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Dary ist 17 und reißt nach dem Selbstmord ihrer besten Freundin ohne Ziel und Zukunftsvorstellungen von zu Hause aus. Sie begegnet dabei Xenon, einem geheimnisvollen jungen Mann, der allein mitten im Wald lebt, und der sie bald in eine gefährlich verlockende Welt hineinzieht, in der die Grenzen zwischen Wahn und Realität verschwimmen. Sieben Jahre später, nachdem sie alle Erinnerungen an ihre Erlebnisse von damals längst verdrängt hat, wird sie wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert und muss einsehen: Verrückt, gefährlich oder nicht... der einzige, dem ihr Herz je gehört hat, war Xenon.
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Seitenzahl: 492
Veröffentlichungsjahr: 2012
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DarkVelvet
Xenon
Eine Geschichte jenseits von Realität und Wahn
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Nicci
Die Ausreißerin
Der innere Wahrheitsgenerator
Kein Zurück mehr
Ma Felton
Die Spur
Der Reiz des Unbekannten
Der versteckte Enkel
Die andere Welt
Böses Erwachen
Paradoxon
Die Nacht und der Tod
Der Mann unter dem Fenster
Die Vergangenheit und das Jetzt
Leben lernen
Der Zug ins Alles oder Nichts
Der Schatten und sein Licht
Xenons Begleiter
Hellgate
Seelenduett
Darys Rückkehr
Grenzgänger
Reflexion
Die Verfolger
Geheimnisse und Regen
Feindesland
Verhängnis
Erde, Metall und Tränen
Von ungebetenen Besuchern
Freundinnen
Eskalation
Xenon vs. Realität
Der Todesstoß
Alte und neue Mörder
Impressum
Nicci
Der Wasserhahn war seit Minuten voll aufgedreht, aber ich ignorierte es, da ich voll und ganz damit beschäftigt war, bewegungslos in den Spiegel zu starren. Außerdem hatte dieses monotone Rauschen und Plätschern vor mir etwas Hypnotisierendes. Es gab mir den Eindruck, all die Gedanken in meinem Kopf könnten vielleicht auch einfach fortgespült werden, hinein ins Waschbecken und dann mitgerissen vom Strudel, runter in den Abfluss und ganz weit weg von mir.
So stand ich also da, mit beiden Händen auf dem Waschbeckenrand gestützt. Ich zitterte leicht. Im Spiegel starrte mich etwas an, das vielleicht einmal menschlich, vielleicht sogar einmal hübsch gewesen war… früher. Jetzt kam es mir vor, als wäre da nur noch ein undefinierbares Wesen aus Verzweiflung, Zorn und Enttäuschung.
Unglaublich, was ein einziger Tag manchmal bieten kann. Heute. So ein harmloses Wort. Dabei war es der fünfte Jahrestag meiner Beziehung mit Arik Hauptmann. Es war der Tag, an dem ich erfuhr, dass er mir fremdging. Und es war der Tag, der mein Leben veränderte, auch wenn mir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war.
Ich zuckte zusammen, als er mit der Faust gegen die Badezimmertür schlug, mit einer Wucht, die mich fürchten ließ, das Holz könnte jeden Moment splittern. Mein Hass gegen ihn war nie stärker gewesen als in diesem Augenblick. Vom Hass auf mich selbst ganz zu schweigen. Wie hatte ich nur jemals zulassen können, dass dieser Mann in mein Leben eindringt? Ich hatte herausgefunden, dass er mich betrog, und alles was ihm dazu einfiel war, auf mich wütend zu sein.
„Mach die Tür auf!“ Seine Stimme drang mir durch Mark und Bein, aber ich rührte mich nicht einen Millimeter. In meinem Kopf spielten sich die letzten fünf Jahre meines Lebens im Zeitraffer ab. Ganz so, wie man es in Büchern liest, kurz bevor jemand stirbt. Tatsächlich starb irgendetwas in mir. Mir war nur nicht bewusst, was. Ich versuchte herauszufinden, was ich fühlte. Ob es hauptsächlich Trauer, Eifersucht oder Hass war, aber es ging nicht. Vielleicht war es alles auf einmal. Vielleicht war meine Fähigkeit zu erkennen, was ich fühlte, aber auch schon vor langer Zeit gestorben, ohne dass ich es gemerkt hatte.
„Komm da raus, verfluchte Scheiße!“ Wieder ein gewaltiger Schlag gegen die Tür. Diesmal hatte ich mich unter Kontrolle und erschrak nicht. Ich hatte immer gewusst, dass er impulsiv und grob war, und hatte gelernt, in solchen Situationen mit ihm umzugehen. So aggressiv und verletzend er sich auch gab, im Endeffekt steckte nichts dahinter. Meistens.
Jetzt fing er an zu schreien. „Du bist betrunken… Du hast dir verflucht nochmal den Kopf zugesoffen! Komm da raus! Bitte sehr, schrei mich an, fang an zu flennen oder mach was du willst, aber hör auf, diese abgefuckte Show abzuziehen!“
Ja, natürlich war ich betrunken! Selbstverständlich war ich betrunken! Mit vor Wut brennenden Augen krallte ich meine Finger in den kalten Marmor des Waschbeckens. Ich war versucht, ihm seinen Wunsch zu erfüllen und ihn einfach anzuschreien, was er wohl anderes erwartete, nachdem ich die Reizwäsche einer anderen Frau aus dem Trockner fischen musste. Ich hatte es ihm natürlich nicht sofort unter die Nase gerieben, sondern hatte mich in die Kneipe nebenan gesetzt, bis er von der Arbeit kam. Der ein oder andere Drink war da schon geflossen, oder das ein oder andere Dutzend… ich wusste es nicht mehr. Es spielte auch keine Rolle. Ich fand die Erinnerung immer noch faszinierend, wie seelenruhig er reagiert hatte, als ich den rot-schwarzen Slip aus der Tasche gezogen hatte.
Ich hatte nur „Wie lange schon?“, gefragt.
„Seit zwei Monaten.“
Eine Feststellung. Nichts weiter. Ohne die geringste Spur von Reue oder schlechtem Gewissen.
Mein Spiegelbild sah mich so wütend und vorwurfsvoll an, dass ich nicht länger stillstehen und tatenlos sein konnte. Ich stellte den Wasserhahn ab, drehte mich um und schloss die Tür auf.
Sofort wurde sie von der anderen Seite aufgerissen. Arik reagierte genau so, wie ich erwartet hatte: Er packte mich bei den Oberarmen und drückte mich rückwärts, mit dem Rücken gegen das Waschbecken. Es tat weh und er wusste es. Arik war nie besonders zimperlich mit mir umgegangen.
„Verpiss dich!“, zischte ich und wäre genauso gut in Stimmung gewesen, im ins Gesicht zu spucken. „Lass mich los, Arschloch!“
Er packte mich fester und sah mich so wütend an, dass mir das Blut gefroren wäre, hätte es nicht schon längst gekocht. Sein Gesicht war puterrot und sah derart aufgebracht alles andere als attraktiv aus, vor allem, da es einen unschönen Kontrast zu seinem fast weißblonden Haar bot.
Adern traten an seiner Schläfe hervor, als er den Mund aufmachte. „Was willst du von mir?! Du weißt ganz genau, dass Elena mir nichts bedeutet!“
„Ach, Elena heißt sie“, keifte ich und riss mich mit aller Kraft von ihm los. „Schön zu wissen, wie die Schlampe heißt, mit der du neuerdings vögelst, wenn du deine so genannten Männerabende feierst!“
Er wollte nach mir greifen, aber ich gab ihm einen Stoß zur Seite, der mir die Flucht durch die Tür ermöglichte.
„Zwei Monate!", brüllte ich und konnte mich nicht mehr beherrschen. „Zwei Monate lang sagst du mir, dass du mich liebst, bevor du zu deiner Elena fährst?!“
„Weil es wahr ist!“ Arik stützte sich am Türrahmen ab und schnitt eine schmerzverzerrte Grimasse. Anscheinend hatte ich vorhin seine Weichteile getroffen. „Ich liebe dich! Das weißt du ganz genau!“
Der Vorwurf, die ganze unglaubliche Wut auf MICH in seiner Stimme trieb mich in den Wahnsinn. Wer hatte hier wen betrogen? Ich verlor die Kontrolle, riss das kleine Landschaftsbild in dem billigen Supermarktrahmen von der Wand und warf es nach ihm. Es verfehlte ihn, aber der Schreck in seinen Augen gefiel mir.
„Du liebst mich!“, höhnte ich, und es war mir egal, dass ich mich wie eine filmreife Furie aufführte. „Und das entschuldigt natürlich, dass du in der Gegend herum vögelst! Willst du mir das damit sagen?!“
Er sagte gar nichts. Das kam mir gelegen.
„Es ist vorbei, Arik. Ich werde jetzt gehen.“
„Nein!“ Er erwachte aus seiner Starre, als ich mich abwandte, und packte mich am Arm. „Ich liebe dich! Ich verspreche dir, dass ich Elena nie wiedersehen werde! Es war doch nichts Weltbewegendes! Du wirst wieder die einzige sein… so, wie es sein sollte. Ich habe einen Fehler gemacht. Verzeih mir, und ich vergesse, dass es sie gegeben hat! Versprochen.“
Es klang ehrlich. Ich wusste sogar mit ziemlicher Gewissheit, dass er es ernst meinte. Aber das spielte keine Rolle mehr.
„Wenn du mir etwas versprechen willst“, sagte ich mit fester Stimme, „dann versprich mir, mir nie wieder unter die Augen zu treten.“
Er sah mitgenommen aus. Langsam schien er zu verstehen, dass er mich gerade verlor. „Du hast auch fünf Jahre lang behauptet, dass du mich liebst“, warf er ein und klang dabei ziemlich verletzend. „Was ist damit?“
Auf diese Frage fiel mir sofort eine Antwort ein, die sich auf meiner Zunge süß und sauer zugleich anfühlte, weil ich wusste, dass es die einzig richtige Antwort war.
„Das war eine Lüge“, sagte ich und ging.
Ich verzichtete darauf, theatralisch meine Koffer zu packen, sondern nahm nur meine Handtasche und ging. Ohnehin war ich mir sicher, Arik nicht zum letzten Mal begegnet zu sein. Er kam mir nicht hinterher gerannt, um mich zurückzuhalten, er schrie mir nichts nach, um mich umzustimmen. Trotzdem war ich mir sicher, dass er mich nicht so einfach gehen lassen würde.
Als ich an diesem Abend vor die Tür trat und mich auf mein Fahrrad schwang, fühlte ich mich, als wäre ich in eiskaltes Wasser gestoßen worden. Ich hätte erwartet, dass etwas in mir anfangen würde zu zerbrechen oder zu rumoren. Dass ich vor Wut den Verstand verlieren oder unkontrolliert anfangen würde zu weinen. Aber nichts davon geschah. Nachdem mein Wutanfall im Badezimmer abgeklungen war, war es vorbei.
In mir war nur Leere. Nichts. Als hätte mich jemand gepackt und alles, was im Entferntesten an ein menschliches Gefühl erinnert, aus mir herausgeschüttelt.
Es war eine schlechte Idee gewesen, das Fahrrad zu benutzen. Das merkte ich allerdings erst, als ich mich nach einem halben Kilometer mit meinem langen Rock in den Speichen verhedderte und nur mit Müh und Not einen Sturz verhindern konnte. Fluchend und in den unmöglichsten Verrenkungen versuchte ich, Rock und Speichen wieder voneinander zu trennen. Es war eine furchtbare Fummelei, da ich heute ausgerechnet den mehrschichtigen Frühlingsrock trug, den ich deswegen so mochte, weil er so schön luftig um die Beine wehte. Der Geduldsfaden platze mir schnell. Ich zerrte an dem Stoff, bis er riss und endlich die Speichen freigab.
Als ich mich wieder in den Sattel schwang, stellte ich mir auch endlich die Frage, wo ich überhaupt hin wollte. Der Aufbruch war spontan gewesen, mit dem einzigen vorläufigen Ziel, dass ich weg kam. Mit dem Auto wäre das natürlich um Längen einfacher gewesen. Leider stand mein schwarzer Opel Corsa zwei Dörfer entfernt in der Werkstatt und würde frühestens in zwei Tagen zur Abholung bereit sein… und außerdem musste mein Alkoholpegel erst einmal absinken. Jetzt fühlte ich mich einigermaßen ratlos. Auf keinen Fall konnte ich Arik die Genugtuung bieten, nach ein paar Stunden Fahrradtour wieder zu ihm zurück zu kommen… So wie es bei Kindern ist, die das erste Mal von Zuhause ausreißen, nach einer Stunde aber zurückkehren, weil sie nichts weiter als Aufmerksamkeit wollten. Nein, es war vorbei und mein Weg würde nicht mehr zurückführen. Also brauchte ich einen Plan. Wo konnte ich hin? Ich hatte zwar genug Geld dabei, um mir vorläufig ein Hotelzimmer zu nehmen, wollte das aber nur als allerletzte Möglichkeit in Betracht ziehen.
Auf der Suche nach einer Antwort griffen meine Gedanken einige Minuten lang ins Leere. Seit ich mit Arik vor zwei Jahren hier hergezogen war, hatte ich mich nicht besonders um neue Kontakte bemüht. Ich war so einfältig gewesen zu glauben, Arik als einziger Bezugspunkt würde mir reichen. Jetzt sah ich, was ich davon hatte.
Was ich jetzt brauchte war das, was in den seichten Komödien im Fernsehen in solchen Situationen immer hilft: Eine gute Freundin, mit der ich mich über Arik ausheulen konnte.
Ich bezweifelte nicht nur, dass so etwas in der echten Welt genauso half wie im Fernsehen. Ich hatte aus den genannten Gründen nicht einmal eine solche gute Freundin.
Trotzig blies ich eine Haarsträhne aus meinem Gesicht und trat verzweifelt etwas fester in die Pedale. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Nicci.
Ich war erstaunt, dass ausgerechnet sie mir einfiel. Sie war bei weitem nicht das, was man als Freundin bezeichnen konnte, aber sie war zumindest eine Person, die ich kannte und die weniger als dreißig Kilometer entfernt wohnte. Ich musste über mich selbst lachen bei dem bloßen Gedanken daran, was ich jetzt vorhatte. Wollte ich wirklich zu Nicci fahren, bei ihr klingeln und erklären müssen, dass ich mit Arik Schluss gemacht hatte und seelischen Beistand brauchte? Ich war Nicci jahrelang aus dem Weg gegangen. Mehr noch, bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen wir noch miteinander zu tun hatten, hatte ich sie deutlich spüren lassen, wie wenig ich von ihrer grellen Gutmenschen-Art hielt. Sie würde sich wahrscheinlich ihren Teil denken und mir die Tür vor der Nase zuschlagen. Aber es blieb dabei, dass sie meine einzige Möglichkeit war.
Also kramte ich in meinem Gedächtnis nach Nicole 'Nicci' Webbers Adresse und legte einen Zahn zu. Es war schon spät und es würde nicht mehr lange dauern, bis die Sonne unterging. Dann würde es kalt werden und- falls ich mit Nicci keinen Erfolg haben sollte- ganz besonders peinlich, zu Arik zurückkriechen zu müssen. Was auch immer ich tat, diese Blöße durfte ich mir nicht geben. Lieber würde ich mich auf eine Bank legen und die Nacht frierend wie eine Obdachlose verbringen. Das schwor ich mir feierlich.
Nicci wohnte im Stadtinneren. Das bedeutete, dass ich zehn Kilometer Weg zurücklegen musste. Dabei wurde mein Kopf zumindest wieder klarer. Obwohl ich in die Pedalen trat wie eine Verrückte und mich von einem Seitenstechen zum nächsten steigerte, wurde es bereits dunkel, bevor ich die richtige Adresse auch nur annähernd erreicht hatte. Und dann war da das Problem, dass ich mich nicht genau erinnerte. Es war im wahrsten Sinne des Wortes Jahre her, dass ich das letzte Mal mit Arik hier gewesen war. Damals hatten wir noch nicht hier gewohnt. Nicci hatte noch zu Ariks Freundeskreis gehört und wir waren auf einer ihrer unendlich ätzenden Cocktailpartys eingeladen gewesen, auf denen es fataler Weise nicht einmal Alkohol gab. Aber ich konnte mich einfach nicht erinnern, wie ihr Haus aussah.
Die Straßenlaternen tauchten die Häuser in ein Licht, das alles gleich aussehen ließ. Seufzend stieg ich ab und schob mein Rad den Gehweg entlang. In diesem Moment vibrierte etwas in meiner Tasche. Ich war so in anderen Gedanken vertieft, dass mich der Klingelton meines Handys regelrecht erschrak. Reflexartig griff ich nach der Tasche, hielt aber dann inne. Es bestand kein Zweifel daran, wer mich jetzt anrief. Ich öffnete die Tasche, holte das Handy heraus und sah meine Gedanken bestätigt. Es war Arik. Es klingelte ein drittes, viertes und fünftes Mal. Das Geräusch war in der kaum befahrenen Straße penetrant laut. Irgendwie war mir danach, ranzugehen. Nur aus Neugier, ob er weiter den vorwurfsvollen Macho spielen oder anfangen würde zu flehen. Aber dann atmete ich einmal entschlossen ein und würgte den Anruf ab, bevor ich das Handy ganz ausstellte.
Als ich das Handy eingesteckt hatte und den Kopf wieder hob, erkannte ich das Haus wieder, in dem Nicci wohnte. Es war ein schlichtes, großes Mietshaus mit vier Etagen und einem Treppenhaus, das an die Außenfassade grenzte und mit seinem weißen Milchglas dem Bau die tödliche Portion Hässlichkeit verlieh. Ich war mir nicht einmal sicher, ob sie überhaupt noch hier wohnte. Vielleicht hatte sie mittlerweile Mann und Kinder und war in irgendeine ländliche Gegend umgezogen, in der sie ihre Plagen antiautoritär erziehen konnte. Mir sträubten sich die Haare bei diesem Gedanken.
Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich zumindest vorerst nicht. Auf dem untersten Klingelknopf stand, genau wie damals, in Kursivschrift Webber. Als ich die Hand danach ausstreckte, kam ich mir unglaublich dämlich vor. Doch bevor dieses Gefühl mich zum Zweifeln bringen konnte, drückte ich die Klingel.
Es war ein beschämender Augenblick, als Nicci die Tür öffnete. Es schlug mir genau das gleiche, gönnerhaft gutmütige Lächeln entgegen, das ich schon damals verabscheut hatte. Sie schien sich überhaupt nicht verändert zu haben seit dem Tag, an dem ich sie das erste Mal gesehen hatte, und der war immerhin gut sieben Jahre her. Ihre natürlich gewellten, blonden Haare waren hochgesteckt und mehrere zause Strähnen fielen in ihr puppenhaftes Gesicht. Ihre Augen hatten ein übermütiges Strahlen, dem ich nicht einmal eine Sekunde standhalten konnte.
"Was machst du denn hier?" Niccis Tonfall nach hätte man glauben können, ich wäre ihre verschollene beste Freundin, auf deren Wiederkehr sie jahrelang gewartet hatte. Einige Momente lang standen wir uns schweigend gegenüber, dann schlug Nicci fast erschrocken die Hände vor den Mund. "Entschuldige bitte! Komm doch rein, komm rein!"
Ich ging betreten an ihr vorbei in das auch von innen grottenhässliche Treppenhaus. Nicci hatte es sehr eilig, die Tür hinter mir zu schließen und an mir vorbei zu huschen, um die Tür zu ihrer Wohnung im Erdgeschoss galant aufzuhalten, bis ich hindurchgetreten war.
Der Flur, in dem ich mich befand, strotzte vor bunten, modernen Gemälden. Die vorherrschenden Farben waren Pink und Violett. Aus einem Raum am Ende des Flures hörte ich eine tiefe, verschlafene Männerstimme: "Schatz, wer ist denn da?"
"Eine alte Bekannte, Liebling", rief Nicci zurück. "Schlaf ruhig weiter."
Es beruhigte mich, dass sie nicht das Wort Freundin benutzte. Dafür lächelte sie so engelhaft wie eh und je. "Entschuldige, dass ich dich nicht mit meinem Mann bekanntmache. Bis vor einer Viertelstunde saß er noch im Büro und hat Überstunden geschoben, stell dir das vor." Sie seufzte lachend und machte diese unglaublich tussihafte Geste, in der man die Augen verdreht und die rechte Hand auf die Brust legt. "Er ist so ein schrecklicher Workaholic."
Oh mein Gott, wo war ich hier nur gelandet?
Ich nuschelte irgendetwas Beschwichtigendes und ließ mich von Nicci in die Küche führen, wo sie- ohne mich zu fragen, ob ich einen wollte- zwei Tassen Kaffee einschenkte, den sie offenbar gerade gemacht hatte.
"Möchtest du eine Tasse Kaffee?"
Sie ließ mir nicht mal einen einzigen Triumph. "Ja, danke sehr. Aber bitte, mach dir keine Umstände..."
Ausreden ließ sie mich auch nicht. "Du meine Güte, hör bloß auf. Wir haben uns bestimmt Jahre nicht mehr gesehen, da wird wohl ein Kaffee drin sein. Wo wir beim Thema wären..." Sie bugsierte mich an den Esstisch, wo wir uns setzten. "Warum bist du so spät noch allein unterwegs? Ist irgendetwas passiert?"
Die Augenblicke, in denen ich nach Worten suchte, schienen Nicci schon zu reichen. Sie schlug die Hände vor den Mund, als hätte ich ihr gesagt, dass ich noch zwei Tage zu leben habe, und raunte: "Du bist schwanger!"
"Nein, bin ich nicht."
Sie lachte herzlich. "Sollte auch nur ein Scherz sein. Nein, im Ernst, was ist los?"
"Ich habe mich von Arik getrennt. Er ist fremdgegangen."
Ihr Gesicht wurde schlagartig wieder ernst. "Wann?"
"Getrennt habe ich mich gerade eben von ihm. Fremdgegangen ist er mir seit zwei Monaten."
Sie blinzelte, als könne sie es kaum glauben. "Du meinst, es ist aus zwischen euch? So richtig definitiv?"
Ich nickte.
Nicci lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. "Wie hat er reagiert?"
Ich schnaubte. "Na, wie Arik immer reagiert. Aggressiv und aufgeblasen."
"Ich habe immer geahnt, dass das mit euch keine große Zukunft hat", seufzte sie mitfühlend. "Erinnerst du dich an damals, als du ihn kennengelernt hast? Ich hatte schon damals das Gefühl, dass ihr zwei eure Beziehung auf irgendeiner falschen Basis aufbaut."
Wenn sie wüsste, wie sehr sie damit Recht hat.
Der Kaffeegeruch stieg verlockend in meine Nase und ich nahm einen vorsichtigen Schluck.
Als ich ihn kennengelernt habe.
Die Erinnerung an diese Zeit vor sieben Jahren war verschwommen und ich wusste auch, warum: Ich wollte mich nicht genau erinnern. Niccis Worte ließen schon genug Bilder in meinem Kopf aufblitzen, die ziemlich unangenehm waren. Also versuchte ich es mit einem Themenwechsel.
"Wann hast du geheiratet?" Ich nickte in Richtung ihres Eherings.
Nicci schmunzelte und begann augenblicklich, an ihrem Ringfinger herumzuspielen. "Vor fünf Monaten. David ist das Beste, was mir passieren konnte."
David. Der Name rief irgendetwas in mir hervor, aber ich war mir nicht sicher.
"David Aloys", half mir Nicci lachend auf die Sprünge. "Er war damals auch dabei, erinnerst du dich nicht?"
Damals. Ich presse die Lippen aufeinander. Mein Themenwechsel war also keine gute Idee gewesen. Jetzt erinnerte ich mich auch an David. Er war damals Ariks Schatten gewesen. Ein stumpfsinniger, grobschlächtiger Kerl. Wie das mit Nicci zusammenpassen sollte, war mir ein Rätsel.
"Und, bist du glücklich mit ihm?"
"Glücklich wäre untertrieben", kicherte Nicci. "Ich vergöttere ihn. Nur seinen Namen wollte ich nicht übernehmen, der war mir einfach zu hässlich."
Ich zwang mich zu einem Lächeln. Was tat ich eigentlich hier?
"Und ähm... was hast du jetzt vor?", fragte mich Nicci. "Ich meine, ihr habt doch zusammen gewohnt."
"Ich weiß es noch nicht. Vielleicht werde ich mir für ein paar Tage ein Zimmer nehmen. Oder ich fahre zu meinem Vater. Es sind Sommerferien. Bis die Schule wieder anfängt, fällt mir sicherlich etwas ein."
"Was, du bist tatsächlich Lehrerin geworden?", fragte Nicci erstaunt- und gab mir selbstverständlich gar keine Gelegenheit, etwas dazu zu sagen. "Gratuliere!"
Ich nahm es mit einem halbherzigen Lächeln an, anstatt ihr zu eröffnen, dass ich nicht einmal mit dem Lehramtsstudium angefangen hatte, sondern in der Schulzeit lediglich gegen einen Hungerlohn Hausaufgabenbetreuung betrieb. Dann sagte Nicci etwas völlig überraschendes: "Bleib doch so lange hier."
"Was?"
"Na hier, bei uns. Das ist wirklich kein Problem!"
Mir verkrampfte sich der Magen. "Nein, das kann ich wirklich nicht..."
"Ich bestehe darauf! Du kannst mir ja Miete zahlen, wenn du unbedingt willst." Sie grinste über beide Ohren. "Sieh es positiv. Wenn du Arik nicht sehen willst, ist es perfekt. Hier wird er dich zu allerletzt vermuten."
Da hatte sie recht, zugegeben. Trotzdem war ich zu verdutzt, um irgendetwas anderes zu tun, als sie anzustarren.
"Du kannst das Kinderzimmer haben." Nicci kicherte und streichelte über ihren Bauch. "Die nächsten sechs Monate werden wir es noch nicht brauchen."
Die Ausreißerin
"Wo soll's denn hingehen, Schätzchen?"
Der Zigarettenrauch, den die Frau mit diesen Worten ausatmete, brannte in Darys Augen. Sie blinzelte und musste husten, bevor sie antworten konnte: "Ganz egal. Nur weg von hier."
Die Frau hinter dem wuchtigen Steuer des LKWs lächelte sie hintergründig an. Ihr Mittvierziger-Gesicht wirkte freundlich, trotz ihrer herben, fast schon männlichen Züge. Ganz offensichtlich war sie amüsiert über ihren unerwarteten Fahrgast. "Ich fahre nach Süden. Ich kann dich nur irgendwo auf dem Weg absetzen."
"Ist in Ordnung. Ich sagte doch, ich habe kein Ziel." Dary lehnte sich zurück und versuchte, sich zu entspannen. Ihr Rücken schmerzte, denn den riesigen Reiserucksack, der sich nun im Stauraum befand, hatte sie zuvor stundenlang auf dem Rücken getragen.
Das Fahrzeug sprang mit einem tiefen, ungleichmäßigen Brummen an. Die Scheinwerfer flammten auf und durchbrachen die Dunkelheit auf dem abgelegenen Rastplatz so plötzlich, dass Dary geblendet den Kopf abwandte.
"Du bist ein Ausreißer, was?", fragte die Frau unverblümt. "Mein Name ist übrigens Darleen. Und du bist?"
"Dary."
Darleen runzelte die Stirn und aschte aus dem Fenster. "Und das ist die Abkürzung für was?"
"Für nichts. Einfach nur Dary, mit Ypsilon. Fragen Sie mich nicht, was sich meine Eltern dabei gedacht haben… die waren wahrscheinlich im Vollrausch."
Darleen lachte, als könne sie sich das sehr gut vorstellen. „Ich weiß gar nicht, was du hast. Dary ist doch ein guter Name. Klingt fast so ein wenig indisch, meinst du nicht?“
Dary verzog das Gesicht. Indisch war ihr neu… aber viel eher hatte sie damit zu kämpfen, dass die Leute dachten, ihr Name wäre englisch, und sie mit solchen verbalen Kotz-Stückchen wie Dahhrrrie mit englischem gerolltem R oder Dährie betitelten. Bei letzterem musste sie sich immer einen schwabbeligen Amerikaner vorstellen, der sie mit dem Mund voller Burger im Fastfoodrestaurant ansprach.
Darleen lachte, als könnte sie Darys Gedanken lesen. „Keine Sorge. Meine Eltern haben mich Dorothea genannt, aber als ich mit dem Job hier angefangen habe, wurde ich von meinen Kollegen glücklicherweise umbenannt. Nur Männer, weißt du…“ Und wieder lachte sie, diesmal schallend, unangenehm laut. Dary war sich sicher, dass die Frau mit diesem Lachen einen Berg zum Einsturz bringen konnte, wenn sie wollte.
Inzwischen hatte sich der LKW in Bewegung gesetzt und steuerte langsam auf die Straße zu.
"Du kannst mich duzen, Liebes."
"Danke. Es ist wirklich nett, dass du mich mitnimmst."
"Du wiederholst dich. Außerdem, auf Dauer ist es ziemlich langweilig, Selbstgespräche zu führen." Mit der Linken fischte Darleen eine neongrüne Thermoskanne hervor, die sie Dary reichte. "Kaffee?"
„Danke, aber nein. Ich würde gern etwas schlafen, wenn du nichts dagegen hast."
"Natürlich nicht. Hinter deinem Sitz findest du ein Kissen. Wie lange bist du denn schon unterwegs?"
"Seit heute Nachmittag etwa."
"Dann gönn dir ein bisschen Schlaf. In zwei bis drei Stunden mache ich wieder kurz Rast, ich wecke dich, wenn es soweit ist."
"Okay."
Dankbar und plötzlich todmüde klaubte sich Dary das Kissen hinter dem Sitz hervor und machte es sich bequem. Sie war froh auf Grund einer ganzen Handvoll Dinge. Allem voran war sie froh über die Tatsache, dass sie es überhaupt durchgezogen hatte. Sie hatte es getan. Das allererste Mal in ihrem Leben hatte sie etwas völlig Verrücktes getan und das erfüllte sie mit einer Art von rebellischem Stolz. Dann war sie außerdem froh darüber, dass der Anhalter-Trick, den sie bisher nur aus Filmen kannte, wirklich funktionierte und sie jetzt nicht mehr zu Fuß gehen musste. Und zuletzt war sie froh darüber, neben Darleen zu sitzen. Natürlich konnte sie sich noch kein ausreichendes Bild über diesen Menschen machen, aber der erste Eindruck stimmte sie optimistisch. Schließlich wollte Dary keine Freundschaft fürs Leben schließen, sondern nur ein paar Kilometer mitgenommen werden.
Bisher stellte Darleen keine Fragen, zumindest keine, auf die sie eine Antwort erwartete. Darüber war Dary ganz besonders froh, denn wenn sie eines nicht hatte, dann waren das Antworten.
Die Nacht zog gänzlich farblos und trüb an ihnen vorbei, nur durchbrochen von den wenigen Lichtern der anderen Fahrzeuge, die hier auf der Landstraße unterwegs waren. Schon bald hatte sich Dary an den Zigarettenqualm und das konstante, von nichts Anderem unterbrochene Motorengeräusch in Darleens Führerhäuschen gewöhnt. Immer schwerer sank ihr Kopf in das Kissen. Ab und zu sah sie ihr Spiegelbild in der großen Scheibe: Ein müdes, von schwarzem, zerzaustem Haar umrahmtes Gesicht einer Siebzehnjährigen, die einfach mal entschlossen hatte, alles und jeden für unbestimmte Zeit hinter sich zu lassen.
Dary spürte, wie die Anstrengung des Tages in ihre Glieder kroch und ihre Lider wurden schwer. Das letzte, was sie in der Scheibe sah, bevor ihr die Augen zufielen, war das Gesicht einer zierlichen jungen Frau, die ihr totenbleich zulächelte, während ihr eine Träne aus Blut über die Wange rann.
Sie erwachte in dem Moment, in dem der Motor erstarb. Verwirrt und orientierungslos zuckte sie hoch und drohte für einen Augenblick sogar in Panik zu geraten, da sie die Gurte am Sitz zurückhielten; ein Gefühl, als versuche etwas, sie an der Flucht aus ihrem Alptraum zu hindern. Erst der Anblick von Darleen, die gerade ausstieg und sich wieder eine Zigarette ansteckte, brachte sie in die Wirklichkeit zurück.
"Ich geh Zigaretten kaufen", nuschelte Darleen.
Dary wollte etwas sagen, doch der Teil ihres Gehirns, das die Sprache steuerte, befand sich offenbar noch im Halbschlaf. So wischte sie sich stattdessen nur mit dem Handrücken über die Augen, um endgültig wach zu werden. Aber Darleen hatte ohnehin keine Reaktion erwartet. Sie hatte schon längst die Fahrertür wieder hinter sich zugeschlagen und war auf dem Weg zum Raststellenshop.
Dary brachte sich in eine aufrechte Position und streckte die Glieder. Ein unangenehm taubes Gefühl haftete an ihr und sie wusste, dass sie schlecht geträumt hatte, obwohl sie sich nicht bildlich daran erinnerte. Es war noch immer stockdunkel und ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass der Sonnenaufgang noch mindestens zwei Stunden entfernt war. Aber das machte nichts, schließlich hatte es Dary nicht eilig. Das war das Gute daran, etwas ohne Plan und Perspektive zu tun. Man konnte einfach kommen lassen, was kam.
Als Darleen zurückkam, hatte sie nicht nur eine Stange Zigaretten, sondern auch eine Tüte Chips und zwei Flaschen Cola unterm Arm. Dary kletterte hilfsbereit zum Fahrersitz hinüber, um ihr die Tür zu öffnen.
"Danke, Schätzchen", keuchte Darleen und kletterte zurück in den Truck. "Hier, etwas Proviant." Sie reichte ihre Ausbeute ihrem Fahrgast und lächelte gönnerhaft. "Ich dachte, das wäre vielleicht angemessen."
Dary lag etwas wie Das wäre doch nicht nötig gewesen auf der Zunge, allerdings gebot ihr das Magenknurren, das in diesem Moment erklang, still zu sein. Die Chipstüte war geöffnet und zur Hälfte geleert, noch bevor sie wieder auf die Straße aufgefahren waren.
"Wer ist eigentlich Rika?", fragte Darleen und langte zu Dary hinüber, um sich ebenfalls an den Chips gütig zu tun.
Etwas verfing sich in Darys Hals und sie fing unkontrolliert an zu husten. "Ähm, wieso...?", setzte sie an, doch die Chipskrümel in ihrer Luftröhre beließen es bei diesem Versuch.
"Entschuldige. Ich wollte nicht aufdringlich sein", beteuerte Darleen und machte eine zurückhaltende, besorgte Geste. "Ich frage nur, weil du im Schlaf ihren Namen gesagt hast."
Der Husten löste sich endlich, dafür schlug jetzt Darys Herz so schnell, dass sie kaum Luft bekam. Mehrere Sekunden lang sagte sie gar nichts. Zu viele Empfindungen pochten in ihr, als dass sie irgendeinen Gedanken in Worte hätte fassen können.
"Hey, es ist okay, wenn du nicht darüber reden willst", sagte Darleen daraufhin. Sie sah Dary nicht an, sondern blickte starr aus dem Fenster… sie ahnte also, dass sie ein heikles Thema angerissen hatte. "Es geht mich ja nichts an."
Da hatte sie recht. Dary war sich im Klaren darüber, dass sie unfair war, aber in diesem Augenblick lag ein eindeutig unfreundliches Ganz genau in ihren Gedanken. Es ging niemanden etwas an. Nicht einmal ein Zehntel der einhundert Menschen, die auf dem Friedhof gewesen waren, hatte es etwas angegangen. Sie waren trotzdem gekommen. Schaulustige, nichts weiter. Sie wandte den Blick zum Fenster, um die Wut und die aufkommenden Tränen vor Darleen zu verbergen.
"Ist alles in Ordnung mit dir?" Darleen klang ernsthaft besorgt. "Möchtest du, dass ich dich raus lasse?"
"Nein... nein, ist schon okay", winkte Dary ab und zwang sich zu einem Lächeln. "Es ist nur..."
"Schon klar." Darleen verwandelte sich von einer Sekunde auf die nächste wieder in die angenehme LKW-Fahrerin, die keine Antworten wollte. "Wir laufen doch alle vor irgendetwas davon. Das ist ganz allein deine Sache."
Dary sagte nichts und knabberte an ihren Chips. Diese letzten Worte beruhigten sie auf eine angenehme Weise. Das erste Mal in dieser Nacht wurde ihr bewusst, dass sie tatsächlich davonlief, und der Gedanke hatte etwas Belebendes und Aufregendes und erweckte den Rebell in ihr wieder zum Leben.
Darleen stellte nun tatsächlich keine Fragen mehr. Auch wenn Dary ihr ansah, dass sie sich mehr und mehr Gedanken darüber machte, was es mit der jungen Anhalterin auf sich hatte, blieb Darleen in dieser Hinsicht zurückhaltend. Stattdessen begann sie, hemmungslos über sich selbst zu erzählen, und hob Darys Laune schon bald mit ihrer lockeren, derb witzigen Art. Sie lachten und übersäten das Führerhaus mit Chipskrümeln, bis der erste blass rote Schimmer am Himmel auftauchte.
„Ich bin übrigens auch einmal von Zuhause weggelaufen“, erzählte Darleen. Das überraschte Dary nicht sonderlich, nachdem sie sich gerade ausschweifende Geschichten über Alkohol-, Sex- und Drogenexzesse aus Darleens Jugend angehört hatte. „Ich war damals wohl etwa so alt wie du, sechzehn oder siebzehn, ich weiß es nicht mehr.“
„Und?“
„Ich war nur einen Tag lang fort.“ Darleen seufzte. „Meine Eltern hatten mir die Polizei auf die Fersen gehetzt. Aber als die mich fanden, war ich sowieso schon längst wieder freiwillig auf dem Rückweg. Es gehört mehr dazu, auszureißen, als nur seine sieben Sachen zusammenzupacken und zu gehen, weißt du?“
Dary sagte nichts.
„Ich hatte mir zum Beispiel nicht die geringsten Gedanken darüber gemacht, wo ich die Nächte verbringen sollte. Ich hatte nicht genug Geld, um mir irgendwo ein Zimmer zu nehmen. Und schließlich konnte ich auch nicht einfach auf einer Parkbank schlafen… dafür war ich nicht mutig genug. Es war nämlich schon später Herbst.“ Sie lachte herzlich. „In der Hinsicht hast du schon bessere Chancen.“
„Ich habe ein Zelt dabei“, sagte Dary mit dem automatischen Drang, sich zu rechtfertigen und zu zeigen, dass ihr Vorhaben ernsthaft war. „Das dürfte vorerst reichen.“
„Ja, vielleicht. Aber ohne dich jetzt angreifen zu wollen… ich warne dich nur vor. Spätestens nach einer Woche, nämlich wenn du das meiste deines Geldes schon für Essen ausgegeben hast, wenn du Rückenschmerzen bekommst, wenn dir einfällt dass du nach den Ferien wieder zur Schule gehen müsstest und dass deine Eltern sich wahnsinnige Sorgen machen… Dann wird dir auffallen, dass du eigentlich wieder nach Hause möchtest.“
Natürlich spürte Dary den Drang, dem zu widersprechen, das Argument zu bringen, dass sie das Abitur ohnehin nicht bestehen und die Schule bald abbrechen würde, aber ihr Verstand sagte ihr, dass Darleen mit ihren Worten völlig Recht hatte. Dary war sich darüber im Klaren, wie perspektivlos ihr Vorhaben war. Genau aus diesem Grund hatte sie es schließlich getan. „Hast du es bereut?“, fragte sie stattdessen. „Dass du ausgerissen bist?“
„Nein, ganz und gar nicht. Meine Mutter hat mich geohrfeigt, mehr Konsequenzen hatte es nicht.“ Sie senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. „Schon allein die Erfahrung war es wert.“
„Versuchst du deshalb nicht, mich davon abzuhalten?“
Darleen zuckte die Schultern. „Vielleicht.“
Dary war nicht von zu Hause ausgerissen, weil sie besonders rebellisch oder abenteuerlustig war. Ganz im Gegenteil. Die Leute sagten, sie sei schon immer ein ausgesprochen ruhiges Mädchen gewesen, das nie durch ihr Verhalten auffällig geworden war. Um es ganz genau zu nehmen: Dary war so durchschnittlich, wie es jemand überhaupt sein konnte. Ihre Beziehung zu ihren Eltern erschien im Großen und Ganzen so problematisch, wie es für ihr Alter normal war. Sie hatte zwar niemanden, den sie ihre beste Freundin nennen konnte, dafür aber jede Menge Leute, mit denen sie guten Kontakt hatte. Sie war einigermaßen beliebt und auch wenn sie möglicherweise keinen Abiturabschluss bekam, hielt sie sich nicht für unintelligent. Einen Freund hatte sie keinen, und eigentlich hatte sie auch noch nie einen gehabt… aber sie wusste, dass ihr schon mehr als ein Junge nachgeschaut hatte. Sie sagte sich ständig, dass sie zufrieden mit ihrem Aussehen war, leicht neue Kontakte fand und alles in allem ziemlich ausgeglichen lebte.
Es war Rika gewesen, die ihr gezeigt hatte, dass etwas nicht stimmte.
„Du hörst gerne zu“, stellte Darleen nach fast vier Stunden in Gegenwart ihres Fahrgastes fest. „Aber du redest nicht gerade viel.“
„Ich wüsste nicht, worüber.“
Das Schweigen setzte wieder ein. Es gefiel Dary nicht, wie hell es draußen geworden war. Es war sonderbar, aber sie hatte das Gefühl, sich im Tageslicht nicht so sicher fühlen zu können wie zuvor in der Dunkelheit. Aber es nützte nichts, sie hatte Tatendrang und wollte auf keinen Fall länger im LKW sitzen.
„Setzt du mich bitte am nächsten Parkplatz ab?“
„Ganz wie du willst.“
Zwei Minuten später rollte der LKW von der Hauptspur auf einen von dicht stehenden Bäumen umsäumten Rastplatz.
„Sicher, dass du hier raus möchtest?“, fragte Darleen, die Stirn besorgt in Falten gelegt. „Sieht so aus, als gäbe es hier weit und breit keine Stadt.“
„Das macht nichts“, versicherte Dary ihr lächelnd. „Ich bin für alles gerüstet.“
„Na dann, auf Wiedersehen, Ausreißerin. Falls ich dich mal wieder am Straßenrand stehen sehe, werde ich bestimmt wieder anhalten.“
„Danke.“ Dary öffnete ihre Tür und glitt aus dem LKW. Mit einiger Mühe zog sie ihren Rucksack hinterher und hievte ihn sich auf den Rücken. Sie fühlte sich plötzlich so frisch und voller Energie, als wäre sie gerade neu geboren worden. Als sie die Tür zuschlug und Darleen zum Abschied winkte, lag auf Darys Gesicht das Grinsen eines Abenteurers, der gerade einen Blick auf den Schatz am Ende seiner Odyssee geworfen hatte.
Der erste Tag dieser Odyssee würde sehr heiß werden. Die Sonne wanderte ungestört von jeglichen Wolken den Himmel hinauf und Dary konnte sich des Gedankens nicht erwehren, einen gigantischen Suchscheinwerfer auf sich zu spüren. So ungefähr musste man sich als Sträfling auf der Flucht fühlen. Natürlich war es eine spontane Flucht, die sich aus irgendwelchen unglaublichen Zufällen ergeben hatte. Und jetzt musste sich der Sträfling mit nichts anderem als seiner Willenskraft gegen ein ganzes Bataillon aus Verfolgern durchsetzen.
Dieser Vergleich war albern. Dary wusste nicht einmal, ob sie Verfolger hatte. Sie traute ihren Eltern durchaus zu, dass sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um ihr Verschwinden zu bemerken. Als Dary heute Nachmittag das Haus verlassen hatte, waren ihre Eltern gerade dabei gewesen, sich zum ungefähr siebenhundervierundachzigsten Mal gegenseitig all ihre Fehler an den Kopf zu werfen. Sie hatten sich nicht gestritten. Das Wort Streit gefiel Dary nicht, es hörte sich viel zu gewöhnlich an. Einen Streit hatte jeder mal. Wenn sich ein Elternpaar in jeder Sekunde des Zusammenseins gegenseitig nieder machte, dann musste das anders heißen. Man sollte ein Wort dafür erfinden, das dramatischer klang als Streit.
Sie fühlte, wie ihre innere Wut sich in ihrem Kopf festzusetzen begann, und atmete tief ein, um sich wieder davon zu lösen. Was hatte es für einen Sinn, sich über solche Dinge aufzuregen? Wahrscheinlich war es nur eine Phase, die ihre Eltern momentan durchmachten, eine Phase, die jeder ganz schnell vergessen würde, wenn sie erst einmal vorbei war. Darys Eltern waren ein Ehepaar wie jedes andere auch. Wieso also sollte sie sich Sorgen machen? Außerdem war sie von solchen Dingen im Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes meilenweit entfernt.
Es zählte nur das Jetzt und der steinige Untergrund des Weges, dem Dary ins Ungewisse folgte.
Vom Rastplatz aus führte ein schmaler Trampelpfad in den Wald hinein, dessen sattes Junigrün sich jetzt langsam immer dichter über ihrem Kopf zusammenzog. Die Bäume spendeten zwar Schatten, aber das half nur minimal gegen die Hitze. Schon sehr schnell hatte Dary ihr Zeitgefühl verloren. Sie wunderte sich ein wenig, dass der Pfad überhaupt so weit in den Wald hineinführte. Für gewöhnlich dienten diese Pfade nur dazu, den Reisenden, die ein menschliches Bedürfnis verspürten, einen Weg ins Unterholz zu weisen. Doch dieser Weg hatte sich nach den ersten Metern, die durch unappetitliche Müllablagerungen gesäumt waren, zu einem steinigen Untergrund ausgeweitet, den man gut und gerne als Waldweg bezeichnen konnte. Diesen Umstand nahm Dary als Anlass zu der Annahme, dass sie zumindest demnächst nicht querbeet durchs Unterholz stapfen musste.
Irgendwo würde dieser Weg sie schon hinbringen.
Dary hatte schon den ganzen Tag lang bewusst darauf geachtet, nicht auf ihre Umgebung zu achten. Das Resultat davon war, dass sie nicht einmal annähern wusste, wo sie sich gerade befand. Sie hätte nicht einmal mehr sagen können, ob sie sich von dem Punkt aus, an dem Darleen sie abgesetzt hatte, nach Norden, Süden, Osten oder Westen bewegt hatte. Ein Ortsschild war ihr schon seit Stunden nicht mehr begegnet und den Namen auf dem letzten hatte sie vergessen. Diese völlige Orientierungslosigkeit erheiterte sie. Es erweiterte das Gefühl der Freiheit noch mehr und gab ihr gleichzeitig die Gewissheit, jetzt nicht mehr zurück zu können.
Wahrscheinlich würde sie die nächsten Stunden mit diesem Wald vorlieb nehmen müssen… dann warteten vielleicht endlose Getreidefelder auf sie, Kuhweiden und irgendwann vielleicht das nächste Dorf. Dary konnte sich selbst nicht erklären, woher sie die Freude hatte, mit der sie die so ungewisse nahe Zukunft auf sich zukommen ließ. Sie wusste nur, dass es keine Rolle spielte, ob sie eine Stunde, einen Tag oder eine Woche durch diesen Wald laufen musste.
Der innere Wahrheitsgenerator
Ich tat es tatsächlich. Ich ließ mich auf Niccis Angebot ein und blieb bei ihr und David. Wurde ich jetzt zum Schmarotzer? Meine Güte, Nicci hielt tatsächlich auch nach all den Jahren noch immer an unserer Scheinfreundschaft fest und ich war dabei, das schamlos für mich auszunutzen.
Natürlich bereute ich den Entschluss dazubleiben schon während der ersten Stunden. Nicci wuselte so lange im Kinderzimmer herum, bis es eine, wie sie sagte, gebührende Unterkunft mich war. Als ich das Zimmer betrat, glaubte ich, mir würden vor pedantischer Ordnung und Sauberkeit die Augen weggeätzt. Das einzige, was mich in diesem Raum an ein Kinderzimmer erinnerte, war der Teddybär, der mit traurig geneigtem Kopf auf dem Fenstersims saß. Ansonsten hätte es genauso gut auch ein Krankenhauszimmer sein können, nichtssagend und seelenlos. Das Kind tat mir jetzt schon leid.
Niccis strahlendem Blick nach zu urteilen dachte sie anders darüber.
"Ist es nicht wundervoll?", fragte sie und wiegte ihren Bauch, den sie mit beiden Händen umschlossen hielt, hin und her. "Ich kann es kaum erwarten, bis unser kleiner Nachwuchs hier einziehen kann."
Ich beließ es bei einem Lächeln und einem Nicken.
In dieser Nacht schlief ich nicht sehr viel. Ich fühlte mich unwohl und meine Gedanken kreisten immer wieder um die letzten Worte zwischen mir und Arik.
Du hast auch fünf Jahre lang behauptet, dass du mich liebst. Was ist damit?
Das war eine Lüge.
Stimmte das? Hatte ich tatsächlich fünf Jahre meines Lebens damit verbracht, Arik Hauptmann meine Liebe nur vorzuheucheln? Hatte ich fünf Jahre verschwendet, mit einem Mann, den ich nicht liebte? Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen bei diesem Gedanken. Ich wusste die Antwort darauf, und sie gefiel mir nicht. Es war der Dorn tief in meiner Seele und ich hatte Angst, ihn zu bewegen und mir Verletzungen zuzufügen.
Also wälzte ich mich stundenlang in dem nach Waschpulver riechenden Bett hin- und her. Wenn ich für wenige Minuten einschlief, überfielen mich die widersinnigsten Träume. Ich träumte von Schmerzen und von Arik, der als dunkler Schatten über mir war und mich zu Boden drückte, bis ich keine Luft mehr bekam. Ich träumte von schwarzen Dornenranken auf nackter Haut und einem Schemen, der einfach nur dastand, mich vorwurfsvoll ansah und in der Ferne verschwand, für immer unerreichbar.
Ich schmeckte meine eigenen Tränen und wachte davon auf. Überrascht strich ich mir die salzige Feuchtigkeit von den Wangen und betrachtete meine glänzenden Finger. Es war Jahre her, dass ich das letzte Mal geweint hatte, und jetzt schienen meine Tränen aus dem Nichts zu kommen. Oder zumindest aus einem Leben, das zu weit zurücklag, als dass es noch zu mir gehörte.
Etwas in mir, das ganz nah bei meinem Herzen und meiner Seele lag, wand sich vor Schmerzen und ich vergrub schluchzend das Gesicht zwischen meinen Knien. Der Dorn hatte sich gelockert. Verdammt, was war nur mit mir los?
In den letzten Stunden hatte sich das Leben, das ich mir in den letzten fünf Jahren aufgebaut hatte, in Asche und Staub verwandelt. Ich war mir nie darüber bewusst geworden, dass Arik die Säule und das Fundament dieses Lebens darstellte. Jetzt war es mir klar.
Und ich hasste mich dafür, dass ich es soweit hatte kommen lassen.
Ohne jeden Laut zog ich mich an, schlich aus dem Zimmer und trank in der Küche eine Tasse eiskalten Kaffee. Ich hatte zumindest geglaubt, dass ich keine verdächtigen Geräusche von mir gegeben hatte. Trotzdem tauchte nach zehn Minuten Nicci im Türrahmen auf.
"Kannst du nicht schlafen?", fragte sie mit einem fast schon mütterlich besorgten Unterton. Ich sah ihre Augenringe. Ich war nicht die einzige, die heute Nacht keinen Schlaf fand. Das beruhigte mich und ich nickte über den Rand meiner Tasse hinweg.
"Ich auch nicht", gestand Nicci und saß mir sogleich gegenüber. Ihr Blick streifte angeekelt meine Tasse. "Kalten Kaffee? Ich mache uns eine Kanne frischen, wenn du..."
"Nein danke, das muss nicht sein", fiel ich ihr ins Wort. "Ich trinke gerne kalten Kaffee. Er macht wach, weil er so eklig ist."
Nicci lachte, obwohl ich mir sicher war, dass sie mich spätestens jetzt für eine Verrückte hielt.
"Und, was raubt dir den Schlaf?", fragte ich sie. Das interessierte mich wirklich. Jemand, der ein so perfektes Leben führte wie Nicci, sollte doch den Schlaf der Gerechten schlafen.
Sie hob seufzend die Schultern. Das erste Mal überhaupt glaubte ich in ihren Augen zu sehen, dass sie etwas bedrückte. Auch wenn sie es mit dem gleichen sonnigen Lächeln übertönte, das sie immer lächelte. Und im nächsten Augenblick bezweifelte ich schon, etwas Derartiges gesehen zu haben. Nicci sah genauso wunschlos glücklich aus wie immer. "Ach, ich weiß es nicht, wahrscheinlich sind es die Hormone." Sie kicherte kindisch. "Und du? Ist es wegen Arik?"
"Ja. Es ist ein komisches Gefühl."
"Ob er wohl nach dir sucht?"
Ich schnaubte und hob dramatisch die Augenbrauen. "Und ob er nach mir sucht. Wenn er nicht jetzt schon einen Suchtrupp losgeschickt hat, dann macht er das spätestens morgen früh."
Nicci sah mich eindringlich an. "Wenn er dich so stark zurückwill, dann liebt er dich vielleicht wirklich immer noch."
Diese Worte hörten sich an wie aus einem Film mit einem furchtbar kitschigen Happy End. Ich nahm einen Schluck und ließ die bittere Flüssigkeit langsam meine Kehle hinunterfließen, bevor ich antwortete. "Das kann schon sein."
"Und es ist dir egal?", fragte Nicci fast empört.
"Eine Frau in meiner Situation darf herzlos sein", behauptete ich böse lächelnd. "Wenn er mich liebt, hätte er mich nicht betrügen sollen. So einfach ist das."
Nicci wiegte versonnen den Kopf. "Das stimmt natürlich."
Wir schwiegen uns minutenlang an. Draußen vor dem Fenster jagten sich irgendwo lautstark zwei Katzen.
Nein, ich würde ihm nicht verzeihen. Vielleicht, wenn ich ihn geliebt hätte, vielleicht hätte ich dann über diesen einen Fehler hinwegsehen können, irgendwann, ganz vielleicht. Liebe ist schließlich Liebe. Aber ich hatte ihn nie geliebt. Punkt. So war es nun mal. Und eigentlich war es mir schon immer egal gewesen, was er für mich empfand. Jetzt hatte ich endlich den Vorwand, den ich brauchte, um ihn loszuwerden, ohne ihm erklären zu müssen, dass ich schon seit Jahren gehen wollte.
Wow, was Kaffee doch für eine enorme Wirkung auf den inneren Wahrheitsgenerator hatte. Vielleicht würde ich ja tatsächlich mal anfangen, ehrlich zu mir selbst zu sein. Der Gedanke amüsierte mich so sehr, dass ich nur mit Mühe mein sarkastisches Grinsen vor Nicci verbergen konnte.
Und da wusste ich plötzlich, was ich brauchte. Nur, dass ich das hier bei Nicci nicht finden würde.
Ich räusperte mich. "Du... Nicci, entschuldige aber ich brauche noch ein wenig Ablenkung. Hab ich eine Chance, heute Nacht irgendwann hier wieder reinzukommen?"
Sie sah mich verdutzt blinzelnd an. "Was, du willst ausgehen? Jetzt noch? Es ist nach zwei!"
"Und es ist Samstag", fügte ich schulterzuckend hinzu.
Sie schüttelte fassungslos den Kopf, lächelte aber sogleich wieder. "Wie du möchtest. Ich gebe dir einen Ersatzschlüssel, dann kannst du jederzeit wieder herkommen. Aber pass um Himmels Willen auf dich auf, um diese Uhrzeit... Und du bist nicht einmal mit dem Auto unterwegs!"
Ich unterdrückte einen Kommentar, der das Vorhaben, mich gründlich zu besaufen, verraten hätte. "Ich habe genug Geld für ein Taxi, keine Sorge. Sieh du lieber zu, dass du ein bisschen Schlaf findest. Das Baby quängelt bestimmt schon."
Ganz automatisch fuhren Niccis Hände wieder zu ihrem Bauch und auf ihrem Gesicht machte sich so etwas wie Schuldbewusstsein breit. "Du hast recht."
Ich erhob mich, spülte meine Tasse aus (wovon mich Nicci natürlich abhalten wollte, um es selbst zu tun) und sagte abschließend: "Falls ich vor morgen früh nicht zurückkomme, tu mir den Gefallen und ruf nicht die Polizei. Hier, ich gebe dir meine Nummer..." Ich kramte einen abgerissenen Zettel aus meiner Hosentasche, ließ mir von ihr einen Stift geben und notierte meine Handynummer. "Sagen wir, wenn ich morgen um eins noch nicht wieder da bin, kannst du mich anrufen. Vorher geh bitte davon aus, dass alles in Ordnung ist."
Nicci war etwas perplex, dass ich ihrer ausgeprägten Sorge um alles und jeden so vorbeugend entgegenkam. Wahrscheinlich war sie erstaunt, dass ich mich so gut an diesen charakteristischen Wesenszug von ihr erinnern konnte. Aber zu meiner Überraschung erwiderte sie nichts, sondern steckte nur nickend den Zettel ein.
Nur zehn Minuten später befand ich mich, kräftig in die Pedale tretend, auf dem Weg zur nächstbesten Diskothek. Ich war mir nicht ganz sicher, was ich mir eigentlich dabei dachte, aber ich vertraute einfach mal meiner inneren Stimme. Die sagte mir im Moment, dass ich mich abreagieren musste. Und wo ging das wohl besser als bei ohrenbetäubender Musik, berauschten Menschenmassen und jeder Menge Alkohol?
Ich erinnerte mich an eine Diskothek am Stadtrand, in der Arik und ich unseren Einzug in dieser Gegend gefeiert hatten. Der Abend damals war nicht besonders spektakulär gewesen. Arik hatte sich so betrunken, dass ich ihn mehr nach Hause tragen als begleiten und zu guter letzt meine Schuhe von seinem Mageninhalt befreien musste. Ich verscheuchte die Erinnerung. Ob mit unangenehmer Vergangenheit verknüpft oder nicht, ich kannte nun einmal keine andere Disko hier.
Als ich endlich ankam, war es halb drei und der Parkplatz vor dem großen Hallengebäude war schon halb geleert. Der Erfahrung nach waren die meisten Teenager um diese Uhrzeit schon verschwunden, weil sie betrunken oder müde waren oder sie den Zorn der Eltern nicht provozieren wollten. Es war die Zeit der hartgesottenen Säufer, der hyperaktiven Partylöwen, der Alleinstehenden mit dem Wunsch nach einem One-Night-Stand und der Selbstmordgefährdeten.
Ich stellte mein Fahrrad in einer der hintersten Ecke des Parkplatzes ab und lehnte es halb ins Gebüsch, damit es etwas versteckt lag. Insgeheim plante ich bereits, mich der Kategorie der hartgesottenen Säufer anzuschließen und mit einem Taxi nach Hause zu fahren. Mein Fahrrad musste ja nicht die ganze Nacht für jeden betrunkenen Raufbold in unmittelbarer Reichweite sein.
Ich strich Rock und Oberteil glatt, während ich mich dem Eingang näherte. Wahrscheinlich bot ich einen erbärmlichen Anblick, nach allem, was in den letzten Stunden geschehen war, aber es war mir gleichgültig. Ich war ja nicht hier, um einen Schönheitswettbewerb zu bestreiten. Der Türsteher maß mich mit einem Blick, der mir klarmachte, dass ich einen solchen auch mit Sicherheit nicht gewonnen hätte. Zum Glück ließ er mich trotzdem rein.
Am Eingang war niemand mehr, der Eintritt verlangte, nur ein zweiter gelangweilter Türsteher, der kurz davor schien, einfach im Stehen einzuschlafen. Ein erster Blick auf die Tanzfläche verriet, dass noch erstaunlich gute Stimmung herrschte. Der zweitklassige Hip Hop ließ mich die Nase rümpfen, aber man konnte schließlich nicht alles haben.
Ich steuerte die Bar an und nahm auf dem erstbesten freien Hocker platz. Die Blicke derjeniger, die bereits dort saßen und mit ihren Gläsern in der Hand auf die Tanzfläche gafften (es waren selbstverständlich fast nur Männer), ruhten einen Augenblick lang auf mir, als ich mir einen Caipirinha bestellte. Die leicht bekleideten Frauen im Blitzlicht waren aber schon bald wieder viel interessanter. Ich entspannte mich geradezu absurd schnell. Gott war es lange her, dass ich allein ausgegangen war! Oder nein, ich musste das klarstellen- Gott war es lange her, dass ich überhaupt das letzte Mal ausgegangen war! Ich hatte fast vergessen, wie schnell die entrückende und aufputschende Wirkung von Diskolicht und überlauter Musik einsetzte. Und dass Caipirinha so gut schmeckte, hatte ich auch fast vergessen. Ich schlürfte vorsichtig an dem kleinen schwarzen Cocktailstrohhalm und nahm meine Umgebung in genaueren Augenschein.
Das vorherrschende Alter der Anwesenden schien zwischen zwanzig und dreißig zu liegen, der durchschnittliche Promillegehalt mindestens bei 1,5. Bevor mir richtig klar wurde, was ich tat, sah ich mich schon nach attraktiven Männergesichtern um. Alles und jeder, der auch nur im Geringsten eine Ähnlichkeit mit Arik aufwies – ob es nun Haarfarbe, Größe oder Körperbau war – schied im Vornherein bei dieser Selektion aus. Ich musste grinsen, als ich zu dem gleichen Schluss kam, zu dem ich bei solcherlei Auswahlverfahren schon immer gekommen war: Dass die Gutaussehenden immer in Begleitung von ebenso gut aussehenden Damen waren.
Ungefähr eine halbe Stunde saß ich einfach sinnlos herum und nippte an den Resten meines Cocktails. Dann geschah etwas, mit dem ich nun wirklich nicht gerechnet hatte: Ich wurde angesprochen.
„Lust auf einen Orgasmus?“
Dieser Satz löste eine nicht zu verachtende Kettenreaktion aus. Ich drehte mich hochgradig geschockt zu meinem Gegenüber um. Dessen todernster Gesichtsausdruck löste in mir einen so starken Lachreiz aus, dass ich mich an einem Limettenstück meines Caipirinhas verschluckte. Daraufhin musste der Verursacher all des Unglücks natürlich lachen und ich lief puterrot an. Die Limette brannte so fürchterlich in meiner Luftröhre, dass mir die Tränen kamen und der Husten mir jegliche Chancen zum Luftholen nahm. Hinter dem Tränenschleier und dem Rauschen meines eigenen Blutes in den Ohren nahm ich nur halbwegs wahr, wie mein Peiniger eilig ein Glas Wasser für mich orderte. Er drückte es mir in die Hand und lachte dabei immer noch (was ich nicht besonders hilfreich fand). Aber zumindest war er so kollegial, mit seinem Spott zu warten, bis ich das Glas geleert und mich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte.
„Das geht wohl unter die Top Ten der wirkungsvollsten Anmachsprüche aller Zeiten ein.“ Das Grinsen auf dem (wie ich mir beschämt eingestehen musste) ziemlich ansehnlichen Gesicht reichte ungefähr von einem Ohr zum Anderen. Und die Worte waren gar nicht so spöttisch gewesen, wie ich befürchtet hatte. Alle Aggressionen, die sich während meines Hustenanfalls aufgebaut hatten, verpufften. Ich war nur zu einem reichlich dämlichen „Danke für das Wasser“ fähig.
„Ich kann ja nicht zusehen, wie so eine reizende junge Dame erstickt… meinetwegen.“ Obwohl sein Grinsen immer noch ziemlich dreist war, konnte ich in seiner Stimme nicht den geringsten Hauch von Gehässigkeit heraushören. „Ich wollte Ihnen ja eigentlich nur einen Drink anbieten.“
Ich runzelte die Stirn, und dann fiel es mir endlich ein. Mit dem Orgasmus hatte er jenes Kultgetränk gemeint, das man aus Sambuca und Baileys mischte. Oh mein Gott, war ich schon so eingerostet, dass ich auf einen so flachen Trick hereinfiel? Ich fühlte mich ganz furchtbar fehl am Platz. Wahrscheinlich hatten meine Wangen mittlerweile die Farbe eines verglühenden Sterns angenommen.
„Es tut mir wirklich Leid“, murmelte der junge Mann. „Kann ich das irgendwie wieder gut machen?“
Mein Zustand war nach wie vor zu labil, als dass ich sofort zu einer schlagfertigen Antwort fähig gewesen wäre. Stattdessen starrte ich mein Gegenüber einige Augenblicke lang einfach nur an. Zugegeben, das Schicksal hätte mich auch schlimmer treffen können. Bei meiner Männeranalyse wenige Minuten zuvor war mir dieses Exemplar nicht aufgefallen. Ich schätzte ihn auf Siebenundzwanzig. Er überragte mich um etwa eine halbe Kopfeslänge, hatte den schmalen, aber gut trainierten Körperbau eines Südländers und ein von schwarzem Haar umrahmtes Spitzbubengesicht, das ihn gleichzeitig sympathisch, aber auch unberechenbar machte.
Für letzteres Charaktermerkmal konnte ich wohl Garantie nehmen, nach der Art und Weise, wie er mich gerade aus dem Konzept gebracht hatte. Aber ich beschloss, stark zu sein. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit probierte dieser Kerl gerade seine altbewährte Bring-Sie-in-Verlegenheit-Masche an mir aus. Ich atmete einmal tief ein und lachte dann lautlos in mich hinein. Was sollte es schon? Ich war solo und musste auf niemanden mehr Rücksicht nehmen. Da die Frage der Wiedergutmachung noch im Raum stand, sagte ich kurzerhand: „Na ja, eigentlich hätte ich jetzt schon gerne einen Orgasmus.“
Sein Grinsen wurde wieder breiter und seine Augen blitzten wie die eines Raubtiers, das registriert hatte, dass ihm die Beute doch noch nicht entwischt war. Er drehte sich zur Bar um und bestellte zwei Orgasmen. „Mein Name ist übrigens Chris“, sagte er und schwang sich auf den Barhocker neben mir.
„Emily“, log ich.
„Bist du etwa allein hier?“
„Ja“, antwortete ich. „Wieso?“
„Na ja, es ist nicht gerade üblich, dass Frauen zu der Uhrzeit noch allein hier her kommen. Für gewöhnlich machen das nur die gefrusteten Männer, um sich ordentlich einen hinter die Birne zu kippen.“
Unsere Orgasmen kamen, und ich versuchte so entrüstet wie möglich darüber auszusehen, dass er so etwas nur Männern zutraute. „Dann bin ich wohl eine Ausnahme.“
Chris prostete mir zu. „Es gibt doch sicherlich keinen Grund, gefrustet zu sein.“
„Hast du eine Ahnung.“
Wir nahmen gleichzeitig einen Schluck von unserem Teufelszeug. Ich hatte irgendwie erwartet, dass es nicht ganz so stark wäre, aber ich korrigierte meine Vorstellung von diesem Getränk, während meine Kehle unangenehm brannte.
„Der erste Orgasmus ist immer der beste“, kommentierte Chris meinen wohl viel sagenden Gesichtsausdruck.
Das fand ich jetzt doch ziemlich flach, unterdrückte jedoch einen entsprechenden Kommentar.
Er räusperte sich. „Willst du dich nicht rüber zu mir und meinen Freunden setzen?“ Mit einer Kopfbewegung deutete er zu den Sitzgruppen am Rand der Tanzfläche, wo wenige Meter von uns entfernt ein halbes Dutzend in Blitzlicht gehüllte Gestalten saßen. Sie unterhielten sich lautstark und lachten, allerdings fiel mir auch auf, dass einige von ihnen hin und wieder feixend zu Chris und mir hinüber sahen. „In Gesellschaft löst sich Frust viel besser auf, garantiert.“
Ich fand den Vorschlag nicht übel, ich fand Chris nicht übel und ich fand das Kribbeln, das der Drink in mir auslöste, nicht übel, also nahmen wir unsere Getränke und begaben uns hinüber zu Chris’ Freunden. Sie begrüßten mich überschwänglich und rückten näher zusammen, um für uns Platz zu machen. Die gesellige Runde bestand aus vier Männern in Chris’ Alter und zwei jungen Frauen, die ständig die Köpfe zusammen gesteckt hatten und albern kicherten.
Kein Zurück mehr
Dary war sich nicht sicher, ob sie im Kreis ging oder es wirklich seit Stunden keine Spur von Zivilisation gegeben hatte.
Es musste mittlerweile früher Nachmittag sein (Da Dary weder Uhr noch Handy bei sich trug, konnte sie es nicht genau sagen). Noch immer wechselten sich dichte Waldstücke mit weitläufigen, zugewachsenen Feldern und Wiesen ab. Ganz offensichtlich wurde die Gegend schon seit einiger Zeit nicht mehr landwirtschaftlich genutzt. Ein Hof oder gar ein Dorf war ihr bisher nicht begegnet.
Sie war, ganz wie es aussah, im Niemandsland gelandet. Nicht, dass sie das gestört hätte.
Das einzige, was sie störte, war ihr Hunger. Jedoch wäre es ihr stümperhaft vorgekommen, einfach ihren Proviant auszupacken und etwas zu essen. Nein, sie würde sich einen schönen Platz suchen, ihre Decke und alle Habseligkeiten ausbreiten und in aller Ruhe Picknicken.
Die Hitze ließ ihr mittlerweile Reiserucksack mitsamt T-Shirt am Rücken kleben. Es war also das Beste, sich in den Schatten der Bäume zu schlagen, die sich rechts von ihr zu einem großen Waldstück sammelten. Jetzt musste sie nur noch einen Weg finden, der in den Wald hineinführte. Dary folgte den Spuren, die die Räder schwerer landwirtschaftlicher Maschinen irgendwann mal in den schlecht angelegten Kiesweg gegraben hatten, und hielt Ausschau.
Nach einem halben Kilometer vergeblicher Suche knurrte ihr Magen ein ungeduldiges sei's drum.
Dary blieb stehen, sah den Wald herausfordernd an, atmete einmal tief ein und stapfte einfach drauf los.
Es war schwieriger, als sie erwartet hatte. Der Boden war nicht nur schrecklich uneben und tückisch, schon nach mehreren Metern wurde das Geäst auch so dicht, dass sie sich ständig ducken oder über im Weg liegende und hängende Äste und Baumstämme klettern musste. Aber überraschender Weise machte es ziemlich Spaß. Sie ignorierte die Kratzer, die die zurückschlagenden Äste auf ihren Armen und in ihrem Gesicht hinterließen, und schlug sich tapfer weiter in den Wald hinein.
Der Boden wurde immer abschüssiger und bald schon ging es steil abwärts. Sie bekam ein flaues Gefühl und kletterte wieder ein Stück nach oben, um nicht abzurutschen und einen Sturz zu riskieren. Nach wenigen Schritten hatte sie ihr Gleichgewicht wieder gefunden und fühlte sich einigermaßen sicher auf den Beinen. Alles, was ihr jetzt noch fehlte, dachte sie und grinste, war eine Machete, mit der sie sich wie Indiana Jones durch die Wildnis hacken konnte. Hatte Indiana Jones sich je mit einer Machete durch den Wald gehackt? Sie erinnerte sich nicht… aber es spielte auch keine Rolle.
