Wörterbuch der Liebe - Giulia Carcasi - E-Book

Wörterbuch der Liebe E-Book

Giulia Carcasi

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Beschreibung

Ein berührender Roman über ein ungewöhnliches Liebespaar

Diego, Professor für Sprachwissenschaft , ist ein zurückgezogener, introvertierter Mensch, dessen einzige Leidenschaft die Bearbeitung eines neuen Wörterbuchs ist. Nur präzise Definitionen geben ihm das gute Gefühl, sein Leben unter Kontrolle zu haben. Als er auf einer Zugfahrt Antonia kennenlernt, fasziniert ihn ihre intuitive, natürliche Art. Kurze Zeit später sind sie ein Paar, sind verliebt und euphorisch. Selbst zu Diegos dementer Mutter findet Antonia sofort Zugang. Doch eines Tages erfährt Diego, dass seine Freundin eine ganz andere ist, als sie vorgibt, und ihn von Anfang an belogen hat. Er verliert seinen Halt. Die Welt der Wörter wird brüchig. Doch wie viel Wahrheit ist überhaupt nötig, wenn man sich wirklich liebt?
Eine tiefgründige poetische Liebesgeschichte voller Weisheit und Erkenntnis.

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EPUB
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Seitenzahl: 86

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Giulia Carcasi

Wörterbuch der Liebe

Roman

Aus dem Italienischen von Claudia Franz

C. Bertelsmann

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »Tutto torna« bei Feltrinelli, Mailand

1. Auflage

Copyright © 2010 by Giangiacomo Feltrinelli Editore, Milano

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

beim C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlag: buxdesign, München, unter Verwendung eines Bildes von Carla Nagel

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-09035-7

www.cbertelsmann.de

Rom, 12. September 2008

»Mein Kind, ich finde mein Kind nicht mehr«, schreit eine Frau und klammert sich an die Passanten.

Die sagen, beruhigen Sie sich, was ist denn passiert?

Das Kind möchte alleine laufen und nicht an der Hand gehen. Manchmal ist es so trotzig, dass sie es lässt, aber sie schaut ihm stets hinterher und passt auf. Es war nur ein Augenblick, das schwört sie, nur ein winziger Moment, und schon war das Kind nicht mehr da. Sie könnte sich selbst verfluchen.

Die Leute fragen, wie es aussieht, wie alt es ist, wie es heißt.

Es ist nicht gerne im Dunkeln, antwortet sie, als könnte man es so unter Tausenden von Kindern herausfinden. Nachts muss das Licht anbleiben, sonst kann es nicht schlafen. Gütiger Himmel, wenn alles dunkel ist, kann es passieren, dass es ein Riesentheater veranstaltet. Ihr graut allein bei dem Gedanken, dass es womöglich Angst hat. Niemand wird ihr Kind je so verstehen, wie sie es versteht, schon von Geburt an. Niemand kennt es so gut wie sie. Jetzt geht sie in die Knie und wiegt sich in ihrem Schmerz hin und her.

Als ich den Menschenauflauf sehe und sie mittendrin, fluche ich innerlich.

Ein Polizist bittet die Leute, Abstand zu halten, ein Kind sei entführt worden. Ich trete vor, um zu sagen, was ich zu sagen habe.

»Ihr Ammenmärchen können Sie auf dem Kommissariat erzählen«, unterbricht mich der Mann, als ich gerade mit meinen Erläuterungen beginnen will. Er fürchtet, dass ich die Ermittlungen behindern oder gar in die falsche Richtung lenken könnte.

»Ihre Papiere«, verlangt er, schaut dabei aber die Frau an und verspricht ihr Gerechtigkeit.

»Die Papiere«, wiederholt er, als ich noch danach suche und über die Absurdität des Ganzen nachdenke: Einem Gefühl wird Glauben geschenkt, die Wahrheit muss Beweise vorlegen.

»Finden Sie Ihre Papiere nicht?«, drängt er. Jetzt erkundige ich mich, ob er sie auch danach gefragt hat.

»Die Fragen stelle ich«, fährt er mich an. Er hat sie nicht danach gefragt.

Ich hole die Ausweise aus der Tasche, meinen und auch ihren. Der Polizist kontrolliert sie und zieht plötzlich ein Gesicht, als wäre die Nacht über ihn hereingebrochen.

»Nehmen Sie die Frau, und verschwinden Sie«, sagt er und warnt mich, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen möge. Als hätten sie oder ich die Wahl.

Ich versuche, sie vom Boden hochzuziehen. Sie weist mich ab, so wie ich sie abgewiesen hatte, als sie nach meiner Hand greifen wollte. »Lassen Sie mich in Ruhe.« Sie wird sich nicht vom Fleck rühren, bis man ihr Kind gefunden hat.

Wieder beuge ich mich hinab und rede leise auf sie ein, es wird unser Geheimnis bleiben: Der Polizist hat gesagt, dass ihr Kind in Sicherheit ist. Man wird es direkt nach Hause bringen, deswegen müssen wir sofort aufbrechen und dort warten, damit es nicht vor verschlossener Tür steht.

»Stimmt das, was Sie da sagen?«

Jedes Mal, wenn sie mich nicht erkennt, entsteht dieser winzige, unermessliche Moment, in dem auch ich an mir zweifle.

Als ich es ihr versichere, weiß ich selbst nicht, ob ich es ernst meine oder nicht oder vielleicht beides. Ich weiß nur, dass ich mich nie daran gewöhnen werde, während sie nun wie verrückt lacht und dem Himmel dankt. Ich greife ihr unter die Arme. Die Leute starren uns an. Langsam erhebt sie sich, und ich wünschte, es würde schneller gehen, um der peinlichen Situation endlich entfliehen zu können. »Nun mach schon, Mama, lass uns gehen.«

Ich habe mich nicht verlaufen, und man hat mich auch nicht entführt.

Ich bin schon groß, aber das vergisst sie immer.

Nach dreißig Jahren sind die Schwarzstörche zurückgekehrt

Ich lese Zeitung. Sie hat zwanzig Tropfen genommen und schläft.

Im Wasserdampf ihrer Träume schiebt sich immer wieder das Kind vor die Dinge, die ihr einst gehörten: ein Abendkleid, in dem sie jetzt eine lächerliche Figur abgeben würde; ein Armband, von dem sie weiß, dass sie es irgendwohin gelegt hat, wo es nie war; das stumme Radio, das ihr Lieblingslied sendet, dessen Titel ihr nicht einfallen will.

Alles Staub, der sich nicht absetzt. Jedes einzelne Ding, das war, oder, wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sein sollen, alles Zwangsläufige oder Mögliche oder Unwägbare ihres Lebens befindet sich jetzt, wo sie sich befindet. Und in diesem bunten Treiben verliert sie die Orientierung.

Ich lese Zeitung, während die verstreuten Fragmente ihres Lebens durchs Zimmer kreisen.

Ein schmiedeeisernes Tischchen kommt mir gefährlich nahe. Ein Bein ist einen Millimeter kürzer als die anderen. Auf diesem wackligen Möbelstück haben wir im Sommer Karten gespielt, und sie hat durcheinandergebracht, wer gewonnen hat und wie hoch.

Vergessen zu können, setzt voraus, dass man sich erinnert, und sie erinnert sich nicht. Ein weißes Blatt Papier lässt sich nach Belieben füllen.

Um nichts herumliegen zu lassen und Platz zu schaffen, muss man sammeln, zuordnen, archivieren und dann die Archivtür hinter sich schließen.

Castiglione d’Adda: Die Schwarzstörche sind zurückgekehrt. Es handelt sich um scheue Vögel, die die Nähe des Menschen meiden. In der Bassa hat man sie im vergangenen Jahrhundert nur drei Mal beobachten können.

Im Wartezimmer lernt man zu lesen, man konzentriert sich auf die Seite. Während sich zahlreiche Wenn-Sätze in den Vordergrund drängen und einem die kühnsten Möglichkeiten vorgaukeln, konzentriert man sich auf die Seite.

Was wer wo wann warum.

Die Zeitung berichtet von Tatsachen und bringt sie in eine platzsparende Ordnung. Die eigentlichen Tatsachen sind anderswo und zudem einmalig. Obwohl sich sämtliche Morde irgendwie ähneln, gibt es immer eine Waffe oder ein Motiv, die ein Ereignis zu etwas Einzigartigem machen.

Jede Geschichte hat ihre eigene Schublade, und im Kopf entsteht kein Chaos.

»Roberto!«, ruft sie, als sie aufwacht.

»Ich bin Diego«, stelle ich klar.

Diego, Diego, Diego.

Was wer wo wann warum.

Ich gebe acht, in ihrem Nebel nicht irgendwo anzustoßen oder zu stolpern. Ich konzentriere mich auf die Seite.

Castiglione d’Adda: Die Schwarzstörche sind zurückgekehrt.

Die Federn der Schwarzstörche trudeln nicht aus der Zeitung heraus.

Zug 9790, Wagen 006, Platz 78, Gang

Rom – Pisa, 15. September 2008

Ich schaue auf meine Fahrkarte, dann auf das Reservierungsschild, das zu dem Platz gehört, dann wieder auf meine Fahrkarte. Kein Zweifel.

»Entschuldigen Sie bitte, hier muss ein Irrtum vorliegen. Sie sitzen auf meinem Platz.«

Der Mann schaut sich um und macht mich darauf aufmerksam, dass der Zug halb leer ist. »Setzen Sie sich doch einfach irgendwoanders hin«, sagt er und zuckt mit den Achseln. Da oder dort, was macht das schon für einen Unterschied.

»Dies hier ist aber mein Platz.« Weder da noch dort.

Der Mann steht auf, breitet resigniert die Arme aus und sucht sich einen anderen Platz. Ich setze mich. Der Zug verlässt das Zentrum, und die mit Sprüchen verschmierten Vorstadtfassaden ziehen an mir vorbei, sinnlose Botschaften in Blockbuchstaben. Ich schließe die Augen und verschließe meinen Blick. Sofort falle ich in den leichten Schlaf derer, die aus einer einfachen Fortbewegung keine Reise machen.

Meine Uhr zeigt Punkt drei, die Uhr im Hörsaal Viertel vor drei. Ich bin absolut pünktlich und gleichzeitig zu früh. Das kann nicht sein.

»Hat jemand von Ihnen die Zeiger verstellt?«

Blicke, Achselzucken. So eine dürftige Antwort lässt sich nicht packen, weder vom Griff noch von der Klinge her. Wenn sie sich auf dich richtet, entwaffnet sie zahlreiche in sich geschlossene, sinnvolle Sätze.

»Die Vorlesung beginnt dann jetzt«, sage ich. »Jetzt sofort«, ergänze ich mit der Unnachgiebigkeit dessen, der nicht zu warten gedenkt.

Die Studierenden drängen in die Bankreihen, und ich frage mich, ob es Kommilitonen gibt, die nichts von dem Streich wissen. Die vielleicht auf die Uhr an der Wand geschaut haben und nun draußen sind, um noch einen Kaffee zu trinken oder eine Zigarette zu rauchen. Dass jemand so gutgläubig sein kann, irritiert mich, oder wenn es mich nicht irritiert, so hemmt es mich doch.

Ich öffne meine Mappe, nehme meine Aufzeichnungen heraus, klopfe sie auf dem Tisch zu einem ordentlichen Stapel zurecht, kontrolliere, ob das Mikrofon angeschlossen ist – »Können Sie mich verstehen?« –, warte, und zwar so, dass man es nicht merkt. Wer im Restaurant an einem Tisch sitzt, der für zwei gedeckt ist, schaut ständig zur Tür hin oder blättert in der Speisekarte. Niemand möchte dabei beobachtet werden, während er nichts tut als warten.

Meine Uhr zeigt Viertel nach drei, die Uhr im Hörsaal Punkt drei.

»Sie sind zu spät«, sage ich zu dem Studenten, der als Letzter kommt. Er merkt, dass alle anderen bereits sitzen, und ihm entschlüpft ein »Ja, aber …« Verwirrt zeigt er auf die Uhr an der Wand.

»Es handelt sich um einen Scherz Ihrer Kommilitonen.« Und da wir beide darauf hereinfallen sollten, bedeutet das wohl, dass uns irgendetwas verbindet und aus der Masse heraushebt.

»Wie ist Ihr Name?«

Er zögert.

»Nur zu, ich beiße nicht.«

Er entschuldigt sich, und seine Gutgläubigkeit kommt mir gelegen: De Berardi Michele.

Eigentlich wollte ich nicht über den Zaun klettern.

»Du warst es doch, der den Ball auf die andere Seite geschossen hat. Jetzt kannst du ihn auch zurückholen.«

Ich könnte einen neuen kaufen.

»Und womit sollen wir so lange spielen?«

Ich könnte mich beeilen. Nur schnell nach Hause laufen, und dann sofort ins Geschäft.

»Diego ist ein Ho-sen-schei-ßer«, riefen sie im Chor.

Tatsache war, dass sich hinter dem Zaun ein Hund befand, ein großer Hund ohne Leine, und dass ich ein Hosenscheißer war.

Was wollte ich werden, wenn ich groß war.

Die anderen wollten Feuerwehrmann werden. Auf der Schaukel ließen sie sich immer stärker anstoßen, um dann irgendwann den Griff zu lockern und in der offenen Hand die Geschwindigkeit des Nichts zu spüren.

Ich klammerte mich an die Seile. Je stärker ich angestoßen wurde und je höher ich kam, desto verzweifelter krallte ich mich fest.

Was wollte ich werden, wenn ich groß war.

Die anderen wollten Soldat werden. Ich war eine Brillenschlange. Mein Element war das Versteck, nicht der Schützengraben, und dieser Art der Verteidigung liegt keine Strategie zugrunde.

»Diego ist ein Ho-sen-schei-ßer.«

Als ich dann doch über den Zaun kletterte, tat ich es gegen meinen Willen.