Yalurvin Ahrian - Dirijan Hofke - E-Book

Yalurvin Ahrian E-Book

Dirijan Hofke

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Beschreibung

Nach einer, für Filraen gefühlten Ewigkeit, gibt es endlich wieder einen Auftrag für ihn und seinen Bruder. Die beiden ungleichen Elfen erhalten Besuch von ihrem alten Freund Wong-Tai. Ihre gemeinsame Reise führt sie nach Ravendir, dort treffen sie auf den Krieger Conrath und dessen ganz besonderen Begleiter Librius. Conrath gibt vor Wong-Tai bei dessen Suche nach dem Brunnen des Irdenen Fürsten helfen zu wollen, eigentlich verfolgt er jedoch ganz andere Ziele. Über einige Umwege gelangen sie schließlich zu Kommandant Aurelius in Istaria. Das elfische Reich ist in einen erbitterten Krieg gegen Dalawind, Heimat finsterer Blutmagier und einem uralten Mönchsorden, verwickelt. Bei dem Versuch, die Seele einer Magierin Istarias zu retten, trifft die Gruppe auf die Mönche des langen Todes, eine Bruderschaft, die ihrem Namen alle Ehre macht.

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Seitenzahl: 565

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Weapon Design :

Thanks to ShadowPriest

Danke an alle, die Teil der Geschichte sind und das Buch mit ihren Ideen, Worten und Taten mitgeschrieben haben.

E-mail: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Wong Tai

Ravendir

Conrath und Librius?

Aurelius

Dalawind

Burg Walldorn

Valesien

Liolen

Varior und Andriz

Alistrat und Doreen

Ekatnar

Amaryllus

Der Tempel des Irdenen Fürsten

Der Blumenturm

Carriha

Farna

Das Sanatorium

Xin

Larissa

Aribell

Lillith

Die Wildelfen

Abya

Finn

Der Elementarstein

Lethans Fluch

Lethan

Wong Tai

Die untergehende Sonne tauchte alles in einen orangenen Schein und ein leichter Wind trug den Duft der Blumenfelder bis in die Mitte des Lagers.

Auf den ersten Blick schien hier alles in Ordnung zu sein. Doch sah man genauer hin, konnte man schnell erkennen, dass es sich nicht um das Lager wandernder Spielleute handelte.

In großer Hektik und Eile versuchten die elfischen Soldaten des Lagers ihre Verletzten zu versorgen, die Rüstungen und Waffen, die verblieben waren, zu reparieren oder zumindest notdürftig zu flicken.

Aus dem großen, mit Wimpeln geschmückten Zelt konnte man die aufgebrachten Worte des Heerführers vernehmen.

Sheila, die Erdmagierin, war bereits seit Stunden im Zelt ihres Heerführers, doch anhand der Lautstärke war klar, dass ihre Vorschläge kein Gehör fanden.

Aurelius schritt in seinem Zelt auf und ab. Seit dem Besuch seiner Schwester hatte er kein Auge mehr zugetan. Die verdammten Mönche des langen Todes waren ihm wieder einen Schritt voraus und selbst die kleine Stadt Ravendir, in der er Nila in Sicherheit dachte, schien sich allmählich an die Anwesenheit der Mönche und noch schlimmer, der Blutmagier, zu gewöhnen.

Nila hatte ihm ihre neue Errungenschaft mit einer Begeisterung präsentiert, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ, und sie selbst schien überhaupt nicht beunruhigt zu sein.

Schamanen, die Bürgern magische Runen eingravieren, Sklavenhandel und Tempel von Göttern, die kein unbescholtener Bürger jemals anbeten sollte. All dies hatte sich in einer einst beschaulichen Kleinstadt breit gemacht und wurde als gegeben akzeptiert oder noch schlimmer - willkommen geheißen.

Sheilas Blick folgte den Schritten des Kommandanten. Sie hatte die Arme auf ihr Zauberbuch gestützt und auch wenn sie die Sorge teilte, gab es nichts, was sie von hier unternehmen konnten. Es kostete schon alle Kraft, die Grenze zu Dalawind zu halten.

„Wong-Tai“, murmelte sie nachdenklich, aber laut genug, dass Aurelius abrupt stehen blieb und sie misstrauisch anschaute.

„Wir kommen hier nicht weiter, Aurelius. Wir haben eine Pattsituation und genau das wird es bleiben, wenn wir nicht bald Unterstützung von außerhalb anfordern.“

„Und mit Hilfe von außerhalb, damit meinst du einen Menschen?“

„Nein, damit meine ich einen Menschen, der sicherlich nicht alleine herkommen wird, der in der Lage ist, unerkannt durch Dalawind zu reisen und bestimmt auch in Ravendir ein paar Tage nach dem Rechten schauen kann, bevor er zu uns aufbricht.“

„Nila hört nicht auf mich. Sie schlägt jede Warnung in den Wind.“

„Mag sein, aber du bist auch nicht ihr Kommandant. Du bist ihr Bruder. Und wer hört schon auf Geschwister?“ „Angenommen, ich würde dir zustimmen...“

„Dann würdest du Nila zu Wong-Tai schicken und um Hilfe bitten. Ich kenne den Tempel, in dem er sich meistens aufhält. Sie könnte ihn nach Ravendir bringen und damit hättest du auch gleich jemanden, der auf sie aufpasst!“

„Du kümmerst dich um den Kontakt zu ihm?“

Sheilas Mine erhellte sich. Es war selten geworden, dass Aurelius auf sie hörte. Die Situation an der Grenze überstieg die Fähigkeiten des jungen Kommandanten und sie wusste, dass Aurelius den Tag, an dem er sich freiwillig gemeldet hatte, insgeheim verfluchte.

Er war nicht mehr der sorglose Kämpfer, als den sie ihn kennengelernt hatte. Alle Blicke ruhten auf ihm und jeder Fehler, den er machte, sorgte im besten Fall nur für Getuschel hinter seinem Rücken.

Die Feinde waren stärker und zahlreicher geworden. Momentan konnte er lediglich als Erfolg verbuchen, dass ihre Stellung noch nicht gefallen war, obwohl sie beim letzten Angriff einen herben Verlust einstecken mussten.

Einen Verlust, dem Sheila es zu verdanken hatte, anstelle der einstigen Erzmagierin und ihrer einstigen Lehrmeisterin, als Ratgeberin fungieren zu müssen.

„Ich werde sofort aufbrechen. Hören wir auf, Zeit mit Sorgen zu füllen und du gibst Nila das hier.“

Sie streckte ihm zwei Kristalle entgegen. „Zerbrich sie nicht. Der Blaue bringt sie an den Ort, an dem sie in fünf Tagen Wong-Tai treffen wird. Der Farblose bringt sie nach Ravendir zurück.“

Sheila packte ihr Buch, nickte Aurelius lächelnd zu und verließ das Zelt.

Der junge Priester Marin, der Sheila zwei Tage später empfing, musste ihr zwar mitteilen, dass er Wong-Tai schon seit Wochen nicht mehr im Tempel gesehen hatte, doch als die Erdmagierin ihm den Grund ihres Besuchs ausschweifend erläutert hatte und keine Anstalten machte, den Tempel ergebnislos zu verlassen, sah er sich mehr oder weniger genötigt zu versprechen, den Mönch alsbald ausfindig zu machen.

Innerlich hoffte er, dass Wong-Tai an diesem Tag einfach sowieso vorbeikommen würde, denn er hatte keinen Schimmer, wie er ihn kontaktieren könnte. Doch dieser Wunsch wurde ihm verwehrt.

Nicht einmal einer der Hohepriester ließ sich blicken und Marin tat das Einzige, was ihm jetzt noch einfiel.

In edle, erdfarbene Roben gehüllt, verbrannte er duftende Hölzer und kniete er vor dem Altar. Er betete inständig, dass der Gott Earth selbst den Mönch schicken möge.

Wong-Tai hatte eine unruhige Nacht in seinem Domizil verbracht. Er war selten hier und hatte den Eindruck, dass die kleine Burg, die er einst sein Zuhause genannt hatte, von Mal zu Mal unbewohnter wurde.

Von den Besitzern, Wong-Tais ehemaliger Gruppe, ließ nur er sich gelegentlich blicken. Vermutlich war dies der eigentliche Grund für die Verwaisung des Anwesens - wo kein Graf, da keine Grafschaft.

Der Asiat war der Einzige, der sich noch um die Burg kümmerte. Da er nicht der alleinige Besitzer war, konnte er keine großen Änderungen vornehmen und zu den meisten seiner alten Gefährten hatte er keinen oder nur sehr wenig Kontakt.

Jedes Mal, wenn er heimkehrte, musste er unweigerlich an die alten Zeiten denken. Es war schon seltsam nach all der Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten, all den Abenteuern, die sie gemeinsam bestanden hatten, waren sie sich immer noch fremd.

In der fast unheimlichen Stille des Anwesens fand er jedoch die nötige Ruhe zur Meditation. Hier in dem Zimmer, das er zu einem Gebetsraum umgebaut hatte, war er seinem Gott so nahe wie in keinem Tempel.

In dieser Nacht hatte er einen seltsamen Traum – nein, keinen Traum - eine Eingebung.

Er wusste, dass er bald aufbrechen musste. Eine große Aufgabe wartete auf ihn und es gab jemanden, der ihn dorthin führen würde. Der Brunnen des irdenen Fürsten wollte gefunden werden und Earth hatte ihn dazu auserwählt.

Am Morgen stand er in aller Frühe auf. Den Platz, an dem er sein sollte, den Platz, an dem die Suche nach dem Heiligtum seines Gottes beginnen würde, hatte ihm Earth gezeigt.

Sheila, die sich ungefragt in einem der leeren Räume des Tempels einquartiert hatte, konnte ihr erstes kleines Erfolgserlebnis verbuchen, als Marin am folgenden Tag einen der Hohepriester ausfindig gemacht hatte, welcher sich bereit erklärte, ein Bittgebet an Earth zu schicken. Er möge Wong-Tai hierher führen, um sich das Anliegen der Erdmagierin anzuhören.

Marins engagierte aber leider unfruchtbare Gebete hatten zwar die Zeit gefüllt, aber waren anscheinend ungehört verhallt.

Der alte Priester hatte die Opfergaben am Altar und das Räucherwerk zumindest eines milden Lächelns gewürdigt, bevor er selbst das Wunder wirkte, das Wong Tai letztendlich am vierten Tag zu seinem Tempel geführt hatte.

Der Mönch wurde von ihm bereits abgefangen, bevor die mittlerweile ungeduldige Erdmagierin ihn mit ihrer Bitte überfallen konnte.

„Das heißt, ich werde den Tempel des irdenen Fürsten irgendwo dort finden, wo Nila mich hinführt?“ Wong-Tais Entscheidung stand ohnehin bereits am Morgen fest. Wenn er dann noch helfen konnte, ein Reich zu verteidigen oder eben auch eine Kleinstadt, war ihm das Recht.

Endlich konnte Sheila sich guten Gewissens verabschieden. „Nila wird dich morgen vor dem Tempel treffen. Bitte pass auf sie auf und bringt so viele Informationen aus Ravendir mit wie möglich. Denkt daran, Nila weiß nicht, dass ihr den Auftrag habt, euch dort umzusehen.“

Wong Tai nickte und rechnete sich bereits in Gedanken aus, dass er mehrere Tage brauchen würde, um Filraen und Nitro von hier aus zu erreichen.

„Sheila, als Magierin kannst du Nila und mich doch bestimmt mit einem Zauber an den Rand des Sturmhains bringen, oder?“

„Was willst du dort?“

„Ich habe nicht vor, alleine zu reisen und der erste, der mir einfällt, wäre Filraen. Ich möchte ihn abholen.“

„Wenn Nila mich hier sieht, wird sie sich fragen, warum Aurelius sie geschickt hat, aber ich ermögliche dir das schnelle Reisen.“ Sheila öffnete einen kleinen Lederbeutel, der sorgfältig an ihrem Gürtel befestigt war und nahm einen der Kristalle heraus. Die arkanen Worte der Erdmagierin waren Wong-Tai völlig fremd. Sie benutzte eine Magie, die er von anderen Zauberern nicht kannte.

Der Kristall leuchtete auf und verfärbte sich in ein dunkles Grün. Dann überreichte sie ihn dem Mönch. „Zerbrich ihn, während Nila deinen Arm berührt und ihr werdet am Sturmhain ankommen.“

Filraen durchstreifte an diesem milden Spätsommertag den Wald. Die Vögel zwitscherten, der Wind wog die Blätter der Bäume sanft hin und her.

Die Pflanzen und Tiere, um die er sich kümmerte, brauchten ihn nicht wirklich. Es gab hier keinen negativen Einfluss. Die Waldelfen nahmen die Pflege ihrer Heimat sehr ernst.

Es war immer das Gleiche: Sobald sich seine Muskeln entspannten, kroch die große Leere in ihm hoch. Die letzte Mission war viele Tage her und der Dunkelelf wurde immer unruhiger, immer unzufriedener. Ihm war durchaus bewusst, dass es nicht normal war, nur glücklich zu sein, wenn er kämpfen konnte, aber das war nun mal sein Lebensinhalt und er war weit entfernt davon, normal zu sein. Kein Dämon zu vertreiben, kein Drache zu töten, kein Priester des Lethan zu erschlagen -niemand da, den man hätte retten können. Filraen langweilte sich zu Tode.

Sein Bruder kam in den Friedenszeiten weitaus besser zurecht, was zum einen daran lag, dass er ein ausgeglicheneres Temperament hatte und sich zum anderen, aufgrund seiner Berufung als Magier, sehr oft mit Nachforschungsarbeiten beschäftigen musste.

So war es auch heute. Er saß gerade in seinem Arbeitszimmer und kämpfte sich durch hoch komplizierte Schriften jener Art, die fleißige Studenten nur allzu oft mit Kopfschmerzen straften.

Der Wasserelf war daran gewohnt wie er an das Leben an Land gewohnt war. Er rieb sich dennoch in regelmäßigen Abständen die Schläfen.

„Passt auf, wo ihr hintretet“, hörte er eine zarte, weibliche Stimme sagen. „Macht Euch keine Sorgen“, antwortete ihr männlicher Begleiter.

Filraen blieb abrupt stehen und spitzte die Ohren. Zwei der Stimmen kamen ihm bekannt vor und die leichten Schritte passten zu den Personen, die er damit verband. Doch da war noch eine dritte Person, die er noch nicht einordnen konnte.

Er schlich näher heran. Etwas Training konnte nicht schaden.

Wir bekommen Besuch. Wong-Tai und eine zierliche Frau werden von einer der Waldelfen zu uns geführt. Es gibt wohl irgendwo Ärger. Als Nitro die mentale Botschaft seines Bruders erhielt, unterbrach er seine Arbeit. Und ich möchte wetten, du freust dich schon, sandte er ihm zurück. Der Wasserelf konnte das zufriedene Grinsen seines Bruders förmlich spüren.

Wong-Tai dachte für einen Moment, er hätte jemanden bemerkt und blieb stehen. „Kommt schon, wir sind bald da“, trieb ihn die Waldelfe an. Er war sich nicht sicher, ob er wirklich etwas gehört hatte und folgte ihr weiter.

Der Dunkelelf war überrascht, dass er bemerkt worden war. Die Fähigkeiten des Asiaten hatten sich seit dem letzten Mal verbessert.

Er beeilte sich vor den Besuchern in dem kleinen Waldschloss zu sein, das er und Nitro ihr Heim nannten. Er begann zu joggen, dann zu rennen. Die Bewegung tat ihm gut. Er sprang über Wurzeln, wich behände tief hängenden Ästen aus. Seine geschickten, geschmeidigen Bewegungen hätten mit jedem Panther mithalten können.

Endlich waren sie an dem großen, von Efeu bewachsenen Gebäudekomplex angekommen. „Da sind wir“, verkündete die Elfe. Sie verabschiedeten sich kurz. Wong-Tai ging auf die große Eichenholztür zu, seine Begleiterin blieb hinter ihm.

Er wollte gerade klopfen, hatte die Hand bereits gehoben, als die Tür nach innen geöffnet wurde und Filraen vor ihm stand, welcher ihn mit einem beinahe gesungenen „Hallo“ begrüßte. Die weißen Zähne, welche völlig im Kontrast zur Hautfarbe standen, blitzten hervor, während er ihn angrinste. „Wir haben euch erwartet.“

Er genoss Wong-Tais überraschten Gesichtsausdruck. Was er weniger genoss, war das blanke Entsetzen, das der Begleitung des Mönchs ins Gesicht geschrieben stand. „Ein, ein Dämonenelf!“, stammelte sie und blieb wie versteinert zwei Schritte von der Tür entfernt stehen.

„Keine Angst, er ist keine Gefahr für Euch“, beruhigte Wong-Tai die völlig verstörte Frau. Dämonenelf? „Ich bin ja schon vieles genannt worden, aber das ist neu. Ihr müsst keine Angst vor mir haben.“

„Er freut sich darauf zu hören, wie er Euch helfen kann, seit Ihr den ersten Schritt in den Hain gemacht habt.“ Nitro begrüßte Wong Tai, dann die junge Frau und fuhr fort: „Er leidet unter fürchterlicher Langweile, dabei sind wir erst seit zwei Wochen wieder hier.“

Filraen versuchte möglichst wenig bedrohlich zu wirken. Er war darin geübt und was bei Tieren funktionierte, das klappte womöglich auch bei Elfen; zumindest begrenzt war seine Bemühung wirksam. Zögerlich und unter dem sanften Geleit von Wong-Tai betrat sie das Schloss, aber erst, als sich Filraen einige Meter von der Tür entfernt hatte.

Wong-Tai hatte sich verändert, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatten. Mal ganz abgesehen von der frisch rasierten Glatze und der rauen, sandig wirkenden Haut - er atmete nicht mehr.

Sieht so aus, als habe er die Grenze jetzt auch überschritten. Filraen nickte Nitro zu.

Die drei Gefährten nahmen um den Tisch herum Platz, auf dem vier Tassen und eine Kanne mit dampfendem Tee standen. Außer Nila nahm keiner von ihnen den Duft wahr oder verspürte Durst, auf sie hatte der Tee eher eine dekorative Wirkung.

Nila nahm ebenfalls zögerlich Platz. Argwöhnisch beäugte sie ihre Teetasse, machte aber keine Anstalten etwas zu kosten. Sie war noch jung, zierlich von Statur. Ihre Kleidung ließ den Schluss zu, dass sie nicht an Armut litt. Sie blickte immer wieder nervös zu dem Dämonenelfen hin, so als würde sie erwarten, dass er gleich aufspringen und ihr den Kopf abreißen würde.

Nila hier, benötigt meine Hilfe", setzte Wong-Tai zur Erklärung an und deutete auf das zarte Geschöpf. "Und ich denke nicht, dass ich der Aufgabe allein gewachsen bin.“ Diese Offenheit war für ihn ungewöhnlich. „Man hat sie als Diplomatin zu mir geschickt, aber am besten berichtet sie euch selbst."

Mit zittriger Stimme und nervösem Blick setzte Nila zur Erklärung an: „Mein Bruder Aurelius hat mich geschickt, da das Reich Istaria droht, durch Dalawind ausgelöscht zu werden. Er hofft auf Hilfe von außerhalb, da wir dringend jemanden brauchen, der sich unerkannt in Dalawind aufhalten kann.“ „Was ist das für ein Reich dieses Dalawind und was erwartet Euer Bruder, das wir tun?“, wollte Filraen wissen.

„Aurelius will mich vom Geschehen an der Grenze möglichst fernhalten. Ich kann Euch nicht viel dazu sagen, aber er erwartet Euch und wird alles mit Euch besprechen!“

„Am besten brechen wir gleich auf“, beschloss Filraen. „Wir holen nur schnell unsere Sachen. Wong-Tai war kurz abwesend mit seinen Gedanken. Er sah aus dem Fenster, strich sich über die Glatze und fragte sich, was sie wohl erwarten würde.

Vor ihm lag eine schwere Prüfung. Es war nicht allein die Bitte von Aurelius, sondern auch eine Mission seines Gottes.

Die beiden Elfen waren schneller als erwartet zurückgekehrt. Filraen hatte dafür gesorgt, dass sie immer reisefertig waren.

Ich hab‘ so ein Gefühl bei diesem Auftrag. Er fängt so harmlos an wie damals.

Du meinst die Hexengilde?, stellte Nitro die rhetorische Frage.

Filraen nickte. Die Geschichte lag nun schon beinahe 50 Jahre zurück. Es war eine der härtesten Missionen, die sie je bestritten hatten.

Viele blieben damals auf der Strecke oder waren anschließend für ihr Leben gezeichnet. Nur knapp hatten die beiden Brüder zusammen mit Crius über die Gilde gesiegt.

Dabei hatte alles ganz harmlos begonnen; so harmlos wie es jetzt wieder begann. Auch wenn man Filraen durchaus als paranoid hätte bezeichnen können und es viel zu früh war, die beiden Missionen miteinander zu vergleichen, war Nitro trotzdem beunruhigt. Auf den Instinkt seines Bruders war eigentlich immer Verlass.

Der Dunkelelf hingegen freute sich auf die Herausforderung, mit allem, was dazu gehörte. Es hatte beinahe etwas Masochistisches.

Filraen und sein Bruder waren auch weit davon entfernt, als bis an die Zähne bewaffnet zu gelten. Der Dunkelelf trug eine einzelne Waffe auf dem Rücken, einen kurzen Stock, dessen Klingenenden unter einem Lederfutteral verborgen waren.

„Yalurvin Ahrian“ - sein wertvollster Besitz und der einzige Gegenstand, auf den er wirklich Wert legte.

Sein Bruder hatte ihm diese Waffe geschmiedet. Es war ein „seelengeschmiedeter“ Gegenstand, was den Wert des Geschenkes um ein Vielfaches anhob. Nitro hatte mehrere Jahre damit verbracht, dieses Meisterwerk für ihn zu vollenden.

Nitros Waffen, zwei Langschwerter, waren weit weniger wertvoll, obwohl sie auch über starke Verzauberungen verfügten.

Unter ihrer Reisekleidung schmiegten sich fein gearbeitete Kettenhemden an ihre Körper und gaben ihnen Schutz, ohne ihre Beweglichkeit einzuschränken.

„Es gibt da noch etwas, das ich erwähnen sollte“, setzte Wong-Tai an. „Ich habe noch einen zweiten Auftrag, direkt von meinem Gott Earth.“ Fil und Nitro schauten ihn interessiert an.

„Ich soll einen verlorenen Tempel weihen.“ - „Oha, das machen wir dann nebenbei“, antwortete Filraen lässig und zwinkerte ihm zu.

„Wir werden hiermit in meine Heimatstadt Ravendir reisen.“ Nila legte den Kristall, den Aurelius ihr ausgehändigt hatte, auf den Tisch. „Aber da mich jeder berühren müsste und der Dämonenelf sicherlich nicht Hand an mich legen wird, benutzt ihn jemand von euch.“

„Alles klar.“ Filraen hatte den Kristall grinsend vom Tisch aufgehoben und blickte verheißungsvoll in die Runde. Als er Wong-Tais Blick sah, zuckte er mit den Schultern und überreichte in ihm mit einem „Schade“.

Ravendir

„Wo ist...oh wir sind ja da“. Nilas Augen glänzten, als sie ihre Heimatstadt Ravendir erblickte. „Ihr solltet Eure Gesichter verbergen, so lässt man Euch und vor allem ihn da bestimmt nicht rein.“ - „Wir sind schon ein wunderlicher Haufen“, stellte Filraen fest.

Selbst Wong-Tai fiel durch seine exotische Kleidung, seine sandige, raue Haut in Verbindung mit der Glatze und den mandelförmigen Augen auf wie ein bunter Hund.

Im Vergleich zu Nitro und Filraen ging er jedoch gerade noch als „normal“ durch.

„Ich werde das erledigen“, bot Nitro an, „aber ich warne Euch, es hält nicht lange an. Wir sollten uns also einen Ort suchen, an den wir uns zurückziehen können.“

„Ich bringe Euch zu einer Taverne und wenn Ihr bereit seid, geleite ich Euch dann zu meinem Bruder.“ Es war bereits später Nachmittag und es bestand wohl kein Grund zur Hast, jedenfalls erweckte die Halbelfe nicht den Eindruck, weshalb sie beschlossen, zumindest bis morgen zu rasten.

Noch außerhalb der Sichtweite jeder noch so scharfäugigen Stadtwache wirkte Nitro seinen Zauber auf alle außer Nila.

Der Halbelfe blieb der Mund offen stehen, als sie sah, wie sich ihre drei Begleiter innerhalb einer Sekunde in gewöhnliche Menschen mit einfacher Kleidung verwandelten. Einzig die Gesichtszüge und ihre Ausrüstung ließen erahnen, wer sie zuvor waren.

So betraten sie schließlich Ravendir und auf direktem Wege vorbei an Stadtwachen, Bürgern und Bettlern die Taverne mit dem treffenden Namen „Zur Ruhe“, wo sie sogleich drei Zimmer nahmen und unter dem Vorwand sehr müde zu sein, nichts zu essen bestellten.

Nila verabschiedete sich und kündigte an, dass sie morgen vorbeischauen würde.

Wong-Tai nutzte die Gelegenheit, seine Begleiter über den wirklichen Grund für ihre Ankunft in Ravendir aufzuklären. Sheila hatte ihn gebeten, möglichst viele Informationen aus der Stadt zu sammeln. „Alles, was merkwürdig ist, wollen wir wissen. Nila darf nicht erfahren, dass wir euch darum gebeten haben, um erst dann zum Lager aufzubrechen.“

Bisher unterschied sich Ravendir in keinem Punkt von den Städten, wie sie die Menschen in ihren Heimatreichen errichtet hatten.

Die Nacht brach herein. Alle drei lagen wach in ihren Zimmern, meditierten oder dösten vor sich hin.

Sie benötigten keinen Schlaf mehr, da sie alle die Schwelle der Sterblichkeit überschritten hatten. Sie waren Elementarwesen geworden und als solche benötigte man kein Essen, keine Getränke, keine Atemluft und eben keinen Schlaf, was verdammt lange Nächte mit sich brachte, wie Filraen erneut feststellen musste. Er war unruhig, konnte sich nicht entspannen.

Als die Sonne endlich untergegangen und die Stadt in einen tiefen Schleier der Dunkelheit gehüllt war, beschloss er spazieren zu gehen.

Ich begleite dich, teilte ihm sein Bruder über ihre mentale Verbindung mit.

Kurze Zeit später wanderten zwei schlanke, vermummte Gestalten durch die menschenleeren Gassen. Ob sie hier wohl auch Straßenräuber haben? Nitro schüttelte lächelnd den Kopf.

Sie schritten an großen Gebäuden mit ihnen unbekannten Zeichen darauf vorbei. Es handelte sich wohl um ansässige Gilden, deren Zweck hinter vergitterten Fenstern und geschlossenen Türen für sie heute Nacht verborgen blieb.

Vor allem das Zeichen eines schwarzen Skalpells blieb ihnen im Hinterkopf; schon allein, weil Nitro keine guten Erfahrungen mit chirurgischen Gerätschaften gemacht hatte und unfreiwillig eine ungesunde Phobie gegen dergleichen pflegte.

Als sie weitergingen, kamen sie an zahlreichen Tempeln von Göttern vorbei, die sie alle kannten, mit denen sie allerdings wenig zu verbinden wussten. Filraen folgte der Natur selbst; er verstand sich als ihre Klaue und Nitro folgte ihm.

Plötzlich blieb der Dunkelelf stehen. Er war fassungslos - hier, mitten in einer Menschenstadt, wo Nila lebte, die „Dämonenelfen“ offensichtlich nur aus übertriebenen Erzählungen kannte, stand ein großes Gebäude, an dem das Zeichen des Lethan prangte.

„Was in aller Welt?!“, platzte es aus ihm heraus, ….macht dieser Tempel hier?, setzte er den Satz gedanklich fort.

Nila wird uns morgen früh einiges erklären müssen, stellte sein Bruder fest. Also, man kann nicht sagen, dass es hier wenig zu sehen gibt., Lass‘ uns zurückgehen, wir haben mittlerweile die halbe Stadt durchquert, fuhr er fort und zog Filraen von dem Tempel weg, der schwer gegen den Drang ankämpfte, die Tür einzurennen und alles abzuschlachten, was sich drinnen rührte. von dem Tempel weg.

Er ließ es geschehen, auch wenn er gern einmal die Beherrschung verlor, behielt er meistens den Überblick. Es wäre töricht, Hals über Kopf dort einzufallen.

Der Tempel würde leider auch morgen noch stehen.

Als sich die beiden zurück auf ihre Zimmer schlichen, graute bereits der Morgen. Sie wollten ihren Beinen noch etwas Ruhe gönnen, bevor Nila aufkreuzen würde.

Gerade hatten sie ihre Stiefel ausgezogen, da klopfte es an Filraens Zimmertür: „Ja?“ - „Ich bin es, Wong-Tai.“- „Komm‘ rein.“ - „Ich habe euch etwas mitzuteilen, du solltest Nitro...“ - „Bin schon da“, ertönte es hinter ihm.

„Huh? Gut, ich habe eine Botschaft erhalten, wir bekommen noch Unterstützung…beziehungsweise ich bei meinem Auftrag von Earth. Ein Bekannter von mir – Conrath, ein Krieger, der noch eine Schuld zu begleichen hat. Es wird noch eine Weile dauern, bis er hier in der Stadt ankommt, ich soll auf ihn warten.“ „Das macht nichts. Ich bin sicher, wir finden hier noch die ein oder andere Beschäftigung“, entgegnete ihm Filraen trocken. Dann berichteten sie ihm von ihrer kleinen Nachtwanderung.

Eigentlich wollte Nitro mit Nila auf einem ihrer Zimmer sprechen. Als er den Wirt bat, eine entsprechende Nachricht an sie zu übermitteln und sie dann auf Filraens Zimmer zu schicken, teilte dieser ihm empört mit, dass dies nicht diese Art von Etablissement sei.

So blieb ihm nichts anderes übrig, als im Verborgenen zu warten, bis sie kam und dann erst den Verwandlungszauber zu wirken.

Allzu oft konnte er ihn heute nicht sprechen und einmal hatte er ihn schon an das Gespräch mit dem Wirt vergeudet.

Nila ließ sich Zeit.

Endlich. Es war schon fast Mittag, als sie in der kleinen Gaststube erschien, wo ihr noch, bevor sie den Tresen und den dahinterstehenden Wirt erreichte, drei durchschnittlich aussehende Menschen mit ungewöhnlicher Ausrüstung und Unmut in ihren Gesichtern entgegenkamen.

„Du hast uns lange warten lassen“, setzte Filraen an. „Ihr, äh…oh – verzeiht.“ Noch während sie antwortete, erinnerte sie sich wieder, dass es der Dämonenelf war, der da mit ihr sprach.

„Wir haben Fragen an Euch. Können wir die bei Euch zu Hause klären?“ Sie überlegte kurz, willigte dann ein. Der Wirt runzelte die Stirn und murmelte etwas, was klang wie „Die jungen Leute heute…“ in seinen Bart.

Schnell hatten sie Nilas Haus erreicht. Sie litt nicht an Armut, soviel stand fest.

Sie lebte allein mit einer Dienerin in dem dreistöckigen Gebäude. Im Inneren wimmelte es von kleinen, kristallinen Figuren und anderen Kunstgegenständen.

Ungeschickte Besucher hätten bestimmt einen gewaltigen Scherbenhaufen hinterlassen.

Ihre Dienerin war eine menschliche Frau mittleren Alters, die von Nila ziemlich umher gescheucht wurde, wodurch sie sich das ein oder andere Stirnrunzeln ihrer Gäste einhandelte. Sie hielten sich und vor allem Filraen zurück, denn sie hatten wichtige Fragen zu stellen.

Um ihre Bedienstete mit dem wahren Äußeren ihrer Gäste nicht zu erschrecken, schickte sie sie auf den Markt mit der Anweisung, sie könnte sich Zeit lassen.

„Ihr solltet zunächst wissen, dass wir noch auf jemanden warten müssen. Er wird innerhalb der nächsten Tage in dieser Stadt eintreffen“, eröffnete Wong-Tai das Gespräch.

Nilas Gesichtsausdruck verriet, dass sie sich nicht gerade freute. Sie befürchtete wohl einen weiteren Dämonenelfen.

„Das Schiff nach Istaria wird in zwei Tagen hier eintreffen. Sollten wir es verpassen, müssen wir vierzehn Tage warten“, teilte sie der Gruppe mit.

„Wir fahren mit dem Schiff? Wie lange werden wir denn bis zu Aurelius reisen müssen?“, wollte der verdutzte Nitro wissen. Das Reisen ohne magische Hilfe war er nicht mehr gewohnt.

Es war mindestens 100 Jahre her, dass sie das letzte Mal mit einem Schiff gefahren waren. Da Teleportationsmagie nur benutzt werden konnte, wenn man den Zielort mindestens einmal gesehen hatte, blieb ihnen kaum eine andere Wahl.

Filraen überlegte unterdessen, ob es nicht einen schnelleren Weg gäbe, die Front zu erreichen. Er erinnerte sich, dass es da einen Zauber gab, den er schon lange nicht mehr gewirkt hatte.

Sie hatten also Zeit, einige Dinge zu klären. Denn auch wenn sie auf Conrath warten mussten, würden sie vermutlich früher, als es Aurelius vorgesehen hatte, eintreffen.

„Warum gibt es hier einen Tempel des Lethan?“, stellte Filraen die Frage, die ihm schon die ganze Zeit unter den Nägeln brannte.

„Hm, warum sollte es hier keinen geben?“- „Weil es der Gott der Dunkel... Dämonenelfen ist.“ Die Lautstärke seiner Stimme hatte zugenommen. „Hier…hier gibt es keine wie Euch“, antwortete Nila nervös.

„Warum dann dieser Tempel?“ - „Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht daran, je einen Priester von dort gesehen zu haben. Eigentlich war mir bis jetzt nicht klar, dass es ein Tempel ist“, antwortete sie mit eingeschüchterter Ehrlichkeit.

„Es gibt hier eine Menge Organisationen. Über manche weiß ich leider nichts zu sagen. Da Ihr ja noch warten müsst, kann ich euch gerne herumführen“, bot sie überraschend zuvorkommend an.

„Da gibt es dieses kleine Problem mit unserer Erscheinung“, erinnerte sie Nitro, „aber wenn wir sonst nichts zu tun haben, präge ich mir nur den Verwandlungszauber ein, so könnten wir etwas mehr Zeit in der Öffentlichkeit verbringen.“

„Wunderbar, dann beginnen wir am besten bei den Schamanen, da könnt Ihr dann eure Zeichen erhalten.“

Ihre drei Gäste blickten sie stirnrunzelnd an. „Zeichen, was für Zeichen?“, stellte Wong-Tai stellvertretend für seine Begleiter die Frage.

„Die Schamanen geben jedem ein Zeichen, der eine kleine Spende bereithält oder in dem sie etwas Besonderes erkennen. Das ist meins.“ Sie schob ihr weißblondes Haar zurück und offenbarte die mystische Rune, die halb wie eine Tätowierung und halb wie ein Brandzeichen aussah.

Neugierig betrachteten alle das Symbol. Sie überlegten, ob sie es schon einmal gesehen hatten und was es bedeuten könnte, doch es war ihnen völlig fremd.

„Was nützen einem diese Zeichen?“, wollte Nitro wissen. „Oh, das ist von Person zu Person unterschiedlich. Mein Zeichen ermöglicht mir, einen kleinen Funken zu schleudern. Leider kann ich ihn nicht so richtig kontrollieren, weshalb ich es erst zweimal ausprobiert habe. Wenn ich mich mal verteidigen muss, ist es sicher nützlich.“

„Nützlich? Wenn du es nicht kontrollieren kannst, wie soll es dir da helfen?“ Der Dämonenelf hatte Recht, das wusste sie. Auf das Zeichen war mehr als wenig Verlass, aber jeder, der etwas auf sich hielt und nicht als „unbegabt“ gelten wollte, hatte eines.

Außerdem garantierte das Zeichen, dass man nicht durch einen dummen Zufall in der Sklaverei landete.

„Hast du etwas dagegen, wenn wir es uns einmal etwas genauer ansehen?“ Sie schüttelte den Kopf und Nitro untersuchte das seltsame Symbol, das sich aus mehreren verschnörkelten Linien zusammensetzte zunächst auf Magie.

Es war wie zu erwarten auch welche vorhanden, allerdings nur an einem Punkt. Vorsichtig begann er das Zeichen abzutasten. Nila bekam eine Gänsehaut.

Der Magier bemerkte dies nicht. Seine Aufmerksamkeit galt dem Zeichen oder besser dem Punkt, welcher sich als Hubbel herausstellte.

„Fil, schau dir das mal an.“ Jetzt sträubten sich Nilas Nackenhaare und kalte Schauer liefen ihr den Rücken hinunter, da der Dämonenelf ihr am Hals herumtatschte.

„Hmm, ob da etwas drin ist?“ - „Wie, was ist wo drin?“ Sie zuckte zurück. „Ruhig, haltet still!“, befahl er ihr. “Ich bin erfahren in der Heilkunde, keine Angst.“

Wong-Tai nickte beruhigend. „Macht Euch keine Sorgen“. Die Worte des rauhäutigen Menschen beruhigten sie ein wenig.

Es fühlt sich wie eine kleine Kugel an, ein Implantat oder ein Symbiont. Ich würde es mir ja näher ansehen, dazu müsste ich an ihr herumschneiden und das würde ihr sicher nicht gefallen, teilte Filraen seinem Bruder mit.

Es war weiser sich über die Gedankenverbindung zu unterhalten, denn sie war schon verängstigt genug. „Vielleicht finden wir bei den Schamanen mehr heraus“, schlug Nitro für alle hörbar vor. „Ich werde etwas Zeit brauchen mir die Zauber einzuprägen.“

„Unterdessen könnte ich schon einmal schauen, ob ich bei den Schamanen etwas herausfinde. Ich denke, ich falle nicht so stark auf und brauche nicht unbedingt einen Zauber“, bot Wong -Tai an. „Gut, sei vorsichtig“, riet ihm Filraen.

Nitro hätte ihm ja einen Verwandlungsspruch mitgegeben. Er konnte aber nicht wissen, wie lange er brauchte. Es hätte sicherlich für mehr als nur Verwunderung gesorgt, wenn er sich mitten auf der Straße oder schlimmer, mitten in einem Gespräch zurückverwandelt hätte.

So verbarg der Mönch sein Gesicht unter der Kapuze seines Mantels, was zwar schon verdächtig wirkte, aber angesichts der warmen Mittagssonne kein ungewöhnlicher Anblick war.

Nila hatte ihm den Weg beschrieben. Sie wollte die „Fremden“ und insbesondere den Dämonenelfen nicht unbewacht in ihrem Haus zurücklassen - wer weiß, was er sonst anstellen würde.

Ein großes, dreistöckiges Haus: weiß-blau gestrichen, seltsame Zeichen über dem Eingang. Er war angekommen.

Die Fenster im unteren Stockwerk waren vergittert - nichts Ungewöhnliches. Nicht alle Diebe waren auch gute Fassadenkletterer.

Wong-Tai ging, wie es seine Art war, direkt die Stufen hinauf, bis er vor der mittelblau gefärbten Tür zum Stehen kam.

Er klopfte, wartete, klopfte, wartete länger, dann griff er zur Türklinke – sie war offen.

Vorsichtig stieß er die Tür auf und sah einen kleinen Flur, wo man seine Garderobe hinterlassen konnte und eine hölzerne Treppe, die ein Stockwerk nach oben vor eine weitere unbemalte, hölzerne Tür führte.

Der Mönch zuckte mit den Schultern und ging die knarzenden Stufen der Treppe hinauf.

Oben angekommen, griff er diesmal gleich nach der Klinke und wie erwartet war auch diese Tür unverschlossen. Er öffnete sie langsam.

Zum Vorschein kam ein kleines Zimmer, das an den Wänden bestuhlt war. Auf zwei der Stühle saßen eine gut gekleidete Frau mittleren Alters und daneben ein Junge zwischen 8 und 10 Jahren, vermutlich ihr Sohn.

Die beiden starrten Wong-Tai verwundert an, dem bewusst wurde, wie seltsam er auf sie wirken musste, so vorsichtig wie er die Tür geöffnet hatte.

Mit einem „Guten Tag“ und einem Lächeln gelang es ihm, die Situation wieder aufzulockern. „Seid Ihr auch wegen des Zeichens hier?“, wollte die Frau wissen und ohne den Fremden zu Wort kommen zu lassen, fuhr sie fort: „Mein Sohn bekommt es heute. Er ist sehr talentiert, müsst Ihr wissen. Die Schamanen haben großes Potential in ihm gesehen. Bei mir war es ähnlich, als ich damals mein eigenes bekam. Mein Mann meinte, es wäre noch zu früh, aber bei seinen Anlagen…“

Während sie erzählte, schaute Wong-Tai sich um. Ihre Worte vernahm er nur noch im Hintergrund. Es gab zwei weitere Türen und ein kleines Fenster, durch das er gerade gepasst hätte. An der Wand waren bedeutungslose Landschaftsbilder angebracht. Es waren 10 Stühle in dem kleinen Raum. Auf einem davon hatte er mittlerweile Platz genommen.

„Hört Ihr mir überhaupt zu?“ In diesem Moment rettete ihn eine aufgehende Tür vor der peinlichen Situation.

„Der Nächste, bitte“, verkündete ein unscheinbarer Mann in Landestracht. „Das sind wir!“ Die Frau stand auf, an der Hand ihren Sohn.

„Verzeiht, wäre es möglich ein paar Fragen zu stellen?“, richtete Wong-Tai das Wort an ihn. „Ihr müsst warten, bis Ihr dran seid!“ - „Aber…“ Der Junge streckte ihm im Vorbeigehen die Zunge heraus, die Tür schloss sich.

Wong-Tai stand auf und wollte sie öffnen, da hörte er das Schloss einrasten.

Er wollte keinen großen Aufstand veranstalten und so beschloss er zu warten. Seit seinem Training bei Bobs Meister war Geduld eine seiner Tugenden geworden. Der alte Mönch hatte ihn oft tagelang warten und meditieren lassen.

„Hm, er lässt sich ganz schön Zeit.“ - Hoffentlich hat er nichts angestellt, ergänzte Filraen mental. „Wir könnten die Besichtigung ja schon mal ohne ihn starten und treffen ihn dann später. Ich schicke ihm kurz eine Nachricht.“

Als der Wasserelf seinen Zauber vollendet hatte, erschienen die Worte in Wong-Tais Geist. Nitro teilte ihm ihr Vorhaben mit und Wong-Tai informierte sie über seine gegenwärtige Situation. Man verabredete sich, sich später wieder an Nilas Haus zu treffen.

Die Frühsommersonne stand hoch am Himmel, als zwei Menschen unter der Führung einer Halbelfe die Straßen entlangwanderten.

Die beiden Fremden ließen sich alles erklären. Es gab hier wirklich eine Menge Organisationen, von denen keine in ihren immer gelangweilter werdenden Zuhörern Interesse weckte.

Bis sie schließlich - es war schon später Nachmittag, einen zweiten Marktplatz betraten.

Die Augen der Brüder weiteten sich vor Entsetzen. Hier bot man Menschen als Waren an. In was für eine Stadt waren sie hier geraten?

„Ist…“ ,Filraen kämpfte mit seiner Beherrschung, „...ist DAS!“, er deutete auf den Markt, „hier normal?“ - „Was?“, fragte Nila unschuldig.

Fast wäre er explodiert. Gern hätte er ihr für die dumme Frage mal so richtig eine… „Na Sklavenhandel“, ergänzte sein Bruder die Frage, während er ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legte.

„Warum? Hält man bei euch denn keine Sklaven?“ - „Nein. Tut man nicht“, antwortete Filraen, wobei er zwischen jedem Wort schnaubte.

Nun bekam sie es mit der Angst zu tun. Was hatten die nur? Jeder, der etwas auf sich hielt, hatte Sklaven und man konnte ihr wirklich nicht vorwerfen, dass sie ihre schlecht behandelte.

Beinahe wäre den Elfen die längliche Halle entgangen, die sich am Rand des Marktplatzes befand. Über ihrem Eingang prangte ein Symbol, das sie schon einmal gesehen hatten.

Ein schwarzes Skalpell. „Was ist das dort drüben für ein Gebäude und vor allem was ist das für ein Zeichen?“

„Oh das, das ist das Zeichen der Bruderschaft des langen Tode. Es sind solche wie euer Freund - Mönche. Und das Gebäude ist die Halle, wo sie die Sklaven hinbringen, wenn der Markt vorüber ist“, beantwortete sie Nitros Fragen.

„Ich denke, wir haben genug gesehen für heute“, beschloss Filraen.

Nila nahm einen kürzeren Weg zurück und so kamen sie an einer Zoohandlung vorbei.

Sogar eine Großkatze, die in einem viel zu kleinen Käfig gesperrt war, bot man hier im Schaufenster an.

Das wird eine lange Nacht. Nur aufgrund seiner Erfahrung gelang es dem Waldläufer sich zu beherrschen.

„Siehst du, hat nicht weh getan.“ - „Hat es wohl!“, antwortete das Kind trotzig.

Endlich war er dran. Der Stuhl hatte bereits einen Abdruck in seinem Hintern gelassen. „Nun?“, wendete er sich an den unscheinbaren Mann, „kann ich Euch nun ein paar Fragen stellen?“

„Sicher könnt Ihr das, kommt herein. Einen Termin habt Ihr zwar nicht, aber wir erwarten niemanden mehr für heute.“

Sie durchquerten einen kleinen Flur und gelangten in einen großen Raum. Die Wände und der Boden waren mit Teppichen bedeckt, deren Muster man nur als verwirrend bezeichnen konnte. Von der Decke hingen bunte Stoffvorhänge, die ein seidiges Labyrinth bildeten. Überall standen Räucherkerzen, die fleißig ihren Gestank verbreiteten.

Wong-Tai war froh, dass er nicht atmen musste. Er folgte dem unscheinbaren Mann bis zu dem, was er für die Mitte des Raumes hielt.

Dort lagen zwei flauschig aussehende Sitzkissen auf dem Boden. „Setzt Euch.“ Er kam der Aufforderung nach und kniete sich in östlicher Manier auf die weiche Unterlage.

Sein Gegenüber hockte sich in den Schneidersitz. „Seid Ihr ein Schamane?“, stellte der Mönch die direkte Frage.

Er war verdutzt, als sein Gegenüber mit „Ja, natürlich“ antwortete, denn einen Schamanen stellte er sich anders vor: Federschmuck im Haar, mit Holzmaske oder Knochenschmuck - eben gar nicht wie den Nachbarn von nebenan.

Er ließ sich seine Verwunderung nicht anmerken und setzte ein steinernes Gesicht auf. Vielleicht liefen die Schamanen hier alle so rum. Er durfte sich nicht anmerken lassen, dass er überrascht war, denn dann hätte er sich gleich „Fremder“ auf die Stirn schreiben können.

Der Schamane stellte sich ihm als Zarkal Narom vor. Auch Wong-Tai nannte seinen Namen und kam gleich auf den Punkt. „Ich hätte ein paar Fragen zu den Zeichen“ - „Gern werde ich sie Euch, soweit es mir möglich ist, beantworten“, kam ihm Zarkal freundlich entgegen.

„Was bedeuten Sie?“ - „Das hängt davon ab, was sie bewirken.“ - „Was bewirken Sie?“ - „Das ist von Person zu Person unterschiedlich.“ - „Wie fertigt Ihr sie an?“ - „Ihr müsst verstehen, dass wir diese Information nicht weitergeben können.“

„Müssten nicht zumindest die darüber Bescheid wissen, die sie erhalten haben?“ - „Der Vorgang ist leider recht schmerzhaft, weshalb wir den Empfänger betäuben.“

„Was hat es mit diesem Hubbel unter dem Zeichen auf sich?“ Der Schamane zog kurz eine Augenbraue hoch, bevor er antwortete: „Oh, das ist nur ein Nebeneffekt, der sich leider nicht vermeiden lässt. Es handelt sich um Narbengewebe.“

Magisches Narbengewebe? Wong-Tai war klar, dass er gerade belogen worden war, hielt aber seine steinerne Miene aufrecht.

Er wusste, dass er von diesem Mann keine brauchbaren Informationen mehr erwarten konnte. Offensichtlich hatten die Schamanen etwas zu verbergen.

Da er allein war, beschloss er nichts zu riskieren und sich zuerst mit den anderen zu beraten.

„Ich danke Euch für die Informationen. Ich muss nun gehen, lebt wohl.“ Er stand auf und verneigte sich kurz vor Zarkal.

„Wollt Ihr denn kein Zeichen? Ihr müsst die Prozedur nicht fürchten, Ihr erhaltet vorher eine Betäubung“ - „Nein, danke.“ „Falls Ihr es euch anders überlegt, Ihr wisst wo ihr mich findet“, rief er dem Asiaten hinterher, der bereits auf dem Weg nach draußen war.

Der Sonnenstand verriet ihm, dass er den gesamten Mittag in dem Haus verbracht hatte. Schnellen Schrittes machte er sich auf den Rückweg. Er erreichte sein Ziel noch vor den anderen.

Die Geräusche, die aus dem Inneren zu ihm drangen, verrieten ihm, dass jemand vermutlich in der Küche, zu Gange war, und so klopfte er an die Tür.

Als die Haushälterin ihm öffnete, begrüßte er sie freundlich und wollte eigentlich gleich an ihr vorbeigehen. Sie schaute ihn mit großen Augen an, als würde sie ihn nicht kennen. Er hielt sofort in der Bewegung inne.

Er hatte vergessen, dass sie ihn nur unter Einfluss des Verwandlungszaubers kannte. „Wer seid Ihr?“, fragte sie ihn erschrocken.

Nun fiel ihm auch auf, dass der Schamane, der im Gegensatz zu Mutter und Kind im Wartezimmer, sein Gesicht gesehen und sich trotzdem völlig normal verhalten hatte.

War er nur höflich gewesen? „Ich wollte zur Herrin des Hauses, Nila. Ist sie zu sprechen?“

„Nein, sie ist noch unterwegs.“ Sie musterte seine ärmliche Kleidung. „Kommt heute Abend wieder“, dann knallte sie ihm die Tür vor der Nase zu.

Kopfschüttelnd hockte sich der Mönch auf die kleine Treppe, die zur Eingangstür führte, zog die erdfarbene Kapuze tiefer ins Gesicht. Wieder musste er Sitzfleisch beweisen.

„Bei den Göttern, sitzt da ein Bettler auf meiner Treppe?“ - „Das ist Wong-Tai“, entgegnete Nitro amüsiert. „Oh.“ Sie lief vor Scham rot an.

Jetzt, da sie näher kamen, erkannte sie ihn auch - aber warum saß er vor ihrem Haus?

Sie begrüßten einander kurz und gingen gemeinsam hinein, um die Informationen auszutauschen und ihr weiteres Vorgehen zu planen, während Nila sich endlich Zeit für sich nehmen konnte.

„Offensichtlich steckt mehr hinter den Zeichen, als man auf den ersten Blick erkennen kann. Was mir Sorgen bereitet, ist, dass sie so ein Geheimnis aus der Fertigung machen und mich angelogen haben, als ich auf die Knoten zu sprechen kam. Zumindest strahlt der Schamane nichts Böses aus“, fasste Wong-Tai zusammen.

„Was nichts heißen muss. Gut möglich, dass er sich vor Entdeckungsmagie geschützt hat“, ergänzte Nitro.

„Wir sollten diese Hubbel näher untersuchen. Mir kommt die Geschichte mehr als nur verdächtig vor. Narben können nun mal nicht magisch sein; ich vermute, dass es Symbionten oder etwas in der Art sind. Das Zeichen selbst dient einfach nur der Tarnung.“

„Sie kann mit dem Zeichen einen Funken erschaffen. Also im besten Fall eine Kerze anmachen, das ist nicht gerade anspruchsvolle Magie.“

„Zumindest genügt es den Leuten hier, dass sie sich nicht wegen des Hubbels beschweren.“ Filraen war sich sicher, dass es hier um etwas ganz anderes ging, als die bemerkenswerte Fähigkeit Streichhölzer zu ersetzen.

„Ich kümmere mich nebenbei darum. Sicher kann man mit Erkenntnismagie herausfinden, was das für Zeichen sind. Momentan gebe ich dem keine Priorität. Wir hatten noch was vor heute, also wollen wir?“ Filraen nickte. Es war an der Zeit aufzubrechen.

„Wollen die Herren eine Tasse Tee oder...?“ Lisbeth war verstört. Vor einer Sekunde hatte sie die Gäste noch reden hören. Sie schaute sich um, fand niemanden, schüttelte dann den Kopf und machte sich wieder an ihre Arbeit.

Der Teleportationszauber hatte die Gruppe in eine kleine Gasse, ganz in der Nähe ihres Ziels gebracht.

In regelmäßigen Abständen patrouillierten Wachen über den Marktplatz, das Zeitfenster schien sehr groß und die Wachen wenig aufmerksam zu sein.

Die drei Gestalten schlichen im Schutz der Nacht quer über den Platz bis hin zur Rückseite der Lagerhalle. Vor dem Gebäude selbst war keine Wache zu sehen. Immerhin war der Eingang beleuchtet.

Sie mussten sich einen besseren Überblick verschaffen. Filraen aktivierte die besondere Kraft seiner magischen Rüstung und flog auf das Dach.

Hier gab es Fenster; kleine zwar aber breit genug, dass er sich hindurchzwängen könnte.

Er warf einen Blick hinein und sah dort 6 Menschen, die auf dem Boden zusammengekauert hockten. Lange, schwere Ketten hielten sie aneinandergefesselt. Unweit von ihnen entfernt, direkt zwischen den Sklaven und der Tür, saßen drei Wächter an einem Tisch, lachten, würfelten und freuten sich des Lebens.

„Verdammt, schon wieder hab‘ ich meinen gesamten Sold an dich verloren.“- „Hehe, solltest dich mehr aufs Spiel und weniger aufs Rauchen konzentrieren? So wer ist noch…“

Plötzlich brachen sie alle in sich zusammen. Nitros Schlafzauber war ein voller Erfolg. Während Wong-Tai Schmiere stand, drangen Filraen und sein Bruder über die Dachfenster in die Lagerhalle ein, hielten die Sklaven an, ruhig zu bleiben.

Sie befreiten sie von den Ketten. Für Nitro war es ein Leichtes, die einfachen Schlösser auch ohne Schlüssel zu öffnen. Dann ketteten sie die Wächter fest.

„Wisst ihr einen sicheren Ort, an dem ihr Zuflucht finden könnt?“

Einige nickten.

„Ich bringe euch erst einmal aus der Stadt heraus.“

Die Sklaven waren alle bei recht guter Gesundheit, immerhin sollten sie ja verkauft werden. Auffällig war, dass sie alle das schwarze Skalpell als Tattoo an ihrem Hals hatten.

„Es gibt einen Sonnentempel, der Flüchtlinge aufnimmt, dort am Fuße der Berge“, der ehemalige Sklave deutete zum Horizont.

Im Mondlicht konnte der Wasserelf die Berge schemenhaft erkennen. Das genügte für einen weiteren Teleportationszauber.

Und so bekam der Tempel der Sonne noch in dieser Nacht Besuch.

Währenddessen liefen Filraen und Wong-Tai zurück zu Nilas Haus. Auf halbem Wege teilte der Dunkelelf seinem Begleiter mit, dass er noch etwas zu erledigen habe und noch eher der sich versah, war er auch

schon weg.

Am nächsten Morgen war es in der Stadt sehr unruhig.

Überall liefen hektische Wachen umher. Wie man sich erzählte, hatte jemand alle Sklaven gestohlen und nicht nur das. Ein paar Straßen weiter fand man den Tierhändler in einem seiner eigenen Käfige eingesperrt. Sein Geschäft war völlig leergeräumt.

Niemand konnte sich einen Reim darauf machen und so suchten die Wachen den ganzen Tag nach Auffälligkeiten, konnten aber nichts finden. Damit sich das nicht änderte, machte die Gruppe es sich bei Nila bequem.

„Was habt Ihr nur getrieben?“, fragte sie vorwurfsvoll, als sie aus dem Fenster blickte. „Alles, was nötig war“, antwortete Filraen trocken. „Was ist eigentlich mit den Dingern in Eurem Hals?“

Die Halbelfe rieb sich über ihr Zeichen, verzog dabei das Gesicht. „Also bisher habe ich noch von niemandem etwas Negatives gehört, also lassen wir alles so wie es ist!“, antwortete sie genervt.

„Ich hätte da noch eine Frage: Ich habe eine Tätowierung am Hals deiner Dienerin bemerkt, wie sie die Sklaven tragen. Ist sie deine Sklavin?“

Nila zögerte mit ihrer Antwort. Die Frage des Dämonenelfen kam ihr seltsam vor und er hatte einen eigenartigen Tonfall in der Stimme. „Ja, aber ich behandle sie gut, wirklich! Nicht wahr, Lisbeth?“, rief sie ihre Sklavin herbei.

„Ihr habt mich gerufen“ - „Lisbeth, sag Ihnen, dass ich dich gut behandele.“ Die Frau schien sich über die Frage zu wundern, beantwortete sie aber, ohne zu zögern: „Ja, die Herrin behandelt mich gut.“- „Herrin?!“, brüllte Filraen die beiden Frauen an.

„Es ist mir gleich, wie sie dich behandelt! Ich...wir dulden keine Sklaverei!“- „Ihr seid hiermit frei, Lisbeth!“, ergänzte der Dunkelelf.

Beide Frauen schienen nicht zu wissen, wie sie sich verhalten sollten. Auch Wong-Tai war von der forschen Art des Waldläufers etwas überrumpelt, stand aber hinter seiner Meinung.

Er achtete zwar das Gesetz; Sklaverei war trotzdem inakzeptabel. „So, so einfach ist das nicht“, setzte Lisbeth an. „Ja genau“, fuhr Nila fort, „ihr könnt mir nicht einfach meine Dienerin wegnehmen, ich werde…“

„Ihr werdet sie künftig angemessen bezahlen. Sollte sie kündigen, werdet Ihr das hinnehmen und wir werden es dabei belassen. Andernfalls sagt Eurem Bruder, dass wir wegen eures Verhaltens ablehnen, ihm zu helfen.“ Nitros saß völlig ruhig am Tisch, lächelte Nila so freundlich er konnte an und wartete auf ihre Antwort.

Mit hochrotem Kopf lief sie zur Treppe, die zu ihrem Zimmer führte: „Wir klären das später, ich habe jetzt Kopfschmerzen!“, teilte sie der Gruppe mit und stampfte nach oben.

„Was, was soll ich tun, wenn ich frei bin?“ - „Was immer ihr wollt“, entgegnete ihr Wong-Tai. „Ja, deshalb nennt man es Freiheit“, ergänzte Filraen lächelnd. „Ich denke 20 Goldstücke werden euch den Start etwas erleichtern.“ Mit diesen Worten legte Nitro einen kleinen Beutel mit Goldmünzen auf den Tisch.

Lisbeth war sprachlos. Bei einer solchen Großzügigkeit musste es einen Haken geben. „Was soll ich dafür…“ - „Nichts“, entgegnete er.

„Da gibt es noch ein Problem. Das Tattoo an meinem Hals kennzeichnet mich als Sklavin.“

Sag ihr, du kannst es wegzaubern. Ich habe da eine Idee: Wirke bitte einen Scheintod auf sie.

„Auch dafür haben wir eine Lösung. Ich kann es dir mittels Magie entfernen. Es wird nicht wehtun“, schlug ihr der Fremde, der sie so reich beschenkt hatte, vor.

Sie fand die drei Gestalten, die offensichtlich ihre Gestalt verändern konnten, alles andere als vertrauenswürdig. Vor allem vor dem Dämonenelfen hatte sie Angst.

Sie hatte sich erst kürzlich furchtbar vor ihnen erschrocken. Ihre Herrin hatte sie beschwichtigt und bisher hatten sie ihr noch nichts angetan. Sie wollten ihr sogar die Freiheit schenken und ein nicht unerhebliches Sümmchen Gold, mit dem man fünf von ihrer Sorte hätte kaufen können.

„Das tut auch sicher nicht weh?“, vergewisserte sie sich. „Ganz sicher nicht. Ihr schließt die Augen, öffnet sie und seid das Zeichen für immer los“, erläuterte Nitro.

„Ihr erwartet wirklich nichts von mir?“

„Nein, keine Sorge.“

„Und das viele Gold?“

„Na, das müssten wir ja sonst nur mit uns rumschleppen.“

„Also gut, äh…ich meine - ich danke Euch, macht schnell.“ Der Wasserelf nickte, lächelte sie an und wirkte seinen Zauber. Sie verlor sofort die Besinnung. Er war natürlich darauf vorbereitet und fing sie auf.

Wong-Tais Stirn warf Falten. „Was hast du gemacht?“

„Ich habe sie in Scheintod versetzt.“

„Damit ich ihr das Ding am Hals wegschneiden kann“, ergänzte Filraen.

„Dann habt ihr sie belogen.“

„Ja, ganz ohne rot zu werden“, entgegnete der blauhäutige Wasserelf.

„Meinst du, es wäre besser gewesen, ihr zu sagen, dass wir oder besser ich, der böse Dämonenelf dazu an ihrem Hals herumschneiden muss? Los, bringen wir es hinter uns.“

Während die beiden Brüder die bewusstlose Frau in die Küche trugen, blieb dem Wahrheit liebenden Mönch nichts weiter übrig, als die Tat hinzunehmen. Er würde hier warten, sich wenigstens nicht direkt beteiligen.

Zu zweit hoben sie sie auf den Küchentisch. Der Dunkelelf bat seinen Bruder lediglich den Kopf der Frau über eine Schüssel zu halten. Er wusste, dass er eine berechtigte Phobie vor Operationsbesteck hatte, deshalb empfahl er ihm aus dem Fenster zu schauen.

Nitro war dankbar, dass er nicht mehr tun musste und nahm den Rat natürlich an.

„Schau dir das an, da ist auch ein Hubbel unter dem Tattoo, nur etwas tiefer.“ Filraen fuhr die kleine Beule vorsichtig ab. „Genauso groß wie bei den Zeichen. Dir würde es leichter fallen, rauszufinden was es ist, wenn wir es mitnehmen, oder?“

Nitro nickte und stellte eine kleine, leere Phiole parat. „Das ist Glasstahl. Ich will auf Nummer sichergehen, nicht dass was kaputtgeht.“

Krampfhaft starrte er aus dem Fenster, während Filraen den Inhalt seiner Heilertasche ausbreitete.

Schneiden, heilen, tupfen. Schneiden, heilen, tupfen. Er musste vorsichtig sein. Gewöhnlich waren einfache Menschen keine großen Verletzungen gewohnt und der Scheintod ließ ihn leider über ihren Zustand im Unklaren.

Endlich war er fertig. Er säuberte seine Hände und sein Werkzeug, leerte das Blut aus der Schüssel in

den Ausguss und wusch den Hals seiner Patientin ab.

Perfekt. Er war zufrieden. Vorsichtig ließ er die kleine, milchig weiße Kugel, die einst der „Hubbel“ war, in die Phiole fallen.

Nitro konnte sich auch endlich wieder entspannen. Er setzte Lisbeth auf einen der Stühle und rieb sich den Nacken, während er die Stelle an ihrem Hals, an dem vorher noch das Tattoo war, betrachtete. Nichts.

„Es ist hier“, teilte ihm sein Bruder grinsend mit und hielt ihm einen blutigen, tätowierten Hautfetzen vor die Nase. „Fil!“, entgegnete Nitro angewidert.

Der Dämonenelf überlegte kurz, ob er den Hautfetzen Nila zum Geschenk machen sollte, entschloss sich dann, ihn zu verbrennen. Er umschloss den Fetzen mit seiner Hand, woraufhin dieser Feuer fing und gleich wieder erlosch. Die Asche ließ er auf den Boden rieseln.

Nachdem nun alle Spuren der Operation beseitigt waren, bannte der Magier seinen Zauber und die freie Frau Lisbeth erwachte.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte sich Nitro. „Ja, ich denke schon. Was mache ich denn in der Küche?“ Ohne auf ihre Frage einzugehen, hielt er ihr einen Handspiegel hin: “Seht, es ist fort.“ Sie nahm ihn und schielte hinein.

„Ja tatsächlich, ich danke euch, danke für alles!“ Sie umarmte ihn herzlich, drückte ihm einen feuchten Kuss auf die Backen. „Schon in Ordnung, gern geschehen.“ Jetzt wäre er fast rot geworden.

„Wie kann ich euch danken?“- „Für den Anfang? Indem ihr aufhört, mich zu zerquetschen“, entgegnete er.

Sie ließ daraufhin von ihm ab. „Im Ernst, wie kann ich euch danken?“ - „Lebt einfach ein gutes Leben und wenn ihr könnt, dann helft jemandem, wie wir euch geholfen haben.“

„Oh, ich danke euch!“ Wieder wurde er umarmt. „Die anderen wundern sich bestimmt schon, wo wir bleiben.“ Mit diesen Worten befreite er sich und ging zurück in das Wohnzimmer.

Lisbeth schaute aus dem Küchenfenster. Sie war jetzt ein freier Mensch. Es war mittlerweile Nachmittag. Morgen früh würde sie mit dem ersten Hahnenschrei diese Stadt und ihr altes Leben hinter sich lassen.

Sie verkündete ihrem Retter und seinen Begleitern ihren Entschluss. Selbst der Dämonenelf schien sich zu freuen.

So glücklich war sie schon lange nicht mehr. Sie musste packen und sich ausruhen. Nila hatte sich unter ihre Decke verkrochen. Sie hatte Migräne - kein Wunder bei dem Stress, den die Fremden verursachten.

Hätte sie das vorher gewusst. Sie verfluchte ihre Situation und auch Aurelius, der dafür verantwortlich war.

Wenn sie an Helden dachte, dann sah sie vor ihrem geistigen Auge blonde Jünglinge auf weißen Rössern mit güldenen Schwertern. Ganz bestimmt keine Fischelfen, trockenhäutige Mönche oder gar Dämonenelfen.

Es war ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen gab, oder doch? Vielleicht wachte sie ja irgendwann auf und der Spuk war vorbei? Dazu müsste sie erst einmal schlafen. Wenn nur diese verdammten Kopfschmerzen nicht wären.

Sie hatte es schließlich geschafft einzuschlafen. Als sie wieder erwachte, war die Migräne endlich verschwunden. Sie sah aus dem Fenster. Es musste Mittag sein. Im Haus war alles still, herrlich.

Warum hatte ihr Lisbeth kein Frühstück gebracht? Sie würde sie wohl wieder schelten müssen. Es verdarb ihr nicht die Laune, sie fühlte sich gut.

Nila legte sich Kleidung auf dem Bett zurecht, zog ihr Nachtgewand aus, als just in diesem Moment ein lautes Platschen hinter ihr ertönte. Warmes Wasser spritzte ihr an Beine und Rücken - zumindest hielt sie es dafür. Dann folgte das Geräusch eines dumpfen Aufschlages.

Sie war starr vor Schreck. Sie hörte, wie irgendetwas ächzte und stöhnte. Langsam, das Nachthemd vor sich haltend, drehte sie sich um.

Jetzt sah sie, dass es kein Wasser war. Blut - überall war Blut. Vor ihr eine gewaltige Lache, an der Decke ein riesiger Fleck, der noch vor sich hin tropfte.

Direkt vor ihr rappelte sich gerade stöhnend ein Blut besudelter Hüne auf. Als Stütze verwendete er eine große Henkersaxt.

Der Mann richtete sich vor der erstarrten Halbelfe zu seiner vollen Größe auf, rieb sich mit einem Tuch über Gesicht und Augen. Jetzt nahm er die halbnackte Frau, die vor ihm stand, wahr. Nicht schlecht, befand er. „Hallo, ich bin Conrath!“ Er lächelte. „AH!!!“ Nila schrie wie am Spieß.

Schnell hasteten sie die Treppe hinauf. So laut wie ihre Gastgeberin kreischte, hatte es bestimmt die ganze Stadt gehört. Es musste etwas Ernstes passiert sein.

Als mit einem lauten Knall die Tür aus den Angeln flog, schaute Nila unweigerlich hin und erblickte den Dämonenelfen mit gezogener Waffe.

Das war zu viel für ihren Verstand und so kam die Ohnmacht über sie. Zu ihrem Glück fiel sie weich auf ihr Bett.

Filraen gab einen unmenschlichen Kriegsschrei von sich, der dem unerfahrenen Feind das Blut in den Adern gefrieren ließ. Seine Gesichtszüge veränderten sich: Sie wurden tierhaft, bildeten eine leichte Schnauze, seine Zähne wurden nadelspitz, die Muskeln schwollen an und Yalurvins Klingen flammten auf.

Gerade wollte er auf den blutüberströmten Hünen, der allem Anschein nach Nila getötet hatte, losgehen, da hörte er Wong-Tai schreien: “Halt, das ist Conrath!“-„Was? Der da?“, entgegnete der Dunkelelf mit grotesk verzerrter Stimme. Er sah hinüber zu Nila. Er sah, wie sich der spärlich bedeckte Brustkorb regelmäßig hob und senkte.

„Wo kommt das ganze Blut her?“

„Von meiner Axt. Ich bin durch sie hergekommen“, entgegnete der Hüne. Von der Axt tropfte wirklich ständig frisches Blut.

Hätte er wirklich Nila mit dem riesigen Ding getroffen, würde sie bestimmt anders aussehen, hörte Filraen die Stimme seines Bruders im Geiste. Jetzt konnte er sich wieder beruhigen. Die Flammen erloschen, sein Gesicht nahm wieder elfische Züge an.

„Was für eine Sauerei“, stellte Wong-Tai fest. Der Raum erinnerte im Moment eher an eine Schlachterei als an ein Schlafzimmer.

Ein dumpfes Klopfen war plötzlich zu hören. Jemand hämmerte an die Eingangstür des Hauses. „Öffnet sofort die Tür, hier ist die Stadtgarde! Öffnet, wir haben Schreie gehört!“- „Ich denke, wir sollten aufbrechen oder wollt ihr das hier der Garde erklären?“, wendete sich Nitro an die Gruppe. Daran hatte nun wirklich niemand Interesse. Für Erklärungen und eine richtige Vorstellung war später noch Zeit.

Der Magier teleportierte sie erst einmal alle aus der Stadt, an den Punkt zurück, wo sie zu Beginn ihrer Reise aufgetaucht waren.

Kurz bevor sie verschwanden, hörte man noch die Tür unten bersten.

Conrath und Librius?

„Warum hast du die Axt wieder, Conrath?“, wollte Wong-Tai wissen. Die Frage war durchaus berechtigt. Das verfluchte Artefakt war vom Dämonenfürsten Ubriel erschaffen worden und bildete zusammen mit Mantel, Buch und Nachtmahr die Ausrüstung des sogenannten „Henkers“.

Der „Henker“ hatte die unheilvolle, nie enden wollende Aufgabe, die Personen die namentlich erwähnt in dem Buch erschienen, zu töten. Um dies erledigen zu können, erhielt der „Henker“ besondere, übermenschliche Fähigkeiten.

„Ich habe sie gestohlen. Ich kann sie hier reinigen, hat mir Earth erzählt. Ubriel hat sie nämlich gar nicht erschaffen, er hat sie nur verflucht. Ich hab den Auftrag, sie von dem Fluch zu reinigen und außerdem soll ich dich unterstützen, um meine Schuld zu begleichen.“ Conrath war schon einmal Träger der blutenden Axt gewesen. Es hatte damals nicht lange gedauert, bis er „zufällig“ in Besitz des Mantels und des Pferdes kam und somit zum „Henker“ geworden war.

Nur durch göttliches Eingreifen von Earth gelang es, ihn vom Fluch zu befreien.

„Reinigen? Wie soll das vonstattengehen?“, hakte der Mönch nach. „Ich weiß nicht, es gibt hier wohl irgendwas, womit das gehen soll, ich muss mich hier noch schlau machen.“

Ja, das würde bei ihm sicher nicht schaden, dachte Filraen und stellte sich dem stupiden Riesen vor. Sein Bruder tat es ihm gleich. Der Mensch war mindestens 40 Zentimeter größer als die beiden; auch Wong-Tai hätte sich leicht hinter ihm verstecken können.

Die beiden Elfen kannten ihn zwar nur kurz, aber der erste Eindruck war nicht der beste und es sollte noch schlimmer werden.

„Nein, ich stelle dich ganz bestimmt nicht vor, sie können dich nicht sehen...jaja ist ja gut, das ist Librius. Librius, das sind Wong-Tai, Nitro und äh Filra..en.“ Conrath deutete neben sich, doch da stand niemand.

„Conrath“, sprach ihn Filraen an. „Ja?“ - „Da steht niemand neben dir“ - „Oh doch, er ist ein Geist, ihr könnt ihn nicht sehen oder hören, das kann nur ich.“

Nitro gestikulierte kurz und wirkte einen Zauber, mit dem er Unsichtbares entdecken konnte – nichts. Er sah die anderen an und schüttelte den Kopf. „Du hast also einen Geist zum Freund, den nur du hören und sehen kannst?“, fasste Wong-Tai zusammen. Er machte sich ernsthaft Sorgen um den Geisteszustand seines alten Bekannten.

„Ja, ja mach ich, jetzt nerv mich nicht!“, schrie er die Luft an. „Er war auch mal der Henker und ist jetzt an diesen Stein gebunden.“ Der blutbeschmierte Riese kramte einen großen Kristall aus seiner Gürteltasche.

„Er wird mir helfen, die Axt zu reinigen, obwohl er ziemlich nerven kann, hör auf zu singen!“

„Der hat sie nicht alle, oder?“, flüsterte Nitro Wong-Tai zu, der den Hünen ungläubig ansah.

Bisher schadet er zumindest niemandem und ein bisschen verrückt sind wir ja alle. Irgendwie finde ich ihn lustig. Filraen hatte Recht. Es war auch langsam an der Zeit aufzubrechen.

Und so beschlossen die Elfen, sich ihre Fragen bezüglich der Axt für später aufzuheben, wenn sie sowieso rasten mussten.

„Ich kann dich vom Blut reinigen Conrath, mit einem Zaubertrick“, bot der Wasserelf an. „Oh, das wäre gut“ und mit zwei arkanen Worten war er sauber, als hätte er gerade ein Bad genommen. „Wir sollten jetzt aufbrechen, ich werde ein Wunder auf uns wirken, das uns in Wolken verwandeln wird, als solche können wir mit großer Geschwindigkeit reisen.

Bei Bedarf könnt ihr, solange die Kraft wirkt, diese Gestalt nach Belieben aufgeben und wieder aufnehmen.

Wir sollten nur darauf achten, zusammen zu bleiben. Kann es losgehen?“ Alle nickten und so verwandelte Filraen alle mitsamt ihrer Ausrüstung und imaginären Freunden in Wolken mit grob humanoiden Zügen, worauf sie sich unter seiner Führung in die Lüfte erhoben.

Am Morgen hatten sie sich bei Lisbeth über die Richtung informiert, in die sie reisen mussten, um nach Istaria zu gelangen. Es war recht einfach, sie mussten nur dem breiten Fluss nach Südosten folgen.

Ungebremst rasten sie über das Land. Es war herrlich. Diese Empfindung teilten sie alle, so unterschiedlich sie auch waren. Sogar Wong-Tai brach hin und wieder aus der Formation aus, um etwas knapper über der Wasseroberfläche zu fliegen, auch wenn er sich sonst gut unter Kontrolle hatte, dem Geschwindigkeitsrausch konnte sich keiner entziehen.

Als sie schon eine Weile geflogen waren, sahen sie ein Segelschiff vor sich, das ihnen wohl entgegen fuhr. Es war gut möglich, dass dies das Schiff war, mit dem sie normalerweise hätten reisen sollen. Zum Glück hatte sich Filraen an den Zauber erinnert.