, dass ich derjenige bin, den Sie suchen.»
«Glaub an dich und gehe noch tiefer in dein Inneres.» Worix versuchte es erneut, und tatsächlich, dieses Mal sah er etwas vor seinem inneren Auge. Gedanken flogen durch seinen Kopf, alles Wörter in der mächtigen Sprache.
Schließlich stach ein Wort besonders hervor. Er richtete seine Gedanken auf den Stock und sprach es aus:
«Sira!»
Zu seinem Erstaunen schwebte der Stock wirklich über seiner Hand. Jedoch fiel er schon bald wieder nach unten.
«Versuch es noch einmal, du musst dich besser konzentrieren und darfst dich nicht ablenken lassen.»
Erneut brachte Worix den Stock zum Schweben, diesmal deutlich länger.
«Hervorragend. Du bist es wirklich!»
Bevor Worix etwas antworten konnte, schlang sich ein weißer Tentakel um Artan, welcher vergeblich versuchte sich zu wehren. Ehe Worix etwas überlegen konnte, wurde Artan über den Felsrand geschleudert und fiel schreiend in die Tiefe. Jetzt konnte Worix erst erkennen, dass es sich um zwei Arazus handelte. Das war eines der vielen Völker, die in Zardox lebten. Arazus zeigten sich nur sehr selten. Sie lebten unter der Erde und hatten an Stelle von Beinen einen langen schlangenähnlichen Schwanz und anstatt Armen, vier Tentakel. Ihr Körper war gänzlich weiß und sie hatten rote Haare.
Die beiden hielten einen Speer in ihren hässlichen Fangarmen und kamen auf Worix zu.
«Du bist also Worix?!», zischte der eine.
«Ja, der bin ich», gab Worix zurück und richtete sich auf. Er war sich bewusst, dass es zu spät war, um zu fliehen. Wo hätte er auch hinsollen? Rund um die Lichtung ging es steil bergab.
Er musste kämpfen. Also zog er sein Schwert und hielt es mit beiden Händen fest. Er hatte keine Zeit, sich vorzubereiten, denn die beiden Arazus stürmten bereits auf ihn zu. Nur drei Meter hinter ihm befand sich der bedrohliche Abgrund. Einer der Arazus stach nach Worix` Kopf. Worix drehte sich beiseite und schlug mit seinem Schwert nach dem Bauch des Arazus.
Dieser parierte den Schlag mit seinem Speer. Dadurch brach der untere Teil ab. Wieder hieb der Arazu nach Worix. Dieser wehrte den Schlag ab. Da packte sein Widersacher ihn mit zwei seiner Tentakel an den Beinen. Vergebens versuchte Worix dem Griff zu entkommen. Während er abgelenkt war, sauste die Speerspitze auf seine Brust zu. Worix konnte gerade noch ausweichen. Aber dennoch riss der Speer seine Haut an der linken Seite auf. Ein brennender Schmerz überkam ihn und Zorn stieg in ihm auf. Er schlug kurzerhand die Tentakel ab, die ihn festhielten. Der Arazu schrie auf und wich zurück.
Worix richtete seine Handfläche auf seinen taumelnden Gegner und rief:
«Lizass!»
Ein violetter Blitz schoss aus seiner Hand.
Bevor der Arazu reagieren konnte, hatte der Blitz ihn getroffen und zu einem Haufen Asche verbrannt. Worix spürte, wie seine Energie schwand. Es war wie ein Sog, der aus dem Nichts kam und ihn seiner Kraft beraubte. Für eine Erholung war jedoch keine Zeit, denn der Zweite kam bereits näher.
Worix sprang auf und ließ sein Schwert auf ihn niedersausen.
Doch der Arazu parierte seinen Angriff. Dann verpasste er Worix einen Stoß mit seinen Tentakeln. Worix schlug auf dem harten Boden auf.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie ein Speer auf ihn herabschoss. Er schwang sein Schwert und lenkte ihn damit auf den Boden. Worix erkannte seine Chance und durchtrennte mit einem Hieb den Holzstiel des Speers. Der Arazu versuchte verzweifelt Worix zu packen, aber es gelang ihm nicht. Schon bald ergriff er die Flucht, indem er über den Felsrand sprang.
Dank seinen Tentakeln und dem schlangenähnlichen Schwanz war es ihm möglich, sich relativ einfach über die steile Steinwand zu ziehen.
Worix trat an die Stelle, wo Artan in die Tiefe gestürzt war.
Nach einer Weile entdeckte er ihn auf einem Felsvorsprung.
Er schien sich zu bewegen.
«Sira!», sprach Worix und zeigte mit seiner Handfläche auf Artan.
Dieser erhob sich langsam und schwebte zu ihm hinauf. Als er oben war, beendete Worix den Zauber. Jetzt spürte er, wie seine Energie schwand, bis er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und zu Boden fiel.
Artan kam zu ihm: «Leichtsinniger Junge! Was habe ich dir eben über Magie gesagt? Du hättest sterben können. Benutze niemals einen Zauber, wenn du dir nicht ganz sicher bist, dass du genug Energie dafür aufbringen kannst.» Artan half ihm auf. «Trotzdem muss ich mich bei dir bedanken.»
Jetzt fiel Artans Blick auf den Aschehaufen.
«Wie hast du ihn besiegt?»
«Ich weiß auch nicht so genau. Ich habe ein Wort gesprochen und dann schoss ein Blitz aus meiner Hand.»
«Hm, interessant. Aber auf jeden Fall musst du dir der mächtigen Sprache noch bewusster werden. Warte kurz! Ich hole dir ein Buch, in dem die ganze magische Sprache notiert ist.»
Nach einer Weile kam Artan zurück. Er reichte Worix ein dickes und ziemlich schweres Buch, auf dem, in geschwungener Schrift, stand: Arsa is Ordonox. Was so viel bedeutete wie: Anfang der Weisheit. Worix bedankte sich höflich und betrachtete das Buch kurz, bevor er es schließlich in seinem Rucksack verstaute.
«Also, dann werde ich dir nun zeigen, wie du mit deinem Schwert umgehst. Gib mir deine Waffe!», forderte Artan ihn auf.
Worix tat wie geheißen und überreichte ihm das Schwert.
Artan sprach einen Zauber, der die Waffe für das Training stumpf werden ließ. Er wiederholte dasselbe mit seiner eigenen.
Worix sah zum ersten Mal Artans Schwert. Es hatte einen glänzenden Griff aus Silber sowie eine juwelenbesetzte Parierstange und eine strahlend goldene Klinge. Worix’ Schwert war dagegen ein lächerliches Stück Metall.
Artan gab Worix’ Schwert zurück, mit den Worten: «Zeig mir, was du kannst!»
Sie stellten sich einander gegenüber. Eine Weile blieben beide wie angewurzelt stehen. Artan war der Erste, der einen Angriff wagte. Er sprang auf Worix zu und hieb nach seinem linken Bein. Worix konnte den Schlag gerade noch so knapp abwehren. Doch der nächste traf ihn am anderen Bein und ließ ihn einknicken. Wieder und wieder musste Worix einen Treffer einstecken. Im Laufe des Kampfes gelang es ihm nicht, Artan auch nur einmal zu treffen. Am Ende hatte Worix dutzende Prellungen und war völlig erschöpft. Schweiß lief ihm übers Gesicht. Artan dagegen sah wenig angestrengt aus.
«Das war gar nicht so schlecht, fürs Erste. Ich bringe dir in den nächsten Tagen noch so einige Kampfkünste bei, die dir bestimmt gefallen werden.»
«Zeig sie mir jetzt. Ich will besser werden», entgegnete Worix.
«Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Ich will, dass du deine Handlungen und Reaktionen im Kampf zuerst selbst überdenkst.»
Bevor Worix etwas dazu sagen konnte, ging Artan zurück in die Höhle.
Wieder kam in Worix ein Gefühl von Unsicherheit hoch.
Wieso zeigte ihm Artan nicht mehr? Er hatte zunehmend das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte. Aber vielleicht war es auch nur seine Fantasie, die mit ihm durchging. Er war so was schließlich einfach nicht gewohnt.
Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, wusch Worix sich in einem kleinen Bach, der ganz in der Nähe durch die Felsen plätscherte.
Die Sonne ging allmählich unter, als Worix und Artan zusammen das Abendessen verspeisten.
Kaum waren sie fertig, sagte Artan: «Du musst den Schwertkampf noch etwas üben, Worix. Aber fürs Erste bin ich zufrieden mit dir. Du hast immerhin die beiden Arazus abgewehrt.»
Er trank den letzten Schluck Wasser aus seinem Glas.
«Wir werden morgen weitermachen. Geh dich jetzt ausruhen.»
Mit einem Nicken verließ Worix das Esszimmer und ging in sein kleines Gemach. Es vergingen keine fünf Minuten, bis er eingeschlafen war.
Mitten in der Nacht wurde er plötzlich von einem seltsamen Knacken geweckt. Worix spitzte die Ohren und versuchte zu lauschen, aus welcher Richtung das Geräusch kam. Es war ganz nah, und wie Worix richtig erkannte, kam es aus der hinteren, rechten Ecke des Raumes. Als er genauer hinsah, sah er, wie sich sein Rucksack leicht bewegte.
Vorsichtig stand er auf, ging hinüber und öffnete ihn.
Er erblickte das Drachenei, das heller war als sonst, und es hatte einen kleinen Spalt am oberen Ende, aus dem Lichtstrahlen fielen.
Als er es behutsam heraushob, merkte er, wie warm es war. Er stellte es auf den Boden, kniete sich daneben und betrachtete es gespannt. Hin und wieder war ein Knacken zu vernehmen und die Risse wurden größer.
Worix lächelte. Er konnte es kaum fassen, dass er einem schlüpfenden Drachen zusah. Der Anblick verzauberte ihn und erfüllte ihn mit Stolz. Er saß eine ganze Weile da, bis der Riss im Ei noch größer wurde.
Mit einem dumpfen Knall flog die Schale schließlich weg. Ein strahlend helles Licht erfüllte den Raum. So hell, dass Worix kurz die Augen schließen musste. Als er sie wieder öffnete, lag ein süßer junger Drache vor ihm. Der Blick des Drachen und der von Worix trafen sich. Ohne zu zögern, kam der Kleine auf Worix zu. Ein paar Schritte entfernt blieb er stehen und streckte den Kopf vor. Worix berührte mit seiner rechten Handfläche die Schnauze des Drachen. Augenblicklich wurde er von einer starken Energiewelle erfasst. Es war, als würde eine Stichflamme durch seinen ganzen Körper schießen und ihm neue Kräfte verleihen. Worix taumelte zurück. Er fühlte sich nun eng mit dem Drachen verbunden.
Als sich seine Sinne wieder schärften, kam der Drache zu ihm und legte sich auf seinen Schoß. Wärme ging von dem anmutigen Tier aus. Der Drache hatte violette Schuppen, am Ende seines Schwanzes befand sich ein großer Spitz und über seinen Rücken verteilt hatte er lauter gebogene Stacheln. Noch nie in seinem Leben hatte sich Worix so stark gefühlt wie in diesem Moment, und ihm war klar, dass der Drache nie wieder von seiner Seite weichen würde.
Wie aus dem Nichts stand plötzlich Artan neben ihm. Er wirkte begeistert und zugleich nachdenklich.
«Worix, ich gratuliere dir. Es ist eine große Ehre, wenn ein Drache bei dir schlüpft. Das tun sie nämlich nur, wenn sie das Gefühl haben, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist.» Worix lächelte. Er wusste nicht, was er sagen sollte.
«Nun, wie dem auch sei, geh jetzt und mache deine eigenen Erfahrungen! Ich kann dich nichts mehr lehren. Aber eines sollst du noch wissen, bevor du gehst. Nimm dich in Acht vor Lord Darbon und seiner Streitmacht. Alle, die ihm dienen, werden dieses Zeichen tragen.» Artan hielt Worix einen Stofffetzen hin, auf dem ein blutroter Dorn in einem schwarzen Kreis abgebildet war. «Und jetzt brich auf.»
Nachdem Artan diese Worte gesprochen hatte, verschwand er in einem blauen Nebel.
Worix war völlig verwirrt. Was sollte das heißen? Er hatte noch so viele Fragen. Und was war mit all den Dingen, die Artan versprochen hatte, ihm noch beizubringen? Erst gestern hatte er doch gesagt, dass sie morgen mit dem Training fortfahren würden. Sein plötzliches Verschwinden machte Worix misstrauisch. Er konnte einfach nicht verstehen, warum er ihn so plötzlich alleine ließ. War das ein Spiel? Gehörte es zum Training?
Worix durchsuchte jeden Raum, konnte Artan jedoch nirgends finden. Er war spurlos verschwunden.
Schließlich gab er die Suche auf und kehrte zurück zu seinem jungen Drachen.
Ein ungutes Gefühl überkam ihn. Irgendetwas schien hier nicht zu stimmen. Warum hatte Artan es so eilig? Außerdem wusste er kaum etwas über diesen Mann. Hätte Artan ihn ernsthaft trainieren wollen, hätte er ihm doch bestimmt mehr gezeigt, als ein Stöckchen schweben zu lassen und ein paar Schwerthiebe zu parieren.
Er wusste nicht, was er davon halten sollte, daher packte er erstmal seine Sachen und ging hinaus auf die Lichtung.
Sein Drache folgte ihm auf Schritt und Tritt.
Was sollte er nun tun? Wohin sollte er gehen?
Als Worix seinen Blick in die Ferne schweifen ließ und überlegte, kam ihm ein anderer Gedanke.
Sein Drache hatte noch keinen Namen.
«Na, wie wollen wir dich denn nennen?»
Der Drache sah ihn freundlich an und schien zu lächeln.
«Das werde ich dir überlassen.»
«Du kannst sprechen?!», stellte Worix verblüfft fest.
«Ja, natürlich.»
«Können das alle Drachen?»
«Ich denke, schon, aber ich kann es dir nicht so genau sagen, ich bin ja erst gerade geschlüpft.»
Worix lachte und dachte über einen passenden Namen für seinen Drachen nach. Es verging eine ganze Weile, bis Worix einen fand.
«Ich nenne dich …», er machte eine kurze Pause, «Findür!»
Der Drache schien sich zu freuen und sagte: «Ein schöner
Name. Ich danke dir.»
Doch Worix wusste immer noch nicht, was er nun tun sollte.
Nach langem Hin und Her, kam er zum Entschluss, dass er erstmal zurück zu seiner Hütte gehen wollte.
Worix und Findür machten sich also auf den Weg zurück.
Unterwegs jagte Findür Hasen oder Vögel, die sich zu lange am Boden aufhielten. Einmal erwischte er sogar ein Wildschwein.
Worix war verblüfft, wie der junge Drache so viel essen konnte. Nach ein paar Stunden versuchte er bereits das erste Mal zu fliegen. Zuerst misslangen seine Versuche, was teilweise recht lustig aussah und Worix das ein oder andere Mal ein Lächeln entlockte. Doch Findür blieb hartnäckig und nach einer weiteren Stunde flog er das erste Mal, wenn auch nur für kurze Zeit. Dennoch war der junge Drache sichtlich stolz und Worix freute sich für ihn.
Außerdem entdeckte Findür seinen Feueratem, den er jedoch noch nicht lange aufrechterhalten konnte. Die ersten Flammen, die er ausstieß, hätten Worix beinahe erwischt.
Glücklicherweise konnte er im letzten Moment einen Satz nach hinten machen. Die enorme Hitze der bläulich violetten Flammen war aber deutlich spürbar.
«Pass auf! Ich will nicht als verkohlter Braten enden», ermahnte ihn Worix.
«Tut mir leid. Das war nicht meine Absicht.»
Findür schaute ihn mit schräg geneigtem Kopf an, so dass er ihm gar nicht böse sein konnte. Mit einem Grinsen auf den Lippen strich er seinem Drachen über den Kopf.
«Weiß ich doch.»
Nach knapp zwei Tagen hatten sie ihr Ziel fast erreicht. Worix war erstaunt, wie viel sein Drache schon gewachsen war.
Findürs Rücken hatte schon fast die Höhe seiner Hüfte erreicht.
Sie waren nun keine hundert Meter mehr von Worix’ Hütte entfernt.
Als sie schließlich auf die Lichtung traten, fuhr Worix ein eiskalter Schreck in die Knochen.
Vor ihm lag nur noch der Schutt seiner Hütte. Sie war offensichtlich mutwillig zerstört worden. Allmählich wich der Schreck und Zorn flammte in Worix auf.
Wer hatte das getan und warum?
Als er seine zerstörte Hütte genauer betrachtete, entdeckte er ein Stoffstück. Er ging schnell darauf zu und nahm es vom Balken, an dem es hinunterhing. Er traute seinen Augen kaum.
Es war exakt dasselbe Zeichen, das Artan ihm vor seiner Abreise gezeigt hatte. Es war der blutrote Dorn im schwarzen Kreis. War das alles nur Zufall, oder hatte Artan ihm etwas verschwiegen? Worix’ Zorn wurde noch größer und er schwor sich, dass Lord Darbon dafür bezahlen würde.
Da hörte er plötzlich mehrere schnelle Schritte. Innerhalb weniger Sekunden umstellten ihn ungefähr zwanzig Soldaten.
Worix erkannte sofort den blutroten Dorn, der auf ihre eisernen Brustpanzer gemalt worden war.
Findür, der neben Worix stand, knurrte.
Der Kreis zog sich immer enger zusammen. Die Soldaten hielten ihre Speere auf Worix und Findür gerichtet.
«Schnappt ihn euch!», ertönte eine starke, tiefe und irgendwie auch seltsame Stimme.
Worix zog sein Schwert, hielt seinen Schild vor sich und rannte in die Speere. Diese brachen unter dem Druck, und ein paar Spitzen, die sich ins Schild gebohrt hatten, blieben darin stecken. Findür stieg in die Luft und flog über die Menge hinweg, wobei er zwei Soldaten mit seinem muskulösen Schwanz die Helme und damit auch die Köpfe einschlug.
Worix hatte bereits die erste Reihe der Soldaten durchbrochen.
Mit einigen schnellen Schwertbewegungen konnte er sich endlich ganz aus dem Kreis befreien.
Erst jetzt fiel Worix auf, dass das keine Menschen waren. Es waren Monster. Im Gegensatz zu normalen Menschen hatten sie spitze Zähne, scharfe Krallen, aber das Schlimmste waren ihre pechschwarzen Augen. Der gesamte Augapfel war schwarz. Lord Darbon musste sie mittels Magie erschaffen haben.
Die Krieger hatten sich inzwischen umgedreht und stürmten erneut auf Worix und Findür zu. Worix wich einige Schritte zurück, spannte seinen Bogen und schoss mehrere Pfeile ab.
Der erste verfehlte sein Ziel und bohrte sich in einen Baum.
Der zweite traf zwar eines dieser hässlichen Monster, zerschellte aber an der massiven Rüstung. Alles, was er hinterließ, war eine kleine Delle.
Der dritte wurde von einem Schild geblockt.
Die Entfernung zwischen Worix und den Kreaturen verringerte sich, deshalb nahm er wieder sein Schwert zur Hand. Gerade rechtzeitig, um einen Hieb auf seinen Kopf abzuwehren. Den nächsten Schlag konnte er auch noch knapp parieren, doch der dritte traf ihn am Bein und er stürzte rücklings auf den Boden. Warmes Blut sickerte durch seine Hose und färbte den Stoff innert Kürze rot. Er sah eine Schwertklinge über sich aufblitzen, flink rollte er sich zur Seite. Die Spitze bohrte sich nur eine Handbreite neben ihm in die Erde. Diesen Moment nutzte er aus, um dem Monster seine Klinge in die Seite zu rammen.
Mühsam rappelte er sich wieder auf. Sein linkes Bein schmerzte und Blut rann aus der Wunde. Er hatte aber keine Zeit, sich darum zu kümmern, denn das nächste Monster kam bereits angerannt. Worix entwaffnete es mit einer flüssigen Bewegung und streckte es nieder. Findür hatte inzwischen drei Soldaten erledigt. Doch da sprangen fünf weitere aus ihrer Deckung, überwältigten den Drachen und legten ihn in Ketten.
Worix hörte seinen Hilfeschrei und rannte zu ihm, unterwegs erledigte er einen weiteren Monstersoldaten.
«Lizass!», rief er.
Der Blitz tötete drei hintereinanderstehende Soldaten. So machte sich ein Weg zu Findür auf. Worix rannte zu ihm, da sah er plötzlich einen Schild vor sich. Im nächsten Moment wurde ihm schwarz vor Augen.
Als er wieder zu sich kam, erblickte er einen kahlen, grauen Raum. Neben ihm lag Findür, der genau wie er mit massiven Ketten gefesselt war.
Worix versuchte sich loszureißen, jedoch ohne Erfolg. Auch Findür versuchte es vergeblich. Die Metalltür, die direkt vor ihnen stand, öffnete sich. Augenblicklich trat ein Wächter hinein und reichte ihnen Brot und Wasser.
Genauso schnell wie er gekommen war, verließ er den Raum wieder, ohne ein Wort zu sagen.
Gemeinsam mit Findür aß und trank Worix. Danach versuchte er sich noch einmal zu befreien, dieses Mal mittels Magie.
Doch der Raum musste mit einem Zauber belegt sein, der verhinderte, dass ein anderer Zauber wirken konnte.
Nach einer halben Ewigkeit, so kam es Worix zumindest vor, öffnete sich die Tür erneut. Jetzt trat ein großer Mann ein. Er trug einen schwarzen Umhang und blutrote Kleider. An seinem braunen Gurt hing ein edles Schwert. Sein Gesicht wirkte ernst, schon fast bedrohlich. Dies wurde durch die Narbe über seinem rechten Auge noch verstärkt.
Zudem trug er eine goldene Krone auf seinen schwarzen, schulterlangen Haaren.
«Du bist also Worix?!» Seine Stimme war furchteinflößend.
«Ja», stotterte Worix nach einer Weile.
«Ich habe gehört, du sollst der fünfte Elementarmeister werden. Zu schade, dass deine Reise schon bald enden wird, denn ich werde die Elementarmeister vernichten und dann werde ich über alles herrschen. Dich nehme ich mir als Erstes vor, ohne dich ist der Kreis der Elemente nicht geschlossen und so kann ich die anderen leichter besiegen. Ich brauche nur noch ein bisschen Vorbereitung.» Er tippte mit seinen Fingern am Griff seines Schwertes herum. «Ich wollte euch nur kurz willkommen heißen. Genießt die letzten Tage, die euch noch bleiben.» Mit diesen Worten verließ er das Verlies.
Worix wusste, dass das niemand Geringeres als Lord Darbon persönlich gewesen war. Und er wusste auch, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, bevor Darbon wieder zurückkommen und ihn vernichten würde. Wieso hatte er es eigentlich nicht gleich getan? Welche Vorbereitungen musste er denn noch treffen?
Er hätte ihn doch kurzerhand mit seinem Schwert niederstrecken können. Aber sich darüber jetzt Gedanken zu machen, brachte nichts. Er konnte froh sein, dass ihm wenigstens noch etwas Zeit blieb, um einen Weg hier raus zu finden.
Worix blickte auf den Boden. Vor ihm lagen noch zwei Scheiben Brot, die ihm vorhin runtergefallen waren. Plötzlich kam ihm eine Idee: Weder er noch Findür konnten die Fesseln zwar brechen, aber die Soldaten hatten nicht bedacht, wie schnell sein Drache wuchs. Worix schob von nun an fast sein gesamtes Essen Findür hinüber. Er hoffte, dass der Drache dadurch schneller wachsen und so die Ketten sprengen würde.
Bereits zwei Tage später war deutlich zu erkennen, dass Findür gewachsen war. Am dritten Tag entdeckte Worix, dass die Ketten an Findürs Hinterbeinen kleine Risse aufwiesen.
«Versuch die Ketten zu zerreissen!», flüsterte Worix.
Findür spannte seine Muskeln an und riss mit aller Kraft.
Nach mehreren Versuchen gaben die Ketten schließlich nach und zersprangen. Danach kam der Drache zu Worix und zerstörte seine Ketten ebenfalls.
Worix stolperte, seine Handgelenke schmerzten und Blut rann aus einigen Wunden.
«Hella!», flüsterte er, so leise er konnte.
Augenblicklich schlossen sie sich. Im Nachhinein verblüffte es Worix, dass dieser Zauber funktioniert hatte und der zuvor nicht. Der Raum schien also nicht gegen jegliche Magie geschützt zu sein. Worix fühlte sich erschöpft, denn er hatte in letzter Zeit nicht viel gegessen. Dennoch wusste er, dass sie keine Zeit hatten, sich auszuruhen. Er wollte schon einen Zauber wirken, um die Tür zu öffnen, doch Findür kam ihm zuvor. Ein strahlend heller Lichtblitz schoss durch die Zelle und ließ die Tür schmelzen wie Butter. Worix staunte nicht schlecht, wozu sein Drache jetzt schon in der Lage war. Die beiden eilten durch den von Fackeln beleuchteten Korridor. Es ging jedoch nicht lange, bis zwei große Wächter mit Lanzen auf sie zugerannt kamen. Findür erledigte den ersten, mit einem gezielten Schlag seines Schwanzes. Doch der zweite rammte ihm seine Lanze tief ins Vorderbein. Findür brach brüllend zusammen. Der Wächter setzte gerade zum zweiten Stoß an, da sprang Worix hervor, zerteilte die Lanze und tötete den Soldaten mit deren Spitze. Findür humpelte weiter. Worix hatte keine Energie, um ihn zu heilen.
«Halte durch, Findür!»
Auf dem Weg nach draußen konnte er sein Buch und das Schwert eines Soldaten mitnehmen. Seinen Bogen fand er allerdings nicht mehr, das schmerzte ihn sehr. Dieser Bogen hatte ihm stets gute Dienste geleistet. Es war ein gemeinsames Projekt mit seinem Großvater gewesen.
Inzwischen hatten sie den Ausgang schon fast erreicht.
Da tauchte eine Gestalt vor ihnen auf, die ihr Schwert zog.
Worix und Findür blieben stehen. Erleichtert atmete Worix auf, als er erkannte, dass es Artan war. Seine Erleichterung hielt aber nicht lange an, denn Artan hob die Hand und ein roter Lichtstrahl schoss auf ihn zu. Worix konnte gerade noch ausweichen, doch sein Buch wurde regelrecht in brennende Stücke zerrissen.
«Artan, ich bin es, Worix!»
«Das weiß ich, darum muss ich dich aufhalten.»
«Aber ich dachte, du willst mir helfen!»
In dem Moment entdeckte er den blutroten Dorn auf Artans grauem Umhang. Worix stockte der Atem, er brachte kein Wort mehr heraus.
«Ha, ha, ha, du bist zu dumm, Worix.»
«A-aber, a-ber», stotterte Worix.
«Und übrigens, ich heiße nicht Artan, mein richtiger Name ist Pyren. Ich wurde von Darbon beauftragt dich im Neirox-Gebirge abzufangen.»
Als Pyren diesen Satz zu Ende gesprochen hatte, wurden seine Augen rot, seine Haut grau und riesige Klauen wuchsen aus seinen Händen. Aber das Gruseligste war, dass seine Beine komplett verschwanden und er stattdessen auf einem dunklen Nebel schwebte.
«Du widerlicher Verräter!», schrie Worix zornig und riss sein Schwert in die Höhe.
Pyren bewegte sich zu schnell für Worix und im Handumdrehen war er entwaffnet. Er erkannte, dass seine einzige Chance darin bestand, Pyren zu entkommen. Er sprang durch das Eingangstor. Findür folgte ihm. Noch bevor sie ganz draußen waren, ließ Worix den Mauerstein über ihnen mittels Magie explodieren. Dabei spürte er, wie seine Energie weiter schwand, und er wusste, dass das Pyren nicht lange aufhalten würde. Also begann er, zusammen mit Findür, zu rennen. So schnell wie seine müden Beine ihn noch tragen konnten.
Sie waren gerade außer Sichtweite des Ausgangs, da ertönte ein ohrenbetäubender Knall.
Pyren musste das Geröll zerstört haben.
Worix wurde es abwechselnd heiß und kalt. Seine Beine wurden schwer, aber er verlangsamte sein Tempo nicht. Die Angst, dass Pyren sie einholen würde, war groß, deshalb warf er immer wieder einen kurzen Blick zurück.
Erst als die Stadt längst außer Sicht war, machten sie eine kurze Pause, um wieder zu Atem zu kommen. Lange Halt machten sie jedoch nicht. Die Angst war noch immer zu groß, also zogen sie weiter. Selbst die Dunkelheit der Nacht konnte ihren Marsch nicht unterbrechen.
Irgendwann erreichten sie einen großen Fluss. Am anderen Ufer stand ein dichter Wald. Worix blieb stehen und ließ sich auf den Boden fallen. Seine Muskeln brannten wie Feuer.
Auf allen vieren krabbelte er zum Wasser hinab. Er füllte seine Hände mehrmals mit dem klaren, kühlen Nass und trank. Ein paar Minuten blieb er noch liegen, bis sein Puls sich endlich erholt hatte.
Dann setzte er sich auf.
Erst jetzt bemerkte er, dass die Sonne bereits am Untergehen war.
«Hey Findür, komm, wir suchen uns einen Platz zum Schlafen.»
Findür, der die ganze Zeit neben ihm gelegen hatte, rappelte sich auf. Seine Wunde blutete zwar nicht mehr, aber sie war auch noch nicht ganz verheilt. Aber Worix hatte noch immer nicht genug Kraft, um einen Zauber zu wirken. Stattdessen sammelte er einige Blätter und etwas Gras und verband damit die Wunde.
Nach getaner Arbeit ging er mit Findür den Fluss entlang. Sie hatten Glück, nach ein paar Metern entdeckten sie einen Felsen, der vorne überstand und so ein Dach bildete. Sie krochen darunter.
Es ging nicht lange, bis beide eingeschlafen waren.
Am nächsten Morgen wurde Worix von einem leckeren Duft geweckt. Als er aufblickte, sah er, wie ein gebratener Hase und einige Waldbeeren vor ihm lagen.
Daneben saß Findür und kaute an einem Reh.
Findür musste Worix’ Blick bemerkt haben, denn er drehte seinen Kopf und sagte: «Das ist für dich, Kleiner.»
«Oh, vielen Dank!»
Worix rieb sich die Augen, bevor er sich an sein Essen machte. Es schmeckte ihm sehr gut. Im Nu war der Hase verspeist und auch die Beeren lagen nicht lange auf der Steinplatte.
Früher, als sein Großvater noch lebte, hatte er nie so schnell gegessen. Im Gegenteil, er war bestimmt einer der langsamsten Esser überhaupt gewesen. Doch jetzt ertappte er sich selbst immer wieder, wie er sein Essen regelrecht verschlang. Nicht dass das besonders schlimm wäre, aber was war der Grund? War er gestresster als früher? Hatte er Angst, jemand könnte ihm das Essen klauen? Er wusste es selbst nicht so recht und wahrscheinlich war genau das das Problem.
Er musste wieder lernen zur Ruhe zu kommen. Die letzten Jahre waren hart gewesen und die Zukunft würde wohl kaum einfacher werden. Aber was wirklich zählte, war das Jetzt. Das wurde ihm nun bewusst und er wollte diesen Gedanken stets im Hinterkopf behalten.
Kaum hatte er fertige gegessen, ging er hinab zum Fluss, trank etwas und wusch sich sein Gesicht. Trotz der Anstrengung von gestern fühlte sich Worix danach wieder frisch. Bald kam auch Findür zu ihm hinab, um etwas zu trinken.
«Darf ich?», fragte Worix und deutete auf den Verband um Findürs Bein.
Der Drache nickte ihm zu.
Also öffnete Worix den provisorischen Verband. Die Wunde war zwar noch deutlich zu sehen, aber sie sah zumindest gut und sauber aus.
«Tut es noch weh?», fragte er.
«Nein.»
Worix stand auf und ging zum Felsen zurück. Er war ratlos, wie es jetzt weitergehen sollte. Er musste etwas unternehmen, aber was? Er ging mindestens eine halbe Stunde auf und ab, bis er schließlich zu einer Entscheidung kam. Er wollte sich zunächst einen neuen Bogen schnitzen. Damit er sich wenigstens verteidigen konnte. Der Wald auf der anderen Seite des Flusses hätte bestimmt gute Äste gehabt. Das Problem war nur, dass der Fluss zu tief und die Strömung zu stark war, um hinüberzuschwimmen. Es war auch keine Brücke in Sicht. Und selbst Findür konnte noch nicht lange genug fliegen, um den Fluss zu überqueren.
Worix grübelte.
Plötzlich hatte er eine Idee. Er hob einen Stein auf, der vor ihm auf dem Boden lag. Diesen bearbeitete er eine ganze Stunde am Felsen, bis der Stein auf einer Seite spitz zulief.
Und so eine axtähnliche Klinge bildete. Dann rief er Findür zu sich, der in der Zwischenzeit mehrere Fische gefangen und gegessen hatte. Zusammen suchten sie die Umgebung nach einem hohen, aber nicht allzu dicken Baum ab. Schließlich fanden sie einen, wenige Meter flussaufwärts. Worix brach einen Ast ab und band den Stein an ihm fest. Dann begann er, wie mit einer Axt, den Baum zu fällen. Klar hätte er ihn auch mit Hilfe von Magie fällen können, doch er wollte seine Kräfte sparen. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Baum endlich nachgab und zur Seite knickte. Worix und Findür brachen jetzt noch die restlichen kleineren Äste ab, so dass nur noch der Stamm übrig war.
Worix wischte sich lächelnd den Schweiß aus dem Gesicht.
«Was hast du damit vor?», sagte Findür und sah ihn fragend an.
«Wir legen den Stamm als Brücke über den Fluss. Hilfst du mir ihn dort hinzutragen?»
«Bin schon dabei, Worix.»
Findür stellte sich auf seine Hinterbeine und hob mit den vorderen den Stamm in die Luft. Worix war beeindruckt, wie der junge Drache einen ganzen Baumstamm tragen konnte.
Mit schnellen Schritten wanderte Findür zurück zum Fluss.
Als Worix etwas später auch dort ankam, lag der Stamm bereits über dem Flussbett. Und verband so die beiden Ufer miteinander.
«Danke. Ich wusste gar nicht, dass ihr Drachen bereits so früh schon so stark seid!» Findür lächelte als Antwort.
Worix stieg als Erster über den Baumstamm. Er war ganz vorsichtig. Denn wenn er abrutschen würde, das wusste er, würde die Strömung ihn wahrscheinlich umbringen.
Erleichtert kam er auf der anderen Seite an. Sein Herz raste jedoch immer noch. Auch Findür schritt nun über den Stamm und erreichte ebenfalls sicher die andere Seite.
Die beiden traten in den dichten Wald hinein. Es ging eine Weile, bis Worix endlich einen Ast entdeckte, den er für einen Bogen benutzen konnte. Er stand nun vor einem dicken Baum, dessen Äste bereits etwas gebogen waren. Worix kletterte den Stamm hinauf, bis zu dem Ast, den er wollte, und schlug ihn mittels seiner gebastelten Axt herunter. Anschließend sprang er wieder zurück auf den Waldboden.
Zwei weitere Stunden vergingen, bis Worix seinen Bogen fertig hatte. Als Sehne spannte er eine Schnur aus Baumwolle ein, die er eigentlich als Ersatz für die Sehne seines alten Bogens stets in der Hosentasche trug. Danach hatte er mächtig Hunger und beschloss weiter in den Wald zu gehen, um dort etwas zu jagen oder Beeren zu pflücken.
Findür war bereits zu ihrem Platz zurückgekehrt. Und Worix fand einige Brombeersträucher. Er sah jedoch kein Tier, dass er hätte jagen können.
Also gab er auf und kehrte zum Felsen zurück, wo Findür gerade schlief. Worix wollte ihn auf keinen Fall wecken.
Daher schlich er so leise wie möglich unter den Felsen und legte sich ebenfalls hin. Es war zwar noch nicht Abend, aber Worix wurden trotzdem die Augenlider schwer und er schlief ein. Er erwachte mitten in der Nacht. Es war erstaunlich warm und eine glänzend blaue Libelle durchquerte sein Blickfeld. Er begann zu grübeln: Wo sollte er hingehen? Was sollte er tun?
Er hatte niemanden außer Findür.
Sein Blick wanderte zu seinem Drachen hinüber. Findür schlief noch immer. Worix beobachtete, wie sich Findürs Bauch hob und senkte. Ein Gefühl tiefer Ruhe überkam ihn.
Findürs Schuppen reflektierten das Mondlicht. Da erinnerte er sich plötzlich an seine Begegnung mit dieser Stimme, die in ihm gesprochen hatte, aber nicht zu ihm gehörte. Er überlegte, wem die Stimme wohl gehören könnte. Da kam ihm ein Gedanke:
Vielleicht war es Pyren, der mich so in eine Falle gelockt hat.
Aber wollten Darbons Anhänger, dass ich Findürs Ei finde?
Ich denke, eher nicht. Vielleicht haben sie auch erst später bemerkt, dass ich auf dem Weg dorthin bin und wollten mich abfangen. Aber wenn es nicht Pyrens Seele war, die zu mir gesprochen hatte, wer war es dann?
In dem Moment kam Worix ein Gedanke:
Vielleicht war noch jemand im Neirox-Gebirge. Und Pyren hatte ihn oder sie eingesperrt. Das würde erklären, warum er so bald ging und mich wegschickte. Außerdem hätte er so genug Zeit gehabt, meine Hütte zu zerstören.
Worix fasste eine Entscheidung:
Ich muss zurück zum Neirox-Gebirge.
Da Worix ohnehin nicht mehr schlafen konnte, ging er sich waschen und machte sich bereit zur Abreise. Sobald auch Findür aufgewacht war, erzählte Worix ihm von seinem Vorhaben. Der Drache gab ihm Recht, dass sie möglicherweise etwas übersehen hatten. Jetzt musste Worix nur noch herausfinden, wo sie sich zurzeit befanden. Er kletterte den Felsen hinauf und überblickte die Landschaft. Er erkannte bald, dass das der Fluss Zorx war, an dem sie sich aufhielten. Denn am südlichen Horizont konnte er erkennen, wie er in einen großen See mündete. Das musste der Frostsee sein. Vermutlich hatte man sie nach Inea gebracht, nachdem sie gefangen worden waren. Da sie so überstürzt geflüchtet waren, hatte Worix die Stadt nicht gleich erkannt. Er musste jetzt also in die entgegengesetzte Richtung gehen, um das Neirox-Gebirge zu erreichen. Das einzige Problem war nur, zu Fuß würde es sehr lange dauern, und so wären sie eine leichte Beute für Lord Darbon. Er musste einen Weg finden, schneller und sicherer an sein Ziel zu kommen. Findür war vermutlich noch zu klein, um Worix zu tragen. Aber das könnte sich in ein paar Tagen ändern. Daher beschloss er die ersten Tage zu Fuß zu gehen und dann zu schauen, wie viel Findür bis dahin gewachsen war. Wer weiß, vielleicht konnte er dann auf seinem Drachen reiten. Er fragte Findür, ob er damit einverstanden war. Als Antwort erhielt er ein deutliches Nicken.
