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Yaffa, ein jüdisches Mädchen, wird 1946 in einem Flüchtlingslager in Österreich geboren. Unter vielen Widerständen gelangt die Familie nach Palästina, wo das Mädchen inmitten der ersten schwierigen Jahre des Staates Israels aufwächst. Nach vielen Schicksalsschlägen wandert Yaffa mit 14 zu ihrer Mutter nach Amerika aus, wo sie auf recht abenteuerliche Weise zum Glauben an Christus kommt und beginnt, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.
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Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Yaffa McPherson
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In Israel wird ein gebürtiger Israeli als Sabra (Kaktusfeige) bezeichnet. Die in Israel geborene Person wird mit den besonderen Merkmalen der Kaktusfrucht verglichen: eine stachelige äußere Schale und ein weicher Kern. Da Israel in seinen ersten Jahren als Staat wenige gebürtige Israelis hatte, wurde anfänglich jedes Kind, welches seine ersten Worte in Israel sprach und seine ersten Schritte in Israel tat, ebenfalls als gebürtiger Israeli angesehen. Deshalb wurde ich als Sabra bezeichnet.
Copyright © Grafik vorderer Umschlag Yaffa McPherson
Copyright © Foto hinterer Umschlag Ken McPherson
Kapitel 1 Erste Erinnerungen
Kapitel 2 Wo ist Yaffa?
Kapitel 3 Seltsame Freundschaft
Kapitel 4 Kaffee, Brot und Malerei
Kapitel 5 Erste Entdeckung
Kapitel 6 Gott ist keine Maus
Kapitel 7 Bat Mitzwa
Kapitel 8 Was nun, Gott?
Kapitel 9 Kinderheim
Kapitel 10 Yaffa, die Geschichtenerzählerin
Kapitel 11 Sollen wir unser Land aufgeben?
Kapitel 12 Kein Zurück
Kapitel 13 Amerika, wir kommen!
Kapitel 14 Englisch statt Französisch
Kapitel 15 Jesus - Nein danke!
Kapitel 16 High School
Kapitel 17 Hoffnung
Kapitel 18 Gottes Familie
Kapitel 19 Erste Schritte mit Gott
Kapitel 20 Zweite Entdeckung
Kapitel 21 Befreit
Um die Identität der genannten Personen zu schützen, wurden einige Namen geändert.
Ich wache in meinem wackeligen Kinderbett auf, das in der Ecke des einzigen Raumes einer Bretterbude steht, und entdecke, dass ich allein bin. Anders als sonst sind die Fensterläden geschlossen. In dem halbdunklen Raum finden dünne silberne Lichtstrahlen ihren Weg durch die Lücken zweier gebrochener Holzbretter. Ich stehe im Kinderbett und starre auf die silbernen Lichtstrahlen, während ich in der leeren Stille warte und warte. Da keiner nach Hause kommt, fange ich an zu weinen. Dann schreie ich: „Großmutter! Groß-mu-tter!“ Stunde um Stunde - sitzen, stehen, liegen und dann wieder auf meinen Beinen - ich schreie ununterbrochen: „Groß-mu-tter!...“ Keine Antwort. Meine Stimme wird schwach. Ich höre auf zu schreien, um zu schluchzen. Kaum davon erholt, schreie ich wieder. Immer noch kommt niemand.
Nach einiger Zeit durchzieht mich Panik und als letzte Rettung schreie ich lauter, in der Hoffnung, von draußen gehört zu werden. Mit meiner letzten Kraft schreie ich ununterbrochen, flehend um die Gegenwart von irgendjemanden, aber vergebens. Die silbernen Lichtstrahlen verschwinden. Ich döse, wache dann auf und schreie, bis mir vor Angst schwindelig wird.
Mein Hals tut weh; mein Körper ist schwach. Die dicken Lagen von Lumpen, die ich als Windeln trage, sind schwer und nass. Ich suche nach einer trockenen Stelle auf meiner Matratze. Mein ganzer Körper juckt und sticht. Ich bin zu ängstlich und zu müde, um aus dem Kinderbett zu klettern. Immer nasser und hungriger schreie ich bis zur totalen Erschöpfung. Silberne Lichtstrahlen erscheinen und verschwinden wieder. Aufwachen... Schreien... Dösen... Immer noch kommt niemand. Aufwachen, Schreien, dann wieder Dösen. - Ich erreiche den Punkt, an dem mir alles egal wird. Schwächer und immer schwächer - ich will einfach nur noch meine Augen schließen.
Plötzlich werde ich durch das Krachen der aufbrechenden Tür aus dem Schlaf gerissen. Ein Polizist stürzt herein. Großmutter kommt herein, Vater gleich hinter ihr. Mit neuer Kraft strecke ich mich aus nach Trost, aber niemand kommt. Die einzigen Worte, die ich höre, sind die Proteste meiner Großmutter gegenüber den Polizisten. Die einzige Berührung, die ich an meinem nassen Körper fühle, ist der eisige Luftzug von der aufgebrochenen Tür.
Als das alles passierte, war ich noch nicht ganz drei Jahre alt und an die darauffolgende, skandalöse Scheidung kann ich mich kaum erinnern. Die wiederholten Albträume des Verlassenseins überschatteten sie. Neben den verheerenden Folgen dieser Krise musste ich auch noch die Erklärungen meiner Großmutter ertragen, warum das alles passiert war: „Deine lügende, egoistische Mutter hat dich für drei Tage ganz allein gelassen. Wer weiß, was noch alles passiert wäre, hätte ich dich nicht gerettet!“ Enttäuscht über meine Mutter war ich meiner Großmutter dankbar und glücklich über die Scheidung.
Ich erinnere mich daran, wie boshaft die Nachbarn mich verurteilt und gehänselt haben. Damals war eine Scheidung eine seltene Sache unter den Juden - eine Schande, die Ausgrenzung verdiente.
Zu der Zeit lebten wir in der kleinen Stadt Yaffo, der biblischen Hafenstadt Joppe. Wir waren 1947 dorthin von Europa eingewandert, ein Jahr bevor Israel wieder eine Nation wurde. Ich war damals ein Säugling. Betreffend meiner Mutter kann ich mich nicht daran erinnern, dass sie jemals bei uns gelebt hat, obwohl das schon so gewesen war.
Schon bevor meine Großmutter den Haushalt übernahm, diente mein Vater in der israelischen Marine und war selten zu Hause. Seine Abwesenheit machte meine Verzweiflung noch schlimmer. Großmutter bot keinen Trost für Vaters Abwesenheit. Stattdessen war sie ganz und gar intolerant gegenüber mir und meinem pausenlosen Geplapper. Sehr oft schickte sie mich einfach weg. Anfangs, wenn sie das tat, flüchtete ich zu meinem Asphaltplatz, die Straße. Dort beobachtete ich die Menschen - Araber und Juden - wie sie an unserem Haus vorbeigingen. Es gab keinen anderen Platz zu dem ich hätte gehen können, wenn Großmutter mir den Aufenthalt in unserer Ein-Zimmer-Wohnung verbot. Wenn sie in diesem Gemütszustand war, war zu Hause nicht mein Zuhause. Schließlich wagte ich mich hinaus, barfuß und in schlecht passender Kleidung, um mit arabischen Kindern in unseren Slums zu spielen. Unsere Straße führte herunter zu dem schlammigen, verlassenen Hafen, und wenn ich mich reckte, konnte ich in der Ferne das Mittelmeer sehen. Ich vermied es, in diese Richtung zu gehen, weil mir das Meer Angst machte. Lieber ging ich den Berg hinauf zum Spielen. Das einzige, was ich zum Spielen hatte, ob drinnen oder draußen, waren meine Gedanken. Nachzudenken wurde zum dominierenden Zeitvertreib in meinem Leben.
Ich war erst vier, als Großmutter sich entschloss, mich in die Schule zu schicken. Von der Vorstellung allein bekam ich schon Angst. Hätte sie mich nicht so erbarmungslos an meinem knochigen Arm festgehalten, als sie mich eines Tages zur Schule brachte, wäre ich sofort wieder zurück nach Hause gerannt. Ein strenger Blick der Schulsekretärin genügte, mich zu brechen. Das löste bei mir einen meilenweiten emotionalen Rückzug aus. Immer noch unfähig, mich aus Großmutter’s Griff zu befreien, duckte ich mich
„Darf ich bitte Geburtsurkunde sehen?“ fragte sie in gebrochenem Deutsch, nachdem Großmutter sich entschuldigte, dass sie nicht Hebräisch sprechen konnte.
„Es tut mir leid, wir sind einfach noch nicht dazu gekommen, eine von Deutschland anzufordern. Sie können sicherlich verstehen, dass ich nicht die Nerven dazu hatte, nach all dem, was ich durchgemacht hatte. Wir haben extra keine Geburtsurkunde bei uns gehabt, nachdem Yaffa geboren wurde. Wir planten unsere illegale Flucht und wir hatten sie deshalb versteckt.“
Mein persönliches Dilemma war zweifach. Seit Großmutter übernahm, hatte ich Deutsch aufgeschnappt, die Sprache, in der sie zu Hause mit Vater sprach. Man dachte, ich könnte nur Ungarisch. Von meiner geistigen Entwicklung her war ich meinen Emotionen weit voraus und verstand für mein eigenes Wohl viel zu viel.
Weil ein Nachweis für mein Alter fehlte, spürte man sofort eine Voreingenommenheit zwischen der offensichtlich in Israel geborenen, jungen Sekretärin und meiner ungeduldigen, europäischen Großmutter, die sich so seltsam verhielt. Die Spannung in ihren Stimmen machten mir Angst. Als Großmutter beide Hände brauchte, um wild zu Gestikulieren, nutzte ich diese Gelegenheit sofort. Augenblicklich schlich ich mich fort und setzte mich in einer entfernten Ecke auf den Boden. Mit dem Daumen im Mund hörte ich konzentriert zu, als die Sekretärin mit unterdrückter Aufregung sprach.
„Wir können Ihre Beteuerung, dass sie fünf ist, nicht akzeptieren“, betonte die Sekretärin. „Schauen Sie nur - ihr Verhalten - wie eine Zweijährige. Sie würde Schwierigkeiten mit anderen Kinder haben. Vielleicht nächstes Jahr...“
„Nein!” Großmutter schlug auf den Tisch, „Ich will, dass sie jetzt in die Schule geht!”
Ich zog meinen Daumen aus meinem Mund und duckte mich
„Aber ohne Dokumente kann sie keine öffentliche Schule besuchen. Vor dem Gesetz existiert sie gar nicht. Wir helfen Ihnen gerne, die Urkunde anzufordern, wenn sie uns .. einen Augenblick bitte ... gehen Sie bitte nicht weg ...“
Großmutter riss mich aus der Ecke und ich schlitterte hinter ihr durch die Tür, während ich die grausamen Kommentare der Sekretärin immer noch in meinem Kopf verarbeitete. Wie niederschmetternd es war, dass ich wie eine Zweijährige erschien, obwohl ich, anders als von Großmutter angegeben, noch nicht ganz fünf war.
Ich hatte bis jetzt nicht gewusst, wie schnell sie gehen konnte. Wir rannten den Hügel hinab, während ihre Finger sich in meinen Arm gruben. Angst ergriff mein Herz, als ich rannte, ab und zu springend, um mitzukommen. Obwohl ich meine Beine kaum noch bewegen konnte, wagte ich es nicht, meine Schritte zu verlangsamen, aus Angst, sonst wie eine Stoffpuppe am Boden mitgezogen zu werden. Sie würde nicht für mich langsamer werden. Wohin sie mich auch immer brachte, sie war in furchtbarer Eile, dorthin zu kommen.
Der Hafen! Wie konnte sie nur? Ich brach in Tränen aus und starrte auf die Wellen, die genauso wütend waren, wie Großmutter. Entkommen war unmöglich. Mein Ende ist gekommen... Ich schloss meine Augen.
Großmutters schweres, keuchendes Atmen machte sie endlich langsamer, aber stoppte sie nicht. Stattdessen riss sie ruckartig an meinem schmerzenden Arm und wir bogen in eine Seitenstraße ein. Ich tauchte wieder aus meinen niedergeschlagenen Gedanken auf und kam dankbar zu dem Schluss, dass sie mich nicht ins Meer werfen würde. In nächsten Moment merkte ich, wie ich durch die Türen eines seltsamen, schmuddeligen Büros ging. Eine Nonne in Schwarz saß hinter einem alten, ramponierten Schreibtisch. Sie grüßte uns mit einem schweigenden, frommen Nicken.
Die arabischen Nachbarskinder hatten mir schon von dem Kloster erzählt, wo es spukte, und ich fürchtete mich ganz furchtbar vor diesen Nonnen. Wir Kinder, sowohl Araber als auch Juden, hielten abergläubisch Abstand von diesen gefürchteten „Wesen“. Weil man keine Hände, keine Füße und keinen Hals sehen konnte, sah ihr bedeckter Kopf so aus, als sei er nicht am Körper befestigt. Für uns waren sie Geister. Ihre blassweißen Gesichter schienen über der Masse der schwarzen Kleidung zu schweben. Wir Kinder mit braunen Gesichtern forderten uns gegenseitig zur Mutprobe heraus, sie zumindest aus der Ferne zu beobachten. Danach rannten wir mit pochendem Herzen nach Hause.
Ein Schauer ging durch meinen kleinen Körper, als ich Großmutter in einer fremden Sprache sprechen hörte.
Sie will mich bei diesen gespenstischen Nonnen lassen und ich werde nie wieder nach Hause zurückkehren können.
Als nächstes wurde ich zu einem muffigen Raum mit grünen Wänden am Ende einer langen Treppe nach unten geführt. Dort starrte mich ein anderes blassweißes Gesicht an. Zum ersten Mal sah ich, das es Augen, Nase und Mund hatte. Der Mund öffnete sich und das „Wesen“ sprach mit mir. Starr vor Angst preßte ich meine Lippen aufeinander, meine Augen suchten nach Großmutter... Sie war verschwunden.
Weinend wehrte ich mich gegen jegliche Berührung des „Wesens“, so dass ich in die Richtung vorwärtsstolperte, in die es mich trieb. Wir betraten einen kerkerhaften Klassenraum. Würde ich am Ende auch wie ein Gespenst aussehen? Das fragte ich mich, als ich einen Platz zugewiesen bekam und mir ein Buch ausgehändigt wurde.
Erst am Nachmittag, als ich wieder nach Hause geschickt wurde, verstand ich, dass ich in der Kloster-Schule angemeldet worden war. Großmutter sagte nicht ein Wort über die Schule, als ich zu Hause ankam. Und ich auch nicht. Ihr Schweigen gab mir lautstark die Botschaft, dass sie ihre Meinung nicht ändern würde.
Unvorstellbar! Ein katholisches Grundstück zu betreten galt bei den meisten Juden als eine schwerwiegende Sünde. Für die arabischen (muslimischen) Kinder galt es als Fluch und für mich als grausame Strafe. Für meine Großmutter, die weder für Religion noch für mich Verständnis hatte, war es ein perfektes Mittel zur Rache. Es machte ihr weder etwas aus, dass ich, wie zu erwarten, das einzige jüdische Kind dort war, noch, was für eine Doppelmoral es für mich darstellen würde.
Ich war mir sicher, dass Vater niemals eine nicht-jüdische Schule in Betracht gezogen hätte. Er sagte gewöhnlich zu meinem älteren Bruder Mischa: „Schäme dich niemals, dass du Jude bist.“ Wie heuchlerisch ich mich jeden Tag auf dem Weg zur Schule auch fühlen mochte, hatte ich doch Angst, mich bei Großmutter zu beklagen. Es war ihr doch völlig egal, wie ich mich fühlte.
Bittere Ängste waren meine täglichen Begleiter zum gefürchteten Kloster. Obwohl mein Bruder mich jeden Morgen dorthin brachte, durfte er nicht weiter als bis zur Pforte mitkommen. Großmutter ging niemals wieder mit mir dorthin, und das war auch gut so. Ich schauderte immer noch bei dem Gedanken an ihren schmerzhaften Griff und ihre Ablehnung an jenem ersten Tag. Und jetzt war die scheinbar endlose Treppe abwärts zur Schule eine lange, einsame Reise. Jeder Tag war eine Qual.
Weil ich am Anfang nur sehr wenig Französisch sprach, kam ich in der Schule nicht mit. Die Konsequenz war tägliche Bestrafung.
„Yaffa, lies die Geschichte der Kuh laut vor“, befahl mir die Lehrerin eines Tages auf Französisch.
Alle Augen auf mich gerichtet, schaute ich nur auf mein Buch, gelähmt vor Angst und unfähig, Französisch zu lesen.
„Allez, Allez!“ (Mach schon!) sagte sie ungeduldig mit erhobener Stimme, „wir müssen mit dem Unterricht weitermachen ...“
Ich konnte es nicht ertragen, ihr die Genugtuung zu geben, mich für meine fehlende Fähigkeit vor der gesamten Klasse bloßzustellen, die sowieso schon kurz davor war, zu lachen. Deshalb schwieg ich.
Großmutter konnte fließend Französisch, sodass die Nonne annahm, ich könnte es auch. Das meiste der Geschichte war in meinem Gedächtnis eingegraben, weil die Nonne es schon laut vorgelesen hatte. Hätte ich mich nicht vor der Nonne gefürchtet, hätte ich es ihr einfach nachmachen können. Ich fand die Geschichte sowieso kindisch mit einer Überschrift wie „La Mu Mu”.
„Du musst in der Klasse laut sprechen, kleines jüdisches Mädchen, oder für deinen Ungehorsam bestraft werden!“
Meine Angst vor der Bestrafung war um Haaresbreite kleiner als meine Angst, laut zu sprechen. Ärgerlich nahm ich mir vor, dass von diesem Tag an niemand meine Stimme hören würde, vor allem nicht die Nonnen mit den blassen Gesichtern. Der Teufelskreis begann. Wegen meines „Ungehorsams“ schlugen sie die Fingerknöchel meiner Hände mit einem Lineal. Wegen dem Schmerz, den sie mir zufügten und wegen der Demütigung, die sie verursachten, gab ich auch nicht ein einziges Mal nach. Auch als ich später mehr Französisch verstehen konnte, hat niemand davon jemals erfahren! Damit Großmutter nicht die täglichen Bestrafungen noch verschlimmern würde, vermied ich es sogar, meinem Bruder davon zu erzählen, zu dem ich sonst großes Vertrauen hatte.
An einem wolkigen Morgen, als ich begleitet von meinem Bruder und unserem Hund Tomi am Kloster ankam, bat ich Mischa zu warten, bis ich außer Sicht wäre. Als ich die Hälfte der Treppe hinabgestiegen war, merkte ich, dass ich kein Taschentuch in meiner Hosentasche trug. Ich drehte mich in Panik zu Mischa um, der stürmisch eines durch die Luft schwenkte und rief: „Großmutter hat es aus Versehen in meine Tasche getan!“ Die Konsequenzen jagten mir Angst ein. Es war streng verboten, ohne ein Taschentuch zu dieser Schule zu kommen. Ich wußte, dass es zu spät war, die Treppe wieder hinaufzulaufen, denn ich wurde von einer Nonne beobachtet und erwartet.
Absichtlich verlangsamte ich meine Geschwindigkeit und ging die Treppe weiter hinunter. Jede Stufe bedeutete schlimmere Strafe für mich, während ich peinlich genau darauf achtete, nicht in die Augen der Nonne zu blicken. Sie schüttelte ihren Kopf so stark, wie sie in ihrer Tracht und Haube konnte, und sprach mich an, als ich die letzte Stufe hinabstieg.
„Mademoiselle Yaffa“, plätscherte sie in Französisch, „schau nicht so ängstlich. Ich sah deinen Bruder mit dem Taschentuch winken. Keine Strafe für dich dieses Mal, aber ich warne dich: Ein Taschentuch in der Hand eines anderen werde ich nicht noch einmal als deines betrachten. Allez, lasst uns tun, was wir müssen.“
„Was wir müssen“, beinhaltete das Ritual des Toilettenganges in einem der zwei Außentoiletten, die wie eine Beleidigung im Hof standen. Es war verboten, das Klassenzimmer zu diesem Zweck nachfolgend zu verlassen. Die Gefahr, in die Gruben der Außentoiletten zu fallen, machte die Hilfe der Nonnen nötig. Aber auch schon im Alter von vier Jahren war es demütigend, vor den anderen Mädchen der Reihe nach samt Unterhose ausgezogen zu werden.
Das getan, mussten wir uns ehrerbietig vor der lebensgroßen Statue der Maria verbeugen, die in der Mitte dieses riesigen Hofes stand. Dann mussten wir mit unserer Hand ein Kreuz auf unserer kleinen Brust schlagen. Dieses brachte ich mechanisch hinter mich. Ich würde mich nicht ernsthaft vor einem „Götzenbild“ verbeugen. Danach marschierten wir in einer Reihe rechts an der Statue vorbei weiter nach hinten in den Hof und in die Klassenräume. Die Schule war im Keller untergebracht, weshalb es überall muffig roch.
„Bonjour mes enfants,” (Guten Morgen, meine Kinder) begann die Nonne mit der formalen, gezwungenen Süße. Den Moment, den sie den Klassenraum betrat, standen wir steif.
„Bonjour ma Mère,” (Guten Morgen, meine Mutter) sagten wir im Chor, fast spottend. Danach durften wir auf langen Bänken sitzen, die an langen Tischen angebracht waren. Drei dieser Bank-Tische standen in jeder Reihe nebeneinander, wobei sie die Länge und Breite des überfüllten Klassenraumes versperrten. Die Bänke hatten eine ungemütlich geformte Rückenlehne, die für Erwachsene gemacht worden sein musste.
Kaum hatten wir uns hingesetzt, wurde uns befohlen, uns umzudrehen und auf diesen harten, abgerundeten Bänken zu knien und dabei zur Rückwand zu sehen. Zu der Statue eines gekreuzigten Mannes mußten wir gemeinsam ein Gebet sprechen. Seinen Namen weigerte ich mich auszusprechen, womit ich mir Strafpunkte einhandelte. Vater hätte meinen jüdischen Stolz gut gefunden, sagte ich zu mir selbst, während ich ständig nach vorne rutschte und meine knochigen Knie an der Rückseite der Bank anschlug. Ich schaffte es nie, bequem zu sitzen, und wenn ich rutschte, dachte man, ich würde während des Gebets zappeln. Auch dafür wurde ich bestraft.
Während der Pausen stand ich abseits und schaute traurig meinen Klassenkameraden beim Spiel zu.
„Siehst du den kleinen, jüdischen Zwerg dort drüben?“ Der auf mich zeigende Finger eines großen Mädchens ließ in mir das Bedürfnis wachsen, nach Hause zu laufen.
„Ich frage mich, ob sie sprechen kann. Ich habe noch nie gesehen, wie sie ihren Mund aufgemacht hat“, spottete ein anderes Mädchen.
Und ich werde es auch nicht tun! versprach ich mir selbst.
Das wurde eine tägliche Routine, mit fast dem gleichen Gespräch zwischen den gleichen zwei Mädchen, so dass ich es mir schon jedes Mal vorstellte, wenn ich aus dem Klassenraum trat. Fast jeden Tag wurde ich zum Weinen gebracht, sowohl von Kindern auf dem Pausenhof, als auch von Lehrern in der Klasse. Das ist der Grund, weshalb ich im Alter von fünf Jahren die Stufen hinunter zur „Kerker-Schule“ als meine persönliche Hölle empfand.
Verfolgt als Jüdin in einem jüdischenLand, das war einfach nicht typisch im Leben einer Israeli. Auf jeden Fall war es keine Erfahrung, die man erwartete. Aber dann war ich weder typische Israeli, noch führte ich ein typisch israelisches Leben.
Obwohl Vater noch bei der Marine war, waren wir in unser erstes Haus aus Stein gezogen, das wir mit zwei anderen ungarisch-jüdischen Familien teilten. Das eine war ein kinderloses Ehepaar, die Hermans. Sie liebten mich über alles, aber wegen Großmutter unterließen sie es, mir zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn Großmutter mich ertappte, wie ich mit ihnen plapperte, beendete ihr Stirnrunzeln die Unterhaltung. Die andere Familie hatte ein Mädchen in etwa meinem Alter, die Lisa hieß, und meine einzige Freundin wurde. Gut, denn Großmutter war immer beschäftigt oder sprach mit unseren Nachbarn, die im Haus wohnten. Oft hatte sie einen Nervenzusammenbruch und drehte sich ohne jegliche Vorwarnung zu mir um und schlug auf mich ein. Ich lernte, ihr aus dem Weg zu gehen, wenn sie schlechte Laune hatte. Unzählige Male verließ ich das Haus und streifte durch die Straßen. Natürlich gab es sehr viel, was mich dort beschäftigt hielt.
Eine angenehme Abwechslung war ein Besuch bei einer arabischen Frau in unserer Straße, die Wolle spann, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Täglich ließ sie mich ihr in ihrem mit Steinen geplasterten Hof bei der Arbeit zuschauen. Ein anderes routinemäßiges Ausflugsziel war das Haus der Eierfrau. Wie ein Welpe folgte ich ihr rein und raus, wenn sie ihren von Pferden gezogenen Wagen belud. Arabische Händler zogen mit Pferde- oder Eselskarren durch die ganze Stadt und verkauften dabei ihre Waren.
An heißen Sommertagen folgte ich oft einem Wagen, der mit eisgekühlten Wassermelonen oder Kaktusfeigen beladen war. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, während ich den Kunden zuschaute, wie sie Melonen aussuchten und probierten und sie dann mitnahmen.
Wenn aber ein Wagen mit Kaktusfeigen beladen war, hielt der Händler diese ungewöhnlich kleine Frucht mit Handschuhen und bearbeitete sie blitzschnell mit einem beängstigend großen, scharfen Messer. Ich schaute mit Staunen zu, wie er erst die eine Seite, dann die andere abschlug, ohne sich dabei in die Hand zu schneiden. Als nächstes schlitzte er die Schale von einem Ende zum anderen auf und brach die Frucht geschickt auseinander, so dass der Kunde die rote, saftige Frucht herausnehmen konnte. Wenn der Händler zu lange zögerte, musste er teuer dafür bezahlen, weil die winzigen Dornen dieser kleinen, widerspenstigen Frucht durch seine dicken Handschuhe drangen. Oh, wie ich mich danach sehnte, an der Stelle des Kunden zu sein, weil die Kaktusfeigen meine Lieblingsfrüchte waren.
Auch ein in Israel geborener Jude wird Sabra (Kaktusfeige) genannt. Der in Israel Geborene wird mit den unverwechselbaren Charaktereigenschaften dieser Kaktusfrucht verglichen: ein stacheliges Äußeres, aber ein weiches Herz. Da Israel in den ersten Jahren seiner Existenz eine einheimische Bevölkerung brauchte, entstand ein ungeschriebenes Gesetz, dass jedes jüdische Kind, welches seine ersten Worte in Israel spricht, und seine ersten Schritte dort macht, ein Einheimischer sei. Ich galt als eine Sabra.
Die Bezeichnung Sabra wird mit Stolz getragen, mit fast genau dem gleichen Stolz wie das jüdische Erbe. Während ich mit täglichen Vorwürfen wegen meiner geschiedenen Eltern, unserer Armut und meiner Klosterschule leben musste, war ich glücklich darüber, als eine Einheimische zu gelten. Mischa, der sechs Jahre älter als ich war, hatte dieses Privileg nicht.
Mischa war plötzlich mehr mit der Schule und seinen eigenen Aktivitäten beschäftigt, sodass ich weniger von ihm zu sehen bekam. Ohne ihn war es schwierig für mich, weil er der einzige Ältere war, zu dem ich eine Beziehung hatte. Bis dahin war Mischa Spielkamerad, Bruder, Vater und Lehrer gewesen, alles in einer Person, und ich war gewohnt, mit ihm überall hin zu gehen. Jetzt wurde ich ein peinlicher Schatten in der Gegenwart seiner Freunde. Nach der Schule wurde ich angewiesen, mich selbst zu beschäftigen.
Total verzweifelt über meine Lebensumstände beschloss ich, wegzulaufen. Als ich einen Tag vom Kloster nach Hause kam, packte ich die Hand meiner Freundin und befahl: „Komm mit Lisa, wir machen einen langen Spaziergang.“
„Wir machen doch jeden Tag einen Spaziergang“, antwortete sie etwas erstaunt.
„Dieses Mal ist es anders, weil wir nicht zurückkommen. Ich hasse es hier, und wenn du meine Freundin bist, kommst du mit.“
Unsere Straße war nur etwa acht Blöcke lang, und der aufsteigende Hang dahinter endete mit einer hohen Steinmauer. Ein langer Spaziergang war unmöglich. Täglich gingen wir diese kurze Straße entlang und machten oft Pausen auf dem Weg. Aber für unseren heutigen Spaziergang stellte die Mauer ein Hindernis dar, und dies ließ uns nur eine einzige Wahl.
Lisa war sich nicht über meinen Plan, über die Mauer zu klettern, bewusst. Ich hoffte, sie würde den Vorschlag machen. Mein Hinweis sollte es ihr leicht machen, aber sie verstand meine Bemerkung über den „langen“ Spaziergang nicht.
„Wo können wir jetzt weitergehen? Ich darf nicht auf den anderen Straßen gehen“, jammerte sie.
„Niemand hat jemals gesagt, wir dürften nicht über die Mauer klettern“, sagte ich, wobei ich wusste, dass meine Aussage irreführend war. „Bist du nicht neugierig, was auf der anderen Seite ist?“ lockte ich.
„Ja schon, aber wie?“
„Wir schaffen das, Lisa. Ich kann wirklich gut auf Bäume klettern. Ich habe es von meinem Bruder gelernt.“
„Ich wünschte, dein Bruder wäre hier, um uns zu zeigen, wie man über diese Mauer klettert.“
„Ich werde es dir zeigen“, sagte ich mutig, und abgesehen von Lisas Feigheit und ein oder zwei Kratzern klappte es prima.
Auf der anderen Seite erwartete uns eine felsige Fläche mit ein paar Bäumen. Wir marschierten mutig über das Feld, noch bevor uns klar wurde, dass wir auf eine andere Stadt zugingen. Wir ahnten nicht, dass die Stadt Tel-Aviv war, die größte Stadt Israels. Diese Mauer war die Grenze zwischen Yaffo und Tel-Aviv.
„Ich will nicht mehr weitergehen. Können wir nicht hierbleiben? Ich habe Angst“, protestierte Lisa, während sie sich nervös nach allen Seiten umschaute.
„Na gut, lass uns erst Mal auf diesen Felsen sitzen“, stimmte ich zu und bemühte mich, dass sie nicht meinen schwindenen Mut bemerkte. So lange jemand anderes Angst hatte, konnte ich Tapferkeit vortäuschen.
Wir plauderten und spielten, um den Mut nicht zu verlieren, ohne ein Gefühl für Zeit oder die Sorge, die unsere Abwesenheit erzeugte. Als die Sonne unterging, knurrte nicht nur Lisas Magen, sondern auch sie selbst war knurrig: „Wenn du nicht mehr nach Hause gehen wolltest, wieso hast du dann nichts zu essen mitgebracht?!“
„Ich konnte es nicht. Wir hatten nichts außer Mehl und diese furchtbare Pulvermilch. Ich weiss, dass Großmutter sie für das Abendessen nehmen wollte.“
„Hast du keinen Hunger?“ fragte sie mit einem Zittern in ihrer Stimme. Die kalte Abendluft begann zu stechen.
“Nein”, sagte ich trocken, „ich bin froh von zu Hause weg zu sein und morgen nicht in die Schule zu müssen.“
Zu dieser Zeit hatte Großmutter die umliegenden Straßen wieder und wieder abgesucht, und jeden angehalten, der ihr über den Weg lief. In ihrer Verzweifelung riss Großmutter einen Mann am Arm, der an ihr vorbeiging, und schrie: „Yaffa, wo ist Yaffa?“ Sie war fast schon hysterisch.
„Hören Sie auf zu schreien, Sie Verrückte, Sie sind in Yaffo“, antwortete der Mann, als er seinen Arm aus ihrem Griff befreite.
“Nein, nein“, protestierte Großmutter und zeigte auf den Boden, ”Nicht dieses Yaffa; meine Yaffa!”
Da sie hebräische Wörter nicht richtig aussprechen konnte, hörte sich Großmutters „Yaffa“ mit einem „a“ und ihr „Yaffo“ mit einem „o“ für jeden, der sie hörte, gleich an.
Es kam ihr nicht in den Sinn, dass solche kleinen Mädchen wie wir über die Steinmauer klettern könnten, sodass sie in ihrer Verzweiflung die Polizei rief, die auch vergebens suchte.
Jene Nacht ging vorüber. Am nächsten Tag konnte die Polizei nach Befragung der arabischen Nachbarschaft in Yaffo unsere Besuche bei mehreren Händlern in unserer Nachbarschaft nachverfolgen. Da diese zu unserer täglichen Routine gehörten, hatte sich niemand etwas Ungewöhnliches dabei gedacht. Nun hatte die Polizei keine andere Wahl mehr, als selbst über die Mauer zu klettern, weil das ganze, kleine Yaffo durchsucht worden war. Dort fanden uns zwei Polizisten fest schlafend an die Mauer gedrückt.
„Ich habe noch nie solche törichte Rücksichtslosigkeit gesehen!“ schimpfte Großmutter, als wir schließlich nach Hause gebracht worden waren. „Kannst du dir vorstellen, was ich wegen dir mitgemacht habe? Du wirst nie wieder über die Mauer klettern, hast du verstanden?“
Sprachlos und ängstlich wegen des Eingriffs der Polizei nickte ich nur wie gewöhnlich, denn ich hatte es hier nicht mehr mit meiner feigen Freundin Lisa zu tun, sondern mit meiner autoritären, ärgerlichen Großmutter. Die Strafe, die ich bekam, fand ich ungerechtfertigt, wenn man meine Umstände bedachte. Aber weil ich niemals respektlos mit Älteren sprach, unterdrückte ich meine Qual. Am nächsten Morgen war ich gezwungen, zur Schule zu gehen, und Großmutter kündigte für meine Rückkehr zusätzliche Strafe an. Ihr Ziel war, zu verhindern, dass ich nicht nach der Schule verschwand. Wie verlockend es war, nicht wieder nach Hause zu kommen!
Während der starken Prügel nach der Rückkehr aus der Schule war ich mir unter Tränen darüber bewusst, dass die Hände, die mich straften, für die Verzweiflung verantwortlich waren, die mich zum Weglaufen getrieben hatte.
Genau wie ich zuerst befürchtet hatte, mieden mich mehr und mehr arabische Kinder aus der Nachbarschaft und zogen mich damit auf, dass ich „den Geister-Wesen beigetreten“ sei. Mit Ausnahme der Eltern von Lisa, die mit uns in einem Haus leben mussten, wiesen auch viele jüdische Eltern aus der Nachbarschaft ihre Kinder an, sich von mir fernzuhalten. Jetzt war ich nicht nur ein grässliches Produkt einer Scheidung, sondern noch viel schlimmer - ein „Christ“. Die ständigen hetzerischen Bemerkungen über mich ließen den Stachel der Ablehnung so alltäglich für mich werden, wie der Klang meines Namens. Aber die Alltäglichkeit machte es nicht weniger schmerzhaft. Auch dieses konnte ich niemandem anvertrauen. Unfair und unerträglich wie es auch schien, duldete ich die Schmerzen allein.
Es war der Tag des Umzugs. Unsere Familie würde ab jetzt in einer großen Stadt leben. Vater war aus der Marine entlassen und würde seine Fähigkeiten als Künstler benutzen und damit versuchen, die Familie zu ernähren. In der schönen Hafenstadt Haifa wartete unsere neue Bleibe - wieder ein Steinhaus. Es war besser als das in Yaffo, aber es befand sich wieder in dem arabischen Viertel der Stadt. Früher einmal war es ein militärisches Verwaltungsgebäude der Engländer gewesen, was nun aber in einzelne Wohnungen aufgeteilt worden war.
Wir hatten von jetzt an zwei Räume für uns allein. Ein Raum diente als Familien-Schlafzimmer, der andere für alle anderen Zwecke. Vater und Mischa trennten ein Drittel des Allzweckraumes durch einen Vorhang ab. Hinter den Vorhang stellten wir unseren Kühlschrank, einen Tisch mit zwei Kerosinbrennern zum Kochen und eine alte Porzellanvitrine. Ein kleines Waschbecken war gegenüber des Kühlschranks angebracht. Zwei große, runde Emailleschüsseln, die unter dem Tisch gelagert wurden, vervollständigten unsere „Küche“. Eine war zum Geschirr spülen, die andere für uns zum Waschen.
Die Toilette mussten wir mit der einzigen anderen jüdischen Familie in dem dreistöckigen Haus teilen. Die übrigen Bewohner waren Araber. Zuerst war das schwierig für uns, weil wir bis dahin noch nie mit Arabern im gleichen Gebäude gewohnt hatten.
Der Umzugstag war ein denkwürdiges Ereignis. Wir kamen am Nachmittag mit unserer spärlichen Habe an, stellten uns in einer Reihe auf, und marschierten, jeder mit einem Arm voll im Gänsemarsch durch die gewaltige Tür. Bevor wir die letzten zehn Treppenstufen, die zu unserer Wohnung führten, erreichten, wurde mir unangenehm bewusst, dass wir beobachtet wurden. Zu meiner Linken schielend, nahm ich kurz sieben glatzköpfige, arabische Kinder und Jugendliche von verschiedener Größe wahr, die in einer Reihe dort standen. Mit stechenden, ärgerlichen Blicken standen sie auf einem Innenhof ein halbes Stockwerk unter uns. Der Rest unserer Familie konnte ein solch „herzliches“ Willkommen kaum übersehen.
