Wullenwever - Wolfgang Ehmer - E-Book

Wullenwever E-Book

Wolfgang Ehmer

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Beschreibung

Wullenwever, Homosexueller und Hedonist, ist Geschäftsführer in einem Cabaret in Hamburg der dreißiger Jahre. Dort erlebt er die Machtübernahme der Nazis. Die Hoffnung, dass nach dem Nazi-Terror in der jungen Bundesrepublik der Schrecken der Verfolgungen aufhört, entpuppt sich als Chimäre. Die Homosexuellen-Verfolgungs-Paragraphen StGb 175 und 175a werden aus der Nazi- Rechtsprechung buchstabengetreu ins Strafgesetzbuch der BRD übernommen…

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Seitenzahl: 558

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Wolfgang Ehmer

Wullenwever

Roman

Impressum

© 2023 Wolfgang Ehmer

Coverdesign: Doris Maile (https://dorismaile.jimdofree.com)

Foto: Wolfgang Ehmer ([email protected])

ISBN Softcover: 978-3-347-84546-6

ISBN Hardcover: 978-3-347-84547-3

ISBN E-Book: 978-3-347-84548-0

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor

verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und

Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10,

22926 Ahrensburg, Deutschland

Und das was Gott war, wäre nur

dein Wächter

und stopfte boshaft in das letzte

Loch

ein schmutziges Auge. Und du

lebtest doch.

Rainer Maria Rilke, Der Gefangene

Hoffnung

gießt

in Sturmnacht

Morgenröte…

J.W. von Goethe, Proserpina

Inhalt

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1952

Nun also Lübeck. Mit Hamburg war er durch. Mit den Strichern ebenso. Er wollte seine Ruhe, nichts als seine Ruhe. Und nie wieder einen Knast von innen sehen. Das Erbe war der Glücksfall. Den verstorbenen Onkel kannte er kaum. Aber das Geld reichte, einen kleinen Antiquitätenladen in der Fischergrube in Lübeck zu betreiben. Alltagsramsch, Nippes, Gebrauchtgegenstände, Möbel. Alles was der Krieg übrig gelassen hatte, was aus Schutt und ausgebombten Häusern den Weg in seinen Laden fand. Manches wurde ihm angeboten, das meiste erwarb er bei Entrümpelungen und bei Versteigerungen. Seine Kunden waren Nachbarn. Bald auch Menschen aus anderen Stadtteilen, Ausgebombte oder die es bei der Flucht nach Lübeck verschlagen hatte, auf der Suche, ihre Barackenzimmer oder zugewiesene Wohnungen zu bestücken. Er hatte Glück gehabt, wenigstens einmal in den letzten Jahren: Eines von den verschonten Häusern, die die Bombenangriffe einigermaßen unbeschadet überlebt hatten und die nun als seltsame Überbleibsel aus dem Schutt und den Mauerrelikten ihrer Nachbarn herausragten wie falsche Botschafter aus einer heilen Zeit, hatte noch einen intakten Hinterhof und ein Waschaus mit einer kleinen Wohnung gegenüber stand zur Vermietung frei. Da er in der Lage war, eine Jahresmiete im voraus zu zahlen, erhielt er den Zuschlag. Wohl aber auch, weil das Waschaus leer stand, von den übrig gebliebenen Mietern nicht mehr genutzt wurde und schon in Vorkriegszeiten als Abstellraum diente. Waschzuber und Waschbretter waren längst ausgeräumt, nur ein alter Handpaddel zum Umrühren der Wäsche lag noch in einer Ecke. Diese erste antiquarische Erwerbung nahm er als gutes Zeichen. Sie diente ihm als vielversprechendes Omen und Dekoration an einer der geweißten Wände. Wullenvewer widerstand jedem begehrlichen, auf das Objekt gerichteten Blick seiner Kundschaft.

Besonders angetan war er von dem gemauerten Waschkessel-Ofen. Er konnte mit Holz oder Kohle befeuert werden und heizte den Raum tüchtig ein. Zwei Fenster zum Hof reichten aus, die vierzig Quadratmeter mit Tageslicht zu füllen. Eine besondere Ironie des Schicksals muss ihn hierher geführt haben. Ausgerechnet ein Waschhaus, das ihm jetzt Heimat werden sollte, ein Waschhaus, das er im Gefängnis verflucht und gehasst hatte.

*

1954

Jetzt, zwei Jahre später, im Sommer 1954, war sein Antiquariat, eigentlich ein Euphemismus für seinen Gebrauchtwarenladen, dessen er sich gern selbstironisch bediente, gut gefüllt. Er musste nicht mehrt so oft mit seinem Bollerwagen losziehen, um die Versteigerungen abzuklappern oder alte Dachböden auszuräumen.

Er wurde weniger oft gesehen, der kleine gebrechliche alte Mann, den seine Kleidung umschlotterte, wie er mit Trippelschritten gebückt den Bollerwagen mit einem quer über die Schulter gelegten breiten Lederriemen zusätzlich zur Deichsel mit den Handgriffen zog. Bei seinen Gängen erinnerte er sich jedesmal fatal an das Theaterstück von Brecht, in dem die Marketenderin Mutter Courage einen ähnlichen Wagen über die Bühne gezogen hatte. Hätte er jemals gedacht, diese expressionistisch übertrieben ausgeformte Szene selbst einmal in der Wirklichkeit nachzuspielen, mit ihm als Hauptakteur? Sie kannten ihn im Viertel und manchmal, wenn die Last zu schwer war, halfen ihm Kinder schieben. Die ersteigerten größeren Möbelstücke brachte ihm ein Nachbar, der einen Kohlenhandel betrieb.

Dieser August war zum Kotzen. Aus dichten, grau-verhangenen Wolkenbergen regnete es immer wieder. Die Temperaturen erkletterten selten die sechzehn Grad Marke. Wullenwever, der Sonne und Wärme brauchte gegen die innere Kälte, verkroch sich in sein Antiquariat und überlegte, ob er den Ofen anzünden sollte. Er verwarf den Gedanken wieder, zu umständlich, sich im Sommer um Brennmaterial zu kümmern. Stattdessen zog er sich den dicksten Rollkragenpullover über, den er finden konnte, und darüber sein Jackett, groß genug war es ja.

So hockte er auf seinem Stuhl unter dem Fenster, beobachtete den Hof, wenn sich etwas tat, und blätterte in einem Kunstkatalog, den er durch Zufall erst neulich auf einem Dachboden gefunden hatte. Zuerst mochte er gar nicht glauben, was er da in den Händen gehalten hatte. Als sich der Besitzer des Gerümpels näherte, ließ er den Katalog blitzschnell unter seinem Jackett verschwinden. Es war ein Schatz, ein unglaublicher Schatz, und er konnte es kaum erwarten, ihn zu heben. Den Besitzer zu fragen, verbot sich ihm. Entweder würde der leugnen, das Buch zu kennen oder es aber nicht herausrücken wollen aus demselben Grund, den es Wullenwever nicht zögern ließ, es zu stehlen. Er sah förmlich, wie der Besitzer es ihm aus den Händen gerissen hätte. Das konnte er nicht riskieren. So verabschiedete er sich schnell, nachdem er das Geschäft über ein nicht mehr ganz vollständiges Porzellan-Kaffeeservice abgeschlossen hatte.

Derart gesättigt voller Vorfreude war er selten bei seiner Ankunft im Antiquariat. Das Kaffee-Service stellte er achtlos auf einem Tisch ab und setzte sich noch in Mantel und Hut auf den Stuhl am Fenster. Der Katalog blieb erst lange auf seinem Schoß liegen. Er beugte sich tief herunter, damit ihm jetzt schon kein Detail entgehen durfte. Auf dem Umschlag prangte die Skulptur eines Kopfes, den der Maler und Bildhauer Otto Freundlich erschaffen hatte. Sie wurde im Katalog mit Der neue Mensch betitelt. Ein von schräg unten fotografierter wuchtiger Kopf, mit wulstiger Stirn und Brauen, einer breiten gekrümmten Nase und einem über das gesamte Gesicht gezogenen Mund. Ihm kamen die Köpfe von den Osterinseln in den Sinn. Diese FotoPerspektive sollte wohl für den Titel des Katalogs: Entartete Kunst, Ausstellungsführer, passend gemacht werden, dachte Wullenwever.

Er versenkte sich eine Zeitlang in den Kopf, um dann den Katalog, ein wenig zittrig, mit Daumen und nikotingelbem Zeigefinger aufzuschlagen. Da waren sie wieder, die Bilder und Skulpturen seiner Hamburger Zeit: die Nolde, die Pechstein, Kokoschka, Kirchner, Grosz, Chagall, Beckstein, die Freundlich, Barlach, Hainzmann oder Voll und, und, und….

Schwarzweiß und versehen mit den diffamierenden Kommentaren, die er sich weigerte, überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Selbst wenn er flüchtig über einen Satz der Hohn und Hass sprühenden Texte hinweg las, konnte der seine Freude und seinen Genuss nicht schmälern. Wenn er eines in seinem Leben bis zum Erbrechen gehört hatte, dann waren es die Verachtung und die Böswilligkeit von Polizei, Staatsanwälten und Richtern, von Mitgefangenen und Mitmenschen, die seine Jahre begleiteten. Das Heruntermachen war die vorherrschende Reaktion auf seine Person gewesen.

Diese Bilder indes zeugten von dem anderen Leben, von der aufgeregten Zeit seiner Hamburger Jahre, von den Umbrüchen, der Lebensfreude und den Freiheiten, den Freunden und Geliebten. Die Malerei hatte ihn stets begleitet, schon der Impressionismus hatte ihn fasziniert. Aber beim Ausstellungsbesuch 1927 der Europäische Kunst der Gegenwart und nach der stundenlangen Warterei in der Besucherschlange, das wusste er noch wie heute, da hatte er nicht nur geschaut, da hatte er gefühlt, wie radikal der Expressionismus in seine Sehgewohnheiten eingegriffen hatte.

Während der Regen die Scheiben verschlierte, hockte er mit gekrümmten Rücken auf seinem Stuhl und versuchte sich zu erinnern, welche Gemälde, welche Skulpturen, welche Zeichnungen er schon einmal gesehen hatte, wie sie im Original und in Farbe ausgesehen haben mögen.

*

Es gab nicht viele, mit denen er seine Freude hätte teilen können. Noch kannte er nicht viele Menschen in Lübeck. Die zwei Jahre waren schnell vergangen. Er hatte es nicht darauf abgesehen, jemanden kennen zu lernen. Seine Abwehrinstinkte waren stets mobilisiert. Er war einsilbig, gar verschlossen, wenn er in die seltene Situation geriet, mit jemandem ausführlicher ins Gespräch zu kommen. Seine Vergangenheit behielt er für sich, speiste seine Gegenüber mit ein paar Floskeln von diesem und jenem ab.

Er fühlte sich wie ein weißes, unbeschriebenes Blatt, das zu füllen ihn nicht drängte. Er hatte die Berührungsflächen mit der Welt so verkleinert, dass er sich treu bleiben konnte. Kein Zwang, das hatte er sich zu seinem Lebensmotto gemacht. Weder ein äußerer, wenn er sich vermeiden ließ, noch ein innerer. Solchermaßen versuchte er, mit Langsamkeit und Melancholie den Raum zwischen seiner Haut und der Welt zu füllen.

Unglücklich war er nicht. Er genoss die Ruhe und Zurückgezogenheit, die ihm Lebenselixier geworden waren. Er verwahrloste ein bisschen, schnitt sich die spärlichen Haare selber, ließ weiße Stoppeln nach der Rasur an seinem faltigen Hals stehen, unternahm nichts gegen die feuchte Schuppenflechte auf seinem Kopf, die ihn juckte und die er sich manchmal blutig kratzte. Ebenso wenig achtete er auf seine Kleidung. Sein Jackett und seinen Mantel trug er solange, bis sie fadenscheinig wurden. Dann besorgte er sich etwas Neues. Nur einen dunklen Anzug für besondere Gelegenheiten und ein paar schwarze Budapester verwahrte er in einem Schrank. Meistens wurde er auf den Dachböden fündig oder er ging in einen Laden für gebrauchte Kleidung, die gegen Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt eingetauscht waren.

Mit zittrigen Fingern fischte er eine Juno aus der Packung, schob sie sich in den Mundwinkel und sog, nachdem er sie angezündet hatte, den ersten Zug gierig ein. Das Zittern hatte ihn nicht mehr verlassen. Ein kleines Nähmaschinenrattern, ein Mitbringsel aus seiner Zeit im Konzentrationslager, ebenso wie seine tauben Füße. Aus gutem Grund ist Juno rund, murmelte er vor sich hin und ein Lächeln, kaum wahrnehmbar, umspielte seine Lippen. Bloß keine Selbstgedrehte mehr, hatte er sich nach dem letzten Gefängnisaufenthalt geschworen. Dabei war es bis auf wenige Ausnahmen geblieben. Nie wieder Zigaretten aus Zeitungspapier und irgendwelchen Rinden und Tabakresten, die den Namen nicht verdienten. Er wusste genauer, was er nicht wollte als was er wollte. So vieles war ihm ausgetrieben worden. Von so Vielem und so Vielen hatte er sich verabschiedet. Er versuchte sein Leben vom Rand aus zu führen, diesmal ein selbstgewählter Rand, von dem aus er beobachtete. Vermied, aufzufallen. Trotzdem war er leidlich interessiert und informiert, las unregelmäßig die Lübecker Nachrichten. Das Radio lief von morgens bis abends und begleitete ihn durch den Tag, auch wenn ihm die Tanzmusik und die gewollt fröhlich-optimistisch zukunftszugewandte Botschaften, die den Programmen zugrunde lagen, auf die Nerven gingen. Aber gemessen an dem erzwungenen Zurückgeworfen-sein auf sich selbst und dem Lärm und Gebrüll eines Knast- und KZ-Alltags erklang ihm sogar der monotone Sprechgesang der Wasserstandsmeldungen im Nordwestdeutschen Rundfunk wie eine willkommene, langersehnte Stimme aus einer anderen Welt.

Es dämmerte bereits, da erst klappte er den Katalog zu und ging hinüber in seine Wohnung. Zwei Zimmer, eine kleine Küche und eine Toilette mit Wasserspülung und einem Waschbecken. Die Toilette empfand Wullenwever als unerhörten Luxus. Sie hatte ihn zusätzlich außerordentlich befeuert, die Wohnung zu mieten. Er hätte sich auch für diesen Genuss einer Toilette, die nur ihm diente, auf eine höhere Miete eingelassen. Eimer, Latrinen, Löcher in der Erde, von Hunderten geteilte Donnerbalken über Gruben, vollgeschissen, verseucht, stinkend, nie allein, so viele Jahre des Ekels, der Erniedrigung und der Angst, sich den Flecktyphus oder eine andere Ansteckung zu holen. Niemand konnte sich vorstellen, welch ein Geschenk dieser private Raum bedeutete, niemand, der das nicht selbst durchgemacht hatte.

Einmal in der Woche am Freitag oder Samstag füllte er eine alte Zinkwanne mit heißem Wasser, das er auf dem Waschofen im Waschraum in einem großen Topf erhitzte und in seine Küche trug. Die Wanne war so klein, dass er sie unter die Spüle schieben konnte. Sie erlaubte ihm immerhin, sich hinein zu setzen. Das wöchentliche Bad wurde für ihn die Erfüllung eines langersehnten Bedürfnisses. Sein nachlässiges Äußeres täuschte darüber hinweg, aber das Baden bedeutete ihm, als schrubbte er sich den ganzen Schmutz der vergangenen Jahre von Körper und Seele.

Die Küche war penibel sauber. Ein weißer Emailleherd ließ sich mit wenig Brennholz heizen und die vier Türen für Brennmaterial, Asche, Zugluft und dem kleinen Backofen waren mit Blumengirlanden geschmückt. Für den Wasserkessel konnte er eine gusseiserne Herdplatte herausheben, sodass das Feuer direkt den Kesselboden heizte und das Wasser schnell heiß wurde. Das war ihm wichtig, denn er liebte es, mit einem Tee oder, wenn keiner zu ergattern war, mit einem Muckefuck in den frühen Abend zu gleiten.

Auf der restlichen Herdplatte hätten drei Töpfe Platz. Freilich, Wullenwever kochte nur selten. Er hatte es nie gelernt. Er zog es vor, in einem nahe gelegenen Lokal das Tagesgericht zu essen. Das Lokal bot die Gelegenheit, hin und wieder mit jemandem ins Gespräch zu kommen oder aber, was er vorzog, von seinem Tisch in der Ecke aus die Menschen zu beobachten.

Die mattweiße Spüle unter dem Fenster glänzte trotz der beschädigten, abgeplatzten Stellen. Ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, ein Regal mit Porzellandosen für Zucker, Salz, Tee und Muckefuck und ein paar Koch-Ingredienzen, ein Hängeschrank für das Besteck und das Geschirr. Die Pfanne und die Töpfe hatten in einem Regal neben der Spüle Platz und ergänzten das Mobiliar. Eine funktionale Küche ohne eine persönliche Prägung, in der Wullenwever oft auch winters saß, denn der Küchenofen strahlte ordentlich Hitze ab.

Was die Küche zu seiner machte, waren die Bilder an der Wand. Farbintensive, abstrakte Gemälde, kleine wunderschöne Augenschmause, die keinem Stil und keiner Schule zuzuordnen und eher einer Suche und einem Neuanfang geschuldet waren, stammten von jungen Künstlern, die er bei seinen Durchforsten der neuen Galerien entdeckt hatte.

Das kleine Bücherregal, bestückt mit Katalogen von Kunstausstellungen und Kunstbüchern, die er auf seinen Streifzügen gerettet hatte, vervollständigten das Interieur.

*

Den einzigen Menschen, den er noch aus Vorkriegszeiten aus Hamburg kannte und den es ebenfalls nach Lübeck verschlagen hatte, kreuzte er im Sommer 1954 auf dem Weg zur Marienkirche, um sich wieder einmal die neuentdeckten und gefälschten Fresken in den Obergaden anzuschauen.

Wenig hatte die Lübecker mehr erschreckt und bewegt, als beim englischen Bombenangriff am Palmarum, der Nacht vor Ostersonntag 1942, ihre Marienkirche, ihr Sankt Marien, den Bomben zum Opfer fiel. Durch die glühende Hitze wurde der Kalk von den Mauern gesprengt und Fragmente der mittelalterlichen Figuralen, der Girlanden und der Blumenmuster in all ihrer Farbenpracht freigelegt. Es eröffnete sich plötzlich auf beinahe wundersame Weise eine vollkommen neue Sicht auf die Lübecker Malkunst, die im Mittelalter schon so Epochales geleistet hatte. Der lübische Malstil war geboren und plötzlich in aller Munde und die Stadt in einen künstlerischen, gleichsam Welt-Mittelpunkt gerückt. Schon 1948 begann die Restauration der Wandgemälde unter großer öffentlicher Anteilnahme und riesigem Medieninteresse. Und kurz vor dem siebenhundertjährigen Bestehen der Kirche 1952 waren die restaurierten Wandmalereien zum großen Teil beendet.

Jahrelang pilgerten sie hin, die Lübecker, um sich ein Bild von den Fortschritten zu machen. Viel gab es nicht zu sehen, die hoch in den Chor-

Obergaden entdeckten Fresken waren teilweise verdeckt. Aber es genügte schon, die Maler und Handwerker dort oben mit ihrem Kulturschatz beschäftigt zu sehen, lenkte es sie doch ab von dem Unbill der Zeit. Was gab es Erbaulicheres zu behaupten, wenn nicht eine Kontinuität vom Mittelalter bis heute, in der der bedauernswerte Unfall der Geschichte gewissermaßen mit wegrestauriert werden konnte?

Und wie jubelten die Zeitungen: „Die Welt schaut auf Sankt Marien“, „Lübeck, Kulturzentrum des Mittelalters“ oder „Die größten Funde Europas“ beim Besuch Adenauers im September 1952 zum Festakt der die drei Meter großen einundzwanzig Heiligen-, Patriarchen- und Marien-Figuren des hohen Chores vollzählig in den Backsteinfeldern versammelt sah. Und wie leuchteten sie in den herausstechenden Farben Blau, Grün, Ocker und Purpur. Dem Restaurator Herrn Fey einen Orden anzuheften für seine Verdienste, das Ansehen Deutschlands in der Welt vermehrt zu haben, war das mindeste, das dem Restaurator zustand.

Die Gehilfen und Lothar Malskat, der Kunstmaler, wurden im wörtlichsten Sinne während des Festaktes abgespeist mit Bier, Schnapsmarken und Schmalzbroten. „Ihr sollt auch nicht leben wie Hunde! Hier, lasst euch volllaufen“, soll Fey ihnen zugerufen haben. Zum Dank gab es Essens- und Getränkemarken.

Den Ruhm heimste allein er ein, ebenso wie die Entlohnung für die Restauration. An der Herausgabe der Briefmarken mit den Heiligenbildern verdiente die Kirche 180.000 Mark. Malskat und den Arbeitern blieben nur kärgliche Hungerlöhne, obwohl sie schon jahrelang im Kalkstaub und in gefährlicher Höhe die Arbeit geleistet hatten. Kein einziges Wort der Anerkennung.

So sei das eben mit den Arbeitern, und er, Malskat sei ein Maler, mehr nicht, und darüberhinaus sein Angestellter, beschied Fey ihm auf die Beschwerde Malskats hin. Das hätten sie so vereinbart, genauso wie den im Vertrag stehenden Satz, dass allein unter dem Namen Herr Dietrich Fey die Aufträge abgewickelt würden.

Malskat, der schon seit den dreißiger Jahren mit Fey zusammengearbeitet hatte, war so hell empört über die Missachtung, dass er am 16. Mai 1952 in einem Brief an den Oberkirchenrat Dr. Goebel behauptet hatte, alle 21 Figuren selbst erfunden und gefälscht zu haben. Niemand glaubte ihm. Eidesstattliche Erklärungen wurden von Fey und dem Kirchenrat abgegeben, internationale Sachverständige bestätigten die Echtheit, zu viel stand auf dem Spiel. Aber Malskat gab sich nicht geschlagen. Jahrelang hatte er heimlich jede seiner Fälschungen dokumentiert, fotografiert und sogar an unscheinbaren Stellen signiert. Selbst die Schauspieler und Schauspielerinnen, deren Gesichter ihm als Vorlagen für die Figuren dienten, benannte er. Beweis für Beweis, Brief für Brief, so langsam sickerte die Erkenntnis in die Öffentlichkeit ein, dass Malskat wohl tatsächlich der Fälscher war, der zu sein er behauptete. Nach seiner Selbstanzeige dauerte es noch zwei Jahre, bis 1954 der Prozess gegen ihn und die Kirchenleitung eröffnet wurde.

Seinen Bekannten also traf er vor der Marienkirche auf dem Koberg in der Kulisse der zerstörten Häuser ringsherum und der noch vom Brand geschwärzten Mauerresten mit ihren Löchern, in denen einmal Fenster gewesen waren.

Wullenwever hatte Gerhard sofort erkannt und er zögerte einen Moment, ob er sich wegdrehen sollte, aber der kam auf ihn zu mit einem ins Gesicht geschrieben Zweifel.

„Entschuldigung, Sind Sie….?“

Er stockte und hub noch einmal an, diesmal strahlend: „Mensch Wullenwever, du bist’s. Das ist ja ein Ding. Ich habe dich kaum wiedererkannt. Was machst du hier? Wieviel Jahre ist das her?“

Wullenwever vermochte zuerst nicht zu antworten, er war erschüttert und fassungslos. Nie hätte er damit gerechnet, Gerhard noch einmal wiederzusehen. Er war Gast in seinem Cabaret gewesen, Stammgast, und eines Tages verschwunden. Sie hatten die gleiche Leidenschaft für moderne Kunst geteilt. Gerhard pflegte einige Kontakte in die Hamburger junge Kunstszene, in die er Wullenwever eingeführt hatte. Und nun stand er vor ihm. Kaum verändert, gleichsam verschont von den Jahren und den Strapazen. Vielleicht fülliger, behäbiger, ja, auch älter, aber faltenlos und gut gekleidet in seinem modernen Zweireiher. Er erinnerte Wullenwever stark an die Mode der dreißiger Jahre, die auch er so geliebt hatte: Die verbreiterten Schultern mit den Knöpfen weit oben und den Bundfaltenhosen, die jetzt unten enger waren. Selbstverständlich hatte Gerhard auch die obligatorische Weste an. Nur das leuchtend weiße Perlonhemd gab es damals noch nicht. Wullenwever registrierte alles automatisch, blieb aber weiterhin stumm. Gerhard hingegen schien das nicht zu bemerken oder es störte ihn nicht, denn er ergoss einen Redeschwall über Wullenwever, dem das recht war, konnte er sich erst einmal sammeln.

Auch Gerhard wollte in die Marienkirche. Doch daran war jetzt nicht mehr zu denken. An einem Tisch im Niederegger Café in der Breiten Straße, nur ein paar Schritte entfernt, gelang es Wullenwever endlich aus seiner Starre aufzutauchen. Sie tauschten sich aus, er schaffte es, ihm sich anzuvertrauen und schilderte ihm in groben Zügen sein Leben. Gerhard hatte es besser getroffen. Nach seiner ersten Festnahme 1936 und einer mehrtägigen äußerst erniedrigenden und schmerzhaften Erfahrung im Polizeigefängnis in den Hütten in Hamburg hatte er sich in die Niederlande abgesetzt und von dort aus nach Frankreich.

„Erinnerst du dich nicht? Wir waren uns zufällig über den Weg gelaufen. Vor der Adlerdiele. Weißt du nicht mehr?“

Wullenwever schüttelte den Kopf. Dann hellte sich sein Gesicht auf.

„Klar, jetzt weiß ich’s wieder. Ohne Zähne. Mannomann.“

In Frankreich hatte er sich in Nizza verstecken können. Nachdem er sich nach dem Krieg wieder nach Deutschland durchgeschlagen hatte, war Hamburg ihm fremd geworden. Lübeck und das nahe mondäne Strandbad Travemünde erschienen ihm verlockend, überschaubar und seinen Bedürfnissen durchaus zu entsprechen. Er konnte an seinem Vorkriegsberuf anknüpfen und hatte eine Stelle als Buchhalter in der Reederei Lübeck Linie gefunden.

„Ja, stell dir vor, und immer noch die Malerei“, beendete er seinen Bericht. „Du weißt ja, was die jungen Künstler betrifft….“

Den Schluss ließ er offen und endete stattdessen mit einem Augenzwinkern. Wullenwever fragte nicht nach. Dieses Zwinkern kam ihm obszön und irgendwie rücksichtslos vor. Er hatte ihm doch gerade von Knast und KZ erzählt, konnte der sich denn nicht denken, wie unpassend seine offensichtliche Unversehrtheit in diesem Moment war? Zu seiner eigenen Sexualität äußerte er sich nicht. Er beschloss, nicht wieder so redselig zu sein.

*

Ein paar Tage später bereitete er sich auf einen gemütlichen Abend vor, den Katalog über die Ausstellung Entartete Kunst hatte er schon bereit gelegt. Er füllte den Herd mit ein paar Holzscheiten und entfachte das Feuer. Ein paar Minuten später sprudelte das Teewasser im Kessel. Trotz seines Zitterns waren seine Bewegungen dennoch zielgerichtet, funktional und das Gegenteil von fahrig. Er goß den Tee auf, ohne auch nur einen Tropfen des heißen Wassers zu vergießen, und die Tülle des Kessels schlug ein leises Stakkato an die Porzellanwand der Teekanne.

Es klingelte an der Wohnungstür und die gerade in den Mundwinkel geschobene geliebte Juno blieb umangezündet. Wullenwever zuckte zusammen. Es war ihm immer noch unmöglich, neutral auf ein Klingeln oder Klopfen zu reagieren. Jedes Mal überlegte er sich, ob er aufmachen solle oder sich tot stellen. Es war äußerst selten, dass jemand ihn besuchte. Manchmal brachte ihm seine Nachbarin, eine junge Frau, die ihren Mann im Feld gelassen hatte, wie sie sich ausdrückte, ein Stück Kuchen hinüber oder erinnerte ihn an den Putzdienst im Treppenhaus. Sie lebte allein mit ihren Kindern, zwei Mädchen, in zwei Heimaturlauben gezeugt, und Wullenwever hatte noch nie einen Mann in ihrer Nähe gesehen.

In einem plötzlichen Anfall von Missmut trippelte er zu Tür.

„Ja, ja ich komm ja schon, immer mit der Ruhe“, brummelte er vor sich hin, mitten hinein in ein dringlicheres Schellen.

Es war Gerhard.

„Ich dachte, du hast das Klingeln nicht gehört“, entschuldigte er sich beim Anblick von Wullenwevers verkniffenen Mund.

„Ich bleib nicht lange, ich geh auch gleich wieder.“

„Nein, nein, tut mir leid. Ich habe nur mit keinem Besuch gerechnet. Na komm schon, für einen Tee wird es wohl reichen.“

Gerhard war nicht das erste Mal in der Wohnung. Trotzdem blieb er in der Küche stehen, drehte sich einmal um die eigene Achse, um dann vor den Bildern stehenzubleiben und sie intensiv ins Auge zu fassen.

„Der hier,“ er zeigte auf ein Gemälde, das Wullenwever an die Aquarelle von August Macke aus seiner Tunesienreise erinnerte, „der wird was.“

„Wird was?“, fragte Wullenwever zurück.

„Na, bekannt natürlich, vielleicht sogar berühmt.“

„Aha.“ Wullenwever war lakonisch. „Vielleicht sollte er erst einmal ein richtig guter Maler werden, mit eigener Handschrift und eigenem Duktus zum Beispiel.“

„Du weißt doch, ich hab ein Gespür.“

Wullenwever nickte. Es stimmte. Gerhard hatte einen guten Blick, Ahnung und Verbindungen. Schon in den Hamburger Zeiten hatte er manchen der jungen Künstler eine Galerie oder Gruppenausstellung vermitteln können. Er war sogar Kokoschka bei einer Vernissage begegnet und hatte ein kurzes Gespräch mit ihm geführt, von dem er immer noch schwärmte.

„Dann werde ich ja doch noch einmal reich“, sagte Wullenwever jetzt versöhnlicher.

Beim Tee kam Gerhard auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen.

„Ich will am Montag zum Prozess gehen und dich fragen, ob du mitkommst. Er hat sie alle gefälscht. Barlach, Liebermann, Kokoschka, Rembrandt, Utrillo, Chagall, alle, Nolde, alle, über sechshundert Gemälde, kannst du dir das vorstellen und Truthähne im Schleswiger Dom auch. Genial, wenn du mich fragst. Den Mann möchte ich mir mal anschauen.“

„Ich betrete kein Gericht mehr. Nie wieder.“

„Mensch, Wullenwever. Du bist jetzt frei, keiner kann dir was. Das ist doch total interessant. Sowas kriegst du nicht alle Tage zu sehen.“

„Ich weiß, aber warum soll ich mir das antun? Dieselben Krähen wieder da sitzen zu sehen mit ihrem ganzen selbstgefälligen, arroganten Gehabe? Nein danke.“

„Aber genau das ist es doch. Hautnah mitkriegen, wie Malskat ihnen die Maske herunterreißt. Und wenn es stimmt, was in der Zeitung steht, dann hat er ja die Fälschungen in der Marienkirche im Detail dokumentiert und fotografiert, jeden Pinselstrich sozusagen. Sogar signiert soll er die Heilgen haben. Los, komm mit, zusammen wird das ein Spaß.“

Wullenwever hatte die Geschichte von Malskat in den Lübecker Nachrichten sehr genau verfolgt, vom ersten Tag an im Oktober 1952, dem Tag der Selbstanzeige. Er war Malskat schon im Sommer 1952 in einer Galerie begegnet und sie hatten sich über eines der ausgestellten Bilder unterhalten. Im Gegensatz zu Wullenwever war die große Leidenschaft von Malskat die mittelalterliche Malerei. Es war kurz vor der Selbstanzeige und die Fälschungen waren noch kein Thema. Danach sind sie sich hin und wieder über den Weg gelaufen. Wullenwever bewunderte den Mut von Malskat und seine handwerklichen Fertigkeiten. So erfuhr er auch schon sehr früh von den Fälschungen im Schleswiger Dom und dem Geschäftsmodell mit den gefälschten Bildern.

Und trotzdem. Gerichtssaal blieb Gerichtssaal. Andererseits, je länger Gerhard ihm den Besuch schmackhaft zu machen versuchte, desto weniger konnte sich Wullenwever hinter seiner Abwehr verschanzen. Im Grunde seines Herzen wollte er diesen Mann unterstützen, der sie alle herausgefordert hatte und dabei war, die Heuchelei und den Selbstbetrug der Kirchenleitung und Experten zu entlarven. Schließlich nickte er und das Strahlen auf Gerhards Gesicht zeugte von einer aufrichtigen Freude. Dass er Malskat kannte, erwähnte er mit keinem Wort.

*

Der Prozess fand im Atlantic Etablissement im ehemaligen Hindenburghaus hinter dem Burgtor statt. Der Morgen, neblig grau, wolkenverhangen, kalt. Wullenwever fröstelte es schon bei den ersten Schritten auf dem Gehsteig. Lange hatte er sich an diesem Morgen rasiert, den Kopf dicht an den Spiegel geschoben, den Hals vorgereckt, um auch noch die letzten Stoppeln zu erwischen. Die Nasenhaare hatte er sich mit einer kleinen Schere entfernt und musste sie mit beiden Händen halten, um sich nicht ins Nasenloch zu schneiden. Die dünnen Haare lagen zurückgekämmt mit ein wenig Haaröl gebändigt am Kopf. Sein prüfender Blick in den Spiegel hielt seinem Gegenüber stand. Ein frisch gebügeltes weißes Hemd und eine dezente Krawatte, dazu sein bester schwarz-blauer Anzug aus einem dicken Stoff mit altmodischer Nadelstreifen und an den Ärmeln schon verschlissen, hatte er sorgfältig gebürstet. Die Budapester, die er selten trug, da sie seinen tauben Füßen nicht genügend Halt gaben, glänzten gewienert und lenkten so von den abgelaufenen, schiefen Absätzen ab. Ein Hut komplementierte seine Erscheinung, die nun nicht mehr auffiel und ihn als Durchschnittsdeutschen auswies.

Er hatte das Gefühl, sich so präsentabel wie möglich geben zu müssen, um zu verhindern, dass im Gerichtssaal die Blicke der Richter und Staatsanwälte auf ihn fielen und sie hinter seiner Camouflage den Delinquenten erschnüffeln könnten. Er kannte ihre Blicke und ihre Urteile, die sie längst gefällt hatten, bevor auch nur das erste Wort gefallen war. Die Zeiten hatten sich geändert, aber nicht für ihn. Das juristische Personal, das sich seiner historischen Verantwortung nicht hatte stellen müssen, glaubte sich im Recht, heute wie gestern.

Schon von Weitem sah er die Schlange vor dem Haupteingang. Ein imposantes Gebäude, das als Gericht genutzt wurde mit einem großen Saal, um dem großen Publikumsinteresse gerecht zu werden. Er suchte die Reihe ab, ob Gerhard sich vielleicht schon weiter vorne eingereiht hatte. Und tatsächlich stand sein alter Bekannter weit vorn, fast am Eingang und musste schon eine ganze Weile dort ausgeharrt haben. Sie begrüßten sich herzlich, aber Wullenwever war es mulmig zumute und er konnte seine Nervosität kaum verbergen.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn mein Freund sich bei mir einreiht?,“ fragte Gerhard die Frau hinter ihm.

Sie nickte freundlich, aber der Mann hinter ihr rief sofort “Das fehlte noch. Wo sind wir denn?“

Wullenwever hob abwehrend die Hände und trat einen Schritt von Gerhard weg.

„Ist gut, ich geh nach hinten. Wir sehen uns später.“

Ohne Gerhards Reaktion abzuwarten, drehte er sich um und ging langsam mit seinen kleinen Schritten ans Ende der Warteschlange.

Es kostete ihn große Überwindung, nicht einfach weiterzugehen. Er fragte sich zum wiederholten Male, was er eigentlich hier machte. Hätte es doch nur geregnet, dann hätte er einen Vorwand gehabt, zu flüchten. So war ihm: abhauen, das Weite suchen. Nach Hause, in seine alten Klamotten steigen, Tee trinken.

Er nahm sich zusammen und blieb. Auch weil er Gerhard zugesagt hatte. Und wegen des Körnchens Neugierde, das ihn schließlich Schritt für Schritt dem Eingang näher kommen ließ.

Der Gerichtssaal war groß, dunkel getäfelt mit einer Fensterfront bis zur hohen Decke. Einschüchternd. Er schien trotzdem schon jetzt zu klein für all die Menschen, die er aufnehmen musste. Wullenwever ergatterte noch einen freien Stuhl in der vorletzten Reihe. Gerhard, der sich suchend umgeschaut hatte, zuckte bedauernd mit den Schultern und deutete an, der Platz neben ihm sei nicht zu verteidigen gewesen. Wullenwever winkte ab, es sei alles in Ordnung. Es war ihm lieber so.

An den Längsseiten saßen die Anwälte der Angeklagten Fey, Malskat und die Herren der Kirchenbauleitung. Ihnen gegenüber die Staatsanwaltschaft. An der Stirnseite auf einem erhöhten Podest die Richter, Schöffen und Beisitzer.

Überall standen Reporter herum, sodass Wullenwever kaum einen Blick auf Malskat werfen konnte. Der Gerichtssaal glich mehr einer Versammlung als den Gerichtsverhandlungen, mit denen er es zu tun gehabt hatte. Welch ein Unterschied! Nichts von der von Richtern und Staatsanwälten zur Schau getragene Abscheu vor ihm, dem Abschaum; nichts von den kurzen Prozessdauern, in denen, zack-zack, ein kurzer Prozess mit ihm gemacht wurde. Es hatte sich nicht gelohnt, sich mit ihm zu befassen, das trugen sie wie eine Standarte vor sich her. Vor allem keine Reden über Volksgesundheit und Volksschädlinge und Schande und Ausmerzen. Es ging geschäftig, sachlich und höflich zu. Niemand wurde unterbrochen, niemand zurechtgewiesen.

Verhandelt wurden heute in der Beweisaufnahme die von Malskat gefälschten Gemälde, die Fey nach dem Krieg verkauft hatte, sechshundert Bilder vom Mittelalter bis zum Expressionismus, die in Museen und Privathäusern hingen und für echt gehalten wurden. Malskat war unbestritten der Star und Meisterfälscher und seine Auskunftsfreudigkeit war gepaart mit Stolz und Selbstverliebtheit, aber auch Arroganz schwang mit. Wullenwever spürte sie förmlich. Immer wieder warf der Maler einen eitlen Blick ins Publikum, das offensichtlich auf seiner Seite stand.

Einige der Leinwände lagen ausgebreitet auf dem Richtertisch und die Richter und Schöffen versuchten sich im Kunstverstand, was Ihnen aber offensichtlich nur ratlose Mienen auf ihre Gesichter zeichnete.

All dieses beobachtete Wullenwever, aufmerksam und anonym, eingetaucht in die Menge. Es war so neu, so absolut unvorstellbar, diese Ernsthaftigkeit, dieses Ringen, dieser Respekt und, musste er denken, diese Bürgerlichkeit im guten Sinne des Wortes. Er staunte und es gefiel ihm. Ebenso, mit welchem Engagement und welcher Leidenschaft sich Malskats Verteidiger, Dr. Flottrong, in die Schlacht warf.

In einer Prozesspause blieb er im Saal. Malskat und sein Verteidiger waren stehend in ein Gespräch vertieft. Malskat schaute hin und wieder in die Zuschauerreihen und winkte einigen Bekannten zu. Sein Blick streifte Wullenwever, überging ihn und kehrte dann zu ihm zurück, nachdem er ihn erkannt hatte. Lächelnd hob er die Hand. Gerhard, der sich umdrehte, um zu schauen, wen Malskat meinte, sah Wullenwever den Gruß erwidern. Brüskiert drehte er sich zurück. An den hochgezogenen Schultern erkannte Wullenwever, wie es in ihm arbeitete.

Wullenwever beschloss, jetzt öfters den Prozess zu besuchen. Vielleicht gelang es ihm, einen genaueren Blick auf die Leinwände zu werfen. Eventuell eine Fälschung zu entdecken, die er schon einmal im Original gesehen hatte, hätte ihm ein unendliches Vergnügen bereitet. Einen Nolde oder einen Chagall. Himmelherrgott.

Beim Hinausgehen drängelte Gerhard sich durch die Menge dicht an Wullenwever heran und zischte ihm ins Ohr, wobei er sich herunterbeugen musste: „Warum hast du mir nicht erzählt, dass du Malskat kennst?“

Wullenwever antwortete nicht, sondern wies mit dem Kopf zum Ausgang.

„Stattdessen lässt du mich in der Luft hängen. Hättest du mir doch schon bei dir sagen können“, nahm er draußen den Faden sofort wieder auf.

Es nieselte einen feinen Sprühregen und Wullenwever drückte sich den Hut in die Stirn und schlug sich erst einmal den Kragen hoch.

„Ich fand es nicht so wichtig“, sagte er schließlich.

„Ich kenn Malskat kaum, bin ihm nur einige Male über den Weg gelaufen.“

„Einige Male?“

Gerhard klang enttäuscht, beinahe entrüstet. Er spürte die Zurückweisung.

„Ja. Drei, vier Mal. Da gibt es nichts zu berichten….“

Wullenwever verschloss sich. Er wollte Malskat nicht teilen, wollte etwas für sich behalten, das er hüten musste. Er hätte es nicht ausdrücken können. Es war tief in ihm, dieses Gefühl. Er wusste, dass er seinen Bekannten verletzte, konnte aber nichts dagegen tun.

Schweigend gingen sie noch einige Schritte neben einander her. An der nächsten Straßenkreuzung sagte Gerhard: „Na denn, man sieht sich.“

Im Abwenden hielt Wullenwever ihn am Arm fest.

„Gerhard, es ist wirklich nicht viel passiert. Wir sind uns in einer Galerie zufällig über den Weg gelaufen und ins Reden gekommen. Kennst du doch auch. Ich hätte es dir sagen können. Ich wollte mich nicht wichtig machen. Tut mir leid.“

Das war eine Lüge, aber eine, die Wullenwever vertreten konnte. Gerhard schaute skeptisch:

„Du kannst mir ja dann das nächste Mal davon erzählen.“

Sie trennten sich. Über das Geschehen im Gerichtssaal hatten sie kein Wort gewechselt.

Wullenwever trippelte nach Hause und seine Budapester machten ihm jeden Schritt zur Qual. Schneller gehen konnte er nicht, musste aufpassen, keinen falschen Tritt zu tun. Seine Füße fanden keinen Halt. Eitler Fratz, schimpfte er sich.

Seit dem Mittag hing der Tag weiterhin in dieser grau-nassen Suppe. Der Sprühregen überzog seinen Anzug mit einem feuchten Film. Der schwere Stoff dünstete einen dumpfen Geruch nach Mottenpulver und Lange-im-Schrank-gehangen aus. An den Schultern spürte er schon, wie die Nässe kalt und klamm das Hemd durchdrang.

Gleichzeitig war er wach wie seit Langem nicht mehr. Er ließ den Prozesstag noch einmal Revue passieren und fragte sich, ob Malskat überhaupt die Dimension seiner Selbstanzeige begriffen hatte. Zuerst hatte Wullenwever gar nicht verstanden, warum auch die gefälschten Gemälde eine Rolle in dem Prozess spielten, hatte dann aber plötzlich erkannt, dass sie unbedingt dazu gehörten. Wie hätte Malskat sonst beweisen können, dass er alles, wirklich alles fälschen konnte und dass niemand außer ihm dazu in der Lage gewesen wäre. Wie groß musste sein Hass auf Fey sein, wenn er so radikal seine ganze Existenz aufs Spiel setzte. Es ging um nichts anderes, es ging um die Anerkennung von ihm, dem Kunstmaler, das begriff Wullenwever. Deshalb schmiss er alles in die Waagschale. Er war jetzt gespannt, was Malskat noch alles in der Hinterhand hatte und wie vor allem Dr. Flottrong argumentieren würde, wenn es um die Frage von schuldig und nicht schuldig ging.

Endlich in der Fischergrube angekommen, entledigte er sich schnell seines Anzuges. Wie, um in seine zweite Haut zu schlüpfen, zog er Rollkragenpullover und Manchesterhose an. Den Anzug hing er zum Trocknen an die Schranktür im Schlafzimmer. Er stopfte Zeitungspapier in die vollkommen durchnässten Budapester. Jetzt brauchte er einen Tee. Ein paar brennende Scheite im Herd später brühte er ihn mit den letzten Blättern aus der Teedose auf.

Eigentlich hatte er sich vorgenommen, wieder in seinen Katalogen zu blättern. Aber Gerhard ging ihm nicht aus dem Sinn. Seine Reaktion empfand Wullenwever heftig und übertrieben. Hatte er etwas übersehen? War die Freude über das erste Wiedersehen mehr denn nur die Freude über diesen Zufall? Obwohl, so groß war Lübeck nicht, und es wäre früher oder später sowieso passiert, mutmaßte er. Sie verabredeten sich seit ihrem ersten Treffen auf dem Kohlmarkt unregelmäßig, mal im Niederegger, -Gerhard liebte das kleine Gedeck mit Schokolade und der unschlagbaren Sahne-Nusstorte-, mal in einer der Kneipen, in die Wullenwever ging. Öfters kam Gerhard einfach vorbei. Wullenwever hatte es bisher vermieden, Gerhard einen Gegenbesuch abzustatten. Gerhard erzählte von seinen Abenteuern mit den Strichern am Mühlentor und er hatte schon ein, zwei Gaststätten gefunden, in denen sich die Homosexuellen trafen. Einen Freund hatte er nicht. Suchte er deshalb seine Nähe? Das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, so alt und verbraucht er sich fühlte, so hässlich und ungepflegt. Dazu fehlte ihm die Phantasie. Der elegante Herr Lehmsiek und er, das aus der Welt gefallene Wrack? Freundschaft? Wullenwever wusste es nicht. Für ihn war Gerhard ein Bekannter, den er schätzte, dessen Geselligkeit er ab und zu mochte, ja, manchmal suchte. Der gut erzählen konnte und ihm eine Welt wieder eröffnete, die er gelebt hatte und die in ihm Erinnerungen hervorrief. Selbst Sehnsüchte, gestand er sich manchmal ein. Aber es war nicht mehr seine Welt. Die Angst vor erneuter Verhaftung beendete jeden Gedanken an eine sexuelle Befriedigung, die ihn genau dort hingebracht hatte, wo er jetzt war.

Selbst damals im Cabaret war Gerhard eher ein entfernter Bekannter, mit dem er die Liebe zur Malerei teilte. Wobei er sich auch schon damals nicht so sicher war, ob Gerhard in den Zirkeln die Kunst suchte oder die Kunst den Zugang zu den Künstlern erleichterte. Egal. Rumgemacht hatten sie alle. Jedenfalls war Gerhard nie im Visier von Wullenwever gewesen und umgekehrt wohl auch nicht. Sie waren ähnlich alt und Wullenwever würde das Verhältnis auch früher schon als neutral bezeichnet haben, wenn ihn seine Erinnerungen nicht trogen.

Er sollte sich nicht soviel Gedanken machen, schloss er seine Überlegungen ab, an die Wäsche würde weder Gerhard ihm noch er Gerhard gehen. Bei dem Gedanken musste er schmunzeln.

Langsam bekam er Hunger. Außer dem Frühstück, Muckefuck und zwei Marmeladenbrote, hatte er noch nichts gegessen. Sein Magen machte sich bemerkbar. Sollte er in die Kneipe am Ende der Straße gehen? Ein Blick aus dem Fenster und es schauderte ihn, so nass und ungemütlich sah es draußen aus. Im Herd glühten noch die Scheite. Er entfachte das Feuer neu, briet sich zwei Spiegeleier, stellte Brot, Käse und Margarine auf den Küchentisch. Das musste für heute Abend reichen, ein großer Esser war er nicht mehr. Auf einen weiteren Tee musste er eben verzichten.

So angenehm warm es in der Küche war, entschied sich Wullenwever, ins Wohnzimmer zu wechseln. Er hatte es sich dort recht gemütlich gemacht mit den besseren Möbeln aus seinem Antiquariat. Dazu gehörte eine zweisitzige schwarze Ledercouch mit schmalen Armlehnen, deren Oberfläche in Kacheln abgesteppt war. Ein dazu passender Freischwinger-Sessel und ein schlichter aus hellem Kernbuchenholz gefertigter Couchtisch, viel mehr braucht er nicht. Meistens saß er in einem grünen Lehnsessel, dessen abgenutzter Samtstoff von einem gelebten Leben zeugte, in der Ecke am Fenster. Helle weiße Wände, deren reliefartige Oberfläche das Ornamentmuster der übermalten Tapete schattenartig hervorbrachte, keine Schränke. Ein weißes Sideboard, über dem drei Zeichnungen aus einer Porträt-Serie in schlichten schwarzen Holzrahmen nebeneinander hingen. Zwei Männerköpfe und ein Frauenkopf mit wenigen Strichen angedeutet, die in einer Versteigerung für kleines Geld angeboten waren. Sie hatten ihn berührt. Oft saß er und beobachtete sie von seinem Lehnsessel aus und seine Gedanken drehten sich um ihr mögliches Schicksal. Ein Kohleofen in der Ecke. Ein schmales weißes Bücherregal, vollgestopft mit den Büchern der letzten zwei Jahre, quer durcheinander, Romane aus den dreißiger und vierziger Jahren, die er versäumt hatte, Klassiker, Reisebeschreibungen, Biographien, Bücher und Gedichte der Gruppe 47, deren er habhaft wurde. Paul Celan, Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, denn ihn interessierte alles außer Kriminalromane. Wahrscheinlich aus Respekt vor dem Autor, das wusste er nicht so genau, las er jeden Text zu Ende. Die Todesfuge von Paul Celan hatte ihn mehrere Tage nicht mehr losgelassen. Den Anfang des Gedichts kannte er auswendig. Er konnte seine Tränen nicht zurückhalten, wenn er sie sich still aufsagte und Selbstmitleid ihn überschwemmte.

„Schwarze Milch der Frühe

wir trinken sie abends

wir trinken sie mittags und morgens

wir trinken sie nachts

wir trinken und trinken,

wir schaufeln ein Grab in den Lüften

da liegt man nicht eng.“

Das TE KA DE Herzog Radio stand neben einer dunkelblauen Vase auf dem Sideboard.

Mit Gerhard hatte er wohl doch noch nicht abgeschlossen. Er dachte daran, wie unbekümmert und lustvoll der von seinen Abenteuern erzählte, wie er trotz der Verfolgung Mittel und Wege fand, sein Liebesleben zu behaupten und eine bürgerliche, und wie er fand, unangreifbare Fassade aufzubauen. Wieviel Freude ihm die Geselligkeit mit Gleichgesinnten in den Kneipen und Etablissements machte.

Wullenwever war nicht eifersüchtig oder gar neidisch. Überhaupt nicht. Er hatte einfach nicht mehr die Kraft, an diesem Spiel teilzunehmen. Es kam ihm fremd vor. Er beherrschte den leichten Ton nicht mehr, in dem die Andeutungen und Scherze hin und her flogen und Welten der Lust eröffneten. Es war ihm unmöglich, nachts zu den Treffpunkten der Stricher zu schleichen oder in den öffentlichen Toiletten anzubahnen, wie es offiziell hieß. Die Vorstellung, im Gedränge einer Bar zu stehen, verursachte ihm körperliches Unbehagen. Ein Liebhaber oder Gefährte hatte nur in der allerkleinsten Ecke seines Herzens noch Platz. Aber immerhin, er war noch nicht ganz tot. Er wartete nicht darauf. Er würde nichts zulassen, was sein jetziges Leben und die Ruhe, die er brauchte wie die Luft zum Atmen, gefährdete. Kein Zwang, auch hier nicht. Schluss mit Muss, dachte er, muss ich mir merken. Da musste er lachen.

Seine Libido war im Arsch. Er machte sich nichts vor. Sie hatten ihm wahrscheinlich eimerweise Hängolin während seiner Knastaufenthalte ins Essen gemischt. Trotzdem: Auch hier glühte noch ein Funken und genau dieser Funken begann durch seine Gedanken über Gerhard zu glimmen.

Wullenwever zog die dunkelgrünen, schweren Vorhänge zu. Er musste die Stehlampe anknipsen, obwohl es draußen noch hell war. Aus dem Sideboard zog er eine Blechkiste hervor, in der er seine kleine Sammlung homophiler Zeitschriften aufbewahrte. Hin und wieder kaufte er sich bei einem Zeitschriftenhändler in der Nähe des Seemannheims eine Zeitschrift oder eine Fotopublikation, die der Händler unter dem Ladentisch anbot. Obwohl die Titel unauffällig waren, -Die Freunde, Der Kreis, Die Insel oder Freundschaft und Toleranz, war es verboten, sie im Zeitungsständer offen auszulegen. Sie waren einem strengstem Jugendverbot unterworfen.

Heute suchte er sich ein Heft mit dem Titel Das Männliche Foto heraus und schlurfte zu seinem Sessel. Er mochte die Posen und Zurschaustellung der dort abgebildeten Männer, ihre jungen, unverbrauchten Körper und vor allem ihre direkten und freien Blicke, mit denen sie direkt auf ihn aus dem Bild herausschauten. Dabei erregten ihn die unauffälligen Alltagssituationen ohne Posen mehr als die in Mode gekommenen muskelbewehrten Models, die ihn an Arno Brekers formgewordene Weltanschauung erinnerten. Bei einem Foto blieb er hängen, einem gar nicht mehr so jugendlichen Mann mit einem Schnurrbart, der an einem Fluss auf einer Wiese etwas breitbeinig stand, die Hände in den Hüften, den Blick auf die Kamera geheftet. Er schien zu sagen, komm schon, ich warte… . Das jedenfalls dachte sich Wullenwever, doch er musste seine Phantasie sehr anstrengen, um seine erste Erregung aufrecht zu erhalten.

Es funktionierte nicht. Er ließ von sich ab. Auch das Weiterblättern brachte ihn nicht noch einmal in Stimmung. Er atmete einmal tief ein und aus und legte das Heft zur Seite. Er blieb nicht unbefriedigt zurück, es war eher so wie eine Welle, die sich aufbaute und im Sand auslief und keine Spuren hinterließ. Er war es gewohnt, bedauerte es, bedauert auch sich, akzeptierte es aber im Großen und Ganzen. Mit seinen fast dreiundsechzig Jahren war er alt, fühlte sich alt. Was ihn wirklich traurig machte, war etwas anderes. Die Erinnerungen an seine Hamburger Zeit verschwammen langsam. Nicht in dem Sinne einer Demenz oder eines altersgemäßen Vergessens. Es fiel ihm zunehmend schwer, die damaligen Gefühle hervorzuholen und sie noch einmal nachzuempfinden. Die Bilder waren da. Nur- sie blieben an der Oberfläche, sozusagen ohne Geräusche und Gerüche, eher wie ein Film, der einen nicht oder nur wenig berührt. Wo waren das Verliebtsein, die Erregung, die Spannung, wo das Gefühl des Sich-Hineinstürzens, der Enttäuschung nach einer Trennung, des Verlusts? Wie fühlte sich die Liebe an, die Treue, die Untreue? Weg, alles weg. Oder nur vergraben, eingebuddelt? Auch mit Gerhard, mit dem er sich an diese Jahre erinnerte, klappte das Ausbuddeln nicht.

Im Radio spielte Kurt Edelhagen mit seinem Orchester Jazz, ein Mitschnitt der Donaueschinger Jazztage. Wullenwever legte den Kopf zurück und schloss die Augen. An diesem Abend lernte er die Stimme von Catharina Valente schätzen und lieben.

*

Der Regen wollte in diesem August kein Ende nehmen. Oft prasselten wütende Regenschauer auf das Blechdach des Unterstandes im Hof wie Trommelwirbel, die Wullenwever warnten, bloß keinen Schritt vor die Tür zu setzen. Die Temperaturen kletterten selten über achtzehn Grad. Wullenwever igelte sich in seinem Antiquariat ein, wartete auf Kundschaft. Viel Nippes, Küchengeschirr und Kleinmöbel verließen den Laden. Glücklicherweise hatte sich sein Geschäft inzwischen so herumgesprochen, dass er kaum noch mit seinem Bollerwagen ausrückte, sondern die Angebote herein kamen. Viele Menschen, jetzt in Arbeit und Lohn, begannen ihre Wohnungen zu modernisieren und wollten den alten Plunder loswerden. Aber es gab sie noch, die, die sich nichts leisten konnten. Einmal verkaufte er ein vollständiges Schlafzimmer an eine Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen, die endlich ihre erste Wohnung in den Neubausiedlungen in Eichholz beziehen konnte.

Lübeck platzte aus allen Nähten. Über hunderttausend Flüchtige konkurrierten mit den ausgebombten Lübeckern auf dem Wohnungsmarkt. Neue Viertel entstanden, Kasernen wurden zu Wohnungen umgebaut, die Baracken verschwanden allmählich. Auch die Innenstadt verwandelte zunehmend ihr Gesicht, Baulücken wurden geschlossen, ganze Straßenzüge hochgezogen. Die alten ausgebrannten Giebelhäuser mit ihren Fensterlöchern wie tote Augen, deren verkohlte Fassaden die Straßen säumten, wurden restauriert. Ein Teil des historischen Stadtbildes sollte wieder entstehen. Die Türme von St. Marien waren die ersten, die wieder in alter Größe die berühmte Silhouette der Stadt dominierten.

Die Geschwindigkeit, mit der sich die Veränderungen vollzogen, beobachtete Wullenwever mit Staunen. Manchmal zog es ihn in die Straßen, die besonders zerstört waren, an den Kohlmarkt oder in die Breite Straße. Er nannte das seinen Kontrollgang. Am liebsten aber unternahm er Spaziergänge entlang der Untertrave und den angrenzenden Gruben, deren Häuser seit dem Mittelalter trotz Hochwasser und überschwemmter Straßen und Keller der Zeit getrotzt hatten und in ihren verwohnten, dunklen und ungemütlichfeuchten Wohnungen den Verlierern des beginnenden Wirtschaftswunders eine Bleibe boten. Hier manifestierten sich seine Erinnerungen an die Hamburger Neustadt am dichtesten.

Wullenwever wachte an einem Samstag Ende August nach Tagen grauer Wolkendecken auf und es schien die Sonne. Er blieb eine Weile im Bett liegen und erfreute sich des Lichtspiels, das dunkle und helle Streifen auf das Fußende seiner dicken Bettdecke zauberte. Er beschloss einen Spaziergang zu machen und auf dem Rückweg einzukaufen. Einmal die Untertrave hoch und runter, seinem Lieblingsweg. Hin zur Puppenbrücke und wieder zurück bis zum Seemannsheim.

Nach einem Muckefuck und seinem Marmeladenbrot schnappte er sich die Milchkanne und das Einkaufsnetz mit den verstärkten Griffen und trippelte los, diesmal aber mit den festen Stiefeln, die er sonst immer trug.

Auch hier am Fluss füllten sich die Baulücken. In der Sonne leuchteten die roten Backsteinfassaden der alten, von den Bomben verschonten Speicherhäuser. Es lagen ein paar Frachtkähne und Küstenmotorschiffe, Kümos genannt, an den Kais, die natürlich nicht mit den Riesenkähnen im Hamburger Hafen zu vergleichen waren, ihm trotzdem das Gefühl einer Stadt am Meer gaben. Wullenwever sog die Luft ein und genoss die Stille an diesem Samstag Morgen ohne Verkehrslärm und nur wenigen Passanten. Die Größe dieses Viertels, ein paar Hundert Meter hin und wieder zurück, gefiel ihm sehr. Es war genau die Fläche abzuschreiten, die ihm Sicherheit und Überschaubarkeit gaben. Ein Blick in die Gruben, die zum Stadtkern um die sieben Kirchtürme hin verliefen, genügte ihm oft, sich einen Überblick über die Neubauten und Restaurierungen zu verschaffen.

Das Holstentor stand noch und er verweilte eine Moment bei den Löwen an den Blumenbeeten in der kleinen Anlage, die sich stadtauswärts an das Holstentor bis zur Puppenbrücke hin anschloss. So aus der Welt, wie er sich immer noch fühlte, änderte sich in den letzten zwei Jahre doch etwas. Häppchenweise von Spaziergang zu Spaziergang, von Kunde zu Kunde und von zufälliger Bekanntschaft zu Bekanntschaft verleibte er sich eine neue Heimat ein. Sein weißes Papier füllte sich langsam mit Gewohnheiten und stetem Leben.

Zu diesen Gewohnheiten gehörte es, seinen Spaziergang am Seemannsheim zu unterbrechen, um dem Hausmeister auf ein kleines Schwätzchen einen Besuch abzustatten. Georg Schmidt, genannt Schmitze, kannte er seit seiner Ankunft in Lübeck. Ein Mann Ende dreißig, schlaksig und hochgewachsen, Vollbart, Glatze und Stupsnase. Er war sein erster Kontakt nach seinen zwei Jahren im Knast Fuhlsbüttel. Ein Bekannter kannte Schmitze aus Hamburg, der, ein kleiner Schwarzmarkt-Schieber, nach einer kurzen Haftstrafe bei ihm als Lagerarbeiter im Hafen beschäftigt war. Von dem bekam Schmitze den Tipp mit der Hausmeisterstelle im Seemannsheim in Lübeck. Nach dem Krieg in der Wehrmacht, der ihn bis zur Belagerung von Sankt Petersburg gebracht hatte, konnte er nicht mehr recht Fuß fassen. Er hielt sich mit kleinen Schwarzmarkt-Gaunereien über Wasser.

Ein Anruf des Bekannten hatte genügt, damit Wullenwever für die ersten drei Monate ein Zimmer im Seemannsheim in Lübeck beziehen konnte. Obwohl das Heim Seemännern vorbehalten war, naja, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg…

Aus seinem Zimmer sah er die Nebelschwaden über die Trave ziehen, sah die Schleppkähne und die Kräne, hörte die Nebelhörner. Hier warf er seinen ersten Anker und er war Schmitze dankbar für seine Unvoreingenommenheit und Freundlichkeit, mit der er ihn aufgenommen hatte. Schmitze kannte Wullenwevers Haftgründe, sie kümmerten ihn nicht. Es gibt, was es gibt, schlimm genug, dass das, was unter Bettdecken geschieht, überhaupt bestraft werden kann.

Hier lernte Wullenwever auch wieder sprechen, wenn er mit radebrechenden Seemännern im Aufenthaltsraum an einem Tisch saß und gar nicht umhin kam, ihren Geschichten zu lauschen und kleine halberfundene Lebensschnipsel beizusteuern. Da kam ihm die Fluktuation sehr zupass, brauchte er sich auf niemanden richtig einzulassen und konnte seine Geschichten gleichzeitig bei den Neuankömmlingen verfeinern. Gute drei Monate, guter Start und dann hatte er auch schon die Waschküche gefunden.

Schmitze stand hinter dem kleinen Empfang in dem Eingangsfoyer. Ein breites Lächeln, das Wullenwever hinter dem Bart mehr erahnte als sah, empfing ihn. „Na, Wullenwever, kommst du auch mal wieder vorbei? Kaffee?“

Er verschwand in der Küche und kam kurz darauf mit zwei dampfenden Tassen heraus. Sie setzten sich an einen kleinen Tisch ans Fenster. Viel war nicht los.

Schmitze sagte: „Schön, dich zu sehen. Wie geht’s, was macht das Antiquitäten- Geschäft?“

Dabei zog er das Anti-qui-täten grinsend in die Länge. Er kannte den Laden und Wullenwevers selbstironische Haltung dazu. Obwohl, ein paar Möbel-Schmuckstücke hatte Wullenwever schon gefunden. Er hatte vor, wenn erst einmal der Markt mit den gebrauchten Gegenständen gesättigt sein würde, tatsächlich ein richtiges Antiquitätengeschäft daraus zu machen mit Expertise und dementsprechender Kundschaft. Auf jeden Fall würde er sich parallel dazu mehr auf die Malerei konzentrieren und, wer weiß, in vielleicht gar nicht so ferner Zukunft eine kleine Galerie eröffnen.

„Alles gut. Das Wetter….“

Mehr brauchte es nicht für dieses Thema als eine abwinkende Hand. Dann erzählte er ihm vom Prozess und vor allem von der Atmosphäre, die ihn so beeindruckt hat. Schmitze schaute skeptisch, für ihn waren Die da oben die da oben und in seiner Vorstellungswelt sollte es auch so bleiben.

„Glaubst du, die lassen eine Fälscher laufen, dem sie noch nicht einmal etwas nachweisen müssen? Kann ich mir nicht vorstellen.“

„Ich weiß nicht. Ich kann mir noch kein Bild machen. Ist jedenfalls eine große Sache. So schnell, wie Lübeck zur Weltstadt der alten Malerei gemacht wurde, ist es jetzt eine Lachnummer. Von wegen lübischer Stil. Mal sehen, was noch kommt.“

Eindeutig konnte Wullenwever nicht sagen, ob er es lieber gehabt hätte, die Fälschungen hätten nicht stattgefunden und es wäre tatsächlich so etwas Schönes wie die Originalgemälde entdeckt und wieder in die Welt gekommen. Nicht so wie der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft, die begleitet wurde mit dem unvermeidlichen Wir sind wieder wer. Wer ist denn schon wir. Das kotzte ihn nur an und hatte ihn auch schon bei den olympischen Spielen in Helsinki 1952 genervt, wenn ein deutscher Athlet eine Medaille errungen hatte und die Nachrichten darüber für ihn einen Zacken zu jubelnd ausgefallen waren. Darüber ist er einige Male in kleine Streits mit den Seeleuten geraten, die überhaupt kein Verständnis für seine kritische Haltung hatten und ihn fragten, oben er nicht stolz auf sein Land sei. Bei solchen Fragen blieb ihm nichts anderes als Rückzug, für sie war er nicht gewappnet. Dabei interessierte ihn Sport überhaupt nicht.

Sie unterhielten sich noch ein wenig über die Weltpolitik, vor allem weil Schmitze politisch sehr interessiert war und immer gut Bescheid wusste. Er teilte Wullenwever mit, was er von Frankreichs Niederlage in Dien Bien Puh und die Teilung Vietnams gelesen hatte -Das Ende des Weltkriegs sei auch das Ende des Kolonialismus-; sie schätzten ab, ob Theodor Heuss ein guter Bundespräsident sein würde. -Er schien kein Dreck am Stecken zu haben- und waren sich einig über die Demonstrationen der Friedensbewegung gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und den angestrebten Beitritt zur NATO.

„Nie wieder Krieg, hah ha ha“, sagte Wullenwever. „Ging ja schnell, die Rolle rückwärts.“

„Ohne den Koreakrieg hätten die Sozen vielleicht ihre Meinung nicht geändert“, sagte Schmitze. „Du darfst nicht vergessen, die Ostzone rüstet ja auch auf.“

Dass die Bundesrepublik neutral sein würde wie die Schweiz, sei eine Illusion. Vielleicht sei es sogar besser, in Europa eingebunden zu sein und damit auch kontrolliert, sinnierte Schmitze.

„Aber muss es es dann gleich wieder um Aufrüstung gehen?“, fragte Wullenwever.

„Geht wohl nicht anders,“ antwortete Schmitze. „Die Amis und die Russen schaukeln sich doch gegenseitig hoch.“

Es war kurz vor vierzehn Uhr und Wullenwever musste los in den Lebensmittelladen, der gleich schließen würde. Er versprach beim Abschied, bald wieder vorbeizukommen.

Im Milchladen liebte er es, wie die Milch schäumend in die Kanne floss, wenn die Verkäuferin den Schwengel mehrmals am Milchtank, der exakt auf einen Viertel Liter geeicht war, herunterdrückte und sie anschließend ein halbes Pfund Butter aus dem Block Molkereibutter herausschnitt. Nie hatte sie sich auch nur um ein paar Gramm vertan. Auch hier kannten sie ihn und wechselten ein paar freundliche Worte.

Die Einkäufe waren schnell erledigt. Wullenwever trippelte nach Hause, vorbei an der Kajüte und den anderen Kneipen und Bars rund um die Clemensstr, dem Lübecker Puff. Ein kurzer Blick in die Gasse, es war nicht viel los. Einige Männer standen herum oder verhandelten mit den wenigen Prostituierten, die vor den Türen standen oder sich aus den Fenstern heraus anboten.

*

Seinen nächsten Besuch im Gerichtssaal unternahm er allein. Diesmal war die Schlange am Eingang nicht so lang. Er fand eine freien Platz direkt neben der Angeklagtenbank. Trotzdem war der Gerichtssaal gut gefüllt. Bis die Richter und Schöffen den Saal betraten, schwirrten die Stimmen hin und her, begleitet von dem Surren der Kameras der Wochenschau. Die Atmosphäre glich einem Theatersaal, bevor sich der Vorhang hob. Wieder war die Weltpresse, wie die heimischen Zeitungen voller Stolz schrieben, zugegen. Wullenwever vernahm englische und niederländische Wortfetzen und Blitzlichter gewitterten los: Malskat, von einem Wärter aus der Untersuchungshaft begleitet, und Dr. Flottrong nahmen ihre Plätze ein. Malskat saß nur einige Schritte entfernt von Wullenwever. Sie grüßten sich über die kurze Distanz mit einem freundlichen Kopfnicken.

Heute wurden Kunstexperten vernommen und ihre Expertisen zu der Echtheit der 21 Heiligenbilder verlesen. Von einer "Fügung" hatten sie geschrieben, denn der Brand habe die "Ruhmeshalle städtischen Patriziats" wieder freigelegt, wie „Phönix aus der Asche“ wäre "uns erst heute die ursprüngliche, mittelalterliche Raumgestaltung wiedergeschenkt worden", und ein "