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"Mit den Worten und Geschichten ist es wie mit Katzen. Sie kommen nicht zu dir, nur weil du sie rufst und willst, dass sie kommen. Sie sind eigenwillige Wesen. Du kannst ihnen zart die Hand hinstrecken und versuchen, sie behutsam in deine Nähe zu locken oder besser noch sie bezirzen, dich in ihrer Nähe zu akzeptieren. Aber, anders als Hunde, lassen sich Katzen nicht abrichten, nicht dressieren, nicht wirklich zähmen. Und so ist es eben mit Worten auch. Mit den richtigen jedenfalls. Mit denen, mit denen man zaubern kann." Mit diesen Worten erklärt Catharina ihrer kleinen Freundin Marie, die sich für alles interessiert, was mit Worten und Sprache zu tun hat, warum es ihr manchmal schwerfällt, die richtigen Worte für eine Geschichte zu finden. Catharina, eine alleinstehende ehemalige Lehrerin, liebt die Nachmittage, an denen das Nachbarskind sie besuchen kommt, genau wie die neunjährige Marie selbst. Doch die ältere Frau muss sich zusehens eingestehen, dass die Begegnungen mit Marie immer wieder Erinnerungen in ihr wecken, die sie lange versucht hat zu verdrängen. Ella und Mariella sind ein ebenso glückliches wie ungleiches Paar, dessen Gegensätze sich anziehen und ergänzen. Doch dann trifft Ella eine Entscheidung, die alles verändert. Wie weit dürfen wir gehen, um die zu beschützen, die wir lieben? Dann ist da noch Martin: Martin, der eine Zeit lang mit Catharina verheiratet war. Wenn sie einander liebten und die Freiheit gaben, die jeder von ihnen brauchte, warum war ihre Ehe dennoch nicht von Dauer? Wie hängen die Fäden, die Catharina und Marie mit Martin, Ella und mit Mariella verbinden, zusammen? Und wie lassen sie sich entwirren? Dies ist die Geschichte außergewöhnlicher Freundschaften, langjähriger Geheimnisse und dem komplizierten Verhältnis von Wahrheit und Lüge. Es ist eine Geschichte vom Leben und Sterben, vom Weinen und Lachen, von Worten und vom Schreiben – und die Geschichte einer großen Liebe.
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Annah Fehlauer
Worte wie wir
Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Erster Teil 2001
...1...
...2...
...3...
...4...
...5...
...6...
...7...
...8...
...9...
...10...
...11...
Zweiter Teil 1989
…12...
…13...
...14...
...15...
...16...
...17...
...18...
...19...
...20...
...21...
...22...
...23...
...24...
...25...
...26...
...27...
...28...
...29...
Dritter Teil 2009
...30...
...31...
...32...
...33...
..34...
...35...
..36...
...37...
...38...
Vierter Teil 2016
...39...
...40...
...41...
...42...
...43...
...44...
...45...
...46...
...47...
...48...
...49...
...50...
...51...
Epilog 2017
Impressum neobooks
als wa noch kleen warn
warn wa janz groß
als wa noch kleen warn
war jederzeit wat los
als wa noch kleen warn
warn wa zwei freche Dachse
als wa noch kleen warn
warn wa immerzu uff Achse
jetzt stehste da
und fragst mir stumm
wann dit allet war
ick seh dir an
und frag mir stumm
ob dit schon allet war
„Worte wie weiche Watte.“
„Worte warm wie Wollhandschuhe.“
„Wärmende Worte wie wollige Wolkenschafe.“
„Wolkenschafe, das gefällt mir“, Marie kicherte und verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Wolkenschafe und Wolkendrachen. Gestern habe ich sogar einen Wolkenwal gesehen und vorgestern einen Wolkenbären, die sind selten.“
Catharina sah das Mädchen von der Seite an und war, wie so oft, tief berührt von der außergewöhnlichen Ausstrahlung des Kindes. Marie war vielleicht nicht schön im herkömmlichen Sinn, doch mit ihren großen wachen Augen strahlte sie eine Ernsthaftigkeit und zugleich Lebendigkeit und Neugier aus, die die ältere Frau als wunderschön empfand.
„Das stimmt, Wolkenbären bekommt man eher selten zu sehen. Zumindest hierzulande.“ Marie sah kurz auf und zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Na, du weißt doch“, fuhr Catharina fort, „der Himmel sieht überall unterschiedlich aus. Und ich war schon in Ländern, da sind Wolkenbären durchaus öfter zu sehen.“
Marie beugte sich wieder leicht vornüber, um den Apfel zu schälen und wirkte zufrieden. „Wummelige Würstchen wollen wir wieder.“
Catharina schmunzelte.
„Wummelig, sehr schön. Kann ich mir das so vorstellen wie Wiener Würstchen, die schon einmal erhitzt wurden, wieder abgekühlt sind und dann so faltig aussehen?“
„Ja, genau so. Wummelig eben“, Marie schaute aufmerksam zu ihr hinüber. Catharina nickte anerkennend und schälte auch ihren Apfel mit ruhigen Bewegungen weiter. Eine recht lange Apfelschalenschlange hing bereits herunter. Mit ein wenig Konzentration gelang es fast immer, den Apfel so zu schälen, dass die Schale eine einzige lange Schlange bildete. Ihre Mutter hatte die Äpfel meist so geschält, und sie hatte es sich ebenfalls angewöhnt. Das war, abgesehen von ihrem Namen, vielleicht das einzige, was sie von ihrer Mutter übernommen hatte. Marie war ganz versessen darauf, es ebenso zu tun. Doch die Natur des Mädchens machte es ihm manchmal schwer, die nötige Geduld dafür aufzubringen. Oft war sie zu ungeduldig und schälte zu hastig. Dann biss sie sich auf die Lippen, wenn die Schale abriss, um zu verhindern, dass ihr ein Fluch entwischte. Denn sie wusste, dass Catharina das nicht mochte. Bei ihrer Mama passte sie nicht so sehr auf, was ihr über die Lippen kam. Mama war es nicht so wichtig, wie sie redete. Aber mit Mama spielte sie auch keine Wortefindespiele.
Dieses Mal war es ihr mühelos gelungen, den Apfel bereits zu zwei Dritteln zu schälen. Vielleicht war es eben die Konzentration auf das Wortefindespiel, die sie zu einer gewissen Ruhe verleitete. Mit ungewöhnlich ruhigen Bewegungen schälte sie weiter.
Catharina mochte diese Tage sehr, an denen Marie nach der Schule für ein oder zwei Stunden bei ihr vorbeischaute. Für Maries Mutter waren diese Tage eine große Erleichterung. Sie arbeitete an diesen Tagen länger und musste sich keine Gedanken darüber machen, ob ihre Tochter mit ihren neun Jahren wirklich alt genug war, um den Mittag und Nachmittag alleine zuhause zu verbringen.
Und Marie? Marie liebte diese Tage. Catharina schien sich jedes Mal aufrichtig zu freuen, wenn sie ihr die Tür öffnete. Anders als Mama, die oft müde war, wenn sie von der Arbeit kam. Was Marie verstehen konnte, denn Mamas Arbeit schien anstrengend zu sein. Dennoch genoss sie es, von Catharinas freundlichem Gesicht begrüßt zu werden.
Catharina ließ ihr Ruhe. Wenn sie wollte, konnte sie ihr aus der Schule erzählen. Von der blöden Deutschlehrerin, Frau Dr. Otterpohl, oder von ihrer Freundin Lou. Aber wenn sie keine Lust dazu hatte, beließ es Catharina dabei. Sie stellte dann nicht immer weiter Fragen, so wie Mama es oft tat. Sie sagte ihr auch nicht, wann sie ihre Hausaufgaben zu erledigen habe. Sie fragte auch selten direkt nach ihnen. Meist erklärte sie lediglich nach ein oder zwei Stunden, dass sie selbst nun dies oder jenes zu tun hätte und dass Marie ja möglicherweise auch noch etwas zu tun hätte.
„Warum klingt das eigentlich schöner, wenn die Worte alle mit dem gleichen Buchstaben anfangen, als jedes mit seinem eigenen? „Worte wie bunte Papierflieger“ klingt nicht so schön wie „Worte wie wollige Wolken“.“ Die typischen kleinen Grübelfältchen kräuselten Maries Stirn, wie immer, wenn sie angestrengt über etwas nachdachte.
„Ich bin mir gar nicht so sicher, dass das unbedingt immer schöner klingt. Aber ich kann mir vorstellen, dass unser Ohr sich freut, wenn es die Klänge wiedererkennt, so ähnlich wie ein Echo. Möglicherweise ist das ein Grund dafür, dass dir – und vielen anderen Menschen – Worte wie wollige Wolken gut gefallen.“
Marie nickte bestätigend.
„Es gibt aber auch viele Menschen, denen es besonders gefällt, wenn sie etwas Ungewöhnliches hören, die also nicht unbedingt das Vertraute mögen, sondern das andere, weniger Vertraute.“
„Du meinst also, es gibt auch Menschen, die „Worte wie bunte Papierflieger“ schöner finden?“, hakte Marie nach.
„Ja, so in der Art. Vielleicht sogar noch Ungewöhnlicheres, wie etwa „Worte wie zerstaubte Papierflieger“.“
Marie sah Catharina etwas skeptisch an.
„Zerstaubte Papierflieger“? Was soll denn das sein? Gibt es das Wort „zerstaubt“ überhaupt?“
Catharina schmunzelte: „Naja, wenn du mich als ehemalige Deutschlehrerin fragst: In einem Aufsatz hätte ich das Wort „zerstaubt“ wohl angestrichen, leider, möchte ich fast sagen. In einem Gedicht hätte ich mich darüber gefreut. Im Wörterbuch würde man es vergeblich suchen.“
Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Aber findest du nicht, dass man sich trotzdem etwas darunter vorstellen kann?“
„Hmm. Doch, schon. Ich stelle mir so einen ganz kaputten Papierflieger vor, einen, der schon lange nicht mehr fliegen kann.“
„Und was stellst du dir unter „Worten wie zerstaubte Papierflieger“ vor?“
Marie zog die schmalen Schultern ein wenig in die Höhe und ließ sie wieder fallen.
„Weiß nicht genau, irgendwie so was wie alte Worte, ein bisschen so wie mein zerfleddertes Deutschbuch.“
Catharina lachte kurz auf. „Mir geht es ganz ähnlich, ich denke an Worte, die irgendwie ein bisschen langweilig sind, abgenutzt und ein bisschen stumpf wie ein altes Taschenmesser.“
Marie sah sie voller Anerkennung oder Stolz an und Catharina dachte kurz, sie habe diesen Gesichtsausdruck mit ihrem Vergleich zu zerstaubten Papierfliegern im Mädchen hervorgerufen.
„Demut“, dachte sie, „wir sollten uns in Demut üben, auch ich, wenn ich wieder einmal denke, nun habe ich jemandem zu einer Verstehensleistung verholfen“, als sie sah, wie Marie die Apfelschale – in einer einzigen langen Schlange – vorsichtig vor sich hin und her baumeln ließ, bevor sie sie auf den Teller gleiten ließ.
Catharina, die in der Zwischenzeit mehrere weitere Äpfel von ihrer Schale befreit hatte, begann nun, die Äpfel zu halbieren, das Kerngehäuse zu entfernen und die Apfelhälften einzuschneiden, um sie für den Belag des Kuchens vorzubereiten. Sie hatte früher nie gerne Kuchen gegessen. Diese Leidenschaft hatte sie erst durch Marie entwickelt, die Apfelkuchen über alles liebte, am allermeisten selbst gebackenen. Pflaumen- und Kirschkuchen belegten die Plätze zwei und drei der Marie-Brandnerschen-Rangliste, weshalb es ein fester Bestandteil der Marie-Catharina-Tag-Zeremonie geworden war, mindestens jede zweite Woche, meistens jedoch jede Woche, während der gemeinsamen Stunden und Küchengespräche einen Kuchen zu backen. Marie durfte den Löwenanteil des Kuchens dann meist mitnehmen und in der Klasse oder beim Hockey-Training verteilen. An manchen Tagen behielt auch Catharina einen größeren Teil, um ihn ihren Nachhilfeschützlingen anzubieten.
Als Marie, wie üblich hüpfend, die zwei Treppenabsätze nach unten genommen hatte und längst wieder zu Hause war, war Catharina noch damit beschäftigt, die Überreste ihres gemeinsamen Nachmittags aufzuräumen. Dabei ließ sie einzelne Teile des Nachmittags noch einmal Revue passieren. Bei der Erinnerung an Maries Erfindungsreichtum schmunzelte sie unwillkürlich. Wummelige Würstchen... Wolkenwale, Wolkendrachen und Wolkenschafe. Irgendwo, weit in den Tiefen ihres Gedächtnisses vernahm sie dabei den Widerhall einer Gedichtzeile. Oder war es ein Liedtext gewesen? Natürlich, das war es. Nun kam auch die Melodie Ton für Ton zu ihr zurück, und leise summte sie die Zeilen, die aus den Untiefen ihrer Erinnerung an die Oberfläche drangen. Mit dir würd’ ich glatt über den Eissee geh’n, jederzeit mit dir Wolkenschafe stehl’n, dem Meer auf den Grund geh’n und dir auf den Leim, ans andere Ende der Welt, nie zurück....
Bis dahin kam sie noch, doch der Rest des Textes blieb verschollen. Nun, das war wenig verwunderlich. Wie lange war es jetzt her, dass sie das Lied zum letzten Mal gehört hatte? Sie rechnete nach.... zehn Jahre? Viel verwunderlicher war, dass sie die Stimme, die das Lied gesungen hatte, nach all diesen Jahren noch immer so deutlich hören konnte. Da sang sie, mitten in ihrem Kopf.
Catharina schüttelte, halb lächelnd, halb unwillig den Kopf über sich selbst und brachte den Nachhall der singenden Stimme zum Verstummen, indem sie das Radio anstellte. In den nächstbesten Song, der gerade gespielt wurde, stimmte sie kraftvoll mit ein.
„Hast du denn eigentlich noch nie gelogen?“, Marie sah aufmerksam zu Catharina hinüber, die gerade dabei war, Zwiebeln zu schneiden.
Catharina zögerte einen Augenblick, bevor sie antwortete. Sollte sie die Wahrheit sagen? Sie verhedderte sich in ihren Gedanken. Nicht, dass sie gezweifelt hätte, ob Marie die Wahrheit zuzumuten wäre. Marie würde es zweifelsohne verkraften zu hören, dass auch ihre verehrte Catharina nicht frei von Fehl und Tadel war.
Das war es nicht. Nein, Catharina war unsicher, ob sie der Frage, die nahezu zwangsläufig als nächstes gestellt werden würde, gewachsen wäre. Die Frage, warum und in welcher Situation sie gelogen habe. Welchen Inhalt die Lüge gehabt habe.
Doch die Frage zu verneinen würde bedeuten, Marie zu belügen. Und wie Marie sehr gut wusste, und Catharina ebenso, war Catharina im Grunde ihres Herzens eine heißblütige Verfechterin der Wahrheit.
„Doch, ich habe schon gelogen.“ Catharina sprach die Worte bedächtig aus, halb in der Hoffnung, Marie wäre zu sehr mit Malen beschäftigt, um sich wirklich für ihre Worte zu interessieren, halb in der Gewissheit, dass Marie weiter nachfragen würde.
„Und warum sagst du dann, dass Lügen nicht gut ist?“ Maries Frage lautete ein klein wenig anders als erwartet, lief aber dennoch in eine Richtung, die der vorhergesehenen gefährlich ähnlich war.
Diesmal zögerte Catharina noch länger. Sie schnitt die Zwiebel in äußerst feine Stücke und wischte sich anschließend etwas umständlich die Finger an der gestreiften Schürze ab, bevor sie antwortete.
„Weil ich mir nicht sicher bin, dass es richtig war, zu lügen.“
Catharina sagte die Wahrheit. Sie gestand sich mit diesen Worten etwas ein, was sie jahrelang versucht hatte, vor sich selbst zu verbergen. Sie zweifelte. Sie zweifelte immer wieder daran, ob die Entscheidung, damals zu lügen, wirklich richtig gewesen war. Oder einer der größten Fehler ihres Lebens.
„Und weil ich denke, dass die Wahrheit stärker ist als die Lüge. Lügen machen das Leben grau.“ Da war es. Sie hatte es gesagt, ohne weiter nachzudenken.
„Und einsam. Lügen macht einsam.“
„Bist du einsam?“, Marie zog fragend die Augenbrauen hoch.
Catharina riss sich aus den eigenen Gedanken zurück, warf ihren Kopf nach hinten und antwortete: „Nein. Ich hab doch dich! Und Jule.“ Als wisse sie genau, dass von ihr die Rede sei, strich die Katze ihr in diesem Augenblick um die Knie, offensichtlich bereit für eine Streicheleinheit.
Marie kicherte ein wenig, erhob sich von der Küchenbank, schlenderte zur Anrichte und schmiegte sich schließlich an Catharinas Seite. Nachdenklich schob sie ein paar Zwiebeln auf dem Brett umher.
„Und wenn ich nicht da bin?“, im Tonfall des Mädchens schwang etwas Sorge mit. „Ich bin doch nur zweimal die Woche da.“
„Auch wenn du nicht hier bist, geht es mir gut, meine Süße“, bei diesen Worten legte Catharina den Arm um das Mädchen und drückte sie kurz.
„Also ist dein Leben nicht grau, weil du fast immer die Wahrheit sagst“, Marie nickte zufrieden.
„Und als du gelogen hast, hattest du da etwas ausgefressen?“, die kleinen Grübelfalten erschienen erneut auf ihrer Stirn.
Catharina spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.
„Nein, Marie. Ich hatte nichts ausgefressen. Es war eher eine Art Notlüge. Ich wollte jemandem damit helfen.“ Und ich hoffe zutiefst, dass es tatsächlich geholfen hat. Wie unser Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich nicht gelogen hätte?
„Mama sagt, Notlügen sind ganz okay. Sie meint, es gibt schwarze Lügen und graue und weiße. Die weißen sind die Notlügen. Schwarz ist, wenn man was Schlimmes angestellt hat und es nicht sagt oder wenn man über jemanden petzt, obwohl der gar nichts gemacht hat. Was die grauen sind, weiß ich nicht mehr genau.“
„Tja weißt du, und genau da bin ich mir nicht mehr sicher, Marie. Ich dachte lange Zeit auch, Notlügen sind zur Not in Ordnung, sind sozusagen weiße Lügen. Wenn es zum Beispiel wirklich darum geht, jemandem zu helfen. Heute weiß ich es nicht mehr so recht.“
„Wem wolltest du denn eigentlich helfen? Deinem besten Freund?“
Nein, den habe ich benutzt für meine Lüge, Catharina spürte einen Stich in der Brust. „Nein, nicht meinem besten Freund. Aber eine sehr gute Freundin.“
„Deine beste Freundin?“
„Ich hatte eigentlich immer einen besten Freund anstelle einer besten Freundin. Aber ja, so ähnlich wie eine beste Freundin war sie.“ So viel mehr als das.
„Und was hat sie angestellt, dass du ihr helfen und für sie lügen musstest?“
„Ich habe nicht für sie gelogen, sondern sie war diejenige, die ich angelogen habe.“
„Aber sie war doch deine beste Freundin, oder sowas in der Art halt. Wieso hast du sie denn angelogen? Und wem wolltest du dann damit helfen?“
Catharina schluckte.
„Ich habe sie angelogen, weil ich ihr helfen wollte. Ich dachte, sie sei dabei, einen großen Fehler zu machen. Und ich habe gelogen, damit sie diesen Fehler nicht macht. Danach habe ich sie nie wieder gesehen. Ich weiß also nicht, ob meine Lüge ihr wirklich geholfen hat. Ich nehme es ganz fest an und ich hoffe es, weil sie mir sehr am Herzen liegt. Aber ich weiß es nicht.“
Abermals schluckte Catharina hörbar. „Und jetzt würde ich auch lieber nicht mehr weiter davon sprechen.“
Marie schwieg. Weil sie es an Catharina so mochte, dass sie sie in Ruhe ließ, wenn sie in Ruhe gelassen werden wollte, hatte sie sich angewöhnt, sich ebenso zu verhalten. Es fiel ihr spürbar schwer, nicht weiter nachzufragen nach den Hintergründen dieser Lüge und dieser ehemals besten Freundin, aber sie kam Catharinas Wunsch nach.
Catharina konzentrierte sich auf die nächsten Zubereitungsschritte für ihre und Maries Lieblingsspaghetti. Den Knoblauch schnitt sie in ebenso feine Stücke wie zuvor die Zwiebel, gab etwas Olivenöl in den Topf, ließ die Zwiebel dazu gleiten und begann, sie schonend zu dünsten. Als der Duft von in Olivenöl anschwitzenden Zwiebeln sich mit dem Duft des dazugegebenen Knoblauchs vermischte, schluckte Catharina wieder und versuchte, die Gedanken an damals wieder abzuschütteln. Wie ironisch, dass sie im Begriff war, ausgerechnet Nonna Annas apulische Tomatensoße zu kochen. Die Soße, die sie als einziges Erinnerungsstück all die Jahre in ihrer Nähe geduldet, ja zelebriert hatte.
„Du, Catharina?“
„Ja, Marie, was gibt’s“?
„Du magst doch Kinder?“
„Ja, ich mag Kinder sehr. Ich würde sogar sagen, ich liebe Kinder.“
„Aber du hast keine.“
„Nein, ich habe keine.“ Catharina war gerade dabei, Wasser für einen Tee aufzusetzen und fuhr mit langsamen Bewegungen fort.
„Wolltest du keine haben?“
„Doch, Marie, ich wollte eine Zeit lang sehr gerne Kinder haben. Eigene meine ich.“
„Und warum hast du dann keine?“
Auch ohne Marie anzusehen wusste Catharina, dass sich wieder einmal die liebenswerten Grübelfältchen auf Maries Stirn abzeichneten.
„Weißt du, Marie, es läuft im Leben nicht immer alles so, wie wir es uns wünschen. Schon gar nicht so, wie wir es planen. Aber wir können lernen, damit glücklich zu sein, wie die Dinge nun mal sind.“ Sie stellte den Wasserkocher zurück auf die Anrichte und schaltete ihn ein.
„Jetzt weiß ich aber trotzdem nicht, warum du keine Kinder hast.“
Marie schien zu zögern. Doch nach einer kurzen Pause sprudelte die nächste Frage dennoch aus ihr heraus: „Kannst du keine bekommen?“
„Das weiß ich nicht. Ich denke schon, dass ich welche hätte bekommen können, aber sicher weiß ich es nicht. Ich habe es gar nicht versucht.“
„Und warum nicht?“
„Weil es sich nicht ergeben hat.“
„Wie meinst du das?“
„In der Zeit, als ich gerne Kinder gehabt hätte und in einem Alter war, in dem man gut Kinder kriegen kann, war ich allein. Das Kind hätte also gar keinen Vater gehabt, und das wollte ich nicht. Außerdem wäre es mir seltsam vorgekommen, ein Kind von jemandem zu bekommen, den ich gar nicht liebe.“
„Aber das Kind hätte sehr wohl einen Vater gehabt. Jedes Kind hat doch einen Vater und eine Mutter“, Marie klang etwas entrüstet.
„Ja, da hast du recht, Marie. Aber ich meine, das Kind hätte keinen Vater gehabt, der da gewesen wäre, der Dinge gemacht hätte, die Väter eben tun, der das Kind auf seinen Schultern getragen und in die Luft geworfen hätte, der ihm einen Einkaufsladen zum Spielen gebaut hätte und mit ihm Drachen hätte fliegen lassen.“
„Aber das hättest doch alles du machen können“, gab Marie zurück.
„Das hätte ich vermutlich. Aber es kam mir damals eben seltsam vor, und so dachte ich: Das Leben wird mir schon zeigen, ob eigene Kinder für mich vorgesehen sind oder nicht.“
„Und bist du deswegen jetzt manchmal traurig, weil du keine Kinder hast?“
„Nein, Marie, traurig bin ich deshalb nicht. Jetzt erst recht nicht mehr.“
Sie tauchte für einen Augenblick in die Erinnerung ein.
„Es gab eine Zeit, da war ich deshalb immer mal wieder ein bisschen traurig. Oft dann, wenn Freunde oder Bekannte Kinder bekommen haben. Aber auch das hielt nie lange an, weil ich mir immer sagte, wir werden sehen. Und ich war – auch wenn ich gerne Kinder gehabt hätte – immer der Meinung, dass ich auch ohne Kinder glücklich sein könnte. Da hatte ich es besser als viele andere Frauen, aber auch Männer. Ich kenne viele Paare, die sich verzweifelt Kinder wünschen, aber keine bekommen können. Einige werden dabei so traurig, dass sie nicht einmal mehr Freude an einander haben, Und manche trennen sich dann sogar.“
„So wie Mama und Papa?“
„Ein bisschen, aber nicht ganz, da deine Eltern sich aus anderen Gründen getrennt haben. Sie hatten dich ja schon bekommen – zum Glück!!“
Catharina lächelte Marie an, und Marie strahlte bei diesen Worten zurück.
„Ja, zum Glück! Aber ich find’s trotzdem schade, dass du keine Kinder hast, dann könnte ich mit ihnen spielen.“
„Naja, wenn ich Kinder bekommen hätte, wären die jetzt allerdings wahrscheinlich schon ein ganzes Stück älter als du, eher so um die zwanzig.“
„Mit wem hättest du denn dann Kinder gemacht?“
„Wie gesagt, zu der Zeit, als ich mir am allermeisten Kinder gewünscht hätte, war ich allein. Aber eigentlich hätte ich gerne Kinder mit der Person gehabt, die ich am meisten auf der Welt geliebt habe.“
Catharina goss den Tee auf, bevor sie fortfuhr. „Bloß hätte auch das leider nicht funktioniert.“
„Und warum nicht?“
„Das, meine Süße, erzähle ich dir ein andermal. Oder....“, Catharina zwinkerte Marie verschwörerisch zu, „...du Superschlaue kommst irgendwann einmal selbst darauf.“
Marie schien darüber oder über irgend etwas anderes nachzudenken. Jedenfalls sagte sie mehrere Minuten lang gar nichts mehr.
Dann platzte es aus ihr heraus: „Meine Lehrerin sagt, wir sind auf der Welt, um Kinder zu bekommen.“
„Nun, einige Menschen denken wohl so.“
„Du nicht?“
„Nein, ich bin da anderer Ansicht.“
„Warum, glaubst denn du, sind wir auf der Welt?“
„Ich bin davon überzeugt, wir sind hier, um Licht und Liebe zu verbreiten.“
„Licht und Liebe?“
„Ja.“
„Mit Laternen?“
„Nein, nicht mit Laternen. Jedenfalls nicht mit solchen, mit denen wir am St. Martinstag durch die Straßen ziehen, auch wenn die ebenfalls sehr schön sind. Eher so eine Art inneres Leuchten.“
„Aber woher weiß man, ob jemand innen leuchtet, wenn es doch innen ist?“
„Weil es von innen nach außen durchscheint.“
„Also doch so ähnlich wie eine Laterne? Da scheint das Licht auch von innen nach außen durch.“
„Stimmt, so hatte ich das noch nicht gesehen, aber irgendwie hast du schon recht damit. Das ist ein schönes Bild... Und du, meine Süße, wirst sehr viel Licht in diese Welt tragen. Das merke ich schon jetzt.“
„Warum denkst du das?“
„Weil ich dein inneres Leuchten sehen kann. Bei dir sieht man es ganz deutlich schon in den Augen leuchten.“
„Bei dir auch“, gab Marie zurück und rutschte ein Stück näher. „Und wie kann man Liebe verbreiten?“
„Oh, da gibt es unzählige Möglichkeiten! Eine Möglichkeit ist tatsächlich, ein Kind in die Welt zu setzen“ Wobei leider nicht jedes Kind aus Liebe entsteht, fügte Catharina in Gedanken hinzu. Und nicht aus jeder Liebe ein Kind entstehen kann. Aus unserer nicht, auch wenn wir wahrscheinlich großartige Eltern abgegeben hätten.
„Und wie kann man noch Liebe verbreiten?“
„Da reichen schon Kleinigkeiten, Marie. Wenn wir zusammen hier sitzen und unseren Apfelkuchen backen und uns dabei so friedlich unterhalten, ist das eine Form von Liebe. Wenn deine Mama dir ab und zu abends noch eine Gutenachtgeschichte vorliest auch. Wenn du deiner Freundin Lou etwas von deinem Pausenbrot abgibst, auch.“
„Und wenn ich sie die Mathehausaufgaben abschreiben lasse auch?“
„Hmm. Ja, wahrscheinlich ist auch das eine Form von Liebe.“
„Was ist denn Liebe genau?“
„Das ist gar nicht so leicht zu sagen, weil Liebe so viel Formen annehmen kann. Aber ich würde sagen, alles, was das Gegenteil von Dunkelheit ist, ist irgendwie eine Form von Liebe.“
„Liebst du Jule?“
„Ja, auf eine gewisse Weise liebe ich Jule sehr.“ Jule schien zu verstehen, dass von ihr die Rede war, denn sie begann, behaglich eine Pfote nach der anderen zu strecken, stand dann auf, sprang von der Küchenbank, auf der sie zuvor zusammengerollt geschlafen hatte, und suchte die Nähe Catharinas, die noch immer an der Anrichte lehnte und darauf wartete, dass der Tee fertig gezogen hatte.
„Und wen liebst du noch?“
„Na für dich empfinde ich natürlich auch eine Form von Liebe.“
Marie wurde ein bisschen rot und sah auf den Boden.
„Das ist etwas sehr Schönes“, Catharina spürte Maries Verlegenheit und wollte sie beruhigen.
„Aber ich bin doch noch ein Kind.“
„Ja, und zwar ein ganz wundervolles Kind bist du, Marie! Und du wirst eine tolle Frau werden, voller Licht und Liebe.“
Marie schien diese Entwicklung des Gesprächs ein wenig unangenehm zu sein, denn sie begann, auf ihrem Platz hin und her zu rutschen.
„Und in der Nacht, gibt es dann gar keine Liebe?“
„Doch natürlich, weshalb sollte es nachts keine Liebe geben?“
„Aber du hast doch gesagt, Liebe ist das Gegenteil von Dunkelheit.“
„Ach so, ja, da hast du natürlich recht. Wobei ich nicht die Dunkelheit in der Nacht gemeint habe. Eher so eine Art andere Dunkelheit, wie ein dunkler Zauberer.“
„So wie Gargamel?“
„Wie wer bitte?“
„Gargamel, der Böse bei den Schlümpfen!“
„Ach der, den hatte ich vergessen. Aber: ja, wahrscheinlich. Ist der nicht auch so böse, weil er alleine ist und niemanden hat und die Schlümpfe beneidet, weil sie in einer so tollen, so liebevollen Gemeinschaft leben?“
Marie nickte bestätigend.
„Oder wie du-weißt-schon-wer?!“, Maries Stimme hatte einen ebenso beunruhigten wie verschwörerischen Tonfall angenommen.
„Wie wer?“
„Na Voldemort, der dunkle Lord aus Harry Potter!“, hörte Catharina ein leises Flüstern und sah, wie zwei empörte graue Augen zu ihren eigenen empor schauten.
„Ah ja, genau. Das ist sogar ein richtig guter Vergleich, meine Süße. Ist das in Harry Potter nicht auch so, dass Voldemort so dunkel ist, weil er keine Liebe empfinden kann?“
„Das weiß ich nicht, aber Harrys Mutter rettet ihn doch, und da heißt es, dass sie ihn durch ihre Liebe gerettet hat. Und er hat deswegen diese Narbe auf der Stirn.“
Catharina lächelte ihrer kleinen Freundin anerkennend zu. „Du hast wirklich ein tolles Beispiel gefunden, Fräulein Hübsch und Fein.“
Marie nickte erneut, strich sich allerdings gleich darauf etwas verlegen eine Haarsträhne aus der Stirn, wie sie es so oft tat, wenn Catharina sie lobte.
„Gibt es in Wirklichkeit denn auch dunkle Menschen?“
„Oh ja, leider sogar ziemlich viele.“
„Sind die auch so böse wie Gargamel?“
„Nun, ich glaube die wenigsten von ihnen wollen Schlümpfen an den Kragen. Aber erinnerst du dich Marie, dass wir dir schon ein paar Mal von Energien gesprochen haben?“
„Ja, na klar.“
„Und es gibt eben Energien, die positiver, also heller und liebevoller, sind, und dann gibt es Energien, die belastend, also dunkler oder weniger liebevoll, sind. Du hast doch sicherlich auch schon gespürt, dass du manchmal auf Menschen triffst, bei denen du das Gefühl hast, dass sie dir in irgendeiner Form nicht gut tun?“
„Hmm.“ Marie schien tief in Gedanken zu sein.
Nach einer Weile erkundigte sie sich: „Gibt’s das denn auch bei Kindern?“
„Ja, schon. Ich habe zwar den Eindruck, es kommt öfter vor, dass einem Erwachsene begegnen, deren Energien man als belastend erlebt, aber doch, es kommt auch hin und wieder vor, dass einem dies bei einem Kind widerfährt.“
„Und warum ist das so?“
„Das ist eine sehr gute, aber auch sehr schwierige Frage. Und ich weiß gar nicht, wie ich das erklären kann. Ich weiß nicht einmal, ob ich es überhaupt weiß.“
Catharina überlegte.
„Vielleicht könnte man es so erklären, dass es viele Menschen gibt, die eine große Sehnsucht nach Liebe in sich tragen. Aber weil sie das Gefühl haben, diese Sehnsucht wird nicht erfüllt, werden sie immer egoistischer, und sie beginnen, Liebe mit Eigennutz zu verwechseln. Neben den Energien gibt es auch noch etwas, was man das Ego nennt. Hast du davon auch schon mal gehört?“
„Ich glaub nicht.“ Marie schüttelte den hübschen Kopf.
„Nun, das Ego wohnt in jedem Menschen. Es ist ein Teil, ein wichtiger Teil, eines jeden Menschen. Da gibt es den Körper, den Geist, die Seele...“
„Und das Herz“, unterbrach eine Stimme Catharina.
„Ja, das Herz kann man wohl auch dazu zählen. Und eben das Ego. Das Problem ist, dass viele Menschen das Ego mit ihrem Herzen oder sogar mit ihrer Seele oder auch ihrem Geist verwechseln. Sie sind dann zum Beispiel der Meinung, wenn sie sich mit jemandem streiten, müssten sie unbedingt gewinnen.“
„Wenn ich mich mit Lou streite, möchte ich auch gewinnen.“
„Das verstehe ich, Marie. Es ist aber wichtig zu wissen, dass man nicht gewinnen muss. Manchmal, nein oft sogar, scheint es sogar überhaupt nur so, als könne man gewinnen. In den meisten Streits gibt es aber gar keine Gewinner, sondern nur Verlierer, weil meist beide Seiten ziemlich große Mengen belastender Energie abgeben und auch abbekommen.“
„Aber wenn ich nicht gewinne, fühle ich mich hinterher ganz klein. Dann denkt Lou ja, sie ist toller als ich.“
„Und genau das versuche ich dir gerade klarzumachen, nämlich dass es keinen Grund dafür gibt, dass du dich dann klein fühlst. Das ist dein Ego, das dann schreit. Aber du, liebe Marie, du bist viel mehr als nur dein Ego. Du bist auch mehr als dein Körper, dein Geist, dein Herz und dein Ego zusammen genommen, denn in dir wohnt eben, wie in jedem Menschen, eine Seele. Und diese Seele braucht in einem Streit kein Recht zu haben. Die Seele will auch gar nicht streiten. Die Seele ist das in jedem, was sich nach Frieden sehnt und was dafür verantwortlich ist, dass man von innen leuchtet.“
„Aber dann müsste doch jeder Mensch von innen leuchten. Denn du hast doch vorhin gesagt, jeder Mensch hat eine Seele.“
„Du hast wie immer sehr aufmerksam zugehört, das habe ich tatsächlich gesagt. Nur ist es eben so, dass manche Seelen sich sozusagen verlaufen. Sie verlieren das Licht aus den Augen und wählen stattdessen die Dunkelheit.“
„So wie Gargamel und Voldemort?“
„Ja, so ähnlich wie Gargamel und Voldemort.“
„Und warum tun sie das?“
„Noch eine sehr gute und sehr schwierige Frage. Darüber haben schon viele, viele Menschen nachgedacht, aber soweit ich weiß, hat bislang noch niemand eine überzeugende Antwort gefunden. Es gibt auch unterschiedliche Meinungen über Licht und Liebe und Dunkelheit. Viele Menschen sind davon überzeugt, dass im Grunde jeder Mensch sich nach Licht und Liebe sehnt.“
„Aber was ist mit den Bösewichtern und den Mördern in den Krimis und den Monstern?“
„Das ist eben eine der rätselhaften Fragen. Ich für meinen Teil denke, dass auch ihre Seelen sich im Grunde genommen nach Liebe sehnen und dass sie nur deshalb „Böses“ tun, weil sie selbst gar nicht mehr wissen, wonach sie eigentlich suchen. Dass ihre Seelen sich also, wie gesagt, in gewisser Weise verlaufen haben.“
„Aber deine Seele hat sich nicht verlaufen.“
„Nein, ich glaube nicht. Jedenfalls wünsche ich mir für sie, dass sie wieder auf dem Weg ins Licht ist.“
„Und kann man denn nichts dafür tun, dass die Bösen und ihre Seelen auch wieder ins Licht kommen?“
„Oh, ich glaube schon. Wir können auf jeden Fall immer und immer wieder darum bitten, dass auch ihre Seelen eingehüllt werden in eine Liebeshülle und zurück ins Licht finden.“
Marie schob ihre Hand in Catharinas, nickte und signalisierte damit, dass sie mit dem Vorschlag einverstanden war. „In Ordnung. Ich will nur hoffen, dass es auch funktioniert.“
Nach einer kurzen Pause, während der sie offenbar weiter nachgedacht hatte, fuhr sie fort: „Aber es wäre mir doch lieb, wenn wir noch einen sichereren Weg finden würden. Es ist ein bisschen unheimlich, dass es so etwas wie verlaufene Seelen gibt.“
Sie sah Catharina an und erklärte bestimmt: „Ich möchte jedenfalls keiner begegnen.“
Catharina drückte die Hand ihrer kleinen Freundin.
„Keine Sorge, meine Süße, ich bin überzeugt davon, dass deine eigene Seele so sehr im Licht ist und so hell strahlt, dass Dunkelheit bei dir keine Chance hat, und dir damit auch keine verlaufene Seele etwas antun könnte.“
Sie hoffte inständig, das würde Marie genügend beruhigen. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass das Gesicht des Mädchens bei diesen Worten tatsächlich einen beruhigteren Ausdruck annahm.
„Warum bist du nicht mehr mit Martin verheiratet?“
Die Frage kam etwas überraschend für Catharina.
Und dann auch wieder irgendwie nicht, denn Martin war gerade zu Besuch gewesen, und Marie und Catharina hatten einen gemütlichen Kuchen- und Kakaonachmittag mit ihm verbracht, ein seltenes Vorkommnis dank Martins vollem Terminkalender. Inzwischen waren sie aus dem Wohnzimmer wieder in die Küche umgezogen, und Marie hatte angefangen, ein Bild einer Wiesenlandschaft zu malen, während Catharina das Geschirr in die Spülmaschine räumte.
„Es hat für uns beide nicht mehr gepasst.“
„Und bist du noch sehr traurig deswegen?“
„Nein, gar nicht, ich denke, dass es uns beiden sehr gut so geht.“
„Habt ihr euch viel gestritten, als ihr ein Ehepaar wart?“
„Überhaupt nicht, wir haben uns prächtig verstanden.“
„Und warum seid ihr dann nicht mehr verheiratet?“
Weil wir nie wirklich verheiratet waren, schoss es Catharina durch den Kopf.
„Weil es, wie gesagt, irgendwann einfach nicht mehr gepasst hat.“
„Und warum habt ihr vorher keine Kinder zusammen gekriegt? Mag Martin keine Kinder?“ Die letzte Frage klang etwas zaghafter.
„Doch, Martin mag Kinder auch gern. Aber er wollte nie Vater sein.“
Das stimmte sogar. Und es stimmte auch, dass sie eine Zeit lang tatsächlich überlegt hatte, ob sie mit Martin zusammen nicht doch ein Kind zeugen könnte.
Alles stimmte. Auch, dass sie sich quasi nie gestritten hatten. Genau wie, dass es irgendwann nicht mehr passte. Weil sie beide reifer wurden und irgendwann verstanden, dass sie es zwar wirklich gut miteinander hatten und den Schein nach außen ganz schmerzfrei wahrten, dass das aber nicht genug war, um eine Ehe aufrecht zu erhalten, die keine war.
Erst recht nicht, als Martin schließlich jemanden kennenlernte und es da auf einmal eine Person gab, die nicht nur die Rolle einer Affäre spielte, sondern sich als Martins große Liebe entpuppen sollte.
„Mama und Papa haben ganz viel gestritten, als sie noch verheiratet waren, sagt Mama. Und jetzt streiten sie immer noch manchmal. Vor allem, wenn Papa findet, dass ich zu viel Zeit alleine bin. Oder bei dir.“
„Ja, Marie, es gibt sehr viele Paare, die ziemlich viel streiten. Leider. Und es ist scheußlich, wenn Kinder das mitbekommen.“ So wie ich bei meinen Eltern.
„Aber das heißt nicht, dass einen die Eltern nicht mehr lieben. Ich bin mir ganz sicher, dass dich sowohl deine Mama als auch dein Papa sehr, sehr doll lieben.“
„Ja, schon. Mama liebt mich, glaub ich, schon. Aber Papa hat doch eine neue Familie. Und die brauchen ganz schön viel von seiner Liebe auf.“ „Und ganz schön viel von seinem Geld“, schob sie hinterher.
„Dass die neue Familie deines Papas durchaus Geld braucht, glaube ich. Aber ich bin mir ganz sicher, dass sie seine Liebe nicht aufbrauchen. Im Gegenteil, meine Süße, weißt du, mit der Liebe ist es ganz wundervoll: Je mehr man davon verschenkt, desto mehr hat man davon. Wenn also dein Papa seiner neuen Familie Liebe schenkt, dann hat er deswegen nicht weniger Liebe in seinem Herzen, sondern mehr – und damit letztlich auch mehr Liebe für dich.“
„Vielleicht. Aber Zeit hat er fast gar keine mehr für mich. Und wenn, dann sind seine neuen Kinder immer mit dabei.“ Bei diesen Worten hatte Maries Stimme einen beinahe trotzigen Unterton angenommen.
„Ja, das kann ich mir vorstellen, dass das schwierig für dich ist, Marie. Vor allem, weil dein Papa dir, als du ganz klein warst, ja fast alleine gehört hat.“
„Und warum hat es bei euch nicht mehr gepasst?“ Maries Stimme war kaum zu hören.
Catharina wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie mochte Marie sehr und liebte diese Nachmittage, die sie miteinander verbrachten. Und oft vergaß sie tatsächlich, dass Marie erst neun Jahre alt war, so sehr genoss sie meist ihre Unterhaltungen.
Dennoch war Marie ein Kind. Ein sehr kluges Kind, aber doch ein Kind.
Und die Geschichte mit Martin war kompliziert, sogar für Erwachsene.
Als sie Mariella damals, vor dreizehn Jahren, belogen und betrogen hatte, war Martin ihre Anlaufstelle. Ihr bester Freund war er schon seit Jugendtagen gewesen, und er hatte ihr fürchterlich gefehlt, als sie und Mariella sich näher gekommen waren. In dieser Zeit hatte er ein Jahr als Gastdozent an einer renommierten Uni in den Vereinigten Staaten verbracht. Als er zurückkam, war Catharina die rettende Idee gekommen, wie sie Mariella doch noch dazu bewegen konnte, das Stipendium für die Londoner LawSchool anzunehmen. Vorausgesetzt, die Idee war rettend gewesen und nicht die fatalste Fehlentscheidung, die sie in ihrem Leben je getroffen hatte.
In der Zeit nach der Trennung hatte ihr Martins Nähe Trost geschenkt. Obwohl sie ihm nicht von Mariella erzählt hatte, zumindest nicht die ganze Geschichte, hatte er gespürt, dass es ihr nicht gut ging, hatte wohl auch geahnt, dass sie an einer Art Liebeskummer litt, aber er war nie weiter in sie gedrungen. Das liebte sie so sehr an ihm, seine einfühlsame, aber gleichzeitig zurückhaltende Art, die es ihr leicht machte, sich bei ihm geborgen zu fühlen und Nähe zuzulassen, ohne befürchten zu müssen, dass ihrem geschundenen Herzen noch mehr Schmerz zugefügt würde. Nein, Martin würde sie nie verletzen, zumindest nicht absichtlich. Sie liebte ihn auf eine unaufgeregte Art und Weise, wie man eben nur einen guten Freund oder Bruder liebt.
Die Entscheidung zu heiraten war nicht plötzlich geboren worden, sondern nach und nach gereift. Ursprünglich war es die leicht verrückte Idee zweier bester Schulfreunde gewesen. Kennengelernt hatten sie sich schon in der weiterführenden Schule. Er, der gut aussehende Sohn eines ebenso erfolgreichen wie bekannten Berliner Rechtsanwalts mit eigener Kanzlei. Sie, das überdurchschnittlich intelligente Mauerblümchen, das sich mit Jungs in der Schule immer etwas unbeholfen angestellt hatte – wenngleich nicht unbeholfener als mit Mädchen. Die Mitschüler hatten sich über diese ungleiche Paarung gewundert, viele der Mädchen waren eifersüchtig gewesen, die meisten Jungs hatten nur den Kopf über Martin geschüttelt.
Martin und sie hingegen hatten sich zu dieser Zeit wie im siebten Himmel gefühlt, nur dass sie bereits damals gespürt hatten, dass sie wohl eher nicht zum Liebespaar, sehr wohl aber zu einer wunderbaren Freundschaft, taugten. Eines feuchtfröhlichen Abends hatten sie beschlossen, dass sie, wenn sie dreißig wären und noch nicht vergeben, einander heiraten würden. Wahrscheinlich hatten sie damals beide bereits geahnt oder unbewusst gewusst, dass es nicht leicht werden würde, andere ernsthafte Partnerschaften einzugehen.
Sie hatte noch mehrere Jahre gebraucht, um sich endgültig einzugestehen, dass sie sich regelmäßig in Mädchen, später dann in junge Frauen, aber so gut wie nie in Männer verliebte.
Und Martin, nun ja, Martin hatte noch zu Schulzeiten begonnen, eine Art Doppelleben zu führen. Sie schmunzelte unwillkürlich, als die Erinnerung sie überkam, wie fasziniert er zu dieser Zeit von Stevensons Dr. Jekyll and Mr. Hyde gewesen war, das sie in ihrem Englischkurs gelesen hatten. Wenig später war er wochenlang mit Oscar Wildes The picture of Dorian Grey unter dem Arm herumgelaufen, so dass Catharina angefangen hatte, ihn aufzuziehen, indem sie ihn wahlweise mit Dorian, Mr. Grey oder Dr. Jekyll ansprach.
Martin war schon damals sehr attraktiv, offenbar für beide Geschlechter gleichermaßen. Catharina konnte nur grob schätzen, wie viele ihrer Mitschülerinnen für ihn schwärmten. Da er zudem sehr sportlich war, war er auch bei den Jungs sehr beliebt, fühlte sich jedoch in der testosterongeschwängerten Luft der Männerumkleidekabine äußerst unwohl.
Dass er sich zu Männern hingezogen fühlte, war, zumindest für Catharina, ein offenes Geheimnis, so dass sie wenig erstaunt war, als er ihr Anfang Zwanzig endlich offiziell gestand, schwul zu sein. Catharina hatte ihn damals fest in die Arme geschlossen und ihm ins Ohr geflüstert, dass sie sich womöglich auch deshalb einander so nah fühlten.
„Wieso, weil ich Jungs mag und du auch?“
„Sag mal, ist dir wirklich nie aufgefallen, dass mich Jungs nicht besonders interessieren? Außer dir, meine ich!“
Martin hatte sie ein Stück von sich weggehalten und geradezu ängstlich angesehen: „Du willst mir aber nicht ausgerechnet jetzt gestehen, dass du in mich verknallt bist, oder?“
Die Sorge war ihm deutlich anzumerken gewesen. Einen kurzen köstlichen Augenblick war Catharina versucht gewesen, ihren Freund ordentlich auf den Arm zu nehmen und die unglücklich Verliebte zu spielen. Doch ihre Vernunft – und mit ihr ihr gutmütiges Herz – siegte. Sie hatte die Umarmung erneuert und Martin ins Ohr geflüstert: „Nein, du eingebildeter Gockel, auch wenn ich meilenweit hier um dich herum die Einzige zu sein scheine, die nicht bis über beide Ohren in dich verliebt ist. Ich steh auf … na ja, auf Mädchen eben … oder mittlerweile wohl eher Frauen.“
Noch Jahre später hatten sie aus tiefstem Herzen über diese Situation lachen können, und wenn sie einander vorher schon sehr eng verbunden waren, war die Nähe zwischen ihnen danach noch intensiver geworden.
Martin war nicht nur ein sehr attraktiver, sondern zudem auch sehr selbstbewusster junger Mann. Doch er litt zunehmend darunter, ein Doppelleben führen zu müssen. Nach dem Abitur war er für zwei Monate in die USA gereist und hatte in den einschlägigen Bars New Yorks und San Franciscos nicht gerade seine Unschuld verloren, aber seinen Erfahrungsschatz doch erheblich erweitert.
Auch das Berlin der 1970er war nicht prüde zu nennen, doch der Paragraph 175 war noch in Kraft, und schwule Männer konnten ihre Bedürfnisse nicht ungefährdet offen ausleben.
Hinzu kam, dass Martin fest vorhatte, in die Fußstapfen seines überaus erfolgreichen Vaters zu treten und eines Tages seine renommierte Kanzlei zu übernehmen. Dass sein Vater Ende der 70er die Kanzlei mit einem Partner fusioniert hatte und die Kanzlei überwiegend gut betuchte, erzkonservative Berliner Großbürger vertrat, half Martin nicht eben dabei, seinen privaten Lebensstil mit dem öffentlichen in Einklang zu bringen.
Während des Studiums – beide studierten an der FU, Martin Jura, Catharina Geschichte, Germanistik und Anglistik – hatten sie zunächst in verschiedenen WGs gewohnt. Nach einigen Semestern waren sie der üblichen Auseinandersetzungen um Putzdienste und Klopapierkäufe allerdings überdrüssig und beschlossen, zusammen zu ziehen.
Nach kurzer Zeit der Suche fanden sie eine Wohnung in einer alten Villa in Lichterfelde, die in Bezug auf die Uni hervorragend lag, in Hinblick auf das Nachtleben hingegen lange und etwas umständliche Heimwege bedeutete. Dies wiederum führte dazu, dass beide die Nächte recht häufig in fremden Betten verbrachten.
Die Villa war für ihre Zwecke ideal, für andere Mieter wäre sie wohl eher unpraktisch gewesen.
Catharina und Martin bewohnten das Dachgeschoss.
Im ersten Stock wohnte eine ebenso sympathische wie unkonventionelle Familie, die Heines, mit drei pubertierenden Kindern und Eltern, die zwar getrennt und jeweils neu liiert waren, der Kinder zuliebe aber dennoch weiter gemeinsam wohnten.
Und im Erdgeschoss wohnte Frau von Steinfeld, die eigentliche Besitzerin der Villa, der das Haus jedoch im Alter zu groß und zu einsam geworden war.
Keinen der Bewohner schien es zu stören, dass die drei Wohnungen nicht wirklich voneinander abgetrennt waren, wobei es Catharina und Martin dennoch recht war, das Dachgeschoss zu bewohnen, was noch am ehesten etwas Privatsphäre bot.
In den Sommerferien konnten sie ausgelassene Partys veranstalten, da Heines die Ferien immer in ihrer Finca in Spanien verbrachten und Frau von Steinfeld meist zur Kur nach St. Peter-Ording fuhr.
Für die Sommermonate brachten sie gemeinsam mit den Nachbarskindern Anfang Juni den ziemlich betagten Pool in Schuss, so dass sie abwechselnd im Pool und im Wannsee baden konnten, was Catharina als geborene Wasserratte liebte.
Kurz vor dem Examen zogen sie gemeinsam in eine Wohnung in Schöneberg, nachdem Frau von Steinfeld einen Schlaganfall erlitten und beschlossen hatte, die Villa zu verkaufen. In der neuen Wohnung, einer typischen Berliner Altbauwohnung, fühlten beide sich richtig zuhause. Die Wohnung war riesig, beide hatten ein eigenes Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer. Darüber hinaus teilten sie sich ein gemeinsames Wohnzimmer, eine Art „Kreativzimmer“ in dem Martins Flügel stand und Catharinas Cello ebenso Platz hatte wie ihre Leinwände. Für die zahlreichen Übernachtungsgäste gab es ein Zimmer, das ehemalige Dienstbotenzimmer. Und ein separates Esszimmer gab es noch zusätzlich zur gemütlichen Wohnküche, die über einen Aufgang zum hellen Hinterhof verfügte. Die Wohnung war in der Tat so mondän, dass sogar Martins, und selbst Catharinas, Eltern sie für standesgemäß befanden.
Während dieser Zeit wiegten sich beide Elternpaare in der scheinbaren Gewissheit, Martin und Catharina seien ein Liebespaar. Martin war das aus den bekannten Gründen nur recht, erleichterte es sein anstrengendes Doppelleben doch um einiges. Und Catharina war es leid, die zermürbenden und häufig verletzenden Diskussionen mit ihren Eltern zu führen.
Ihr Vater war ein renommierter Heidelberger Herzspezialist, der, als Catharina dreizehn war, einen hochdotierten Posten an einer Berliner Privatklinik angenommen und die Familie aus dem beschaulichen, wenngleich etwas provinziellen, Städtchen am Neckar in die Großstadthölle, wie Catharinas Mutter die spätere Hauptstadt zu nennen pflegte, verpflanzt hatte.
Während des Jahres vor dem Umzug hatte es zwischen den Eltern noch mehr und noch lautstärkere Streitereien gegeben als ohnehin schon üblich, und Catharina hatte, von den Eltern unbemerkt, eines Tages eine Diskussion belauscht, in der der Vater anbot, ihrer Mutter die Villa in Heidelberg sowie ein großzügiges monatliches Taschengeld zu überlassen.
Catharina hatte nie wirklich verstanden, weshalb ihre Mutter dieses Angebot damals nicht angenommen oder was ansonsten dazu geführt hatte, dass schließlich doch die gesamte Familie Düsterweg nach Berlin umzogen war. Falls ihre Mutter gehofft hatte, sie und ihr Mann würden trotz seiner zahlreichen Affären noch einmal zu einander finden, musste ihre Hoffnung in den folgenden Jahrzehnten bitter enttäuscht worden sein.
Mit Anfang Zwanzig hatte Catharina mehrfach den Versuch unternommen, ihre Eltern von ihrem Lesbischsein in Kenntnis zu setzen, der jedoch regelmäßig daran scheiterte, dass ihre Mutter behauptete, das sei nur eine Phase. Ihr Vater hingegen vertrat sogar allen Ernstes die Ansicht, sie wolle ihn nur provozieren, da sie genau wisse, dass ihn der Anblick zweier sich küssender Frauen regelrecht ekele, wenngleich der Anblick zweier sich küssender Männer noch schlimmer sei.
Das erste Mal, als ihr Zwiegespräch mit den Eltern derart eskaliert war, hatte Catharina kaum glauben können, mit welch verletzenden und respektlosen Aussagen insbesondere ihr Vater auf ihr versuchtes Coming-out reagierte.
Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass Catharina ihrem Coming-out vor ihren Eltern mit großer Sorge entgegengeblickt hatte, um dann feststellen zu müssen, dass die Eltern es gar nicht als ein solches verstanden, sondern weiterhin davon ausgingen, sie mache sowohl sich selbst als auch ihnen etwas vor.
Ein ähnliches Maß an Ironie des Schicksals sah Catharina jedes Mal dann am Werke, wenn sie daran dachte, dass ausgerechnet ihr Vater, ihr empathieloser Vater, ein berühmter und erfolgreicher Herzspezialist und zugleich einer der Menschen war, der ihrer Ansicht nach am wenigsten vom menschlichen Herzen und dessen Irrungen und Wirrungen verstand.
„Du magst nicht darüber reden, stimmt’s?“, Maries Stimme riss Catharina aus ihren Gedanken.
Sie hatte keine Vorstellung davon, wie lange sie geschwiegen und sich in Erinnerungen verfangen hatte. Erst der Blick auf Maries Bild ließ sie annehmen, dass sie mehrere Minuten lang getagträumt hatte. Sie hielt noch immer eine der Tassen in der Hand und stellte fest, dass die Kakaoreste in der Zwischenzeit angetrocknet waren.
„Das ist es nicht, meine Süße. Es ist nur recht kompliziert zu erklären, warum es mit Martin und mir als Ehepaar nicht mehr gepasst hat, und ich weiß noch nicht, wo ich anfangen soll. Aber ich verspreche dir, eines Tages werde ich versuchen, dir das zu erklären. Nur heute schaffe ich das nicht. Es ist auch schon ziemlich spät, und ich vermute, deine Mama wartet schon auf dich.“
Marie widersprach nicht.
Doch sie sah etwas betrübt aus, als sie anfing, ihre auf dem Küchentisch verstreuten Schul- und Malsachen einzupacken. Ob sie betrübt war, weil sie nicht mehr erfuhr oder weil der gemütliche Kakao- und Kuchennachmittag zu Ende ging, konnte Catharina nur mutmaßen. Vielleicht war es eine Mischung aus beidem, wobei Marie tapfer versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
Jule schien die Aufbruchsstimmung ebenfalls wahrzunehmen. Während sie eben noch zusammengerollt und leise schnurrend neben Marie auf der Küchenbank gelegen hatte, streckte sie nun die Glieder, sprang von der Bank und strich um Maries Beine, während die beiden zur Wohnungstür gingen.
Kam es Catharina nur so vor, oder umarmte Marie sie an diesem Tag wirklich ein bisschen länger und fester, bevor sie sich mit ihrem typischen „Hab dich lieb“ verabschiedete und die Stufen runter zur eigenen Wohnung hüpfte?
„Warst du nicht mal Lehrerin?“ Marie sah Catharina fragend und ein wenig kritisch an.
„Stimmt, das war ich“
„Aber jetzt bist du keine mehr.“
„Nein. Jedenfalls arbeite ich nicht mehr in einer normalen Schule.“
Nach einer kleinen Pause ertönte Maries Stimme wieder: „Wurdest du rausgeschmissen?“
„Nein, Marie, ich wurde nicht rausgeschmissen. Ich bin freiwillig gegangen.“
„Warum? Haben die Schüler dich so doll geärgert?“
„Nein, gar nicht. Ich meine, natürlich gab es immer wieder mal Schüler, mit denen es ein bisschen schwierig war, aber im Großen und Ganzen habe ich mich sehr gut mit meinen Schülern verstanden. Und den Schülerinnen natürlich.“
„Und wieso gehst du jetzt nicht mehr in die Schule?“
„Weil ich irgendwann gemerkt habe, dass das nicht mehr für mich passt.“
„So wie mit Martin?“
Catharina musste lachen und verschluckte sich dabei beinahe an ihrem Tee.
„Naja, so ähnlich. Nur aus anderen Gründen. Du hast übrigens ein tolles Gedächtnis, meine Süße.“
„Vielleicht gehe ich auch einfach nicht mehr in die Schule.“ Marie schien laut zu denken.
„Warum möchtest du denn nicht mehr in die Schule gehen, meine Süße?“
„Weil wir so viel doofe Sachen lernen müssen. Und soooo viel Hausaufgaben aufbekommen. Und weil meine Deutschlehrerin so doof ist.“
„Na siehst du, da sind unsere Schwierigkeiten mit der Schule gar nicht so verschieden. Ich hatte auch irgendwann ein großes Problem damit, dass ich den Schülern so viele Sachen beibringen musste, die ich gar nicht so richtig wichtig fand.“ Und so wenig von dem beibringen durfte, was ich für wirklich wichtig halte. „Und so viele Hausaufgaben aufgeben musste.“
„Und warum hast du ihnen nicht einfach andere Sachen beigebracht und keine Hausaufgaben aufgegeben?“
„Das ist gar nicht so einfach, Marie. Ich habe es immer wieder versucht, aber ich bin auch immer wieder gescheitert. Es gibt ziemlich viele Regeln für Lehrer. Und eine davon besagt, dass man den Schülern das beibringen muss, was von bestimmten Leuten vorgegeben wird.“
„Was sind denn das für Leute?“
„Nun, es sind Leute, die der Ansicht sind, sie wissen, was gut und richtig und wichtig für Kinder ist zu lernen.“
„Lehrer und Eltern?“
„Es sind wohl auch ein paar Lehrer und Eltern dabei. Vor allem sind es aber Politiker und manchmal auch Leute, die in der Wirtschaft arbeiten.“
„Dann kann mein Papa also auch mitbestimmen? Der arbeitet doch auch in der Wirtschaft.“ Soweit Catharina wusste, war Maries Vater Bauingenieur und vornehmlich auf Brückenbau spezialisiert.
„Ich glaube eher nicht, dass dein Papa da mitreden darf. Es sind Leute, die indirekt von vielen Menschen gewählt wurden und deren Partei dann bestimmt hat, dass sie im Bereich Schulbildung arbeiten sollen. Weißt du, was eine politische Partei ist?“
„Ja, ich glaub schon. Aber ich verstehe nicht, warum die bestimmen, wer über die Schulaufgaben bestimmen soll. Warum machen das denn nicht die Kinder und meinetwegen die Eltern? Und die Lehrer, wenn’s unbedingt sein muss?“
„Die Kinder wissen ja gar nicht, was es alles so zu lernen und zu wissen gibt. Und außerdem sind viele Erwachsene der Meinung, wenn die Kinder sich aussuchen dürften, was und wie und wann sie lernen, würden sie einfach gar nichts mehr lernen.“
„So ein Quatsch.“
Catharina lachte laut auf, als sie die Empörung in Maries Stimme wahrnahm.
„Ja, ich finde auch, dass das sicherlich nicht stimmt. Und es gibt auch durchaus Schulen, die ein bisschen so funktionieren, dass die Kinder sich aussuchen dürfen, was und wie viel und so weiter sie lernen wollen. Jedenfalls innerhalb eines bestimmten Rahmens.“
„Was sind denn das für Schulen? Und warum sind nicht alle so? Kann ich auch auf so eine Schule gehen?“
„Das sind meist so genannte freie Schulen. Und es sind nicht alle Schulen so, weil es eben sehr viele Leute gibt, denen diese Idee gar nicht geheuer ist. Und ja, theoretisch könntest du auch auf eine solche Schule gehen. Es ist nur so, dass diese Schulen ziemlich viel Geld kosten. Die Schule, die du besuchst, kostet auch Geld, aber das muss nicht deine Mama zahlen und auch nicht dein Papa, sondern es zahlen sozusagen alle Menschen zusammen, die in Deutschland leben. Denn Schulen wie deine, die man „öffentliche“ oder „staatliche“ Schulen nennt, werden aus den Steuern bezahlt. Und Steuern zahlt jeder Erwachsene, der in Deutschland arbeitet.“
„Und wer bezahlt das Geld für diese anderen Schulen, die, in denen man lernen kann, was man will?“
„Ein kleiner Teil wird auch aus den Steuern bezahlt. Aber der größere Teil wird von den Eltern der Kinder direkt bezahlt, die diese Schulen besuchen. Und ganz frei kann man auch nicht entscheiden, was man dort lernen will. Aber sagen wir mal, das Angebot dort ist etwas größer. Du könntest dich zum Beispiel entscheiden, ob du an einem Vormittag lieber Mathe oder Deutsch machen möchtest. Aber zum Beispiel Gummitwist-Unterricht gibt es auch an einer solchen freien Schule nicht.“
„Heißt das, es gibt da die gleichen Fächer wie an meiner Schule auch, und ich kann nur die Reihenfolge der Fächer wählen?“
„So ungefähr. Und man kann mehr auswählen, wie viel Zeit man für eine Aufgabe braucht, und es gibt auch noch ein paar weitere Dinge, die anders sind, als an deiner Schule.“
„Und warum arbeitest du nicht an so einer Schule? Könntest du da den Kindern nicht all das beibringen, was du wichtig findest, und die Hausaufgaben weglassen?“
„Tja, weißt du, meine Süße, ganz so leicht ist es eben doch nicht. Wie gesagt, man hat dort etwas andere Bedingungen. Aber das, was die Kinder dort lernen sollen, ist insgesamt doch recht ähnlich wie das, was die Kinder an deiner Schule lernen. Oft kann man dort ein bisschen kreativer sein, mehr spielen, mehr malen, mehr basteln und tüfteln und so weiter, aber letztlich muss man auch dort Vokabeln pauken oder Rechtschreibung. Und auch an einer solchen Schule wäre es nicht gerne gesehen, wenn ich über Dinge wie Licht und Liebe und belastende Energien mit den Kindern sprechen würde, so wie ich es mit dir tue.“
„Und warum nicht?“
„Weil eine ganze Menge Menschen der Meinung sind, das alles ist Blödsinn.“
„Aber das ist es doch nicht, oder?“
„Nein, das ist es nicht. Ich finde es sogar sehr wichtig. So wichtig eben, dass ich finde, eigentlich sollten alle Menschen etwas darüber wissen. Aber die Leute, die bestimmen, was in der Schule gelernt werden soll, sind da anderer Ansicht, die allermeisten jedenfalls.“
„Und könnte ich nicht einfach hierher zu dir kommen, so wie ich es sowieso schon manchmal mache, nur eben öfter, und dann würdest du mir solche Sachen erzählen und ich könnte aussuchen, ob ich davon was lernen oder lieber Apfelkuchen backen oder malen möchte?“
„Das geht leider nicht, Marie. Denn bei uns hier in Deutschland gibt es etwas, was sich Schulpflicht nennt. Und das bedeutet, dass jedes Kind bis zu einem bestimmten Alter in die Schule gehen muss.“
„Das finde ich total doof, ich will lieber zu dir kommen als in die Schule zu gehen.“
„Das ehrt mich sehr, und ich finde es auch wunderbar, wenn du mich besuchen kommst. Trotzdem hat die Schulpflicht eigentlich auch etwas Gutes. Erstens bedeutet diese Pflicht ja umgekehrt auch, dass man überhaupt in die Schule gehen darf, ist also auch ein Recht, ein ganz wichtiges Recht sogar. Du weißt sicher, dass es ziemlich viele Länder auf der Erde gibt, in denen die meisten Kinder eben nicht in die Schule gehen können, entweder weil es nicht genügend Schulen gibt oder manchmal auch, weil die Eltern es ihnen verbieten. Das ist zum Beispiel in einigen Ländern vor allem bei Mädchen manchmal der Fall.
Und zweitens würde es ansonsten wahrscheinlich auch vorkommen, dass Eltern ihren Kindern Dinge beibringen, die wir ganz schlimm finden. Dass es zum Beispiel in Ordnung ist, anderen mit Gewalt zu begegnen, zu lügen, zu schlagen, zu stehlen und so weiter.“
„Gibt es diese Schulrechtspflicht also nicht in allen Ländern?“
„Nein, in erstaunlich vielen gibt es das nicht.“
„Und wo lernen die Kinder dort dann all die Dinge, die wir in der Schule lernen müssen?“
„Nicht alle Kinder lernen diese Dinge überhaupt. Wie gesagt, ich habe durchaus auch so meine Bedenken, ob das, was wir unseren Kindern als wichtig beibringen, wirklich so wichtig ist. Aber soweit ich weiß, wird das, was ich für wichtig halten würde, überhaupt nur von recht wenigen Menschen für wichtig angesehen.
Ich könnte mir vorstellen, dass es zum Beispiel in Indien ein paar Kinder gibt, denen so etwas beigebracht wird.“
„Wieso ausgerechnet in Indien?“
„Weil viele Menschen in Indien nicht so sehr an Dinge wie Geld und schnelle Autos und so weiter denken wie bei uns, sondern sich eher damit beschäftigen, was sonst noch ein gutes Leben ausmacht. Andererseits gibt es auch in Indien vieles, womit ich gar nicht einverstanden bin.“
„Zum Beispiel?“ Marie pulte mit dem Zeigefinger gedankenverloren in der Tischplatte herum.
„Zum Beispiel, dass Mädchen dort viel weniger wert sind als Jungs. Das meinen dort jedenfalls viele Menschen.“
Marie sah sie ungläubig an. „Wieso denn das? Das ist ja bescheuert.“
„Ja, ich finde es auch ganz schön bescheuert. Eine andere Sache, mit der ich gar nicht einverstanden bin, ist, dass in Indien viele Menschen überhaupt der Ansicht sind, dass Menschen unterschiedlich viel wert sind und sie in verschiedene Schubladen, so genannte Kasten, einsortieren.“
„Und dann müssen die Leute in dem einen Kasten drin bleiben, in den man sie gesteckt hat? In so einem Kasten kann man doch gar nicht richtig leben!“
Catharina lachte auf. „Das ist nicht ganz so ein Kasten, wie du ihn dir vorstellst, meine Süße. Es heißt übrigens in diesem Fall auch „die Kaste“, nicht „der Kasten“, und damit ist gemeint, dass der Mensch zu einer bestimmten Sorte gezählt wird. Und eine dieser Sorten oder „Kasten“ nennt sich die Kaste der „Unberührbaren“. Das finde ich das schlimmste daran, denn die anderen Menschen sind tatsächlich der Meinung, dass sie mit diesen Menschen keinen Kontakt haben, ja sie nicht einmal berühren, sollten.“
„Na, dann bin ich aber beruhigt.“
Dieses Mal war es an Catharina, ihr Gegenüber fragend und ungläubig anzusehen.
„Weil du dann bestimmt nicht nach Indien gehst, weil du nicht einverstanden mit den unberührbaren Kastenmenschen bist.
Und das ist gut, weil du dann vielleicht hier bleibst.“
Sie betrachtete betont konzentriert das kleine Loch in der Tischplatte, in dem sie seit geraumer Zeit herumpulte.
„Und ich dann weiterhin hier bei dir sein kann“, hörte Catharina sie sehr viel leiser als zuvor murmeln.
„Ja, das ist natürlich wahr, meine Süße“, beruhigte sie ihre kleine Freundin und fuhr ihr liebevoll über den Kopf.
„Aber sag mal, arbeitest du denn gar nichts mehr?“
„Doch Marie, ich arbeite schon noch. Nicht so viel wie die meisten anderen Menschen, und zu etwas unregelmäßigeren Zeiten, aber doch, ja, ich arbeite.“
„Was denn?“
„Zum einen gebe ich hier zuhause privat Nachhilfe.“
„Oh.“
Marie sah seltsam befremdet aus.
„Was ist los, meine Süße? Weißt du, was mit Nachhilfe gemeint ist?“
„
