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Lara hasst es, dass sich die hübsche, neue Arbeitskollegin in kurzer Zeit so beliebt machen konnte. Sie hasst es, selbst keine Freunde zu haben und nur mit einer Katze zu leben. Sie hasst ihre Mutter für ihr Aussehen, aber sie mag es, von guten Büchern oder dem Internet unterhalten zu werden. Lara weiß nicht, wieso sie täglich Mails von einem unbekannten Serienkiller erhält. Aber sie ist sich bald sicher, dass von der virtuellen Geschichte keine Gefahr ausgeht. Bis sich ihre Wege mit denen des Serienkillers kreuzen...
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Seitenzahl: 426
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Andreas Eichenseher
World Wide Wohnzimmer
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV
XVI
XVII
XVIII
Impressum neobooks
Bangkok
„Dass alles im Leben zwei Seiten hat“, las er in einer Zeitschriftenkolumne. „Das ist mittlerweile bekannt. Es aber auch stets anzuerkennen fällt vielen trotzdem schwer. Selbiges gilt für das Internet. Wo beginnen wir ihm zu vertrauen und wo hören wir damit auf? Nahezu jeder nutzt das Internet. Der Eine intensiv, der Andere nur marginal oder mit kritischer Einstellung. Die vielen Wege und Käfige dieses gigantischen Zoos lassen uns allen die Möglichkeit offen, immer wieder Neues zu Entdecken. Natürlich ist das meiste dabei schlicht überflüssig, manches gar erfunden. Man kann Kohärenzen finden, aber man muss es nicht.
Dieser abundante Zoo, das Internet, ist riesig. Größer als die Erde. Er ist weniger endlich und nicht nur deshalb undurchsichtiger. All das macht ihn so interessant, so vielseitig und so gefährlich. Jedes Mal findet man beim Flanieren durch die Schotterstraßen des Tierparks neue Gehege in denen sich Bekannte und Unbekannte zur Schau stellen. Ständig errichten neue Tycoons und Oligarchen ihre Monumente, deren überall anwesende Düfte jeden mehrmals täglich zu ihnen locken. Und manchmal verlaufen wir uns und finden uns selbst in einem der Käfige wieder.
Es ist eine Sucht, eine Gefahr. Wie der Alkohol oder der Zigarettenkonsum ist das Internet für viele Menschen bereits ein unverzichtbarer Lebensinhalt. Der möglichen Gefahren ist sich nahezu jeder bewusst, aber niemand will sich damit konfrontieren, ehe er nicht selbst auf die Nase fiel oder jemanden fallen sah, der ihm nahe stand.“
Er übersprang den nächsten Absatz und las sich nur noch den Schluss laut vor.
„Es ist letztendlich eine Frage der Persönlichkeit, ob man sich von seiner Umwelt unterkriegen lässt, ob man nachgibt, oder, wie es Albert Camus einst beschrieb, den modernen Menschen mimt, der wie Sisyphus immer weiter machen wird und sich von größeren Mächten und Versuchungen nicht zum Abbrechen verleiten lässt.
Das Internet ist wunderbar.
Alkohol auch.
Aber jedes Fest fordert seine Opfer.“
Mit einem nachdenklichen Blick schlug er die Zeitschrift, die er sich noch im Flughafen Franz-Josef-Strauß gekauft hatte, wieder zu und steckte sie in seinen Rucksack. Er schritt sanft zum Fenster und beobachtete das unendliche Treiben Bangkoks. Inmitten der breiten, trägen Masse aus hunderten PKW´s erspähte er mehrere Rikschas, sogenannte Kluk-Kluk´s. Die Fahrer der dreirädrigen Taxis trugen, ebenso wie die Polizisten am Straßenrand, größtenteils Gasmasken. Einer der Fahrer sah aus wie eine Ameise und transportierte einen weißen, stilvoll gekleideten, westlichen Mann.
Aus einer schmalen, verdreckten Soi lief indessen eine junge Frau. Sie trug ein kleines Kind - man konnte nicht erkennen, ob es sich dabei um einen Jungen oder um ein Mädchen handelte - auf ihren Schultern, das ihr bei der Orientierung half.
Er war beeindruckt und erschrocken zugleich von der Vielfältigkeit dieser Primatstadt. Er konnte direkt auf die Behausung einer siebenköpfigen Familie sehen. Die ungleichen Holzlatten sprossen schräg aus dem trockenen Boden und das Wellblech diente als Dach, aus dem ein oranges KG-Rohr ragte und von der Familie als Kamin genutzt wurde. Grauer Rauch stieg aus ihm empor und vermischte sich mit dem dichten Abgasnebel, der über allem lag.
Er öffnete sein Fenster. Sofort wurde es um ein Vielfaches lauter in seinem Zimmer. Langsam strich er mit seinem rechten Zeigefinger über das dunkle Fensterbrett, das von einer dicken Staub- und Rußschicht bedeckt war, die nun auch seine Fingerkuppe schmückte. Mit Bedacht reinigte er sie am Vorhang.
Die Holzdielen gaben lange, sich ziehende Geräusche von sich, als er vom Fenster weg und auf den Schreibtisch zu trat. Sein Hotelzimmer war nicht von gehobener Klasse und dennoch schön anzusehen. Bis zu einer Höhe von einem Meter zwanzig waren die Wände in dunkles Holz gekleidet. Darüber erstrahlte der weiße Kalk-Putz, der stellenweise von farbenfrohen Gemälden unterbrochen wurde und über dem Eingang hing eine angeschraubte Ganesha-Figur, der ihr Stoßzahn fehlte.
Auf dem sauberen, duftenden Bett lag noch sein Koffer. Er hatte ihn noch nicht einmal geöffnet und beließ es aus Vorsicht dabei, seine Kleider noch nicht in den akribisch verzierten Holzschrank zu räumen.
Nein. Er setzte zunächst die Arbeit an einer E-Mail fort. Schon vor einer halben Stunde begann er mit dem Schreiben, aber vollendete sie erst jetzt. Immer wieder unterbrach er das Tippen, um nachdenklich auf die hellbraunen Vorhänge zu starren und dann seine Worte doch wieder zu löschen. Nur wenige Zeilen strahlten aus dem Bildschirm und als er dann endlich das letzte Wort schrieb, vibrierte sein Mobiltelefon.
„Die Post ist da“, erschien in schwarzen Lettern auf dem Display. Für einen kurzen Moment blieb er ganz ruhig sitzen. Ganz ruhig.
Dann wandte er seinen Kopf blitzschnell dem geschlossenen Koffer zu, schloss hektisch die Nachricht und tippte hastig die E-Mail-Adresse des Empfängers in die Adresszeile.
Er wollte keine Zeit verlieren, klickte eilig auf `Senden`, schloss den Browser, steckte das Handy in seine Hosentasche, machte noch das Fenster zu und rannte aus seinem Zimmer. Der rote Teppich und die roten Wände des Flurs gaben ihm das Gefühl, sich in einem überdimensionalen Blutgefäß zu befinden. Wie ein weißes Blutkörperchen eilte er zu dem Aufzug und drückte mehrmals auf den Anforderungsknopf.
Er begann zu leuchten, fünf Sekunden später öffnete sich die graue Tür. Die Aufzugkabine war leer. Nervös schritt er hinein und drückte auf `0`.
In der verspiegelten Metallbox prüfte er noch zwei mal grundlos hektisch die Uhrzeit, da stoppte der Aufzug abrupt und die Tür öffnete sich. Richtig. Erdgeschoss. Schnellen Schrittes bewegte er sich auf die Rezeption zu. Die hohe Eingangshalle war vollständig gefliest und in den großen, hellbraun glänzenden Quadraten spiegelte sich die Decke. Der junge, asiatische Mann hinter der Rezeption trug einen roten Anzug und eine ebenso rote, spitze Mütze. Vor ihm lag ein kleines Schild, das ihm sprachliche Fähigkeiten in Thailändisch, Englisch, Spanisch und Deutsch bescheinigte.
„Wein. Zimmer 427. Für mich müsste Post da sein.“ Seine Nervosität spiegelte sich in seinem Gesicht wieder.
„Ja. Sehr richtig“, sprach der Hotelangestellte abgehakt. „Es ist gerade für sie abgegeben worden.“
Er drehte sich um und öffnete einen der unzähligen, kleinen Schübe. Daraus nahm er ein helles Couvert.
„Bitte zeigen Sie mir ihren Hotelzimmerschlüssel, damit ich sie identifizieren kann.“
Er griff in seine Hosentasche und stellte erschrocken fest, dass er seinen Schlüssel nicht darin auffinden konnte.
„Die Karte. Vielleicht haben Sie sie in ihrem Portemonnaie.“
„Ach, ja. Natürlich. Die Karte.“ Vorsichtig fingerte er nach dem Geldbeutel in seiner Gesäßtasche und zog die Zimmerkarte hervor. Der junge Asiate warf einen flüchtigen, aber dennoch aufmerksamen Blick auf die Nummer, verglich sie mit den Daten, die er auf dem Bildschirm vor sich hatte und gab sie anschließend zurück.
„Hier ist Ihr Brief. Bitte sehr.“
„Vielen Dank. Das ist für Sie.“ Er reichte dem Mann im Gegenzug zu seiner Post einen hellblauen 50-Baht-Schein. Alles unter zehn Baht war eine fürchterliche Beleidigung für Trinkgeldanwärter in Thailand.
Nachdem er seinen Geldbeutel wieder verstaut hatte ging er mit dem Brief in seiner Hand zurück in sein Zimmer. Dieses Mal nahm er allerdings die Treppe. Auf den vielen, kalten Stufen kam er sich, im Vergleich zu der bedrückenden Enge eines Aufzuges, freier und komischerweise auch unbeobachteter vor. Unkonzentriert schritt er durch den leeren, roten Flur und öffnete seine Zimmertüre mit dem elektronischen Schlüssel. Er betätigte sanft den Lichtschalter und riss vorsichtig den Briefumschlag auf. Aus ihm zog er einen Bogen Papier, an dem das Foto eines Mannes geheftet war. Er sah sich den Mann genau an. Er war etwa 40 Jahre alt, trug dunkles, kurzes Haar und hatte braune Augen. Es handelte sich ganz offensichtlich um einen Thailänder. Laut las er sich vor, was in der ersten Spalte des Dokumentes geschrieben stand.
„Nintau Suprija. 43 Jahre. Verheiratet. Zwei Kinder. Wohnhaft in der Soi Long Tha 9, nähe Romaneenart Park. Polizist.“
Er klopfte mit seinen Zähnen. Man konnte das Trommeln laut hören, bis er begann die zweite Spalte zu lesen.
„Suprija ermittelt seit Kurzem auf eigene Faust gegen eine Vielzahl von Hotelzimmereinbrüchen, die bisher von den zuständigen Behörden vertuscht wurden, um die Stadt für ausländische Touristen nicht unattraktiv zu machen. Ihr Job ist daher klar. Vernichten Sie den Spaßverderber.
Alles was Sie brauchen, finden Sie in ihrem Kleiderschrank.
Viel Spaß und Erfolg wünscht Ihnen der Dealer.
P.S.: Benutzen Sie bitte das Feuerzeug, um dieses Schreiben zu verbrennen. Danke.“
„Feuerzeug“, murmelte er. Sofort stürmte er auf den Kleiderschrank zu und riss beide Türen auf. Ernüchtert stellte er fest, dass er leer war. Lediglich drei Kleiderbügel hingen schief an einer Metallstange.
„Wieso...“, flüsterte er, als er sich fragte, weshalb die Stange so im Schrank montiert war, dass die Kleiderbügel nicht mal frei hängen konnten, sondern an der Rückwand anstießen.
Da begann er zu grinsen.
„Der Dealer. Wohl eher ein Zauberer mit doppeltem Boden.“
Vorsichtig drückte er gegen die dunkle Rückplatte, die sich auch leicht bewegen ließ. Aber ganz konnte er sie nicht lösen, bis ihm schließlich an der Decke des Schrankes ein metallener 90°-Winkel auffiel, der die Rückwand an ihrer neuen Position mit zwei Schrauben befestigte.
Aus seinem Koffer holte er ein Taschenmesser und klappte einen Kreuzschraubenzieher aus dem klobigen Multifunktionswerkzeug. Nervös drehte er beide Schrauben aus dem eisernen Winkel, legte die drei Metallstücke auf den Schrank und drückte ganz oben gegen die Rückwand, bis sie sich unten weit genug nach vorne schob, um sie herausziehen zu können. Er legte die dünne Hartfaserplatte leise auf den Boden. Ein schwarzer Koffer kam zum Vorschein. Als er ihn aus dem Schrank zog hörte er etwas auf den Boden fallen. Das Feuerzeug. Aufgehoben, eingesteckt. Behutsam öffnete er auf seinem Bett den Waffenkoffer neben seiner Kleidertasche. Es roch nach Ballistol.
„Eine G22! Wie kommen die nur an solch ein Zeug?“ Er hob das Gewehr hoch und betrachtete es im gelben Schein der Deckenbeleuchtung wie eine prächtige Trophäe. Ganz ruhig legte er es sich an die Schulter und zielte auf ein Bild an der Wand. Er visierte einen der beiden Delphine an, die zusammen mit zwei gelben Fischen auf dem Gemälde abgebildet waren. Wie ein Sekundenzeiger drehte er sich langsam mit seinem Gewehr. Nun zielte er auf eine kleine Ablage an der Wand, auf der ein rotes Buch lag. Die Mao-Tsetung-Schrift hatte in diesem Hotel wohl eher dekorativen Charakter und war nicht von politisch verpflichtender Bedeutung. Er drehte sich weiter und zielte auf die Türe. „Bumm“, sagte er und freute sich wie ein kleines Kind an Weihnachten.
Bumm!
Da unterbrach ein lauter, erbarmungsloser Knall die zufriedene Ruhe. Das Türschloss riss aus der Zarge und die Türe wurde hart aufgetreten. Er zuckte schlagartig zusammen, ließ um ein Haar sein Gewehr fallen, sprang einen Satz rückwärts und fiel auf sein Bett. Mit dem Rücken landete er auf dem Kleiderkoffer. Sofort!
Sofort stand er wieder auf, um den drei thailändischen Einbrechern die Mündung vors Gesicht zu halten. Die drei Männer, die nur kaputte Jeans und schmutzige, graue Shirts trugen, standen verblüfft im Eingang, als ein Scharfschützengewehr auf sie gerichtet wurde. Sie wussten nicht wirklich, wie sie handeln sollten.
Der Erste hob langsam seine Hände, da sprach der Scharfschütze mit zitternder Stimme.
„I´m on your side!“ Er grapschte nach dem Steckbrief, der hinter ihm auf dem Bett lag und hielt den Dreien das Papier vors Gesicht. Sie schienen den Polizisten auf dem Dokument nicht gleich zu erkennen, doch nach einigen Sekunden verstanden sie. Und auch er.
„You´re here to kill him?“
„Yes.“ Sein Rücken wurde heiß, es rannten Schweißperlen hinab.
„Fuck“, sagte der Kleinste. „Why didn´t Ajahn say anything?“
Er stellte die Frage an seine beiden Komplizen, doch die schüttelten nur ihre Köpfe und zuckten mit den Schultern.
„We´re sorry for the mistake.“
„Ajahn is the Dealer?“, fragte er nach.
„No.“
„Not the one, you would suppose“, sagte der Größte.
„OK. Could you please tell me how to get to...“ Er spähte auf den Steckbrief. „...To Soi Long Tha 9, near Romaneenart Park?“
Landratsamt. Laras Arbeitsplatz. Dienstag
Der gelbe Kugelschreiber schien das einzige farbenfrohe Element in der grauen Bürolandschaft zu sein. Lara führte abgehakte Bewegungen mit ihm aus und achtete gar nicht auf das karierte Papier, auf das sie schrieb.
Neben ihrem Büro war das Zimmer von Daniela, einem fröhlichen, blonden Wesen, das sie partout nicht ausstehen konnte. Nur eine dünne Wand aus Rigipsplatten und eine hellgraue Tür trennte die beiden. Und eben diese Türe öffnete sich.
„Pause. Ich kauf mir was im Supermarkt nebenan. Willst du mitkommen?“, fragte Daniela in einem gewohnt netten, fast unwiderstehlichen Ton. Sie arbeitete erst seit ein paar Wochen im Landratsamt.
„Nein, danke. Ich hab mir selbst eine Brotzeit mitgenommen.“ Lara konnte ihr problemlos widerstehen.
„Na gut. Bis gleich.“ Es glich schon fast einer Tanzbewegung, mit der sie das Büro verließ und durch die niedrige Eingangshalle ins Freie trat.
Laras Schinkenbrot kauerte gequetscht in ihrem Rucksack, doch sie wollte zuerst noch ihr privates E-Mail-Fach checken.
Es gab zwar niemanden, der ihr für gewöhnlich schrieb, aber die Sehnsucht nach irgendeiner Form der Aufmerksamkeit, wenn auch nur virtuell, hielt Lara täglich dazu an, ihr Konto auf Post zu überprüfen. Nach wenigen Klicks war sie in ihrem Account eingeloggt.
Tatsächlich. Gleich zwei neue Nachrichten.
Bei der Ersten handelte es sich um Werbung eines Online-Buchvertriebs, bei der Zweiten um Spam. Lara wollte die Nachricht eigentlich schon löschen, doch irgendwie machte sie die Betreffzeile neugierig. Das gestrige Datum prangerte darin. Nicht mehr und nicht weniger. Es reichte aus, um Lara auf die E-Mail klicken zu lassen. Sie überflog erst nur kurz den Inhalt, schüttelte verwirrt ihr Haupt und las sich die Nachricht anschließend noch einmal genauer durch.
Ich sitze gerade in meinem Hotelzimmer, das einen ausgezeichneten Ausblick auf die Stadt bietet. In der Ferne kann ich sogar einen Skytrain erkennen. Aber um ehrlich zu sein gefällt es mir hier nicht. Es ist viel zu unübersichtlich, eng und die Luft ist furchtbar schlecht in dieser Stadt.
Wenn ich das Fenster öffne, dann prallt eine akustische Entropie auf mich ein, die ich so nur ansatzweise von deutschen Autobahnen kannte.
Wenigstens bin ich nicht lange hier. Morgen wird alles erledigt sein. Die Zielperson, der Auftrag.
Ich bin auf jeden Fall schon sehr gespannt wie es sein wird. Werde ich zögern? Werde ich etwas fühlen? Angst habe ich keine, gar keine mehr.
Ausgenommen Jana. Ihr Verlust ist die einzige Angst, die mich quält.
„Was soll denn das?“, murmelte Lara vor sich hin. Sie verzog ihre unförmige Nase, als wäre in ihrem Büro vor Tagen eine Kanne Milch ausgelaufen, löschte die Mail und erhob sich von ihrem Platz. Ihre Brotzeit ließ sie weiterhin unberührt, denn eine ganz neue, aus Angst und Hass geborene Idee animierte sie aufs Geratewohl. Unauffällig schlich Lara in Danielas Büro.
Es war menschenleer.
Ingrid, ihre andere Arbeitskollegin, arbeitete nur noch halbtags und war schon vor fünfzehn Minuten gegangen. Leise umkurvte Lara den klobigen Metalltisch, der makellos und sauber mittig im Büro stand. Aktenschränke apparierten wie schlagfertige, aufmerksame Türsteher vor den Wänden, während konträr dazu ein natürlicher, frischer Duft friedlich in dem Büro lag. Der gleiche wohltuende Geruch, der auch mit Daniela schwang.
Ganz langsam zog Lara die zweite Schublade aus ihrem Schreibtisch. Ein ungleichmäßig lautes und ungewolltes Kratzen begleitete die Aktion, denn der Schub war schwer und die Rolllager alt. Ein Stapel von unausgefüllten Papierbögen und einige Rollen Klebestreifen hatten darin ihren Platz. Seitlich verstaute Daniela ein Bild ihrer Mutter.
Lara nahm es kurz an sich und legte es mit der Rückseite nach oben vor die Tastatur des Computers. Sämtliche Passwörter waren auf der weißen Fläche notiert. Mit feuchten Händen weckte Lara den Rechner aus seinem Standby-Modus und loggte sich unter Danielas Account im Betriebssystem ein. Sie öffnete sofort das verwaltungsinterne E-Mail-Programm und fand eine neue Nachricht vor. Ein Kollege bat sie um die Vorlage der Statistiken für Baugenehmigungen auf einem alten Kasernengelände. Das verwirrte Lara zunächst ein wenig, da Daniela gar nicht für solche Belange zuständig war. Doch dann fuhr sie fort, machte mit schnellem Atem weiter.
Sie stellte zuerst die Uhrzeit des Systems um zwanzig Minuten zurück, deklarierte die Nachricht anschließend als `Gelesen` und löschte sie. Nachdem sie die Uhrzeit wieder korrigierte, meldete sie Daniela von ihrem Computer ab, platzierte das Bild ihrer Mutter an seiner Stelle im Schub und flüchtete geduckt in ihr eigenes Büro zurück.
„Das reicht für heute“, murmelte sie mit rasendem Herzschlag vor sich hin und konnte sich nicht zwischen einer ängstlichen Mimik und einem siegesgewissen Grinsen entscheiden.
„Oh, nein“, stöhnte Lara gedanklich, als sie ihre nassen Hände an den Hosenbeinen trocknete. „Ihre Maus wird ganz feucht sein!“
Und in Laras Gesicht blähte sich schlussendlich doch noch der latente Ausdruck schüchterner Angst auf.
Weg zur Arbeit. Lara. Am Morgen
Ein früher, aber warmer Sommerwind wehte durch die alten, einst feudalen Gassen und Straßen. Heute waren sie nur noch einfache Fußgängerzonen und die letzten perforierten Stellen der malerischen Fassaden wurden mit Werbeplakaten und Straßenschildern gestopft. Prunkvolle Bauten mit weißen Stuckelementen säumten den breiten, gepflasterten Weg, über den Lara schritt. Der markante Geruch von Zaziki kroch aus einer Dönerbude direkt in ihre Nase.
„Werde ich nächste Woche noch oft genug riechen“, dachte sie sich laut. Unbeeindruckt marschierte sie weiter. Und sie machte große, zügige Schritte.
In etwa 50 Metern Entfernung bog ein junger Mann in die Straße. Er war eindeutig südländischer Herkunft und schien in Eile zu sein. Während hinter ihm die schwache Sonne um ihren Aufstieg zum Zenit kämpfte, drangen die lauten Schrittgeräusche des attraktiven Anzugträgers bereits zu Lara. Ohne Zweifel, es war nicht zu übersehen, dass sie den jungen Mann ausgesprochen hübsch und interessant fand. Sie lächelte sogar ein wenig und es stand ihr sehr gut. Doch dann durchschnitt ein fahler Gedanke die Stricke an denen ihre sympathische Ausstrahlung wie eine nackte Marionette hing und hinterließ die typische Visage einer betrübten, leicht dicklichen Frau, die ungern ihr wanderndes, mattes Spiegelbild in den Schaufenstern links und rechts von ihr betrachtete.
Wenn sie so einen attraktiven Mann sah, dann verstrickte sie sich meist in warmen, weichen Wünschen. Aber dann der Fehler. Der intrinsische Blick nach links oder rechts auf die Schaufenster. Und da sah sie sich selbst, unauffällig und hässlich. Immer noch. Jeder Blick voller Hoffnung, vielleicht nun schön zu sein. Und jeder Blick Enttäuschung. Spirale der Verzweiflung. Sich selbst ein Dorn im Auge.
Und trotzdem!
Dieses Mal packte sie all ihren Mut. Sie spürte ihn schon fest in ihren Händen, als sie sich die Frage stellte, was sie damit tun sollte. Sie konnte ihn doch nicht einfach ansprechen, den jungen Mann, der immer näher kam.
Mit weit geöffneten, ängstlichen Augen sah sie ihn an. Es war kein ungewöhnlicher Blick für Lara. Sie spähte meistens so durch die Gegend wenn sie unterwegs war. Ihren wachsamen Augen entging auf diese Weise nur selten eine Person, die sie hätte anlächeln können. Nur im Winter, oder wenn ein besonders kalter Wind blies, trieb es ihr Wasser aus den weit offenen, gereizten Augen und sie kniff sie zusammen.
Nichtsdestotrotz kam der junge Mann mit Aktentasche näher. Schon gleich würde er Lara passieren und dann wird es wieder zu spät gewesen sein etwas zu tun.
„Wohin des Wegs?“, „Schöner Anzug!“, „Entschuldigung, wissen Sie wie ich zum Bahnhof komme?“. Diverse Sätze gingen Lara durch den Kopf. Manche waren mehr, manche weniger dazu geeignet, irgendeine Kommunikation zustande zu bringen. Er sah sie ja nicht einmal an, fokussierte sich nur mit seinem inneren Auge auf sein Ziel, vielleicht seine Arbeit, bei der er schon längst hätte sein müssen. Man wusste es nicht.
Es kitzelte Lara in den Fingern, war kurz davor aus ihr herauszubrechen. Und mit einem dementsprechend verkrampften Eulenblick visierten ihre Augen den jungen Mann beim Vorübergehen an.
„Halt“, schrie Lara dann plötzlich und sie klang schon fast aggressiv, auch wenn es ungewollt war. Dem jungen Mann waren schnellen Schrittes zwei Blätter Papier entwichen. Sie waren aus seiner Aktentasche gefallen, die offensichtlich nicht ganz geschlossen war, und flogen nun wild durch die Luft. Überrascht drehte er sich im Gehen um und runzelte kopfschüttelnd seine Stirn, als er Lara am Boden knien und nach den Zetteln fischen sah. Sie schielte zu ihm hinauf und wollte ihn eigentlich noch dazu animieren, stehen zu bleiben. Doch der Anzugträger drehte seinen Kopf wieder zurück. Als hätte er Angst oder Abscheu gegenüber Lara empfunden. Vielleicht war ihm auch die stark verunreinigte Haut auf ihrer Stirn aufgefallen. All die Makel übertünchten ihre Persönlichkeit, passten ihren Charakter im Laufe der Zeit aber auch daran an.
Ein herber Rückschlag für sie. Das machte sich auch in ihrem Ausdruck sichtbar.
„Scheiß Wichser“, murmelte sie gekränkt und stand mit den beiden Papieren in der Hand auf.
„Das hast du davon.“ Sie hielt zwei leere Steckbriefe in den Händen. Die Papiere sahen aus wie Arbeitsblätter für eine Schulklasse im anfänglichen Mittelstufenbereich.
Kurzerhand faltete sie die Blätter und steckte sie in ihre Handtasche, ehe sie mit eingezogenem Genick weitermarschierte.
Rot leuchtete es und sie mussten stehen. Eine dicke arabische Frau, ganz in schwarz gehüllt und mit einem Kinderwagen, stand neben dem Pfosten der Ampel. Rechts von ihr zwei junge Mädchen, nicht älter als elf oder zwölf Jahre. Beide hatten langes, blondes Haar. Das etwas größere Mädchen bezauberte nebst ihren Haaren mit ihren himmelblauen Augen, während ihre Freundin ein unwiderstehliches Lächeln im Gesicht sitzen hatte. Zwei hübsche, liebe Mädchen, die auch sofort den pubertären Teenager rügten, der in seiner Baggy-Jeans bei Rot über die Ampel humpelte.
Lara stellte sich mit anderthalb Metern Abstand hinter die wartenden Personen. Verbissen beobachtete sie die beiden Mädchen. Es war ein hässlicher Blick, der sich über die Kinder legte. Er war gezeichnet von Eifersucht und bei genauerem Betrachten auch von Selbstmitleid.
Laras Wohnung. Mittwoch Feierabend
Die Kleider waren exakt geordnet. Es gab ein Fach für ärmellose schöne Klamotten und eines, in dem ärmellose Sachen für zuhause lagen. Darunter stapelten sich dünne, langärmelige Sweatshirts und daneben dicke Pullover. Lara legte ein gefaltetes T-Shirt in das oberste Fach und schloss den hellen, neuen Holzschrank. Sie hatte bei ihrem Umzug damals keine Möbel von zuhause mitgenommen.
Ihre Katze schmiegte sich an ihre Beine und tunnelte sie. „Minka, hast du immer noch Hunger?“
Lara ging in die Küche und holte eine bunte Schachtel mit Katzenfutter aus einer Ecke hervor. Sie füllte ein wenig davon in eine schwarze, flache Schüssel und stellte sie auf den Boden. Während Minka tiefe, unregelmäßige Geräusche beim Fressen von sich gab, streichelte Lara zärtlich ihr Fell vom Kopf bis zum Schwanz. Und nachdem ihre Katze das zweite Feierabendmahl verzehrte, setzte sich Lara am Balkon auf ihren alten Schaukelstuhl aus Bambus. Die Sonne war schon lange hinter dem Nachbargebäude verschwunden, doch der Himmel leuchtete noch schwach violett und rosa. Erleichtert ließ sich Lara von ihrem Stuhl bewegen, der immer im selben Takt ein kurzes, knarzendes Geräusch von sich gab. Sie schloss ihre Augen und atmete tief ein und aus.
Aber schon nach wenigen Sekunden störte ein Vogel auf dem Geländer des Balkons ihre innere Ruhe. Eine junge Blaumeise pfiff, bis sie erschrocken Minka hinter der Balkontüre erkannte und davonflog. Lara senkte erneut entspannt ihre Lider und reflektierte den Tag. Sie erinnerte sich daran, wie ihr Rechner abstürzte, als sie gerade ein lästiges, neues Programm-Update installieren wollte. Herr Kratzinger, der Abteilungsleiter, beseitigte zum Glück alle Unannehmlichkeiten binnen weniger Minuten.
Lara musste an ihren Vater denken. Er war nie da, wenn er solche Probleme für sie hätte lösen sollen. Wenn sich ein Scharnier ihres Schrankes nicht mehr einwandfrei bewegte, oder die Kette ihres Fahrrades aus dem Zahnrad sprang, dann war ihr Vater nie da.
Als ihre Nachbarin, Michaela, mit fünfzehn Jahren einen Roller fuhr und Benzin aus einer Cola-Flasche einfüllte, da fiel ein Plastikring des Verschlusses in den Tank. Kurze Zeit stocherte sie mit einem Holzspieß blind und erfolglos darin herum. Schon sehr bald aber war Michaelas Vater zur Stelle und füllte den Tank weiter auf, bis das Plastikteil so weit oben schwamm, dass man es problemlos herausfischen konnte. Als Lara das damals beobachtete, wurde ihr, wie so oft, auf schmerzliche Art und Weise bewusst, wie sehr ihr ihr Vater fehlte. Und sie benutzte die Erinnerung an diese Szene noch heute gelegentlich als Quelle einer Selbstmitleidsorgie.
Laras Vater war Maschinist eines Transportschiffes. Als sie zwei Jahre alt war heuerte er bei einer bayerischen Reederei, an sich schon eine Rarität, an und sorgte seitdem dafür, dass verschiedenste Baugrundstoffe, wie Kies, Sand, Ziegelsteine und etliches mehr sicher von Europa nach Südamerika und zurück transportiert werden konnten. Das ganze geschah natürlich auf Kosten seiner Familie. Laras Mutter, Susanne, war bei vielen Problemen ebenso auf sich alleine gestellt, wie Lara. Beide brauchten jemanden als Stütze, konnten sich jedoch selbst nicht nützen.
Dieser kalte Mantel des Selbstmitleids hatte sich schon wieder um Laras Schultern gelegt. Er erzeugte eine sanfte Gänsehaut, ließ andere Körperstellen dadurch aber wieder wärmer erscheinen. Ein Geräusch aus der Nachbarwohnung holte Lara aus ihrem Gedankennetz. Jemandem war etwas Schweres, vielleicht eine Pfanne, zu Boden gefallen. Zumindest klang es so.
Lara korrigierte ihre krumme Position, die sie während ihrer Erinnerungen an ihren Vater im Schaukelstuhl einnahm. Sie kratzte sich am Ohr und dachte an die E-Mail, die sie auch heute Vormittag in der Arbeit erhalten hatte. Sie war eigentlich schon am Abend zuvor eingegangen. Aber wieder vom gleichen Absender. Schon wieder!
Neugierig verließ sie den Balkon, pfiff zu Minka und ging in ihr Schlafzimmer, in dem sich auch ihr Computer befand. Gerade als sie es betrat, klingelte plötzlich ihr Telefon und Lara nahm nichtsahnend den Hörer ab.
„Ja?“
„I grüß dich mein Kleine. Wie geht dir?“
Ihre Mutter. Augenblicklich war Lara von ihr genervt.
„Es geht mir gut.“ Das war schon immer die einfachste und sicherste Antwort.
„Das´t schön“, sagte Laras Mutter und stieß auf.
„Weshalb rufst du an?“
„Ich wollt dich dran erinnern, dass der Sonntag der, der...“
„Der Flieger“, half ihr Lara.
„Ja, dass Sonntag der Flieger geht.“
„Ja Mama“, stöhnte sie laut ins Telefon. „Ich vergesse doch nicht eine ganze Woche Urlaub!“
„Gut. Ja, ich ollt boß no mal...“ Ihre Artikulation erlaubte es gelegentlich nicht sie einwandfrei zu verstehen und auch wenn Lara schon alleine aus langjähriger Erfahrung wusste, was Susanne gesagt hatte, störte es sie enorm.
„Beweg´ doch bitte deine Lippen, wenn du mit mir sprichst“, presste sie energisch und laut ins Telefon. Durch solche Äußerungen war sie stets darauf bedacht, selbst so deutlich wie möglich zu sprechen, fast wie eine Nachrichtensprecherin.
„Ja“, sagte ihre Mutter zögerlich und in einem windigen Tonfall. „Aso ich ollt nur, ich hab nur gmeint. Weil so ein teuriges Geschenk.“
„Was? Wieso hast du mir überhaupt so ein teures Geschenk gemacht?“
„Ich ollt dir eine Freude geben. Damit wir veicht wieder, wieder näher mit... Ein miteinander haben.“
„Du bist ja witzig“, sagte Lara trocken und ironisch. „Du schickst mich eine Woche alleine in die Türkei damit wir wieder zueinanderfinden?“ Sie presste ein abwertendes, aber gekünsteltes Lachen aus ihrer Brust. Und obwohl sie von Susanne wirklich genervt war, tat es ihr Leid, ihr gut gemeintes Geschenk so durch den Dreck zu ziehen.
„Entschuldige“, sagte sie, nachdem ihre Mutter nichts anderes als ein schwaches, selbstkritisches „Aber, aber, stimmt...“ herausbrachte.
„Ich freue mich auf den Urlaub. Danke Mama.“
„Ja? Das´t schön.“ Sofort hörte sich Susannes Stimme wieder wie eine sanft gestrichene Harfe an.
„Bringst dann am Samstag die Katz zu mir?“
„Wieso zu dir?“ Lara hatte diesen bissigen Ton ihrer Mutter gegenüber schon vollständig verinnerlicht.
„Ja, ja“, sagte sie sofort. „Ich bring sie dir vorbei.“
„OK. Wann ungefähr?“
„Weiß ich noch nicht. Lass dich überraschen. Bis Samstag.“
„Schüss.“ Da hatte Lara schon aufgelegt. Es tat ihr wirklich weh, doch sie glaubte, sie müsse gemein zu ihrer Mutter sein, um eine Veränderung bei ihr zu bewirken. Leider blieb ihr Handeln bislang stets erfolglos.
Lara setzte sich an den hellen Schreibtisch in ihrem Schlafzimmer, klopfte mit den Fingern auf die Maus, während ihr Computer startete, und sah nach dem Ladevorgang in ihr E-Mail-Postfach. Zügig öffnete sie die Nachricht, die sie schon in der Arbeit entdeckt hatte.
Es war schon merkwürdig. Diese rätselhafte Mail mit einem aktuellen Datum als Betreff war schon wieder vom gleichen Absender und fand aus irgendeinem Grund den Weg in ihr Postfach. Sie sah nicht aus wie gewöhnlicher Spam. Keine ausländischen Schriftzeichen, keine Anhänge oder Links und auch keine kurz gehaltenen Flirt-Versuche auf Englisch. Lara dachte sich dennoch nicht allzu viel und scrollte am Vormittag bereits einmal schnell vom Anfang bis zum Ende. Die Mail war ungewöhnlich lange und so begann Lara erst nun am Abend gespannt zu lesen.
Ich hatte eigentlich damit gerechnet dann doch etwas nervöser zu sein, wenn es soweit war. Doch dann lag ich auf der rauen Betondecke und fühlte mich komischerweise ziemlich wohl. Über eine Feuerleiter hatte ich mir Zugang zu dem Dach verschafft und war mit dem Gewehr in meinem Rucksack und einem blauen Cappy auf dem Kopf 150 Meter Luftlinie entfernt von Nintau Suprijas Wohnung auf dem obersten Stockwerk eines Firmengebäudes in der Sam Yot. Die Parkplätze davor waren weitestgehend leer. Es war schwül, obwohl die Sonne schon länger verschwunden war. Am Himmel war kein einziger Stern zu entdecken. Sogar der Mond wurde von den Wolken verdeckt und ich griff in meinen Rucksack. Bereits in meinem Hotelzimmer übte ich den Zusammenbau der G22, weshalb ich mich nun mit der Montage des Scharfschützengewehrs relativ leicht tat. Ich nahm meine Kopfbedeckung ab und setzte das Stativ auf den Rand des Flachdachs. Ich blickte durchs Hensoldt-Zielfernrohr. Durch eine Lücke in den Baumreihen an der Soi Long Tha hatte ich genau das kleine Reihenhaus von Nintau Suprijas Familie im Visier. Ich spielte die geplanten Szenen noch einmal gedanklich durch. Sobald ich Nintau erkannte, hätte ich ihn mit einem gezielten Kopfschuss erledigt und mein Gewehr wieder eingepackt. Es besitzt zwar einen Schalldämpfer, doch um trotzdem die gleiche Reichweite von 800 Metern zu schaffen, wird die Munition mit Überschallgeschwindigkeit abgefeuert. Das heißt, man würde den Durchbruch der Schallmauer leicht verzögert, aber klar und deutlich hören und ich wäre wahrscheinlich entlarvt...
Es könnte sich dann äußerst schwierig gestalten, die lange Feuerleiter unerkannt herabzusteigen und anschließend zu flüchten.
Ich war zunächst ratlos. Warum war ich denn auf dem Dach? Ich musste einen anderen Ort finden, um Nintau zu töten. Bevor ich mir darüber ausreichend Gedanken machen konnte, sah ich schon ein Auto, das vor seiner Garage hielt. Durch das Zielfernrohr beobachtete ich das Geschehen. Eine Frau – wahrscheinlich Nintau Suprijas Frau – stieg aus dem Wagen und mit ihr zwei kleine Kinder. Es schien sich dabei um zwei kleine Mädchen zu handeln. Schon standen sie alle auf den vier Eingangsstufen, die Mutter legte eine Tasche auf dem Boden ab und als sie das Schloss aufsperren wollte, öffnete sich wie von Geisterhand die Tür. Nintau, der Polizist, trat aus dem Haus, begrüßte seine Kinder und gab seiner Frau einen zärtlichen Kuss auf den Mund. Während sie mit den Kindern ins Haus ging, nahm sich Nintau den Wagen und fuhr davon. Dass er vielleicht gerade wieder auf eigene Faust ermittelt, war mir dabei ziemlich egal. Mir wurde bewusst, dass ich nun wohl genügend Zeit hatte, um mich völlig neu zu positionieren. Ich klappte das Stativ und das Gewehr wieder zusammen und schob es in meinen Rucksack. In gebückter Haltung lief ich über das Dach und versuchte möglichst geräuschlos die eiserne Leiter zu überwinden. Auf einem der Parkplätze wurde eine Autotüre zugeschlagen und ich hielt inne. Angespannt krallte ich mich fest und versuchte mich nicht zu bewegen. Die Leiter, an der ich wie ein schwerer Klotz hing, schien zu wanken. Natürlich war das nur eine Illusion. Ich unterbrach das Atmen und konzentrierte mich auf die Verankerung der Leiter an der Wand. Ich ließ eine halbe Minute vergehen, nachdem das Motorengeräusch außerhalb meines Hörbereichs war, dann stieg ich weiter hinab. Die letzten anderthalb Meter ließ ich mich auf das Pflaster fallen. Jeder Schritt auf dem rauen Beton hörte sich an, als würde man auf Sand treten. Ich kam zur Straße, wechselte die Seiten und bog in die Soi Long Tha. Weder ein fahrendes Auto, noch einen Menschen konnte ich erkennen. Ich überquerte auch diese Straße und lehnte mich an einen Baum, der vor dem Haus von Nintaus Nachbarn stand. Vor fast jedem Haus standen solche Bäume. Sie waren nicht besonders hoch, hatten aber viele Äste und ein relativ dichtes Blattwerk. In den Dachfenstern von Nintaus Haus wurde das Licht gelöscht. Die Familie legte sich wohl schlafen. Ich verließ die Deckung des Baumes und spähte vor den Eingang, als ich in der Entfernung zwei Lichter erkannte, die sich in meine Richtung bewegten. Ein Wagen kam die Straße herunter und ich huschte schnell zurück zu dem Baum vor dem Haus der Nachbarn. Ich sprang kraftvoll in die Höhe, hielt mich mit beiden Händen an dem dicksten Ast fest und schaukelte, bis meine Beine sich um den rauen Stamm legen konnten. Ich kraxelte und zog mich nach oben, als das Auto gerade den Baum passierte. Schnell und flach atmend setzte ich einen Fuß auf den Ansatz eines zweiten Astes und zog mich weiter nach oben. Nach einer kurzen Verschnaufpause legte ich meinen Rucksack ab. Die Schlaufe war gerade groß genug, um sie über einen Ast auf Augenhöhe zu ziehen. „Eigentlich gar keine schlechte Idee“, dachte ich mir und holte das Gewehr aus dem Rucksack. Da saß ich auf dem Baum, mit dem Gewehr in den Händen und wartete. Immer wieder dachte ich an Jana, wünschte mir, sie säße hier auf dem Baum, und drückte die Illusion stets schmerzlich beiseite.
Obwohl es später Abend war liefen fleißige kleine Ameisen am Stamm entlang. Sie beachteten mich nicht und marschierten zügig an mir vorbei, genauso wie die Zeit. Ich trug keine Uhr, doch nach einer gefühlten Stunde war meine Wasserflasche zu drei Vierteln geleert und meine Blase voll. Verdrücken erschien mir sinnlos, denn ich wusste nicht, wie lange ich noch auf dem Baum verweilen musste. Ich hielt mir daher die Flasche pragmatisch zwischen die Beine und pinkelte hinein. Der Drang und die Erleichterung hatten sich wie eine Maske um meinen Kopf gelegt und ich bemerkte den älteren Herren mit dem kleinen, braunen Hund am Gehweg erst spät. Der Mann schien nicht mehr gut zu hören, doch der Hund zog an der Leine und wollte zum Baum zurück, als er den Urin ins Wasser plätschern hörte. Er bellte und deutete auf den Baum, in dessen Krone ich saß. Ich stoppte augenblicklich den Fluss. Wenn sie mich entdeckt hätten wäre alles vorbei gewesen. Bevor es überhaupt beginnen konnte wäre mein Abenteuer schon zu Grabe getragen, doch des Hundes Herrchen zerrte nur genervt an der Leine und ging weiter.
Puh. Ich hatte Glück, schüttelte noch die letzten Tropfen am Rand der warmen Flasche ab, steckte sie verschraubt in den Rucksack und schloss den Reißverschluss meiner schwarzen Hose.
„Biwakieren werde ich hier nicht“ murmelte ich. In der letzten Stunde bekam ich lediglich vier Fahrzeuge und den Mann mit dem Hund zu Gesicht. Die Straße war außergewöhnlich leer, wenngleich ein leises, monotones Rauschen der größeren, entfernten Straßen zu vernehmen war.
Der alles umfassende Smog lag auch hier wie ein Sarg über der Stadt. Auf der anderen Seite der Soi Long Tha stolzierte eine schwarze Katze über den Bürgersteig und verschwand in einem Garten. Geschmeidig drückte sie sich unter dem Zaun hindurch, als ich plötzlich die wackelnden Lichtkegel zweier Scheinwerfer sah. Kombiniert mit dem gewohnten Geräusch eines Diesel-Fahrzeugs kam beides von hinten und immer näher an mich heran. Hastig brachte ich mich mit dem Gewehr in Stellung. Als das Auto dann direkt neben mir war, sah ich das orange Blinklicht und als Nintau in seine Hofeinfahrt bog, wurde ich Eins mit der Waffe. Alles war angerichtet und ich wartete. Die Sicht auf die Haustüre war aus meiner Position gerade genug frei, um den Kopf Nintaus zu treffen. Er stieg aus seinem Wagen und ich visierte die Türe an. Meine Hände zitterten nur leicht und durch das Zielfernrohr wirkte es, als stünde ich direkt vor dem Hauseingang. Da stieg Nintau die Stufen hinauf und trat in den Bereich meines Visiers. Sein Kopf wirkte riesig, er trug eine Brille. Nintau kramte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und zuckte mit der Oberlippe. Die Mündung des Gewehrs lag auf einem Ast und ich drückte es gegen meine Schulter. Ich atmete tief ein, hielt die Luft an und versuchte ganz, ganz ruhig zu bleiben. Nintau steckte den Schlüssel in das Schloss der Haustüre und drehte ihn, da drückte ich ab und traf ihn unter dem rechten Ohr. Nintau flog zu Boden, sein Kopf war nicht mehr zu erkennen und die enorme Durchschlagskraft hatte sogar in der Türe ein Loch entstehen lassen. Der Rückstoßschmerz in meiner Schulter war nur gering und ich blendete ihn aus. Hastig klappte ich das Gewehr zusammen. Es hakte ein-, zweimal, ließ sich nicht mehr abknicken. Was war denn los? Irgendetwas klemmte! Die Zeit rannte! Ich musste weg! Kurzerhand schob ich das lange Gewehr in den Rucksack. Der Lauf der G22 stach wie ein Fahnenmast heraus. In meinem Ohr pfiff es laut, als ich vom Ast sprang. Ich sah Lichter in mehreren Häusern und lief gebückt neben den Gartenzäunen so schnell es ging davon. Der hohe Ton wollte einfach nicht aus meinem Ohr verschwinden, dafür machte ich mich umso schneller vom Acker. Hoffentlich war der Gewehrlauf nicht zu auffällig. Nach zwanzig Sekunden erreichte ich den Romaneenart Park und suchte dort Schutz hinter einer Hecke. Anwohner strömten langsam aus den Häusern, blickten auf Nintaus Haus und schrien entsetzt auf. Manche deuteten auch auf den Park und ich rannte davon. Im Schatten der Büsche. Als ich das Grün wieder verließ, drehte ich mich noch einmal um.
Da war niemand. Kein Mensch war mir gefolgt. Ich schritt ruhig zu meinem Hotel. Nur wenige Autos und Passanten begegneten mir, in der Ferne hörte ich Sirenen und ich versuchte stets kleine, enge Seitengassen zu benutzen. Schon sehr bald fand ich mich vor dem bescheidenen, schlecht beleuchteten Eingang meines Hotels wieder. Von Außen wirkte es wirklich nicht sehr ansprechend. Auf beiden Seiten der Pforte wuchsen Stauden aus dem Boden, die am Tage automatisch gewässert wurden.
In dem hellen Foyer würde der Lauf des Gewehres, der noch aus meinem Rucksack spähte, aber sofort auffallen. Ich warf den Rucksack kurzerhand zwischen das Gewächs neben dem Eingang und lief die Treppen hoch zu meinem Zimmer. Erschöpft leerte ich dort meinen Koffer aus und warf die Kleidung ungeordnet aufs Bett. Den leeren Koffer trug ich wieder nach unten. Freundlich nickte ich der Empfangsdame zu, als ich die Eingangshalle durchquerte. Der Schein des Lichts war auf eine ganz besondere Weise unangenehm und ich war froh, als ich das Gebäude verlassen hatte. In meinem eigenen Schatten erkannte ich meinen Rucksack zwischen den Sträuchern nicht mehr und trat aus Versehen auf ihn. Es knackte und ich hörte Stimmen, die langsam näher kamen. Ich bückte mich, machte mich winzig klein. Unter mir lag mein Rucksack mit dem Scharfschützengewehr und daneben mein leerer Reisekoffer. Ich duckte mich in eine unbequeme Position, in der ich locker selbst in den Koffer gepasst hätte. Ein junges Paar schlenderte angetrunken auf dem Bürgersteig. Der Mann stützte seine Freundin, sprach ihr etwas Unverständliches zu, doch sie stolperte über ihre eigenen Beine und fiel hin. Sie landete mit den Knien und den Handgelenken unsanft auf dem Betonpflaster. Ich vergrub meinen Kopf und schloss meine Augen. So konnte ich nur hören, wie die Frau in gepflegtem, aber alkoholbedingt zähem Englisch sagte: „Hey, what´s lying over there?“
Ihr Freund half ihr beim Aufstehen und tat sich bei den Worten „Nothing. Doesn´t matter. Let´s go to the room“ ausgesprochen schwer. Doch es reichte aus, um die betrunkene Frau in die Empfangshalle des Hotels zu schleppen.
Mir hing immer noch mein Unterkiefer bis zum Bauchnabel, als ich, fast ohne mich zu bewegen, den Reißverschluss des Koffers öffnete und den Rucksack darin verschwinden ließ. Mit dem verschlossenen Koffer sprang ich auf, klopfte mir schnell die Erde aus der Hose und hüpfte über die Granitstufen in das Hotel. Ohne an die Rezeption zu blicken rollte ich den Koffer zum Aufzug und wartete dort auf den Lift.
Wieder in meinem Zimmer angekommen fiel mir ein, dass ich den Brief, den ich bekam, noch nicht vernichtet hatte. Ich zerriss das Foto und den dazugehörigen Steckbrief in zig kleine Fetzen und spülte einen Teil in der Toilette und den anderen Teil im Waschbecken hinab. „Ich hätte das schon vorher tun sollen“, murmelte ich vor mich hin. Da fiel mir mein nächster, viel schlimmerer Fehler ein. Meine blaue Kappe lag noch auf dem Dach des Firmengebäudes in der Sam Yot! Ich muss so in Gedanken gewesen sein, dass ich sie einfach dort vergessen hatte. Verdammt!
Aber auf dem Dach findet es so schnell keiner und außerdem habe ich von dort oben gar nicht geschossen. Es war eine typische, unbestickte Kappe aus China, wie sie überall in Deutschland und auch vielen anderen Ländern zu kaufen war. Die Haare, die man dort finden könnte, würden mir nicht so schnell, wahrscheinlich sogar nie zugeordnet werden können. Oder?
„Egal“, sagte ich mir. „Wer viel Angst hat, muss sich nur viel fürchten.“ Ich wollte das Gewehr wieder im Schrank verstecken und montierte dazu die Rückplatte ab.
Zu meiner Überraschung fand ich darin ein Flugticket nach Deutschland für den nächsten Tag.
„Gut, dass ich noch keines beordert habe.“ Mit einem zufriedenen Grinsen legte ich es auf den Tisch und stellte den Koffer mit der G22 in das geheime Schrankfach. Auch das Feuerzeug legte ich zurück. Dann schraubte ich die Platte mit meinem Taschenmesser wieder davor.
Ich stellte mir einen Wecker und legte mich schlafen, nachdem ich alles in den Koffer packte, was nicht mehr von mir benötigt wurde. Am nächsten Morgen checkte ich dann spät aus dem Hotel aus, um möglichst kurz am Flughafen warten zu müssen.
Jetzt sitze ich im Flieger nach München und tippe diese Mail. Neben mir sitzt ein verliebtes italienisches Pärchen, das nicht den Eindruck macht, als könnte einer der beiden lesen was ich in mein Smartphone schreibe, wenn sie es überhaupt sehen würden. Zu meiner anderen Seite ziehen Wolken vorbei. Ein Bild, das mich wohl auch noch die nächsten sieben der insgesamt zehn Flugstunden begleiten wird.
„Zehn Stunden dauert der Flug von Bangkok nach München“, sagte Lara zu ihrer Katze, die nur kurz mit den Ohren zuckte und sich im gemütlichen Schlaf auf der eigens für sie gekauften Wolldecke nicht weiter stören ließ. Dann verzog Minka unruhig den Mund, als das nervige Tippgeräusch durch den Raum klapperte. Lara suchte etwas im Internet.
„A ha“, sagte sie. „Wenn es bei uns zwölf Uhr mittags ist, dann ist es in Bangkok gerade nachmittags um fünf. Das heißt, jetzt schlafen die schon alle. So wie du, Minka!“ Die Katze zuckte wieder nur kurz und döste danach gleich weiter.
Stille Sekunden flogen durch den Raum.
Lara saß noch in Trance auf ihrem Drehstuhl, überlegte weiter.
„Was mir nicht so richtig in den Kopf gehen möchte“, begann sie zu sich selbst zu sprechen. „Wieso schreibt dieser Mann ein... Ein Tagebuch als E-Mail an eine... Vermutlich an eine Zweitadresse? Ein sentimentaler, nachdenklicher Auftragskiller? Täusch´ ich mich? Da sind doch Fehler und Komplikationen schon vorprogrammiert. Wieso macht er das? Oder ist es doch nur Spam? Nein, da möchte jemand sein Tun dokumentieren, nicht vergessen. Aber zu Zeiten, in denen staatliche Sicherheitsbehörden fast überall mitlesen könnten, scheint das nur noch dumm.“
Die Antwort konnte Lara freilich nur erahnen. Ausmalen, so wie die Mail, die sie sich in ihren Kopf saugte, konnte sie sie aber nicht.
Lara in der Arbeit. Donnerstag Vormittag.
Ingrid stand von ihrem Stuhl auf und ging aufs Klo. Lara konnte nicht wissen, ob es ein größeres oder doch nur ein kleineres Geschäft werden würde und so war ihr Zeitfenster womöglich stark limitiert. Auch Daniela war nicht in ihrem Büro. Sie lief kurz zu einem Bäcker, um sich ein zweites Frühstück zu kaufen. Leise und auf Unauffälligkeit bedacht schlich Lara in Danielas Zimmer. Sie spürte, wie ihr Blut vor Anspannung stärker durch die Adern gepumpt wurde.
Und sie wusste rein gar nicht, was sie sagen sollte, wenn sie jemand erwischte.
Aber sie wusste, dass Daniela täglich ihre Pille konsumierte.
Und eben diese Packung lagerte ungeschützt im zweiten Schub ihres Büroschreibtisches. Langsam zog Lara ihn auf, nahm leise die Tabletten heraus und notierte sich Hersteller- und Produktnamen neben einer exakten Zeichnung des Musters aller entnommenen Tabletten auf einem kleinen Zettel.
„Zweiter Schub“, kritzelte sie mit verbaler Begleitung darunter, dann legte sie die Tabletten sorgsam zurück und schob sich Zettel und Stift wieder in die Hosentasche.
„Suchst du was?“ Daniela stand in der Tür und biss in ein Croissant.
„Was?“ Es schoss aus Laras Mund wie ein ausgelöster Airbag und sie bekam kurzzeitig keine Luft mehr.
„Suchst du was?“, wiederholte sich Daniela und sie lächelte wie eine ganze Kindergartengruppe beim Fotografen.
„Ja. Ja, ich habe was gesucht. Hat sich schon erledigt.“
„Na gut“, meinte Daniela und Lara hasste sie für diese frohe, stets sympathische Art. Wenigstens war sie naiv.
„Sag mal, wusstest du dass Margarete schwanger ist? Schon ziemlich lange sogar!“
„Was?“
„Wusstest du dass Margarete...“
„Ich hab schon verstanden!“
„Ach so. Wusstest du es nicht?“
Laras Wohnung. Feierabend nach einem langen Behördentag
Die Spiegeleier waren gegessen, da kroch die Katze zum ersten Mal aus einem Zimmer und trat in Laras Sichtfeld.
„Das glaubst du nicht! Das willst du wahrscheinlich gar nicht hören!“ Sie schrie laut, aber Minka hörte nichts. Denn Lara schrie es in sich hinein.
„Margarete ist schwanger! Und ich dachte immer, die würde sich an meine Figur anpassen.“
Margarete war eine weitere Arbeitskollegin von ihr und bediente die Kunden direkt am Schalter.
Lara gab ihr Besteck in die Spülmaschine und schaltete sie ein. Konsterniert nahm sie auf dem alten, breiten Sessel in ihrem Zimmer Platz und drehte sich zu ihrer Katze, die es sich schon wieder auf ihrer Decke bequem gemacht hatte.
„Und sie wird in Mutterschutz gehen. Es war schon lange bekannt, aber mir hat natürlich niemand etwas gesagt. Margaretes Mutterschutz naht. Weißt du was das heißt? Du müsstest dir ja eigentlich denken können, was das heißt, Minka. Der Posten am Schalter wird frei. Also der Platz, den ich schon immer wollte! Dort, wo ich gesehen werde! Gesehen werden würde!“ Laras Katze stand von ihrer Wolldecke auf und trabte gelangweilt aus dem Zimmer. Doch Lara machte schnell die Türe zu.
„Hiergeblieben! Ich bin noch nicht fertig! Seit drei Jahren arbeite ich im Landratsamt!“ Lara diskutierte nach wie vor nur in ihrem Kopf. Sie sprach nicht und Minka konnte sich gar nicht erklären, weshalb ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde. Eingeschüchtert kauerte sie sich auf eine andere Decke in der Nische neben dem Kleiderschrank.
„Seit drei Jahren! So, und Daniela seit ein paar Wochen. Das kann doch der Kratzinger jetzt nicht wirklich bringen, dass er die Daniela an den Schalter setzt. Oder?“ Sie nahm auf ihrem Sessel Platz und starrte zu Boden.
Es war alles Grau. Ihre Gedanken und ihr Leben.
„Scheißdreck. Wie er Daniela heute beobachtet hat, wie er mit ihr gesprochen hat. Das wirkte schon fast wie ein Eignungstest. Mit mir hat er so was nicht gemacht! Pech, bin halt zu hässlich für direkten Kundenkontakt. Verflucht!“ Verbissen ließ sie ihre Wangenmuskeln spielen und verzog kurz ihre Nase. Gehässig hackte sie weiter auf Daniela herum.
Aber nun sprach sie laut.
„Wie ich sie hasse. Nervige Schlampe. Die kommt her, sieht gut aus, macht in ein paar Wochen vieles gut, ja klar und schon liegen ihr alle zu Füßen. Es wird Zeit, dass sich die Fehler, die ich ihr untergeschoben habe, bemerkbar machen! Dann wird meine jahrelange Leistung wieder anerkannt. Kontinuität wird doch sonst immer so stark bewertet! Perverse Welt. Notgeile Welt!“
Ihr kalter Blick schlich langsam über den Schreibtisch.
„Heute habe ich einen Hefter voll mit Akten aus ihrem Schrank verschwinden lassen. Und ich mache währenddessen einfach ruhig und zuverlässig meine Arbeit und hoffe, dass der Kratzinger mit geöffneten Augen durchs Leben geht. Nicht zu weit geöffnet, sonst erkennt er meine Messerstiche oder würde von Danielas Äußerem geblendet werden. Er soll doch einfach nur Erfahrung anerkennen. Das Recht des Älteren ins Spiel bringen!“
Minka hatte sich mittlerweile unbemerkt versteckt, aber Lara erklärte ihr weiterhin in hartem, aber nicht zu lautem Ton ihre Ideen.
„Ich habe auch schon überlegt einfach den Kontakt ihres Bürotelefons mit einem Klebestreifen abzukleben. Dann hätte der Apparat geklingelt, aber sie hätte nach dem Abheben nichts gehört. Kein Wort!“ Lara lachte hinterhältig, grinste schief. „Das habe ich mich dann aber doch nicht getraut. Es wäre zu auffällig gewesen. Was mich aber schon noch reizen würde, wäre ein... Ein Abführmittel. Es müsste am besten nächste Woche irgendwie in ihren Kaffee gelangen. Wenn ich dann im Urlaub bin, wird sie noch mehr Aufgaben zu erledigen haben. Und denen wird sie dann nicht mal ansatzweise nachkommen, weil sie die meiste Zeit auf der Toilette verbringen wird. Diabolisch aber gut. Oder? Im Gegensatz zu ihrem Darm würde sie einen regelrechten Produktionsstau verursachen.“
Erschöpft, traurig und verzweifelt richtete sich Laras Blick nach ihren Tiraden auf die Wand vor ihr. Sie schloss bedrückt die Augen und betrachtete sich selbst in ihren Gedanken vom Türeingang aus. Sie sah sich auf dem mächtigen Sessel sitzen, klein und hässlich. Sie sah ein fürchterliches Weib, das nichts besonderes war und aus dieser Grundlage heraus besonders hässliche Dinge an besonders netten Menschen verübte und zu verüben plante. Ihr zweites, gedankliches Ich packte den klobigen Monitor ihres Computers und schmetterte ihn schreiend gegen die Wand. Es krachte laut, gebrochenes Plastik und Scherben übersäten mit bunten Leitungen das Bett. In der Wand prangerte eine Delle, groß wie ein Suppenteller. Es zermürbte ihr gedankliches Ich sich selbst so zerstört und verzweifelt zu sehen. Aber die Wut, die ihre Gedanken kreierten, die sie zum lautlosen Echauffieren brachten, wurde eben auch nur gedanklich in Aggression übersetzt. Nur die Worte formten die Realität.
Wie ausgestopft saß sie auf dem Sessel und starrte in die Luft. Nur ein Bein ihrer Katze spitze noch hinter dem Schrank hervor und im Hintergrund grummelte die Spülmaschine monoton, wurde plötzlich abrupt, aber nur kurz, lauter und riss sowohl Minka als auch Lara aus deren Träumen und Illusionen.
„Komm her, Minka.“ Sie klopfte auf ihre Oberschenkel, bis sich die Katze auf sie zubewegte und darauf sprang. Lara streichelte ihr Haustier liebevoll und zärtlich.
„Wir könnten auch mal eine dieser Mails beantworten und einen Steckbrief von Daniela anhängen.“ Sie grinste erheitert und Minka leckte sich ignorierend ihre linke, weiße Pfote, um sich damit als nächstes schnurrend den Kopf zu putzen.
„Na ja“, sagte Lara. „Guten Morgen mein Liebster“, fügte sie an und weckte ihren Rechner aus dessen Traum.
„Tatsächlich. Da ist schon wieder eine neue Mail. Minka, ich lese sie dir gleich vor.“ Ihre Katze döste schon wieder vor sich hin.
„Ach. Ich les´ einfach leise für mich selbst.“
Leise schaukelten die hohen Birken im sanften Wind. Ihr Geäst schwankte darin, wie die Flügel der Vögel, die darüber hinweg zogen und ich ergötzte mich an der farbenfrohen Pracht des Lenz, der gerade dabei war, sich mit dem Sommer zu bekleiden. Kein einziger Schatten lag auf der Wiese, die in sattem Grün erstrahlte, in das sich an manchen Stellen weiße Flecken mit Gänseblümchen mischten.
Lara musste laut lachen und ihre Katze erwachte ängstlich.
„Ist das immer noch dieser Killer? Der schreibt ja wie ein Romantiker, wie ein Poet!“
