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Die Geschichte spielt in einer Zeit - nur fünfzehn Jahre später als heute - in der durch die Versäumnisse der Menschheit die Klimakatastrophe in vollem Gange ist. Loisa Ritter, eine junge aufstrebende Musikerin taucht bei Bruno Walter auf, der in seinem Garten eine Art Ambulanz für Menschen mit psychischen Problemen betreibt. Der alternde Bonvivant lebt im vom Vater geerbten Häuschen, ist Hobbymusiker mit einem Faible für alte Bossa Nova Songs und hatte vor Jahrzehnten Erfolg als Autor von Kriminalromanen mit Urlaubsflair, was ihm ein Leben in Müßiggang und finanzieller Unabhängigkeit ermöglicht. Er leidet unter dem Verlust seiner großen Liebe Marleen, die vor Jahren bei einer Unwetterkatastrophe vor Mallorca ums Leben kam. Aus dieser Verbindung stammt Tochter Alice, die mit Mann und Kindern in Norwegen lebt. Loisa Ritter ist schwer traumatisiert durch den Selbstmord ihrer besten Freundin Melanie Paschke, einer radikalen Umweltaktivistin aus reichem Elternhaus. Durch dieses tragische Ereignis hat sie ihre Singstimme verloren, was es ihr unmöglich macht, mit ihrer Band weiter aufzutreten. Um ihr durch diese Krise zu helfen, schlägt Bruno Walter vor, sie zu begleiten auf einem Weg, der die junge Frau an Orte in der Stadt führt, die sie zusammen mit ihrer Freundin besucht hat und die mit Erinnerungen und Erlebnissen verknüpft sind. Die aufgesuchten Stationen und die gleichzeitig stattfindenden Ereignisse im Zusammenhang mit der Klimakatastrophe bilden das erzählerische Spalier, an dessen Ausgang ein überraschendes und emotionales Finale wartet.
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Walter Bachauer, geboren 1957 in Regen im Bayerischen Wald, war neben der Schreiberei viele Jahre als bildender Künstler, Keramiker, Musiker, Galerist und Kulturveranstalter tätig. Er bestritt zahlreiche Ausstellungen und brachte zwei CDs als Singer/Songwriter heraus. Seit 2017 veröffentlicht er seine Bücher als Self-Publisher. Er lebt in dem kleinen Weiler Webams im Allgäu. Bisher sind erschienen:
Die Kuh im Meer – Roman
Tétouan Blues – Roman
Chimonas Lesvos, Schnee auf dem Olymp – Roman
Jasmin und Chickenwings – Roman
Park & Write – Geschichten, die ich auf dem Parkplatz schrieb
www.walterbachauer.de
Zu diesem Buch
Die Geschichte von Loisa, ihrer Freundin Mel und Bruno Walter, einem alternden Bonvivant und Psychologen, spielt in naher Zukunft, circa 2040, in der durch die Versäumnisse der Menschheit der Klimawandel in vollem Gange ist. Die Erlebnisse von Loisa und Bruno und die zeitgleich sattfindenden Ereignisse im Zusammenhang mit der Klimakatastrophe bilden ein spannendes erzählerisches Spalier, an dessen Ausgang ein überraschendes und emotionales Finale wartet.
Wonderful World
I see trees of green, red roses too, I see them bloom for me and you and I think to myself, what a wonderful world.
I see skies of blue and clouds of white, The bright blessed days, the dark sacred nights and I think to myself, what a wonderful world.
The colors of the rainbow, so pretty in the sky, are also on the faces of people going by.
I see friends shaking hands, saying, „How do you do?"
They're really saying, „I love you".
I hear babies cry, I watch them grow. They'll learn much more, than I'll ever know.
And I think to myself, what a wonderful world
Louis Amstrong
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Viele Menschen haben eine Hängematte. Ich habe zwei. Eine in meinem Zimmer für den Winter oder wenn's regnet und zu kalt ist. Und eine natürlich draußen auf einem Holzgestell. Für den Sommer. Wenn es warm ist. Manchmal ist es aber einfach zu heiß. Selbst im Schatten. Dann kann ich mich nur im Haus aufhalten. Je nachdem. In meinen Hängematten verbringe ich eigentlich mein ganzes Leben. Ich habe festgestellt, dass dies das Beste für meine Work-Life-Balance ist. Und für meinen Rücken. Ich bin Musiker und Autor und habe früher einmal Psychologie studiert. Im letzten Jahrtausend war das. Manchmal steige ich aus meiner Hängematte und spiele Gitarre oder schreibe ein bisschen an meinem neuen Buch. Oder ich beobachte in meiner Hecke eines der verbliebenen Amselpaare, die seit Jahren hier nisten und brüten. Früher war der Garten voller Vögel und es machte mir Freude, ihnen Futterhäuschen und Nistkästen zu bauen, die Arten zu bestimmen und ihre Bruterfolge zu feiern. Inzwischen kommen aber nur noch die Amseln und ein paar Spatzen und davon auch jedes Jahr weniger. Umso bedeutsamer erscheint es mir, die wenigen Paare, die im Frühjahr einfliegen, zu beobachten. Manchen mag es etwas maßlos erscheinen, wie ich lebe. Mit zwei Hängematten und dem bisschen Schreiben, Musizieren und Vögel beobachten. Aber so bin ich nun einmal. Ich brauche nicht viel. Früher war das anders. Was ich nicht schon alles besaß in meinem Leben. Alles konnte ich ja nicht behalten, allein schon wegen des Platzes, den man dafür braucht. Darum habe ich angefangen, Dinge zu verkaufen oder zu verschenken, das gefiel mir, ich fühlte mich frei und unbeschwert und habe meinen Besitz immer weiter reduziert. Jetzt nenne ich nur noch Dinge mein Eigen, die ich zum Musikmachen und Bücherschreiben brauche. Ja, und natürlich die Hängematten, ein paar Möbel, ein Bett und andere Notwendigkeiten, um meinen Haushalt vernünftig führen zu können. Ich lebe wie in einem Dorf im Grünen mitten in der Stadt. Ich habe ein kleines Häuschen mit einem großen Garten außen rum. Sogar ein Schwimmteich hat darin Platz. Hab ich mir vor einigen Jahren geleistet. Fast alles selbstgemacht. Der Teich hat mich die Gelenkkapsel meines Daumens der rechten Hand gekostet. Musste operiert werden damit ich wieder das Plektrum beim Gitarrespielen halten konnte. Zum Glück wurde das wieder. Aber der Teich ist mittlerweile die meiste Zeit leer. Nur wenn es regnet, füllt er sich, dann läuft er über und überschwemmt den Garten. Denn es regnet jetzt oft sehr viel und unwetterartig. Außerdem ist es schon längst verboten, einen privaten Schwimmteich oder einen Pool zu nutzen. Aber Regen auffangen darf der Teich schon. Verdunstet sowieso gleich wieder bei der nächsten Hitzeperiode.
In meinem Häuschen lebe ich alleine. Bis vor ein paar Jahren war noch meine Tochter Alice bei mir. Sie lebt inzwischen mit Mann und zwei Kindern in Norwegen. Und lange davor lebte ich mit Marleen hier. Meiner Freundin und die Mutter meiner Tochter. Sie starb vor einigen Jahren bei einem Unwetter auf Mallorca. Da waren wir aber schon fünf Jahre getrennt. Seitdem lebe ich allein. Manchmal besuchen mich Menschen, die wenigsten davon kenne ich. Die ich kenne, waren schon einmal da und kommen wieder. Wollen mit mir reden. An meinem Garten führen aus allen Richtungen Straßen und Gehwege vorbei. Und auf jeder Seite habe ich ein Schild angebracht. Steht überall dasselbe drauf:
REDEREI WALTHER
Wenn Sie möchten, unterhalte ich mich mit Ihnen.
Es kostet nichts. Eingang um die Ecke.
Nicht wenige interpretieren den Hintersinn des fehlenden ,E' in meiner Firmierung richtig und finden den Weg auf mein Grundstück. Tja, und das ,H' im Walther. Ich fand, das liest sich irgendwie seriös, verleiht dem normalen Walter fast etwas Professionales. Gefiel mir einfach, als ich das Schild entwarf. Mein Familienname ist tatsächlich Walter, ohne ,H'. Nicht, dass es da zu Missverständnissen kommt. Meine Eltern hießen so. Erika und Florian Walter. Mein Rufname ist Bruno.
Die Rederei ist mehr als ein Hobby, sie ist etwas, mit dem ich meinem Leben mehr Inhalt geben wollte. Aber sie ist weniger als eine Praxis. Mit Anmeldung, Terminen, Abrechnung und alldem Pipapo. So etwas wollte ich nie. Früher arbeitete ich mal angestellt als Psychologe in einer Beratungsstelle. Das war okay. Aber als ich kein Geld mehr verdienen musste, ließ ich das bleiben. Den Menschen helfen wollte ich weiterhin. Also ließ ich mir das mit der Rederei einfallen. Damit war ich freier und hatte nebenbei jede Menge Zeit übrig, die ich hauptsächlich mit Musikmachen, Lesen und Vögel beobachten verbrachte. Vor einiger Zeit fing ich auch wieder das Schreiben an. Wie es dazu kam, davon erzähle ich später.
Die Leute kommen wegen allem Möglichen zu mir. Beziehungsprobleme, Stress im Job, Wut im Bauch, Existenzängste. Angst vor der Zukunft. Natürlich wegen der Klimakatastrophe, mit der wir seit Jahren leben. Manche sind auch nur neugierig, was das für ein Typ ist, der da in diesem wildwüchsigen Anwesen lebt und jedem Menschen anbietet, mit ihm zu reden. Meistens findet sich dann doch schnell ein Thema und es wird ein unterhaltsamer Nachmittag. Aber es kommt auch vor, dass man mich doof und anmaßend findet oder dass ich gar als Sündenbock – für was auch immer - herhalten muss. Vor kurzem hat mich einer sogar aus meiner Hängematte geworfen. Kam in den Garten rein, ich dachte mir schon, komischer Typ, Bürstenhaarschnitt, Businessanzug und orange Warnweste drüber. Wortlos packte er die Matte, drehte sie mit Schwung zur Seite und ich fiel ins Gras. Voll auf die Nase. Mir schossen die Tränen in die Augen und durch den Schleier sah ich gerade noch, wie der Mann durch das Gartentor in der Hecke auf die Straße trat und verschwand. Wortlos. Es ist eine seltsame Zeit. Der Klimawandel ist voll im Gange, ein Kipppunkt jagt den nächsten, die Unwetterkatastrophen häufen sich, Politiker sind ratlos und handlungsunfähig, die Menschen werden ungerecht zueinander, Meinungen polarisieren, die Pole schmelzen, die Empathie tut sich schwer und zu allem Überfluss meinen gerade jetzt einige Potentaten, sie müssten ihre imperialistischen Visionen mit Kriegen Realität werden lassen. Dazu kommen noch die terroristischen Aktionen religiöser Eiferer jeglicher Couleur. Man kann auch sagen, es ist eine Scheißzeit.
Eines Tages kam eine junge Frau Mitte zwanzig vorbei. Vor über einem Jahr war das. Ein strahlend schöner Vormittag im Juni. Anfangs war sie etwas unsicher, wusste nicht wohin mit den Händen. Vielleicht irritierte sie der Anblick des deutlich älteren Mannes in einer gelben Hängematte, der an einer sehr kleinen japanischen Teeschale nippte. Ich hatte ein Kännchen grünen Tee zubereitet und fragte sie, ob sie auch möchte, und sie möge sich doch setzen. In nächster Nähe der Hängematte halte ich immer ein paar Sitzgelegenheiten parat. Einen unbequemen alten Klavierdrehhocker meines Vaters, zwei Camping-klappstühle, rotweiß gestreift der eine, der andere verschossen türkisblau. Bei beiden war die Bespannung der Sitzfläche einseitig etwas eingerissen, so dass der darauf Sitzende stets leicht nach links kippte. Aber im Sinne der Nachhaltigkeit waren sie durchaus noch zu gebrauchen und zu schade zum Wegwerfen. Sie nickte, was ich als ein ,Ja' bezüglich meines Angebots den Tee betreffend interpretierte. Ich stieg aus der Matte, um noch ein Schälchen zu holen. Bis ich wiederkam, hatte sich die junge Frau für die vierte der zur Auswahl stehenden Sitzgelegenheiten entschieden. Den schweren stoffbespannten Holzliegestuhl, den ich im letzten Jahrhundert während einer meiner Strandurlaube in Südspanien mitgenommen hatte. Sturztrunken hatte ich den in der Nacht vor der Heimfahrt auf den Dachständer des Wagens geschnallt, darüber zur Tarnung die zwei Surfbretter. Hat aber sowieso niemanden interessiert. Wer klaut schon einen bockschweren, x-mal lackierten und reparierten Liegestuhl. Damals war ich ungefähr so alt wie mein Gegenüber heute. Seit über vierzig Jahren begleitet er mich jetzt und leistet immer noch gute Dienste. Sie hatte sich instinktiv das bequemste meiner Sitzmöbel ausgesucht. Also hatte sie nicht vor, gleich wieder zu gehen, schloss ich daraus. Sie hatte einen kleinen Rucksack dabei, so ein Miniteil, das eine Handtasche ersetzt, der hing jetzt über dem oberen Holm des Holzgestells. Ich rückte die Holzkiste mit dem Teetablett in ihre Reichweite, stellte die Schale darauf, schenkte Tee ein. Dann machte ich es mir wieder in der Hängematte bequem. Und wartete, während ich sie betrachtete. Schulterlanges, braunschwarzes Haar, viele Locken. Ovales, breites Gesicht mit ebenmäßigen Zügen. Dunkle Haut, auch an den sichtbaren Stellen von Armen und Beinen – sie trug eine Dreiviertel-Jeans und ein weinrotes T-Shirt. Zusammen mit den vollen Lippen und den ausgeprägten Wangenknochen vermutete ich eine gemischte Herkunft. Ein Elternteil deutsch, der andere vielleicht aus dem Mittelmeerraum, der Türkei, Griechenland oder aus Spanien. Obwohl die blass grünen Augen und die schmale Nase nicht ganz passten, ergänzten sie sich doch positiv, machten das Gesicht interessant. Sie war ungefähr so groß wie ich, an die einsfünfundsiebzig und schlank. Ihre Gestalt hatte etwas Bodenständiges, in sich Ruhendes.
Vorsichtig nahm sie einen Schluck Tee.
„Oh, der ist gut... Vielen Dank auch."
Okay, Muttersprache eindeutig Deutsch. Es folgte eine kurze Pause. Dann sagte sie unvermittelt mit leiser, fast tonloser Stimme: „Ich habe Melanie verloren. Meine beste Freundin."
„Wie verloren?", fragte ich und ruckelte mich in meiner Hängematte etwas hoch. Das schien mir angemessener. Ich ahnte bereits, was kommen würde.
„Sie ist tot."
„War sie krank? Oder hatte sie einen Unfall?"
„Sie hat sich umgebracht. Mit Schlaftabletten und Rotwein." Ihr Blick ging ins Leere, die Stimme war nochmal leiser geworden. Mir wurde in dem Moment klar, diese junge Frau hatte keine Tränen mehr, die den Schmerz über den Verlust ihrer Freundin hätten lindern können. Ich setzte mich vollends auf, stemmte die Beine ins Gras, um weiteres Schaukeln zu vermeiden. Die Diogenes-Pose war mir mit einem Mal peinlich.
„Wann ist das passiert? Sagst du mir deinen Namen? Darf ich überhaupt ,Du' sagen?"
„Loisa heiße ich. Loisa Fatal – Nein, also Ritter, Loisa Ritter. Fatal nenne ich mich nur. Ich bin Sängerin. Natürlich dürfen Sie mich duzen ..."
„Sängerin? Interessant. Du kannst mich übrigens auch duzen."
„Wie? Ach so, ja. Walter. Echt jetzt? Wer heißt denn heute noch so?"
„Nein, ich heiße mit Nachnamen Walter. Übrigens ohne ,H'. Sah auf dem Schild einfach ,mit' besser aus. Bruno Walter heiße ich. Also, ich bin der Bruno", holperte ich meine Erklärung zurecht und fand mich schon wieder etwas unpassend in dem Moment. Loisa legte ihren Kopf etwas schräg und sah mich unschlüssig an. Ich war sicher, ich kam ihr wirklich unpassend vor. Schnell sagte ich: „Sorry, aber sowas höre ich auch nicht alle Tage. Erzähl doch mal. Dass es dir mies geht, sehe ich. Was ist passiert? "
„Ich kann nicht mehr singen, seit das passiert ist. Vor zwei Monaten war das. Der Bassist meiner Band hat mich am Morgen angerufen. Ich lag noch im Bett. Mel war auch seine Freundin. Also sie waren ein Paar, mein ich. Die Polizei war bei ihm, man hätte Mel tot im Stadtpark auf einer Bank gefunden. Er hatte geglaubt, sie wäre bei mir gewesen, das hatte sie ihm am Abend vorher erzählt. Doch sie ist in den Park gegangen, hat die Tabletten geschluckt und eine ganze Flasche Rotwein ausgetrunken. Auf Heiko, also auf ihren Freund, den Bassisten, sind sie gekommen, weil sie eine Message an ihn auf ihrem Handy gefunden haben. Eine Sprachnachricht. Er hatte sein Smartphone nur noch nicht abgehört. Es wäre sowieso zu spät gewesen, denn sie hat die Nachricht terminiert, also dass sie erst am Morgen gesendet wird. Da war sie laut Obduktion längst tot."
„Eine Art Abschiedsbrief?", unterbrach ich sie.
„Ja, so hat sie es geplant. Sie hat auch auf Insta und Facebook noch gepostet. Statements zu ihrem Suizid. Warum sie nicht mehr leben kann. Voll gruselig. Keiner hat geahnt, dass sie das alles so mitnimmt."
Loisa schwieg, zog ein Taschentuch aus der Hose und schnäuzte sich. Jetzt fiel mir auf, dass ihre Nasenflügel rot und aufgescheuert waren. Als hätte sie meinen Gedanken gelesen, holte sie eine kleine Cremedose aus dem Rucksack-Täschchen und schmierte sich die wunde Nase damit ein.
„Tschuldigung ... ist wegen dem ganzen Gerotze. Entzündet sich sonst noch."
„Was waren das für Statements? Was ließ sie so verzweifeln?", fragte ich sie.
Loisa hob den Kopf, schaute mich direkt an. Ihre Hände umklammerten die Lehnen des alten Liegestuhls. Sie war nach vorne gerutscht, saß nun mit den Oberschenkeln auf der unteren Querstrebe.
„Sie hatte eine Scheißangst vor dem Leben. Hatte keine Zukunft mehr gesehen. Für sich nicht, für die ganze Welt nicht. Die Kriege, die Klimakatastrophe, die Rechtsradikalen. Die durchgeknallten Politiker, die Atommächte, die Islamisten und die anderen Religions-Fanatiker, all die Wahnsinnigen, die mit ihrem Egoismus die Welt in Schutt und Asche legen. Der Hass, die Wut, die Gewalt. Dann die Armut, der Hunger, das elende Sterben weltweit, die Kinder, die keine zehn Jahre alt werden." Ein Redeschwall brach jetzt aus ihr heraus, schnell, in einem Staccato presste sie die Sätze hervor.
„Und sie, Melanie, mittendrin als Privilegierte, die Eltern scheißreich, denen das alles egal ist, denen es gut geht, die in ihrer fetten klimatisierten Villa hocken. Die aber nicht teilen, nichts hergeben wollen, die ihren Wohlstand mit Waffen verteidigen würden und Mauern bauen, wenn die Welt vor die Hunde ginge. Sie wollte da nicht mehr dazu gehören, sie hat sich geschämt dafür, dass es ihr gut ging. Deshalb hat sie sich umgebracht. Ein Zeichen setzen mit ihrem Tod wollte sie, das Einzige, was ihrem kurzen Leben noch Sinn gäbe. Mein Freitod für Frieden und eine Zukunft für die Erde."
Loisa hielt inne, blickte zu Boden, dann fügte sie leise hinzu: „So hat sie ihre Aktion genannt. Und hoffte, dass viele junge Menschen es ihr nachmachen." Jetzt sah sie mich wieder an, eindringlich, die Finger ihrer Hände verschränkten sich krampfhaft ineinander, so dass die Knöchel weiß hervortraten.
„Und es hat schon angefangen!", sie flüsterte die Worte fast. „Was hat angefangen?", fragte ich und hoffte, nicht die Antwort zu bekommen, die ich befürchtete.
„Ihre Posts wurden tausendfach geliked und geteilt und es tauchen erste Berichte auf von ähnlichen Suiziden ... mit fast denselben Statements!"
„Junge Leute, die sich umbringen? Wegen ihrem Post?"
„Ja! Das ist doch furchtbar! Das kann sie doch nicht wirklich gewollt haben."
Ich war erschüttert von dem, was sie mir da erzählte und überlegte, wie ich darauf antworten sollte. Diese junge verzweifelte Frau saß da vor mir und wartete, dass ich etwas sagte, was ihr helfen könnte, das spürte ich. Da fiel mir eine Sache ein, über die ich vor kurzem gelesen hatte und die mich tief berührt hatte. Also begann ich, ihr davon zu erzählen. Mit der Hoffnung, sie damit aus der dunklen Sackgasse, in der sie sich befand, herauszulotsen. Es hatte sich in den USA eine Bewegung entwickelt, die öffentliches Weinen proklamierte, um so der Angst und Verzweiflung über den Zustand der Welt Ausdruck zu verleihen. Die Menschen treffen sich in großen Gruppen auf öffentlichen Plätzen, in Parks und lassen ihren Tränen freien Lauf. Anfangs wurden sie belächelt, dann versuchte man, diese Versammlungen zu verbieten. Sogar mit Polizeigewalt. Doch die Bewegung bekam immer mehr Zulauf und ist nun nicht mehr zu stoppen. Schließlich kann kein Mensch einem anderen das Weinen verbieten. Obwohl, wenn es viele tun und auch noch gemeinsam, dann ist das schon eine machtvolle Demonstration, auch wenn dabei keine Plakate gezeigt oder Parolen skandiert werden. In Autokratien würde man die Leute wahrscheinlich verhaften und in Straflager stecken. Aber in unserer noch freien Welt geht das zum Glück nicht, da darf sogar so ein seltsamer Kauz wie ich Tag für Tag in einer Hängematte liegen und mit Besuchern Lebensweisheiten austauschen und diskutieren.
Ich wollte wissen, was sie denn von dem öffentlichen Weinen hielte. Ob das nicht vielleicht sogar ein Ausweg für ihre Freundin hätte sein können. Vielleicht sollte man so eine Bewegung auch hier ins Leben rufen, für die vielen Verzweifelten, die es ja auch bei uns gibt. Solche Meetings produzierten ja ein immenses Gemeinschaftserlebnis. Die emotionale Art der öffentlichen Trauer spendet Trost, hilft gegen das Alleinsein und lässt wieder Zuversicht wachsen. Und dabei spielt weder die Hautfarbe, Religion, sexuelle Ausrichtung, politische Meinung oder irgendetwas anderes eine Rolle. Im Alltag vielleicht Trennendes hätte hier keinen Platz, das Weinen vereint alle.
Ich erzählte ihr das voller Elan, als ob ich davon begeistert wäre, obwohl mir gar nicht danach war. Meine Absicht war, sie auf ein anderes Gleis zu leiten, eines, das wegführte von ihrer Verzweiflung. „Keine Ahnung, ob sie davon wusste", antwortete Loisa, die mir aufmerksam zugehört hatte. „Aber ich glaube, für Mel wäre das eh keine Option gewesen. Ich finde das gut, bei so einem Meeting wäre ich sofort dabei. So lost wie ich mich gerade fühl ... Aber Melli? Nein, niemals. Zu passiv die Aktion. Ihre Wut, ihre Ohnmacht, sie hat es gehasst, nichts tun zu können, was wirklich etwas ändern würde. Das hat sie radikalisiert und einsam gemacht. Sie hatte sich lange bei Fridays for Future engagiert, ist bei jeder Klima-Demo und dann gegen die Rechten mitgelaufen. Was hat es gebracht? Es hat uns alle frustriert, klar, aber wir hatten trotzdem auch noch Spaß am Leben. Sie nicht. Wir konnten feiern, Party machen, zusammen irgendwo hinfahren, Ausflüge oder so, ich hatte meine Musik, es gab Konzerte, Kultur, Kino. Eigentlich konnten wir immer noch so vieles tun, was wir wollten. Die schrecklichen Dinge außen rum, die Kriege, die Katastrophen auf der Welt, die Unwetter, die waren zwar eine Bedrohung, aber immer noch weit weg."
„Nicht für deine Freundin", hakte ich ein.
„Nein, für sie ging das alles nicht mehr. Und sie hatte ja recht. Das Klima ist gekippt, die Katastrophe ist da. Sie machte uns Vorwürfe, gönnte sich nichts mehr von dem, was noch möglich war. Sie kapselte sich immer mehr ab, fraß alles in sich rein, zog sich jeden Bericht, jede Horrormeldung rein. Ich habe ein paarmal versucht, sie da herauszuholen, habe ihr gesagt, sie soll Pause machen, Internet fasten, wieder einmal auf Abstand gehen, doch davon wollte sie nichts hören. Und anscheinend fand sie im Netz immer mehr Gleichgesinnte. Die, die es ihr jetzt nachmachen. Mit ihrem extremen Beispiel zeigt sie denen einen scheinbaren Ausweg aus der Misere. Aber das ist doch Scheiße! Gewalt gegen sich selbst, das hilft doch nichts und niemandem!"
„Sie hatte nie in Betracht gezogen, militant zu werden? Zu Kämpfen? Du hast gesagt, sie hätte sich radikalisiert."
„Anfangs nicht, nein. Gewalt, mit Waffen und Anschlägen und so, das lehnte sie komplett ab. Sie war Pazifistin, durch und durch. Radikal war sie zuerst nur gegen sich. Es gab in unserem Bekanntenkreis ein paar, die sind in den Untergrund gegangen, aber mit denen hat sie sich nur gestritten. Umwelt-Anarchos nannte sie die und prophezeite ihnen ein Schicksal wie das der RAF in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts. Nein, das war lange nicht Mels Ding. Bis sie mit ihrem Pazifismus nicht mehr weiter kam. Ja, dann schon."
„Euch ist tatsächlich die RAF noch ein Begriff? Die Baader Meinhof Geschichte?" Ich war echt verblüfft.
„Sicher, was glaubst du? Gehört doch zur Allgemeinbildung. Schule? Geschichtsunterricht? Hallo?", antwortete Loisa trocken und trank ihre Teetasse leer. Ich dachte nach. Was konnte ich tun für diese junge Frau? Loisa suchte offensichtlich nach einer Perspektive. Deswegen war sie in meinen Garten gekommen, in die Rederei und saß jetzt hier. Sie erhoffte sich etwas von mir. Konnte ich ihr helfen? So viel war klar: Indem ich hier aus meiner Hängematte heraus den Psycho-Onkel gab, damit war es nicht getan. Und so beschloss ich, etwas zu tun, was vielleicht verrückt war. Aber der Gedanke hatte mich binnen Sekunden erwischt und elektrisierte mich. Ich würde mich auf den Weg machen. Mit ihr. Nervös stand ich auf. Wie würde sie wohl reagieren?
„Vorschlag. Wir gehen jetzt erst mal eine Kleinigkeit essen. Hast du Hunger?"
Sie nickte.
„Gut. Gleich da vorne an der nächsten Kreuzung ist ein Thai-Imbiss. Da gibt's die besten gebratenen Nudeln der Stadt. Ich lade dich ein. Und danach zeigst du mir die Plätze, Orte, Kneipen, Parks – was weiß ich – wo du mit Melanie gewesen bist. Wo du dich an sie erinnerst. Muss nicht alles heute sein. Ich habe Zeit. Du solltest sie dir auch nehmen. Es dauert, so lange es eben dauert, was hältst du davon?"
Loisa sah mich ungläubig an und fragte: „Meinst du das ernst? Ich meine, ja, ich finde das toll. Aber warum willst du das tun?"
Ich war erleichtert. Und ich freute mich. „Du bist einverstanden? Wirklich? Mit mir alten Mann – ich bin ein Fremder für dich – durch die Stadt zu ziehen? Sozusagen ein Psycho-Sightseeing..."
Sie lachte jetzt. Endlich.
„Ja Mann! Du machst mir keine Angst, ich traue dir. Aber nochmal: Warum so ein Angebot?"
„Was jetzt? Das mit dem Thai?"
„Blödmann! Oh sorry ... Nein, das mit der Remember-Tour natürlich."
„Remember-Tour ist gut. Mal schauen ... Ich glaube, es könnte dir helfen, wieder klar zu kommen. Weil du deiner Melanie so nochmal nahe kommst. Kann vielleicht auch ein bisschen Spaß machen." Ich stockte kurz. „Entschuldige, das war unpassend. Ich wollte nicht ..." Sie unterbrach mich: „Nein, alles gut. Gegen etwas Spaß hätte ich wirklich nichts. Die letzte Zeit ... Naja."
Ich atmete auf und fuhr fort: „Ich fände es spannend - und ich bin auch etwas neugierig. Zugegeben. War schon lange nicht mehr richtig unterwegs in der Stadt. Und du kennst dich aus, da bin ich mir sicher! Was meinst du? Deal? Wir zwei on the Road?" Ich streckte ihr meine Faust entgegen. Wieder lachte sie.
„Jack Keruac?"
„Oh, auch noch belesen ... Aber nein, kein Drama hoffentlich, keine Drogen. Und vermutlich auch kein Jazz, wenn ich mich nicht irre?"
„Nein, mit Jazz habe ich wirklich nichts am Hut! Also gut, Deal!"
Sie erhob sich jetzt aus dem Liegestuhl, klopfte kurz ihre Faust auf meine – „Echt Old School, weißt du schon, oder?" Dann verließen wir den Garten.
Beim Rausgehen wies ich sie auf die Amsel hin, die vor uns auf dem Weg zur Seite hüpfte und erzählte kurz von den drei Nestern, die in meiner Hecke versteckt waren und mit jeweils drei, in einem Fall sogar mit fünf Eiern belegt waren. Ich hatte vor ein paar Tagen nachgesehen. Es war bereits die zweite Brut. Mein bekundetes Interesse an den Vögeln quittierte Loisa mit einem amüsierten Seitenblick.
Auf dem Weg zur Thai-Foodbar fragte ich Loisa nach ihrer Musik. Ob das auch noch etwas für mich wäre. Vom Stil her, meinte ich. Von wegen Old School.
