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Der Bauernjunge Yag ist ein Liebhaber von Geschichten, die ihn an andere Orte tragen. Kein Wunder: Ntho, seine Heimat, ist ein winziges Dorf, isoliert durch die Herrschaft der Shel', Echsenmenschen aus der mächtigen Stadt Ushrilh. Gemeinsam mit seinen Freunden Yi und Di und dem alten Gärtner Tax begibt er sich in Spielen und Erzählungen an ferne Orte und träumt von der Rotgewandeten, einer Göttin, die am Nimmerfaden wohnt. Doch mit dem Verlust seiner Freunde wandelt sich auch das Antlitz seiner Heimat. Einen Ausweg aus dem Würgegriff von Ntho findet er in einem seltsamen Fremden, der im Verbotenen Wald lebt, sich 'Ulisses' nennen lässt und eine geheime Mission verfolgt.
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Seitenzahl: 518
Veröffentlichungsjahr: 2020
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„Der Weg lebt“ – sagt der alte Tax. Mein Weg des Schreibens endet nicht mit der Fertigstellung dieses Romans im Jahr 2020 – wichtiger jedoch: Er hat nicht erst 2012 begonnen, als ich begann, den ersten Entwurf dieses Romans zu Papier zu bringen.
Ich kann aus meiner Familie, ob meinen lieben Eltern (eure Wertschätzung für Bücher und einen schönen Garten) oder Geschwistern, meinen Großmüttern und Großvätern und Onkeln und Tanten, niemandem nicht danken, denn sie haben diesen Weg und mich zu dem gemacht, als der ich diese 700.000 Zeichen geschrieben habe. Ihr sollt immer wissen, wie sehr ich euch liebe und wie wichtig es mir ist, euch stolz zu machen.
In diesem Buch geht es um Unterricht – und ich komme nicht umhin, zwei Lehrerinnen zu danken, die mir auf ihre eigene Weise auf diesem Weg geholfen haben: Frau Hasenohr, meine Klassenlehrerin in der Grundschule, die mich meine ersten, kleinen Geschichten vor der Klasse vorlesen ließ, und Frau Wagener, die in der Oberstufe nicht nur meine Faszination für die Gesellschaftswissenschaften weckte, sondern mir Struktur beibrachte und in den vielen Jahren seit meinem Abitur eine Ansprechpartnerin geblieben ist.
Ich schulde all den lieben Freunden Dank, die in ihrer wertvollen Freizeit meine frühen Entwürfe gelesen und mich in meinem Größenwahn unterstützt haben.
Außerdem verdanke ich Melanie Hössel eine gesunde, kritische Reflexion meiner Handlungsstränge (ohne dich hätte ich das Buch wohl nicht in Kapitel eingeteilt!), Professor Michael Janda, dessen Institut für Indogermanistik immer eine Oase der Inspiration an der WWU Münster gewesen ist, verdanke ich einen unerschöpflichen Fundus an Mythologie, und ohne den verlegerischen Sachverstand von Thomas Kubo sähe dieses Buch wohl aus wie eine Erstsemester-Hausarbeit!
Texte: © Copyright by Blaustein Umschlaggestaltung: © Copyright by Blaustein
Verlag
Blaustein c/o AutorenServices.de Birkenallee 24 36037 Fulda
Hersteller: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Anno 1009 post Christum natum
Kairos schüttelte sich. Der Wind war eisig. Zwei Jahre waren ins Land gegangen, seit er seine Heimat zum letzten Mal gesehen hatte; vor gerade einmal zwei Monaten war er einem grausamen Tod im Barbarenland entronnen; Zwei Tage waren vergangen, seit die swanetischen Hirten ihn und seinen Begleiter verlassen hatten und zu ihren Leuten zurückgekehrt waren. Die Ehrfurcht – oder war es Mitleid? – war ihnen förmlich aus dem Gesicht gesprungen. Der junge Mann wusste jedoch selbst, wie verwegen die Reise war, die er mit seinem mehrere Jahrzehnte älteren Gefährten angetreten hatte: Den Strobilos –oder „Tausend Berg“, wie sie ihn hier nannten – wollte dieser besteigen. Seit heute Morgen kämpften sie sich eben diesen Berg hinauf, und doch wollte der verschlossene Alte, der sich Kairos einst mit dem Namen Iagos vorstellt hatte, nicht damit herausrücken, was er hier, fernab jeder Menschenseele, zu finden gedachte. Immerhin beteuerte er bei jeder Rast, dass sie nie und nimmer einen der beiden Gipfel würden erklimmen müssen. Ein schwacher Trost: Sie befanden sich auf dem höchsten Berg des Kaukasus! Unwillig stemmte er sich gegen die Steigung des Pfades, den Iagos einschlug, und der eigentlich diesen Namen nicht verdiente; Das raue Herbstwetter hielt eisern dagegen. Der Himmel war wolkenverhangen und vor zwei Stunden hatte es nach Regen ausgesehen – es war beim allmächtigen Gott weder die Jahreszeit noch das Wetter, um zu zweit mit lächerlichen Kurzschwertern bewaffnet durch Barbarenland zu wandern! Doch Kairos schuldete dem Alten einen Gefallen, genau genommen sein Leben: Ohne ihn würde sein Schädel irgendwo auf einem Pfahl in der Steppe nördlich des Kaukasus stecken und wehmütig gen Süden starren.
Kairos kam aus ärmlichen Verhältnissen, war ein anständiger armer Schlucker gewesen. Seine gute Mutter hatte ihm stets eingebläut: „Armut ist keine Ausrede für Unrecht und Reichtum kein Freischein!“ Nur einmal, da hatte ihm ein hübsches Mädchen namens Epifania den Kopf verdreht: Der Duft ihrer glänzend schwarzen Locken machte ihn betrunken, wenn er nur an sie dachte, ihr helles, klares Lachen verschaffte ihm Träume von Engeln und der Gottesgebärerin – und ihre abgründigen großen braunen Augen ließen in ihm den Glauben an Hexerei aufflammen. Dieser Erscheinung wollte er etwas bieten. Vielleicht war Liebe ja eine bessere Ausrede für Diebstahl, vielleicht auch nicht. Genau einmal hatte Kairos seine Grundsätze missachtet und die Hände nach einer hübschen Perlenkette ausgestreckt. Und genau dieses eine Mal hatte man ihn erwischt.
Anstelle von Auspeitschungen, Knüppelhieben oder gar Verstümmelungen jedoch erhielt der junge Mann eine Vorladung zum Strategos von Trapezunt! Ob er ein gläubiger Mann war, hatte der hochgewachsene byzantinische General ihn gefragt. Kairos bejahte dies eifrig, beteuerte unter frommen Tränen seine Reue und die Einmaligkeit seines Vergehens. Da erklärte ihm der Strategos mit mildem Lächeln, er werde ihm einen Auftrag erteilen, um seine Reue vor dem Allmächtigen zu bekunden: Kairos solle als Kundschafter im Königreich des umtriebigen Bagrat II. von Armeniakon Neuigkeiten sammeln über dessen Pläne, über dessen Unterstützung durch die Bevölkerung, und anschließend bei aller gebotenen Vorsicht auch Erkundungen in der Steppe nördlich des Kaukasus anstellen. Käme er zurück mit wertvollen Neuigkeiten, wäre nicht nur sein Verbrechen gesühnt – er würde sogar zum Akriten erhoben, einem Grenzsoldaten mit eigenem Stück Land! Dass der Glanz dieses Titels längst abblätterte, dass das versprochene Land mager und winzig noch obendrein war, das bekam er von wohlmeinenden Freunden zu hören, wann immer er es wagte, von seinem Auftrag zu erzählen. Doch Kairos hielt an seinem Plan fest, aus naiver Hoffnung auf etwas Glück vielleicht, oder einem unbestimmten Gefühl, dass der Allmächtige selbst ihn auf diesen Weg geschickt hatte. Rückblickend war er sich nicht mehr so sicher.
Nun, Kairos brach vor zwei Jahren auf, bahnte sich, von Abasgia am Schwarzen Meer ausgehend, seinen Weg ins Landesinnere, häufte sorgfältig und gewissenhaft Informationen in seinem Kopf an. Allabendlich sagte er diese vorm Einschlafen auf – denn schreiben hatte er nie gelernt und seine rudimentären Lesekenntnisse brachten ihm damit auch nichts. Den verstohlenen Blicken junger Frauen widerstand er tapfer – eine kleine Ikone der Gottesgebärerin, eine Gabe des Strategos, war das einzige Weibsbild, welchem er in dieser Zeit bisweilen sein Herz öffnete. Er hatte aufregende Gerüchte aufgeschnappt von den Ambitionen des abchasischen Herrschers. Mit wachsender Aufregung musste Kairos seine kühnen Hoffnungen niederringen, je mehr wichtige Neuigkeiten er aufschnappte.
Schließlich jedoch musste er miterleben, wie Bagrat II. sich zum König der Könige ernannte und nun Bagrat III. hieß. Was er bis dahin als geheime Neuigkeiten angehäuft hatte, wurde so auf einen Schlag offiziell und wäre bis zu seiner Rückkehr in Trapezunt längst altes Gewäsch.
Kairos knurrte unwillig bei dem Gedanken daran. „Rasten?“ Iagos war stehen geblieben und brüllte gegen das Pfeifen des Windes an. Der junge Soldat schüttelte den Kopf. Vor dem Alten würde er sich keine Blöße geben. Das erwies sich jedoch als echte Herausforderung. Iagos legte eine stramme Marschgeschwindigkeit vor – und schien nicht aus der Puste zu kommen. Irgendetwas musste ihm schier unerschöpfliche Energie verleihen, die Iagos jeglichen Witterungen und Gefahren trotzen ließ. Darauf angesprochen, was das sei, hatte Iagos nur leise erwidert: „Morgenrot.“ Danach hatte er stundenlang geschwiegen – und Kairos betete inständig, dass der Alte die Strapazen dieser Reise nicht für einen letzten Sonnenaufgang in schwindelerregender Höhe auf sich nahm. Kairos hakte dennoch nicht nach, denn Ehrenschuld war Ehrenschuld.
Frustriert über den Fehlschlag seines ersten Auftrages, bahnte sich der junge Mann seinen Weg in chasarisches Territorium, das Land zahlreicher barbarischer Stämme und marodierender Reiter. Doch schon als die Sonne zum zweiten Mal zur Mittagszeit über dem Kaukasus stand, fiel er – allem Ehrgeiz zum Trotz ein grüner Junge – einer Gruppe finster drein schauender Reiter in die Hände. Kairos verstand kein einziges Wort ihrer kehligen Sprache, sie verstanden ihn nicht – oder wollten ihn nicht verstehen. Stattdessen plünderten sie sein Gepäck und ließen ihn geknebelt am Rande ihres Zeltlagers liegen – unter freiem Himmel. Während die Barbaren sich zu rauen Gesängen und dem Klang fremdartiger Instrumente betranken, machte Kairos Bekanntschaft mit dem alten Iagos. Dessen Zelt war nur wenige Schritte weit von Kairos erbärmlichem Nachtlager entfernt. Der Flammenkegel des Lagerfeuers streckte sich zum finsteren Nachthimmel aus, als der Gefangene in einem kleinen Zelt ein blaues Licht bemerkte. Ein göttliches Zeichen, dachte er, und schrie und stöhnte so laut, wie er es durch seine speichelgetränkten Knebel nur vermochte. Sofort verschwand das Licht – und eine Gestalt verließ mit hektischen Schritten das kleine Zelt.
Iagos hatte sich bei den Kriegern als Zauberer, Traumdeuter und Wahrsager verdingt, als Dolmetscher, Fährtenleser und Schatzsucher, erfuhr Kairos später. Just in dieser Nacht schien der Alte der rauen Gesellschaft der Barbaren jedoch überdrüssig geworden zu sein – oder in Kairos den rechtschaffenen, frommen Rhomäer erkannt zu haben, dessen Wert jeden Mann in diesem Lager zehnfach aufwog. Was es auch war: Eben noch in zerfetzten Lumpen frierend im Dreck liegend, fand sich Kairos einen Wimpernschlag später auf dem warmen, sattellosen Rücken eines Pferdes wieder, neben ihm reitend der Alte mit einem gewaltigen Rucksack. Bald schon erstickte der Hufdonner die Wutschreie aus dem Zeltlager. Das Schnauben der kräftigen Tiere erfüllte ganz die Dunkelheit, weder der Alte noch Kairos sprachen ein Wort.
Erst, als sie zur Mittagszeit des neuen Tages ihren Gewaltritt beendeten, stellte Kairos fest, dass der Alte fließend Koine sprach, so sauber wie die Vornehmsten aus Konstantinopolis. Und doch sah Iagos weder wie ein Oströmer aus noch wie einer der Barbaren – zwar trug er einen ansehnlichen Bart, doch war sein ganzes Erscheinungsbild zu wild und ungepflegt, zu fremdartig die vielfach geflickten Kleidungsstücke und die Gegenstände, die an Schnüren von seinem Rucksack baumelten. Seine starken Wangenknochen und sein breiter Mund hoben ihn selbst von jenen berittenen Kriegern ab – die nun, wie Iagos mit schalkhaftem Blick bei ihrem ersten gemeinsamen Mahl erklärte, nicht mehr beritten waren. Von dem Alten erfuhr Kairos nun auch viel Wissenswertes über dieses Barbarenland, etwa, dass jene Krieger sich Kiptschaks nannten und auf der Suche nach Land für ihr Volk waren. Der junge Römer hatte sein Leben – und endlich „wertvolle Neuigkeiten“, die ihm keiner mehr nehmen würde!
Kairos hielt inne. Nicht zum ersten Mal auf ihrer Reise betrachtete der alte Iagos seine rätselhafte schwarze Scheibe. „Was sagt Euch das Astrolabium? Wie weit ist es noch?“ fragte der Römer. Iagos schwieg sich über das wundersame Objekt aus, daher hatte Kairos es Astrolabium getauft – nach jenem metallischen Navigationsinstrument, das er einmal bei einem reichen Kaufmann gesehen hatte.
„Ich bin dem Ziel zum Greifen nah“, erklärte Iagos mit feierlicher Stimme. Kairos runzelte argwöhnisch die Stirn. Iagos fuhr fort: „Dort hinter dem Hügel befindet sich die Schwelle zu meiner weiteren Reise.“ Der Alte dreht durch. Kairos schluckte hastig ein hartes Stück Brot hinunter. „Ihr sagt ‚Ich‘, ‚meine Reise‘…“, bemerkte er. Der Alte lächelte geheimnisvoll. Etwas unbeholfen breitete er die Arme aus und drückte den verdutzten Kairos an seine in vier Schichten Stoff verpackte Brust. „Ich danke dir für dein Geleit, junger Freund. Du magst es nicht glauben, aber du hast mir damit einen größeren Dienst erwiesen als ich dir. Ja, ich wäre lieber tot, als diesen Pfad nicht vollenden zu können, der vor mir liegt.“
Kairos löste sich aus der Umarmung und musterte seinen Begleiter irritiert. „Bei dem allmächtigen Vater-“, beteuerte er, „hier trennen sich unsere Wege nicht! Eher sterbe ich nachträglich den Tod, vor dem ihr mir bewahrt habt, als Euch, meinen Retter, dem Erfrieren in der Wildnis auszuliefern!“ Ein unergründlicher Ausdruck huschte über das Gesicht des alten Iagos. „Du bist ein anständiger Kerl“, befand er. „Dein Gesalbter, oder wer auch immer dafür zuständig ist, soll dir ewiges Leben schenken – nein, kein gütiger Gott würde solch ein Geschenk machen. Möge er dein sterbliches Leben vor Glück überquellen lassen!“ Iagos klopfte dem jungen Mann auf die Schulter. „Wenn du mich weiterhin begleiten willst, will ich es dir nicht verbieten! Aber lass mich kurz austreten – wir hätten vorhin an diesem kleinen Bächlein rasten sollen…“ Erleichtert ließ Kairos sich auf einem Felsbrocken nieder, kramte ein weiteres Stück Brot aus seinem Gepäck und wartete geduldig auf Iagos. Erst jetzt fiel ihm auf, welche Höhen sie bereits erklommen hatten: Im Westen erstreckten sich unter unverändert grauem Himmel die Täler und Berge des Kaukasus. Hier also hatte Ethon dem erbarmungswürdigen Prometheus die stets nachwachsende Leber aus der Brust gerissen – hierhin führte Iagos rätselhafte Scheibe sie. Kairos lachte in sich hinein. Wozu brauchte ihn der Alte überhaupt? Immerhin war er schon mit den Barbaren gut fertig geworden – da würde er doch sicher nicht vor den Geschichten zurückschrecken, die man sich über Gebirgsvölker wie die Swanen erzählte? Nein, dafür war der alte Iagos zu gerissen… Kairos sprang auf. Wo war das Gepäck seines Begleiters? „Austreten?“ rief Kairos ungläubig. Der junge Mann warf sich seinen Rucksack über und rannte bergauf, „Iagos!“ rufend, „Freund!“
Keuchend erreichte Kairos die Hochebene, die Iagos zweifellos gemeint hatte. „Freund!“ Sein letzter Ruf erstarb im Heulen des Windes. Dann erblickte er den Alten. Er stand auf einem Felsvorsprung und sah hinab in den tödlichen Abgrund. „Hodegetria…“ murmelte der Römer und trat vorsichtig an den Felsvorsprung heran.
„Erinnerst du dich?“ sagte Iagos plötzlich. Hatte er ihn kommen gehört? „Du hast dich über deinen Namen beschwert. Wie unpassend er sei…“ Kairos zog eine leidvolle Grimasse. Sein Name bedeutete so viel wie „der entscheidende Moment“. Wie oft in den vergangenen Jahren hatte er sein bisheriges Schicksal daran gemessen und es für einen grausamen Witz des gütigen Allmächtigen gehalten? „Zu gut“, erwiderte er. Iagos dachte immer noch nicht daran, sich zu Kairos umzudrehen. „Für das, was deine Augen gleich sehen werden, ist in deinem Leben kein Platz, wenn du glücklich sein willst.“ Die Stimme des Zauberers, Wahrsagers und Traumdeuters, des Schatzsuchers, Fährtenlesers und Dolmetschers war auf unerklärliche Weise entrückt. Das Alter von zwölf Greisen schien aus ihr zu sprechen, die Last eines Berges, die Qualen jenes Titanen, dessen Leber jahrtausendelang den Raubvögeln Nahrung war; ebenso jedoch die Sorglosigkeit eines Kindes beim Spiel. Kairos lief ein Schauer über den Rücken.
„Mein lieber Freund Kairos“, fuhr Iagos fort. „Mein Kairos ist nun gekommen. Bete zu deinem Allmächtigen, dass ich ihn nicht verpasse! Du wirst es an den Felsen dort unten erkennen, wenn deine Gebete kein Gehör gefunden haben… Ich verlasse dich als Freund. Lebe wohl!“
Bevor der arme Kairos begriff, wie ihm geschah, war der Alte schon gesprungen. Stumm, fassungslos fiel er auf die Knie, robbte an den Abgrund, starrte hinab. Da rauschte sein Lebensretter in den sicheren Tod! Eine Träne rann über Kairos Wange und stürzte dem Alten hinterher. Der junge Mann aus Trapezunt wischte sich mit seinem Handschuh über das Gesicht. Als er wieder hinab schaute, war Iagos verschwunden. Nicht hingen seine zertrümmerten Gebeine von den Felsbrocken, nicht ragte sein Körper aus dem garstigen Gestrüpp dazwischen – verschwunden war er, mit Haut und Haar und seinem gewaltigen Rucksack.
Zwei Stunden lang kauerte der arme Soldat an jenem Felsvorsprung, betete, rieb sich die Augen wund und rief den Namen seines Freundes. Doch seine Worte verhallten ungehört. Schließlich verdunkelte sich das Himmelsgrau, Eiseskälte kroch aus den Felsen in seine Knie. Niedergeschmettert trat Kairos die Heimreise an. Wohlbehalten erreichte er später Trapezunt, erstattete dem verblüfften Strategos Bericht, wurde mit einem kargen, aber doch ausreichenden Stück Grenzland versehen, heiratete eine hübsche junge Frau und wurde ein glücklicher Vater. Im Strudel der dahinfließenden Zeit verblasste die Erinnerung an seine denkwürdige Reise zum Tausendberg. Manchmal gewann der Gedanke in ihm Oberhand, er habe das alles nur geträumt. Erst, als er selbst ergraut war und seinen Enkelkindern wild ausgeschmückte Geschichten über seine Abenteuer als Kundschafter erzählte, kehrte Farbe zurück in die Bilder von damals – die Flucht unterm Sternenhimmel des Barbarenlandes, ihr Aufenthalt bei den Stämmen des Kaukasus, schließlich ihre letzte gemeinsame Reise. Immer häufiger kam es dann vor, dass Kairos, sooft er sein Landgut verließ und bei seiner Familie in Trapezunt einkehrte, am Ufer des Schwarzen Meeres stand und nur das Wasser betrachtete. Dann nahm er einen Stein, der ihm geeignet schien, wartete auf den entscheidenden Moment – und warf ihn in das schimmernde Blau. Er sah zu, wie der Stein die dunkle Wand durchbrach und in die Tiefe sank. Manchmal, selten, fragte er sich, hinter welcher Wand sein seltsamer Freund wohl verschwunden sein mochte – denn ein Engel des Allmächtigen war er gewiss nicht gewesen. Dann ging Kairos, der Römer, glücklich heim. Alles in allem hatte er im Leben doch eine Menge Glück gehabt.
Der Vorabend des Roten Festes war angebrochen und eine nie gekannte Unruhe hatte mich ergriffen. Alles nur wegen eines dummen Bechers, sagte ich zu mir selbst, doch es hatte keinen Zweck: Der Djekani, der heute Mittag in Stücke gesprungen war, war eben nicht irgendein Becher, sondern mein eigener, nur für mich von Hand geschnitzter Holzbecher, die Gabe für jeden jungen Nek, der das sechzehnte Lebensjahr erreichte. Mit dem Djekani übernahmen die jungen Männer meines Dorfes gleichzeitig die Dienstpflichten eines erwachsenen Mannes; Diese Ehre war mir vor einem halben Jahr zuteil geworden.
„Yag aus Ntho“ - so stand es geschnitzt in das dunkle Holz meines Djekani, einen Fingerbreit unter dem Becherrand. Taglex, unser Zimmerer und das jüngste Mitglied des Ältestenrats, hatte ihn angefertigt, wie für die meisten anderen Burschen. Doch nicht nur mein Name zierte die Oberfläche meines Bechers. Wie es Brauch war in Ntho, zeigte er auch mich in meiner Festtagskleidung. Fünf grobe braune Streifen deuteten mein dunkelblondes, wild wachsendes Haar an. Meine Augen war zwei schwarze Pünktchen in einem runden, heiteren Gesicht. So stand ich da, über die Umzäunung unseres Dorfes gelehnt – „und möge dir dein jugendliches Abbild auch im Greisenalter noch Freude bereiten!“ So hatte unser Dorfältester es feierlich vor den Göttern erbeten, „Möge er dir jede Stärkung bereithalten, die du brauchst, um deiner Familie und der Gemeinschaft zu dienen!“ Und wie Mutter und Vater mit feuchten Augen an meinem Festtag hinter mir gestanden hatten, so umgab mich meine kleine Familie auch auf dem Djekani: Links war eine Frau in einem schlichten Kleid zu erkennen, mit einer schmucklosen Schleife an der rechten Hüfte zusammengebunden, wie es sich für eine verheiratete Frau gehörte. Mutter sah aus wie jede andere Frau auf Abbildungen dieser Art, doch ich wusste, dass sie es war. Bei Vater hatte Taglex immerhin die Körperfülle berücksichtigt: Zu meiner Rechten stand er, die linke Hand auf meiner Schulter, in der Rechten hatte er einmal eine Pfeife getragen, doch die war schon nach einer Woche abgebrochen. Ich hatte keine Geschwister. Mutter und Vater hatten mich erst spät bekommen. Manche Familien Nthos waren sehr kinderreich, doch wann immer jemand mir Geschwisterlein wünschte, winkten meine Eltern ab. Sie erzählten dann von den schweren Gründungsjahren der Siedlung, von den fünf harten Wintern, die ihnen so viele Entbehrungen abgenötigt hatten: „Wir sind schon froh, dass wir nur einen gesunden Sohn haben, der noch dazu das Mannesalter erreicht hat“, sagte Mutter dann mit einem bescheidenen Lächeln – und wenn Vater anwesend war, brachte er mit grimmiger Miene zum Ausdruck, dass die Sache damit erledigt war. Beide wurden für ihr Pflichtbewusstsein und ihren Fleiß geschätzt, Mutter für ihre Sorgfalt daheim, für ihre Hilfsbereitschaft in der Gemeinschaft und die Pflege unserer Bräuche, Vater für seine Gründlichkeit und Opferbereitschaft, nicht erst als tel‘edeth ush auf den Feldern unseres Dorfes: Bevor ihm die Aufgabe anvertraut worden war, junge Burschen auf dem nördlichen Weizenfeld herum zu scheuchen und die Pflege des Ackers zu überwachen, hatte er selbst lange Jahre auf dem Westfeld die tückischen Thinlha-Stauden geerntet. Er besaß noch immer seine alten Pflückerhandschuhe, die bis über den Ellbogen reichten und aus zwei Schichten Leder bestanden. Er zeigte er mir und jedem, der sich fand, stets allzu gern das Brandmal aus seinen frühesten Tagen, als der gelbliche Thinlha-Saft ihm unter den Handschuh gelaufen war. Er hatte sich seinen rechten Unterarm übel verbrannt, doch trotz großer Schmerzen nach nur einem Mond die Arbeit wieder aufgenommen. Noch heute war seine Haut an besagter Stelle weiß und haarlos wie ein ertrunkenes Tierjunges.
Früher hatte ich auf dem kleinen Gartenhügel zwischen dem Nordfeld und dem Dorf unter der alten Salzweide gelegen und ihm dabei zugeschaut, wie er mit Geduld und Unerbittlichkeit über sein Feld herrschte, genau wie seine Frau daheim – in dieser Hinsicht waren Mutter und Vater wohl aus demselben Holz geschnitzt. Auf dem Djekani prangte unser Häuschen im Rücken meiner Eltern. Es besaß nur zwei Zimmer: Man betrat unser Heim durch die Küche, wo Ofen und Esstisch und Mutters großer Küchenschrank standen, und gelangte durch einen verschlissenen Vorhang in die Schlafstube, wo Mutter und Vater mir eine eigene Pritsche neben ihrem Bett aufgestellt hatten, als ich das achte Lebensjahr erreichte.
Die Größenverhältnisse auf dem Becher waren nicht im geringsten wirklichkeitsgetreu: Während unser kleines Häuschen mit Mutter, Vater und mir die eine Hälfte des Djekani in Beschlag nahm, blieb für den Rest meiner Heimat die andere Hälfte: Hier, auf der Rückseite, war der Versammlungsplatz abgebildet – was nur an den umstehenden Gebäuden und den darauf stehenden Nek zu erkennen war: Hier standen an den gegenüberliegenden Rändern das alte Lagerhaus im Süden und das Junghaus auf der Nordseite des Platzes, gleich neben dem Dorfbrunnen, über dessen kleine Mauersteine mein Daumen gerne fuhr, während ich trank. Hier hatte ich viele Jahre meiner Kindheit mit den anderen Jungen und Mädchen von Ntho verbracht, betreut von den unverheirateten Frauen des Dorfes. Die Enkelinnen unseres Dorfältesten, Sleena und Deena, standen lächelnd vor dem Junghaus, beide mit einer Schleife vor dem Bauch. Deena war so alt wie ich, Sleena dagegen fünf Jahre älter. Sie betreute uns Jüngere schon, als sie selbst noch ein junges Mädchen war. Von ihr hatte ich die Zahlen unserer Herren aus der Nebelstadt gelernt:
Als kleiner Junge schon war ich in die hübsche Sleena mit ihren feinen blonden Zöpfen und dem stolzen Lächeln verliebt gewesen – und wenn ich ehrlich war, hatte ich nur irgendwann aufgehört, es jedem auf die Nase zu binden!
Zwischen dem Lagerhaus und dem Junghaus prangten zwei ungleiche Bauten: Da war das würfelförmige, graue Haus der Aufseher aus der Nebelstadt zur Linken. Seit ich denken konnte, stand das Haus leer, und nur manchmal sah man den Dorfältesten hinaus huschen. Zur Rechten schließlich hatte Taglex kunstvoll das prächtige, stets herausgeputzte Haus des Dorfältesten Eisblut und dessen Frau Sameke in das Holz des Djekani getrieben. Hierhin lud er die anderen sieben Ältesten ein, um wichtige Entscheidungen zu besprechen und so viel Pfeife zu rauchen, dass man schon husten musste, wenn man im Freien an seinen Fensterläden vorbei lief. Ins Zentrum dieser Becherhälfte aber und inmitten der anderen Männer und Frauen, die auf dem Versammlungsplatz standen, hatte Taglex die acht Ältesten gestellt: In dicke Wolldecken eingewickelt ragten sie aus der Menge, doppelt so groß wie alle anderen, und hielten Tafeln und Schriftrollen in ihren Händen. Ihre Münder waren weit geöffnet, als ob sie ein Lied sängen. Aus den gleichförmig geschnitzten Männern und Frauen stach nur Doyi, der Schmied, mit seinem ältesten Kind Yagtagyi, hervor. Man erkannte ihn an seinem breiten Kreuz und dem Hammer über seiner Schulter. Auf der Westseite des Platzes konnte man Naßdi erkennen, den Thinlha-Bauern, mit seinem Sohn Daneschyi, und Naßdesch, den Schuster, mit seinem Sohn Daneschdi. Die Söhne hörten auf die Rufnamen Yi und Di und waren meine besten Freunde. Sie hingen gerne an den Händen ihrer Väter wie Kleinkinder, womit ich die beiden gerne aufzog. Wie alle Umstehenden auf dem Platz hielten sie eine freie Hand ans Ohr, um den Worten der Ältesten zu lauschen. Denn natürlich sangen diese nicht, sondern trugen Neuigkeiten aus dem fernen Ushrilh vor, der Nebelstadt, wie wir sie nannten, und erteilten Anweisungen.
Das war ihre Aufgabe, denn so hatten es die Aufseher aus Ushrilh eingerichtet. Sie schickten uns Befehle und Neuigkeiten in ihrer Sprache, welche die Ältesten beherrschen mussten, um sie uns bei den morgendlichen Versammlungen zu übersetzen und zu erklären. Irgendwo draußen im Südwald, so hieß es, hausten vier von ihnen in einem grauen Kasten wie jenem in Ntho, um über uns zu wachen. Jedenfalls verschwand Eisblut dorthin, um ihre Nachrichten zu empfangen. Ich selbst hatte noch niemals einen leibhaftigen Aufseher gesehen. „Das willst du auch nicht“, beteuerte Danex, der Wagenbursche, meinen Freunden und mir gegenüber, wenn wir ihn darauf ansprachen, „Sie sind ganz hässliche Wesen, keine Nek wie wir, sondern Echsen, so groß wie Nek und größer sogar, wenn sie sich voll aufrichten. Wo ihr Schuppenkleid weich ist, da tragen sie Panzer aus Eisen und anderen Stoffen, die sie schwarz und grün und bemalen, so wie die zwei Pyramiden, denen sie dienen. Das hässlichste sind aber ihre Fratzen: Ihre Mäuler sind lang und voller langer und scharfer Zähne und sie stinken wie zehn tote Fische! Wenn deine Nase dich nicht auf Abstand zu ihnen hält, dann tun es ihre Augen: gelb wie Eiter sind die und rund und groß wie Pflaumen. Wenn sie dich anstarren, dann stockt dir der Atem – da kannst du so tapfer sein, wie du willst!“
Meine Freunde und ich wussten nicht recht, ob man dem Wagenburschen Glauben schenken sollte. Er lebte in einem Schuppen in der Nähe des Südwaldes und war im Dorf nicht besonders beliebt. Doch immerhin durfte er als einziger unsere Grenzen überschreiten, um mit seinem Wagen Abgaben in die Nebelstadt im Süden zu bringen. Manchmal gelang es mir, und er ließ sich breitschlagen, von der großen Stadt zu erzählen. Wenn Neugierde und Misstrauen in mir miteinander rangen, siegte meist die Neugierde! Und Danex hatte als einziger von uns Jüngeren jene Doppelpyramide gesehen, die schwarze und die grüne, die den Innenboden meines Djekani zierte. Die zwei Pyramiden, um deren Spitze sich eine Schlange wand, waren das Wahrzeichen Ushrilhs und auf jedem Djekani an derselben Stelle zu finden. Wann immer wir unsere Becher leerten, erinnerten sie uns an unsere Herren.
So hatte der alte Taglex es in das dunkelbraune Nussbaumholz getrieben und so hatte Eisblut mir an meinem Schanŭar, dem ‚Wasser-Tag‘, den Djekani überreicht und mich mit einer feierlichen Ansprache auf unsere Gemeinschaft eingeschworen:
„Deine Eltern erreichten im Jahre 658 nach dem Teßirxål von Ushrilh mit mir und den übrigen Ausgewählten diesen Ort, der heute unser aller Heimat ist. Wir waren damals nur 64 Nek, und hier, am Südufer des Grünbachs, gab es nur grüne Wiese. Alles, was wir besaßen, waren die Vorräte, Werkzeuge und Fähigkeiten, die wir aus der Nebelstadt mitbekommen hatten. Die ersten drei Jahren schufteten wir am härtesten und die Götter waren uns gnädig. Sie schenkten uns milde Winter, sodass das Nordfeld, das ja heute dein Vater bestellt, schnell wieder gedieh und Früchte trug. Doch nicht nur Häuser und Halme wuchsen in die Höhe, sondern auch Freundschaften. Damals, als die Herren von Ushrilh uns an diesen Ort umsiedelten, ließ ein jeder von uns Freunde und Angehörige zurück. Doch wo alte Bänder durchgetrennt wurden, wurden neue geknüpft – und so dankten wir Mutter Erde und Vater Himmel für diesen Lohn unserer Mühen.
Nicht jeder mühte sich freilich: Manch einer, ob nun aus Verbitterung oder schierer Faulheit, sah nicht ein, einen Beitrag für seine neue Gemeinschaft zu leisten, und ließ sich lieber die Sonne auf den Bauch scheinen. Viele von uns waren schließlich noch sehr jung und unerfahren! Manch junges Mädchen flocht sich lieber Blumen ins Haar als warme Kleider zu schneidern, und so manch junger Mann bestaunte lieber die Haartrachten der jungen Mädchen, als mitzuhelfen, die Trümmersteine vom Nordufer abzutragen!
Dann aber kamen die fünf Jahre, die deine Eltern und alle, die sie erlebten, wohl niemals vergessen werden: Ganze fünf Monde blieb der Boden jedes Jahr gefroren und das Lächeln des Sommers verließ uns, bevor es wirklich begonnen hatte. Winde bliesen wie scharfe Klingen, während manche Häuser noch immer ohne Dach waren und einige noch in den Zelten hausten, in denen sie angereist waren! Es waren Jahre des Hungers und der Tränen. Auch der Frühling vermochte niemandem von uns Hoffnung zu schenken, denn alles, was er freigab, waren verfaulte Wurzeln im kalten Erdreich.
Und so gingen mehr Spaten zu Bruch beim Schaufeln von Gräbern als beim Umgraben der Beete. Doch im Angesicht von Hunger und Tod blieb keiner mehr tatenlos: Jeder packte an. Die Männer schleppten unermüdlich Mauersteine aus der verlassenen Siedlung herbei, die jungen Frauen rissen sich ihre Hände auf beim Schneiden von Schilf – bis jeder Nek ein Haus besaß und jedes Haus ein Dach. Die Kinder, die in den ersten Jahren unserer neuen Gemeinschaft das Licht der Welt erblickten, gaben uns Mut und Entschlossenheit. Als das erste Lagerhaus fertig war, beschlossen wir folgerichtig, dort statt der kärglichen Vorräte unseren Nachwuchs vor der tödlichen Kälte zu schützen – und es ist bis heute der Hort für die Jüngsten geblieben.“
Ich war mitten im Winter geboren, und so blies auch an meinem Schanŭar ein eisiger Wind um die rote Filzdecke, die Eisblut zu feierlichen Anlässen trug. Seine Augen, die stets das ganze Dorf im Blick zu haben schienen, ruhten nur auf mir, während er im Kreise meiner Eltern, Freunde und aller Versammelten zu mir sprach. Seine Stimme konnte schneiden wie eine Rasierklinge, streicheln wie eine Feder, anstacheln wie ein Dutzend Trommeln und beruhigen wie das Rauschen des Meeres – doch seine dunkelblauen Augen unter den ernsten weißen Brauen taten stets alles auf einmal. Wie er sich seinen Rufnamen erworben hatte, dazu hatte jeder Nek seine eigene Vermutung – doch niemand nannte den Ältesten bei seinem offiziellen Namen Yi. Dem Brauch gemäß füllte er zuerst meinen Djekani, dann seinen und schließlich eines jeden Djekani, der anwesend war; das waren nicht viele: Di und sein Vater standen bei meinen Eltern, Yis Vater hatte seinen Sohn allein geschickt, weil es ihm zu kalt war. Doyi nahm pflichtbewusst wie immer teil, und auch seinen Sohn Yagtagyi hatte er mitgebracht, um diesem zu zeigen, was bald auf ihn zukommen würde. Die besten Freunde meines Vaters waren zugegen und die Enkelinnen des Dorfältesten hatten die Kinder aus dem Junghaus zusammengetrommelt, denn ein Schanŭar war für sie eine willkommene Abwechslung. Die Ältesten, Taglex eingeschlossen, kamen bibbernd aus Eisbluts Tafelstube hervor, als Eisblut mir seiner Rede begann. Mit etwas Verspätung und reichlich verlegen war auch Tax, der alte Gärtner, dazugestoßen. So war ich umgeben von nur einem kleinen Teil der Gemeinschaft, doch von allen, die mir wichtig waren, als der Dorfälteste seine Ansprache beendete:
„So hielten wir es mit Vielem, was wir uns in der Not hatten einfallen lassen, denn nur mit Fleiß und Gemeinsinn hatten wir uns in diesen schweren Jahren behauptet gegen die Kälte; ja, auch dein Vater fand in Tagdex und Neschdex treue Freunde bis zum heutigen Tage, da wir dich aufnehmen in den Kreis der tüchtigen Männer von Ntho! Lasst uns anstoßen auf Yag aus Ntho!“
Dies war die Geschichte, die mein Djekani über mich, den sechzehnjährigen Nek, und mein Dorf zu erzählen hatte. Vater nannte mich einen Traumtänzer. Manche der Burschen von den Feldern riefen mich ‚Blindfisch‘, weil sie mich noch vor zwei Jahren dabei ertappt hatten, wie ich ein altes Spiel aus Kindheitstagen spielte: Als der blinde Seher Tāto tappte ich mit geschlossenen Augen durch Ntho. Tāto war ein Held aus einer der vielen Geschichten des alten Gärtners Tax. Ich kannte sie ebenso gut auswendig wie die vielen Gassen, Hauswände und Winkel von Ntho – und so hatte ich ein Spiel daraus gemacht, mit der Mühelosigkeit des blinden Sehers durch das Dorf zu wandeln. Die derben Mutproben und Raufereien der Feldburschen hatten mich noch nie gereizt, und auch dem Pflichtbewusstsein der erwachsenen Nek und den festlichen Bräuchen zog ich Spiele und Geschichten vor – bis zu dem Tag, als Eisblut mir meinen eigenen Djekani überreichte. „Dein Wasser-Tag wird wahrlich ein Sprung ins eiskalte Wasser“, hatte Vater bemerkt; Ich gestand mir nur ungern ein, dass er Recht behalten sollte.
Die Heimat, wie mein Djekani sie zeigte, endete an der Umzäunung von Ntho. Die Grenzsteine, welche die Aufseher in Richtung Norden und Süden aufgestellt hatten, waren dagegen jeweils zwei Stunden vom Dorf entfernt. Außerhalb dieser Grenzen lag im Osten der verbotene Wald, und dahinter ragte wolkenverhangen das Graugebirge in den Himmel. Vom Süden her führte die weiße Straße der Aufseher über den Grünbach. Vorbei an der Mühle, dem Kehrsee und dem Berg Dosard lief sie weiter gen Norden – wohin, wusste ich nicht. Aus dem Graugebirge im Osten entsprang der Grünbach, umfloss unser Dorf im Nordwesten, bis er hinter den Ausläufern des Südwaldes schließlich ins Meer führte. Er speiste sich von den eisigen Gipfeln der Berge, sodass er im Sommer laut und munter gurgelte und schmatzte und schäumend ins Meer brauste, im Winter hingegen sich in sein Haus in den Bergen zurückzog. Dann kroch er als kümmerliches Rinnsal durch sein schlammiges, dunkelgrünes Flussbett dahin. Im Norden verlief er durch einen schmalen Waldstreifen, wo er die Trümmer des alten Ntho von Vaters Feld trennte. Zwischen Vaters Feld und dem Dorf lag nur noch der Gartenhügel des alten Tax, der hier Obst, Gemüse, Kräuter, Blumen und Setzlinge anbaute und den Kindern, die er leiden mochte, Geschichten erzählte.
Für uns Jüngere, die die fünf Winter nicht miterlebt hatten, war die verlassene Siedlung im Norden ein hervorragender Spielplatz, und wenn der Grünbach uns passieren ließ und es schneite, trugen sich hier wilde Schneeballschlachten zu. Die Wassermühle am Fuße des Dosard gehörte eigentlich zu eben jener alten Siedlung, doch sie war von Eisblut und den anderen Gründern des neuen Ntho wieder instandgesetzt worden und wurde seither von Neschdi, dem Müller, bedient und gepflegt. Neschdi war ein hagerer und boshafter Nek, der, seit ich denken konnte, keinen Fuß in das Dorf gesetzt hatte.
Als ich nun meinen Djekani erhielt und der erwachsene Yag das Kind Yag ermahnte, einen Beitrag zu leisten, etwas zu tun, was keiner tun wollte, da fielen mir die Legenden über Balk, den Müllersjungen ein, und zum Entsetzen meiner Mutter und zur Enttäuschung meines Vaters erklärte ich mich bereit, meinen ersten Dienst an der Mühle zu verrichten. Über den lieben und gütigen alten Tax erzählte man sich immerhin auch so manches wenig Schmeichelhaftes: Einen kinderlosen Kauz nannten sie ihn, einen Eigenbrötler; Yis Vater argwöhnte gar, der Gärtner sei ein Aufseher, der in die Haut eines Nek geschlüpft war – und auch wenn Naßthi ständig betrunken und keineswegs eine zuverlässige Quelle war, so widersprach ihm doch niemand, wenn nicht gerade Eisblut ein gutes Wort für Tax einlegte. Wenn also die Erwachsenen sich allerlei Ehrenrühriges über Danex, den Wagenburschen, oder über Tax, den Gärtner, erzählten, bloß, weil sie für sich lebten, dann – so dachte ich – konnte das Gerede über den Müller auch nur übertrieben sein und tat ihm gewiss Unrecht.
Wie ich feststellen musste, erwies sich das meiste, was man über Neschdi erzählte, als wahr. Meine Neugierde auf den Mann an der Mühle erstarb mit dem ersten Stockhieb, den er mir für einen falschen Handgriff verpasste. Er war eigentlich so alt wie mein Vater, doch das spürte man allein an der Kraft, mit der er seinen Gehstock zur Bestrafung schwang. Sein pockennarbiges, aschfahles Gesicht dagegen, sein ständiges Husten und das hässliche Grinsen, das er mit seinem scheinbar lippenlosen Mund formte, machten aus ihm ein altersloses Scheusal, das rasch alle Alpträume meiner Kindheit in den Schatten stellte. „Selbst Schuld“, erwiderte Vater auf meine Klagen in den ersten Wochen, als der Müller mich für jeden Fehler länger an der Mühle behielt und mich erst lange nach Sonnenuntergang heim ließ. Doch obwohl Eisblut es mir im Stillen anbot, hatte ich nicht aufgeben wollen – das verbat mein Stolz. So ging ich weiter jeden Morgen zur Mühle, das Balk-Lied auf den Lippen:
Die Geschichte von Balk, den sie alle für einen Taugenichts hielten, bis er auszog, um dem boshaften Riesen Radaug den Garaus zu machen, trug mich durch den Tag. Die Knochenarbeit für den gehässigen Müller wurde zur Gewohnheit, und bald schon verging mir die Lust, vor meinen Freunden darüber zu klagen. Meine Freunde wiederum erstaunte meine Tapferkeit, und selbst der Müller machte große Augen, wie gut ich mich an den trockenen, glutheißen Sommertagen in der Mühle schlug. Immer häufiger zog er sich in seinen Geräteschuppen zurück oder beschäftigte sich anderweitig, sodass ich ihn an manchen Tagen nur noch morgens und abends zu Gesicht bekam.
Bis zum heutigen Tag: Bei der Morgenversammlung hatte Eisblut verkündet, dass es einen zweiten Müllerburschen geben würde. Als er den Namen des fetten Yagdi aussprach, wusste ich, dass alles wieder so mühsam werden würde wie am ersten Tag. Der Junge, dessen teigiges Gesicht mit den kleinen Äuglein und der herunterhängenden Kinnlade selbst Langeweile anstrengend erscheinen ließ, war ungeschickt und ein fürchterlicher Besserwisser. Schon als Kinder hatten wir beim Spielen einen großen Bogen um ihn gemacht, denn er liebte es, seine Beweggründe für alles mögliche haarklein auszubreiten, quengelte, wenn man nicht zuhörte, und legte großen Wert auf die Lantessir-Bodenrechte, die seine Familie von den Herren aus Ushrilh erhalten hatte. „Wenn die Aufseher eines Tages entscheiden“, prahlte er gern, „dass ihr woanders arbeiten sollt, dann bleiben wir hier und sind die Bestimmer!“ Wodurch Männer wie Yagdis Vater das besondere Vertrauen der Aufseher erworben hatten, darüber schwiegen sie alle. Yagdis Vater dagegen war eines Tages verschwunden und seitdem nicht mehr gesehen worden. Angeblich war er in den Süden gegangen, um in der großen Nebelstadt sein Glück zu versuchen – doch das war nur die Geschichte, die Yagdi erzählte. Jahre später waren dem Vater Yagdis große Brüder gefolgt. Seitdem kümmerte sich Yagdis Onkel um die Familie, oder vielmehr nur um Yagdis Mutter. So kam es dazu, dass Yagdi, aus dem elterlichen Haus gescheucht, verloren durch das Dorf streifte, auf der Suche nach jemandem, dem er sich an die Fersen heften konnte. Hatte er jemanden gefunden, erfuhr dieser bemitleidenswerte Nek jede Einzelheit über die Reichtümer der Nebelstadt, aber vor allem über den Nathrel‘ seiner Familie – den zweiendigen Speer, die ein Lantessir-Pächter von den Herren aus Ushrilh zum Geschenk erhielt. Sein Onkel hatte Yagdi unter der Androhung von Prügeln verboten, den Nathrel‘ von der Wand zu nehmen. Vor uns dagegen wischte er sich nur das kurze, hellbraune Haar aus der Stirn und erklärte: „Eines Tages werde ich diese Waffe führen und unserer Familie Macht und Reichtum bringen!“
Es war schwer vorstellbar, dass dieser Junge nur einen Tag unter der Fuchtel des boshaften Müllers durchstehen würde. So gerne ich ihm schon bei unserem ersten gemeinsamen morgendlichen Gang zur Mühle die Lippen zugenäht hätte, so machte ich mir doch aufrichtig Sorgen um meinen neuen Mitstreiter: Würde er vor dem Müller genauso schwatzhaft sein wie vor mir? Ich fragte mich, ob es Gnade oder Qual für ihn sein würde, nach nur einem Tag Mühlendienst in die Festtage entlassen zu werden. Meine erste Frage beantwortete sich von selbst, als Yagdi beim Verlassen des Nordwaldes einfach die Worte im Mund stecken blieben und sein Gesicht bleich wurde und grau wie nasses Mehl. Hier lehnte die uralte Mühle sich wie ein klappriger Greis gegen den Berg Drasod. Der warf am Morgen seinen Schatten über den schlammigen kleinen Vorplatz und tauchte den Verschlag des Müllers und den Brunnen vor der Mühle in grimmiges Zwielicht. Am oberen Ende des Pfades, eingehüllt in das Halbdunkel seines ungastlichen Heims, erwartete uns die drahtige Gestalt des Müllers.
Schon der Anblick des im Halbdunkel aufragenden Berges Drasod und die im Schatten des Berges hockende Wassermühle mit ihren ächzenden Balken hatten dem fetten Yagdi gehörig Angst eingejagt. Das grausame Funkeln in den Augen Neschdis schließlich ließ den fetten Jungen förmlich erstarren. Wie eine Vogelscheuche stand der Müller da, auf seinen Stock gestützt, und die speckigen Kleider wehten im Morgenwind um seine nackten Knöchel. Mit heiserer, aber scharfer Stimme übertönte Neschdi das Stöhnen des Mühlengetriebes und das Rauschen des Grünbachs. Er teilte mir für den ganzen Tag nur die eine Aufgabe zu, den Mahltrichter zu befüllen. Ich nickte stumm, und während ich über den Platz stiefelte, dämmerte mir, dass Yagdis Anwesenheit mir womöglich doch nutzen konnte.
Mit diesem Funken Hoffnung betrat ich die Mühle. Gegen die kühle und feuchte Morgenluft half nur Bewegung. In einer kleinen Kammer unter dem Fußboden lagerte Neschdi das feuchte Korn. Während Yagdi von einer Aufgabe zur nächsten gescheucht wurde und den Gehstock des Müllers kennen lernte, trug ich einen Eimer Korn nach dem anderen aus dem Lagerraum die Stufen hinauf zu dem Schacht des Mahltrichters. Diese Arbeit war besser erledigt, wenn die Strahlen der Mittagssonne die Mühle erreichten und diese innerhalb einer halben Stunde in einen Ofen verwandelten. Bald stapelten sich die Eimer auf der Plattform, von der aus der Trichter befüllt wurde. Erste Lichtstrahlen fielen bereits durch das massige Gebälk. Während ich geduldig Eimer für Eimer leerte, zeigte der Müller Yagdi, wie man die Mehlsiebe bediente. Der dicke Junge schwitzte schon jetzt, kämpfte mit den Tränen und hatte sichtlich Schwierigkeiten, den Ausführungen des Müllers zu folgen. Bald jedoch hatte dieser diese Nase voll und ließ den dicken Jungen zitternd vor den Sieben zurück. Sie quollen bald über von Mahlgut. Also fasste ich mir ein Herz und stieg hinunter. Langsam wiederholte und erklärte ich die Arbeitsschritte erneut: Die Zufuhr von oben verriegeln, das Sieb ausschütteln, den groben Rest in einen Eimer kippen und bei der Treppe abstellen. So arbeitete ich – wie auch im vergangenen halben Jahr – für zwei, und meine Hoffnungen, Yagdi würde mich entlasten, wurden schnell unter den dahin rieselnden Bergen aus Mehl begraben. Unterdessen wuchsen die Lichtkegel, die durch die Südwand einfielen, und wanderten über meinen Kopf hinweg und an mir vorbei. Ich stellte sie mir vor wie magisches Gebälk, silbern und golden glitzernd vom Mehlstaub. Einer dieser Lichtkegel markierte die Mittagspause, wenn er die Nordwand gleich über der Pforte erreichte. Yagdi hatte einen guten Teil des Mahlguts ausgesiebt, als es so weit war.
Ich sprang die Stufen hinab. „Pause!“ rief ich Yagdi zu und trat ins Freie. „Lass‘ uns Wasser aus dem Brunnen holen!“
Die Luft in der Mühle fühlte sich mittlerweile an wie flüssiger Teer und Mehlstaub legte sich auf unsere verschwitzte Haut. Da tat es gut, dem polternden Monstrum zu entkommen. Die Winde des Brunnens quietschte, als ich mit der Kurbel den Eimer hinab ließ. Yagdi und ich rieben uns die Augen. Sie schmerzten noch vom hellen Licht. „Wo hast du deinen Djekani gelassen?“ fragte ich, als der Eimer randvoll mit frischem, kühlem Wasser aus der Tiefe des Brunnens auftauchte. Yagdi blinzelte überfordert. Hinter seiner Stirn schienen all die neuen Arbeitsabläufe zugleich auf ihn einzustürzen. „Hab‘ ich vergessen…“, sagte er abwesend. Ich seufzte, tauchte meinen Djekani in den Eimer und leerte den Becher ihn in einem Zug. „Hier, nimm halt meinen – ich muss mal“, sagte ich. Mit einem Stück Brot aus meinem Proviantbeutel verdrückte ich mich hinter einen Baum am Rande des Mühlenvorplatzes. Während die Ameisen vor meinem Strahl Reißaus nahmen, beschlich mich ein ungutes Gefühl. „Gib deinen Djekani niemals leichtfertig aus der Hand!“ Eisbluts Worte von meinem Schanŭar vor einem halben Jahr klangen mir im Ohr, und auf einmal konnte ich meine Hose nicht schnell genug zuschnüren. Yagdis schmerzerfüllter Aufschrei bestätigte meine böse Ahnung. Hastig packte ich mich ein und kehrte zurück. Ein wimmernder Yagdi und ein fluchender Neschdi starrten ins Dunkel des Brunnens.
Das war nur wenige Stunden her. Die Sonne versank wie ein dicker schwerer Blutstropfen im Meer. Wütend blickte ich zurück auf den Nordwald in Richtung Mühle. Neschdi hatte mich wohl besänftigen wollen, indem er mich früher als Yagdi gehen ließ. „Wer seinen eigenen Djekani oder den eines anderen Nek zerstört“, hatte Eisblut am Tag meines Schanŭar erklärt, „Der wird hart bestraft!“ Worin diese Strafe bestand, wusste niemand. Bis zu diesem Tag an der Mühle hatte ich aber auch nicht daran geglaubt, dass man diese Becher wirklich aus bloßem Leichtsinn zerstören konnte. Ich zog einen dunkelbraunen Splitter aus meiner Brusttasche hervor. „Mehr konnte ich aus dem Wasser nicht herausfischen“, hatte der Müller mit angestrengtem Bedauern erklärt und mir das letzte Überbleibsel meines Djekani in die Hand gedrückt. Dann hatte er, wie um sein Bedauern zu unterstreichen, dem fetten Yagdi einen Hieb in den Rücken versetzt. Es war mir gleich. Ich hatte nicht gesehen, wessen Schuld es war, dass der Becher in den Brunnen gestürzt war. Yagdi betonte, er sei vor einem Hieb des Müllers zurückgeschreckt. Neschdi leugnete das. Wer auch immer die Schuld trug: Mein Djekani, die Gabe der Gemeinschaft an mich, war zerbrochen.
Ich öffnete meine Hand und wendete den Splitter im letzten Licht des Tages: Er hatte die Form eines Dreiecks, eines Filzhuts vielleicht, oder wie jene hässliche Schürfwunde, die ich mir vor Jahren beim Fangenspielen im Wald zugezogen hatte. Von der Umzäunung Nthos war nichts mehr zu sehen. Das einzige, was von der Schnitzkunst des alten Taglex übrig geblieben war, war das Bild von mir, der Schriftzug „Yag ia Ntho“ über meiner Kopf – und eine herrenlose Hand auf meiner Schulter.
Ich erschauderte. Wann immer ich den Splitter hervorholte, weckte er dunkle Gedanken in mir, doch etwas in mir wehrte sich dagegen, ihn wegzuwerfen. Rasch steckte ich ihn in meine Brusttasche zurück, doch die Unruhe blieb. Was würde die Strafe sein für meine Unachtsamkeit? Würden sie mich in die Angststube stecken, das kleine, fensterlose Steinhäuschen, das jüngeren Kindern als Bestrafung angedroht wurde und den älteren beim Versteckspiel diente? Auch diese unsinnige Vorstellung wollte meine Stimmung nicht aufhellen. Würde ich ausgestoßen werden? Würde ich irgendwo im Wald ein einsames Dasein fristen wie der boshafte Müller? Würden Mutter und Vater mich aus dem Haus scheuchen, so wie es dem fetten Yagdi widerfuhr?
Vater saß besonders im Sommer zu dieser Zeit des Tages mit seinen Freunden Tagdex und Neschdex vor unserer Haustür und rauchte Pfeife. Tagdex war ein bleicher, rundlicher kleiner Kerl mit wässrigen Augen. Er hatte früher mit Vater auf dem Feld gearbeitet, doch heute überwachte er nur noch das neue Lagerhaus. Er war ein wortkarger Zeitgenosse, der häufig für längere Zeit völlig reglos dasaß ohne zu blinzeln. Früher hatte ich ihn deshalb oft für tot gehalten und sein plötzliches Erwachen von den Toten war fester Bestandteil meiner schlimmsten Alpträume. Neschdex dagegen unterhielt sich gern und lebhaft mit meinem Vater und unterstützte diesen liebend gern dabei, mir Ratschläge zu erteilen. Manchmal wartete er gar nicht erst darauf, dass mein Vater den Anfang machte. Er war ein großer, knochiger Nek, der Vater früher in seiner Tätigkeit als tel‘edeth shalaseth die Pflücker-Handschuhe geflickt und ausgebessert hatte. „Freunde dich am besten mit denen an, denen du eh nicht aus dem Weg gehen kannst!“ pflegte Vater zu scherzen.
Sicher würden die Drei kein gutes Haar am fetten Yagdi lassen, so viel wusste ich. Die Männer verabscheuten jeden Lantessir-Siedler zutiefst, nannten sie „Kröten“ oder „Zaunspechte“ und ließen sich überhaupt immer wieder neue, unrühmliche Namen einfallen. Manchmal, wenn ich etwas ausgefressen hatte, reichte mir, um Vater abzulenken, die bloße Erwähnung eines Lantessir. Ob ich nun Taglex, den Zimmerer, Yagdis Onkel Naßlesch oder gar Müller Neschdi ins Spiel brachte: Binnen Kurzem konnte ich mich davonstehlen, ohne dass die Männer etwas merkten.
Es würde mir diesmal nicht helfen. „Du hattest die Wahl zwischen deinem Vater und einem Aussätzigen. Leb‘ damit, dass dir ab sofort nicht mehr alles nachgeschmissen wird!“ - Wie oft hatte Vater mir das im vergangenen halben Jahr vorgehalten – und wie oft hatte ich versucht, meine Entscheidung zu erklären? Doch was immer ich sagte und was immer er sagte, wusste ich: Meine Freundschaft zu Tax stimmte ihn von Jahr zu Jahr misstrauischer. Wenn ich bei Tisch von ihm erzählte, schwieg er, und von selbst nahm er den Namen des alten Gärtners nicht in den Mund. Erst, als er von meiner Entscheidung, für Neschdi zu arbeiten, erfuhr, bemerkte er: „Ist ja nicht der erste Sonderling, mit dem du dich abgibst. Aber glaub‘ mir: Dieser wird dich auf den Boden der Tatsachen holen. Ein Jahr bei diesem Lumpen, und vielleicht lernst du dann endlich, dass die Zeiten der Märchen und Kinderspiele vorbei sind!“
Ich näherte mich meinem Schleichweg durch das Westfeld. Die Sonne in meinem Rücken flackerte nur noch als sterbende Glut am Horizont. Vor mir ragten schwarz und bedrohlich die reifen Thinlha-Stauden in die Höhe. Ihre Blätter nahmen während der Reifung die Gestalt dicker, feuchter Zungen an, und ab dem Spätsommer konnte man regelmäßig neuen Saft abzapfen. Der Saft war die wichtigste Abgabe, die wir an die Nebelstadt entrichteten. Für Nek war er ungenießbar, das wusste jeder in Ntho – und weil das so war, hatte jeder von uns seine eigene Erklärung, was die Aufseher mit dem Feuerhonig wohl anstellen mochten.
Zu dieser Zeit des Jahres sonderte sich die gelbe Flüssigkeit bereits in feinen Tröpfchen auf den tiefroten Blättern ab und gemahnte mich zur Vorsicht. Einen Fuß vor den anderen setzend bahnte ich mir meinen Weg über den schmalen Feldweg. Die Stauden überragten mich zur Rechten und zur Linken wie die schwarzen Speerspitzen der Krieger des Guphān. Ich hielt inne, um den Gedanken an diese Legende zu verscheuchen – sie war die wohl blutrünstigste, die Tax uns je erzählt hatte, und an einem Ort wie diesem erlebte sie eine schauerliche Auferstehung: Geblendet von Rachedurst, wendete Guphān sich erst gegen die Mörder seines Bruders und anschließend gegen die gesamte bekannte Welt. Sein Blutrausch wurde durch die Rachetat nur befeuert: Während er erst die Freunde der Mörder tötete, dann deren Nachkommen und all jene, die sich ihm in den Weg stellten, wurde die Zerstörung sein einziger Lebenszweck, und eine Gefolgschaft sammelte sich hinter ihm: die „Brüder der Asche“. Mit ihnen verwüstete er das Land, bis niemand übrig blieb, der ihm Widerstand leistete. In der Einöde, die er rings um sich geschaffen hatte, verlor er schließlich den Verstand:
Leise sang ich meine Lieblingsverse des Guphān-Lieds, während ich den Rest des Feldweges hinter mich brachte. Nachdem Guphāns immer durstiges Schwert ihn zum Mord an seinen Gefährten angestachelt hatte, erblickte der Rastlose bei Sonnenuntergang die Gesichter aller seiner Opfer in der blutverkrusteten Klinge, und leise flüsternd verlangte es nach einem letzten Opfer: Guphān selbst. Ich hatte keinen Schimmer, warum diese Geschichte mich gerade heute so umtrieb. Unruhig trat ich auf der Stelle, und ehe ich mich‘s versah, ertönte die nächste unheilvolle Stimme in meinem Kopf: „Du bist ein kleiner Herumtreiber!“ Das war Pachapē, die alte Witwe. Sie hatte das früher oft zu mir gesagt und mir mit ihrem schon damals zahnlosen Grinsen eine Heidenangst eingejagt, „Und Herumtreiber sind die Schlimmsten! Weißt du auch, warum?“ Ohne je meine Antwort abzuwarten, erzählte sie stets dieselbe Geschichte:
„Es trug sich zu in der Zeit der fünf Winter, da war unter jenen Männern, die die Mauersteine aus dem alten Ntho nördlich des Flusses herbeitrugen, auch der junge Bursche Neschdasch. Er war tüchtig, hübsch anzusehen und ein jeder mochte ihn leiden – allein ihm war nichts und niemand genug. Allzu oft streunte er mit seinem Freund zwischen den Mauern der verlassenen Siedlung herum und selbst die tödliche Kälte dieser Jahre hielt ihn nicht von seinen Grübeleien ab. ‚Sobald die Sommer wieder länger werden‘, tönte er, ‚ist meine Arbeit hier getan!‘ Das Dorf verlassen, sein Glück in der Ferne suchen, darin wähnte er seine Bestimmung. Nicht nur uns anderen raubte er er mit diesem Gerede den Mut, nein, auch ihm selbst wurden die Stiefel schwer wie Felsbrocken, wie man so schön sagt. Eines Tages, im tiefsten Winter, fand Neschdasch einen alten Kamm in den Trümmern der verlassenen Siedlung. Es hätte der Kamm eines alten Weibsbildes wie mir sein können oder eines jungen Mannes, doch für Neschdasch stand fest: Der Kamm musste einer wunderschönen jungen Frau gehören! Bald schwor er, ihre Stimme zu hören, wenn der Nachthimmel klar war und der Mond eine eisige Krone trug. Wie besessen war er von dem Kamm und seiner Besitzerin, die doch sicher längst verstorben war! Noch weniger als sonst scherte er sich um uns andere, stets waren seine Augen in die Ferne gerichtet.
Der Winter neigte sich dem Ende zu, als das Fieber den armen Neschdasch ganz und gar packte: In tiefster Nacht folgte er dem Ruf seiner eingebildeten Liebe, kletterte in der Finsternis über die schneebedeckten Trümmer des verlassenen Dorfes. Manche erzählen sich, er habe gerufen: ‚Hier bin ich! Zeige dich mir!‘
Du weißt, kleiner Yag, was geschieht, wenn der Frost sich über nackten Fels legt: Sie werden rutschig und ihre Kanten schneiden schärfer als im Sommer, kalt und gnadenlos. So geschah es dem armen, allzu stolzen und neugierigen Neschdasch: Als die Männer am nächsten Tag zu den Trümmern kamen, fanden sie nur noch den gefrorenen Leichnam des jungen Mannes vor. Sein Schädel war zertrümmert, sein Blut zu kleinen Edelsteinen gefroren. Höre meine Worte, kleiner Yag: So geschieht es jedem, der sich allzu lange herumtreibt, dem nie genug ist, was er hat: Die Gier nach Neuem legt sich wie ein Strick um deinen zarten kleinen Hals, und wenn du nicht aufpasst–“, an dieser Stelle faltete die Alte ihre Hände und ließ ihre wulstigen Knöchel knacken, „Knack! Bricht sie dir das Genick!“ Ein eisiger Schauer lief mir den Rücken hinunter. Nur der Abendwind, sagte ich mir.
Unversehrt trat ich aus dem Feld heraus. Ein schmaler Seitenpfad trennte hier die Umzäunung von Ntho von den Thinlha- Pflanzen. Wenige Schritte zur Linken saß ein Zaunpfahl locker. Ich brauchte ihn bloß sachte aus der Erde zu ziehen und ins Dorf schlüpfen – so musste ich niemals den Umweg über die Pforte im Süden nehmen. Leise fluchend nahm ich zur Kenntnis, dass jemand meinen Schleichweg entdeckt hatte. Der Pfahl lehnte an der Rückwand des verlassenen Aufseherhauses. Verärgert schlüpfte ich ins Dorf und steckte ihn zurück an Ort und Stelle. Ich bog um die Ecke und passierte gerade das Haus des Dorfältesten, als eine fremde Stimme mich aufhorchen ließ.
Hastig versteckte ich mich hinter einer Regentonne, die neben dem Aufseherhaus stand. Augenblicklich war mir äußerst unwohl: Dieses Gebäude verströmte einen fremdartigen Geruch von fauligem Grünzeug, abgestandenem Schweiß und Ruß. Eisblut murmelte etwas, dann hörte ich ihn wieder in der Hinterstube seines Hauses verschwinden. „Du bist ein ängstlicher alter Mann geworden, L’i Eisblut.“ Die Stimme des Mannes in Eisbluts Waschküche gehörte keinem der Nek von Ntho. Aufgeregt ging ich unter einem Fenster der Stube in die Hocke. Die Aufseher hatten den Austausch mit Fremden streng verboten, das wusste ich von Vater. Was ging hier vor? Tabakgeruch drang aus dem Inneren. „Alt vielleicht“, schnaubte der Älteste, „aber was du ängstlich nennst, mein lieber Īlnek, das nennt der Weise ‚Verantwortung‘! Ich verlasse nicht einen sicheren Weg, wenn sich mir kein anderer auftut – nicht, wenn Hunderte Leben von meiner Entscheidung abhängen.“ Mein Herz pochte wie wild. Wer mochte dieser Mann sein? Wo kam er her? Nicht nur seine Stimme war mir unbekannt – auch in seiner Art zu sprechen war etwas Fremdartiges, Raues. Manche der Worte, die er benutzte, verstand ich gar nicht erst. „Manchmal ist es besser, durch das Dickicht zu irren“, erwiderte Īlnek, „Besonders, wenn dein sicherer Weg in den sicheren Untergang führt.“
–„Ach, du bist doch nicht hier, um mich für einen Waldspaziergang zu begeistern“, blaffte der Eisblut, „Worum geht es?“ Schweigen trat ein. Obwohl uns eine Wand trennte, hatte ich das Gefühl, dass Eisblut genauso begierig auf eine Antwort wartete wie ich. „Wir haben Boote.“ Der Fremde stieß seine Worte aus wie ein Kind, das einen Stein einen Abhang hinunter wirft, um der Gerölllawine zuzusehen. Die Lawine hatte Eisblut erreicht. „Boote“, wiederholte er leise. Ich wusste nur aus Erzählungen der Älteren, dass Boote etwas Gefährliches und Verbotenes waren. Umso gebannter lauschte ich, was der Fremde als nächstes sagen würde. Er erklärte nun mit unverhohlenem Stolz, wie es ihnen – wer immer das war – gelungen war, mithilfe der Bootsbauer einiger eingeweihter Siedlungen im Süden zwanzig große Ruderboote zu bauen, geeignet für Kurzstrecken in Küstennähe. „Die Kröten ahnen nichts – und vor diesen Lantessir-Speichelleckern konnten wir unsere Pläne bisher verborgen halten – was vielleicht als die größte Leistung an dem ganzen Unterfangen gelten darf. L’i, überleg‘ doch! Zwanzig Ruderboote mit einem Fassungsvermögen von vierzehn Ruderern und Platz für zehn weitere erwachsene Nek, das bedeutet“
–„Ich weiß, was das bedeutet!“ unterbrach ihn der Älteste, „Mit einem Schwung könntet ihr eine ganze Siedlung befördern… doch wohin? Wollt ihr mit Frauen und Kindern an den Steilklippen die ganze Westküste hinauf rudern bis nach Schwarzküste?“
–„Eisblut L’i, mach‘ dich nicht lustig!“ entgegnete Īlnek schroff. „Schwarzküste – lächerlich! Die Sklaventreiber schenken uns zur Begrüßung Halsketten aus Gusseisen und treiben uns ins nächste Schiff nach Ushrilh! L’i, mancher pflegte zu sagen, das Verschwinden von Fleischzahn hätte dieser Stadt ihr Rückgrat zurückgegeben. Mittlerweile gibt es Stimmen, die sagen, Fleischzahn sei dieses Rückgrat gewesen! In Schwarzküste füllt noch größerer Abschaum das Loch, das dieser Eŭgom hinterlassen hat. Dreister, gieriger, gewissenloser. Nein, Schwarzküste spielt keine Rolle in unserem Plan – aber Schwarzmalerei auch nicht. Wir haben Freunde, Eisblut. Nördlich des Gürtels gibt es noch Nek mit 'īlen eŭg. Steinberg kannst du leider auch vergessen. Die machen aus sicherer Entfernung eine Zusage nach der anderen – und rühren doch keinen Finger! Auf den Straßen hört man dann die wahre Meinung der Leute: Dass wir aus unseren fetten Dörfern kommen, um ihnen die ach so kargen Felder leer zu fressen - ‚unseren Wert‘ sollten wir erst mal beweisen, kann man das glauben?“
–„Nun.“ Eisblut räusperte sich. „Wo du von fetten Dörfern sprichst… hast du keine Bauchschmerzen dabei, dass wir das Weite suchen, während unsere Brüder und Schwestern in den Städten im Süden verhungern?“ Der Fremde schlug so unvermittelt auf die Tischplatte, dass ich vor Schreck um ein Haar aufgeschrien hätte. „Solche Spitzfindigkeiten aus deinem Mund? Ich bin sicher, dass dein Sohn gerne für die Sicherheit von Deena und Sleena verhungert wäre! Ich frage dich, L’i ia Ntho: Wenn wir die Verantwortung für unsere Brüder und Schwestern in Ushrilh und südlich davon tragen – warum sind wir dann nicht die Herrscher? Nein, mein Freund, das sind Gedankenspiele für Feiglinge, die in Wahrheit keinen Finger rühren wollen – und ich weiß, dass du nicht einer von denen bist. Ich werde dir sagen, was wirklich geschehen wird: Entweder sie ziehen Nek aus den Städten ab und besiedeln die Dörfer neu – dann müssen sie diese Siedlungen aber deutlich stärker bewachen, als das zur Zeit der Fall ist – oder sie suchen nach einer anderen Lösung, um alle Nek ernähren zu können und weiterhin an ihren geliebten Feuerhonig zu kommen. In beiden Fällen – lass‘ mich ausreden! – in beiden Fällen wird es über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren zu Hungersnöten kommen. Es werden auch Nek sterben. Aber habt ihr nicht auch Opfer für den Bau dieser Siedlung erbringen müssen? Jeder Nek, der dieses Namens noch würdig ist, wird spätestens dann einsehen, dass unsere Zukunft in der Freiheit liegt. Arbeiten wir entschlossen für unsere Freiheit und dienen wir damit unseren Brüdern und Schwestern als Beispiel!“ Gespannte Stille folgte. Nur das Quietschen des Hockers war zu vernehmen, als der Fremde wieder Platz nahm. Als der Älteste das Schweigen beendete, klang seine Stimme verändert. „Du hast mir immer noch nicht erklärt, was genau euer Plan ist.“ Der Widerwillen war aus seinem Tonfall gewichen. Auch Īlnek schien das zu spüren. Er sprach jetzt gelöst wie ein Arbeiter, der nach getaner Arbeit mit Freunden plaudert. In Grauwall kenne man noch die Bedeutung des Wortes Freundschaft. Grauwall, das wusste ich von Tax, lag nur wenige Tagesmärsche nördlich des Grauen Gürtels. Mein Herz pochte. Manche Burschen im Dorf redeten so, als seien die Freien Nek und der Graue Gürtel bloß eine Erfindung – und hier saß unser Dorfältester und redete mit einem Fremdling in seiner Waschküche darüber! Īlnek erzählte nun von einem Auffanghafen in einer Bucht, die zwar noch südlich des Gürtels lag, aber für kurze Zeit mehrere Tausend Nek würde fassen können. So wären mehr Nek in kurzer Zeit dem Zugriff Ushrilhs entzogen. Männer aus Grauwall würden dann mit drei Schiffen die Nek zu einem kleinen Hafen nördlich des Gürtels übersetzen, wo Freiwillige aus Grauwall sie empfängen.
„Und das alles, ohne den Kröten aufzufallen!“ sagte Īlnek. Dann wechselten die beiden zu meiner Empörung in eine andere Sprache. Nur einzelne Namen konnte ich noch verstehen. Ich sah mich um: Es war mittlerweile stockfinster. Um was für eine Sprache es sich handeln mochte? Wie die Sprache der Aufseher klang, wusste ich wohl – Eisblut trug die Botschaften aus Ushrilh manchmal erst in ihrer, dann in unserer Sprache vor. Diese hier war anders… Ich wurde das Gefühl nicht los, das Wichtigste zu verpassen. Man müsste so viele Sprachen beherrschen wie Eisblut, dachte ich.
Stühlerücken riss mich aus meinen Gedanken. „Kommenden Herbst kehre ich zurück, Freund Eisblut“, sagte der Gast. „Wenn du dann ein ‚Ja‘ für mich hast, sollten auch deine Männer mehrheitlich eingeweiht sein. Sei wachsam, alter Freund!“ Der Älteste lachte leise. „Das gilt wohl eher für dich, du Landstreicher!“ Die Männer traten ins Freie. Gerade noch rechtzeitig schlich ich um die Hausecke. Worauf wartest du eigentlich noch?, sagte ich zur mir. Immerhin konnte ich einen Blick auf den langen grauen Kapuzenmantel des Fremden erhaschen, als er sich umwandte und sagte: „Jedes Gelände erfordert seine eigene Art der Wachsamkeit. Mögen wir beide in keine Falle tappen!“
–„Gut gesprochen, Īlnek. Es hat gut getan, dich gesund wieder zu sehen. So leb‘ denn wohl! Smu taechibaer cha taecha!“ flüsterte Eisblut feierlich. „Euchenē gū djecheda“ , erwiderte Īlnek. Dann verschwand er hinter dem Haus der Aufseher – und kehrte wenige Augenblicke später zurück. „Irgendjemand ist durch den Zaun gekommen“, stellte er fest. Jetzt oder nie. Ich sprang auf und nahm die Beine in die Hand.
Der Vorabend des viertägigen Roten Fests wurde in meiner Heimat verschiedentlich angegangen: Die Älteren atmeten von den Mühen des Tages auf, manch einer kaute auf einer der sauren Gänsewurzeln herum, die Tax im Frühjahr im Nordwald sammelte und den Sommer über in seiner Hütte trocknete. Die alten Mütterchen saßen vor den Häusern beieinander, kühlten ihre Füße in Wasserkübeln und plauderten über die anstehenden Festtage. Die jungen Männer ließen alle Zurückhaltung fahren und tobten durch Ntho. Manche der Mädchen schlossen sich ihnen an. Jene Nek, die gerade erst ihren Dienst für die Gemeinschaft aufgenommen hatten, hängten sich entweder den älteren Burschen an die Fersen oder taten es mir gleich und gingen diesen aus dem Weg. Eisbluts Enkelinnen Deena und Sleena sorgten gewiss für die Kleinkinder im Junghaus – als ich am Junghaus vorbeikam, hörte ich jedenfalls schiefe Flötentöne und den Lärm von Rasseln und Handtrommeln aus dem Inneren. Ganz Ntho war ein Gewirr aus erleichtertem Schnaufen und Brummen, Tabakhusten, Lachen und Quietschen, und der Geruch von Fackeln und Laternen hing überall in der Luft.
Unser Treffpunkt befand sich hinter Doyis Haus. Hier trafen wir uns seit Jahren: Yi, Di und ich – und manchmal leistete auch Tax, der alte Gärtner, uns Gesellschaft. Yi steuerte eine Blechpfanne bei, in der wir unser Feuerchen entzündeten, Di ergaunerte von seinem Vater einige Stücke Schinken für uns und ich brachte mit, was immer mir einfiel. Dieses Jahr erreichte ich meine Freunde mit leeren Händen.
Hier saßen zwei Jungen, einer stämmig, mit Sommersprossen und feuerrotem Haar, einer schlank, mit schwarzen Locken und von der Feldarbeit gebräunter Haut, und, etwas abseits des Feuers gegen eine Hauswand lehnend, ein alter Mann mit einem ledernen Schlapphut und einer Pfeife im Mundwinkel. Der Alte saugte schweigsam am Mundstück seiner Pfeife, während die Jungen über irgendein verlassenes Haus sprachen. Nicht zum ersten mal stritten sie darüber, wer von ihnen tapferer war.
Der schwarz gelockte Junge saß mit dem Rücken zu mir und ahmte wild gestikulierend ein Ungeheuer oder etwas ähnliches nach. Di, der Rotschopf, bemerkte mich als Erster. „Yag!“ rief mein Freund, und sein breites Grinsen scheuchte seine Sommersprossen auf wie einen Schwarm Glühwürmchen. Er prostete mir mit seinem Djekani zu und stellte fest: „Du bist spät dran! Hast was verpasst.“ Auch mein Freund Yi wurde nun auf mich aufmerksam und hob seinen Djekani zur Begrüßung. Es roch bereits nach Beerenschnaps - und die Gesichter meiner Freunde glühten nicht nur von der Wärme des Feuers, ahnte ich.
„Und wie!“ beteuerte Yi, „Tax hat uns eine neue Geschichte erzählt von einem schrecklichen alten Mann! Pass‘ auf: Im Chranaxwald lebte ein schrecklicher alter Mann. Aber die Räuber…“ –„Yi, du verdirbst es!“ stöhnte Di. „Mach‘ du’s doch besser!“ erwiderte Yi beleidigt. „Nee… naja, Yag, es war so, dass man am Anfang dachte, der alte Mann ist einfach nur alt und reich und schwach. Die Räuber geben sich also als Abenteurer aus und brechen bei ihm ein – aber der Alte ist gar kein Nek, sondern ein Ungeheuer, und er macht sie alle nieder! Mit einem rostigen Fischerhaken!“
–„Ja“, spottete Yi, „Di hat sich fast in die Hose gemacht an der Stelle!“ Di errötete wie ein Stück glühendes Holz. „Gar nicht wahr! Wenn der mir was anhaben will, würde ich es ihm mit Vaters großem Beil geben!“ Yi schnaubte belustigt. „Am Feuerchen kannst du viel erzählen. Wenn du erst mal im Wald bist und diesem Ungeheuer in seine gelben Augen siehst, dann läufst du aber, dass die Hasen dir hinterher schauen!“ Tax grinste. ‚So schnell laufen, dass die Hasen dir nachsehen‘ – das stammte aus der Geschichte über den Langfinger, der unbedingt ein Held sein wollte; eine Geschichte, die Yi niemals zu hören müde wurde. Auch Di verstand die Anspielung. „So wie du, wenn du deinen Bruder siehst, was?“ erwiderte er gekränkt. Yi war drauf und dran, auf Di loszugehen, doch an dieser Stelle schaltete Tax sich ein: „He ihr Raufbolde! Möchtet ihr eurem Freund nicht erst einmal etwas zu Trinken geben?“ Seine ruhige, tiefe Stimme drückte die beiden wie eine sachte Hand wieder in ihre Strohkissen. „Ich habe den Chorasch nicht nur für euch zwei Schluckspechte mitgebracht!“
Yi nickte stumm und hielt mir den Schlauch hin. Seinen großen Bruder zu erwähnen drückte immer sehr auf seine Stimmung. „Was ist los, Yag?“ fragte er, „Wo hast du deinen Djekani gelassen?“ Ich holte den Splitter, der mir noch geblieben war, hervor und erzählte meinen Freunden von Yagdis Missgeschick.
