Working Class Hero oder Frauke von damals - Hans Wienrich - E-Book

Working Class Hero oder Frauke von damals E-Book

Hans Wienrich

0,0

Beschreibung

Benito K., Leiter einer Computer-Abteilung in Hamburg, erhält einen unscheinbaren Anruf: Ob er nicht eine alte Freundin, die schwer erkrankt im Krankenhaus liege, besuchen könne. Frauke, die Freundin aus Jugendzeiten, fragt ihn nach einem gemeinsamen Zelturlaub an der Nordsee. Aber Benito kann sich nicht mehr daran erinnern. Dieser Anstoß bewirkt, dass Benito seine derzeitigen Lebensumstände in Frage stellt und seinen Lebensweg nach und nach Revue passieren lässt. Wie er sich als 68er Student unter die Arbeiter mischte und nachdem er eine Zeitlang im Betriebsrat aktiv war, einen beruflichen Aufstieg begann. Seine Ehe, die kinderlos geblieben ist und die jetzt davor steht, geschieden zu werden. Sein Liebesverhältnis mit einer aufstrebenden Kollegin aus der ehemaligen DDR, deren überschäumende Energie ihn auch beruflich herausfordert. Und während Kati, die junge Geliebte, dabei ist, sich im brodelnden Berlin der neunziger Jahre einzurichten, kann Benito sich nur schwer aus seinen hanseatischen Verhältnissen lösen. Als er endlich soweit ist, sich an das frühe Liebesverhältnis mit Frauke von damals zu erinnern - und daran, wie er sie verlassen hat - will er sie noch einmal sehen…

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 105

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hans Wienrich

Working Class Hero oder Frauke von damals

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

Impressum neobooks

1

Als die Schnauze des BMW sich zur Abfahrt in die Tief­garage senkte, drängten die Gedanken nach oben.

Ein Anruf aus einer anderen Welt. Dass es Wolfgang noch gab. Und der war ganz der Alte. Bei denen war alles so geblieben, wie er es kannte, alles, was er weit hinter sich gelassen hatte. Wolfgang und Else da draußen. Die arme Frauke.

Benito fuhr die Spirale hinunter und parkte den Wagen im zweiten Unter­deck auf dem für ihn reservierten Platz. Er stieg aus, zog seinen Akten­koffer aus dem Kofferraum, verschloss das Auto und ging auf die Tür zu, die aus der trüben und ein wenig ölig riechenden Atmosphäre des unter­irdischen Parkhauses hinaus führte.

Als er die schwere Stahltür öffnete, schwappte ihm ein Schwall von Unruhe und Wortfetzen entgegen. Etwa zwanzig Personen standen wartend vor den Fahrstuhltüren. Er begriff sofort, dass höchstens einer der beiden Fahr­stühle funktionierte. Knapp grüßte er Bekannte und ging gerade­aus auf das Treppenhaus zu. Jemand öffnete ihm die Tür. Mit festen Schritten nahm er die ersten Stufen. Er hörte, wie ihm eine ganze Reihe von Mitarbeitern folgten und, wie er, die beiden Stockwerke hinauf zu Fuß nahmen. Er bemühte sich um ein ruhig-stetiges Treppensteigen, spürte aber bald, wie er von seiner führenden Position getrieben wurde. Schon nach einer Etage wurde ihm warm. Es war eindeutig - er war nicht mehr in bester körper­licher Verfassung. Dagegen sollte er bald etwas unter­nehmen. Immerhin müsste er jetzt, da Jutta ausgezogen war, Zeit für Sport und Fitness erübrigen können. Als er endlich das Erdgeschoss erreicht hatte, schwitzte er. Wieder beeilte sich jemand, ihm die Tür zu öffnen.

In der Eingangshalle wiederholte sich in größerem Maßstab die Situation aus der Tiefgarage. Vor den Fahrstühlen eine große Ansammlung von wartenden Angestellten. Man ereiferte sich darüber, dass, obwohl eine Fahrstuhllinie wegen Defekts ausgefallen war, man auch eine zweite für Wartungs­arbeiten abgeschaltet hatte. Einige Kollegen, die im ersten oder zweiten Stock arbeiteten, entschieden sich für die Treppe. Für die meisten - es ging schließlich hinauf bis zum 19. Stock - kam das nicht in Frage.

Benito hatte sich zum Verschnaufen etwas abseits gestellt. Mehrmals nickte er routiniert-freundlich dem einen oder anderen Wartenden zu. Da spürte er - noch ohne sie zu sehen - ihren Blick. Unter den Wartenden stand Jutta. Sie ging im Allgemeinen früher als er zum Dienst, so dass sie sich unter normalen Umständen nicht begegneten. Vermutlich hatte sie heute gewartet, weil ihr der Fußweg in den fünften Stock zu beschwerlich war.

Sie sah verändert aus. Sie trug kurz geschnittenes, rot gefärbtes Haar und wirkte, obwohl traurig, irgendwie klarer, bestimmter. Als ob sie sich zu etwas durchgerungen hätte.

Die beiden schauten sich einen Moment unentschlossen an. Viele der Mitarbeiter kannten sie als Paar. Einige wenige wussten, dass sie seit einigen Wochen getrennt lebten.

Sie bewegten sich aufeinander zu und begrüßten sich mit einem Nicken. Jutta fragte, ob er heute oder an einem der nächsten Abende zu Hause sei - sie wolle am Telefon etwas mit ihm klären. Er bedauerte. Heute Abend müsse er noch einen Krankenbesuch abstatten und ab morgen sei er für einige Tage auf einer Konferenz. Sie fragte, ob mit seinem Vater etwas nicht in Ordnung sei. Nein, wieso? wehrte er ab. Erst als er ihr besorgtes Gesicht bemerkte, fügte er hinzu, es handele sich um eine Freundin aus früheren Zeiten, die liege mit Krebs in der Uni-Klinik. Das tue ihr leid - dann solle er sich melden, wenn er Zeit habe. Worum es überhaupt gehe. Das wisse er doch. Sie zögerte mit einer Erklärung. Es handele sich um den Termin beim Rechtsanwalt: ob sie dabei bleiben wollten.

Wieso?! das war doch abgemacht.

Wenn du meinst. Jutta wandte sich ab.

Sie konnte noch mit in den Fahrstuhl hinein huschen. Als die Türen sich schlossen, schaute sie kurz zu ihm herüber.

2

In der 13. Etage stieg Benito aus, ging um den Fahrstuhlschacht herum zum rück­wärtigen Eingang des Rechenzentrums. Er hielt seine Codekarte gegen das in der Wand eingelassene Lesegerät, die Tür entriegelte, und er betrat den großen Raum, der vom beständigen Rauschen der Klima­anlage erfüllt war. Seit er die alten Platteneinheiten gegen moderne hatte aus­tauschen lassen, gab es hier viel freien Platz, der erstaun­licherweise noch nicht wie sonst von nachdrängenden neuen Gerätschaften in Anspruch genommen worden war.

Die Operatoren hatten sein Kommen sofort bemerkt. Sie gerieten in Bewegung. Wagner legte einen aufgeschlagenen IBM-Ordner auf seine Morgenzeitung, Schmidt nahm eine Rolle in die Hand und ging auf die Bandstation zu, nur Lorenz blieb ungerührt an seinem Platz, da er sowieso an der Systemkonsole saß.

Er begrüßte alle drei mit Handschlag. Er fragte, wie jeden Morgen, ob die Online-Systeme sauber liefen. Die meisten ja, Schwierigkeiten mache das Buchhaltungssystem - da habe es in der Nacht einen Absturz im Batch-Lauf gegeben. Nach Angaben der Nachtschicht sei die Online-Program­mierung verständigt. Benito fragte, ob sie sich vergewis­sert hätten. Er kannte seine Pappenheimer und ahnte, dass sie sich auf die Angaben der Nachtschicht verlassen hatten, anstatt selbst nach­zuhaken. Die Wagner­schicht war bekannt für ihre Lässigkeit - er würde mittlerweile sagen: Nachlässigkeit. Wagner beeilte sich zum Telefonhörer zu greifen, um Behnke - Gruppen­leiter Programmierung - anzurufen. Und als Benito den Rechnersaal verließ, kam ihm Behnke mit einem seiner Programmierer entgegen. Angeblich war der Zettel, den die Nachtschicht auf den Schreib­tisch gelegt hatte, unter andere Unterlagen geraten und deswegen übersehen worden. Vermutlich aber hatten die Herren Programmierer wie jeden Morgen erst einmal über Börsenkurse und Geldanlagen palavert und noch gar nicht mit der Arbeit begonnen.

Er ging hinüber zu seinem Büro. Rosi, die Sekretärin, begrüßte ihn freund­lich. Die Buchhaltung hatte sich natürlich schon bei ihr gemeldet. Er ärgerte sich über die Wagner­schicht und die Programmierer und bat Rosi, noch einmal oben anzurufen und zu erklären, dass eine Platteneinheit ausgefallen sei. Der Schaden werde in ca. einer halben Stunde behoben sein.

Er ging nach nebenan und stellte seine schwere schwarze Tasche auf die Fenster­bank. Rosi brachte den Postordner und legte ihn geöffnet auf den Schreibtisch. Für zehn stand ein Vertreterbesuch an. Das Angebot für den Austausch sämtlicher Terminals in der Abteilung lag in der Mappe.

Sie blieb neben dem Schreibtisch stehen. Er legte die Stirn in Falten und schaute zu ihr. Sie fragte, was mit der Hotelbuchung für Berlin sei.

Er zuckte mit den Schultern - da sei noch nichts geklärt. Er spürte ihr Interesse, aber das ging sie nichts an. Er sagte, er wisse noch nicht, wie lange er bleibe werde. Sie solle ihm die Telefon­nummern geben, er werde das selbst regeln. Je nachdem, wie das Wetter werde - er lasse es drauf ankommen. Die Sekretärin ging zurück ins Vorzimmer.

Gehen Sie gleich zum Frühstück? rief er ihr hinterher. Bringen Sie mir drei halbe Brötchen mit? Danke!

Da habe er ja heute einen gesunden Appetit, wunderte sich Rosi, denn üblicherweise nahm er nur zwei.

Immerhin habe er schon Sport getrieben - wegen dem Fahrstuhlausfall - zwei Stockwerke.

Gut für die Gesundheit. Sie kam mit einer Kopie der Hotel­anmeldung sowie den Bahntickets herüber und goss ihm Kaffee ein. Dann verab­schiedete sie sich zum Früh­stück.

Er schaute auf die Uhr: viertel nach neun. Während er in der Postmappe blätterte, ging er die Termine für den Tag durch. Gleich der Hardware-Vertreter. Um elf ein Gespräch beim Buchhaltungsleiter. Der liebäugelte mit einem neuen Buchhaltungssystem, das auf sogenannten Personal­computern laufen sollte. Benito wollte versuchen, ihm das ausreden, vor allem mit dem Argument der größeren Zuverlässigkeit der jetzigen Großrechner. Umso ärgerlicher natürlich der heutige Systemausfall. Nach der Mittags­pause stand ein unangenehmes Schlichtungs­gespräch mit Wagner und Trimborn an, den beiden Streithähnen aus der Früh- und der Spätschicht. Eventuell würde er die Schichten umbesetzen. Etwas Zeit müsste er sich unbedingt für die Vorbereitung auf die morgige Konferenz reservieren. Zwar standen hauptsächlich Vorträge an, allerdings ging es in der Sache um die Neuordnung des Leitungsnetzes im Konzern. Er musste aufpassen, dass ihm nicht die Fäden aus der Hand glitten - Berlin und München waren interessiert. Damit stand fest, er würde am Abend nicht zeitig aus der Firma gehen können. Den Kranken­­besuch bei Frauke Tiemann würde er auf das Wochenende verschieben müssen, auch wenn er es Wolfgang anders zugesagt hatte.

Er nahm den Telefonhörer in die Hand und versuchte Kathrin zu erreichen. Anscheinend war sie nicht am Platz, aber sie würde seine Nummer auf dem Display sehen.

Rosi kam zurück und brachte ihm einen Teller mit drei Brötchenhälften. Zweimal Tilsiter, einmal Mett. Sie kannte seine Vorlieben. Sie goss ihm Kaffee nach und schloss vorsichtig die Tür. Er legte seine Beine auf den Schreibtisch, langte zur Zeitung - trotz seiner jetzigen Position war er bei der gewohnten Morgenpost geblieben, jedenfalls als harmlose Früh­stücks­lektüre. Genüsslich biss er in die krosse Brötchenhälfte mit Mett.

Das Telefon klingelte. Er schaute auf die Uhr. Noch nicht zehn. Für einen kurzen Moment war er verärgert. Rosi wusste doch, dass ihm diese Viertel­stunde heilig war. Im Allgemeinen hielt sie ihm diese kurze Zeit der Ruhe vor dem Sturm frei und war ziemlich einfallsreich - selbst gegenüber der Chefetage - wenn es darum ging, zu erklären, weshalb er im Augenblick nicht erreichbar wäre. Er nahm den Hörer ab.

Frau Kampfert aus Chemnitz für Sie, sagte die Sekretärin und fügte mit gedämpfter Stimme hinzu, der Vertreter von der Firma CP-Hardware sei eingetroffen. Sie legte auf.

Kati?!

Hallo mein Schatz - guten Appetit!

Danke. Er schluckte den letzten Bissen hinunter.

Du hast versucht mich anzurufen. Da hat mein Herz gleich einen Hupfer getan. Wir sehen uns doch morgen - oder ist bei dir etwas dazwischen gekommen?

Nein, wieso? Natürlich sehen wir uns.

Na, Gott sei Dank. Ich habe einiges mit dir vor. Ich weiß nur noch nicht, wann ich von hier los komme.

Und ich dachte, du würdest uns mit deinem Vortrag beehren?

Der ist erst am Nachmittag. Bis dahin bin ich natürlich vor Ort. Oder meinst du, ich lasse mir den Auftritt vor deiner Altherren-Riege entgehen?!

Es klopfte. Rosi schaute herein, hinter ihr der ungeduldige Vertreter. Benito schüttelte unwirsch den Kopf. Die Tür wurde zugezogen.

Du, Kati - lass uns heut Abend weiter sprechen. Hab jetzt Termin.

Ist gut. Sie legte auf.

Er war nicht sicher, ob sie verstimmt war. Aber erfahrungs­gemäß würde das am Abend vergessen sein.

Er blieb einen Moment sitzen, um sich zu konzentrieren, dann öffnete er die Tür. Der Vertreter drängte sofort auf ihn zu. Handschlag. Kommen Sie doch rein.

Benito trat an Rosis Schreibtisch heran.

Sie bringen uns gleich noch ein bisschen Grundversorgung?

Natürlich. Sie wusste Bescheid: für Benito ab jetzt nur noch Wasser, für den Gast Kaffee und die einfache Keksmischung.

Achja - und fragen Sie bitte bei Behnke nach, ob die Buchhaltung wieder läuft. Und wenn nicht, sagen Sie mir sofort Bescheid.

Er ging zurück in sein Büro und schloss die Tür.

Dann wollen wir mal. Nehmen Sie doch Platz, Herr Wenzel. Tut mir leid, wenn Sie ein paar Minuten warten mussten - wir hatten einen kleinen System­ausfall.

Macht nichts - sowas schlagen wir immer gleich auf die Preise drauf.

Breites Vertreter­lachen.

3

Da er spät dran war, fand er zunächst keinen Parkplatz in seiner Straße. Zweimal musste er um den Block fahren, bis er Glück hatte. Zwar gab es noch Streit mit einem zweiten Anwärter, aber er war zuerst dran und setzte sich durch. Während der andere es nicht lassen konnte, ihm seine Unzufrie­denheit zu zeigen und zu ihm herüber gestikulierte, rief er vom Auto aus das Rechenzentrum an. Trimborn versicherte ihm, dass der Batchlauf für die Buchhaltung sauber zu Ende gekommen war. Wenigstens da konnte man einen Haken machen.

Kaum hatte er seine Aktentasche aus dem Kofferraum genommen und den BMW abgeschlossen, als er über eine Formulierung stolperte, die Wolfgang gestern Abend am Telefon verwendet hatte. Der Zusammen­hang war ihm entfallen, aber Wolfgang hatte von den Illusionen der Leutchen gesprochen. Leutchen - das stand immer für die anderen, denen man zeigen müsste, wo es lang geht. Die hatten natürlich Illusionen