Wunder - Wie Julian es sah - Raquel J. Palacio - E-Book

Wunder - Wie Julian es sah E-Book

Raquel J. Palacio

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Beschreibung

Julian ist die umstrittenste Figur aus dem internationalen Bestseller "Wunder". Seit er Auggie, den ganz normalen Jungen mit dem außergewöhnlichen Gesicht, zum ersten Mal in der Schule traf, war klar, dass die beiden keine Freunde werden würden. Julians Ablehnung steigert sich zu regelrechtem Mobbing. "Wunder" erzählt Auggies Geschichte aus sechs verschiedenen Perspektiven - hier kommt endlich die fehlende siebte: Julians Sicht der Dinge. Warum ist er so gemein zu Auggie? Und hat er vielleicht sogar das Zeug und den Mut, sich zu ändern?

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Seitenzahl: 118

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Raquel J. Palacio

Wunder –Wie Julian es sah

Aus dem Englischenvon André Mumot

Sei freundlich zu den Menschen, denn jeder, dem du begegnest, kämpft einen harten Kampf.

Ian Maclaren

ZUVOR

»Vielleicht habe ich die Sterne und die Sonne und das ungeheure Haus geschaffen; doch entsinne ich mich dessen nicht mehr.«

Jorge Luis Borges, »Das Haus des Asterion« 1

»Ein Traum tut euch nichts, und die Angst auch nicht.«

William Golding, »Herr der Fliegen« 2

Normal

Okay, okay, okay.

Ich weiß, ich weiß, ich weiß.

Ich bin nicht nett gewesen zu August Pullman!

Große Sache. Davon geht echt nicht die Welt unter, Leute! Wir können uns jetzt auch mal wieder einkriegen, okay? Da draußen laufen Millionen von Menschen rum, und da ist eben nicht jeder nett zu jedem. So ist das halt. Also, könnt ihr jetzt bitte darüber wegkommen? Ich finde, es wird langsam Zeit, dass ihr das abhakt und euch um euer eigenes Leben kümmert, findet ihr nicht?

Mann, ey!

Ich kapier’s nicht. Echt nicht. Eben bin ich noch der beliebteste Schüler im ganzen fünften Jahrgang. Und im nächsten Moment bin ich so was von – ach, ich weiß auch nicht. Ist ja egal. Das ist so ätzend. Das ganze Jahr ätzt mich an! Ich wünschte, Auggie Pullman wäre erst gar nicht zur Beecher Prep gekommen! Ich wünschte, er hätte sein kleines Horrorgesicht weiter versteckt wie das Phantom der Oper oder so. Setz ne Maske auf, Auggie! Und schieb dein Gesicht aus meinem Blickfeld, bitte. Alles wäre sehr viel einfacher, wenn du einfach verschwinden würdest.

Zumindest für mich. Ich will übrigens gar nicht behaupten, dass es für ihn das reinste Zuckerschlecken ist. Mir ist schon klar, dass es für ihn nicht leicht sein kann, jeden Tag in den Spiegel zu gucken oder über die Straße zu laufen. Aber das ist nicht mein Problem. Mein Problem ist, dass alles anders geworden ist, seit er auf meine Schule geht. Meine Mitschüler sind anders. Ich bin anders. Und das kotzt mich tierisch an.

Ich wünschte, alles wäre so, wie es früher war, in der vierten Klasse. Damals hatten wir so, so, so viel Spaß. Wir spielten Fangen auf dem Hof, und ich will ja nicht angeben, aber überhaupt ist mir jeder nachgelaufen, wisst ihr? Ich mein ja bloß. Jeder wollte mich als Partner haben bei den Schulprojekten. Und immer haben alle gelacht, wenn ich was Lustiges gesagt habe.

In der Mittagspause hab ich immer mit meinen Jungs zusammengesessen, und wir waren, na ja, wir waren das ganz große Ding. Wir waren absolut angesagt. Henry. Miles. Amos. Jack. Wir waren mega! Es war so cool. Wir hatten all diese Insiderwitze. Kleine Handzeichen für alles Mögliche.

Keine Ahnung, warum sich das ändern musste. Ich weiß nicht, warum alle sich plötzlich so dämlich anstellen.

Genau genommen, weiß ich’s doch: Wegen Auggie Pullman. Seit dem Moment, an dem der hier aufgetaucht ist, ist nichts mehr wie vorher. Früher war alles vollkommen normal. Und jetzt ist alles total versaut. Und das nur seinetwegen.

Und wegen Mr. Pomann. Eigentlich ist es sogar komplett die Schuld von Mr. Pomann.

Der Anruf

Ich weiß noch, Mom hat einen riesen Wirbel gemacht wegen des Anrufs von Mr. Pomann. Abends beim Essen kriegte sie sich gar nicht mehr darüber ein, was für eine Ehre das gewesen sei. Der Middle-School-Leiter hatte bei uns zu Hause angerufen, um zu fragen, ob ich irgendeinen neuen Schüler zur Begrüßung unter meine Fittiche nehmen könnte. Wow! Was für eine Sensation! Mom führte sich auf, als hätte ich den Oscar gewonnen oder so was. Sie sagte, das würde ihr zeigen, dass die Schule doch erkennen könne, welche Kinder die »besonderen Kinder« sind, und das fand sie ganz toll. Mom hatte Mr. Pomann noch nie persönlich getroffen, da er ja der Leiter der Middle School war und ich noch zur Grundschule ging, aber sie konnte gar nicht aufhören, sich darüber zu freuen, wie nett er am Telefon gewesen war.

Mom ist schon immer eine große Nummer an der Schule gewesen. Sie gehört zu diesem Trägervereins-Ding, von dem ich nicht mal weiß, was das überhaupt ist, aber anscheinend ist es ganz wichtig. Sie meldet sich auch ständig freiwillig für irgendwelche Ämter. Sie war zum Beispiel immer die Elternsprecherin in jeder Klasse, in die ich auf der Beecher Prep gegangen bin. Immer. Sie tut viel für die Schule.

An dem Tag, an dem ich zu diesem Willkommenskomitee gehören sollte, setzte sie mich vor der Schule ab. Sie wollte mit mir zusammen reingehen, aber ich meinte bloß: »Mom, ich geh jetzt auf die Middle School!« Sie kapierte den Wink und fuhr weg, bevor ich reinging.

Charlotte Cody und Jack Will waren bereits in der Eingangshalle, und wir begrüßten uns. Jack und ich machten den Spezialhandschlag unserer Clique und sagten dem Wachmann Hallo. Dann gingen wir zu Mr. Pomanns Büro hinauf. Es war so komisch, in der Schule zu sein, wenn sonst keiner da war!

»Mann, hier könnten wir megamäßig Skateboard fahren, und keiner würd’s mitkriegen!«, sagte ich zu Jack, sobald wir aus der Halle raus waren und uns der Wachmann nicht mehr sehen konnte, während ich mit Anlauf über den glatten Boden schlitterte.

»Ha, yeah«, sagte Jack, aber mir fiel auf, dass er immer stiller wurde, je weiter wir uns Mr. Pomanns Büro näherten. Genau genommen sah er aus, als würde er uns gleich vor die Füße kotzen.

Als wir beinahe am Ende der Treppe angekommen waren, hielt er plötzlich an.

»Ich will das nicht!«, sagte er.

Ich blieb neben ihm stehen. Charlotte war bereits oben an der Brüstung angekommen.

»Kommt schon!«, sagte sie.

»Du bist hier nicht der Boss!«, entgegnete ich.

Sie schüttelte den Kopf und verdrehte demonstrativ die Augen. Ich lachte und knuffte Jack mit dem Ellenbogen. Wir liebten es, Charlotte Cody zu ärgern. Ständig spielte sie sich als Streberpüppchen auf!

»Das ist so ein Mist«, sagte Jack und rieb sich mit der Hand übers Gesicht.

»Was?«

»Weißt du, wer dieser neue Schüler ist?«, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf.

»Aber du weißt es, oder?«, sagte Jack zu Charlotte und schaute zu ihr auf.

Charlotte kam die Stufen zu uns herunter. »Ich glaube schon«, sagte sie. Sie verzog das Gesicht, als hätte sie auf irgendwas Bitteres gebissen.

Jack schüttelte den Kopf und schlug sich dann drei Mal mit der flachen Hand vor die Stirn.

»Ich bin so ein Idiot, dass ich mich darauf eingelassen habe!«, sagte er mit aufeinandergepressten Zähnen.

»Moment mal, wer ist es denn?«, fragte ich. Ich stieß Jack gegen die Schulter, damit er mich ansah.

»Es ist dieser Junge, der August heißt«, erklärte er mir. »Du weißt schon – der Typ mit dem Gesicht?«

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

»Willst du mich veräppeln?«, sagte Jack. »Du hast noch nie den Jungen gesehen? Er lebt hier im Viertel! Manchmal hängt er auf dem Spielplatz rum. Du musst ihn schon mal gesehen haben! Jeder hat ihn schon mal gesehen!«

»Er wohnt nicht hier im Viertel«, entgegnete Charlotte.

»Doch, tut er!«, sagte Jack ungeduldig.

»Das mein ich nicht – Julian wohnt nicht hier im Viertel«, erwiderte sie ebenso ungeduldig.

»Was hat das denn damit zu tun?«, fragte ich.

»Egal!«, unterbrach Jack. »Spielt keine Rolle. Vertrau mir, Alter, so was hast du in deinem Leben noch nicht gesehen.«

»Sei bitte nicht fies, Jack«, sagte Charlotte. »Das ist nicht nett.«

»Ich bin nicht fies!«, sagte Jack. »Ich bin bloß ehrlich.«

»Wie sieht er denn genau aus?«, fragte ich.

Jack antwortete nicht. Er stand einfach nur da und schüttelte den Kopf. Ich schaute Charlotte an, die ihre Stirn in Falten zog.

»Wirst du ja sehen«, sagte sie. »Jetzt kommt endlich, okay?« Sie drehte sich um, marschierte die Stufen hinauf und verschwand im Flur vor Mr. Pomanns Büro.

»Jetzt kommt endlich, okay?«, sagte ich zu Jack im perfekt nachgeäfften Charlotte-Tonfall. Ich dachte, das würde ihn voll zum Lachen bringen, aber so war es nicht.

»Jack, Alter, los jetzt!«, sagte ich.

Ich tat so, als würde ich ihm voll eine ins Gesicht knallen. Darüber musste er dann doch ein bisschen lachen, und er holte in Zeitlupe zum Kinnhaken gegen mich aus. Das führte zu unserem typischen So-als-ob-Fight, bei dem wir immer versuchen, uns gegenseitig in den Brustkorb zu hauen.

»Leute, kommt jetzt!«, kommandierte Charlotte vom Treppenabsatz aus. Sie war noch mal zurückgekommen, um uns zu holen.

»Leute, kommt jetzt!«, flüsterte ich Jack zu, und diesmal musste er auch ein bisschen lachen.

Doch sobald wir um die Ecke gebogen waren und zu Mr. Pomanns Büro kamen, wurden wir alle ziemlich ernst.

Als wir eintraten, bat uns Mrs. Garcia, im Büro von Schwester Molly zu warten, einem kleinen Raum neben dem Büro von Mr. Pomann. Während wir warteten, sprachen wir kein Wort miteinander. Eigentlich hätte ich total gern die Latexhandschuhe, die in einer Box neben dem Untersuchungstisch lagen, zu Ballons aufgeblasen, ich ließ es aber lieber bleiben, obwohl ich mir sicher war, dass ich damit alle zum Lachen gebracht hätte.

Mr. Pomann

Mr. Pomann kam ins Büro. Er war groß, irgendwie dünn und hatte zerzauste graue Haare.

»Hey, Leute«, sagte er lächelnd. »Ich bin Mr. Pomann. Du musst Charlotte sein.« Er gab Charlotte die Hand. »Und du bist ...« Er schaute mich an.

»Julian«, sagte ich.

»Julian«, wiederholte er lächelnd. Er schüttelte mir die Hand.

»Und du bist Jack Will«, sagte er zu Jack und schüttelte auch ihm die Hand.

Er setzte sich auf den Stuhl, der neben dem Schreibtisch von Schwester Molly stand. »Erst einmal möchte ich euch danken, dass ihr heute hierhergekommen seid, Leute. Ich weiß, draußen ist herrlicher Sonnenschein, und ihr würdet wahrscheinlich viele Dinge lieber tun. Wie war der Sommer denn für euch? Okay?«

Wir nickten alle irgendwie und schauten einander an.

»Wie war denn der Sommer für Sie?«, fragte ich.

»Oh, wie nett, dass du fragst, Julian!«, erwiderte er. »Der Sommer war großartig, Danke schön. Aber ich freue mich ganz ehrlich schon auf den Herbst. Ich hasse dieses heiße Wetter.« Er zupfte an seinem Hemd. »Meinetwegen kann der Winter kommen.«

Wir drei nickten darauf eifrig mit dem Kopf wie die Volldeppen. Ich weiß echt nicht, warum die Erwachsenen immer glauben, mit Kindern einen auf Small Talk machen zu müssen. Wir kommen uns bloß komisch vor dabei. Ich meine, ich persönlich hab kein Problem damit, mit Erwachsenen zu reden – vielleicht, weil ich so viel reise und mich schon mit ziemlich vielen Erwachsenen unterhalten habe –, aber die meisten Kinder sprechen echt nicht gern mit Erwachsenen. So ist das einfach. Wenn ich zum Beispiel die Eltern von einem Freund von mir sehe und wir nicht gerade in der Schule sind, vermeide ich Augenkontakt, damit ich nicht mit denen reden muss. Das ist einfach zu unangenehm. Sehr unangenehm ist es auch, wenn man außerhalb der Schule einem Lehrer über den Weg läuft. Einmal hab ich zum Beispiel eine Lehrerin, die ich in der dritten Klasse hatte, mit ihrem Freund in einem Restaurant gesehen, und ich hab nur gedacht: Ihhhhgitt! Ich will nicht sehen, wie meine Lehrerin mit ihrem Lover abhängt, wisst ihr?

Na egal, da waren wir also: Ich, Charlotte und Jack, und wir nickten wie die Gehirnamputierten, während Mr. Pomann immer weiter über den Sommer quatschte. Aber irgendwann kam er endlich – endlich! – zum Punkt.

»Also, Leute«, sagte er und schlug sich mit den Händen gegen die Oberschenkel. »Es ist wirklich nett, dass ihr hierfür euren Nachmittag opfert. In ein paar Minuten werde ich euch den Jungen vorstellen, den ich in mein Büro bestellt habe, und ich will euch nur schon mal im Vorfeld ein paar Dinge über ihn mit auf den Weg geben. Ich meine, euren Müttern hab ich ja schon ein bisschen von ihm erzählt – haben sie mit euch gesprochen?«

Charlotte und Jack nickten, aber ich schüttelte den Kopf.

»Meine Mom hat bloß gesagt, er wäre ziemlich oft operiert worden«, sagte ich.

»Nun, ja«, erwiderte Mr. Pomann. »Aber hat sie dir die Sache mit seinem Gesicht erklärt?«

Ich muss sagen, das war der Moment, an dem ich so langsam dachte: Okay, was zur Hölle soll ich eigentlich hier?

»Also, ich weiß nicht«, sagte ich und kratzte mich am Kopf. Ich versuchte mich daran zu erinnern, was Mom genau gesagt hatte. Ich hatte nicht wirklich zugehört. Die meiste Zeit hatte sie, glaub ich, bloß davon geredet, was für eine Ehre es sei, dass man mich ausgewählt hatte. Dass irgendwas nicht stimmte mit dem Jungen, hatte sie jedenfalls nicht betont. »Sie meinte, Sie hätten gesagt, dass der Junge viele Narben hätte und so was. Wie wenn er bei einem Feuer verbrannt worden wäre.«

»Das ist nicht ganz das, was ich gesagt habe«, erwiderte Mr. Pomann und hob beide Augenbrauen. »Eigentlich habe ich deiner Mom erzählt, dass der Junge eine schwere kraniofaziale Auffälligkeit ...«

»Oh, genau, genau, genau!« Ich unterbrach ihn, denn jetzt fiel es mir wieder ein. »Das Wort hat sie benutzt. Sie meinte, es wäre wie eine Hasenscharte oder so was ähnliches.«

Mr. Pomann verzog das Gesicht.

»Na ja«, sagte er, hob seine Schultern und neigte den Kopf nach links und rechts, »es ist doch etwas mehr als das.« Er stand auf und klopfte mir auf die Schulter. »Es tut mir leid, wenn ich das deiner Mutter nicht klargemacht habe. In jedem Fall möchte ich euch nicht in Verlegenheit bringen. Genau genommen spreche ich jetzt mit euch, damit die Situation nicht unangenehm für euch wird. Ich wollte euch nur vorwarnen, dass dieser Junge tatsächlich ganz anders aussieht als andere Kinder. Und das ist kein Geheimnis. Er weiß, dass er anders aussieht. Er ist bereits so auf die Welt gekommen. Das versteht er. Er ist ein großartiger Junge. Sehr klug. Sehr nett. Er ist noch nie auf eine normale Schule gegangen, denn bisher ist er zu Hause unterrichtet worden, wisst ihr, wegen all seiner Operationen. Und deshalb möchte ich, dass ihr ihn ein bisschen herumführt, ihn kennenlernt, seine Willkommens-Kumpels seid. Ihr könnt ihm selbstverständlich Fragen stellen, wenn ihr wollt. Sprecht ganz normal mit ihm. Er ist wirklich ein ganz normaler Junge, der eben ein Gesicht hat, das ... ihr wisst schon, das nicht so normal ist.« Er schaute uns an und atmete tief ein. »Oh, Mann, ich glaube, jetzt hab ich euch bloß noch nervöser gemacht, oder?«

Wir schüttelten den Kopf. Mr. Pomann rieb sich die Stirn.