Yanthalbor - Rael Wissdorf - E-Book

Yanthalbor E-Book

Rael Wissdorf

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Beschreibung

Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie in einer eiskalten Höhle "wiedergeboren" würden - ohne Erinnerung an sich selbst, in einer antiken Welt, dafür bis an die Zähne bewaffnet und mit einem Tötungsauftrag im Notizbuch? So jedenfalls ergeht es Jan Talborg, den man später Yanthalbor nennt. Er scheint alles zu wissen, nur nicht, wer er ist. Auf der Suche nach Antworten begegnet er einem Krieger, der ihn für einen Zauberer hält, einer Amazone, die eigenartig viel zu wissen scheint und einem Mann mit Augenklappe, der ihn protegiert. Irgendwas ist faul mit dieser Welt namens Rikas und seinen Bewohnern. Doch als Yanthalbor schließlich die Wahrheit erfährt, wird sein gesamtes Weltbild von Grund auf erschüttert. Die Frage sollte daher nicht mehr lauten, wer er ist, sondern was er ist... Yanthalbor ist ein ungewöhnlicher Fantasy-Roman, der ohne die genretypischen Klischees und Ingredienzien wie Magie oder Fabelwesen auskommt. Er ist zugleich Reiseerzählung, klassischer Abenteuerroman und fiktives Historiendrama.

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Seitenzahl: 622

Veröffentlichungsjahr: 2017

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RAEL WISSDORF

Yanthalbor

~

Die Kammern der Könige

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Trivocum Verlag

EBook 2017Copyright © 1987/2016:Rael WissdorfAlle Rechte vorbehalten

Dramatis Personae

Yanthalbor/Jan Talborg - Ein Reisender.Yiriza al T'saath - Eine Kriegerprinzessin. Medelin al Cathrad - Ein Krieger aus dem Norden.Nor - Consiliar der Sufetin von Montalbaan. Hazred al' Salgin - Gesandter des Reiches von Irûl.Satara  - Zielperson.

Für Shara

Inhaltsverzeichnis
Prolepsis
Die Wahrheit legt ihre Rätsel in Träumen ab
Was glauben wir eigentlich? Alles
Ein Schachspiel ist eine gute Analogie
Jeden Tag entscheiden wir
Epilog

Prolepsis

 

Langsam glitt die Galeere in den Hafen der Metropole.

"Das soll Yarta Irûl sein?", fragte der Namenlose ungläubig und deutete auf die hohen Türme, die den Eingang des Hafenbeckens flankierten. Trotz der filigranen Pagodenform ihrer Dächer wirkten die Türme wie ein Bollwerk.

"Natürlich ist das Irûl, Narr. Legt die Hand sofort wieder aufs Ruder, sonst kommen wir aus dem Takt!", rief der Bootseigner. "Werter Bila'Jin", beeilte er sich dann hinzuzufügen, denn die Bezahlung für die Passage stand noch aus. Zumindest die Hälfte davon.

Der als Bila'Jin Angeredete tat, wie ihm geheißen und half dem Eigner, das Ruder wieder im Takt zu schlagen. Gerade an der Hafeneinfahrt war besonderes Geschick erforderlich, denn viele Galeeren, Fischerboote und Dschunken lagen hier vor Anker oder versuchten, einen günstigen Weg in die Flussmitte zu finden. Besonders Galeeren mit ihren weit auslegenden Rudern hatten oft Mühe, sich durch das Gewimmel zu manövrieren. Vor allem, wenn es sich bei den Ruderern um Passagiere handelte, die genötigt waren, selbst mit anzupacken, um Kosten zu sparen. Gut ausgebildete Ruderer verlangten hohe Löhne für die Plackerei, eine Galeere oder Galeasse von Assilia über Amahd den Linh flussaufwärts bis Yarta Irûl zu rudern.

"Ich heiße nicht Bila'Jin", antwortete der Namenlose zum wiederholten Male.

"Ja", entgegnete der Käpt'n mürrisch." Aber einen Namen wollt Ihr mir ja nicht nennen, also nenne ich Euch mit der Sprache meines Volkes den Namenlosen. Hab ich schon paar Mal erklärt. Vorsicht da an Steuerbord!"

Der letzte Ausruf hatte dem hintersten Ruderer auf der gegenüberliegenden Seite des Decks gegolten, der mit seinem Blatt einer ardhiischen Dschunke gefährlich nahe gekommen war.

Grölendes Gelächter vom Deck der Dschunke kommentierte die Geschicklichkeit der Galeerenruderer, welches der bärbeißige Schiffseigner mit einem grollenden Laut quittierte. Er wandte sich wieder an seinen Passagier.

"Warum überhaupt, zweifelt Ihr daran, dass das hier Yarta Irûl ist, Bila'Jin? Stimmt etwas mit den Türmen nicht? 

"Sie wirken falsch."

"Falsch? Werfen sie keinen Schatten oder was?"

"Doch, sie folgen den Gesetzen der Kaustik, wie man hier im Wasser sehen kann, und sicher sind sie auch fest im felsigen Boden von Asbedia verankert, aber... sie sind hell."

"Hell?"

Der Käpt'n blinzelte in die Sonne.

"Wie mir scheint hat das was mit dem Licht zu tun. Ganz normale Steine, eh? Warum sollten sie nicht hell sein? In der Nacht sind sie dunkel, wartet's ab!"

Der Namenlose überhörte geflissentlich die Ironie in den Worten seines Nebenmannes.

"Ich habe sie düster in Erinnerung. Düster und bedrohlich."

"Keine Ahnung, wovon ihr redet. Aber Ihr redet ohnehin viel seltsames Zeug. Wart Ihr denn schon einmal hier?"

"Nein."

"Und woher wisst Ihr dann, wie die Türme aussehen sollten?"

Der Namenlose zuckte die Achseln.

"Ich weiß es nicht, ich fühle es nur."

"Ah, Ihr fühlt. Kann das sein, dass es daran liegt, dass ihr einäugig seid?"

Der Namenlose sah seinen Banknachbarn an. Dieser starrte unverhohlen auf die schwarze Augenklappe, welche die linke Gesichtshälfte des Passagiers bedeckte.

"Ich bin einäugig, meint Ihr? Dann wird es jetzt Zeit, dass ich Euch eines Besseren belehre."

Mit einer raschen Bewegung lüftete er den dunklen Stoff, der sein linkes Auge bedeckte und ließ den Bootseigner sehen, was darunter lag.

"Bei allen Teufeln! Was ist das?"

Der Käpt'n ließ entsetzt das Ruder fahren. Er war kreidebleich geworden. Nach dieser Schrecksekunde ergriff er erneut den Riemen und ruderte verbissen weiter. Er sprach kein Wort mehr.

Der Namenlose dagegen, hüllte sein altes, zerfurchtes Gesicht in die Kapuze seines Umhangs und blickte erneut auf die Türme der Stadt.

"Genauso falsch", murmelte er dabei.

Einige Zeit später hatte die Handelsgaleere an einem freien Platz im Hafen festgemacht. Der Namenlose verließ das Schiff und achtete nicht darauf, dass der Käpt'n hinter seinem Rücken ein Abwehrzeichen machte. Er folgte der Mole am Ufer des Font'Rhiu bis zur einer breiten Prachtstraße, die direkt ins Zentrum führte. Schließlich erreichte er sein Ziel: den großen runden Platz, in dessen Mitte sich die Rotunde des Tempels zur Glut des Phoenix erhob.

Der Phoenixtempel überragte die mehrstöckigen Gebäude, die den Platz säumten, gekrönt von der imposanten Bronzestatue eines prächtigen Vogels, der im Begriff war, sich mit ausgebreiteten Schwingen in die Lüfte zu erheben. In der ganzen ihm bekannten Welt gab es kein Vorbild für die ungewöhnliche Architektur dieses gewaltigen Bauwerks. Den Eingang bildete ein von zwölf Säulen gestütztes Giebeldach aus gegossenem Stein, verkleidet von rotem Marmor. Dahinter begann der Rundbau, der die mächtigste Kuppel trug, die je von Menschenhand erschaffen worden war.

"Auch falsch", brummte der Namenlose in seine Kapuze, als er die Statue musterte. "Alles Trug."

Als er den Eingang des Tempels durchschritt, kam sogleich eine junge Priesterin auf ihn zu. Sie war schlank und hochgewachsen, eine weiße Tunika, bestickt mit silbernen Sternen ließ den Blick auf ihre makellosen Schultern frei. Ihr dichtes, ebenholzfarbenes Haar war zu einem kunstvollen Knoten geknüpft und wurde von einer goldenen Fibel zusammengehalten.

"Wir haben Euch erwartet, Nime'thu", sprach sie ihn an, als er noch bemüht war, sich an das Dunkel und die Kühle des gewaltigen Innenraums zu gewöhnen.

"Wie nennt Ihr mich?"

"In meiner Sprache bedeutet es Der Namenlose. Ihr wurdet uns vor Kurzem angekündigt."

"Vor Kurzem? Nach welcher Zeitrechnung?"

"Nach unserer."

"Und wer seid "ihr"?

"Wir sind die Glut des Phoenix. Folgt mir. Alle Eure Fragen sollen beantwortet werden."

Nur widerwillig schloss sich der Reisende der schönen Priesterin an, die ihn durch die Vorhalle des Tempels führte. Im Zentrum befand sich ein Atrium, ebenso kreisrund, wie das gesamte Gebäude und gesäumt von hohen, schlanken Säulen. Ein scharfer Lichtstrahl fiel durch eine Öffnung in der Mitte der Kuppel direkt auf einen runden Sockel aus Marmor. Auf diesem Sockel stand ein Kasten aus Metall, reich verziert. Die Priesterin führte den Namenlosen direkt dorthin.

Sie zog einen Schlüssel aus einer verborgenen Tasche ihrer Tunika hervor und öffnete eine Tür an der Vorderseite des Kastens. Als der Namenlose sah, was sich dahinter verbarg, schrak er zusammen. Woran erinnerte ihn das?

Vom Inhalt der Schatulle war nichts zu sehen, denn eine verstörend irisierende graue Fläche verbarg das Innere. So als wäre die gesamte Schachtel mit dichtem grauem Rauch gefüllt.

"Ihr wisst, was das ist?", fragte ihn die schöne Priesterin.

Er nickte. "Ich habe davon gehört. Nur Berufene dürfen in diesen Nebel fassen, alle anderen verlieren ihre Hand. Dieser Nebel ist genauso falsch, wie alles andere hier."

"Falsch." Die Priesterin sprach das Wort nicht als Frage aus, sondern eher als Feststellung. "Was sollte Eurer Ansicht nach richtig sein?"

Der Namenlose sah sie an. Sein gesundes, rechtes Auge lag tief in seiner Höhle und glänzte seltsam mattschwarz, so als mangele es ihm an einer Iris. Die Priesterin hielt dem Blick stand. Ihre Augen glitzerten bernsteinfarben im Licht des Sonnenstrahls, der von der Decke durch die Öffnung in der Kuppel hinab fiel.

"Ich habe Visionen von einer dunklen Stadt, gehasst und gefürchtet, voller Dämonen. Und im Zentrum der Stadt befindet sich ein Kubus, schwarz wie die Teufel der Nacht. Und der Kubus speit Monstren aus, todesgierige Krieger, die das Land heimsuchen, wie eine Seuche. Das ist es, was ich sehe. Das ist Irûl."

Die Priesterin nickte ernsthaft. "Das, was Ihr da seht, muss nicht minder unwirklich sein als das, was wir hier erleben. Wer will schon darüber urteilen? Aber alle Eure Fragen werden beantwortet werden, wenn ihr das Buch Yanthalbor lest. Es befindet sich in dieser Schatulle. Habt Ihr den Mut, es herauszuholen?"

Der Namenlose blickte auf die graue wabernde Fläche im Inneren des Kastens. Er stand einige Minuten so, mit zusammengepressten Lippen, als wägte er ab.

"Im schlimmsten Falle verliere ich eine Hand", sagte er dann. "Doch in jedem Fall gewinne ich Gewissheit. Es ist das Risiko wert."

Und damit griff er mutig hinein. Nichts Böses geschah. Er zog ein dickes Buch hervor, welches ganz in Leder geschlagen war. "Théas Eredh" stand dort in der Sprache der Alten in goldenen Lettern auf dem Einband. "Lebe Ewig".

"Ich lasse Euch jetzt allein, Nime'thu", sprach die Priesterin. "Ich lasse euch einen Stuhl bringen, denn ihr könnt hier nicht weg, solange Ihr lest. Ihr findet mich, wenn Ihr mich sucht."

Der Angesprochene antwortete nicht. Er hatte bereits das Buch aufgeschlagen. Alles um sich herum vergessend, begann er zu lesen.

 

 

~

 

I.

Die Wahrheit legt ihre Rätsel in Träumen ab.

Und über allen Dingen tanzt das Schwert der Zeit

 

Als die Sonne sank, war ich nahe genug an die Stadt heran gekommen, dass ich durch mein Fernglas die Reihen halbverfallener Türme und Dächer gut erkennen konnte. Die Stadt musste zur Hälfte vom dunklen Sand verschüttet sein, denn Straßenzüge waren kaum vorhanden. Ich sah leere Fensterhöhlen, die wie tote Augen blind in die Sonne klafften und gewaltige Pagodenkonstruktionen, die zusammengesunken und schief aus dem Sand herausschauten, als wären sie Ertrinkende. Die Stadt war tot. Keine Menschen. Und meine Hoffnung, auf Wasser zu stoßen, schwand dahin. Verzweiflung erfüllte mich - diese Welt war vor langer Zeit gestorben. Und ich würde hier ebenfalls sterben. Es war wie ein Schlag in die Magengrube.

Ein heißer Wind kam von der Stadt und führte unzählige feine Sandkörner mit sich, die sich mir zwischen die Zähne setzten und meine Haare mit einer dunklen Kruste überzogen. Stoisch stapfte ich weiter. Gegen Abend hatte ich die ersten Gebäude erreicht. Unsicher ging ich zwischen den Ruinen umher. Das Geräusch meiner Schritte klang fehl am Platz. Der Wind wehte kräftiger zwischen den halbverfallenen Mauern und summte in meinen Ohren. Säulenalleen und Kreuzungen lagen im Dämmerlicht. Ein Schatten huschte im äußersten Winkel meines Blickfeldes vorbei. Ein Eindringling wie ich? Oder nur eine Wüstenratte, falls es so etwas gab?

Von der Stadt - oder was immer es war - schien mehr erhalten geblieben zu sein, als es von weitem den Anschein hatte, doch eine planvolle Ordnung war nicht zu erkennen. Der Zweck der Bauwerke blieb mir verborgen, sie schienen nicht zum Bewohnen gedacht: sie wirkten zu groß, zu fremdartig; Türen und Fenster waren nicht an den richtigen Stellen, die Formen zu unpraktisch. Welche Wesen stiegen durch dreieckige Türen in ein oktogonales Innere?

Andere Gebäude waren in ihrer ursprünglichen Form kaum mehr zu erkennen. Die Bruchstücke bildeten ein unverständliches Chaos, ähnelnd dem Skelett eines riesigen urzeitlichen Wesens. Säulenreste ragten empor, wie Klauen, Zähne und Rippen. Und über allem lag der Staub der Wüste, kein Wasser weit und breit.

Inmitten dieser schweigenden Trümmer stand der Sockel des Turms. Eine breite Treppe führte zu einem haushohen Portal. Als ich hin durchschritt, hatte ich erneut das Gefühl beobachtet zu werden. Irgendetwas lauerte da draußen, in den verfallenen Gemäuern.

Der Tag ging endgültig zu Ende. Die Sonne versank im Wolkenmeer und tauchte die Straßen in ein düsteres, graues Licht. Ich sah mich um, bestrebt, in dem Gewirr der Steine einen geschützten Platz zum Schlafen zu finden. Vorher legte ich den Rucksack zu einer Wasserfalle aus.

Mein Name ist - vermutlich - Jan Talborg. Und ich weiß weder, wer ich bin, noch wo ich bin. Ich habe auch keinen Schimmer, wer oder was mich in diese Welt verschlagen hat. Mein Ziel? Überleben.

Als ich vor zwei Monaten erwachte, war die Welt kalt, dunkel und hart. Erst später wurde mir klar, dass ich mich in einer Höhle befand, gute 200 Kilometer nördlich von hier, in einem Gebirge, von dem ich zuerst vermutete, dass es die Alpen waren. Eine Weile glaubte ich sogar, den Mont Blanc zu erkennen, doch als am ersten Abend die zwei Monde aufgingen, wurde mir klar, dass diese nicht meine Heimatwelt sein konnte. Wie sich das anhörte: Heimatwelt. Als hätte es seit jeher andere Welten gegeben.

Ich erinnerte mich an unglaublich viel, nur an nichts, was mit mir und meinem Leben zu tun hatte.

Die Mediziner nannten das wohl eine funktionelle Amnesie: man erinnert sich an die eigene Sprache, sogar an erlernte Fremdsprachen, kann nach wie vor Matheaufgaben lösen, weiß, wer als erster den Mount Everest bestiegen und wer gerade die letzte Tennismeisterschaft gewonnen hat - aber an nichts aus der eigenen Vergangenheit. Ein sehr seltsames Phänomen. Für einen Menschen, der das nie erlebt hat, ist es schwer zu begreifen, aber ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, ein wildfremder Mann kommt auf Sie zu und klopft Ihnen auf die Schulter, als seien sie alte Bekannte. Er nennt ihren Namen, auch seinen - an den sie sich nicht erinnern - und schwärmt Ihnen von einem gemeinsamen Campingausflug vor, an den Sie sich ebenfalls nicht erinnern. Kein Wunder, der Mann nimmt sie auf den Arm. Es hat nie einen Campingausflug gegeben und Sie atmen erleichtert auf und lachen ein wenig über den Scherz, um nicht als Spaßverderber dazustehen. Das Gefühl aber... sich nicht im Mindesten an einen Campingausflug zu erinnern, dieses Gefühl beschreibt ungefähr meine Situation. Andere kennen das vielleicht, wenn sie zuviel starken Alkohol getrunken haben. Ein Blackout ist die Folge, und man weiß beim besten Willen nicht, wie man in dieses Bett, neben diese drei Personen geraten ist. Ein solcher Blackout erstreckt sich bei mir von der Geburt bis zu dem Augenblick, da ich in dieser Höhle erwachte. So erinnere ich mich zum Beispiel an alle möglichen Filme, aber ich hatte keine Ahnung, wann und wo ich die gesehen hatte. Oder mit wem.

Irgendwer hatte mich dort oben im Norden ausgesetzt, und sogar mit einer kompletten Survivalausrüstung versorgt. In einem Rucksack fand ich alles, was man zum Überleben braucht: Eine Glock 17 - die ich eigenartigerweise perfekt bedienen konnte, eine hochmoderne Armbrust aus Kohlefaser mit Zielfernrohr und der Aufschrift „Hunter Supreme“, nebst einem Bündel biegsamer Kunstfaserpfeile. Aber die Ausrüstung musste schlampig und hastig zusammengestellt worden sein, denn ich hatte zwar eine Plane, aber kein Zelt; ich hatte Feuerzeug, Taschenlampe, Angelhaken, aber keine Angelschnur. Ein großes Messer - welches ich dann in einem seltsamen grauen Loch verlor - sowie ein Schweizer Messer, mit dem ich die Konservendosen öffnen konnte, von denen sich mindestens 20 Stück im Rucksack befanden. Leider eine einzige Sorte: Ravioli in Tomatensauce. Ich probierte eine davon und wusste: ich mochte keine Ravioli. Schon gar nicht kalt. Und dann gleich zwanzig davon? Alles wirkte, als hätte jemand blind in ein Regal gegriffen und einfach alles Mögliche in diesen Rucksack geschmissen. Als sei er oder sie in höchster Eile gewesen. Vielleicht war ich das sogar selbst? Nein - ich hätte keine Ravioli mitgenommen. Und doch wäre ich jetzt froh, wenn noch welche davon übrig wären. Der Rucksack war jetzt zwar erheblich leichter, aber in dieser Wüste würde ich nichts zu essen finden. Sehnsüchtig blickte ich gen Norden. Denn dort, wo ich hergekommen war, gab es Wälder und Seen, und die Jagd hatte mich am Leben gehalten. Doch die unfassbar hohe und steile Felswand, die ich hinunterklettern musste, um zu dieser Stadt zu kommen, war umgekehrt nicht mehr passierbar.

Woher ich vermutete, dass ich Jan Talborg hieß? Nun, ich fand im Rucksack, versteckt in einer Falte, eine Identitätskarte. Diese zeigte ein Gesicht, ein männliches mit blonden Haaren. Erst später, als ich einen Teich fand, in dem ich mich spiegeln konnte, bestätigte sich, dass es meins war. Nur waren die Haare inzwischen lang und wirr und mein Gesicht von einem tagealten Bart bedeckt. Ich sah aus wie Hardy Krüger in „Der Flug des Phoenix“.

Unter dem Foto stand ein Name: Jan Talborg. Daneben eine Nummer: 09022 und in besonders hervorgehobenen Lettern: "Jaques Laskar Institute". Dann der Name einer Stadt: Geneve, Suisse. Nichts davon sagte mir etwas. Ich erinnerte mich an eine Stadt namens Genf, wenn sie mir auch fremd vorkam, so wusste ich, dass es diese Stadt gab. So wie Rom, New York, Berlin und Neu Delhi. Aber wer zum Teufel war dieser Jan Talborg?

Und daneben hatte gleich das Notizbuch gelegen mit einem eingesteckten Bleistift. Dort hatte ich etwas hineingekritzelt. Ich konnte also lesen und schreiben, gut zu wissen.

Ich kramte jetzt das Notizbuch hervor, um einige Skizzen von der Stadt zu machen und starrte plötzlich wie versteinert auf das zufällig aufgeschlagene Blatt. Dort stand etwas geschrieben, das mit Sicherheit nicht von mir stammte. Die Buchstaben waren groß und vermutlich in allergrößter Eile hingeschmiert. In lesbaren Druckbuchstaben stand dort: JAN! VERNICHTE SATARA!

Das war eindeutig eine Botschaft an mich. Doch von wem? Nur derjenige konnte sie geschrieben haben, der mich hierher gebracht hatte. Er hatte wenig Zeit gehabt und einfach die Mitte dieses Buches aufgeschlagen und diese Nachricht hineingeschrieben, in der Hoffnung, dass ich dieses Büchlein durchblättern würde.

Eindeutig ein Auftrag. Jedoch ein Auftrag für einen Söldner. Ich wusste nicht wer ich war, aber ich konnte mit ziemlicher Sicherheit sagen, was ich nicht war: James Bond. War ich das Opfer einer grotesken Verwechslung?

Dazu musste man sicher gewesen sein, dass ich meine Fähigkeit zum Lesen und Schreiben behalten würde. Der Gedächtnisverlust konnte daher vielleicht gar nicht beabsichtigt gewesen sein, sondern stellte nur einen unkontrollierbaren Nebeneffekt dar.

Dieses Stück Papier war der einzige Hinweis darauf, dass ich nicht alles nur geträumt haben konnte. Wer war Jan Talborg? Und wer oder was, zum Teufel, war Satara? Ein Mann, eine Frau? Vielleicht ein Einsiedler hier in der Wüste, der mich schon die ganze Zeit beobachtete? Dann würde er wissen, wo es Wasser gab! In einer Anwandlung von Impulsivität sprang ich hoch und rief laut den Namen: "Satara!"

Meine Stimme hallte gespenstisch durch die Nacht, wurde im Innern des gewaltigen Turms vielfach zurückgeworfen, bis es von allen Wänden hallte: SATARA! SATARA! SATARA! Und dabei hatte ich das schwarze Gesicht vor Augen. Satara - der schwarze Mann mit den roten Linien im Gesicht.

Ich brach in einem trockenen Hustenanfall ab. Meine Stimmbänder waren förmlich eingerostet und meine Zunge gehorchte mir nicht richtig, so als hätte ich Alkohol getrunken. Es war ohnehin sinnlos. Es war ja nur eine Nachricht in einem Notizbuch. Wer weiß, am Ende hatte ich sie gar selbst geschrieben und hatte es vergessen. Satara! Ich klammerte mich an diesen Namen, wer sich auch immer dahinter verbergen mochte, es musste ein Mensch sein. Ein Hinweis darauf, dass es intelligentes Leben gab auf dieser Welt. Vielleicht sogar ein Hinweis darauf, dass ich nicht träumte.

Voller Unruhe fiel ich in einen fiebrigen Schlaf. In meinem Kopf kreisten die Gedanken. In dieser Nacht zogen schwarze Wolken auf.  Die beiden Monde standen wieder einträchtig am Firmament.

Wieder kam der Morgen und die Sonne stieg über den Wolkenhorizont, gleißend. Eine leichte, kühle Brise wehte, Nebelstreifen zogen wie feine Schleier über die Plattform. Eine kleine Lache hatte sich in meiner Wasserfalle gebildet, die ich gierig in mich hinein schlürfte. Aber es reichte kaum, meinen mörderischen Durst zu stillen.

Die Steine waren feucht vom Tau des Morgens. Nach einigem Suchen fand ich eine Vertiefung in einem Steinsockel, in der sich eine kleine Wasserlache angesammelt hatte.  Gierig schlürfte ich auch dieses bitter schmeckende Wasser.

Die Sonne stieg höher, bald brannte sie auf meinem Rücken. Vor mir versperrte eine Wand aus Quadersteinen den Weg. Sie lag im Halbschatten hinter einer Reihe mannshoher Säulenstümpfe und bildete die Vorderfront eines niedrigen Gebäudes, das in einen großen Trümmerberg hineinragte. In der Mauer gähnten dunkle Fensteröffnungen. Irgendwie erweckte die Wand in mir ein Gefühl der Bedrohung. Es war mir fast, als wäre ich nicht allein an diesem Ort, die Öffnungen schienen mich zu beobachten. Es ging etwas Lauerndes von ihnen aus, so als würden sich dahinter unsichtbare Dinge im Dunkel verbergen.

Zögernd blieb ich vor der Mauer stehen.

Die Sonne war nun in den Zenit gestiegen. Wie ein Feuerball hing sie im wolkenlosen Himmel, bösartig fast, als wollte sie alles unter sich in Flammen setzen. Doch der frostige Schatten im Innern des Gebäudes wirkte noch feindlicher. Ich sollte nicht hier sein. Über den Ruinen lag etwas Kaltes, Fremdes, fast körperlich spürbar.

Ich trat zwischen zwei der Säulen und versuchte in das Innere des Gebäudes zu spähen. Das Fenster war halbrund, etwa kopfgroß und ich musste nahe herantreten. Aus dem Loch blies mir ein dumpfer, muffiger Wind entgegen. Er trug den Geruch von etwas Vertrautem mit sich. Es roch fast ein wenig nach - Mensch?

Zunächst konnte ich nichts erkennen, nur Schattenlinien, die sich im Dunkeln kreuzten. Dann beleuchtete ein schwacher Widerschein der wandernden Sonne eine Säulenspitze und etwas Licht fiel in die Öffnung.

Aus dem schwarzen Loch starrte etwas zurück.

Etwas wie eine verzerrte Fratze, kaum menschlich, aus dunklen Augenhöhlen glotzend. Ein schwarzes Gesicht mit roten Linien darin.

Mit einem erstickten Schrei fuhr ich zurück und prallte gegen eine Säule. Etwas raschelte dort drinnen, ein dumpfes Knirschen dann ein gutturaler Laut.

Schließlich Schritte, eindeutig das Geräusch menschlicher Füße, die sich vorsichtig einen Weg durch das Geröll suchten.

Meine tastende Hand fand die Pistole, entsicherte sie, zittrig richtete ich sie auf das Loch. Dann erschien die Gestalt, hochgewachsen, ein tiefschwarzes Gesicht in ein dunkles Tuch gehüllt, rote Furchen durchzogen das Antlitz.

"Satara?" sprach ich heiser.

Etwas blitzte in den Augen des Mannes gefährlich auf, gleichzeitig nickte er, ich hatte Satara vor mir. Und dann geschah etwas zutiefst beunruhigendes. Als gehörte mein Finger nicht wirklich zu mir, betätigte ich den Abzug der Waffe. Ein ohrenbetäubender scharfer Knall ertönte, der Rückstoß zerrte mir die Arme hoch und Mauerwerk spritzte. Das Echo des Schusses hallte noch lange in meinen Ohren wieder. Was hatte ich da getan? Hatte ich jemanden verletzt? Und warum ballerte ich einfach los, ohne Sinn und Verstand, als wäre ich eine programmierte Killermarionette? Ängstlich schielte ich in die Maueröffnung. Aber ich hatte schlecht gezielt und nur die Mauer getroffen. Gottseidank.

Dann sah ich etwas Dunkles, Längliches auf mich zufliegen. Den Bruchteil einer Sekunde sah ich es noch, dann traf es mich mit Wucht und es wurde finster um meinen Geist.

Als ich zu mir kam, kroch die Kälte durch die Ritzen des Gemäuers. Es war tiefschwarze Nacht. Der Fremde hockte einige Meter von mir entfernt an einer Mauer und kaute auf irgendwas herum; Ein kleines Feuer knisterte einige Meter entfernt von ihm. Im flackernden Lichtschein erkannte ich meine Ausrüstung, die er vor sich auf dem Boden ausgebreitet hatte, und die er offenbar studierte. Der Mann war in fein gewebte, burnusartige Gewänder gekleidet. In einer Schärpe um die Hüfte steckte ein Krummsäbel, neben ihm auf dem Boden lag eine mächtige Lanze. Damit hatte er mich wohl niedergeschlagen.

Da erst, bemerkte ich, dass er mich an Händen und Füßen gefesselt hatte.

Ich versuchte etwas zu sagen, brachte aber nur ein Krächzen hervor. Ich räusperte mich und versuchte es erneut, wobei ich unwillkürlich die englische Sprache benutzte, überzeugt, dass ich damit absolut keinen Erfolg haben würde:

"Wer sind Sie?"

Er wandte den Kopf und sah mich aus funkelnden Augen an.

"Ich bin Medelin al Chathrad. Und Euer Name?"

Welch eine Überraschung! Sein Englisch war seltsam, aber verständlich. Er sprach mit einem leicht asiatisch angehauchten Akzent, das "r" allerdings eher so, wie ein Deutscher oder Skandinavier es aussprechen würde.

Noch überraschender war, dass er nicht sonderlich sauer zu sein schien, obwohl ich auf ihn geschossen hatte.

"Jan Talborg“, sagte ich und nickte dabei.

"Yanthalbor“, wiederholte der Fremdling langsam und ich hütete mich, seine Aussprache zu korrigieren.

„Das vorhin, der Schuss“, begann ich zögerlich, „das war keine Absicht ... Ich wollte eigentlich gar nicht schießen.“

Keine Antwort. Vielleicht verstand er mich doch nicht. Ich schloss die Augen. Mein Kopf schmerzte an der Stelle, die das stumpfe Ende seiner Lanze getroffen hatte. Als ich die Augen wieder aufschlug, sah ich direkt in sein schwarzes Gesicht. In sein krauses Haar hatte er dünne Linien rasiert, die rot eingefärbt waren. Um seine scharf geschnittene Nase und auf seinen Wangen fanden sich diese rötlichen Tätowierungen. Seine Augen blickten forschend, ernst und nicht unfreundlich. Er deutete mit seiner knochigen Hand auf meinen Kopf.

"Die Blessur? Soll ich mir das ansehen?" Auch diese Frage war in Englisch gekommen, einem eher altertümelnden Englisch, welches man in Shakespeare Dramen findet. Man sprach heutzutage nicht mehr von "Blessuren", sondern Wunden.

"Du sprichst meine Sprache?" fragte ich ihn.

Er schüttelte den Kopf. "Nein - du sprichst meine. Was ist nun mit der Verletzung?"

Ich nickte.

Behutsam betastete er meinen Kopf. Ich stöhnte auf und mir wurde kurz schwarz vor Augen.

Ich musste kurz weggetreten sein, denn als ich zu mir kam, war mein Kopf verbunden. Der Fremde Schwarze saß wieder einige Schritte von mir entfernt und sah mich an. Seine Augen schimmerten im Dunkel wie Perlmutt. Er hielt mir ein Stück harten Brotes entgegen. Meine Hände hatte er losgebunden. Wie ein Tier riss ich ihm das Brot aus der Hand und biss hinein. Mein Durst war verschwunden. Hatte er mir Wasser eingeflößt?

"Der Kopf - bereitet er noch Ungemach?"

Ich betastete vorsichtig den Verband. Erstaunlicherweise fühlte ich keinen Schmerz mehr. Der Mann musste eine Art Mediziner sein.

"Nein, vielen Dank. Ihr seid sehr geschickt."

"Satara“, sagte er plötzlich. "Warum wolltest du Satara töten?"

"Kennst du ihn?" Da er mich duzte, beschloss ich, es ihm gleich zu tun.

Er nickte. "Sie. Die Sufetin von Montalbaan. Ihretwegen mache ich die Reise. Also: warum willst du sie umbringen?"

"Das weiß ich selbst nicht. Ich kenne sie gar nicht. Sufetin von Montalbaan?"

Er nickte. "Ja, sie regiert die weiße Stadt und behütet die Kammer. Allerdings ist sie seit einiger Zeit verschwunden - ich vermute, dahinter steckt Nor, der Consiliar. "

"Was ist ein Consiliar?"

Medelin sah mich durchdringend an.

"Er berät die Sufetin. Seit sie verschwunden ist, regiert er an ihrer Stelle. Was genau geschehen ist, vermag ich nicht zu sagen, deshalb bin ich ja hier."

"Wer auch immer die beiden sind, sie haben etwas damit zu tun, dass ich in dieser Lage bin. Ich muss sie sprechen. Und ich muss mich sehr bei dir entschuldigen."

Ich blickte zu Boden und wählte meine Worte mit Bedacht. "Ich habe wie eine Maschine gehandelt, als hätte jemand einen Knopf gedrückt."

Er blickte mich starr an. "Was ist eine Maschine? Ich habe dieses Wort schon mal gehört."

„Nun, eine Maschine, das ist ein Ding, welches von Menschenhand erschaffen wurde, um Arbeiten zu verrichten."

"Ah, so etwas wie eine Mühle, oder ein Pflug?"

Dann war ich also in einer mittelalterlichen Welt gelandet. Vollkommen unmöglich. Das alles war vollkommen unmöglich. Dem Landschaftstypus nach zu urteilen, könnte ich mich in Afghanistan befinden, oder Kasachstan, oder auch Nordafrika. Aber selbst dort kannte man Maschinen. Und verwarf diesen Gedanken gleich wieder, denn nirgends auf der Erde gab es zwei Monde.

"Ja so ähnlich. Aber Mühlen oder Pflüge sind sehr primitiv, zumal Pflüge von Menschenhand oder vielleicht auch Tierkraft betrieben werden. Eine Maschine bewegt sich von allein, durch Energie - wenn man sie einmal eingeschaltet hat. Natürlich."

"Energie...", wiederholte er, gleichermaßen verwundert.

Ich nickte. Und beschloss, zunächst innezuhalten. Ich musste erst mehr über seine Welt erfahren.

"Medelin. Wo bin ich hier? Wo sind wir?"

Medelin zog eine Braue hoch. Er deutete auf die Ruinen da draußen.

"Wir sind in der Madranée. Ich kenne den Namen dieser Stadt nicht, sie ist überdies...mehr als seltsam. Ich glaube auch nicht, dass sie auf Karten verzeichnet ist."

"Und was tust du hier?"

Medelin stand auf und blickte auf mich herab.

"Du hast mich angegriffen. Ich fordere daher das Recht zuerst zu fragen. Woher kommst du? Was war das für eine Waffe? Warum benutzt du eigenartige Worte? Wer bist du?"

Ich zuckte die Achseln. "Wenn ich das nur wüsste. Leider kann ich dir nur wenig Antworten geben. Die Waffe ist eine Art Maschine. Sie feuert Projektile ab. Die Welt aus der ich komme, ist gänzlich anders als deine, und ich vermute mal, sie ist weit weg. Wer ich bin, habe ich vergessen."

Medelin ging in die Hocke und blickte mich ernst an.

"Dann bist du ein Mann ohne Gedächtnis? Ein Migroiker?"

"Was ist ein Migroiker?"

"Na so was wie du. Man trifft ab und zu welche, zumeist in großen Städten wie Assilia. Sie reden wirr. Sie erzählen von Maschinen, solchen, die fliegen können oder gar mächtigen Waffen, die in der Lage wären, ein ganzes Land zu zerstören. Wir halten sie für verrückt."

"Verstehe."

Es gab also mehr solche armen Verirrten wie mich. Das machte mich froh und traurig zu gleich. Froh, weil es bedeutete, dass ich nicht ganz allein war, traurig, weil es nur bedeuten konnte, dass diese Menschen es nie zurück in ihre Heimat geschafft hatten.

"Die Zauberer von Rhûn kennen Drogen, die Menschen dazu bringen, Dinge zu tun...“, fuhr Medelin fort.“ Auch Dinge, die wider die Natur des Menschen sind. Aber die Urwälder von Rhûn liegen tief im Süden der Welt. Du aber, bist nicht aus dem Süden, deine Haut müsste dann viel dunkler sein. Bist du ein Nordländer aus dem Ghîs Theriyathia?"

"Keine Ahnung“, erwiderte ich. "Möglich. Ich denke aber eher, dass ich aus einer gänzlich anderen Welt stamme. Ihr habt zwei Monde, richtig?"

Medelin nickte. "Salter und Chalesh."

Ich schnaubte. "Siehst du? Meine Welt kennt nur einen Mond. "

"Und wie bist du dann hierhergekommen?"

"Keine Ahnung. Sag du es mir."

Er lächelte zum ersten Mal. "Das werde ich. Ich möchte wetten, du kommst von der vergessenen Kammer der Träume."

"Kammer der Träume? Was ist das?"

Medelin erhob sich wieder zur Gänze und trat an eine der zerstörten Fensternischen heran. Versunken hinaus starrend erzählte er mir von der Kammer der Träume.

"Die Kammern der Träume, früher auch Kammern der Könige genannt, sind eine uralte Sage, die seltsamerweise allen Völkern eigen ist. Ich selbst glaube, dass es nur eine richtige gibt - hoch im Norden, in den Schneebergen von Alipinia. Das Protektorat Montalbaan sowie das Reich von Irûl behaupten beide von sich, eine zu besitzen. Von der Kammer im Norden denke ich jedoch, dass sie zugänglich ist. Aber niemand kann sagen, wo genau sie sich befindet."

"Und was sind diese Kammern nun genau?" fragte ich mit wachsender Unruhe. Der Beschreibung nach war ich wohl exakt von dort gekommen.

Medelin wandte sich um und sah auf mich herunter.

"Sie sind der Ursprung. Von dort aus haben die Alten Rikas, die Welt, erschaffen. Und von dort aus könnte man sie auch beherrschen, verändern... vorausgesetzt man beherrscht auch ihre alte Magie."

Er trat näher an mich heran und sprach eindringlich zu mir: " Es ist von großer Bedeutung, diese Kammer zu finden, denn es geht etwas vor in dieser Welt! Etwas Schreckliches. Und ich bin sicher, nur in dieser Kammer kann man es aufhalten."

"Was geschieht denn, Medelin?"

Er schnaubte.

"Ich weiß, dass das  Ghîs Eremua vor Äonen einst grün und fruchtbar war, doch seit langer Zeit ist alles verdorrt! Vor vielen Centennien herrschten die Alten und alles war gut, doch nun künden nur noch Relikte von ihnen. Das Reich von Irûl breitet sich ungehindert aus, immer scheußlichere Waffen bringen sie zum Einsatz. Diese Welt stirbt, und in den Kammern liegt die Rettung!"

Ich sprang auf und lief unruhig auf und ab,

"Ich bin von dort gekommen! Ich wachte in einer eisigen Höhle auf, und hatte diese Ausrüstung dabei! Aber die Höhle ist eingestürzt! Irgendwer hat ein Interesse daran, dass ich durch diese Welt gehe... ich soll eine gewisse Satara töten ... weil...weil?"

Ich grübelte, irgendetwas in meinem Gedächtnis war in Bewegung gesetzt. Satara, Satara...was hatte das zu bedeuten?

"Du musst Satara sehr hassen", stellte Medelin fest.

"Ich? Nicht ich will sie töten! Irgendjemand will, dass ich das tue. Aber ich will nur raus aus diesem Alptraum und zurück in meine Welt. Und ich will endlich wissen, wer ich bin!"

Ich hatte das herausgeschrien, als müsste ich es mir selbst noch einmal sagen, um es mir zu glauben.

"Wie lautet dein Auftrag genau?"

Ich blinzelte ihn an. "Wie meinst du das? Töten, ich soll sie töten."

"Wiederhole die Worte."

Ich hustete und kramte mein Notizbuch hervor. "Warte, steht doch hier, Moment.“ Ich blätterte zu der betreffenden Seite vor und fand den Satz. Ich las ihn vor. "Jan. Vernichte Satara. Das steht da. Vernichte Satara."

Medelin blickte zu Boden. "Hm. Töten und Vernichten scheinen dasselbe zu sein. Und doch muss es nicht dasselbe sein. Wer auch immer dies schrieb, wählte seine Worte mit Bedacht. Töten kann ich nur Lebendes. Vernichten kann ich  alles."

Ich schüttelte unwillig den Kopf. "Und wenn schon. Du hast mir ja schließlich bestätigt, dass Satara eine Frau ist. Also kann ich sie töten. Ich weiß bloß nicht, ob ich's auch tue! Bisher hat sie mir nicht in die Suppe gespuckt."

"In die Suppe? Welche Suppe?"

"Nur eine Redewendung. Ich meine, sie hat mir nichts getan."

Er winkte ab. "Oh, das wird sie! Das wird sie ganz sicher." Dann sagte er ruhig:  "Wenn Du zurück willst, in deine Welt, dann musst du Satara vernichten. Sie ist der Schlüssel. Aber du musst sie erstmal finden. Und auch dann wird es nicht leicht sein - sie ist sehr mächtig."

Nun schrie ich ihn fast an: "Was interessiert mich Satara? Wir müssen zurück in diese Höhle! Sie ist eingestürzt, aber wir schaufeln sie frei! Dort liegt die Antwort, mein Gott, war ich ein Idiot, von dort weg zuwandern! Wir müssen zurück, komm, wir gehen!"

Medelin hielt mich an der Schulter fest.

"Narr! Wir können nicht dorthin."

Ich stierte ihn an. "Warum nicht?"

"Weil“, erklärte er  trocken. "Wir keinen Proviant haben. Keine Männer, die eine eingestürzte Höhle frei schaufeln könnten. Und dann sind da die Klippen von Eremua. Du bist sie ja hinabgeklettert, meinst du, es wäre möglich, sie zu erklimmen?"

"Dann wandern wir so lange die Klippen entlang, bis wir eine Passage finden. Ich kenne nun den Weg, es gibt viel Wild dort, und Früchte, auch Bäche fließen dort, nein, wir brauchen keinen Proviant."

„Die Klippen entlangwandern? Bis du toll? Wir müssten entweder tausend Meilen nach Westen oder tausend Meilen nach Osten marschieren. Und dann wieder zurück. Und wie kommen wir in deine Höhle? Willst du Felsen mit den Händen tragen?"

Ich blickte zu Boden. Er hatte Recht. Meine Ausrüstung war wohldurchdacht, aber sie enthielt kein Dynamit.

"Yanthalbor?" sagte Medelin.

"Ich heiße Jan!"

"Du bist die Antwort auf alle meine Fragen."

Ich sah ihn indigniert an. "Ich habe versucht, auf dich zu schießen, ich bin ein Niemand. Warum sollte ich eine Antwort sein?"

Er lächelte zum ersten Mal.

"Schau. Ich ging gen Norden, um die Kammer der Träume zu finden. Die Kammern in Montalbaan und Irûl werden bewacht, niemand kommt dort hinein. Aber ich fand dich. Du bist aus dieser Kammer gekommen. Ich habe sorgfältig deine Ausrüstung überprüft, während du schliefst. Ich bin vielleicht nicht so klug wie die Alten, aber ich erkenne ein Artefakt. Deine Ausrüstung besteht nur aus phantastischen Artefakten, die von hoher Magie zeugen. Du magst dein Gedächtnis verloren haben, aber Gnade Choros der Welt, wenn du dieses Gedächtnis je wiedererlangst. Du bist ein mächtiger, ein großer Zauberer, und ich werde von nun an nicht von deiner Seite weichen."

Ich lachte ihn an und nahm seine Hand von meiner Schulter.

"Medelin. Nun mal ernsthaft. Ich bin kein Zauberer. Ich bin das Gegenteil eines Zauberers. Na egal, jedenfalls bin ich kein Magier oder auch nur annähernd so etwas, ich bin auch kein Abenteurer, kein Indiana Jones oder ähnliches..."

"Wer ist Indiana Jones?"

"Auch so ein Mythos. Ich werde mir als erstes eine Peitsche kaufen, wenn wir eine Stadt erreichen. Aber glaube mir: ich bin alles andere als ein Held. Ich bin nur ein Träumer. "

"Von einem Helden sprach ich auch nicht. Ich sagte, du bist ein Zauberer. Aber wer weiß, vielleicht bist du auch ein Held."

"Helden sterben. Das ist ihre Bestimmung."

"Alle sterben."

"Fein. Und jetzt?"

"Wir gehen nach Süden. Wir brauchen Männer."

"Eine Expedition?"

"Genau das. Träum weiter, Yanthalbor. Aber träume gut."

 

*

 

Ohne diesen seltsamen Menschen, der sich Medelin al Cathrad nannte, wäre ich sicher verloren gewesen. Nicht nur, dass er eine wichtige Informationsquelle war, was meine erstaunliche Umgebung anging, seine offensichtlichen medizinischen Fähigkeiten bewahrten mich vor Wundbrand. Seine Heilsalbe war bakterizid und er entfernte die abgestorbenen Stellen der Wunde mit einem scharfen Messer, das er vorher mit einer Art Sturmfeuerzeug desinfizierte. Die geöffnete Wunde behandelte er mit einem gelben Pulver, von dem ich vermutete, dass es Schwefel war. Wir blieben nicht lange in der Alptraumstadt. Medelin hatte genug Vorräte, um uns zurück zu seinem Volk zu bringen. Für einen längeren Aufenthalt, um die Stadt zu erforschen, hätte es nicht gereicht.

Die Sprache, die Medelin benutzte, war ein Indiz dafür, dass mir die Parameter dieser Welt grundsätzlich bekannt sein mussten. Die Lautfolgen klangen viel weniger fremdartig, als ich erwartet hatte. Teilweise erinnerten mich die Worte an Latein (Wasser hieß 'Ekquis' in seiner Welt, sehr ähnlich dem lateinischen Aqua) und Erde nannte er 'Eredh', was sogar an meine holländische Muttersprache erinnerte. Wenn ich ihn richtig verstand, hatte der Begriff 'Eredh' zusätzlich die Bedeutung von 'Herrin' oder 'Herren', was mir nicht unlogisch erschien.  Ghîs schien aus dem nilosaharanischen Sprachraum zu kommen und bedeutete "Reich", wobei "Eremua", das alte Wort für "Mensch", eher aus dem Koreanischen stammte. Das alles war eigenartig, als wäre die Sprache der Alten, oder der "Nerdas" wie er sie nannte, ein Konglomerat aus allen Sprachfamilien, die ich kannte. Ein weiterer Hinweis darauf, dass ich das alles nur träumte, denn Sprachen waren offenbar meine Leidenschaft.

Wir verließen die Ruinen und wandten uns gen Süden, eine trockene Hochebene entlang. Dort, erklärte Medelin, läge ein Süßwassermeer, das Ekquis Dolke, und die Hafenstadt Dhruum, wo wir unseren Proviant erneuern und dann ein Boot nach einer Stadt namens Assilia nehmen würden.

Sein Gang war zielsicher und unbeschwert, wie einer, der viel läuft. Gab es nicht einmal Pferde in dieser Welt? An seiner rechten Hüfte baumelten allerlei Ausrüstungsgegenstände und auf dem Rücken trug er ein Bronzeschwert. Wahrscheinlich war diese Welt an Eisen arm.

Er nannte sie "Rikas", (auch dies ein skandinavisches Wort für "Welt" oder "Reich"), und mit viel Mühe zeichnete ich nach seinen Angaben eine Karte in mein Notizbuch, bis er mir Karten zeigte, die sehr viel besser waren, als mein Gekritzel.

"Halt! „ rief ich, als er mit meinem Bleistift die Konturen seiner Welt einzeichnete. "Kannst du diese Küstenlinie da im Westen etwas genauer zeichnen?"

Medelin sah mich indigniert an. "Du glaubst, dass ich mich an jede Bucht und jede kleine vorgelagerte Insel erinnere? Ich war noch nie so weit im Westen. Ich kenne alte Karten davon."

"Egal, so genau wie es geht bitte."

Er brummelte etwas und gab sich Mühe. Als ich mir das Ergebnis betrachtete, war ich nicht schlecht erstaunt.

"Also wenn das nicht die afrikanische Westküste ist...und sogar Teile der iberischen Halbinsel...nur, wo ist das Mittelmeer geblieben?"

"Meer? Da ist kein Meer, das ist die Madranée, die Giftwüste."

Und wir befinden uns also am östlichen Rand der Madranée?"

"So ist es, im Süden liegt Dhruum."

Ich grübelte noch lange über dieser Karte. Nun, konnte auch alles Zufall sein.

Da, wo ich hergekommen war, musste nach Ansicht seines Volkes die Welt zu Ende sein. Tief im Süden lag ein Reich, Irûl, über das er nur düstere Anmerkungen machte, nach Osten war noch niemals jemand vorgedrungen und nach Westen erstreckte sich eben jene Madranée, eine giftige Wüste, die wir teilweise zu durchqueren hatten, um zum Ekquis Dolke zu gelangen.

Medelin selbst kam aus einer Stadt namens 'Montalbaan', die am Fuße eines Gebirges, den 'Rhodeiis' lag, einige Hundert "Dikas" (ein Dika war etwas mehr als ein Kilometer) südwestlich von Assilia, der wohl größten Hafenstadt seiner Welt.

Durch ihn erfuhr ich, dass es auch in seiner Welt unterschiedliche Dialekte gab, doch redete man allgemein 'Montalbaneesh' oder 'Assilisch', einer Sprache, die jeder seinem Heimatort entsprechend nannte, die sich aber von Sprachen anderer Städte nur unwesentlich unterschied. Die "brutale Sprache Irûls" sprachen nur wenige.

Die Landschaft hatte sich seit unserem Aufbruch vor drei Tagen kaum verändert. Soweit das Auge reichte, erstreckte sich die schwarze Erde nach Süden. Im Osten und nun auch im Westen gleißte die Salzwüste, von der Medelin gesprochen hatte. Die Hochebene, auf der wir uns befanden, war nur ein schmaler Streifen weniger heißen Landes. Von seltsam körniger Konsistenz war der Boden unter unseren Füßen, erinnernd an Lava und Asche.

"Das ist keine normale Wüste“, sagte ich, als ich wieder mal in die Hocke ging, um den Boden zu prüfen. Ich stocherte mit meinem Pickel herum. Die Decke brach durch wie eine getrocknete Schlammblase.

"Siehst du? Das ist doch kein Wüstensand. Das ist getrockneter Schlamm."

"Du willst damit sagen, dass hier einst ein Meer war?" fragte Medelin zweifelnd.

"Das wäre durchaus möglich. Aber das muss schon sehr lange her sein."

Einige dürre Gräser gediehen unter dem azurblauen Himmel, Gräser, die Medelin meisterhaft aufbereitete, so dass die geringe Energie, die in ihnen schlummerte ausreichte, um unsere Füße wieder ein paar Meter zu bewegen. Morgens tranken wir den Tau, den Medelin in Tüchern sammelte und auswrang. Dazu gab es ein Stück seines zwiebackartigen Hartbrotes. Er war ein Meister des Überlebens, etwas Geeigneteres hätte sich mein krankes Hirn nicht ausdenken können, um mich weiter unbeschadet durch diese Traumwelt zu lotsen.

Am Morgen des fünften Tages erkannte ich eine schwarze Linie am Horizont.

"Was ist das?" fragte ich Medelin.

Doch der zuckte mit den Achseln.

"Weiß ich nicht“, antwortete er. "Kam ich doch von Südosten, wie du weißt. Die Hochebene hier - ich beschritt sie von Osten kommend, als ich die Ruinen erblickte."

"Hm."

Ich kramte in meinem Rucksack und förderte mein Fernglas zutage. Schweigend sah Medelin zu, wie ich es an die Augen setzte. Sicher hielt er es für eine Art Zauber. Wiederholt hatte er mir erklärt, ich sei ein mächtiger Zauberer, meine Beteuerungen, ich wüsste mit absoluter Sicherheit nichts von Zauberei, tat er mir unwirschen Bewegungen ab.

"Ein Damm", erkannte ich erstaunt. "Eine Mauer, mit einer Art Straße oben!"

Ich reichte ihm das Glas. Vorsichtig nahm er es entgegen, hielt es an sein Auge - und schrak zurück.

"Was bei allen Teufeln..- Nebel?" Er hielt es wieder ans Auge.

Ich drehte am Rädchen, um das Okular einzustellen.

"Hier Schärfe ziehen“, erläuterte ich. Wieder sah er hindurch.

"Das Doppelrohr“, sagte er ehrfurchtsvoll, "es vergrößert die Welt!"

"Nur scheinbar, Freund Medelin. Es holt Dinge nah, die fern sind. Doch nur fürs Auge, nicht für die Hand."

"Ein Damm. Obgleich es nichts gibt, wogegen man sich mit einem Damm schützen müsste." Er gab mir das Glas zurück. "Es wundert mich nichts in der Welt der Alten."

 

Gegen Abend waren wir dem Damm so nah gekommen, dass wir ihn mit bloßem Auge erkennen konnten. Wie die obskure Laune eines skurrilen Städteplaners, der noch einen Etat zu verpulvern hatte, ragte der Damm scheinbar ohne Funktion aus dem schwarzen Sand. Seine Mauern waren grau, grau wie Beton. In einer Rampe führte eine breite Straße hinauf. Soweit wir es erkennen konnten, zog sich der Damm schnurgerade nach Süden. Als das rote Abendlicht auf seine Mauern traf, schien er von innen zu erglühen.

Wir kampierten am Fuße der Rampe. Immerhin bot das Bauwerk einen guten Schutz gegen den empfindlich kalten Westwind, der des Nachts aufzukommen pflegte. Medelin begann mit seinen allabendlichen Ritualen, denen er größte Zauberwirkung beimessen musste, denn er ging akribisch, mit größter Sorgfalt vor.

Zunächst bestreute er die Lagerfläche mit einem feinen, weißen Pulver "um das Gift der Madranée fernzuhalten", dann zog er mit seinem Schwert einen magischen Kreis in die bestäubte Fläche hinein und versah diesen mit feinen Linien, nach einem mir unverständlichen Muster. Hier, in diesem Kreis wurde geschlafen.

Es folgte eine Reihe von Beschwörungen und Werzeichen in alle Himmelsrichtungen.

Dann bereitete er aus den gesammelten Gräsern ein frugales Nachtmahl, indem er sie klein hackte, einige bedeutungsvolle Ingredienzien, sowie zerkrümeltes Hartbrot hinzufügte und sich die Hälfte mit den Worten "gut kauen!" in den Mund steckte. Es schmeckte scheußlich, ungefähr wie mit Sand vermischtes Altpapier.

Wir sprachen wenig am nächsten Tag. Der ständige Wasser- und Nahrungsmangel hatte uns ausgezehrt, wir brauchten all unsere Kraft, um weitergehen zu können.              

Der Damm erstreckte sich bis zum Horizont, ungefähr sechs Meter über dem Wüstenboden. An besonders unebenen Stellen setzte er sich in Brücken fort, die über Canyon artige Einschnitte führten. Ohne diese Brücken wäre unser Marsch sehr viel beschwerlicher gewesen. Manche der Brücken waren allerdings eingestürzt, so dass wir uns doch auf die andere Seite quälen mussten.

Die Straße war an beiden Seiten durch eine steinerne Brüstung geschützt, in die in regelmäßigen Abständen fremdartige Symbole gemeißelt waren. Medelin wusste nichts über die Kultur, die diese Straße erbaut haben mochte. Er nannte sie "die Alten".              

Diese Welt war, so weit ich es in Erfahrung bringen konnte, 1000 Jahre alt. Davor war nichts, ein Gott namens Choros hatte die Zeit erschaffen. Auch dieser Göttername wiederum, korrespondierte phonetisch mit dem griechischen "Chronos - Zeit", was ich wieder als Indiz für meine Traumtheorie wertete. Es gab noch einen Gott namens Baan (daher der Name Montal - baan, die Bergfeste des Baan) und einen Orden der Bit'Va, über den sich Medelin allerdings nicht weiter auslassen wollte. Die ominösen "Alten" jedoch, mussten zweifelsfrei vor dem Beginn der Zeit existiert haben, denn in den Annalen von Rikas waren keine Städte wie die Ruinenstadt verzeichnet. Diese Welt war noch nicht einmal zur Gänze erforscht, geschweige denn vermessen.

Als ich gegen Nachmittag durch mein Glas schaute, erkannte ich eine Hügelkette am Horizont.

"Was ist das?" fragte ich Medelin.

Der sah hindurch und meinte: "Wenn wir großes Glück haben, dann sind das die Hügel von Dhruum. Dahinter liegt das Meer."

"Wie weit insgesamt noch?"

"In vier Tagen."

Das Material, aus dem die Straße bestand, war eindeutig Asphalt, in der gleißenden Hitze stellenweise aufgeweicht und durch die Erosion an den Rändern ausgefranst. Teilweise metertiefe Schlaglöcher wiesen ins Innere des Damms, auf Brücken waren einige von ihnen so tief, dass man den schwarzen Wüstenboden durch sie sehen konnte.

Gegen Abend erreichten wir ein kleines Bauwerk, die Ruine eines Türmchens, welches sich an der westlichen Balustrade erhob. Ursprünglich mochte es gemeinsam mit einem Türmchen auf der Ostseite als Pfeiler eines Torbogens gedient haben, aber jetzt kündeten nur noch herumliegende Trümmer von dieser einstigen Bedeutung.

Ein Raum im Inneren des Turms war noch intakt. Hier schlugen wir unser Lager auf.

"Warum glaubst du zu träumen, Yanthalbor?" fragte Medelin, nachdem er seine Rituale vollzogen hatte und während wir unser karges Nachtmahl verdauten.

"Vielleicht stehe ich ja auch unter Drogeneinfluss."

"Du solltest nicht ausweichen, Yanthalbor, weil diese Frage von Bedeutung ist."

Ich zog die Schultern ein und kauerte mich an die Turmwand. Ein kleines Lagerfeuer hätte jetzt gut getan, aber es gab kein Holz.

"Ich weiß, dass es keine Welten gibt, außer der, aus der ich komme. Alle anderen Welten existieren nur in unseren Köpfen. Und was meinen Kopf angeht, so kenne ich vieles von dem, was ich hier sehe."

"Und warum weißt du dann nicht, wer du bist?"

"Im Traum weiß man das nie, oder?"

"Und wer bin ich? Medelin al Cathrad, nur ein Geschöpf deiner Phantasie? Ich fühle, ich denke, also lebe ich, hier und jetzt."

Irgendwo hatte ich diesen Satz schon einmal gehört.

"Ein wirklich konsistenter Traum könnte durchaus komplexe Charaktere erschaffen. Für die Wirklichkeit ist hier alles viel zu irreal, Medelin."

Medelin schüttelte den Kopf. Dann beugte er sich zu mir herüber und kniff mich unsanft in den Oberarm, so dass ich kurz aufjaulte.

"Und“, fragte er, "was tut jetzt weh? Die Wirklichkeit?"

Dann rollte er sich in seine Decke und legte sich zum Schlafen nieder. "Verrückter Zauberer“, murmelte er noch.

             

Zwei Tage später hatten wir das Vorgebirge erreicht. Grau und karg erstreckten sich die Hügel zu beiden Seiten. Der Himmel war düster geworden und die Temperatur war gesunken. Morgens gab es viel Tau und zuweilen war die Vegetation üppiger. Die Straße endete unmittelbar an einer Felswand. In die Felswand war eine steinerne Tür eingelassen, mannshoch, voll verwitterter Furchen im äonenalten Granit. Ursprünglich musste sie sich nahtlos in den umfassenden Fels eingepasst haben, jetzt hatte die Erosion Scharten und Risse gegraben, in denen Medelin sein Schwert ansetzte, um die Tür zu öffnen, ohne Erfolg. Etwa in Griffhöhe war eine runde Vertiefung eingelassen. Als ich probehalber mit meinem Messer darin stocherte, schwang die Tür nach innen. Für mich purer Zufall, für Medelin ein weiterer Beweis meiner Zauberkünste.

Als wir durch das Tor traten, fanden wir uns in einer kathedralenhaft hohen Halle wieder. Der scharfe Strahl meiner Taschenlampe fraß sich in die Höhe und prallte erst in dreißig, vielleicht vierzig Metern Höhe auf etwas Glänzendes. Die Mauern ringsum waren aus schwärzlichem Gestein, feucht glitzernd; Säulen waren reliefartig aus den Wänden gearbeitet, dazwischen waren Nischen in die Wände eingelassen, die oben in gotisch-spitzen Bögen zuliefen. Die Nischen waren ohne Ausnahme leer. Alles wirkte so, als hätte man einen ehemals heiligen Ort geräumt und von allen Zeugen befreit. Der Fußboden war Mosaikförmig mit schwarzen und roten Plättchen belegt, die stellenweise abgesunken waren. Kein Bild erinnerte an die Erbauer der Halle. Steinsockel ragten vor uns auf, doch keine Statue fand sich dort und keine Inschrift, die ein Hinweis hätte sein können.

Vorsichtig und andächtig durchschritten wir die uralte Halle. Die Luft roch nach Stein und dem uraltem Staub, der im Lichtkegel der Taschenlampe tanzte.

Am anderen Ende der Halle war eine kleine halbrunde Apsis, deren kantige Säulen wenige Meter über unseren Köpfen zu einem Sterngewölbe zusammenliefen. Direkt unterhalb des zentralen Sternpunktes war eine Ausschachtung, eine Art Brunnen mit einer etwa meterhohen Umfassung aus Stein. Ich beugte mich über diese Mauer und leuchtete in den Schacht. Er führte kein Wasser. Schon nach wenigen Metern traf der Lichtkegel auf bleich schimmernde Knochen am Boden des Schachtes.

"Das Seil“, sagte ich zu Medelin. "Ich will mir ansehen, was das für Knochen sind."

 

Medelin nickte und half mir das Seil klarzumachen. Er band sich ein Ende um die Hüften und packte das Seil mit beiden Händen. Ich stieg über die niedrige Brüstung und ließ mich die paar Meter herab. Als ich unten ankam, knirschte Knochen unter meinen Füßen. Unwillkürlich ging ich in geduckte Haltung und leuchtete den Boden ab. Knochen, einwandfrei Knochen, doch von welchem Tier? Es schien, als hätten Vertreter mehrerer Spezies hier ihr Leben gelassen. Ein Schädel erinnerte an ein Raubtier, mit scharfen Fangzähnen, ein anderer Schädel wiederum wirkte äffisch; ich fand menschliche Schlüsselbeine, armdicke Schenkelknochen mit kräftigen Sprunggelenken und sogar das Skelett eines Reptils mit langem Schwanz. Ein merkwürdiges Sammelsurium.

"Nichts los hier unten!" rief ich zu Medelin empor. "Nur olle Knochen und - warte mal...!" Ich hatte etwas Glitzerndes entdeckt. Ich räumte ein paar der Knochen beiseite und leuchtete in einen kleinen Hohlraum. Dort lag etwas metallisch glänzendes, etwa handtellergroß, viereckig. Ich nahm den Gegenstand und blies den Staub herunter.

Das, was da so geglitzert hatte, erinnerte mich an etwas. Solarzellen! schoss es mir durch den Kopf. Es handelte sich zweifelsfrei um Solarzellen. Also war das hier ein technisches Gerät.

"Ich komme rauf!"

Als wir das Gerät gemeinsam untersuchten, fanden wir einige Schalter und Knöpfe, die sich auch bewegen ließen, jedoch keinen Effekt bewirkten. An der Schmalseite des Gegenstandes war eine geriffelte Fläche. Ein Mikrofon?

"Ich glaube es ist ein Aufzeichnungsgerät“, erklärte ich Medelin. "Es stammt aus meiner Welt."

Medelin pfiff leise durch die Zähne.

"Woher weißt du das?"

"Ich kenne solche Geräte. Ich selbst hatte so eines, als ich noch ein Knabe war. Ich erinnere mich jetzt. Es sah aus wie dieses hier."

"Nur schade, dass es nicht funktioniert“, sagte er. Ich schüttelte den Kopf. "Warte ab, bis wir draußen sind."

Kaum hatten wir die Halle verlassen, fiel hinter uns die Tür donnernd ins Schloss. Als ich versuchte, sie wieder zu öffnen, rührte sie sich keinen Millimeter. Wir sagten nichts dazu, sondern wanderten weiter bergan. Das Gerät hatte ich oben auf meinen Rucksack geschnallt, so dass die Solarzellen Energie aufnehmen konnten. Gegen Nachmittag rasteten wir. Und dann startete ich meinen ersten Versuch. Durch das verkratzte Sichtfenster erkannte ich, dass ein Magnetband eingelegt war.

"Wollen wir doch mal hören, was da drauf ist", sagte ich mit bedeutungsschwangerem Ton und drückte auf "Play". Das Band lief sofort an, doch zu hören war nichts, außer Rauschen. Einer Art atmosphärischem Rauschen, von kurzen jaulenden Klängen unterbrochen. Ich ließ das Band zur Gänze durchlaufen, doch änderte sich kaum etwas. Was auch immer da zu hören war, es blieb ein Rätsel.

"Was ist das?", fragte Medelin.

"Nichts", antwortete ich. "Da war mal was auf dem Band, aber die Zeit hat es verwischt. Ich bräuchte einen leistungsfähigen Computer und ein hochwertiges Soundprogramm, um aus den Frequenzen eventuelle Stimmen rauszufiltern, aber irgendwie hat man mir so was nicht in den Rucksack gepackt."

"Also ist es nutzlos", konstatierte er und ignorierte die seltsamen Worte, die ich benutzte.

"Nicht ganz, mal sehen, ob es noch aufnimmt."

Ich spulte zurück bis zum Anschlag. Als ich dann den roten Knopf drückte begann sich eine Spule zu drehen und ein rotes Lämpchen leuchtete auf. Meine Stimme zitterte, als ich in das Mikrofon sprach.

"Mein Name ist Jan Talborg und dies ist meine erste Aufzeichnung in dieser archaischen Welt."

Medelin sah gespannt zu, wie ich zurückspulte und den Wiedergabeknopf drückte. Etwas dumpf und kratzig, aber verständlich erklang meine Stimme: "Mein Name ist Jan Talborg und dies ist meine erste Aufzeichnung in dieser archaischen Welt."

Medelin schüttelte verwirrt den Kopf.

"Das ist der großartigste Zauber, den ich je gesehen habe, Freund Yanthalbor. Damit wirst du Wundertaten vollbringen!"

"Glaubst du mir jetzt, dass ich aus einer anderen Welt komme, Medelin, glaubst du es jetzt? Und verstehst du auch, dass irgendjemand ein böses Spiel mit mir treibt? Dieses Bandgerät gehörte mir, es war ein Geschenk, als ich ein Knabe war, hier - meine Initialen sind sogar noch drauf!"

Tatsächlich fanden sich die Buchstaben J.T. ungelenk von Knabenhand eingeritzt in der rechten oberen Ecke.

"Es ist überdies ein sehr altes Gerät. In meiner Welt verwendet man schon lange keine Bänder mehr, alle Aufzeichnungen sind digital."

Medelin nickte.

"Natürlich. Digital. Ist das eine Sprache?"

Ich lachte. "Vielleicht erkläre ich dir eines Tages, was das bedeutet."

"Eines Tages, " sagte er, "werde ich digital sprechen, und du wirst begreifen, warum dies geschieht, das verspreche ich dir."

Ich sah ihn an.

"Medelin. Wenn ich den Kerl in die Finger kriege, der mir das hier eingebrockt hat, dann..." ich brach ab. "Ich weiß nicht, aber er wird es bereuen, das schwöre ich."

"Lass uns darauf einen trinken", erwiderte er. "In Dhruum, es ist nicht mehr weit. Okay?"

Das "okay" hatte er sich von mir abgeguckt. Meine Art zu sprechen, schien ihn zu faszinieren.

 

 

~

 

             

 

             

II

Was glauben wir eigentlich? Alles.Die gesunde Antwort auf den Glauben ist die Frage.

Als wir nach zwei Tagesmärschen aus dem Vorgebirge herauskamen, erstreckte sich unter tief hängenden, dunkelgrauen Wolken ostwärts, nordwärts und nach Süden, so weit das Auge reichte, das Ekquis Dolke, das Süßwassermeer.              

Wie flüssiges Blei, grau und schwer wogte das Wasser in weitläufiger Dünung, zuweilen von Schaumflocken gekrönt, in die Bucht von Dhruum.

Der nördlichste Ort der Welt, den Medelin auch "die Wegscheide" nannte, entpuppte sich als kaum hundert Häuser groß. Wir  standen auf den Klippen hoch über der Stadt und blickten in die Tiefe hinunter. Ich nahm mein Glas und sah hindurch.

Die Hafenmole war aus rohen, grob behauenen Steinquadern erbaut, kein einziges Schiff ankerte dort. Auch kein Boot, keine noch so jämmerliche Barke in den grauen Wassern. Die schweren, bronzenen Ringe an der Hafenmauer waren überzogen von Algen, Schmutz und Patina. Dhruum war um eine Feste herum gebaut, die sich schwarz und klobig am Hang erhob, ein zwar kleines, nur aus Bergfried, einem Haupt- und einem Nebengebäude bestehendes, aber nahezu uneinnehmbar wirkendes Bollwerk, denn zur Bucht hin, fielen die Mauern steil ab und nach Norden und zum Dorf zogen sich breite Gräben um die Burg. Am Fuße des Hanges und zum offenen Ende der Bucht hin, breitete sich halbkreisförmig Dhruum selbst aus, umfasst von einer Stadtmauer, die gerade über zwei Tore und vier Wehrtürme verfügte. Die Häuser waren aus einem schwarzen, groben Stein gemauert, wahrscheinlich aus Brüchen in eben jenem Vorgebirge, in dem wir uns noch befanden; die Fugen hatte man mit Lehm verschmiert. Kleine Fenster und niedrige Türen ließen die Häuser geduckt und unfreundlich erscheinen und in den reetgedeckten Dächern klafften oft große Löcher. Einzig die Bronzekuppel des Bergfrieds schimmerte noch an einigen Stellen matt im trüben Tageslicht, dort wo  Patina sich noch nicht eingefressen hatte.

Die alte Stadtmauer wirkte schartig und wies zahllose Durchbrüche auf, die Türme und Tore wirkten unbemannt, jedenfalls zeigte sich keine lebende Seele in meinem Fernglas. Dhruum wirkte so lebendig wie eine Geisterstadt, selbst die Ruinenstadt, mit ihren obskuren Statuen und schweigenden Gemäuern hatte mehr Ausstrahlung besessen, als dieses frühmittelalterliche Städtchen am Rande der Wüste. Die kleinen Gärten hinter den abgelegenen Häuschen nahe der Stadtmauer wirkten verwahrlost und beherbergten allenfalls Sandflöhe in stacheligem Unkraut. Die Luft war trübe und roch brenzlig und ein widerwärtiger Odem von Elend und Unreinheit lag über allem. Am bedrückendsten jedoch, wirkte die schwarze Rauchwolke, die sich im nordöstlichen Ende der Stadt in den Himmel hob.

Ich sah Medelin an. Dieser starrte mit zusammengekniffenen Augen auf die Stadt hinunter, schüttelte leise den Kopf, als traue er seinen Augen nicht. Ich reichte ihm mein Fernglas und er sah eine Weile schweigend hindurch.

  "Glaub nur nicht", sagte er, als ich zu einer Bemerkung ansetzte, von der er sicher Spott erwartete, "Glaub nur nicht Dhruum sei schon immer so.." er setzte das Glas ab und reckte den Gemäuern die Faust entgegen, "So tot und ausgestorben. Fühl' ich doch, dass da etwas faul ist. Da stimmt was nicht, alles wirkt seltsam. Vor wenigen Monden noch ankerten hier Schiffe. Sie sind weg, alle weg!"

"Aber", wandte ich ein, "diese Ruinen verfallen doch nicht seit vorgestern. Das geht doch schon lange so, oder?"

"Sicher, ja." Er lachte bitter. "Dhruum war verwahrlost, schon lange bevor ich es zum ersten Mal sah. Aber trotzdem waren da noch Menschen in den Häusern, armselige Menschen zwar, aber es waren einige Familien, die...doch sieh!"

Er streckte den Arm aus und wies mir die Richtung. Ich nahm das Glas wieder und schaute durch. Und tatsächlich   dort, am Fuße der Festungsmauer bewegte sich etwas. Eine verhüllte, lumpig wirkende Gestalt humpelte gebeugt durch das Burgtor und verschwand in einem langgestreckten Gebäudeteil.

"Ob das der einzige Bewohner ist?" fragte ich.

"Oh Nein, das ist er bestimmt nicht. Schau, da kommt er wieder, aber er ist nicht allein jetzt."

In der Tat erschien der gebeugte Alte in Begleitung eines jünger wirkenden Mannes. Sie trugen etwas längliches, eine schmale Kiste, die schwer zu sein schien, denn sie gingen langsam und mühsam in kleinen Schritten.

Ein Sarg! durchzuckte es mich. Sie tragen einen Sarg oder eine Bahre.

Ich teilte Medelin meinen Gedanken mit. Grimmig nickend schien er das Gleiche gedacht zu haben.

"Es sieht wirklich ganz danach aus. Vielleicht sollten wir mal nach dem Rechten sehen. Hinein müssen wir ohnehin, denn wir brauchen Proviant und Wasser. Aber ein ungutes Gefühl habe ich dabei."

Wir folgten dem schmalen Ziegenpfad die Klippen hinab, bis wir den schmalen Kiesstrand erreichten. Hier verlor sich der Pfad und wir folgten den Windungen der Steilküste bis wir hinter den Hügeln die Stadtmauer auftauchen sahen.

"Wovon lebt dieses Dhruum eigentlich?" fragte ich Medelin. "Ich habe keine Anzeichen von Landwirtschaft erkennen können."

"Dhruum lebt vom Handel", antwortete Medelin. "Und zwar von einer Art Handel, wie man ihn in den zivilisierten Städten nicht dulden würde. Diese elende Abgeschiedenheit, sie ist Fluch und Trumpf zugleich, du verstehst?"

"Verstehe", sagte ich. "Ein Piratennest."

Je näher wir der grauen Steinfeste kamen, desto stärker wurde Medelins Nervosität. Seine Augen huschten bald hierhin, bald dorthin und, Hand am Schwertknauf, schritt er vornüber gebeugt, die Nase im Wind, als wollte er die Sinnesorgane möglichst weit vor dem Bewegungsapparat haben. Als wir dann das brüchige Nordtor erreichten, blieb er stehen und hielt mich am Arm fest.

"Wir sollten besser nicht durch das Tor gehen", sagte er, ohne die Mauer aus den Augen zu verlieren.

"Wir sollten besser die Mauer entlanggehen und zusehen, dass wir eine Öffnung finden, durch die wir unbemerkt hinein schlüpfen können."