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Alex Auzinger, Sohn eines erfolgreichen Familienunternehmens soll auf Wunsch des Vaters die Firmenleitung übernehmen. Doch bevor er sich der Verantwortung stellt, gönnt sich der neue Chef noch einen richtigen Männerurlaub mit seinen Freunden. Abenteuer-Urlaub in Südamerika, lautet die Devise. Doch ein kleiner Ausrutscher bremst den Tatendrang der jungen Männer, sodaß sie auf die Gastfreundschaft einer armen Gauchofamilie, die in der einsamen Wildnis der Sierra de Comenchigones lebt, angewiesen sind. Knall auf Fall verliebt sich Alex in die faszinierend schöne Tochter des Hauses und beschließt, sie mit nach Deutschland zu nehmen. Dort aber warten eine ahnungslose Braut und ein verärgerter Vater, der mit Enterbung droht.
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2016
www.tredition.de
Anamaria Campesina
YANAWARA
Eine Romanze in Argentinien
www.tredition.de
© 2016 Anamaria Campesina
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-0738-0
Hardcover:
978-3-7345-0739-7
e-book:
978-3-7345-1086-1
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Es war ein eisig kalter Januar-Morgen. Schon die ganze Nacht hindurch hatte es geschneit und die Welt in eine glitzernde Schneelandschaft verwandelt. „Kaum zu glauben, daß um diese Uhrzeit schon so viele Menschen auf der Straße sind”, brummte Alex vor sich hin, der wie jeden Tag mit seinem Porsche auf dem Weg zur Arbeit war. Wie üblich war er natürlich auch heute wieder viel zu spät aus dem warmen Bett gekrabbelt, obwohl ihn sein Vater – und gleichzeitig sein Chef – gestern abend noch ausdrücklich um pünktliches Erscheinen im Büro gebeten hatte. Während er auf die anderen Autofahrer schimpfte, die seines Erachtens viel zu langsam dahinschlichen, ließ er seinen Überlegungen freien Lauf. Er fragte sich, was denn ausgerechnet heute von so großer Wichtigkeit sein könnte, daß er schon um 7.00 Uhr erscheinen sollte. Sonst spielten doch ein paar Minuten mehr oder weniger nie eine Rolle. Alex’ Vater hatte gut reden. Er wohnt ja nur um die Ecke, wohingegen Alex ein Penthouse am anderen Ende der Stadt sein Zuhause nennt. Zwar bietet dieses jeglichen Komfort, einschließlich einer atemberaubenden Aussicht auf die Alpen, sofern der berühmte Fön weht. Doch Alex murrt allmorgendlich verärgert, wenn er sich deshalb durch die ganze Stadt und somit durch den dichten Berufsverkehr kämpfen muß. Und ausgerechnet heute nacht mußte es auch noch schneien. Eigentlich sollte er sich über diese weiße Pracht freuen, denn für nächste Woche plante er eine Skitour in die Alpen. Vier Tage nach Kitzbühl, nur er und Yvonne! Wie sehr freute er sich darauf, endlich ein paar Tage allein mit seiner Freundin, nichts anderes im Kopf zu haben als Skilaufen, Aprés Ski, Schlafen, solange einem der Sinn danach war - und dafür bot der Neuschnee eine fantastische Voraussetzung. Doch im Moment war er mehr als hinderlich, denn nicht nur, daß er durch den starken Verkehr im Stau steckte, auch sein Wagen war im Schnee äußerst schwer zu manövrieren. „Verflixt, es geht einfach nicht voran. Der Alte wird sauer sein,” überlegte Alex und sah dabei auf seine Rolex. „So ein Mist, nur noch zehn Minuten Zeit!” Und während er schon über eine Ausrede nachgrübelte, läutete sein Handy. Die Nummer im Display bestätigte seine Befürchtung, daß sein Vater bereits ungeduldig auf ihn wartete.
„Wo bleibst Du denn so lange? Konntest Dich mal wieder nicht von Yvonne losreißen, was?” fragte die ihm sehr wohl bekannte Stimme zwar freundlich, jedoch nicht ganz ohne ironischem Unterton.
„Hallo, guten Morgen, Paps. Wie immer hast Du recht”, antwortete Alex nicht minder schelmisch, „doch wer konnte mit so einem Wetter rechnen? Ich stecke mitten im Stau, werde mich aber beeilen”.
„Gut, mein Junge. Du hast Glück. Da einige der anderen Konferenzteilnehmer ebenfalls noch mit Abwesenheit glänzen, müssen wir das Ganze wohl ohnehin um eine Stunde verschieben. Also, fahr vorsichtig, und bis gleich!”.
Alex nahm erleichtert die gute Laune seines Vaters zur Kenntnis, denn er verärgerte ihn nur ungern. Er legte auf und war nun vollkommen irritiert. Seit mehr als fünf Jahren war er nun Assistent der Geschäftsführung, und immer wurde er in die Terminplanung sowie die Ansetzung von Konferenzen eingeweiht. Von einer Konferenz jedoch war gestern abend noch keine Rede gewesen, als sein Vater ihn bei einem kurzen Anruf bat, pünktlich um sieben ins Büro zu kommen. Und wer waren die anderen Teilnehmer? Er hatte sich eher auf ein Gespräch zwischen ihm und seinem Vater eingerichtet, wofür sein Vater, wie schon sehr häufig, die ruhigen Morgenstunden wählte. Doch diesmal handelte es sich um etwas, wovon er instinktiv spürte, daß es wohl von größerem Ausmaß sein müsse. Warum sonst so ein Getue? Er konnte sich einfach keinen Reim auf die Worte seines Vaters machen. Aber in wenigen Minuten würde er ja erfahren, worum es sich handelte.
Unweigerlich glitten nun seine Gedanken wieder zu Yvonne, seiner Freundin, die ihn auch heute wieder mit einem leidenschaftlichen Kuß verabschiedete. Sie war eine ausgesprochene Schönheit. Ihre wohlgeformt schlanke, und dennoch nicht dünne, Figur betonte sie geschickt mit allerlei Finessen der Mode. So liebte sie es sehr, hautenge kurze Tops zu knackigen Jeans zu tragen, was ihre zierlichen, weiblichen Rundungen verführerisch hervorhob. Ihren zarten, blassen Teint brachte sie mit dezent aufgelegtem, perfektem Make up zusätzlich zur Geltung und verlieh so ihrem Gesicht einen zerbrechlichen Ausdruck, wie bei einer Porzellanpuppe. Der goldblonde Fransen Bubikopf hingegen vermittelte einen kindlich, schelmischen Eindruck. Wie sehr er doch immer wieder von ihren ausdrucksvollen blauen Augen, die größer wirkten, als sie waren, fasziniert war! Nur ein kurzes Lächeln ihres wohlgeformten, unwiderstehlichen Mundes ließ ihn dahinschmelzen wie Butter in der Sonne.
Dabei war ihr Kennenlernen so unromantisch, wie man es sich nur vorstellen kann. Schmunzelnd dachte er daran, wie eines Tages im Büro seines Vaters Herr Dr. Oskar Mertens erschien. Dr. Mertens, der Anwalt der Firma, der gleichzeitig ein Studienfreund von Alex’ Vater war, wollte lediglich einige wichtige Fragen direkt mit dem Chef klären. Der Anwalt ging davon aus, daß dies mit wenigen Worten erledigt wäre, deshalb stattete er Herrn Auzinger senior auf dem Nachhauseweg von seiner Kanzlei einen Kurzbesuch ab. Seine Tochter, die ihn begleitete, bat er, im Wagen auf ihn zu warten. Doch wie oftmals bei geschäftlichen Besprechungen, dauerte auch diesmal die Beantwortung einiger weniger Fragen mehrere Stunden. Deshalb entschloß man sich, gemeinsam zu Abend zu essen, wo man sich in gemütlicherem Rahmen ebenso gut über Geschäftsprobleme unterhalten könne. Selbstverständlich nahm auch Alex, der genauso wie sein Vater noch zu so später Stunde im Büro saß, daran teil.
Alex lächelte vor sich hin bei dem Gedanken, wie schüchtern er damals der jungen Dame gegenübersaß, die Selbstbewußtsein und Unnahbarkeit ausstrahlte. Doch im Laufe des Abends lockerte sich die Athmosphäre, sodaß Alex und Yvonne sich für das kommende Wochenende verabredeten, um gemeinsam ein Tanzlokal zu besuchen. Nach und nach entwickelte sich eine Freundschaft, die sich im Laufe der Zeit in Liebe verwandelte.
„Liebe? Ist es wirklich Liebe, die uns verbindet?” schoß ihm gerade ein Gedanke durch den Kopf. „Oder ist es möglicherweise doch einfach nur männlicher Besitzerstolz?” Yvonne war ein gefragtes Model, auf den berühmtesten Laufstegen der Welt zuhause. Kaum ein Modezar, der nicht schon um Fotoaufnahmen anklopfte, und ausgerechnet er war der Mann an ihrer Seite. Er mußte sich eingestehen, daß er sich bei jeder Gelegenheit in ihrer Gesellschaft sonnte. Natürlich liebte er Yvonne, gewiß. Wegen ihres Berufs allerdings war es notwendig, daß sie viel reiste. Auch kam es häufig vor, daß Sie bei Modenschauen oder anderen Gelegenheiten so manchen bedeutenden Persönlichkeiten begegnete. Wie oft schon war es vorgekommen, daß er ihr Konterfei in irgendeinem Modejournal zusammen mit einem Schauspieler oder Sänger, vielleicht auch einer Sportlergröße entdeckte, was ihn immer wieder aufs Neue ärgerte. Er mußte sich eingestehen, dass ihn dann jedesmal die fürchterlichsten Zweifel plagten, obwohl Yvonne ihm nie den geringsten Grund zur Eifersucht gab.
„Liebe? Ja, er liebte sie wirklich”, versuchte er sich zu beruhigen. Warum aber wich er dann immer wieder einer Heirat geschickt aus? Jedem Versuch von Yvonne, einen Hochzeitstermin festzulegen, konnte er bisher eine überzeugende Ausrede entgegenhalten. „Wie lange würde sie das noch hinnehmen?” fragte er sich manchmal. Immerhin lebten sie jetzt schon mehr als zwei Jahre zusammen. Und auch die Eltern der beiden jungen Leute würden eine Ehe sehr begrüßen, zweifellos. Doch was hielt ihn dann immer wieder davon ab? Worauf wartete er denn? Nennt er denn nicht das begehrteste Mädchen der Stadt seine Braut? Und doch war er sich seiner Sache einfach nicht sicher. So verrückt es auch klingen mag, aber irgendwie konnte er sich diese Frage selbst nicht beantworten.
Es war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, darüber nachzugrübeln. Jetzt galt es, sich auf die Straße zu konzentrieren, um nicht im letzten Moment noch einen Unfall zu riskieren. Nur noch wenige Minuten, und er würde auf dem Fabrikhof ankommen, wo ein reservierter Parkplatz für ihn bereitstand. Voller unruhiger Neugier in Erwartung dessen, was nun kommen sollte, bewältigte er auch noch die letzten drei Abzweigungen und steuerte seinen Wagen auf das Tor zu.
* 2 *
„Guten Morgen, Herr Auzinger, Ihr Vater ist schon im Haus!” begrüßte ihn, wie immer fröhlich lächelnd, der Pförtner und öffnete die Schranke.
„Guten Morgen, Herr Schmidt. Ja, ich weiß. Wir haben schon telefoniert,“ entgegnete Alex. „Passen Sie gut auf mein Schmuckstück auf, ja”, bat Alex, was Herr Schmidt mit einem zackigen „Jawohl, Herr Auzinger”, quittierte. Alex schmunzelte über dieses tägliche Ritual und eilte davon.
Mit einem Blick auf die Uhr vergewisserte sich Alex nochmal, daß er ja „nur” 20 Minuten zu spät war, und der unvorhergesehen starke Schneefall würde ihm ein ausgesprochen plausibles Alibi für seine erneute Unpünktlichkeit geben. Also betrat er wohlgelaunt das moderne Bürohaus, welches einer alten, aber technisch hochmodern ausgestatteten Fabrikhalle, gegenüberlag.
Während im Bürogebäude nur durch wenige Fenster Licht nach außen drang, arbeitete die Fabrik bereits auf vollen Touren. Der monotone Lärm der Maschinen bestätigte diese Tatsache.
Der seit mehreren Jahrzehnten renommierte Betrieb, den Andreas Auzinger sen., Alex’ Grossvater, mit viel Einsatzgeist und Enthusiasmus in den 50ern mit einer nur kleinen Arbeiterschaft gründete, hat sich in den letzten Jahren unter der Leitung von Andreas Auzinger jun., Alex’ Vater, zu einem ansehnlichen Großunternehmen gemausert. Die Firma produziert elektronische Zubehörteile für Automobile der gehobenen Klasse, und mit der stetig steigenden Tendenz des Verkaufs von immer luxuriöseren Karossen steigt natürlich auch der Bedarf seiner Produkte. So blieb es nicht aus, daß die Fabrik in regelmäßigen Abständen ihre Produktionsstätte und somit auch die Zahl der Mitarbeiter aufstocken mußte.
„Guten Morgen, Herr Auzinger”, empfing Susanne Maier den Junior-Chef mit ihrer, wie immer fröhlichen, wohlklingenden Stimme. „Ihr Vater erwartet Sie bereits im Konferenzraum!”
„Hallo, Frau Maier, na dann wollen wir ihn nicht lange warten lassen”, entgegnete Alex, zog nur schnell seinen Mantel aus und legte ihn seiner Sekretärin über den Arm. Daraufhin machte er sich auf den Weg ins oberste Stockwerk, das ausschließlich der Geschäftsleitung sowie dem repräsentativen Konferenzsaal vorbehalten war.
Dort angekommen erblickte er auch schon Herrn Dr. Mertens sowie Herrn Dr. Kiss, den Chef-Buchhalter des Hauses, Herrn Burger, den Personalchef sowie Herrn Mähler, den Abteilungsleiter Export – kurz, fast die gesamte Führungsriege - im Gespräch vertieft. Sein Vater hatte bereits an der Stirnseite des imposanten, auf Hochglanz polierten Mahagonitisches Platz genommen. Hinter dessen Rücken blickte Alex das Konterfei des Firmengründers in schon etwas ausgebleichten Ölfarben von der teuren Zedernholzwand streng musternd an. Alex grüßte kurz in die Runde und setzte sich an seinen Platz, zur rechten Seite seines Vaters.
Nachdem auch der letzte Teilnehmer, Herr Hartrampf, Abteilungsleiter Verwaltung, eingetroffen war, und sich überschwenglich für sein Zuspätkommen durch die überraschend schlechten Witterungsverhältnisse entschuldigt hatte, konnte die Besprechung beginnen.
„Zunächst meine Herren, lieber Alex, möchte ich Ihnen danken, daß Sie Ihre Terminplanungen so kurzfristig geändert haben. Doch leider war es mir nicht möglich, diese Besprechung auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen”, begann Herr Andreas Auzinger sein Referat.
„Wie Sie alle wissen, leite ich dieses Unternehmen, welches ich von meinem Vater übernahm, seit mehr als 30 Jahren. Wir sind eine lange Strecke des Weges gemeinsam gegangen, haben viele Höhen und auch Tiefpunkte erlebt. Und nur durch dieses Miteinander sind wir das, was Sie heute hier sehen – ein führendes Unternehmen in unserer Branche. Jeder einzelne von Ihnen hat wesentlich zum Erfolg dieser Firma beigetragen, wofür ich Ihnen aufrichtig danke. Doch nun ist es an der Zeit, mich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen. Sie alle wissen, mich beschäftigt diese Überlegung bereits seit einiger Zeit, sodaß dies keine Neuigkeit für Sie darstellt. Jetzt aber gibt es zwingende persönliche Gründe, endlich einen Termin dafür festzulegen.”
Herr Auzinger ließ bei diesen Worten seinen Blick in die Runde schweifen, doch keiner der anwesenden Herren schien wirklich überrascht von dieser Mitteilung. Auch konnte es keine Zweifel über die Nachfolge geben, war es doch bereits Tradition in der Firma, die Geschäftsleitung an den Sohn weiterzugeben.
„Lieber Alex, wie Du nun richtig vermutest, so möchte ich Dir das Ruder überlassen, Dir die Verantwortung für unser Geschäft übertragen,“ fuhr Herr Auzinger in seiner Rede fort. „Du hast Dich als mein Assistent in den vergangenen Jahren sehr gut bewährt, sodaß ich glaube – nein, sodaß ich weiß - Du bist nun bereit dazu, diese Firma geschickt und verantwortungsvoll weiterzuführen.”
An den Rechtsanwalt gerichtet fuhr Herr Auzinger fort: „Herr Dr. Mertens, bitte bereiten Sie einen Übergabevertrag, datiert auf den”… Herr Auzinger sen. legte geschickt eine kurze Pause ein… „nun, sagen wir auf den 01.07. dieses Jahres vor“. Er blickte in das freudig überraschte Gesicht Alex’ und fuhr fort: „Wie Du richtig erkennst, mein Junge, soll es gleichzeitig ein Geburtstagsgeschenk an Dich sein.”
Alex feierte am 01 .Juli dieses Jahres seinen 30. Geburtstag. „Welch ein Geschenk!” durchfuhr es ihn, denn genau darauf hatte er schon so lange gewartet. Endlich durfte er wirklich alleine die Entscheidungen für das Unternehmen treffen.
„Vielen Dank für Dein Vertrauen”, wandte Alex nun mit freudig blitzenden Augen ein, „doch weshalb rufst Du uns dann ausgerechnet heute, und dann noch so früh am morgen zusammen?”
„Darauf wollte ich gerade kommen, Alex“, erklärte er seinem Sohn.
„Nun, meine Herren, es ist Ihnen allen bekannt - speziell Ihnen Herr Mähler - daß ich in Verhandlungen mit einem japanischen Automobilhersteller stehe, welcher eventuell künftig seine Fahrzeuge mit unseren Produkten ausstatten will. Deshalb hatte ich geplant, am Donnerstag nach Tokio zu fliegen. Leider ist es mir, wie schon erwähnt, aus dringenden persönlichen Gründen nicht möglich, diese Reise anzutreten. Unser Unternehmen hat es jedoch immer so gehalten, daß erste Kontakte mit neuen Kunden vom Chef persönlich geknüpft werden, eine Art Kundenservice sozusagen.“ An Alex das Wort gerichtet, fuhr Herr Auzinger fort: „Betrachte diese Neuerwerbung als Deine erste selbständige Aufgabe als – im Moment noch stellvertretender - Leiter der Firma Auzinger, und wenn Du so willst, als Bewährungsprobe. Herr Mähler wird Dir sicher mit Rat und Tat zur Seite stehen, so wie ich davon ausgehe, daß Sie alle, meine Herren, meinen Sohn in Zukunft tatkräftig unterstützen werden, damit unsere Firma das bleibt, was sie ist, ein florierendes Unternehmen.“ Herr Auzinger blickte in die Runde und nahm überall zustimmendes Nicken wahr. „Was nun meine Person betrifft, ich selbst werde mich noch heute für drei Wochen auf einen Kururlaub begeben – deshalb dieser kurzfristige Besprechungstermin - und in den folgenden Monaten bis zur endgültigen Übergabe werde ich mich mehr und mehr ins Privatleben zurückziehen.”
Noch während die Herren Abteilungsleiter und Prokuristen ihrem neuen Chef gratulierten, fuhr Herr Auzinger fort: „Im Laufe des Tages bitte ich jeden einzelnen von Ihnen um ein persönliches Gespräch bezüglich der Klärung abteilungsbezogener Details, welche im Laufe der Übergangsperiode bis Juli durchgearbeitet werden bzw. von mir auf meinen Sohn übertragen werden müssen.”
„Das wars in den Grundzügen, was ich Ihnen mitzuteilen hatte. Ich danke Ihnen nochmal fuer Ihr Kommen”.
Mit diesen Worten wurden die Herren Prokuristen aus der Besprechung entlassen. Diese erhoben sich, um sich wieder ihren Aufgaben zuzuwenden. Nur Alex und sein Vater verblieben im Konferenzraum.
Andreas Auzinger rief nach seiner Sekretärin und bat um zwei Tassen starken Kaffee.
„Danke Vater, ich freue mich sehr darüber, daß ich nun bald die Firma übernehmen darf. Aber was ist los,” fragte Alex, nachdem sie wieder alleine im Zimmer waren. „Warum konnte diese Mitteilung nicht noch etwas warten? Ist etwas nicht in Ordnung?”
„Kein Grund zur Sorge”, antwortete Herr Auzinger „Es ist nur so, daß ich gestern noch bei meinem Arzt war. Wie Du ja weißt, bereiten mir solche Fernreisen und die damit verbundenen Zeit- bzw. Klimaverschiebungen wie bei der anstehenden Japan-Reise, schon seit längerem gesundheitliche Probleme, und Herr Dr. Breitfelder riet mir, mich in Zukunft nicht mehr den Strapazen eines derart langen Fluges und dem Streß der Verkaufsverhandlungen auszusetzen. Das Herz ist nicht mehr das jüngste, weißt Du? Auch wenn ich mir das oftmals nicht eingestehen will. Er legte mir außerdem dringend ans Herz, ans kranke Herz, den Kururlaub nun nicht mehr länger hinauszuschieben. Herr Dr. Breitfelder ermöglichte es, daß ich noch morgen früh in der Kurklinik Bad Tölz aufgenommen werde, was ich nach längerem Beratschlagen mit dem Arzt und Deiner Mutter schließlich auch angenommen habe. Ich bin überzeugt, Du wirst die Situation in Japan erstklassig meistern. Deshalb habe ich mich entschlossen, Dir diese Aufgabe zu übertragen. Außerdem möchte ich Dich in diesem halben Jahr mit allen wichtigen Punkten vertraut machen, und mich nach und nach – nicht von heute auf morgen – in mein Privatleben zurückziehen. Desweiteren bin ich der Meinung, daß dann auch unsere Prokuristen sich daran gewöhnen können, daß Du hier jetzt das Sagen hast.”
Alex war der einzige Sohn und war sein ganzes Leben lang auf diese Aufgabe vorbereitet worden, und doch beschlich ihn nun, wo es endlich so weit war, insgeheim ein unbehagliches Gefühl, ein bißchen Angst vor der Verantwortung.
„Nun Alex, ich weiß, daß dies möglicherweise letztendlich doch etwas überraschend für Dich kommt und ich Dir vielleicht noch ein bißchen mehr Zeit für die Einarbeitung hätte geben sollen. Kurz und gut, mein Gesundheitszustand erlaubt es mir nicht. Ich bin also in gewisser Weise gezwungen, baldmöglichst das Ruder abzugeben. Doch es fällt mir nicht schwer, da ich wirklich überzeugt davon bin, daß Du diese Aufgabe bestens meistern, ja wieder neuen Schwung in den Betrieb bringen wirst.“ Alex nickte mit einem grübelnden Gesichtsausdruck. „Und außerdem, ich bleib Dir ja erhalten, wenn auch immer mehr im Hintergrund. Du kannst Dich ja jederzeit mit Fragen oder auch Problemen an mich wenden. Keine Sorge, so schnell wirst Du mich nicht los,“ fügte er noch lächelnd hinzu.
Es klopfte an der Tür, und die Sekretärin servierte den dampfend heißen Kaffee, den sie mit einem freundlichen Lächeln auf den Tisch stellte. Als sie den Raum wieder verlassen hatte, fuhr Herr Auzinger fort:
„Und dann, mein Junge, möchte ich Dir noch einen persönlichen, guten Rat mit auf den Weg geben: Heirate endlich! Dann kannst Du Deinen Kopf auf die geschäftlichen Dinge konzentrieren und bist nicht mehr länger auf der Suche nach der Traumfrau”, nahm Herr Auzinger das Gespräch wieder auf.
Alex wollte gerade widersprechen, als sein Vater bereits wieder fortfuhr: „Glaub nur ja nicht, ich sehe nicht, was da passiert. Du willst Dich einfach nicht festlegen, möchtest Dich nicht binden. Was willst Du eigentlich? Dabei hast Du doch das sympathischste und schönste Mädchen bereits gefunden. Und vor allem, mein Junge – sie liebt Dich. Setz das nicht aufs Spiel.”
Alex war platt. Es war ihm nie bewußt geworden, wie sehr sein Vater ihn durchschaute. Trug er seine Unsicherheit wirklich so stark nach außen, daß man es ihm ansah?
„Laß uns heute abend gemeinsam Essen gehen. Wir beide und unsere Damen,” schlug Herr Auzinger vor. „Ich möchte mit meiner ganzen Familie den Beginn einer neuen Ära feiern! Ruf bitte gleich zuhause bei Yvonne an und sag ihr Bescheid, daß sie sich für heute nichts anderes vornimmt.”
Alex freute sich sehr und es erfüllte ihn mit Stolz, endlich der Leiter dieses Unternehmens zu werden, sodaß er auf die unterschwelligen Vorwürfe seines Vaters nichts mehr einwandte. Auch ihm war zum Feiern zumute und deshalb stimmte er diesem Vorschlag freudig zu.
* 3 *
Bereits in der Schule wurde er stets anders behandelt als andere Kinder. Keiner seiner Mitschüler wurde, so wie er, mit dem Chefwagen seines Vaters einschließlich Chauffeur zum Unterricht gebracht und auch wieder abgeholt, und keiner seiner Mitschüler hatte soviele Freiheiten wie er. Man sah ihm so manchen Streich nach, den man bei seinen Mitschülern schwer geahndet hätte. Was aber nicht bedeutet, dass Alex nicht intelligent gewesen wäre. Doch eine verpatzte Schulaufgabe schlug sich in seinem Jahreszeugnis nicht so stark nieder wie bei anderen Kindern.
Als er dann das Gymnasium besuchte schlug er den kaufmännischen Zweig ein und absolvierte danach ein Betriebswirtschaftsstudium. Er machte sich nie die Mühe, über eine Berufswahl nachzudenken. Warum auch? Sein Weg war bereits vorbestimmt. Von der Uni weg kam er sofort unter die Fittiche seines Vaters, der ihm nun die Geschicke des Unternehmens in die Hand zu legen beabsichtigte. Er war am Ziel seiner Karriere angelangt.
Alex war sich dieser Auszeichnung wohl bewußt. Dennoch war ihm auch klar, was dies bedeutete. Die Zeit des jugendlichen Herumtreibens, der Freizeit mit all den wunderschönen Hobbies, wie zum Beispiel Motorbootfahren oder Segeln auf dem nahen See, Skilaufen in Kitzbühl, Biertrinken auf Mallorca und vieles mehr, mußte arg reduziert werden. Dafür kamen jetzt andere Verpflichtungen repräsentativer Art, wie Geschäftsdiners, Galaveranstaltungen und vielerlei mehr auf ihn zu, wofür Alex bisher nur sehr wenig Begeisterung an den Tag legte. Dies war eher Yvonne’s Gebiet, ganz sicher würde sie es genießen, im Rampenlicht, nicht nur auf dem Laufsteg sondern auch in der Geschäftswelt, zu stehen. Die Presse würde sich wie ein Raubtier auf sie stürzen. Es kam ihm gerade der alberne Gedanke, daß er wohl bei diesen Auftritten „nur” der Mann von Frau Mertens-Auzinger sein würde, das war ihm jetzt schon klar. Doch schon stieß es ihm wieder bitter auf, warum gönnte er Yvonne diesen Triumph bloß nicht? Wieder meldete sich sein wenig ausgeprägtes Selbstwertgefühl in Bezug auf Yvonne. Selbst als Chef der Auzinger-Werke würde er sich ihr gegenüber klein und unbedeutend fühlen.
„Wie wird sie wohl auf die Ankündigung, daß ihr gemeinsamer Skiurlaub ausfällt, reagieren”, meldete sich nun sein Gewissen. Seit mehreren Wochen schon hatten sie diesen Urlaub geplant, der seit längerer Zeit endlich einmal wieder ein gemeinsames Verreisen darstellte. Wie ein kleines Kind hüpfte sie herum, schlang ihre Arme um seinen Hals, die Reservierungsbestätigung vor seinen Augen schwenkend, so sehr freute sie sich darauf, als wirklich ein Hotelzimmer fest gebucht war, und Alex keinerlei Einwendungen vorbrachte. Bei der Vorstellung an diese Begebenheit mußte er unwillkürlich schmunzeln. Und nun? Wie so oft vorher, mußten wieder einmal Unternehmungen dieser Art aufgeschoben werden, da es seine Termine nicht erlaubten, wie er jedesmal behauptete. Was sollte er ihr nun sagen? Sicher würde sie sich fürchterlich aufregen und sofort an eine Ausrede denken, wenn jetzt auch dieser Urlaub ausfallen und der ersten Geschäftsreise nach Tokio als Chef seiner Firma weichen müsse.
„Unwichtig”, versuchte er sich einzureden, und fühlte sich so schlecht dabei, „sie muß es einfach akzeptieren, da führt kein Weg vorbei”. Dennoch hatte er ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken, ihr dies heute noch beibringen zu müssen.
* 4 *
„Hier Kajüte des Eroberers”, säuselte eine leicht angeheiterte Mädchenstimme ins Handy. „Wen willst Du sprechen? Christian? Ja, der ist auch hier!” „Christian – hier wird dein Typ verlangt”, klang es schon etwas lauter durchs Telefon, worauf eine kräftige Männerstimme „hoffentlich ist’s ein hübsches Mädchen”, erwiderte.
„Christian hier, wer begehrt mich?”, meldete sich Christian scherzend, und Alex konnte einfach nicht anders, als mit verstellter, extrem hoher, Stimme „Alexandra!”, zu antworten. „Alexandra? Wer?“, kam als erstaunte Rückfrage Christians, worauf beide lauthals losprusteten.
„Na, bist Du wieder von mehreren knackigen Mädchenpopos umgeben oder handelt es sich ausnahmsweise um eine Auserwählte?”, fragte Alex.
„Wird nicht verraten, doch was verschafft mir denn die Ehre Deines Anrufs”, schallte Christians fröhliche Stimme freudig überrascht zurück. „Von Dir hab ich ja schon so lange nichts mehr gehört, daß ich schon glaubte, Du hättest Dich mit Yvonne auf längere Zeit einschneien lassen. Wart Ihr nicht in Skiurlaub oder täusch ich mich da? Wann seid Ihr zurückgekommen?”
„Du bringst mal wieder alles durcheinander! Na kein Wunder bei der Ablenkung“, erwiderte Alex nicht weniger lustig neckend. „Wir wollten erst nächste Woche losziehen und wir sind noch da. Und überhaupt, aus dem Vergnügen wird nun nichts. Aber eigentlich wollte ich nicht über meinen Skiurlaub mit Dir reden. Ich muss Dir etwas viel Aufregenderes mitteilen. Wenn es Deine kostbare Zeit erlaubt und Du Dich einmal von Deiner aktuellen Freundin – wie immer die auch heißen mag - loseisen kannst, so lade ich Dich morgen Abend zu einem Drink ins “Extrablatt” ein. Ich rufe auch Michael an, den, so denke ich, wird es wohl auch interessieren. Bis morgen abend sieben Uhr dann!”
“Halt, halt… Du hast mir ja noch gar nicht gesagt, worum es geht“, beeilte sich Christian noch nachzufragen.
“Das sichert mir zu, daß Du auch gewiß kommst. Denn Deine Neugier ist fast noch größer als Dein Drang nach Spaß, vor allem mit Mädchen. Bis morgen also!”, neckte ihn Alex lachend und beendete das Gespräch.
Alex lächelte vor sich hin, während er den Telefonhörer auflegte. Sein Freund Christian würde sich wohl nie ändern. Schon zu seiner Gymnasiumzeit war Christian der umschwärmte Mädchenheld. Genauso wie er, stammte auch Christian aus gutbetuchtem Haus. Sein Vater war ein angesehener Rechtsanwalt, der sich auf Scheidungen spezialisiert hatte. Und die Scheidungsrate stieg ständig, sodaß er sich über Mangel an Mandaten nicht beklagen konnte. Christian war, wie Alex auch, ein Einzelkind. Allerdings wuchs Christian, ganz im Gegensatz zu ihm, nicht in einer wohlbehüteten Familie auf, sondern war von Jugendtagen an mehr oder weniger auf sich selbst gestellt. Seine Mutter – wie sollte es anders sein – ließ sich vor vielen Jahren, als Christian noch ein Teenager war, von seinem Vater scheiden. Sie konnte es wohl nicht mehr ertragen, in einem goldenen Käfig zu sitzen und auf ihren so brillanten Gatten zu warten, während er sich im Erfolg sonnte und sich im Kreise seiner oftmals sehr attraktiven Mandantinnen und Kollegen amüsierte. Nachdem nun im Haus die Mutter fehlte, versuchte Christians Vater diesen Mangel mit Geld auszugleichen, indem er den Sohn mit Geschenken überhäufte. Waren es anfangs nur geringwertige Gegenstände, so handelte es sich jetzt um andere Dimensionen wie z.B. um eine eigene Wohnung, jedes Jahr ein neues Motorrad, ein Motorboot auf dem Starnberger See, einen Ferrari und dergleichen mehr. Dazu kam, daß Christian Jura studierte – genauso desinteressiert wie erfolglos. Für ihn war es einfach nur ein Zeitvertreib, da er sich einredete, er brauche es ja überhaupt nicht, sein Vater finanziert doch sowieso alles und er würde ohnehin eines Tages dessen Vermögen erben – wozu also selbst einen Beruf erlernen? Doch in diesem Punkt war sein Vater zu keinem Kompromiß bereit, er bestand auf diesem Studium – auch wenn es kein Ende zu nehmen schien.
Offensichtlich hatte Christian nicht nur das blendende Aussehen von seinem Vater geerbt, sondern übernahm auch die Charakterzüge sowie den Charme, die so anziehend auf das weibliche Geschlecht wirkten. Er verstand es hervorragend, die Mädchen für sich einzunehmen, sie in anregende Gespräche zu verwickeln, jede in dem Glauben zu wiegen, sie sei das schönste und begehrenswerteste Geschöpf. Seine Augen sprachen Bände und verstanden es, jedes von ihm angepeilte weibliche Wesen in seinen Bann zu ziehen. Wo immer er auftauchte versprühte er Witz und Charme, und ehe man sich versah, hatte er wieder eine neue Eroberung gemacht.
Alex musste gerade darüber schmunzeln, wie sehr er ihn dafür immer wieder bewunderte. Bei Christian schien das alles so unkompliziert zu sein. Damals schon, als sie gemeinsam die Schulbank drückten, da lief so manche Wette zwischen ihnen, wer welches Mädchen für sich gewinnen könne. Während Christian selbstsicher und unbekümmert drauflosmarschierte, machte Alex nicht selten einen Rückzieher. Aber nicht nur den Mädchen imponierte dieser Macho, auch die Jungs waren von ihm beeindruckt und fasziniert, versuchten Christian zu kopieren, was meistens kläglich mißlang. Es braucht halt doch etwas mehr, als plumpe Worte. Christian hatte schon in jüngsten Jahren dieses Charisma, was manch anderen eben fehlt.
Auch Alex gehörte damals zu diesen Jungs, die zu Christian aufschauten. Er dachte gerade daran, wie unspektakulär doch das Kennenlernen von ihm mit Yvonne ablief. Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, die bildschöne Tochter des Firmen-Juristen einzuladen, dazu war er viel zu zurückhaltend und schüchtern. Ein Mädchen, das von jedem Titelblatt der Modezeitschriften herunterlächelt, der Traum von vielen jungen Männern, wie hätte ausgerechnet er es wagen sollen, sie anzusprechen? Nun beschlich ihn wieder das Gefühl, daß da jemand ganz entschieden nachgeholfen haben könnte.
Christian und Alex, auch wenn die beiden jungen Männer schon seit Ihrer Schulzeit gut befreundet waren, so waren sie trotz gleichartiger Interessen dennoch so verschieden, wie zwei Freunde nur sein konnten. Und doch hielt diese Freundschaft auch heute noch an. Es gab nichts, was der eine vom anderen nicht wußte.
So war es nicht weiter verwunderlich, daß Alex gleich nach der Mitteilung, daß er bald Chef des Familienunternehmens sein würde, diese Neuigkeit seinem Freund erzählen mußte, auch wenn er ihn noch ein bißchen auf die Folter spannte.
* 5 *
Noch immer in den Gedanken an die Jugendzeit mit Christian versunken schreckte Alex plötzlich durch das Klopfen an der Tür hoch.
„Ja bitte” forderte nun Alex zum Eintreten auf.
Frau Maier öffnete die Bürotür einen Spalt. „Ihr Vater läßt fragen, ob Sie sich bereits für ein Lokal entschieden hätten, da auch er seiner Gattin Bescheid geben möchte. Kann ich für Sie einen Tisch reservieren?”
„Oh ja, bitte reservieren Sie für heute abend um 8.00 Uhr einen Tisch für vier Personen im Tantris. Vielen Dank, Frau Maier, was sollte ich nur ohne Sie machen, das hätte ich jetzt fast vergessen!”, lächelte Alex seiner Sekretärin mit spitzbübisch blitzenden Augen zu „und informieren Sie bitte anschließend auch meinen Vater”.
„Wird sofort erledigt”, kam die kurze Antwort.
* 6 *
Alex gab sich nun wieder seinen eigenen Gedanken hin. Er wollte ja auch noch Michael zu einem Umtrunk ins „Extrablatt“ für morgen einladen. Michael, ob er wohl kommen würde? Er war wie Christian ein Freund aus früheren Zeiten. Auch er besuchte dasselbe Gymnasium wie Alex und Christian, wenn auch ein paar Klassen später. Doch war er im Gegensatz zu ihnen ein ausgesprochener Streber. Mit Mädchen hatte er zu jener Zeit noch überhaupt nichts zu schaffen, kurzum, sie interessierten ihn einfach nicht, was sich im Laufe der Jahre aber veränderte. Doch war er auch heute noch nicht der Casanova, wie ihn Christian darstellte. Und er war, genauso wie seine beiden Freunde, noch Junggeselle. Schon damals stand für Michael fest, daß er Arzt werden wollte. Er hatte bereits während der Schulzeit so eine soziale Ader. Er konnte stundenlang den Problemen und Kümmernissen seiner Mitschüler zuhören, versuchte nicht selten, auf irgendeine Weise zu helfen, auch wenn es ihm Ärger einbrachte, wenn er für seine Kameraden die Aufgaben erledigte oder in seiner Funktion als Klassensprecher die Interessen seiner Schulfreunde durchzusetzen versuchte. Schon damals setzte sich bei ihm der Gedanke fest, daß er es fertigbringen könnte, die Welt zu verändern, den Menschen mit seinem Können ein bißchen mehr Freude zu bereiten, ihnen zu dienen, wo immer es ihm möglich war. Sein Berufsziel war es damals, als Dschungelarzt für die armen Menschen in einem Dritte-Welt-Land eine Praxis zu führen. Alternativ wäre für Michael nur noch der Beruf des Bio-Bauern in Frage gekommen, da er gleichermaßen eine tiefe Liebe zur Natur wie für die Menschen verspürte.
Alex lächelte beim Gedanken an diese, für ihn verrückten Träume Michaels. Wie sehr sie sich doch von den seinen unterschieden. Und obwohl Michael einer vollkommen anderen Welt abstammte und offensichtlich in einer völlig anderen Welt lebte als er selbst, nannte er doch Michael seinen besten und zuverlässigsten Freund.
Michaels Eltern waren Angestellte in einem großen Konzern und hatten es zu einem bescheidenen Wohlstand in Form einer Eigentumswohnung im Süden der Stadt gebracht. Dennoch drückten die Kosten schwer auf ihrem Geldbeutel. Das Studium für den Sohn überstieg so manches Mal ihre finanziellen Möglichkeiten, sodaß Michael gezwungen war, zusätzlich am Abend als Kellner in einer Prominenten-Pizzeria in Schwabing ein kleines Zubrot zu verdienen. Doch immer, wenn Alex ihm dort einen Besuch abstattete, fand er Michael in bester Laune vor, wurde bevorzugt von ihm bedient und Alex wollte ihm dies mit einem fürstlichen Trinkgeld danken, worüber Michael jedesmal verärgert schimpfte. Seit Alex klarwurde, daß es ihn wirklich beleidigte, von einem alten Schulfreund Trinkgeld anzunehmen, unterließ er diese Geste. Dabei wollte er ihm wirklich nur einen Gefallen tun. Michaels Stolz war stark ausgeprägt, von Fremden allerdings nimmt er gerne bereitwillig ein gutes Trinkgeld für seinen erstklassigen Service an, sodaß er so recht und schlecht über die Runden kommt.
„Beim Katzlmacher”, meldete sich eine junge, männliche Stimme.
„Kann ich bitte mit Herrn Michael Schreiner sprechen?”, fragte Alex.
„Nein, tut mir leid, Herr Schreiner hat heute und morgen freigenommen und kommt erst wieder am Freitag.”
„Vielen Dank für die Auskunft”, beendete Alex das Gespräch.
Da Michael weder über eine eigene Wohnung verfügte, noch mit einem Mädchen liiert war, war es einfach für Alex, ihn zu finden. Er wählte die Nummer seiner Eltern in Fürstenried, und bekam sofort Michael an den Apparat.
„Hallo Michael, freut mich, Dich gleich direkt in die Leitung zu bekommen! Was macht das Studium?”, fragte Alex.
„Hallo alter Junge, geht so, ich bin gerade am Büffeln für einige Prüfungen, die noch diese Woche anstehen. Deshalb hab ich mir auch im Lokal freigenommen, um nicht allzusehr unter Druck zu geraten“, legte Michael gleich los und wollte eigentlich noch mehr von seinem Studium erzählen als er sich bremste. “Aber deshalb rufst Du doch nicht an, oder?”
„Nein, natürlich nicht. Ich hab Dir eine fantastische Neuigkeit mitzuteilen und wollte Dich bitten, morgen ins “Extrablatt” zu kommen. Auch Christian habe ich schon eingeladen. Ich bin so glücklich, daß ich meine Freude einfach mit Euch beiden teilen möchte. Also, kommst Du? Morgen um sieben?”, sprudelte es aus ihm heraus.
„Sag bloß, Du hast endlich einem Heiratsantrag von Yvonne nachgegeben, ich gratuliere Dir dazu!”, stichelte Michael, der natürlich über die Zerrissenheit in Alex’ Herzen bestens im Bilde war.
„Blödsinn!” protestierte Alex. “Wenn Du morgen auch kommst, wirst Du den wahren Grund meines Jubels schon erfahren. Ich seh Dich dann morgen, ja?”
„Natürlich, wenn Dir soviel daran liegt, bin ich selbstverständlich mit dabei. Bis morgen abend also.”
Alex legte den Hörer auf den Apparat und lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. Er kreuzte seine Hände im Nacken und schwelgte in Gedanken an seine beiden Freunde. Wie sehr er sich doch darauf freute, sie beide morgen abend wiederzusehen. Wie lange war es her, daß sie drei gemeinsam etwas unternommen hatten? In den vergangenen Monaten reichte die Zeit meistens nur für ein kurzes Treffen, sei es auf einer Party oder in einem Lokal, um ein gemeinsames Bier zu genießen.
Früher allerdings starteten sie öfter einmal einen größeren Ausflug. Er erinnerte sich daran, daß sie sich im Alter von achtzehn Jahren das erste Mal alleine auf die Reise begaben. Der erste eigene Wagen von Christian – ein BMW-Cabriolet – mußte natürlich den schönen Mädchen von Monte Carlo vorgeführt werden. Also packten sie kurzentschlossen einige Klamotten zusammen und machten sich auf die Reise. Singend und lachend starteten sie im Morgengrauen, steuerten abwechselnd das elegante Fahrzeug bis sie spät abends in Ventimiglia ankamen, um dort aus Mangel an Hotelzimmern in einer billigen Absteige zu nächtigten. Doch obwohl Christian und Alex ganz andere Kategorien von Hotelzimmern gewohnt waren, machte es ihnen riesigen Spaß, auch einmal in einer derart einfachen Behausung zu logieren. Am nächsten Tag setzten sie die Reise über die Grenze nach Monte Carlo fort, wo sie gegen Mittag eintrafen. Schliefen sie in Ventimiglia in einer bescheidenen Herberge, so wählten sie für Monte Carlo natürlich eine gehobenere Klasse, eines der teuersten Häuser am Platz, das Hotel de Paris, und es imponierte Christian sehr, von einem uniformierten Portier des Hauses wie ein König unterwürfig bedient zu werden. Michael hingegen, damals ja noch ein Teenager, fühlte sich dabei so unbehaglich, daß es beinahe zum Streit zwischen den Freunden gekommen wäre. Daran erinnerte sich Alex nur zu gut. Michael tobte und wollte am liebsten sofort wieder umkehren, um sich auf irgendeinen Campingplatz zurückzuziehen und dort sein Zelt aufzuschlagen. Doch letztendlich gab er dem Drängen Christians nach. Wie die Könige schlenderten die drei am Strand entlang, nahmen im feudalsten Restaurant ihr Abendessen ein und amüsierten sich anschließend an der Hotelbar. Am nächsten Morgen jedoch war man einstimmig der Meinung, in Zukunft besser auf Michael zu hören. Die Rechnung war mehr als gesalzen, da der angegebene Preis pro Person und nicht – so wie sie dachten – pro Zimmer galt. Dabei schliefen sie zu dritt in einem Doppelzimmer. Nur Michaels Vorsicht war es zu verdanken, daß sie sicherheitshalber noch einmal nachfragten und Ihnen so die Schmach erspart blieb, nicht bezahlen zu können. Und doch verschlang diese eine Übernachtung fast das gesamte, reichlich bemessene Urlaubsgeld, das die Eltern den Jungs damals zugedachten. Das bedeutete aber, daß die Reise hier, also schon nach einer Nacht endete, denn die Eltern um Aufstockung anzubetteln, kam nicht in Frage. Hatten sie doch vorher laut getönt, sie könnten auch ohne deren Hilfe Urlaub machen. „Sie würden es ihnen schon beweisen“, verwarfen sie die Zweifel der Väter. So blieb ihnen jetzt nichts anderes übrig, als zu kapitulieren.
Alex mußte bei dem Gedanken daran schmunzeln, wie kindisch und naiv sie doch damals noch waren.
Übellaunig bestiegen sie damals also das schicke Cabriolet und machten sich auf den Nachhauseweg. Trotzdem, es war eine wunderschöne, unvergeßliche Reise und ihr erster gemeinsamer Urlaub, dem noch einige dieser Unternehmungen folgen sollten. Doch in den letzten Jahren fanden sie einfach keine Gelegenheit mehr dazu, denn jeder war zu sehr beschäftigt, sei es mit Studium, Arbeiten oder es ließ sich aus anderen Gründen kein gemeinsamer Termin vereinbaren.
Wehmütig hing Alex diesen Gedanken an früher nach.
„Wie wäre es denn, wenn man wieder einmal einen Männerurlaub unternehmen könnte”, fragte Alex sich insgeheim, und diese Idee ließ ihn nicht mehr los. „Gleich morgen abend werde ich dies zur Sprache bringen”, nahm er sich fest vor und freute sich auf den nächsten Abend. Danach machte er sich auf den Weg zu seiner Sekretärin, um sie nach der Bestätigung für den Tisch im “Tantris” zu fragen.
* 7 *
Yvonne hatte für den Abend ein atemberaubendes, enganliegendes Kleid mit extrem tiefem Dekollete gewählt, was verführerisch ihren hochgewachsenen, schlanken Körper, aber vor allem ihre wohlgeformten Brüste ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Dazu hatte sie ein aufregendes Make up aufgelegt, welches ihre ohnehin schon großen Augen noch mehr betonte und zum Strahlen brachte. Die Fingernägel leuchteten im selben Rotton wie ihr Hauch von Kleid. Jeder Schwung ihrer anmutigen Bewegungen verströmte eine luftige Wolke des leicht betörenden Duftes eines erotisch anregenden Parfums. Sie war sich ihrer Wirkung selbstverständlich voll bewußt. Vielen der anerkennenden, heimlichen Blicke von Nachbartischen begegnete sie aber mit kühler Distanz, ja fast herablassend. Die männlichen Verehrer, deren verstohlene Blicke sie in ihren Bann zu ziehen suchten, widmeten sich deshalb beschämt und unverzüglich wieder ihrem Menue oder ihrer Begleitung
Nachdem der Ober eine Flasche besten Champagner im Eimer auf den Tisch gestellt und die ersten Gläser serviert hatte, erhob Herr Auzinger senior das Glas.
„Laßt uns anstoßen auf eine neue Generation der Familie Auzinger. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie sehr ich mich darüber freue.”
„Auf Deinen Erfolg, mein Sohn,” toastete der Vater, worauf die ganze Familie Auzinger die Gläser klingen ließ.
Herr Auzinger kam des öfteren bei besonderen Anlässen in dieses Restaurant, da er hier immer wieder mit köstlichen Leckerbissen verwöhnt wurde, was er sehr zu schätzen wußte. Und auch heute wurde er nicht enttäuscht. Der Chefkoch des Restaurants brachte wieder einmal einen kullinarischen Genuß auf den Tisch. Mit Wohlwollen lobte Herr Auzinger die Kunst des Kochs. Nach dem Dessert kam Alex Vater noch einmal auf den ganz persönlichen Rat, den er bereits am Morgen an seinen Sohn gerichtet hatte, zurück.
„Liebe Yvonne, heute morgen schon sprach ich mit Alex darüber, daß es nun wirklich an der Zeit wäre, wenn ihr beiden Eure wilde Ehe endlich legalisieren würdet. Marianne und ich würden uns so sehr freuen, wenn Ihr Euch dazu entschließen könntet. Und außerdem - schließlich möchten wir ja auch noch einige Zeit als Großeltern erleben, nicht wahr meine Liebe?” wandte er sich mit einem schmunzelnden Seitenblick an seine Frau, wobei er freundschaftlich deren zarte Hand tätschelte. Alex’ Mutter wünschte sich schon lange eine glückliche Familie für ihren Sohn und nickte zustimmend.
„Wie Du sicher weißt, liegt das ja nicht an mir”, entgegnete Yvonne. “Bisher war jeder Versuch, Alex zum Standesamt zu bewegen, kläglich gescheitert”, lachte Yvonne.
Alex fühlte sich jetzt arg in die Enge getrieben. Er hatte das Bedürfnis, sich verteidigen zu müssen. Mit ernster Miene wandte er sich deshalb an seine Verlobte: „Du weißt doch, daß ich Dir bisher, außer meiner Wenigkeit, nichts zu bieten hatte. Du, ein gefragtes Model und ich ein kleiner Angestellter in der Firma meines Vaters. Wie hätte ich denn da vor Deinen Freunden, und vor allem Deiner Familie, dagestanden?”
Ist Dir denn immer noch nicht bewußt, daß mich das nie gestört hat”, versicherte ihm Yvonne mit ebenso ernster, ja fast trauriger Miene. „Doch wie dem auch sei – jetzt sieht das doch ganz anders aus”, strahlte sie ihn an.
„Das will ich aber auch meinen”, beteiligte sich nun auch Alex’ Mutter an dieser Diskussion. „Und bei Eurer Hochzeit - wie wäre es denn, wenn wir diese auch mit der Geschäftsübergabe verknüpften? - werden wir uns alle gemeinsam nach einem geeigneten Domizil für Euch umsehen, das dann in unserer Nähe liegt. Damit wäre es auch viel praktischer und einfacher, sodaß wir auch unsere hoffentlich baldigen Enkelkinder oft zu Gesicht bekommen, nicht wahr? Oh, das wäre doch fantastisch. Ich werde gleich morgen ein paar Makler anrufen.”
Alex’ Mutter steigerte sich so sehr in diese Wunschvorstellungen hinein, und auch Yvonne stimmte begeistert dieser Idee zu, sodaß Alex im Moment nichts mehr entgegenzusetzen wußte und einfach nur kläglich lächelnd zustimmte. Es war ihm im Augenblick einfach unmöglich, seiner Mutter und auch seiner Braut die Freude zu verderben. Und wenn er es sich ganz objektiv überlegte – so konnte er sich mit dem Gedanken schon anfreunden. Und wer weiß? Vielleicht hatte sein Vater ja doch recht mit seiner Bemerkung von heute morgen. „Irgendwann muß ein Mann einfach einmal zur Ruhe kommen. Was suchte er denn eigentlich wirklich?” fragte er sich insgeheim.
Yvonne und Alex verabschiedeten sich vor dem Restaurant von Alex’ Eltern und machten sich auf den Heimweg in ihre Kuschelbude, wie sie manchmal Alex’ Penthouse nannten.
„War das nicht ein fantastischer Abend, Liebling”, schwärmte Yvonne. „Ich freue mich so sehr, daß Du nun Chef der Auzinger-Werke sein wirst. Ich bin so stolz auf Dich. Und was mir noch mehr bedeutet: Du und ich – endlich ein richtiges Ehepaar, und vielleicht auch bald eine richtige Familie - ich kann es kaum erwarten!”
„Hm, ich freue mich auch, mein Schatz”, gestand Alex ein, obwohl er sich doch etwas überrumpelt fühlte. Außerdem konnte er Yvonne nicht verstehen, wie schon so oft in der Vergangenheit. Wieso war sie denn auf einmal so erpicht darauf, eine Familie zu gründen? Eine Ehe, ja – aber ein Kind? Das hatte sie bisher immer wieder strikt abgelehnt. Schließlich wollte sie zum einen nicht ihren Beruf aufgeben und zum anderen schon gar nicht ihre Figur ruinieren, auf die sie doch so stolz war. „Nein, ein Kind kommt so schnell nicht in Frage,“ tönte sie bei jeder Gelegenheit. Oft erzählte sie von einem ihr bekannten Model, das sich von einer flüchtigen Affäre ein Kind anhängen ließ, so wie sie es nannte. Dabei rümpfte sie schadenfroh die Nase und zog herablassend über soviel Dummheit her. „Das wird mir nie passieren“, konterte sie dann immer, „meine Figur ist schließlich mein Geschäftskapital, das ich nicht durch ein Baby ruinieren will.“ Und jetzt gab sie dies so ohne Widerspruch auf? Irgendetwas konnte da doch nicht stimmen, redete er sich ein. In seinem Bauch machte sich ein ungutes Gefühl von Unsicherheit und auch von Unselbständigkeit breit, denn es war wie immer in seinem Leben – wieder einmal hatten seine Eltern seine Entscheidungen gefällt. Und Yvonne mit ihnen. Warum nur hatte er sich nicht dagegen gewehrt, überlegte er.
Nach ein paar Minuten unsicherem Grübelns fragte er in die Stille hinein: „Und Du bist wirklich nicht böse, daß unser Skiurlaub wegen des Geschäftstermins in Japan ausfallen muß?”
„Aber nein, wie kannst Du das nur glauben”, versicherte Yvonne. „Das holen wir doch alles wieder nach. Wir haben noch soviel Zeit vor uns. Aber jetzt möchte ich nach Hause. Ich bin müde und freue mich auf unsere warme Koje. Und ich freue mich auf Dich. Also bummel nicht so”, neckte sie ihn und gab ihm einen flüchtigen Kuß auf die Wange, den er nicht erwidern konnte. Er mußte sich auf die Straße konzentrieren, die bereits wieder verschneit war. Dennoch fuhr er so zügig wie möglich, denn plötzlich verspürte er ein unbändiges Verlangen nach Yvonnes Wärme und Zärtlichkeit.
* 8 *
Der nächste Arbeitstag bedeutete viel Hektik und Streß für Alex. Das Flugticket seines Vaters mußte noch auf ihn umgeschrieben werden, Herr Mähler wies ihn in sämtliche Details des Verhandlungskonzepts ein und auch sein Vater erteilte ihm noch einige wichtige Ratschläge über die Verhaltensregeln beim Kennenlernen von Neukunden. Dann endlich waren alle Voraussetzungen für seinen Flug am nächsten Tag erfüllt. Alex nahm alles konzentriert und mit Aufmerksamkeit entgegen, machte sich viele Notizen, um ja nicht zu scheitern und war sich zum späten Nachmittag sicher, daß er für seine Reise gut gerüstet sein würde. Nachdem Herr Mähler um 18.30 Uhr nach Hause fuhr und auch Alex sich aufmachte, um die Firma zu verlassen schlenderte er voller Vorfreude auf sein Treffen mit den Freunden durch das Vorzimmer seiner Sekretärin.
„Viel Erfolg, Herr Auzinger. Ich drück Ihnen beide Daumen”, rief Frau Maier ihm noch aufmunternd hinterher.
„Danke Frau Maier, ich melde mich mal von Japan aus. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und wir sehen uns dann nächste Woche wieder”, entgegnete Alex während er hinauseilte.
Alex’ Sportwagen quälte sich durch den hektischen Feierabendverkehr, der durch Schneefall, wie so häufig in diesen Tagen, wieder einmal sehr schleppend voranging. Doch dies konnte Alex heute die Freude nicht verderben. Außerdem war es zum Café “Extrablatt” nicht sehr weit, sodaß er es nicht eilig hatte.
Dort angekommen allerdings stellte er fest, daß es um diese Stunde nicht einfach sein würde, einen Parkplatz zu finden. So mußte er noch einige Straßenzüge weiterfahren, bis er endlich seinen Wagen abstellen konnte. Er stieg aus, sperrte sein Auto ab und zog seinen Mantelkragen hoch. Es war empfindlich kalt geworden und der Schnee fiel schon wieder in dicken Flocken vom dunkelgrauen Himmel.
Pünktlich zur vereinbarten Stunde betrat er das Lokal und ließ seinen Blick schweifen. Er entdeckte Michael bereits an einem Tisch am Fenster sitzen, der ihm fröhlich entgegenwinkte.
„Hallo Michael, schön, daß Du schon hier bist”, begrüßte Alex seinen Freund, während er seinen Mantel auszog und ihn über eine Stuhllehne legte. „Eisig kalt heute, ich glaub ich bestell mir erst einmal was Heißes”.
Der Ober nahm gerade die Bestellung von Alex entgegen, da trat auch schon Christian durch die Tür und schüttelte sich die Schneeflocken vom Haar.
„Hallo Ihr zwei”, kam es fröhlich von Christian und an den Ober gerichtet „für mich erst mal einen Kaffee zum Aufwärmen”.
„Nun schieß schon los, was hast Du uns so Interessantes zu berichten. Ich hab dafür extra ein Date mit einer heißen Braut abgesagt”, sprudelte Christian los, noch bevor er sich an den Tisch gesetzt hatte. Michael und Alex lachten. „Typisch Christian, Du wirst Dich wohl nie ändern, was? Nun setz Dich erst einmal, Du wirst Deine Neugier schon noch im Zaum halten können”, steigerte Alex die Spannung lachend.
Nachdem der Kellner die Getränke serviert hatte, fuhr Alex fort: „Also dann hört zu. Ab Juli dürft Ihr mich mit “Herr Direktor” ansprechen. Mein Vater will abtreten, ich werde dann die Firma übernehmen und somit Chef meines eigenen Unternehmens sein. Na, ist das was? Was sagt Ihr dazu?” fragte Alex mit stolzgeschwellter Brust.
„Find ich ganz fantastisch. Was glaubst Du, wie dann die Weiber hinter Dir hersein werden”, war wie üblich der oberflächliche Kommentar von Christian, um sich gleich wieder mit ernstem Ton zu berichtigen „Wirklich, ich freue mich für Dich und gratuliere Dir ganz herzlich dazu.”
